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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-06-18 · 25 (18.6.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
25 (18.6.1930)
Date
1930-06-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Herzen, und mit ganzer Leele. so inerde ich Eurem Lande;nr ] rechten Zeit Regen geben, Frührego, und Lpälregen, so daß Tu! Dein Getreide, Deinen Most uno Dein Lel ernten kannst, Für Dein Vieh werde ich Gras aus Deinen, Felde inachsen lassen. Du wirst essen und satt »verden. Hütet Euch, daß Euer Herz nicht betört tuerde und Ihr abtrünnig werdet und fremden Göttern bienet und sie anbetet. Tann würde des Ewigen Zorn wider Euch entbrennen und er würde den Himmel Verschlüßen, das; kein Regen käme, und der Erdboden würde Euch seinen Zegeu ver sagen ..." Entspricht ba* noch unserer Gottesausfassnilg? Ist diese dv ut des-Theorie nicht eine Profanierung unserer Andacht? Und wenn au anderer Stelle sich ein (Nebel sinder, in dem les u. a. heißt: ,,Die Herrlich Hehren verherrlichen > laut .. . Tie Strahlenentsprvssenen sprechen laut... Die Sprühend Hinsprengende» sprudeln lau! . . . Die Schwingend Schwebende,! schallen laut. . . Die kreisenden Chöre lünden laut... Die Flammen Flimmernden flimmern laut . . . Der Ewige ist König. Der Ewige war König, Der Ewige ivird König sein immerdar!" - Aus wem von uns spricht solches Gebet? Zu wem von uns spricht solches Gebet? Können wir uns unter solchem Gebet -überhaupt noch etwas vorftelten? Und die Thora Vorlesung? Noch nicht einmal dazu bat die Kraft der Liberalen gereicht, in den liberalen Synagogen -das nicht zur Verlesung bringen zu lasset!, was wir aus religi ösem Geiste heraus ablehnen, was wir nur bestehen lassen zu dürfen glauben, weil das Hebräische den Zuhörern unver stündlich ist und eine deutsche Uebersetzuug nicht zur Verlesung kommt. Auf dem Gebiete des Unterrichts kenne ich nur die Verhältnisse in Berlin To aber muß ich mich fragen, wie wohl ein Kind zu einer geschlossenen jüdisch-religiösen Persönlichkeit erzogen werden soll, wenn es in einem Schuljahr von einem orthodoxen, im nächsten von einem liberalen und rm dritten vielleicht von einem jüdisch nationalen Lehrer un terrichtet w.ird. Wo soll da die Autorität bleiben, wenn der liberale Lehrer nicht aus die Betonung seines Liberalismus der doch sein Judentum darstellt, Verzicht leistet. All' das sind nur Streiflichter. Sie ließen sich beliebig vermehren. Mir genügt es, zu zeigen, wie sehr das offizielle Judentum noch orthodoxes Judentum ist. Taß dieses Ju dentum, auch wenn es sich liberal nennt, nicht in erheblichem Umfange im Ringen nm eine neue Lebens- und Gemein fchaftsform Mitwirken kann, ergibt sich von selbst.! Falsche Wege der Rengion. Unsere Forderung nach Lebensnahe der Religion gilt also Neuland. Deshalb ist Vorsicht und klare Grenzziehung geboten. Sind doch die Gefahren falsch verstandener Lebensnahe für den Bestand der Religionsgemeinschaft gewiß nicht geringer als Lebensfremdheit. Und daß es in unseren Tagen an scüsck: verstandener Lebensnahe nicht gefehlt hat und fehlt, das wissen wir ja auch nur zu gut. Wenn ein Minister in Deutschland ans dem Verordnungswege Tchulgebete zur Einführung bringt, weit — jeder Nie lisch urteilt entsprechend dem Horizont, den er übersieht, „art und volksfremde Kräfte seit langem die geistig sittlich