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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-09 · 28 (9.7.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
28 (9.7.1930)
Date
1930-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Er gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß auch für das Saargebiet recht bald die Stunde der Rück lehr in das Deutsche Vaterland schlagen möge. Worte des Gedenkens widmete er den im letzten Jahre verstorbenen Mitgliedern der Tagung, Herrn Alexander Trier in Aschaffenburg und Herrn Hermann Engel in Würzburg. Namens der Israelitischen Kultusgemeinde München entbot alsdann Justizrat Dr. Oestreich, der stellvertretetrde Vorsitzende der Gemeinde, der Versammlung einen herzliche,: Willkmnm. Die Gemeinde freue sich, die Vertreter der bayerischen Judenheit nach 8 Jahren wiederum bei sich begrüßen zu können. Mit Genugtuung möchte er auf das harmonische Verhältnis zwischen Gemeinde und Verband Hinweise::, wie es von Anfang an bestanden und in den Jahren gemeinsamer Arbeit sich immer inniger gestaltet habe. In der Heutigen ernsten Zeit halte er es nicht für angebracht, die Blicke in die Vergangenheit zurückzulenten. Er betrachte es dagegen als seine Pflicht, seine Stimme anklagend zu erheben und gegen das peinliche Unrecht, das uns Juden in der Gegenwart in Deutschland zugefügt werde, Stellung zu nehmen und das verantwortungslose Treiben gewisser Kreise gebührend zu kennzeichnen. Im Austrage des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus dankte Ministerialrat Mezger, der mit dem Geheimen Rat Ministerialdirektor Dr. Hezner erschienen war, für die Einladung zur Tagung, deren Verhandlungen er einen gedeihlichen Verlauf und guten Erfolg wünschte. Er versicherte den Verband des vollen Vertrauens der Staatsregiernng und warnte im Hinblick auf einen Artikel in der letzten Nummer der Deutschen Israelitischen Zeitung davor, mit dem Gedanken zu spielen, die gemeinsame Arbeit, wie sie Verband und Rabbinerkonfercnz bisher geleistet haben, aufzugeben und etwa getrcmrt marschieren zu wollen. Die Zusammenarbeit biete die beste Gewähr für eine erfolgreiche Vertretung der Interessen der bayerischen Judenheit. Für den verhinderten Oberbürgermeister Dr. Scharnagel begrüßte Bürgermeister Geheimer Rat Dr. Küfner die Tagung. Die jüdische Bevölkerung, die auch schon zahlenmäßig einen durchaus beachtlichen Teil der bayerischen Gesamtbevölkerung bilde, zähle eine große Reihe tüchtiger Männer zu den Ihren. Um einen Wiederaufstieg aus unserer trostlosen Lage herbeizuführen, sei die Mitarbeit aller notwendig. Das, was der Verband leiste, sei Gemeinschaftsarbeit, die den Ausgangspunkt bilden möge für die erfolgreiche Mitarbeit innerhalb des Volksganzen. Er dankte dem Verband auch für die Veranstaltung der Ausstellung jüdischer Kultgeräte, die eine wertvolle Bereicherung der Kunststadt München bilde. Es folgte nunmehr ein Vortrag von Rabbiner Dr. Baerwald-München m:t dem Thema: „Jüdische Bildung, eine Ausgabeder Zei t". Der Redner ging aus von einer Darlegung des Begriffes der Bildung, die sich nicht daraus beschränkte, Kenntnisse zu vermitteln, sondern den ganzen Menschen erfasse, Geist und Gemüt bereichere, ein Lebensideal aufftelle und zur Erfüllung bringen wolle. Die Pflege der jüdischen Bildung, deren Grundlage die Thora sei, müsse eine Ausgabe der heutigen Zeit sein. Diese Bildung aber solle kein Ersatz für religiöses Leben sein, aber sie könne dahin