Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 25 (18.6.1930)
- Date
- 1930-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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10. Jahrgang Nummer 25 Beilage IS. Juni 1930 London i Von Rechtsanwalt Heinri ch Ster n. Vom 19. bis 22. Juli ds. Js. sindet in London die diesjährige Konferenz des „Weltverbandes für religiös-liberales Judentum" statt, die zweite aus englischer Erde, die dritre seit Gründung des Verbandes. Das Programm, welches unten verzeichnet isß zeigt, daß eine interessante Mischung von grundsätzlichen, insbesondere theologischen und religionsphilosophischen Erörterungen und von praktischen Besprechungen den Gegenstand der Tagung bildet. Wesentlich und neuartig ist insbesondere, daß im Anschluß an die Tagung die erste internationale Frauen- und die erste internationale Jngmdtagung aller Länder stattsinden wird. Das Programm, auch das gesellschaftliche, spricht für sich selbst!, wer einmal die Gastfreundschaft unserer englischen Freunde genossen hat, wird wissen, daß uns sowohl geistig anregende, wie herzcrquitkende Stunden gemeinsamer Arbeit bevorsiehen. Es haben schon eine Reihe unserer Freunde erfreulicherweise ihre Teilnahme sür London angemeldet. Es liegt uns aber daran mit möglichst großem Aufgebot den Besuch unserer Freunde vom Jahre 1928 zu erwidern. Wir fordern daher unsere Mitglieder und Freunde aus, bei der Geschäftsstelle unserer Vereinigung sur das liberale Judentum, Berlin SW 11, Hallesche Straße 1, ihre Teilnahme anzuzeigen, wobei wir uns Vorbehalten, die offiziellen Delegierten zu benennen. Aber auch diejenigen unserer Freunde, die nicht offizielle Delegierte sind, sind gern gesehene Gäste; sie haben zu allen Veranstaltungen, mit alleiniger Ausnahme der geschäftlichen Sitzung, Zutritt. Da unsere Londoner Freunde eine bedeutende Reisekostenermäßigung beschaffen können, und da ferner jeder, der es wünscht, in Privatquartier uutergebracht. wird, so dürsten auch die Kosten der Reise, die ja in die großen Ferien fällt, geringer sein, als sonst eine Möglichkeit jemals nach England zu kommen. Es ist eine gemeinsame Hinreise, voraussichtlich am 17. Juli vorgesehen; die Rückreise kann auch bei ermäßigten Preisen jeder einzeln machen. Aus die Tagung selber werden wir noch zurücktommen. Diese Zeilen sollen nur die herzliche Bitte an unsere Freunde aussprechen, sich an der Konferenz zahlreich zu beteiligen. i i Vorläufiges Programm der Zweiten Konferenz ~ des Weltverbandes für religiös - liberales Judentum I"?» ...''ay-: : yi m V in der Liberal Jewish Synagoge, 28, St. Johns's Wood Road, London N. W. 8 und in der West London Synagoge of British Jews, 34, Upper Berkeley Street, Portmann Square. W. 1 von Freitag, den 18. Juli dis Dienstag, den 22. Juli 1930 Freitag, 18. Juli, abends in der Liberal Jewish Synagogue Feftgottesdienst in deutscher Sprache nach der Liturgie der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin. Predigt: Rabbiner Tr. Joseph Lehmann (Berlin). Sonnabend, 19. Juli, vormittags 11 Uhr Festgottesdienst in der West London Synagogue of British Jews. Predigt: Rabbiner David Lefkowitz (Dallas, Texas), Präsident der Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner. 1.30 Uhr für die Führer der Mitgliedsorganisationen des Weltverbandes Lunch, zu dem der Präsident der West London Synagogue Herr P. S. Waley und seine Gattin einladen. Ort: 32, Glouecster Square, W. 2. Hierzu ergehen noch besondere Einladungskarten. Nachmittags: Tressen der Delegierten und ausländischen Gäste im Hanse von Herrn Rabbiner Tr. Mattuck und Frau, Wildword, North End, Hampstead Heath, N.W. 3. Ten angemeldeten Teilnehmern gehen noch besondere Einladungen zu. Abends 7.45 Uhr Begrüßungsansprache des Wellverbandspräsidenten