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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-02 · 27 (2.7.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
27 (2.7.1930)
Date
1930-07-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Lebensnöhe der Religion Zur Diskussion über das Dresdner Referat Ij was wohl niemand bezweifeln wird - Forderungen, die sich Das religiöö-liberale Judentum ist eine Religion der > aus dem Geiste, aus der Idee des Judentums ergeben. Aber Lebensgestaltung. Im Judentum ist seit Verkündung des Zehnworts und ganz besonders seit der Wirkungszeit der Propheten die sittliche Tat des einzelnen religiöse Handlung gewesen. Wenn wir also Lebensnahe der Religion fordern, so drängen wir zur Verwirklichung der elementarsten Pflichten des Einzelwesens gegenüber der Gemeinschaft. Das Erlebnis des Weltkrieges und in seiner Folge die ungeheure Wirtschastskrife der Gegenwart bat dem Menschen den Glauben an den Nebenmenscheu und damit fast alle religiösen Ideale geraubt. Die Erschütterung der materiellen Fundamente hat eine um so bedrohlichere Äulturktise zur Folge gehabt, deren Auswirkungen sich am besten in vielen Kunstzweigen — in den Ideen der Tendenzen oder dem Suchen nach neuen Ausdruclsmitteln - nur zu deutlich offenbare'.!. So macht sich nun in unserer Zei: der Not vieler Mil lionen Menscherr, der Unsicherheit aller rvirtschastlicheu Lebensbeziehungen immer stärker der Wunsch nach religiösen Wertet: bemerkbar, die nicht nur dem einzelnen innere seelische Stütze sein, sondern auch das Kolleklivbewußtseiii der Gemeinschaft fördern können. A u f g a b e d e r R e 1 i g i o n j e d o ch s o t > r e e s s e i n , nicht nur in Krisen z eiten Wiederaufbau zu l e i st e ir, s o n d e r n E r e i g u i s s e zu v e r h i u d e r n, die derartige Krisen v e r u r s a ch e u. Unsere Wirr Endes die Ursachen zum Ausbruch dieses grausigen Krieges begründet in dem ungeheuren Mange! an Religiosität und Berantwortungsbewusttscin der gesamten europäischen Mensw heit der Vorkriegsjahre? Ursachen und Wirkungen des .'istjährigen Krieges bieten ein analoges Beispiel ans der Ge schichte: Tie Ursache war eine abseitige Zerfahrenheit, ein Mangel an gefestigt religiösem Bewusttsein - die Glauoens streitigkeiten waren nur der Ausdruck dieser inneren Kämpfe und bildeten den An las; zur ersten Schlacht die Folge war ein Krieg mit Verwüstung ganz Deutschlands, fast völliger Vernichiung des Bauernstandes. Neben der fosoriigen Wirt fchaftskrise blieb die Kulturkrise 'nicht aus. Ich e'.inner-.' nur an den völligen Niedergang der deutschen Muttersprache und ihrer Literatur im 17. Jahrhundert. Ist cs also uicht stete Aufgabe der Religionen, durch religiös-sittliche Erziehung der Menschen derartigen Ereignissen und Krisen solch ungeheuren Ausmaßen vorzubeugcn? Zur Förderung und Verwirklichung unserer religiös liberalen Ideale, sofern sie eine verantwortungsbewußte tontmende Generation erstreben, müssen wir mit aller Energie neben der organisatorischen Erfassung auch eine jüoische Erziehung der Jugendlichen im Religionsunterrichte fordern. Es läßt sich nicht leugnen, daß der Religionsunterricht, dem ein gut Teil dieser Erziehungsaufgabe zufällt, noch häufig unter methodischen Mängeln leidet. Wenn wir nicht dafür Sorge tragen, daß eine Jugend erzogen wird, der die Religion Grundlage und Wesenszug ihres Judentums bildet, so müssen wir mit steter Zunahme der religiösen Indifferenz unter der Jugend rechnen. Neben der Kenntnis der religiösen Grundlagen des Judentums ist es dringend erforderlich, daß die Ereignisse der jüdischen Geschichte nicht mehr chrono logisch um ihrer selbst willen betrachtet werden, sondern in ihrer Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft gewertet werden, wie Frank Tieß einmal sagt: „Erinnerungen sind nicht Bilder in einem Album, sondern Bausteine für die Zukunft." So bildet der Religionsunterricht uicht nur ein nicht zu unterschätzendes Problem unsere': Nachwuchsfrage, sondern er hat die große Aufgabe religiöser Erziehung der Jugend im Sinne der Völkerversölmung. * Was die Wirtschaftslage betrifft, so ist man heute in allen Ländern der festen Ueberzenguna, daß der schweren Weltwirtschaftskriiis nur auf internationalem Wege mit dem guten Willen aller beteiligten Staaten abgeho'fen werden kann. Wenn man tu den Ländern, die unter den Auswirkungen dieser Wirtschaftskrise, unter ungeheurer Arbeitslosigkeit, zu leiden haben, die Erwerbslosenunterstützung eingeführt hat, so hat man gewiß ein Werk geschafft, was aufs dankbarste zu begrüßen ist. Man muß sich jedoch klar sein, daß man mit der Erwerbslosigkeit nicht das Ucüel selbst, sondern nur ein Symptom der WeltwirtßchaftSkrisis bekämpft. Wie soll nun eine gründliche Teilung der kranken Weltwirtschaft erfolgen? Ich sprach oben über religiöse Erziehung und in diesem Sinne ist es dringende Ausgabe aller Welt religionen in den vielen Staaten und Wirtschaftszentren, zielbewußt eine schleunige Einigung aller an der Weltwirtschaft beteiligten Volkswirtschaften etwa nach Maßgabe einer Weltwirtschaftskonserenz zu fordern. Es ist die große Pflicht der Weltreligionen, die Menschen den Gedanken der Wirtschaftssolidarität aller Erdenbewobner zu lehren. In diesem Sinne wäre vielleicht eine vereinte Bekämpfung der kranken Weltwirtschaft erfolgreich. Auch der Weltveckand für religiös liberales Judentum sollte auf seinen Kundgebungen mit aller Energie und Deutlichkeit für die Einheit der Weltwirtschaft wirken! Hans M. D-anzi ger, Jli-Breslau. II. Religion und Leben — sie gehören zusammen. Eine Religion, die die Beziehung zum Leben verloren hat, hat keine Berechtigung mehr. Tenn zu wahrer Religion gehört zweierlei: Die eigentliche Religiosität und die Verwirklichung ethischer und sozialer Ideale der Religion im Leben. Dem .Judentum unserer Zeit ist beides abhanden gekommen. An die Stelle wahrer Religiosität tritt immer mehr die bloße Form, und von Lebensnahe der jüdischen Religion ist nichts mehr zu verspüren. Sollte sie deshalb etwa dem Untergänge geweiht sein? Tie Dresdener Jli-Tagung hat — und darin liegt ihre besondere Bedeutung — diese Annahme gründlich widerlegt. Die religiöse Weihestunde der Resormjugend, die sicher für alle Teilnehmer ein Erlebnis ersten Ranges gewesen ich hat uns praktisch gezeigt, aus welchem Wege wir wieder Religiosität schassen können; und das Referat des Herrn Woyda hat uns Vorschläge für die Verwirklichung jüdischer Ideale im Leben gebracht. Abschaffung der Todesstrafe, Weltfrieden,-humanere Kolonialpoliti! und Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die den Menschen seelisch zugrunde richten muß, das sind — eine Frage hierzu muß noch beantwortet werden. Sollen diese Tinge durch das Judentum als Gemeinschaft und ganz besonders durch jüdisch-liberale Vereine oder durch jüdische Persönlichkeiten gefordert werden? Und ich glaube, nichts raun so wirksam sein, wie gerade das letztere. Denn was nutzt die Bcsürtvortung dieser Ideale durch jüdische Vereine, wenn sich nicht draußen im Leben alle jüdischen Persönlichkeiten als jüdische Menschen dazu bekennen. Und das ist in letzter Zeit viel zu wenig der Fall gewesen. Darum möchte rch mit dem Appell an alle Juden schließen: „Jüdische Männer und Frauen, beteiligt euch am politischen Leben und kämpfet dort für die Ideale des Judentums! Denn dann erst wird die „Lebeusnäht der jüdischen Religion" mehr als eine leere Phrase sein!" Alfred Pieck, Jli-Ratibor. III. 