führen, sie könne die Seele wieder empfänglicher machen, sie könne das Interesse von der leidigen Gemeindepolitik zum freudigen Gemeind eleben herbeiführen. Auf diesem Gebiete weiter zu arbeiten, werde eine der vornehmsten Aufgaben des Verbandes sein. Dr. Neumeyers Geschäftsbericht. Den Schluß der Eröffnungssitzung bildete der Bericht des Präsidenten des Verbandes, Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Nemneyer-München. Der Verband sei vor zehn Jahren gegründet worden an der politischen Wende der Zeit, aus dem Nichts, ohne Vorbild, gegründet aus den freien Willen seiner Glieder, entsprechend einer religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeit, in Ueberbrückung der Gegensätze der religiösen Richtungen, von Stadt u:tft Land, von Beamten und Gemeinden in Verwirklichung von Absichten der jüdischen Gemeinschaft und der staatlichen Gewalt, die mehr als hundert Jahre diese Verwirklichung gefordert hätten. Von der Staatsregierung habe der Verband tatkräftige Förderung erfahren, sie habe ihm Körperschaftsrechte utrd das Besteuerungsrecht verliehen. Wie vor acht Jahren, als der Verband in München zusammengetreten sei, befänden wir uns wiederum in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Verarmung in Deutschland habe ganz besonders den jüdischen Mittelstand und vornehmlich die Gewerbetreibenden auf dem Laude getroffen. Der Verband müsse mit einem starken Rückgang der Steuereinnahmen rechnen. Diese Tatsache habe dem neuen Etat ihren Stempel aufgedrückt. Was das .Vorjahr betreffe, so seien gegenüber einer Einnahme von 635 000 Mark im Jahre 1928 und einem Voranschlag von 626000 Mark nur 596 000 Mark an Umlagen eingegangen. Der Ausfall von 30 000 Mark habe ans den Reserven früherer Jahre gedeckt werden köirnen. Der Umlageeingang, aus den Kops der jüdischen Bevölkerung umgerechnet, ergebe einen Betrag von 12,13 Mark. Von dem gesamten Umtageeingang entfielen auf die Gemeinden München 42,26 o.., Nürnberg 25,98 ° 0, Fürth 8,30 “o, Augsburg 4,05 Würzburg 3,86 o/o, Bamberg 2,25 °'o und Aschaffenburg 1,64 ob, Auf die sieben Gemeinden zusammen also 88,34 o.>. Der Staatszuschuß habe wiederum 70000 Mark betragen. Der Verband behalte sich vor, auf eine Erhöhung dieses Zuschusses zurückzukommen, wenn die Finanzverhältnisse des Staates .wieder geordnet seien. Die Jahresrechnung 1929 schließe ab mit einem Betrag von 725 000 Mark. Der Etat des laufenden Jahres (Vorlage der Verbandsleitung) bilanziere mit 593000 Mark. Im Vorjahre seien an Besoldungszuschüssen 344 000 Mark ansgegeben worden. Für Bauzuschüsse seien 48 000 Mark, in die sich 38 Gemeitwen teilten, gewährt worden. 14 700 Mark seien als letzte Rate für die Wiederherstellung der Synagoge in Heidingsfeld, für die insgesamt 27 000 Mark ausgewendet wurden, gegeben worden. Für soziale und kulturelle Ausgaben seien 250 000 Mark aufgewendet worden gegenüber 4000 Mark im Jahre 1924 und 150000 Mark im Jahre 1927, der Verband habe für sein Landesheim, das der Würzburger Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung angeschlossen sei, einen stattlichen Neubau auffnhren können. Hierfür wären an Zuschuß und Darlehen 60 000 Mark aufgewendet worden. Die Anstalt sei mustergültig in der ganzen Anlage und biete nunmehr Raum für etwa 50 Pfleglinge. Bei dieser Gelegenheit möchte er mittcilen, daß ein Freund der sozialen Arbeit des Verbandes, der ungenannt bleiben wolle, 100000 Mark für das Landesheim letziwillig bestimmt habe. Durch