religiösen Grundlagen un seres deutschen Tenkens und Fuhlens zu zerstöret; versuchen, um das deutsche Volk zu entwurzeln und es so leichter beherrschen zu können", - so gehört ja auch das in das Gebiet der> Lebensnahe der Religion. Wenn da gebetet werden-soll: „Unser tzkelübde und Losung stets fei: Deutschland, erwache! Herr, mach' nurfrei!" ' oder: „Ich glaube, du strasst uns'res Landes Verrat und segnest der Heimat befreiende Tal! Deutschland, erivache zur Freibeit k" so ist hier für jeden, der deutsch versteht und weis, was mit diesen Texten gemeint ist, schädlicher Mißbrauch mit der Forderung nach Lebensnahe der Religion getrieben. Tenn die Religion ist zur Tieuerii: der Politik geworden, wird von Politikeril als gefügiges Werkzeug verwandt. Ties bedauerlich, daß die offizielle Kirche diesen Mißbrauch nicht zu geißeln wagt, daß sie auch das lediglich den Politikern überläßt. Doch kehren wir in den eigenen Kreis zurück. Was ift! da nicht während des Weltkrieges gesündigt worden! Und! vielleicht ist auf diese Sünden die Scheu vor erneuter Lebensj nähe zurückzuführen. Erst vor wenigen Tagen kam mir die \ Predigtsammlung eines auf dem Ihtfm Flügel des libera! len Judentums 'stehenden Rabbiners in die Hand. Ta fand j ich eine Predigt, die am Hütlenseste gehalten worden tvar, und! die das Thema „Tie Jugend und der Militarismus" be-! handelte. In ihr fanden sich folgende Sätze: > „Solange es Frieden tvar, ivieviele haben sieb nickt ständig und prin-zipikll und teioenschastlich gegen den sogenannten preußischen Militarismus ereifert. R»n aber das Schiverr uns in die Hand gedrückt worden, nun ivir dasselbe von uns sagen können, ivas einst Joab der Feldherr des von Aram und Ammon zugleich be drohten Königs David: ,.Te? Krieges Geißel vor uns und hinter uns" nun wir wirklich uns von allen Seiten eingekreist empfinden, da werden selbst diejenigen, die ihm sonst ihren internationalen Sozialismus entgegenzusehen pflegten, (eine Segnungen preisen, weil er allein sich als ein Holl merk erweist, um einer Well von Feinden zu trotzen, ja auch als das einzige Mittel, nm unsere geistige Kultur, und damit die europäische Zivili'ation ausrechtzuerhalten oder zu verteidigen, gleich wie die Cherubim mu dem stammenden Schwerte den Gottesgarten bewachen und bewadren ' Religiöse Politik, Wenn wir so feststellen, was aus diesem Gebiete Ver fehlbes geleistet worden ist, so ziemt es sich, wenigstens zwei große Versuche zu erwähnen, die in neuerer Zeit unternommen worden sind, um von religiöser Weltanschauung aus das Weltbild zu beeinflussen. Ich meine einmal die Zentrums Partei, von der jeder, Freund und Gegner, anerkennen muß, daß sie ernsthaft bemüht ist, das Bolksganze aus politischem Wege mit den religiös-sittlichen Werter; des Christentums zu durchtränket;. Und ich rneine weiter den Kampf, oen Gandhi in unseren Tagen in Indien führt. Leine Beziehung zu unserem Thema wird vielleicht am besten durch dieses Zitat aus „Jung-Jndien" ersichtlich: „Wenn ich an der Politik Anteil zu nebmen scheine, io geschieht es nur, weil iie uns heule alle umfängt tvie Windungen einer Schlange, aus denen ivir uns trotz allen Anstrengungen nicht befreien können. Gerade aber deshalb mochte ich gegen die Schlange anlämpfen, wie ich es mit mehr oder weniger Erfolg bewußt seit 1894 tue, unbewußt aber, wie ich nun einsehe, schon getan habe, seit