'Aach dom Beschluß der Jli-Tagung soll dieses Theiua auf Grund des Woyda'scheu Referats' tu diesen Blättern durchgesprochen werden. Es sei gestattet, den Rahmen etwas weiter zu spannen und zu versuchen, einige grundsätzliche Fragen in diesen: Zusammenhang mit in die Debatte zu werfen. „Lebcusnähe der Religion." Weicher Religion? Der katholischen, evangelischen, jüdischen, mohammedanischen Re Welch)er Religion also? Antwort: Der Religion lich! r I auch i wir zunächst uns mit der Religion schlechtbin za beschöfi tige», da ja auch tatsächlich wozu es leugnen? die; Krise des religiösen Gedankens vor keiner einzig.-u Kon i jc'iiu'M Halt macht. i Und schon iiitD wir wird Je man-) einiv'nden „mal wieder" in den Fehler verfallen, Retigion gleich! Kon sessn'n zu setzen. Diesmal aber mit voller Absicht' gäbe e-s mehr aufrichtige „Betenmr", - - eJitrefito!! wDe um die Religion besser bestellt! Wo waren die Diener der Religion, die warne .-Krieges um „Bekenner' Mut ihr „Hier stehe ich, iau lh'*? h- Uü nicht anders" vertraten? Es waren in m::gen Läusen: > einige Wenige, die ihr „Du sollst nicht töten" eorckck; bis j zum letzten Ende fonfcquetti durchsetzten und üewenhast den l Weg des Märtyrers für eilte Idee gingen. (Turunter wäre;: übrigens Persönlichkeiten, die man fälschlich „ateligiös" oder „atheistisch'' nennt, weil sie sich in Widerspruch mit den! offiziell anerkannten Religiousgemeiuschaften setzten.) Hier j hacken wir „Lebensnahe der Religion". Nein, man zeigte I uns ein Zerrbild von Religion, wie man es nie für möglich! gehalten hätte. Bon Geistlichen aller Konfessionen wurde! die Religion profanen Zwecken dienstbar gemacht.! Wer den „Bckenner"-Mut, offen sein „Du sollst nicht i töu’ii" in die Welt zu schreien, nicht aufbrachte - kein böses I Wort über ihn: e-s ist nicht Jeder zum Helden geboren. 1 Aber fouitte er nicht schweigen? Mußte er das Widerlichste tun, was rin Namen der Religion getan werden konnte? I Mußte er Gott bitten, die Waffen zu segnen, die Tod und | Verderben bringen sollen? Hier den deutschen Gott, drüben | den französischen Gott - und alle doch wieder den einig einzigen Gott, Vater aller Menschenkinder, in dessen Namen ja alle Menschen Brüder sein sollen? Die Religion wurde zur Dienerin politischer Zweckmäßigkeit mißbraucht. Damit aber wurde in vielen, und zwar nicht den schlechtesten, Menschen die Frage lcrnt:^Jst denn das, was Du am Sonntag in der Kirche, am Sabbat im Tempel hörst, ist das n,och Religion? Ist das nicht nur leeres Lippenbekenntnis, das bei einer neuen Prüfung wieder nach Bedarf „interpretiert" wtrd? Und so kam die ungeheure Bewegung „ins Volk", die sich in Mossen-Austritte aus den verschiedenen Religionsj gemeinschasten umsetzte. Tie tiefe Enttäuschung einer wit-! ligen und gläubigen Gefolgschaft inachte sich Lust. Kritische i Beobachter loerfen gerne die Frage ans, ob es denn wirklich nur ein Zufall sei, daß gerade bei beit primitivsten Völkern die gläubige Religiosität am aufrichtigsten, ja bis zum Fanatismus gehend, sei. und daß mit der Ausbreitung der Kultur auch die Religion an Boden verliere. Es ist hier nicht der Raum, diesen Fragenkomplex genauer zu untersuchen. Es ließe sich Manches dafür und dawider erttgeguen. Das Eine aber kann hier gesagt werden: Man höre endlich damit aus, Religion, Religiosität, mit den offiziellen Religionsgemeinschaften und deren Bräuche vorbehaltlos zu identifizieren! Ich kenne „religionslose" Menschen, die aus tiefster Religiosität ihrer Religionsgemeinschaft den Rücken gekehrt haben und im —- Sozialismus, Pazifismus usw. eine Stätte gefmtden haben, wo sie ihre Religion ohne opportunistische Konzessionen — leben können. (Dies hier zu bekennen, erscheint gerade dem Nicht-Sozialisten ein Gebot der Loyalität.) Und da sind wir am kritischen Punkt angelangt! Religion will gelebt sein, nicht proklamiert, nicht in Formen, nicht in Riten eingeengt sein. So scheint mir d i e Voraussetzung einer „Lebensnahe der Religion" — nun, die „Religionsnähe des Lebens" zu sein.! Bitte, diese Forderung ist mehr als ein Spiel mit Worten, wie skeptische Kritiker glauben möchten. „Religionsnähe des Lebens"! Das heißt in einer Zeit wie der unseren dem Leben einen Inhalt geben. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Kümmere Dich uicht erst um ihn, wenn er an den Nöten dieser Zeit zu Grunde gegangen ist; hilf ihm, wenn Du schon materiell dazu nicht in der Lage bist, sich seelisch aufrechtzuerhalte'u. Zeige il'm, daß es Menschen gibt, die sich seiner annehmeu; beweise ihm, daß Dir das Menschenleben heilig ist, das wert ist, in jedem einzelnen Falle aufgerichtet und gepflegt zu werden. Organisiere aber nicht dazu einen neuen Verein: sieh' Dich um, und Du wirst genug „Nächste" finden, die schon ein aus ehrlichem Herzen gesprochenes gutes Wort trösten und aufrichten kann. Warum gerade dieses Beispiel? Religion religio (relegere), das „Wieder-Verbinden", das alte Wort, daß wir Menschen alle „Brüder", alle „Kinder eines Gottes" seien, dieses Wort scheint mir die zeitgemäße Ausdrrtcksform tiefer und echter Religion zu sein. Die Mechanisierung im engsten und weitesten Sinne schreitet fort. Der Mensch wird wie eine Maschine, gleichsam nach PS, geweriet — in einer Zeit straMer Nationalisierung ein Gebot wirtschaftlicher Erwägungen. Und doch: Der Mensch kann und darf nicht zur Maschine werden! Der Mensch, „das Ebenbild Gottes", hat eine Seele. Mögen die organisierten Religionsgemeinschaften immer mehr ihre Anhängerschaft nach „Zensiten", Steuerzahlern, zählen, uns ist das alte Wort von den „Seelen", die sich zu der oder jener Religionsgemeinschaft bekennen, mehr, uns ist! es der RAigion gemäßer. Und wem: wir daher die Forderung nach „Religionsnähe des Lebens" stellen, so tuen wir es, weil wir des ewigen Geredes, des ewigen Lippenbekenntnisses, müde sind. Weil wir Persönlichkeiten sehen wollen, die ein aufrichtiges, religiöses Leben uns Vorleben, die den Mut zur eisernen Konsequenz Ijabm, die den Mut im Namen der religiösen Wahrhaftigkeit ausbringen, beispielsweise zu sagen: „Weil wir, wie die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden, der Auffassung sind, Religion lasse sich nicht nach dem Jnnehatten dieser oder jener überlieferten Riten bewerten, deshalb streifen wir diese Riten ab, um der Religion willen. Es gibt keine ztocierlei Religion für Rabbiner und Laien. Diese Art von doppelter Moral lehnen wir als unwürdig ab." Dann, wenn dies eintritt, daun fängt Religion au, lebensnahe zu werden. Dann wollen wir wieder glauben, daß es „Bekenner" gibt, deren „Hier stehe ich, ich, kann nicht anders" auch ernsteren Proben ftandhalten wird, und die das, was ihce Kollegen „in großer Zeit" dem religiösen Gedanken geschadet haben, wieder gutmachen werden. Wenn die Religion diese Führer einmal wieder haben wird, deren Tuen und .Handeln mit ihrem Reden ftfurorm geht, dann wird echtes religiöses Lebert wieder einzi-ehen, weil diese Führer auch d i e Autorität haben werden, menschliches Vertrauen zu gewinilen und damir Den vielen seelischer Verzweiflung nahen Menschen den Gtaubei: an sieb selbst wieder zu geben, den Glauben auch an den Satz, das; der Mensch gut sei. In diesem Sinne, und nur in diesem Sinne, wird über die „Religionsnähe des Lebens" die „Lebensnälie der Religion" von der Forderung zur Wirklichkeit werden. Jeder Einzelne aber von uns ist verpflichtet, durch 'ein eigenes Beispiel uns diesem Ziele näher zu bringen. Ludwig H e r r nt a u u, Berun. Aceiflichter zur Dresdner Tagung Bon Martin »Glast. I. Die