Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 28 (9.7.1930)
- Date
- 1930-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Essen 200 Frcs. im Monat erhält (gegenwärtig sind 6 französische Frcs. ungefähr -- 1 deutschen Mark). Nach einigen Monaten erhöht sich, bei gewissenhafter Arbeit, der Lohn, erreicht schon 400 bis 500 Frcs. im Monat und mehr. Ter Bedarf an Arbeitskraft ist so groß, daß der Landwirt oft bereit ist, dem einwandernden Arbeiter einen Vorschuß und die Reisetosten vorzuftrecken, die später vom Lohn abgezogen werden. Nach einer Arbeitszeit von 1 oder 2 Jahren kann sich ein Arbeiter bei sparsamem Leben so viel ersparen, um in eine höhere Stufe eines Pächters (Mcitayer") zu steigen, der dem Bodeneigentümer, welcher ihm auch das notwendige Inventar- Pferde, Maschinen auch Saat, zur Verfügung stellt, die Hälfte der Ernte abzugebcn hat. Ter Verdienst eines metayer beträgt auf einer mittelgroßen Farm bei einer Turchschnittsernte 5 bis 10000 Frcs. im Jahr, bei einer besseren Ernte natürlich beträchtlich mehr. Tie Bodenpreisc sind in Frankreich im allgemeinen nicht hoch, wohl aber die Preise für Maschinen. Für die Erwerbung einergrößeren Farm, um sich ganz selbständig zu machen, muß man im Besitz von einem bedeutenden' Kapital: 100 bis 200 000 Frcs. sein. Ucber ein solches Kapital kann ein Pächter natürlich nur selten verfügen, es muß aber in Betracht gezogen werden, daß der landwirtschaftliche Kredit in Frankreich sehr billig ist und gewöbnlich fünf bis sechs Prozent jährlich beträgt'. Bis jetzt find in Frankreich nur etwas mehr als 100 jüdische landwirtschaftliche Arbeiter aus Osteuropa, hauptsächlich aus Polen, beschäftigt, die in den letzten Jahren eingewandert sind. Tie meisten arbeiten ungefähr ein Jahr, ein Teil schon etwa zwei Jahre. Tiefe Zahl reicht noch selbstverständlich nicht aus, um endgültige Schlüsse zu ziehen. Es kann aber schon festgcstellr lüerbcit, daß sie im allgemeinen mit ihrer Arbeit sehr zufrieden sind, auch die Bodenbcsitzer, die sie beschäftigen, sind mit ihren Leistungen zufrieden. Es erwies sich, Oaß sie in keiner Be ziehung hinter den anderen fremöeu Landarbeitern zurück bleiben, in moralischer Hinsicht sogar oft höher stehen als die anderen fremden Einwanderer. Ter Verfasser spricht sich daher dafür aus, es sei trat wendig, eine neue besondere jüdische gesellschaftliche Organi sation zu schassen, die sich mit der Verwirklichung dieses Projekts befassen, die notwendigen Geldmittel zur linier stützung der jüdischen Arbeiter sammeln soll usw. Er ist der Meinung, daß die dazu erforderlichen Mutet weit ge ringer sein werden als diejenigen, weiche für Die jüdische Kolonisation in Südamerika (Argentinien) oder Rußland verwendet worden sind. Dieser Vorschlag verdient es jedenfalls, zur Diskussion gestellt zu werden. Es tauchen jetzt geradezu abenteuerliche Projekre jüdischer Kolonisation ans, wie Biro- Bildschan im ostasiatischen Sowjetrußiand, in Ost-Peru usio. Zu dieser Art von Projekten kann der Gedanke, mit we.chen. soviel uns bekannt ist, Herr Tr. Blank jetzt sich als erster an die Oeffentlichkeit wendet, keineswegs gerechnet tverden, er verdient auf jeden Falt eine krüische^Betrachtnng. J.L. j *'j.Aus' den Gemeinden " j* * j Berlin. (3 i e t> $ i g ft e r 05 c b u r t * t a g. ‘Km 11. Juli feiert Direktor Hermann Lipfchitz seinen siebzigsten Geburtstag. Ter Jubilar ist ein alkvelvährtcö hervorragendem Mitglied des Liberalen Vereins, dessen Hauptvorstand er seit Jahren angehör:. Dein religiösen Liberalismus ist er auch durch seine Zugehörigkeit zur Rcsormgemcinbe verbunden, deren stellvertretender Vorsitzender er ist. Im Wirtschasts.