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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-09 · 28 (9.7.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
28 (9.7.1930)
Date
1930-07-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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anderen hin, den Zwang äußerer Momente: der Furcht vor „Schande", der Furcht vor Verstoßung, der Angst vor dein f unger, der Angst vor Entlassung, der Unmöglichkeit, sein ind auch nur unterzubringen! Zeigt sich hier nicht, wie sinnlos und grausam, solche Menschen dann iroch zu bestrafen, statt ergriffen zu stehen vor unserem Leben, vor uns selbst, unseren Anschauungen und unseren elend unvollkommen nen Institutionen? Ein Kind wird gewollt - - und es darf nicht leben! Nicht Anklage und Verdammnis ist hier am Platze — Umkehr, Einkehr, soziale Tat! Liede sollte für Liebe sorgen, Leben dem Leben den Weg bereiten! Alle anderen aber, für die das nicht gilt, sie täten, was sie nicht gewollt, nicht wünschen, was Sinnenlusl erzeugte und Leichtfertigkeit, Mißachtung dessen, was heilig sein soll? Kein Zweifel, daß hier ein Verbrechen vorliegt, am Heiligsten, au dem Leben selbst! Und ein zweites Verbrechen, sich über das Ungeborene gar keine Gedante«: zu machen — außer dem einen, ihm das Leben zu nehmen! Tas ist der tiefste Grund, der wahrhaft religiöse, aus dem solch Tun nicht gleichgültig, als „persönliche"^Angelegenheit betrachtet werden darf. Wir sagen: der tiefste. Dem: der des „Staates", daß ihm „Menschen entzogen" werden, bat immer einen ärmlich äußerlichen Klang. Wir Juden wissen doch wohl am besten, daß nicht die Fülle der Menschen den Bestand eilt er Gesamtheit verbürgt. Aber mehr: wenn man bis jetzt so wenig imstande ist, wie dieser ürasende Staat, sich für Leben und Fortkommen und gedeihliche Entwicklung seiner Menschen zu verbürgen - dann sollte man etwas weniger von der notwendigen Fülle reden. Und nicht nur die Existenz ist ja wesentlich - was geschieht 5,111:, jeden in Stand zu setzet«, daß er das zu Eczieljenae auch zu erziehen versteht? Tar, sich nicht jeder rMec.'und jede Mutter selbst ohne die geringste Vorbildung an-dieses heute so besonders schivierige, dieses so ungeheuer V vnntlucv tungsreiche Amt wagen? Was geschieht d e:: e r vXi - hast dagege n? (Tas fottteu auch alle anderen' sich fragen, die so viel von: dringend notwendigen Kindersegen sprechen.) Neitt, es ist halbe, es ist peinliche „Gcrechliqteit", die da von Staats wegen ausgeübt wird. Was aber Sühne verlangt, von Religio ns «vegen gerade, ist oben angedeutet. Aber keine zeitweilige Ausschließung vvir der Gesellschaft! So wie bei entsprechendem Alter durch rechte Erziehung in rechten öeimcit den Irrenden die .Heiligkeit des Lebens gelehrt wird, so sollte man auch bei Erwachsenen an Aehnliches denken. Sie haben einem Wesen das Leben verwehrt --- sollte mau sie nicht verpflichten, in. irgend einer Form Geld oder Kraft einen: lebenden Wesen zur Verfügung zu stellen, das solcher Hilfe bedarf? Vielleicht, daß sie so tu der Sorge für einen werdenden Menschen, in der Fre nüe, die sich durch dessen Belreuung einstellt. a«n cheslen .zur rechten Umkehr kominen, am ehesten den Sinn bW Wortes begreifen: „Wähle das Leben!" Raüb. Tr. G o l t s ch a l k. IV. Indisch religiöse Tat. Mit diesen Zwischentitel bezeichnet Bruno Woyda eine Unterabteilung seines Referats „Lebensnahe der Religio«:". Es ist selbstverstärrdlich, daß die X a t nach der liberale«: Auffassung das Wesen der Religion ausmacht, daß erst die Tat praktische Religio«: ist. So ist die Fragestellung Wohdas zu Anfang dieses Abschnittes nach unseren Aufgaben sicher berechtigt. Er betont, daß es Aufgabe Israels ist, feine Religion zu bewahren und zu verkünde::, durch lebendige Kraft des Beispiels und opferwillige