Bewilligung von 70 000 Mark an Zuschüssen und Darlehen und eine weitere Zinsgarantie von jährlich 5000 Mark auf die Dauer von 10 Jahren habe der Verband den Neubau der Würzburger Lehrerbildungsanstalt ermöglicht. Es handle sich bei der Anstalt um eine Reichsanstalt und es müsse Ausgabe der einzelnen Landesverbände sein, der Anstalt die erforderlichen Betriebsmittel zuzuführen. Der Verband bedaure, daß die immer bedrohlicher sich gestaltenden wirtschaftlichen Verhältnisse ihn nötigten, die Zuwendungen für soziale und kulturelle Zwecke erheblich zu kürzen. Tie Beschränkungett, die sich der Verband in seinem Etat habe auferlegen müssen, würden ihm zeitweise nicht leicht fallen; das innere Gefühl berührten sie nicht. Forderung nach Aufhebung des Schächtoerbotes. — Erneuerung des Nürnberger Bekenntnisses. Dr. Neumeyer wendet sich dann in längeren Ausführungen dem am 1. Oktober dieses Jahres in Kraft tretenden Gesetz zu, das ein Schächtverbol in sich schließe. Derselbe Staat, der bis zum Erlaß der netten Reichs- und Landes Verfassung im Jahre 1919 die Beschaffung ritualmäßigen Fleisches für jede jüdische Gemeinde als ein noli mc tangere, als eine unverzichtbare Angelegenheit bezcichtret und im Falle der Zuwiderhandlung mit der Auslösung der Gemeinde gedroht habe, habe die Beschaffung solchen Fleisches nunmehr mit einer Gefängnisstrafe bis zu 6 Monaten bedroht. 'Alle Beteiligten seien sich bei Erlassung des Gesetzes im klaren gewesen, daß eine von jüdischer Seite mit dem Religion« gesetz als vereinbar erklärte Betäubungsmethode nicht vorlioge, und auch nicht gesagt werden könne, ob eine solche gefunden werde, so daß der Sache nach das Gesetz einem Schächtverbot völlig gleichkomme. Der staatliche Gesetzgeber habe die Macht, Recht zu schaffen. Ob er von dieser Macht Gebrauch machen wolle oder dürfe, darüber entscheidet sein j Kulturgewisseu. Ter alte Staat habe gesagt, die Gewissens-! sreiheit und die religiöse Hebung auf einer Minorität seien ihm heilig und müßten geschützt werden. Der neue Staat sage, er opfert die Gewissens- und Religionsfreiheit einer Minderheit von Staatsbürgern der Forderung aus schonende Behandlung der Tiere. Es sei von ersten Sachverständigen bestritten worden, daß das Schächten eine quälende Schlachtmethode darstelle. In der Verfassung des Reichs und des Landes seien die Gewissens- und Religionsfreiheit, die staatsbürgerliche Gleichheit verbürgt. Sei der Staat berechtigt gewesen, diese Grundrechte eines ganzen Bevölkerungsteils zu beeinträchtigen? Der Verband werde immer wieder fordert:, daß dieses Gesetz, soweit es die Juden angehe, ausgehoben werde. Es klaffe hier eine Wu::de am religiösen Organismus der Judenheit, die sich nimmer schließe. Der Redner wies weiter auf die zunehmende judenfeindliche Bewegung insbesondere in Franken hin, die den Frieden in der Bevölkerung ernstlich zu gefährden drohe. Der Verband habe stets das Trennende zurückgestellt und alle seine Kraft in den Gemeinschastsgedanken geworfen. Unter Festhaltung der eigene:: Ueberzeugung und unler Achtung der Ueberzeugung des andern sei der Sinn auf die gemeinsamen höchsten Werte gerichtet und praktische Politik getrieben worden. Dr. Neumeyer schloß seine Ausführungen mit der Erneuerung des Bekenntnisses, das die bayerischen Juden vor zehn Jahren in Nürnberg abgelegt hätten, an jmem denkwürdigen Tage, da im einmütigen Zusammenwirke:: aller Kräfte von geistlichen und weltlichen Führern, von Stadl und Land, Lehrerschaft