Claude G. Montefiore. Ansprachen: Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin), Vorsitzender der Bereinigung sür das liberale Judentum; Ludwig Vogel st ein (New Vorsitzender der Executive der Union of American Hebrew Congregation, Rabbiner Louis Germain Levy (Paris), Rabbiner an der Union Liberale Jsraetite. Anschließend Empfang durch die Prediger, Vorsteher und Verwaltungsmitglieder der Jewish Religious Union und der West London Synagogue of British Jews in der Montefiore- Halle der Liberal Jewish Synagogue. Abendanzug erwünscht. Sonntag, den 20. Juli, vormittags 9.45 Uhr Erste Sitzung in der Liberal Jewish Synagogue. Thema. Liberales Judentum und modernes Denken. ^Vorsitz: Rabbiner Tr. Leo Bacck (Berlin). Referenten: Professor Dr. David Koigen (Berlin): Ter Gottesbegriff im Lichte modernen Denkens. Rabbiner Samuel Schulman (New Port): Begriff und Wert des Gebetes im Lichte modernen Denkens. Anschließend Diskussion, die eröffnet wird von: Frau Margarete von Bendemann-Susman (Deutschland) und Herrn Philip Hartog (England). Für Delegierte und ausländische Gäste ist gemeinsames Lunch vorgesehen. Nachmittags 3 bis 5.30 Uhr Zweite Sitzung in der Liberal Jewish Synagogue. Vorsitz: Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin). Referenten: Rabbiner Israel Mattuck (London): Ter Begriff persönlicher Frömmigkeit. Redner wird noch bekannt gegeben: Läßt sich Frömmigkeit lehren? Anschließend Diskussion, die eröffnet wird von: Herrn Rabbiner Harold F. Reinhart (London) und Rabbiner Louis Germain Levy (Paris). Abends 8.15 Uhr Oefserilliche Kundgebung' in der Liberal Jewish Synaaogüe. Vorsitz: Rabbiner I. Mattuck.(London), Edmond Fteg (Paris) und andere Redner sprechen über das Thema: Tie Mission der Inden. Montag, 21. Juli, vormittags 10—1 Uhr ErschÄsttiche Sitzung in der Liberal Jewish Synagogue nur für offizielle Delegierte. Vorsitz: Rabbiner Tr. I. Mattuck (London). 1. Geschäftsbericht, 2. Finanzbericht, 3. Wahl der Vorstandsmitglieder des Weltverbandes, 4. Anträge, 5. Bericht der Unterkommissionen. a) Rabbiner S. E. Starrels (London): Liturgische Fragen. b) Redner noch unbestimmt: Sozialer Fortschritt. c) M. L. Perlzweig (London): Jugendarbeit. Anschließend Bericht von Indien und, soweit die Zeit cs gestattet, von andern Ländern. Zu Punkt 4 der Tagesordnung soll Beschluß gefaßt werden zu einer Eingabe der Internationalen jüdischen Frauenliga an den Weltverband, in der gebeten wird, „ohne Verzug die geeigneten Schritte zu tun, um die Notstände auf dem Gebiete des jüdischen Eherechts zu beseitigen." Von einem Mitglied der Governing Body Ivird hierzu der Antrag gestellt: „Im Einklang mit der Gedankenwelt des liberalen Judentums sollen Frauen sowohl bei der Heirat als auch bei der Scheidung in ihren Rechten den Männern völlig gleichgestellt werden." Für die Delegierten und Redner ist ein Lunch in der Synagoge vorgesehen. Für die angemeldeten Auslandsteilnehmer ergehen private Einladungen. Nachmittags 3—5 Uhr Besprechung nur ftir Delegierte in der Liberal Jewish Synagogue. Vorsitz: Rabbiner Julian Morgenstern (Cincinnati), Präsident des Hebrcw Union College in Cincinnati: Wie kann das liberale Judentum die religiöse Indifferenz überwinden? Nachmittags 5—6.30 Uhr Schlußsitzung in der Liberal Jewish Synagogue. Vorsitz: C. G. Montefiore. Abends Zusammensein sür Delegierte und ausländische Gäste im Heim von .Herrn und Frau E. M. Joseph, Frognal Grovc, frognal N.W. 3. Besondere Einladungen folgen. Dienstag, den 22. Juli, vormittags 10-12.30 Uhr Sonder - Veranstaltungen in der Goldichmidt-Halle 34, Upper Berkeley Street. Thema: Frauen und Judentum. Vorsitz: Lily H. Montagu (London). Ansprachen: Frau Ottilie Schönewald (Bochum), Frau David Leskowitz (Dallas, Texas), Fräulein M. Levy-Bauer (Frankreich), Frau