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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-09 · 28 (9.7.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
28 (9.7.1930)
Date
1930-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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der Parteirichtring in der Abwehr gegen die immer stärkere > antisemitische Welle sinden könnten. Ter Central-Verein möge seine Polemik in inner-jüdischen Dingen zurückstellen urkd damit die Möglichkeit der Mitarbeit alter schassen. -- Sani tätsrat Dr. Baron München betonte demgegenüber, das; die Angriffe gegen den Central-Verein von außenstehender Seite begonnen wordeir seien, durch die erst die Stellungnahme des Central-Vcreins veranlaßt worden wäre. Wenn auch von der Gegenseite eine Entgiftung der Almvsphäre herbei geführt werde, würden er und feine Freunde sich gerne dafür einsetzen, das; innerjüdische Streitfragen im Central Verein zurückgestellt würden. Die Jahresrcchnung 1929 wurde gebilligt. Ebenso der Voranschlag für das laufende Jahr. Der Umlagensatz für die Berbandsumlage 19.30 wurde, wie in den vergangenen Jahren, auf 3 «>,.'festgesetzt. Hierauf wurde eine Reihe kleinerer Aeuderungen der Verfassung, Boaintenordnung und Besoldungsordnung des Verbandes erledig!, die sich im wesentlichen ans die Rcchis Verhältnisse der Beamten, ihre Anstellung, ihre Eingrup pierung und ihre Beschäftigung erstreckten. Es handelte sich ausschließlich um formelle Aenderungen. Von allgemeiner Bedeutung war nur ein Beschluß, wonach in beamtenlose): Gemeinden, die den Religionsunterricht durch den Beamter einer benachbarten Gemeinde erhalten, Gemeindemitglieder znm Vorbeten und Leieneu herairgezogen und verwendet wer den.sollen. Der zweite Tag war im wesentlichen durch die Be ratungen über eine Rabbinatsbezirksordnung ausgesüllt. Be richterstatter war Justizrat Dr. Hommel-Schwcinfurth, der in eingehenden Darlegungeir auf die Schwierigkeiten hin Wies, die bisher einer Regelung für die Rabbinatsbezirke entgegenstanden und der den Entwurf, wie er nach Beratung durch den Rat und beu Berfassungsaussch u s; der Tagung vorlag, der Tagung zur Annahme 'empfahl. Ju dem Entwurf einer Rabbinatsbezirksordnung war zunächst die un mittelbare geheime Wahl der Rabbiner vorgesehen, wobei j von orthodoxer Seite verlangt worden war, das; Frauen zur Rabbincrwahl nicht zngelassen sein sollen, während von : liberaler Seite mit allem Nachdruck auf dem Wahlrecht der j Frau bestanden wurde. Ein Antrag von Jnstizrat Tr. Spans, der die mittelbare Wahl der Rabbiner durch die Bezirks Versammlung in Vorschlag brachte, sollte die Verschieden heit der Anschauungen, die sich in dieser Frage ergaben, überbrücken. Es wurde aber auch hier von liberaler Seite die Wählbarkeit der Frauen zur Bezirksversammlung und ihr Wahlrecht bei der Wahl des Rabbiners gefordert, während von orthodoxer Seite die Wählbarkeit der Frau in die Bezirksversammlung und daniit die Möglichkeit ihrer Beteiligung auch an der mittelbaren Rabbinerwahl ats dem Religionsgefch widersprechend hingcstellt wurde. Tie Mit glieder der Jüdischen Volkspariei waren zum Teil für, zum Teil gegen das Frauenwahlrecht. Die orthodoxe Fraktion erklärte im Verlauf der Verhandlungen, das; sie bei Ein führung des Frauenwahlrechts sich an den Arbeiten für die Bezirksgemeindeordnung nicht weiter beteiligen könne, und dies auch dann, als auf Beschluß des Rats der Ausschuß das Fraueuwahlrecht in der Bezirksversammlnug durch ein fache Majorität vorgeschlagen und von liberaler Seite akzeptiert wurde. Tie Rabbinatsbezirksordnung wurde alsdann ohne Stimmabgabe der orthodoxen Mitglieder der Tagung durchgeführt, wobei