und Gemeinden, vom überlieferten Glauben der Väter bis zur freien Richtung der Zett der Verband ins Leben getreten: „Wir wollen uns vereinigen zur Festigung nach innen und zur Abwehr nach außen, wir wollen unseren notleidenden Gemeinden Hilfe bringen, wir wollen für unsere Beamten sorgen, daß sie ohne Bangen in die Zukunft blicken können, wir wollen unsere Eigenart pflegen und zu unserem Teil damit beitragen zur allgemeinen Bildung, Gesittung und Religiosität, wich wollen dem Vaterlande dienen, wir wollen die Gegensätze fruchtbar gestalten und so Ehre und Ansehen dem jüdischen Namen schassen, wir wollen helfen in der Not der Zeit und damit ein Sandkorn beitragen zum Ausbau der Ewigkeit." Die Sitzung war umrahmt von Borträgen des Münchener Jüdischen Kammerorcheslers. (Jta). Die Geschaftssihungen. — Der Etat genehmigt. — Appell «m den Centrol-Berein. — Die Rabbinatsbezirksordnung durch Zufallsmehrheit abgelehnt. — Kampf nm das Franenwahlrecht. Die Verhandlungeu des Rates und des Verbandstages Bayerischer Israelitischer Gemeinden fanden am Sonntqg nachmittag ^4 Uhr im Konzertsaal des Bayerischen Hofs ihre Fortsetzung. Die Bücher und Kassenverhaltnisse des Verbandes wurden in Ordnung befunden und der Verbandsleitung für das abgelaufene Geschäftsjahr Dechrrge erteilt. Den allgemeine:: Finanzbericht erstattete Kommerzienrat Rosenzweig-Nürnberg, den Bericht über den Wohlfahrtsetat und den Etat des Landeswohlfahrtsfonds Justizrat Dr. Straus- München. Beide .Herren betonten die Notwendigkeit weitgehender Sparmaßnahmen, wie sie sich auch in dem den Körperschaften vorgelegten Voranschlag ansdrücket:. Die wirtschaftlichen Verhältnisse brächten einen Rückgang an Landesumlagen mit sich, die eine entsprechende Minderung der Berbandszuschüssc notwendig machten. Mat: habe in dem Etat für das laufende Jahr, der mit 593 000 Mark abschließt und in dem für soziale und kulturelle Aufgaben 201 000 Mark eingesetzt sind, die Zuschüsse au leistungsschwache Gemeinden auf das unbedingt notwendige Maß beschränken und insbesondere, zum allgemeinen Brauern, die Ausgaben für soziale und kulturelle Zwecke um zirka 50 000 Mark gegenüber dem Vorjahr kürzen müssen. Das nächste Geschäftsjahr lasse eine Besserung leider noch nicht erwarten, so daß man auch mit Rücksicht auf die kommende Zeit die äußerste Sparsamkeit walten lassen müsse. In der Aussprache wurde der Vcrbandsteitung von allen Parteien unterschiedlos der Tank für die geleistete Arbeit und das Vertrauen in der Führung der Geschäfte ausgesprochen, wobei das Bedauern durchklang, daß infolge der Not der Zeit die Leistungen zurückgeschraubt werden müßten. Tie vorgesehenen Abstriche wurden ohne Debatte unter dem Druck der Verhältnisse gutgeheißen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß in besseren Zeiteit wieder mehr geleistet werde:: könnte. Rechtsanwalt Jung-Nürnberg wünschte für die Zukunft, mehr als es bisher geschehen, eine Beschränkung der Ausgaben auf den Gebieten, die bei der herrschenden Not zurücktret-n: müßten. Rechtsanwalt Feilchenfeld-Nürnberg bat um stärkere Berücksichtigung der sozialen, Hauptlehrer Dr. Bamberger-Nürnberg um stärkere Förderung der kulturellen Aufgaben, insbesondere der Volksschulen. Er richtete einen Appell an die dem Verband angehörenden Mitglieder des Central-Vereins, daß in diesem Verein eine Plattform geschaffen werden möchte, auf der sich alle ohne Unterschied

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