Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 27 (2.7.1930)
- Date
- 1930-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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in diesem Jahr einen Zuschlag von 10 o/o zur Reichseinkommcnsteuer «icht überschreiten. Aus diesem Grund »oerden die Ausgaben um -einige Tausend Mark hinter den vorjährigen Zurückbleiben. — Die (%•- incinbe Krefeld tritt dem „Provinzialvcrband der Rhein Provinz für jüdische Wohlfahrtspflege" bei. Main). (Milde Strafe für einen völkischen Totschläger.) Vor dem hiesigen erweiterten Schöffengericht mußte sich Ler nationalsozialistische Agitator Rebhahn aus Darmstadt wegen Tötung des Kaufmanns Richard Kahn aus Alzey verantworten. Der Angeklagte hatte in einem Gasthause hetzerische antisemitische Reden gehalten und die Juden beschimpft, der Kaufmann R. Kahn fühlte sich beleidigt; es entstand ein Wortwechsel, der sich auf der Straße sortsetzte. Rcbhahn gab aus seinem Revolver mehrere Schüsse aus Kahn ab, der tödlich verletzt wurde und an den Folgen kurz darauf starb. Trotzdem üas Gericht Notwehr des Angeklagtem für ausgeschlossen hielt, brrun-'Üte es ihn nur zu einer Gefängnisstrafe von vier Monaten; der Staatsanwalt harte eine Gefängnisstrafe vorr einem Jahr beantrag:. Plaue«. (G e m e i u d e r a l s f i tz u n g„ Am 26. v. M. fand die erste Gemeinderatsfitzuug im neuerbauten Gemeindehaus statt. Der Vorsitzende der Gemeinde, Dr. Goldbcrg, begrüßte die Gemeindeverordneten und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß zum ersten Mal seit bestehen unserer Gemeinde eine Gemcinderatstagung auf eigenem Grund und Boden stattsindet. Er gedachte ferner in ehrenden Worten unseres Kassierers und Vorstandsmitgliedes Ater Löwenkhal, der ununterbrochen seit 15 Jahren die Kassengeschäfte unserer Gemeinde führt. Zur Tagesordnuirg übergehend, gab der Vorstand bekannt, daß er, einem Wunsche der „Konservativen Vereinigung" folgend, die Wochentagssynagoge am Freitag-Abend uird Sonnabcird zur orthodox vi Gebetsausüb'ing bestimmt habe. Das geschieht ohne Einfluß auf ds.t in der H.v.:pisynagogc stattsindenden liberalen Orgelgottesdienst. Ver-biedo''? Male ivar die neue Synagoge schon Gegenstand von Sachbest. .igung und dergl. Es ist auch jedesmal Anzeige bei der Kriminalpolizei erstattet worden, ohne daß es bisher gelang, einen Täter so zu entdecken, daß man ihn Hütte strafrechllich verfolge,,! können. Die neue Synagoge ist oft das Ziel vieler Besucher aus andersgläubigen Kreisen. Die Gemeinde hat zu verschiedenen Malen öffentliche Führungen mit Erklärungen durch den Prediger, und auch einen öffentlichen Gottesdienst mit einer Predigt „Judenhaß und Nächstenliebe" abhalten lassen. Es dürsten schätzungsweise 5000 Personen an düsen Veranstaltungen tcilgenommen haben. Sicher ist es, daß diese Führungen auch sehr erheblich ausklärend wirken. Für die Zeit nach den großen Ferien sino die Schulen aufgesordcrt lvorden — einer Anregung ans Schülerkreifen folgend — klassen.weise die Synagoge zu besichtigen. In diesem Zusammenhang ist noch zu bemerken, daß K Herren der Hamburger Jüdisch-Deutschen rtzemciude hier waren, um sich sehr eingehend unseren Synagogcnbau anzusehen. Sie waren hochbefriedigt von dem Gesehenen und tießeu sich so manches als Vorbild dienen für den eigenen Neubau. Herr Tr. Goldbcrg stiftete einen Grundstock zu einer Gemeindcbibliothek, indem er 07 Vände jüdicher Wisssenschast und Literatur spendete. Es wurde ihm dafür, wie überhaupt für die Fürsorge, mitder er die (Gemeinde betreu:, der wärmste Dank der Gcmeindeverordnctcn ausgesprochen. Für den Schulausschuß erstattete Öm Prediger Hermann den Bericht, dem zu entnehmen ist, daß unsere Rcligionsschule im Jahre >020 von insgesamt 115 Kindern besucht wurde. Der Schulbesuch tvar gut, die Leistungen ebenfalls. Auch kann der Gesundheitszustand der Kinder als gut bezeichnet werden. In die Ferienkolonie entsandte die Gemeinde 13 Kinder. In der Schächtsrage wurde beschlossen, den Lairde-svcrband sächsischer israelitischer Gemeinden zu veranlassen, sei,: Augenmerk genauestcns auf die Strömungen zu richten, die auf ein Schächtverbor in Sachsen hinzielen. Durch den Ausfall der Wahlen wird diese Frage wohl besonders akut werden. Der Synagogenausschu,, .jitzeudc stellt den Antrag, den liberalen Gottesdienst in Zukunft am Sonnabend um 10 Uhr mit dem Aushebcn beginnen zu lassen und das Schacherisgebet Wegfällen zu lassen. Dieser Vorschlag wird dem Vorstand zur Beratung übergeben. Es wird dann die Einsetzung eines Synagogen- Wirtschafts-Ausschusses beschlossen, dem auch Gemeindcmitglicder, die nicht dem Gemeinderat angehören, zugewählt werden sollen. Dieser Ausschuß soll die Verwultung des Neubaues in wirtschaftlicher Hinsicht übernehmen. Tie Sitzung dauette von 8 bis 12 Uhr. Stuttgart. (Jahresversammlung der jüdischen Wohlfahrtsvereine Württembergs.) Der Landesverband der jüdischen Wohlfahrtspflege Württemberg, dem sämtliche Gemeinden angehören, befaßte sich auch in diesem Jahre wieder mit der Betreuung der Durchreisenden, Gcsangeiien, entwickelte eine mannigfaltige Betätigung auf dem Gebiete der Gesundheits- und Erholungssürsorge, Anstaltsfürsorge und Swllungsvcrmittlung. Wie überall ist auch hier die Wanderfürsorge das größte Sorgenkind und cs könnte auch eine lebhafte Diskussion hier keine Richtlinien für eine cinschiieweiwe Besserung bringen. Tie Zusammenarbeit mit der inicrkonsessivncllcn Fürsorge ist in Württemberg -sehr gut geregelt, der Landesverband arbeitet regelmäßig mit der Jugendgcrichtshilfe, die auch im vergangenen Jahr eine Besichtigung der jüdischen Erziehungs- und Waisenhausanstalt vornahm; die dabei anwesenden Richter, Polizeibeamten und Geistlichen waren über die Form der im .Heim geleisteten Arbeit äußerst besriedigt. Es wurde im vergangenen Jahre die Stuttgarter Gerichtshilse ausgebant, um den erwachsenen Straffälligen soziale Gerichtshilse zukommen zu lassen. Auch hier wurde der Württembergische Jüdische Landesverband um seine regelmäßige Mitarbeit und Vertretung bei Gericht gebeten. Sulingen. (W i e d c r e i n w c i h u n g des G v 11 e s h a u f c s.) Die hiesige kleine Gemeinde hat ihr schlichtes Gotteshaus in neuem Geioande erstehen lassen. Als Neuerung wurde ein Mev tomib (Ewige Lampe) vor der heiligen Lade angebracht. Im übrigen gewähren die antiken Beleuchtungskörper einen würdigen Anplick, sie verleihen dem (Gotteshaus auch den anheimelnden Charakter. Lehrer Lazarus, Lübbecke, vollzog die Einweihung, die allen Teilnehmern zur erhebenden Feier wurde. Ulm. (K i r ch e und Wirtshaus.) Anläßlich der zur Zeit am hiesigen Platze stattsindenden Ausstellung „Der gute tzsasthos" macht Prälat a. D. D. Plant beachtenswerte Ausführungen, die auch für die große jüdische Oesfentlichkcit nach verschiedenen Gesichtspunkten von wesentlicher Bedeutung sein dürften. So schreibt u. a. der in allen Kreisen hochangesehenc Gelehrte: Es ist völlig ernst gemeint und möchte ebenso ernst ausgenommen werden, wenn mit diesen Zeilen ein Mann oer Kirche — nicht offiziell, denn er steht nicht mehr iw. aktiven Dienst, sondern rein persönlich, aber eben doch vom kirchlichen Standpunkt aus den Männern des „guten Gasthoss" ein Wort freundlichen Grußes critgegenbringt. Wie schädlich ein Wirtshaus sein kann, das skrupellos arbeitet, das liegt klar vor Augen, nicht minder auch das Entgegengesetzte, wie wertvoll eine richtig geführte Gaststätte und tüchtige, charaktervolle Wirtskante für das Leben einer Gemeinde sind. i „Kirche und Wirtshaus" — das scheint freilich zunächst eher | ein Gegensatz als eine .Harmonie zn bedeuten. Und manchenorts mag es auch so sein, daß der Pfarrer nicht gut aus das Wirtshaus, das Wirtshaus nicht gm auf den Pfarrer zu sprechen ist. Mit welchem Recht aus beiden Seilen, das soll hier nicht uniersucht werden. Aber die Regel sollte das nicht sein. Es gibt doch in Stadt und Land genug der guten Gaststätten und in Stadt und Land genug ehrenwerte Vertreter des Wirtsberuss, — nicht zu vergessen die Wirtinnen, die oft mütterlich für ihre Gäste zu sorgen bemüht sind — Leute, die in dem gewiß nicht