Franklin (England). In der Montefiore-Halle, 28. St. John's Wood Ro^ad Thema: Jugendbewegung. Berichte über Jugendarbeit in den verschiedenen Landesorganisationen. Vorgemerkt: Fräulein Hilde Lachmann- Mosse (Berlin), Herr Tennis H. Fay (London). Diskussion über die „Religiöse Weltanschauung der Jugend". Borgemerkt sind hierfür: Rechtsanwalt Tr. Hofsmann (Frankfurt), Herr Leslie Edgar (Londorf. Tie Jugendanssprache wird, wenn notwendig, am Abend fortgesetzt werden. Nachmittags Ausflug nach Windsor mit Schloßbesichtigung. für Delegierte und ausländische Gäste. Tee in Stanmore, zu dem Herr und Frau S. Wallrock einladen. Das Sekretariat ist in der Liberalen Synagoge, 28, St. John's Wood Road, Londoü N.W 8 ,und wird von Montag, den 14. Juli an, zwischen 10 und 1 Uhr vormittags urch 2.30 bis 6.30 Uhr nachmittags geöffnet. Delegierte und Besucher werden gebeten, sich nach ihrer Ankunst so baü» wie mögliche zu melden, damit sie Einzelheiten über die Konferenz und Einladungen etc. erhallen rönnen. Zum Tode Adolf von Harnacks Bon Rabbiner Tr. L ö w e n st a m m. Es ist ein Charakteristisches der neuen Zeit, daß die Religion aus der Zeutralmacht des Lebens, die sie einst gvwesen ist, im günstigsten Falle zu einem wertvollen Seelengebiet neben Wissenschaft und Kunst. Recht und Moral geworden ist. So ist es zu verstehen, wenn in den Augen der großen Menge der Theologe oft als einseitiger Rech:äsentant der religiösen Lebensanschauung gewertet wird, als ein Mann, der zur Kultur entweder gar keine oder eine schiefe, wenn nicht gar eine feindliche Einstellung hat. Adolf von Harnack, dessen Tod in diesen Tagen alle diejenigen schmerzlich ergriffen hat, die vor jeder geistigen Größe Ehrfurcht empfinden, hat diese Auffassung Lügen gestraft. Er war der volleirdete Typus des Kulturtheologen der Gegenwart. Bor fast 100 Jahren ist der letzte Vertreter dieser universalen religiösen Richtung dahingegangen: Friedrich Schleiermacher. In seiner umfassenden „Geschichte der preußischen Akademie der Wissenschaften" hat Harnack den großen Romantiker-Theologen den ehrenvollsten. Platz eingeraumt mit dem Hinweis, daß Schleiermacher in sich das einheitliche geistige Ideal aller Teilgebiete menschlichem Wissens lebendig gemacht und zur weiten und liefen Wirkung gebracht hat. Dasselbe gilt von Harnack. Aber der Weg beider Männer war grundverschieden. Schleiermachers Persönlichkeitsmittelpunkt war die Philosophie und von ihr aus hat er alle Geistesgebiete hell belichtet. Harnack war Historiker, wie es bei den Menschen des vorigen und jetzigen Jahrhunderts natürlich ist, nicht blos eigentliche Geschichte zn treiben, sondern auch alles Wissen und Erleben in geschichtlichem Zusammenhang zu sehen und zu begreifen. So ist er der große Geschichtsschreiber des Christentums geworden. In der unübersehbaren Zahl feiner Schriften ragen seine Heiden großangelegten Meisterwerke hervor: „Tie! Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten" und das „Lehrbuch der Togmengeschichte". Hier hat er die bewährten Methoden der Begründer per historischen Wissenschaft auf die Geschichte seiner Religion angewandt. Niebuhr, Ranke und Mommsen find in ihm lebendig gewesen. Souveräne Beherrschung des weitschichtigen Materials, vollendete Kenntnis der Quellen, scharfsinnige Kritik, wissenschaftliche Intuition verbunden mit einer unvergleichlichen Kraft und Anschaulichkeit der Darstellung: das sind die anerkannten und bewunderungswürdigen Kennzeichen seiner gelehrten Arbeiten. In seiner herrlichen Gedenkrede auk Theodor Mommsen präzisiert Harnack die beiden allein möglichen Arten geschichtlicher Darstellung — die, welche uns zum Stoffe führt, Ranke, und die, welche den Stoff zu uns führt, Mommsen. Mit der leidenschaftlichen, inneren Anteilnahme, mit