die Regelung für die Geineinderabbinate (Stadtrabbinate) mancherlei Modifikationen erfuhr. Als bei der Schlußabstimmung über den Gesamtentwnrf die Gegner des Fraucnwahlrechts gegen den gesamten Entwurf stimmten, ergab sich, daß sie mit 20 Stimmen gegen die bis dahin in der Mehrheit gewesenen Anhänger des Frauen- Wahlrechts, die zum Teil die Sitzung vorzeitig verlassen hatten, in der Ueberzahl waren, so das; damit der gesamte Entwurf zu Fall gebracht war. In den Kreisen des Rares wird es als bedauerlich bezeichnet, das; durch diesen Zufallsbeschluß eine langwierige, mühevolle Arbeit und das Ergebnis jahrelanger Vorverhandlungen wiederum umsonst getan ist, zumal die praktische Auswirkung des Disferenzpunkles nach dein Vorschlag des Rats gleich Null gewesen wäre. Es wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, das; sich in einer kommenden Tagung die Meinungen soweit geklärt haben, das; mit einer von alen Seiten annehmbaren Rabbinatsbezirksordnung das Gesetzgebungswerk des Verbandes vorläufig zum Abschluß gebracht werden kann. „Die Zudenbuche" und Annette von Droste-hülshoff Es sind achtzig Jahre her, feit die bescheidene und edle Dichterin, das Prototyp einer sroinmerr, deutschen Frauengestalt, das Vorbild und die Krone einer ganzen Generation von weiblichen Lyrikerinnen, ins Grab gesenkt wurde. Was mich hier bewegt, das Bild der Dichterin wieder aufzufrischen, ist nicht etwa die fromme Zuflucht eines religiösen Gemüts zu Gott, im „Geistlichen Jahr"... sic war Katholikin... und religiöse Dichter sind nicht das Interesse unserer Zeit. Es gibt da auch größere Sänger! Ich will auch nicht das echtere und größere Lob der kraftvollen Dichterin auf dem Gebiete außerordentlich gewaltiger Naturschilderungen, die ihr in ihren Balladen, dann ihrem Zyklus „Heidebilder", dann „Fels, Wald und See" und zum Teil in ihren „Erzählenden Gedichten" gelungen sind, hier erneuern. Und selbst die rührende Schilderung des Weibesschicksals z. B. in dem bekannten reinen Gedichte „Die beschränkte Frau", dann der „Mutter" ruft mich nicht zur neuen Würdigung auf. Mer auf ihr stärkstes und nach allen Richtungen eigenartigstes Prosawerk „Die Judenbuche" will ich gerade hier das Picht unserer Betrachtung lenken! Ans mehreren Gründen. Viel genannt und viel gelobt ist das Werk znm großen Teil unserer Zeit doch so sehr entschwunden, daß ein Hinweis recht notwendig erscheint. Dann findet man in dieser an Kleistscher Erzöhlungskunst heranreichenden urwüchsigen Dorfgeschichte eine wunderbare, natürliche Kraft der Darstellung, der Zeichnung von Menschen und Verhältnissen, die so mitreißend wirkt, und schließlich hat die Meistererzählung mit Juden zu tun... wenn auch die Juden hier vorerst nicht als Hauptgestalten auftreten und nur ein passives Schicksal erleben und erleiden. Aber die Juden bilden hier auch das dramatische und treibende Element, um dessen willen die Erzählung so erschütternd groß ausläuft. Der Sonntag-Abend vereinigte die Mitglieder der Körperschaften des Verbandes und der Kollegien der Israelitischen Kultusgemeinde München veranstalteten Festabend, der in allen Teilen harmonisch verlief und an dem vor allem Ministerialrat Mezger als Vertreter des Kultusministeriums einen geschichtlichen Ueberblick über die 'segensreiche, vom Staat restlos anerkannte Arbeit des Verbandes, die aus dem Leben der bayerischen Juden nicht mehr weggedacht werden könne, hmwies und dem Verband für die kommenden Zeiten vollen Erfolg wünschte. Landwirtschaftliche Ansiedlung osteuropäischer Zuden in Frankreich In der von der Gesellschaft „Ort" herausgcgebenen jiddischen Zeitschri,r „Wirtschaft und Leben" behandelt Dr. R. ,Viani,^ ein früher in Rußland bekannter russisch jüdischer SchrickNeller, der gegenwärtig in Paris lebt, - die Möglichkeit der landwirtschaftlichen Ansiedlung von Oftjnderr irr Framreich. Die tatsächlichen Angaben des Verfassers verdienen jedenfalls Beachtung, auch dann, wenn man die Aussichten dieser Kolonisation weit weniger günstig beurteilt, als es Herr Tr. Blanr tüt. Wir geben daher den Inhalt der zwei Artikel, die Tr. Blank der Frage widmet, wieder. Tr. Blam geht davon aus. daß bisher eine Masseneinwauderung von Ostjuden in Frankreich nicht stattgesunden hat, obwohl gerade in Frankreich die Verhältnisse, namentlich irisolge des Weltkriegs, sich so gestaltet haben, das. das Land stets Mangel au Arbeitskräften leidet und daher aus ausländische Arbeiter angewiesen ist. Die Abwanderung der einheimischen Bevölkerung aus dem Dorf in die Stadt ist infolge der fortschreitenden Industrialisierung des Landes stets eine große gewesen, und wurde nasch dem Weltkrieg, toi-' auch in anderen Ländern, noch stärker. Zwischen 1846 und 1921, also in 75 Jahren, \i[i die Landbevölkerung Frankreichs im ganzen um 22<y,, zurückgegangen, es gibt einzelne Departements, in denen der Rückgang noch bedeutender ist, -IO".',, und mehr beträgt. Der Weltkrieg, oer Frankreich etwa 2 Millionen Menschen au Toten und Verkrüppelten gekostet hat, hat den Arbeitermailgel au; dem Lande natürlich noch starrer gemacht. Es hat daher in der Nvclftriegsperiode die Zahl der ausländischen Arbeiter und Landarbeiter in Frankreich sehr vermehrt, 1925 wurden schon 2 845 211 Ausländer gezählt, darunter 807 659 Italiener, 407 156 Spanier, 460352 Belgier, 310265 Polen usw. Dabei sind die Hunderttausende v.m fremden Einwanderern, die schon zu naturalisierten Franzosen geworden smd, nicht mit gezählt. Nicht nur Mus Ländern, die an einem relativen Üebcrschnß der Bevölkerung leiden, wie z. B. Italien oder Polen, sondern sogar aus reichen Ländern mit einer ge ringen Bevölkerurrg, wie die Schweiz, Holland und Norweben, kommen jetzt Landwirte nach Frankreich, um die günstige Gelegenheit des Arbeitermangels in der Landwirtschaft anszunühen. Der gesegnete Boden Frankreichs und die ruhigen geordneten politischen Verhältnisse des Landes locker: natürlich unternehmende Landwirte mehr herarr, als die sonst in Betracht kommenden entlegenen Länder Südamerikas usw. mit ihren oft ganz anderen klimatischen und politischen Vcrhältnissen. Für lOstjuden käme vor allem in Betracht, daß von einem Antisemitismus in Frankreich im Ernst gegenrvärtig keine Rede seirr kann. Tie Welle des Antisemitismus, welche ungefähr vor 30 Jahren der Trcysuß - Prozeß hervorgebracht hat, ist fast spurlos verschwunden. Uckr die Arbeitsbedingungen der französischen Landwirte teilt der Verfasser mit, daß ein einfacher landwirtschaftlicher Arbeiter, ohne besondere Vorkenntnisse, als Anfangsgehait außer Wohnung und Mitteilungen aus dem Tie Lsudsner Delegierte!;. Zu der Tagung des „Weltverbandes für religiös liberales Judentum" entsenden von Deutschland die „Vereinigung für das liberale Judentum" und die „Vereinigung oer liberalen Rabbiner Tentschländs''' offizielle Delegierte. Es werden an der Tagung in London tciluehmen: V o nr P r ä s i d i it m d e s W e l t v e r b a n d e s : die beiden deutschen Vizepräsidenten Rechtsanwalt .Heinrich Stern (Berlin, und Rabbiner Tr. Ech'ar Setigmann (Frankfurt am Main). V o m V o r st and des Welt v e r b a u d e s : Rabbiner Tr. Leo Baeck (Berlin), Rabbiner Tr. Joseph Lehmann (Berlin), Frau Paula Ollendorsf (Breslau). Rabbiner Tr. Hermann Vvgetsteiu (Breslau). P oh bp r ,.P e r e i n i g u n g s ü r d a s liberaleI u den tum"! Oberkautor Bernhard Alt (Aachen), Tr. Mar