Hingabe. Aber schon die! nächste Frage, die Wopda an diese Betrachtung knüpft: „Hat 1 das liberale Judentum mit dieser seiner Aufgabe begönne,:?" müßte ihrer Formulierung nach stutzia machen. Warum spricht der Referent hier Plötzlich vom „liberalen Judentum" statt von der liberalen Jugend? Tie Tagung, aus deren Anlaß dieses Referat gehalten wurde, war von den jüdischliberalen Jugendvercine«: einberufeu. Alle Gebiete, die mit dringenden Forderungen eine Lösung zeitgemäßer Fragen fordern, werden sicherlich in weitgehender Uebeceinstiinrnung mit Äoydas Ansichten zu behandeln sein. Ich frage aber: Sind diese Fragenkomplexe, die Woyda in seinem Referat airgeführt hat, für uns, das heißt für die Jugend wirklich die Quelle der Lebensnahe, das uns Nächstliegende und überhaupt von uns Behandelbare? Gewiß, man kann in den Jugeildvereine«: sehr eingehend über das Für und Wider der ^Todesstrafe, über die wirtschaftlichen Erscheinungen der Gegenwart, über Kolonial- Politik, Rassenfragen und all die andere«« Gebiete 'ethischer Forderungen debattieren. Ist das aber bereits praktische Tat? Ist es der Jugend überhaupt möglich, bestimnrenden-Einfluß in dieser Beziehung auszuüoen? Tiefe Frage 'beantwortet sich wohl vo>: selbst. Soi hat Woyda meiner Allsicht ««ach die Jugend, die sich i«: Dresden versarnmelt hatte, aus Fragen ausmerksan: gemach«, die wohl äußerst wichtig sind, die aber selbst baust wicht von uns zu löse«: sind, wenn sie von« religiös liberalen Stanwupnkt aus ohne irgendwelchen Ziveifet eine A«:t«vort finden. Was aber kann die Juge««d tun, um ihre Religion lebensnah zu empfinden, nachdem sie bei der derzeitigen Welt erdniing die Behandlung oblger Fragen den Erwachsenen überlassen muß? Tiefe Frage ist äußerst schwer, und umeist wohl nur individuell zu beantworten. Ich glaube, dass der Wille, jene Lebensnahe zu erreichen, ar« und für sich schoi« genügt, ga«:z von selbst den jungen Menschen auch zu derr ihn« mögliche«« Tat gelangen zu lassen. Heute gibt es ja für die Jugend kein „Unmöglich" mehr, hat doch die Jugendbewegung in bezug aus Erziehung zum Denken bereits vieles geleistet. Erziehung zu«n Denken aber, De«:ken über die Probleme der Gege«:«vart unb insbesondere über die täglichen Fragen, die an die Jugend selbst herantrete,:, muß zur Lebensnähe der Religio«: führen! Natürlich ist es hierzu not I wendig, daß der Jugendliche sich über seine Gedanken ansj spricht, ausspricht mit Gleichaltrigen, aber auch mit Erwachie-! ue««, insbesondere mit seine«: Eltern. Eines der Hauptgeboxe! unserer Religio«: lautet: „Ehre Vater u«:d Mutter!" Tie! oftmals sehr im Argen iiegenbeu Beziehungen z w «-! j Ci) c u Elte r n und Kindern zu klären, Aussprawen | mit ihnen in offenster Form über alles, was ihn bewegt, j «st die erste Tat, die vorn junge«: Menschen zu fordern ist, die allein schon in der Lage ist, ihm die Religio«: als selche nahe zu bringen. Ter Jugendliche alle««: kann nicht die sittlichen und ethische«: Mängel der Welt korrigieren: sich selbst kann er betrachten, allein oder mit Hilfe Anderer: hier kann und muß er Taten vollbringen, die für ihn sicher nicht leichter sind, als die Söj'unq der Weltprobleme für de«: Er wachsenen. Erst we«:n der Mensch die Lebensnahe der Religion, d. h. ihre ethische«: Grulwsorderungen für das oral tische Leber«, für sein eigenes Ich wahrhaft gewönne«: hat, wenn er selbst in seinem Tun und Lassen sich von diesen Grundsätzen leite«: laßt, darf er daran denke«:, wenn er völlig ausgereift ist, tätig mitwirten zu können au den Probleme«: der Menschheit. Dar:«: erst kann er arbeiten an ethischen Frage;:, die eine dringende Behandlung erfordern, aber außerhalb der Möglichkeit für den Jugendlichen stehen, durch die Tat die Lebensnahe der Religion zu belvcisen. Arthur A st h e i m e r, Jli Frankfurt a. M. Ans der Ai-Bewegung * Beranlrvorll.