leichten, so versnchungsreichen Stande rechtschaffen und christlich sich zn halten bestrebt sind. Und im Wirtsberuf charaktervoll handeln, nichts Unrechtes in seinem Hans und Betriebc dulden, das ist gewiß noch höher anzuschlagen, als wenn ein Pfarrer oder Beamter oder auch Handwerker in seinem Beruf seine religiös-sitttiche Stellung behauptet. Ich habe von jeher vor solchen Vertretern und Vertreterinnen großen Respekt gehabt. Was ist es nun aber, >vas eben doch Kirche und Wirtshaus häufig in Gegensatz zu einander bringt? Es ist — wenn ich ganz offen reden soll — meines Erachtens die immer noch zu enge Bei> bindung, die zwischen Wirtshaus und Alkohol besteht, genauer: die immer noch beherrschende Stellung, die die alkoholischen Getränte hier einnehmen. Niemand fürchte, daß ich für Trockenlegung Deutschlands eintrete! Wer sein Glas Bier, Most, Wein im Gasthaus genießen will, dem sei es unverwehrt. Aber es sollte auch der alkohott freie Gast mehr als bisher auf seine Rechnung kommen. Es ist ja in diesem Stück sehr viel besser geworden, das muß dankbar anerkannt werden. Das neue „Gaststättcngesctz", das mit 1. Juli in Kraft tritt, schreibt sogar unter Strafandrohung vor, daß jede Gaststätte auch alkoholfreie Getränke zu führen habe und daß ein Preisanschlag für „Gäste, die nichts trinken", nicht statthaft sei. Aber zur Zeit tvird doch noch tveithin eine starke Bevorzugung der geistigen Getränke in den Gast- und Schankstättcn festzustcllen sei.h Ich meine NUN, anstatt die alkoholfreien Geträirke als unliebsame Konkurrenten mit unfreundlichem Auge zu betrachten, sollen unsere Wirte une (Gastgeber ans der wachsenden Bewegung für „gärungslose Früchte- Verwertung" Gewinn ziehen, indem sie für die nicht kleine Zahl der Gäste, die das wünschen, auch alkoholfreie Getränke in größerer Auswahl führen. Denselben Rat hat unlängst in einer Schweizer Wirtszeitung ein Wirt seinen Berufsgenossen gegeben und es ist nicht cinzw sehen, warum sich unsere Wirtschaften den Vorteil entgehen lassen sollten, den z. B. das Süßmostsaß bietet. Das Publikum muß hier allerdings auch mithelfcn und sich von der Anschauung losina-chen, daß es männlicher sei, vergorene Getränke zu trinken uird daß deir Fruchtsäften der Charakter des „Schwächlichen" anhafte. Und wäre es nicht möglich, daß neben den unvergorenen Fruchw saften, die allmählich doch in recht guler Qualität und preiswert und haltbar hergestellt werden, daß der gute Gasthof auch die Früchte selbst zum Genuß der Gäste bereit hielte, je nach der Jahreszeit r Das Unwürdige eines Trinkzwangs ist ja nach uird nach allgemein anerkannt. Tie Freiheit ist auch aus diesem Gebiet das einzig Richtige und Würdige. So schädlich ein Uebermaß von Wirtshaus-Geselligkeit -.»sbe sondere für das Familienleben und für die Heranwachsende In wnd ist. so wenig ist Wirtshaus und Gaststätte zu enwehren als d>r häufig einzige Ort neutraler, allen zugänglicher Geselligkeit. Uno die soziale Ausgabe, die hier vorliegt und die zu erfüllen ist, für viele eine Stätte der Ausspannung und der Erholung zu sein, ist nicht gering einzuschätzen. Wir haben darum alle, auch vom kirchlichen Standpunkt ans, das größte Interesse daran, daß der „gute Gasthof", de: in jeder Beziehung dies Zeugnis verdient, möglichst allenthalben perwirkliclst werde. Dem will auch die gegenwärtige Ausftellüng dienen. Berichtigung In dem Artikel „Jesus und das 7. Gebot" sind uns einige Trucksehler unterlaufen. Es darf nicht heißen: Das Gegenstück seiner Lehre, sondern das Herzstück seiner Lehre: ferner darf cs nicht heißen: Ter Stifter einer das Judentum regierenden Religion, sondern er könne nicht der Stifter einer das Judentum n e gierenden Religion sein und weiter darf es nicht lauten: in Jesu Behauptung, sondern: deshalb kann ich in Jesu Erweiterung des 7. Gebotes keine Gedanken finden usw. Gesucht sem. gebildeter Lehrer mit anerkannter Lehrbefähigung im Zeichnen für öffentliche höhere Schule. Gehalt nach staatl. Besoldungsordnung u. Ruhegehaltsversorgung. 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