ich den Kinderschuhen entwüchsen bin. Ganz eigensüchtig, weil ich wünschte, inmitten heulender Stürme in Frieden zu leben, habe ich bei mir selbst und bei meinen Freunden versucht, Politik mit Religion zu verbinden. Mit Religion meine ich nun nicht hie der Hindu — die ich allerdings höher stelle als alle Religionen, — sondern ich meine die, die über allen Hinduismus hinausgeht, die den Menschen bis in die Tiefen der Siele verändert Unlöslich mit der ewigen Wahrheit verknüpft and datum, unablässig läutert. Religion ist das unverrückbare Etwas im Menschen, das keine Anstrengungen zu groß findet, um zur vollen Entfaltung zu gelangen, und das die Seele nicht ruhen läßt, bis sie sich selbst gefunden, ihren Schöpfer und die wahre innere Beziehung zwischen ihm und sich selbst erkannt." Und es erinnert stark an den leider zu früh, verstorbenen deutsch-jüdischen Schriftsteller, Moritz Heimann,' der einmal in einem Aussatz sagte, „Ein Achtgroscheiiflück ist wieder mehr wert als ein Gebet", wenn Gandhi den Satz prägt: „Einem hungernden und darbenden Volke darf sich Gott in feiner anderen Gestalt zeigen als in der von Arbeit und Arbeitslohn." Ich möchte nicht niißverftanden werden. Wenn ich hier aus Gandhi oder die Zentrumspartei exemplifiziere, so bin ich mir bei aller Z u ft i m in u n g z n dem religiöse n P er wirklich» ng s will e n wohl der gewaltigen V c r f ch i e d e n h e i t der U r s p; u n g s a n el l e u bewußt. Chri ftentum ist nicht Judentum, und'Gandhi, der noch die Kuh als heilig verehrt, kann gewiß nicht in den Bezirk jüdischer Religiosität einbezogen werden. Jüdisch-religiöse Tat. Wo also sind die Quellen unserer praktischen Betätigung? Ich glaube, wir sollten in diesem Punkte — in vielen anderen gewiß ilicht allknüpfeu an die bekannten liberalen „Richtlinien". Tenn dort wird das Wesen der jüdischen Religion in ihren eivigeir Wahrheiten und sitt lichei; Grundgeboten erblickt, rvelche die geschichtliche Bestimmung haben, Weltreligivn zu werden. Und als solche ewigen Wahrheiten und sittlichen Grnndgebote der jüdischen Religion werden angegeben: Tie Lehre von dem einig-einzigen, rein geistigen, hei ligeu Gott, dem Gott der Gerechtigkeit und Liebe, Tie Lehre von der Gottesebenbildtichkeit des Menschen, von seiner Kraft zur sittlichen Freiheit und seiner Bestimmung, zu immer höherer sittlicher und geistiger Vervollkommnung fortzuschreiten, Tie Lehre voll der Gotteskindschaft aller Menschen und von der Bestimmung der Menschheit, dem messiani scheu Friedensideale durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe immer naher zu kommen. Als die von der Vorsehung bestimmte Aufgabe Israels wird in den „Richtlinien" bezeichnet, seine Religion in ihrrer Reinheit zu bewahren und zu verkünden, durch die lebendig-e Kraft des Beispiels und der opferwilligen Hingabe zu bezeugen Soeben erschienen! Constanfiin Brunner ihii den nnchien er r unl voo den Pütt des' broschiert RM, gebunden 8.