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Fugendverelne Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hosfmann. Frankfurt a. Alain Lin jüdischer Schülerkalender Die Deutsch-jüdische Jugendgemeinschast brachte in diesen: Jahr einen Kalender für jüdische Schüler urw Schfilerinne«: heraus, der sich von den übrige«: durch seine besondere Einstellung angenehm unterscheidet. Anstelle der tu solchen Kalendern meist zun: Abdruck kommenden Aufstellungen allgemeinen Wissens, wie „Die größten Städte", „Die längsten Flüsse der Erde" etc., sinden sich in diesem Kalender Ausjühru«:gen. die sür die jüdische Juge««b von beträchtlich em Werte sind. Besonders heroorgehoben sei eine Betrachtung unter den: Nainen: „Dm bist, lein Deutscher", die jeden in den Stand setze:: soll, sich nicht nur mit allgemeinen Phrasen, sondern mit belegten Tatsachen gegen antisemitische Angriffe zu wehren. Sie behandelt zunächst ganz kurz die Geschichte der Juden in Deutschland, die wirtschaftlichen Folgen des Ghettos, ferner die Leistungen aus allen Gebieten der Wissenschaft durch bedeutende Juden, ihre Beteiligung an den Kriegen 1866, 1870/71 und am Weltkrieg. Ferner Entgegnungen auf die Angriffe mittels der Rassentheorie und aus de«: Talmud. Diese acht Seiten starke Belehrung sollte allein Veranlassung sein, sich diesen Kalender zuzulegen, ist es doch heute mehr denn je notwendig, daß bereits Schüler und Schülerinnen in der Lage sind, sich gegen Angriffe verhetzter antisemitischer Jugend zu wehren. Aber auch sonst enthält das Büchlein recht interessante Angaben: Zunächst über den Bund der Jüdischen Jugendgcmeir.schasten, über sein Heim, seine Sportveranstaltungen -und Fahrten. Ferner ein vollständiges Verzeichnis aller bestehenden jüdischen Jugendbünde und Sportvereine in Berlin mit jeweiliger Angabe über den verfolgten Zweck und ihre Einstellung. Auch ist ein Verzeichnis aller jüdischen Jugendzeitschriften, sowie jüdischen Zeitungen Deutschlands beigesügt. . _ Rocht praktisch ist auch sür junge Sportler eine Zusammenstellung des für große Fahrten Notwendigen, sowie eine Anleitung zur Hilfeleistung bei Unglütssästen. Selbstverständlich sind in dem Kalender alle jüdischen Feiertage angegeben, und im Anhang Raum sür Stundenplan, Adressenverzeichnis etc. Alles in allem ein wirklich gut znsammengestellter Kalender, der weit über die übliche schematische Form dieser Erscheinungen hinausreicht. Arthur Astheimer (Ist, Fftn.). Aus der Iü-Arbeit Breslau. (I l i - Ha u pt g r u p p e.) Für den 25. Juni hatten »vir einen Ausspracheabend: „Religion und Politik" angesetzt. Ausgehend von diesen beiden Begriffen kam man unter Berücksichtigung der geschichtliche«« Entwicklung zu dem Ergebnis, daß religiöse Fcstigui«g deS Menschen Voraussetzung sür altes weitere Wirken sein muß. Die Religion selbst dürfe nicht in politischem Gewände austreten, vielmehr solle s'.e die Menschen, die die Politik, im «veitiesten Sinne des Wortes, treiben, religiös sittlich formen. Dann werde auch deren Tun dem religiösen Geiste entsprechen. Wo der Religion Politisierung oder Umdeutung ihres Wesens drohe, da müsse sie sich «ochren. Der Festigung des persönlichen Zusammeirhalts unserer Mitglieder diente am 29. Juni ein Ausflug nach Sandberg, am 2. Juli ein gemütlicher Heimabend. In der Arbeitsgemeinschaft: „Die Juden in ihrer Umwelt" begannen «vir am 23. Juni eine Aussprache über den Vortrag „Lebensnahe der Religion" von Bruno Woyda. Es wurde über einige der vorgeschlagenen Betätigungsfelder gesprochen, über Todesstrafe, Friedensbewegung und Koloni-alpolitik. Am 30. Juni beschäftigte sich die Arbeitsgemeinschaft weiter mit dem Woydaschen Vortrag, und zwar besonders mit den Abschnitten „Religiöser Geist und Wirtschaft der Gegenwart" soivie „Jüdisch-religiöse Tat". Liegnitz. Am 