- leben unserer Stadt sowie in einigen Humanitären unv sozialen Organi sationeu nimmt er eine hochangcseheue Stellung ein. Wir wünschen dem verdienten Manne auch an dieser Stelle, das; er noch lange Jahre in segensvoller Arbeit für unsere Glaubensgemeinschast und für die Allgemeinheit seine Befriedigung finden möge. Berlin. lT ödes fall.) Ain l. Juli verstarb plötzlich im Alter von 62 Jahren an Herzschlag in Klosters (Schweizl Herr Maurice Gtogau, eine der führenden Persönlichkeiten der jüdischen sozialen Fürsorge in Berlin. Er war früher Vorsitzender der Berliner Ehetvra Kadischa, hals dann die jüdische Altershilfe aufbaucu, deren Vorstand er angehörte und entwickelte eine besonders energische und vielverzweigte Tätigkeit für den HilsSverein der Deutschen Juden, dessen Zentralkomitee er angehönc und dessen Berliner Bezirks komiteeS er als Vorsitzender leitete. Er war erster Vorsitzender des israclitischen Volkslindcrgartens unö Kinderhorts in der Gipsstraße und war auch in anderen sozialen und Humanitären Organisationen führend tätig. Er lvar Chef der bekannten Firma ..Albert Gleiier Möbeliverkstätten und Einrichtungshaus". Berlin. > B o m W o b l f a h rt s a us f dj u fi d e s Landesverbandes.) Am Sonntag, den 22. Juni 1030, tagte zu Berlin BerUir-vsten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstraßr 29-30). Freitag, 11. Juli, 7.30 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarftnfky. Die Gottesdienste in den Synagogen Norden, Wilmersdorf und Wrftend fallen bis zum 8. August aus. Berlin-Westend. Der erste Gottesdienst nach den Ferien sindet ain 20. Aug. statt. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 13. Juli. Johannisstraße 16; vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Klerftstratze 10: vormittags 1V Uhr,- Predigt: Rabbinals-Kandidat Hirschberg. Gottesdienste SroikWERCfrf KAKAO f S.V/.9. % , iDohlSchmackand. lg k nahrhaft. unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Dr. Liticnthal der Wohl.- stchrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. In vielstüiidigeu eiitgchenden Beratungen wurden die im Etat des Landesverbandes für Mohlfahrtszwecke eiugcsctzteu Mittel verteilt. Mit Rücksicht darauf, daß die Endsumme in diesem Jahre gegenüber dem Vorjahre gekürzt werden mußte, konnten nur in Ausnahntefälien neue Verbünde und Organisationen bedacht werden; darüber hinaus mußte sogar eine Reduktion verschiedener laufender Subvcnttoneu eiitlreten. Mehr als je erschien daher äußerste Konzentration der Mittel geboten. Es wurden grundsätzlich nur solchen Organi sationeu. Anstalteil und Verbänden llnterstützungeit gewährt, deren Wirkungskreis ein umfassender ist und über örtliche Interessen hinausgeht. Aus demselben -Grunde sollen die Stipendien für Hauswirtschaftliche Ausbildung in Zukunft auf solche Fälle beschränkt werden, in denen sich junge Mädchen zu Haushaltungslchrcrinnen oder zur Tätigkeit in Heimen usw. ausbilden wollen. — Von Einzclihciten dürste noch von Interesse sein, daß allen Gemeinden die Anstellung hauptamtlicher Sozialbeamtinueu dringend empfohlen ive» den so!!. Dabei wird daraus hingeiviesen, das; diese Anstellung, über deren Notwendigkeit kaum ein Zweifel bestehen dürste, die Gemeinden auch finanziell glicht belastet, da die Ausgabe für das Gehalt der Beamtin durch Ersparnisse aus allen möglichen Gebieten wieder eingebracht iverden dürste. Bei verschiedenen Gelegenheiten befaßte sich der Ausschuß mit der Nottvendigkeil einer einheitlichen Gestatt tuug der jüdischen Wohlfahrtsarbeit. Es ivurdc in Aussicht genommcii, in bestimmteu Fällen, in denen cS daran noch fehlt, im Zusammenwirken mit der entraiwohlsahrtsstelle aus eine rationellere Gestaltung des heutigen Zustandes hiuzunnrtcn. Die vom Ausschuß bewilligten Subventionen bedürfen noch der Bestätigung durch den Rat. Berlin. ^Bestrafung v o It Friedhof s s ch ä n d e r n.) Am Montag, bcu 23. .Juni, fand vor dom Schöffengericht Berlin-Mitte die Verhandlung gegen die nationalsozialistischen Schänder der Synagoge am Kottbuser Ufer statt. Angeklagt tuarett Der Bäckergeselle Wüstenberg, der Skellmachergesette Ruba, der Bäckergeselle Mecklenburg, der Koubitorgeselle Döring, der Arbeiter Wernicke und der Haudlititgsgehilfe Stetule. Tie Angeklagten find junge Burschen im Alter vv!t 19 bis 22 Jahrcri, einige von ihnen arbeitslos, Söhne