Prognose mar günstig. Organisatorisch s-giert alles bestens vorbereitet, vieles durch die vorangih. nde, sehr reichhaltige Tisiusjion geklärt. Wisent.icke Diss-'renz.n bestanden kaum noch, alles deutete aui eine repräsentative Veranstaltung im besten Sinne hin, II. Guten Willen bare mau niemarwcm av sprechen. Aber wo blieb trotz aller Rufe zur Klarheit das Willensobjekt? — Zweifellos lag die Gefahr nahe, sieh durch die abstrakte Sphäre, die dem Liberalismus eigentümlicher als den au° deren jüdischen Richtungen ist, verleiten zu lassen, sich, an Worten zu berauschen und darin Erfüllung zu sehen. Aber sollte maii nicht gerade von jungen, beweglichen Menschen verlangen tonnen, daß sie konkrete Ziele und Arbeitsmöglichf- Teiint ' zeigen? Tie Mehrzahl blieb bei ehrlicher Begeisterung stehen und stellte lein fest umrissenes Arbeitsprogcamm ans,' das richtunggebend für 'die nächste Zeit 'hätte sein können. Die Schuld daran trifft nicht die Aeiteren, die die leitenden Referate hielten. Boi: Ihnen kann man nichst mehr den gleichen Radikalismus verlangen, der der Jugend eigentümlich sein sollte, Die noch nicht die Hemmungen der Erfahrung hat. III. Wer ist diese Jugend? — Zum großen Teil stammt sie aus Kreisen wirtschaftlich leidlich gesicherten Bürgertums. Sie kämt es sich leisten, über Fragen der Erneuerung des GotlesdielMs, über Wiedereinführung von Gebräuchen in das häusliche kultische Leben zu diskutieren und in der Dnrch^- führnng dieser Ideen Zweck und Ziel ihres Bundes zu sehen. Diese Arbeit ist gewiß auch notwendig, es ist auch eine praktische Betätigung, die sich aus liberaler und mitunter jugendlicher Gesinnung herleitet: aber hat das nicht verzweifelte Aehnlichsseit mit der Tätigkeit kleiner christlick er Sekten, Die ([tauben, an den Zeitfragen dadurch positiv zu arbeiten, daß sie regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes empfehlen und im übrigen alles dem lieben Gott überlassen? IV. Draußen vor dem Hause der Dresdener Kaufmannschaft: bewegt sich ein endloser Zug Arbeiterjugend durch die Straße. Sie singen die Internationale, Entschlossenheit und Kampfbereitschaft für den Wahlsonntag malt sich ans ihren Zügen Ironie: gleichzeitig spricht Bruno Wooda über Lebensnähe der Religionl Für die Jugend aus der Straße, Die weder akademische Bildung noch gute Kinderstube hat, gibt es keinen Konflikt zwischen Leben und Weltanschauung, für sie ist die Einheit etwas Selbstverständliches. Lernen wir von ihnen Aktivität uno mit beiden Füßen auf der Erde stcben! V. Aber ich will nicht nur nörgeln. Welche Kleinarbeit — denn damit können wir uns natürlich bei unseren verhältnismäßig bescheidenen Kräften nur befassen — ist jetzt zu leisten? — Ich schlage vor: 1. Bei den Wahlen im Herbst ist auch das letzte Mitglied in den Dienst des Wahlkampfes zu stellen. Hinter dieser Arbeit mag die rein theoretische ruhig eine Weile zurücktreten. 2. Stärkere Erfassung proletarischer und proletar'siebter Kreise als bisher. 3. Beteiligung an der Fricdensarbeit in internationalen und interkonfessionellen Organisationen. Ich stelle mir das l aber nickst so vor. daß. man Kundgebungen besucht und! Beifall klatscht, sondern durch? Hilfe bei Schüler- und Stu-! dentenoustausch^ durch Unterstützung durchreisender internati)- , na'er Wandergruppen, Beteiligung an inteenationalen Lagen: etc. ck. Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf Isolierung jüdischer von anderer deutscher Fugend hinzielen. Das mag genügen. Kein Riesenprogramm autzstellei: und nachher nicht ein Zehntel ourchführcn! Daneben wollen wir in gemeinsamer theoretischer Arbeit unser Wissen vom Judentum vertiefen. Erste und oberste Aufgabe aber sei die Tat!

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