30. Juni trafen sich die Liegnitzer Jlis zu einem Ausspracheabend über die Dresdener Tagung. Zunächst gaben die Delegierter einen kurzen Bericht. Anschließend ivurde dann über die Anregungen diskutiert, die die Dresdener Zusammenkunft gegeben hatte. Es wurde beschlossen, die Einrichtungen und die Arbeit des j Liegnitzer Jlis zu revidieren, und alles das, was Dresden gelehrt hat, dazu zu verwenden, in Liegnitz den Jli neu zu beleben und ihn zu reger und wirksamer Arbeit fähig zu machen. Zu diesem Zweck ist für Anfang August eine Vollversammlung angesetzt worden. Magdeburg. (Bericht über die Dresdener Tagung.) Am Dienstag, den 21. Juni, trafen wir uns in dem Garten eines Mitgliedes, um einen Bericht über die Dresdener Tagung zu geben. Wir hatten kaum damit begonnen, als es fürchterlich zu regnen ansing. So schirell «vie möglich flüchteten wir in die Laube. Nun saßen wir da wie die Heringe. Das tat aber unserer guten Laune keinen Abbruch und im Scheine von Taschenlaternen und Wachskerzen wurde der Bericht fortgesetzt. Es war so eingeteilt, daß beinahe alle Fahrtteilnchmer über einen bestimmten Teil der Tagung' erzählten. Wir beschlossen, auf die Referate in der nächsten Beran-- staltung einzugehen, da sic einer gründlichen Besprechung bedürfen. Besonders wurde die Weihestunde der Berliner Resormjugend hervorgehoben, die uns ein ganz neues Bild einer religiösen Feier gegeben hat. Photographische Ausnahmen zeigten denen, die nicht in Dresden Untren, daß wir nicht nur der Tagung Interesse entgegengebracht haben, sondern auch die Schönheit Dresdens und der Hyesteneause stellnng ausgekostet haben. R. H. Bei sehr schönem Wetter versammelte sich der Jli am Sonntag, den 20. Juni, pünktlich um 7 Uhr, am verabredeten T.efspunkt. Die Führung für die Fahrt, die in die Heide geplant war, lag in den Händen von Hans Sallinger. Ueber Neuhaldensleben fuhren wir mit den Rädern nach Flechtingen. An einem Teich, dem Holzmühlenteich, der in der Nähe von Flechtingen lag, lagerten uub badeten wir. Schirell verging uns die Zeit, so daß «vir alle erstaunt waren, als es hieß, fertig machen zur Nachhausefahrt. Der Rückweg, den wir über Erxleben nahmen, verlies ebenfalls glücklich und so kamen mir unr 1 '-.-8 Uhr in Magdeburg an, »vo «vir uns zufrieden über der« guten Verlauf trennten. W. H. Das Ili-Programm . Berlin. Gemeinsame Veranstaltungen. 23. Juli bis 6. August: Ei« Lager an der Ostsee ist geplant. Gesa,ntkosten.bei genügender Beteiligung zirka 30— Mt, sonst 40,—* Mk. Anmeldung umgehend an Ruth Cohn, R. 58, Schöahavser Allee 132, Vineta 810, oder an Martin Glatz, R. 33, Danziger Straße 94. Donnerstag, den 17. Juli, gemeinsamer Diskussionsobend für alle Gruppen. Thema: Judentum, Religions- oder Kutturgemeinfchaft. Ott wird in der nächsten Zeitung bekanntgegeben. Sonntag, den 13. Juli, Fahrt nach de«n Liepniüser. Treffe« 8 Uhr vor dem Stettiner Vorortbahnhof. Jli-Singkrris. Montag, den 14. Juli, abends 8 Uhr, bei Ernst Arons. Magdeburger Straße 25. Steglitz. Diensrag, den 15. Juli, abends 7 Uhr, bei Hilde Deutschland, Steglitz, Heinrich Seideistraße 6. Breslau. Hauptgruppe: Mittwoch, den 16. Juli, 20.15 Uhr, Jugendheim: Gen'iillicher Heimabend; Zeitbilder. — Sonntag, den 20. Juli: Ausflug in das Zobtengebirge. Näheres siehe nächste Nummer. Frankfurr a. M. Dienstag, den 15. Jvli 1930: Im Zuklus „MUrnoneir" Vortrag über den „J-lam". Magdeburg. Am Sonntag, hir 13. Juli 1930, ganztägiger Radau-jlug. Näheres wird im Wochenblatt belanntgegeben. BUCHERSCHA Der mosaische Religionsunterricht. Von Felix Reich, Berlin- Weißensqe. Verlag von EUvin Stande, Osterwieck am Harz. 1929. Diese kleine Schrift bildet einen Sonderabdruck aus den« Handbuch des Taubstummenwesens. Daraus ergibt sich, daß es sich um Religionsunterricht für Taubstumme handelt. Die erste Taubstummenanstalt