der der Meister der „römischen Geschichte" seinem Stoffe sich hingibt, hat Harnack die Entwicklung der christlichen Religion geschrieben. Er will nicht blos den Gang der geistigen Tatsachen seines Glaubens zeichnen, sondern ihn auch beurteilen. Er ist sich der Subjektivität dieses Weges bewußt; aber „sonst verlohnte sechs nicht, sein Leben daran zu hängen . . . . . Man kann ja irren; aber hier ist in gewisser Weise alles subjektiv, das heißt aber noch nicht unwahr." Ja, Harnack irrte wirklich: in der Auffassung des Christentums - das ist vielleicht begreiflich und verzeihlich der eigenen Religion gegenüber — und in der Beurteilung des Judentums — das ist! unbegreis-r sich und unverzeihlich, für einen großen Historiker. Sein geschichtlicher Sinn hat ihn verlassen, als er am Jahrhundertende seine berühmten Vorlesungen über „Das Wesen des Christentums" hielt, die dann in Buchform erschienen und eine Flut von Angriffen aus christlichen und jüdischen Kreisen hervorriefen. Es ist keine Schrift, die aus dem historischen Gewissen heroorgewachsen ist, sondern ein höchst persönliches Glaubensbekenntnis, das sich aber als eine Frucht geschichtlicher Erkenntnis gibt. Getreu dom Standpunkt seines Lehrers, des ei ustu streichen Theologen Alb recht Ritscht, in Erneuerung und Fortsetzung dieser Richtung, isoliert Harnack die Gestalt Jesu, indem er sie bewußt aus dem jüdischen Mutterboden herausreißt. Auch eine Anerkennung des Zusammenhangs des Urchristentums mit der damaligen griechischrömischen Kulturlage lehnt er ausdrücklich fast völlig ab. So zeichnet er die Figur des Stisters des Christentums als die einer großen, reinen menschlichen Persönlichkeit, die in drei Hauptgedanken seine Verkündigung darbot: Jesu Predigt ging aus das Reich, Götter und sein .Kommen, aus Gott den Vater und den unendlichen Wert der Menschenseele, aus die bessere Gerechtigteit und das Gebot der Liebe. Tann behandelt Harnack die Verästelungen dieser Ideen, indem er die Ansichten seines Helden über den Wert der Welt, über die Armut, über das Recht und die Arbeit in einer Auffassung darstellt, die dem bisherigen Urteil innerhalb und außerhalb des Christentums seil 1900 Jahren schnurstracks widerspricht. Er verneint die Lebcnsiemdlicheit dieser Predigt, meiste die Wundererzählungen ad, entsernt alle Mystil. Die Göttlichkeit des Stisters existiert sür ihn nicht. Das historische Gewissen Harnacks erwacht sür kurze Zeit in dem Bekenntnis: „Wir wissen nichts von der Geschichte Jesu in den ersten dreißig Jahren seines Lebens." Einige Jahre später prägt er den Satz: „Jede Aussage über Jesus Christus, die sich nicht in dem Rahmen hält, daß er ein Mensch war, ist unannehmbar, weil s,e mit dem geschichtlichen Lebensbilde Jesu streitet." So hatte Harnack diese Schrift nicht nennen dürsen „das Wesen des Christentums", sondern vielmehr „mein Christentum". Tann hätte man sür die in ihr vertretenen Auffassungen Verständnis gehabt, weil es das Recht des religiösen Menschen ist, «einer eigenen Ueberzeugung gegenüber subjektiv zn sein. Andererseits lehrt ein Blick auf die Gedanken, die Harnack Jesus in den Mund legt, daß diese nichts mehr und nichts weniger als die großen, im Prophetismus Israels und im rabbinischen Schrifttum immer wieder ausgesprochenen Gedanken des Judentums sind. Aber diesem gerecht zu werden, siel Harnack vor einem Menschenalter nicht bei, obwohl andere große protestantische Theologen damals schon langst aus der Umkehr von der weltgeschichtlichen Beckennnng des Judentums begriffen waren. Tie Berherckichung seines Glaubens hat er durch die Schmähung des „pharisäischen" Judentums in der üblichen Weise zu erreichen versucht. Und hier beginnt dirett das jüdische Interesse an dem großen Theologen, der der fremden Religion die geringste, vom