— RM. Das Werk beurteilt die jetzige Lage der Juden ohne andere Rücksicht als die der Wahrheit und gipfelt in grundlegenden Forderungen an die Juden und an den Staat. „Denn es ist nicht genug, daß die Juden ewig so fort ihrer Feinde mit Worten sich zu erwehren suchen — sie müssen auch tun: die einzige wirklich Rettung verheißende Möglichkeit ist offenbar noch niemals von ihnen ernstlich in Erwägung gezogen worden." Verlag Gustav Kiepenheuer uuD so für die Herbeiführung des Gottesreiches auf Erden zu wirken. Hat das liberale I u d e n l u m mit dieser s e i u e r Ausgäb e s ch onbego u n c u? I ft e snichtZei t, daß endlich A nfang gemacht w; r d? Alt das, was ich bisher gesagt habe, hat Vielleicht vielen noch zu theoretisch geklungen, zu sehr abgefteltt auf Abgrenzungen innerhalb des Judentums. Aber erst aus dieser theoretischen Klarstellung lassen sich meines Erachtens die Folgerungen für die Praxis ziehen. Tie religiöse Theorie schafft unser Welt-Idealbild, die Praxis des Lebens schafft das Weltbild der Wirklichkeit. Unsere Aufgabe als religiöse Menschen nun ist es, ständig alle Bezirke des Lebens zu durchstreifen, um das Welt-Idealbild und das Weltbild der Wirk lichkeit zu konfrontieren und zu sinnen, wie wir Angleichung des Weltbildes der Wirklichkeit an das Welt-Idealbild herbe; führen können. Tenn das steht für uns eindeutig^fest: Es gibt nur ein e Wahrheit, eine Wahrheit alles Seins: wir kennen nicht eine Wahrheit des Göttlichen und eine Wahrheft des Irdischen. Wo eine Diskrepanz vorhariden ist, ist ihre Beseitigung unsere religiöse Pflicht. Es mag anmaßend klingen. Und doch muß es gesagt werden: Rur j)ie liberale Jugend scheint mir von aller > jüdischen Jugend dazu imstande, mit der Forderung nach Lebensnähe der jüdischen Religion Ernst zu machen. Weder Orthodoxie noch Zionismus, noch Altlrberalismus können ihr Helsen. Tie Orthodoxie entbehrt, gekettet an ein starres Gesetz von Jahrtausenden, der Schmiegsamkeit, die das Leben der Zeit erfordert. Ter Zionismus verzichtet bewußt aus Wandlung hier und sieht das He;l in der Konstruktion neuer Lebensgestattung in Palä ft j n a. Und der Altliberalismus schließlich — ich meine mit Altliberalismus weder eineu Gegensatz zur Reform noch Gruppierung nach dem Alter der Liberalen, denn auch verhältnismäßig jugendliche Menschen sind oft typische Parnossim des Altlibemlismus, wahrend Ergraute oft mit unserem Wollen eins sind - - der AMiberalismus sage ich, kann uns nicht Helsen, weil er stets und ständig sich gegen Klärung und Entscheidung stellt und nur eins bejaht: Das Kompromiß. Mer noch ein anderer Grund bestimmt unsere Legitimation. W i r müssen uns verpflichtet fühlen, weil wir als einzige Gruppe nur eine Form, die ethische Tat, als allgemein verbindliche Form gelten lassen. Mag der Rechtslilberale aus Pietät, aus Tradition oder aus sonstigen Erwägungen für sich auf die Beachtung dieser oder jener Institution Wert legen, mag der Reformer diese aber jene Art der Religionsübung liebgewonnen haben —- Einigkeit muß darin bei uns bestehen, daß die verschiedenen Richtungen bei selbstverständlicher Anerkennung ihrer Verschiedenartigkeiten, bei selbstverständlicher Freiheit in der Eigenentwicklung und Eigenbetonung jeder Richtung übereinstimmeu in der Auffassung, daß n u r die ethische Tat allgemeinverbindliche Form ist. Und »vem, gegenüber einer solchen Auffassung der Einwand erhoben wird, die ethische Tat könne nicht Kriterium einer spezifischen Gemeinschaft sein, womit dann wohl zugleich gesagt werden soll, es bedürfe zur Erhaltung der Religionsgemeinschaft auch aller möglichen anderen Formen, so müssen wir demgegenüber darauf Hinweisen, daß Kriterium der Religionsgemeinschaft nie gne ftomi, sondern selbstverständlich nur der Inhalt der Religion sein kann. Es