in Deutschland eröffnete 1773 Samuel Heinicke tu Leipzig. Ungefähr hundert Jahre später (1873; begründete der jüdische Tjubstummeulelirer Marcus Reich die „Israelitische Taubstummenanstalt in Deutschland*nachdem sich schon früher unser Glaubensgenosse Rodriguez Pereira bedeutende Verdienste um den erziehlichen Unterricht jüdischer Taubstummen erworben hatte. Als Taubstummenlehrer eignen sich nur feinfühlige, echte Pestalozzi-Naturen, die mit einem tiefen Verständnis und Mitleid für diese Aermsten der Armen beseelt sind. Die Tätigkeit dieser Männer kann gar nicht genug gewürdigt werden. Es sind außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich, Taubstumme die Lautsprache, die nicht nur gehört,, sondern auch gefühlt und gesehen werden kann, zu lehren. Und. nun kommt noch hinzu, jüdische Taubstumme Jn das Wesen der jüdischen Religion einzuweihen. Das zeigt uns der treffliche Verfasser 3er angezeigten Schrift. Felix Reich 'bemerkt, daß die methodische Gestattung des Religionsunterrichts sich ganz an die an allen anderen Taubstummenanstalten übliche anlehnt. Nach unserer Ueberzeugung beginnt mit vollem Recht der eigentliche Religionsunterricht erst mit dem 4. Schuljahr. Unter der Ueberschrift „Religion als Erlebnis“ gibt uns der Verfasser ein anschauliches Bild, wie die taubstummen Rinder mit den Sitten und Gebräuchen unserer Glaubensgemeinschaft bekannt gemachtwerden. Diese Zeilen mögen genügen, um nicht allein auf die obige Schrift hmzuweisen, sondern auch anzuregen, ein lebhaftes Interesse der :?rae!itischen Taubstummenanstalt zuzuwenden, Dr. M. Spanier, Magdeburg. * Literarische Notizen Neuerscheinung. Soeben erschien die im Auftrag des Vorstands der Israelitischen Gemeinde Frankfurt a. M. von Dr. Eugen Mayer herausgegebene G e d e n k s c h r i f t für «Franz Rosennve i g. Neben einem LebensabrLß und einem Verzeichnis der "Werke und Aufsätze Rosenzweigs enthält die mit drei Bildnissen versehene Schrift zahlreiche Einzelbeiträge, u. a. von Martin Buber, Richard Koch, Eduard Strauß, Ernst Simon, Viktor v. Weizsäcker, Karl Wolfskehl, sowie die große Gedenkrede von Rabbiner Leo Baeck. j Der Preis beträgt RM. 3— für das kartonniertc Exemplar, I zu beziehen durch den Buchhandel oder den Gemeindevorstand Frankfurt a. M., Fahrgasse 146. Zur Beurteilung von Philipp Halsmann. Der „Fall Halsmann", der mit der Verurteilung des Rigaer Studenten Philipp Halsmann zu vier Jahren schweren Kerkers wegen Totschlags vor kurzem seinen vorläufigen Abschluß gefunden hat, wird immer wieder diskutiert. Immer wieder wird das Für und Wider abgewogen, denn ein Schul-dervveis ist ja nicht erbracht worden. Auf welche Weise der Zahnarzt Halsmann im September 1928 im Zillertha! ums Leben gekommen ist, darüber schwebt heute noch das gleiche Geheimnis wie am Tage der Tat. Die Kette der Indizienbeweise ist ja so lückenhaft, daß ein Schuld- oder Freispruch, wenn überhaupt, dann nur von innen heraus, also durch tiefstes Einfüh.len in die Persönlichkeit des Angeklagten (lenkbar erscheint. Daher auch das außerordentliche Interesse der Oeffentlkhkeit für Philipp Halsmann; denn n.ur der, dein es gelingt, diesen seltsamen Menschen ganz zu erfassen, darf sich ein‘Urteil erlauben, ob Philipp Halsmann das furchtbare Verbrechen des Vatermordes begangen haben könnte. Diesem Interesse der Oeffentlkhkeit will der Verlag Engelhorn mit der Herausgabe der „Briefe aus der Haft an eine Freundin“ dienen, die Philipp Halsmann im Untersuchungsgefängnis geschrieben hat. Nachdem die langwierigen Bedenken Halsmanns gegen die Veröffentlichung mit grober Mühe zerstreut worden sind, soll das Buch nun in den nächsten Wochen erscheinen. Es wird ihm sowohl dokumentarische als auch künstlerische und menschliche Be-* deutung vorausgesagt.

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