Gach (Berlin), Dr. vhil. Georg Goldftein (Wiesbaden), Frau Professor Margarete Gold stein (Tarmstadt), George Go et; (Berlin), Bankier Wilhelm Graetz (Berlin), Frau' Bianka Hamburger (Berlin), Frau Annie Heinrichsdorfs (Berlin), Max Hirsch (Stettin), Zahnarzt Tr. .Hirsch (Hatte a. d. S.), Schulreferent Robert Hirschfcld (Berlin). Rechtsanwalt Tr. Hugo Hoffmann (Frankfurt a. M.), Rechtsanwalt Tr. Willy Katzenstein (Bielefeld), Hans Lachmann-Mosse (Berlin), Betty Marcus (Berlin), Tr. Hermann Schildberger (Berlin), Ilse Wolfs (Berlin), Kammergerichtsrat Leo Wolfs (Berlin). Von der „V e r e i )t i g n n g der liberalen Rabbiner Deutschland s": Rabbiner Tres Appet (Dortmund), David (Bochum), Dienemann (Offenbach>, Elsaß (Landsberg a. d. Warthe), Gold.mann (Leipzig), Halpersvhn (Breslau), Lubasch (Barmen), Nellhaus (.Hirschberg, Schles.), Norden (Elberfeld), Samuel (Essen), Wiener (Berlin), Wolf (Dresden^. An die Teilnehmer der jüdisch-liberalen Weltverbands taguilg vom 19. bis 22. Juli 1930 in London. Im Nachgang zu unterer Veröffentlichung in voriger Nummer teilen wir Ihnen ergebenst mit. daß die Reise Köln —London auch 3. Klasse zu einem ermäßigten Preis er folgen kann. Tie Preise sind nunmehr: 2. Klasse £ 3.15/— Köln- London und zurück 3. Klasse £ 2.10/10 Köln—London und zurück Büro der Vereinigung wobei aus der .Hinfahrt der an: Tonnerstag, 17. Juli, 18.45 Uhr von Köln (Hanptbabnhos) abgehende Zug benutz: werden muß. Tie Fahrkarten siird direkt in London bei The Hon. L i 11) H. SM o n t a g u, The R e d L o d g e, 5 1, Palace E o li r t, L v n d o » W. 2 unter gleichzeitiger Einsendung Oes Fahrgeldes und unter Angabe der gewünschten Klasse zu bestellen. Vereinigung für das liberale Judentum e. V. gcz. Stern (Rechtsanwalt, Vorsitzendem Es wird darauf aufmerksam gemacht, zur Durchreise durch Belgien ein belgisches Visum erforderlich ist. Tie Mitnahme eines Passes ist aus jeden Fall noltveudig. Wir sind in der Lage, eine Gesellschastssahrr zu ermäßigtem Preise von Berlin nach Köln zu mranstatten, falls sich mindestens 20 Teilnehmer dafür melden. Meldungen mit Angabe, ob 2. oder 3. Klasse gewünscht wird, schnellstens erbeten an die Vereinigung für das liberale Judentum, Berlin SW 11, Hallesche Straße!. Tos von Bruno Wohda auf der Dresdener Tagung der jüdisch-liberalen Jngerldvereine am 15. Juni 1930 gehaltene Referat: „L c b e n s n ä h e der R e t i g i o n" ist als Broschüre erschieneu. Es wird allen Ortsgruppen und Mitgliedern als wertvoller und aktueller Diskussionsstoff empfol^- len. Bestellungen zum Preise von 0,50 RM nimmt entgegen: Vereinigung für das liberale Judentum E. B. Berlin SW 11, .Hallesche Straße 1. Postscheckkonto Berlin 137 069 Tie Ortsgruppen-Vorsitzendcn und Vertranenspeisoueu im Reich werden gebeten, mit Rücksicht auf die Reisezeit schon jetzt die Beiträge für das 3. Vierteljahr 1930 einznziehen und hierherzusenden Unsere Einzelnritgliedcr im Reich werden ebenfalls ge beten, vor Antritt der Reise uns den Mitglicdsbeitrag für das 3. Vierteljahr einzusenden. Wie kommt die Dichterin, die zweifellos fast nie mit Juden persönlich in Berührung gekommen sein mag, zu Inden und zu jüdischen Gestalten? In ihren Briefen, die zum großen Teil Bekenntnisse ihres Herzens sind, findet sich einmal ein ganz kurzer .Hinweis ans Stoff und Entstehung der „Judenbuche". An Wilhelm Junkmann 's schreibt sie am 4. August 1837... „Was ich dann zunächst vornehme? Darüber habe ich vorerst noch Zeit nachzudenken, indessen, da wir auch gerade darüber zu reden kommen: ich habe den Fehler, nichts zu vollenden... So steht auch jetzt mein Sinn ich weiß nicht wohin, aber nach etwas neu zu Beginnenden. Und doch liegen noch so gute Sachen in meinem Schreibtische! Lachen Sie darüber, es ist gewiß wahr, es sind Dinge darunter, die es nicht verdienen, so schmählich zu verkommen. Da ist vorhanden. .. Nun zählt Amrette auf: 2. eine Kriminalgeschichte Friedrich Mergel, ist im Paderbornischen vorgefällen, rein national und sehr merkwürdig; diese habe ich mitunter große Lust zu vollenden... 