von Kleinbürgern, durchlveg unter dem Intelligenz-Durchschnitt. Außer dem Mangels Interesse ans der Partei ausgeschlossenen Wernicke waren sie sämtlich Mitglieder der Gruppe Süd Oft der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Wernicke behauptet, überhaupt nicht an der Sache beteiligt gcivesen zu sein. Das Vcrsahrcu gegen Wernicke ivird schließlich abgetrennt, da das Gerichr noch fein Alibi prüfen toill. Die Angeklagten erscheinen recht gut gelaunt, in der üblichen Manier der Hitler-Anhänger in Sporthemdeit mit aufgestreiften Acrmeln, unterhalten sich und scherzen auch gelegentlich miteinander, bis der Vorsitzende dem in sehr energischer Weise ein Ende macht. Erst im Laufe der Verhandlung scheint den Angeklagten der Ernst der Sache aufgegaugen zu sein und ihr Wesen wird allmählich ein recht gedrücktes. Sie haben sämtlich vor der Polizei eingehende Geständnisse abgelegt, die sie setzt zurückziehen oder abzuschivächen versuchen, indem sie behaupten, sie seien dazu gepreßt worden, da man ihnen auf der Polizei mit langer Untersuchungshaft gedroht habe. Jetzt behaupten sie, die Tat unter dem Einfluß von Alkohol verübt zu haben und ohne -einen vorsätzlichen Plan. Jedenfalls schält sich aus der Verhandlung die Tatsache heraus, daß die Burschen in der Nacht vom 15. zum 16. Februar 1930 an einem „Lumpenball" im uationalsozialistischen Vereiusloka! ..Wiener Garten" teilgcnommen haben, daß man dort den Plan faßte, Propaganda-Aufschriften auf die Straßen zu malen, Geld für Farbe sammelte und diese besorgte, dann in der Nähe des Treptower StraßenbahnhofS diese Tätigkeit ausüben wollte, durch den starken Verkehr aber gehindert wurde, und schließlich die Synagoge mit riengen Hakenkreuzen beschmierte, so wie der Aufschrift: ,,Juda verrecke k", „Judas .den Tod!" und „Die Rache naht!", wobei einige vott ihnen „Schim ere standen". Deswegen wurde gegen sie die Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß und wegen vorsätzlicher Beschädigung von (Gegenständen, die dem gottesdienstlichen Gebrauch dienen, erhoben. Der Vorsitzende führte die Verhandlung außerordentlich sorg-! fällig und versuchte immer iviedcr, an die besseren Instinkte der Angeklagten, die sic etwa aus dem Vaterhause itoch gerettet haben, zu appellieren. Er lveist sic aus die besonders verderbliche Gesinnung hin, bie in der Besudelung eines Gotteshauses sich ausdrückt. Auch ihr Versuch des gegenseitigen Abschiebens der Hauptschuld wird von ihm als wenig heldenhaft gekennzeichnet. Zum Teil erklären die Angeklagten jetzt, daß sie ihre Tat als unüberlegte Dummheit bereuen. Aus der Partei sind sie ausgeschlossen worden, bis die Angelegenheit geklärt ist. Als Zeugen werden nur die i»it oer Sache betraut gewesenen Kriminalbeantten vernommen, während aus sämtliche anderen Zeugen verzichtet wird. Ter Staatsanwalt plädiert in außerordentlich scharfer Weise gegen die Angeklagten (während der nationalsozialistische Berte:- diger demonstrativ den Saal verläßt) und beantragt neun Monate Gefängnis. Das Urteil, das schließlich ergeht, lautet aus ö Monate Gefängnis (außer für bcu itoch nicht erledigten Falt Wernicke). Berlin. (Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums.) Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung ihrer Mitglieder und Freunde hielt die Akademie für die Wissenschaft des Judentums am 25. Juni abends in der Loge, Kleiststraße 10, ihre 11. Jahresversammlung ab, zu der viele jüdische Organisationen ihre Vertreter entsandt hatten. Auch die allgemeine Presse und die jüdischen Zeitungen ivaren vertreten. Der Vorsitzende, sperr Oscar Wassermann, ^öffnete die Versammlung mit kurzen Worten über die Bedeutung und Ziele der Akademie und gedachte der Toten des Jahres, des Philosophen Franz Rosenzweig, dessen Initiative die Akademie ihr Dasein verdankt, und des Kommerzienrates Albert Moos Stuttgart. Dam: begrüßte er den aus Amerika zurückgekehrten Professor Dr. Julius Gutmann und gab der Freude darüber Ausdruck, daß er den