7. und 8. noch zwei Stoffe. Einer zu einer 'Kriminalgeschichte, ist wirklich in Brabant passiert und mir von einer nahe beteiligten Person mitgeteilt, die einen furchtbaren und durchaus nicht zu erwischenden Räuber fast 20 Jahre lang als Knecht in ihrem Hause hatte. Der zweite zu einem Gedicht, von mehreren Gesängen, den ich ganz vollständig geträumt, durch alle Gesänge, die ich zu lesen glaubte. Er betrifft die Entdeckung eines Mordes an einem Juden, die ein blinder Bettler dadurch befördert, daß er den Mörder veranlaßt, dieselben Worte ausznsprechen, die jener, der ungesehen in einem Gebüsche ruhend gegenwärtig war, denselben während des Mordes fageit hörte. — Ich hatte damals — vor mehreren Jahren.— ungeheure Luft, das Ding zu schreiben, und es ist wirklich schade darum, daß es so verkörnmt..." So schreibt die Dichterin im Jahre 1837. Aber im selben Jahre hatte sie das Glück, das menschliche und dichterische Glück, den jungen Schriftsteller Lewin Schücking kennen zu lernen, der noch mehr als jeder andere Mensch ihrer Bekanntschaft sie mitfühlend anspornte, zu denken, zu lieben uird zu dichten. Und als vollends Lewin Schücking zusammen mit Ferdinand Freiligmth im Jahre 1840 ein Buch Herausgaben: „Malerisches und romantisches Westfalen", und sie als Mitarbeiterin das Freifräulein Annette gewonnen hatten, da wurde ihr Arbeiten befeuert. Sie schwankte, welcher Art ihre Beiträge sein sollten, ob sie Gespräche, Briefe, Novellen oder sachliche, farbige Berichte beisteuern sollte... sie hat in allen diesen Darftellungsarten Versuche gemacht... da zogen sie mächtig, die im Briefe an Junkmann erwähnten, unvollendeten Arbeiten, die .Kriminalgeschichten, an. Was sind Pläne? Was sind Entwürfe? Reizvoll ist es, dem Arbeiten der Dichterin, ihrem Schasfensprozesse zuzuschauen. Mit einer genialen Sicherheit und Zweckmäßigkeit, mit einer herrlichen, dichterischen Entschlossenheit verschmilzt sie alle ihre Entwürfe und nimmt sie alle Motive, die früher in drei Arbeiten verstreut waren, und vereint sie zu einer einzigen, vertieften Handlung, zur „Judenbnche"! Wie wir es aus dem Briefe an Junkmann kennen. Die Kriminalgeschichte Friedrich Mergel, dann die Kriminalgeschichte „die wirklich in Brabant passiert"... und den Stoff, den sie „geträumt", zu einem Gedicht von mehreren Gesängen, der die Entdeckung eines Mordes an einem Inden schildert, verdichtet sie zu einem bedeutenden, großen Ganzen und ihr machtvollstes, erzählendes Werk, ein Werk der Weltliteratur. „Die Judenbnche" steht vor uns da. Als diese Novelle zuerst im „Cottaschen Morgenblatte" erschien, wollte man und zuerst der Herausgeber des Blattes Hauff — ein Bruder des früh Heimgegangenen Dichters Wilhelm Hauff — durchaus nicht glauben, daß dieses Meisterwerk aus der Feder des damals noch nicht sehr bekannten Freifräuleins herrnhren konnte, und man wollte Lewin Schücking die Lorbeeren zuschreiben. Die Dichterin wehrte sich aber, und Schücking sprach die Wahrheit, wenn er beteuerte, an dem Werke ganz unbeteiligt zu sein! So begann die Novelle ihren Siegeszug und machte nun auch die Dichterin bekannt. Tie Novelle, die voll von großer Kraft, von harter Gerechtigkeit und von unübertrefflicher Wahrheit im Ganzen und im Ein^lnen ist.

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