dringenden Einladungen amerikanischer Institutionen, seinen Wirkungskreis dorthin zu verlegen, nicht gefolgt sei, fouberu der jüdischen Wissenschaft in Deutsch land, insbesondere der Akademie, deren Forschungsinstitut er so erfolgreich leitet, erhallen geblieben sei. Hieraus erstattete Herr Professor Gulmauu den Jahresbericht des Forschungs-Instituts. Eilt weiterer Ausbau ist dem Forschungs- Institut im Berichtsjahre infolge der Not der Zeit versagt geblieben, aber die begonnenen Arbeiten haben guten Fortgang genommen. Das Werk der Statistik der deutschen Inden aus Grund der Volkszählung voll 1925 ist soweit gediehen, daß der Preußen behandelnde Band fast fertig gedruckt ist und bald erscheinen kann; auch der zweite Band, der die nichtpreußischeil Länder behandelt, ist im Tabellen- Teil druckfertig. Von der Mendelssohn-Jubiläumsausgabe, die die Akademie gemeinsam mit der Gesellschaft zltr Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltete, find zwei Bände, bearbeitet von Dr. Fritz Bamberger und Dr. Ha im BorodiauSli, am Jubiläumstage erschienen. Ein dritter Band, Judaica, unter der Redaktion von Tr. Simon Rawidowicz, ist soeben herausgekommen, zwei weitere Bände werden vor Jahresende fertig. Die Ausgabe findet große Amerkennung. Das Gleiche gilt von Dr. Selma Sterns „Jud Süß", der ersten historisch dokumentierten Biographie dieses Hosjnden und Politikers. Aus der philosophischen Sektion ist Dr. Leo Strauß' Buch „Die Religionskritik Spinozas" hervorgegangen. Als nächstes Werk der philosophischen Reihe lvird „Die Gottesidee des Mairnonides" von Dr. Fritz Bamberger folgen. In der historischen Abteilung liegt der zlveite Band von Dr. Fritz Baers „Die Juden in Spa-" nien" drucksertig vor. Ebenso der zlveite Teil von Dr. Selma Sterns „Der preußische Staat und die Juden". An literar-hiftorischen und sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist die Edition des Propheten-Targum von Professor Landauer und Dr. Sperber abgeschlossen, letzterer hat die Edition des Targum Onkelos in die Hand genommen. Bon Dr. Wilenskps „Zeplier ha Rikma" kann der zlveite Halbband in wenigen Wochen erscheine,t. Auch Dr. Albeck hat den Eiuleitungsbamd zu einer Edition des „Midrasch Bereschit Rabba" im Manuskript beendet. In der Hermann Ccchen-Stistung liegt die hebräische Ausgabe von .Hermann Cohens jüdischen Schriften durch Dr. Woyslawski im Manuskript vor. Der erste Band von Dr. Leon Rosenzweigs „Das Refornvwerk Hermann Cohens" ist glcichsfalls abgeschlossen. Diese Summe von Arbeiten zeigt, daß die Akademie von innen heraus dauernd wächst und die jüdische Wissenschaft in fruchtbarer Weise bereichert. Der fromme, rechtschaffene Geist der Dichterin richtet die Herzen auf. Sie zeigt den Finger Gottes in dem Geschehen auf, der nach Jahren rächend den Mörder zur Buße und zum schaurigen Selbstgericht treibt. Sie, die Dichterin, zeigt auf, wie das Vorurteil des Volkes gegen die Inden, das vielleicht noch gar nicht feindlich und nicht absichtlich haßerfüllt ist, sondern eben ein Vorurteil ist, vielleicht den Keim zur späteren, gräßlichen Bluttat in das Gemüt des Knaben Friedrich Mergel sät. Und sie zeigt mit einer bewundernswerten dichterischen Kraft, wie eine Verkettung und Verstrickung von schwachem Charakter, erblichem Hang zum Leichtsinn, überkommene Vererbung, soziale Not, Schuld und Schicksal eine Kette schmieden, die den schwachen und vaterlosen Knaben umfängt und ihn bis zum Verbrechen zwingt. In einigen markigen Strichen wird das .Vorurteil des Volkes gemalt: „Friedrich kam scheu heran; die Mutier — nach denr Tode ihres Gatten — war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. ,,Fntzchen", sagte sie, „willst du jetzt auch fromm sein, daß ich Freude au dir habe, oder willst du unartig sein und lügen, oder sausen oder stehlen?" — „Mutter, Hülsmeier stiehlt." „Hülsmeier? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? Wer sagt dir so schlechtes Zeug?" „Er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen." „Hat ^r dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeier ist ein ordentlicher, angesehener Mann, und die Juden sind alle Schelme." „Aber, Mutter, Brandes sagt auch, daß er Holz und Rehe stiehlt!" „Kind, Brandes ist ein Förster." „Mutter, lügen die Förster?"... Mau sieht, die gute Frau und Mutter will ihr Kind erziehen zum Guten. aber sie ist voll des Vorurteils des Volkes gegen Juden. Das Kind muß nun annehmen, daß alle! Juden Petrüger und Schelme sind... So greift Schuld und absichtsloses Vorurteil schon ein. Demgegenüber ist der Dichterin die Gestalt des später durch Friedrich ermordeten Juden Aaron nur ein auslösendes Moment, dem sie scheinbar nicht mehr Beachtung schenkt. Aber grandios und dräuend erhebt sich in den Augen der Dichterin und auch beim Leser das Sinnbild der verletzten Gerechtigkeit, die Trauer der jüdischen Gattin des ermordeten Aaron mit ihrem Schrei nach Gerechtigkeit und die Gemeinschaft der Juden, die unheimlich und den anderen nicht verständlich die Buche, unter der der ungesühnte Mord geschah, um große Summen ankanfen. . .. Als alles vergebens war und die gerichtliche Verhandlung für beendet erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter dem Aarons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war. „Wollt ihr sie fällen? so mitten im vollen Laube?" fragte der Gutsherr. „Nein, Ihr» Gnaden, sie muß stehen bleiben im Winter und Sommer, so lange ein Span daran ist!"' „Aber, wenn ich nun den Wald hauen lasse, so schadet es dem jungen Ausschlag." „Wollen wir sie doch nicht um gewöhnlichen Preis." Sie boten zweihundert Taler. Der Handel ward geschlossen und allen Förstern streng eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise zu schädigen. Darauf sah man an einem Abend wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Augen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann üben so ernst und feierlich zurück durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und jeder seines Weges ging- Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eine hebräische Inschrift eingehauen." Nach Jahren — er hat die Rolle eines Doppelgängers gespielt — als er aus türkischer Gefangenschaft heimkehrte, zieht es Friedrich Mergel unwiderstehlich zu der Judenbuche bin. Dort hat er sich, am Orte, wo er den Juden erschlug, an. der Judeirbuche erhängt! — Tie hebräischen Worte, autz der Judenbuche eingchauen und mitwachsend mit dem Baume, haben das vollendet, was die Menschen nicht konnten: sie haben Gerechtigkeit und Sühne sür vergossenes Blut erzwungen. Tenn die Inschrift aus dem Baume lautet: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast!"- Mer die Dichterin, ergriffen und erschüttert, eine echte Frau und frommer Geist, will nicht das Gefühl gesättigter Rache... sie wird oft mit Gerechtigkeit verwechselt... allein siegen lassen. Sie pocht an dein weiches, denkendes und verstehendes, das heißt dein verzeihendes Herz: „Richtet nicht!" Ihrem Dokumente voll mitfühlender Menschlichkeit ^,Tie Judenbuche" setzt sie ein bedeutungsvolles und alles erklärendes Gedicht als Motto voraus, das uns erst recht die innere Größe dieser Frau zeigt: „Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren, so fest, daß ohne Zittern sie den Stein mag schlendern auf ein arm verkümmert Sein? Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen, zu wägen jedes Wort, das unvergessen in junge Brust die zähen Wurzeln trieb, des Vorurteils geheimen. Seelendieb? Du Glücklicher, geboren und gehegt im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt, leg hin die Waagschal — nimmer dir erlaubt! Laß ruhn den Stein — er trifft dein eignes Haupt!" Wahrlich, die schönste Grabschrist, das tiefste erbarmungsvolle Wort für Schuld und Sühne.. ..!Leset zu Ehren der tiefen Dichterin die „Judenbuche" eines der Meisterwerke deittscher Kunst, laßt Euch erschüttern und ehrt so die Dichterin — die nach achtzig Jahren auch zu Eurem Herzen noch sprechen will! Siegmund Reis, Berlin-Wilmersdorf.