ist mir natürlich nicht möglich, hier in einem kurzen Referat für die verschiedensten Gebiete die Forderungen zu behandeln, die sich aus unserer Ueberzeugung ergeben.' Nicht einmal zu erwähnen vermag ich sie sämtlich. ' Tie Tiskussion, die sich hoffentlich in den nächsten Monaten in der „Jüdisch liberalen Zeitung" fortpslanzen wird, muß wesentliche Ergänzungen vornehmen. Todesftage — Friedensbewegung — Rafsenfraqe — Ko.onialpvlilik. Erinnern nur möchte ich an das Problem der Todes strafe, bei dem unsere Entscheidung auf Grund unserer jüdi scheu Religiosität meines Tafürhaltens nicht zweifelhaft fein kann. Mag es in früheren Zeiten in; Judentum andere Anschauungen ^gegeben haben, mag dort das Vergeltungsprinzip durch Menschen angewandt worden sein, für uns ergibt sich, denke ich, aus dem Begriff der Heiligkeit des Lebens, aus dem Glauben au die Möglichkeit einer Besserung des Merlscheu, oder aus der Ueberzeugung, daß es nicht an uns rt, zu strafen in einer Art, die unwürdig ist der Menschen, die die Strafe zu vollziehen haben, die härter ist, als das Interesse der Gesellschaft es erfordet, die entschiedene Ablehnung der Todesstrafe. Und wenn wir heute diese Forderung nicht voll erfüllt haben können, so muß meines Erachtens zumindest verlangt werden, daß ein Todesurteil dort nicht ausgesprochen werden darf, wo sich die Verurteilung aus einen Indizienbeweis stützt. Ich denke, daß insbesondere die zahlreichen jüdischen Juristen weit mehr als bis jetzt geschlossen für die Abschafsnng der Todesstrafe sich einsetzen müßten. Wenn mir vor nicht zu ferner Zeit ein Rechtsanwalt, der führend in unserer Bewegung ist, sagte, daß er als Jude für, als Jurist gegen die Abschaffung der Todesstrafe sei, so ver mag mir diese Toppetseele in einer Brust keine Bewunderung zu entlocken. Zeigt sich doch hier, daß die Religion bei dem Betreffenden noch nicht stark genug ist, um eine geschlossene religiöse Persönlichkeit zu schassen. Eine weitere Frage der Gegenwart: Tie Befriedung der Welt. Kann es zweifelhaft sein, daß wir alle Bestrebungen zu fördern haben, die die Möglichkeit der Abschaffung kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den Völkern im Gefolge Habel: können? Aber wir solleti uns hüten, nun deshalb „in Pazifismus zu machen", weil es modern ist, Organisationen zu schaffen, die Talen durch Teklamationen ersetzen. Wenn eine jüdische Friedensorganisation in unseren Tagen einen Werl haben soll, so muß sie meines Erachtens ihre Existenzberechtigung in dem Interessenausgleich für Palästina erweisen. Und gerade aus diesem Gebiet ist bisher völliges Versagen festzustellen. Tie Rassensrage erhitzt die Gemüter. Kann unsere Stellung zwciselhast sein? Tragen wir nicht als reitgiöse Menschen in uns die Gewißheit, daß es über alten Rassen- Verschiedenheiten eine Menschengleichheit gibt, und daß jeder Mensch die Fähigkeit zur Gotteserkeuutuis und zur religiösen Tat besitzt? Wenn der völkische Rassentheoretiker nicht den Menschen, sondern nur das Produkt der Rasse wertet und erkennt, so dünkt es mich zwecklos, ja unmöglich, seine Auffassung widerlegen zu wollen. Möglich aber und unsere Pflicht ist es, das Bessere, Umfassendere, Geistigere ihm als Lcbensprinzip entgegenzustelleu, aufzuzeigen, wie gefahrvoll -die von Völkischen propagierte Lösung der Rassenftage gerade für den kleinen Teil der Kulturmenschheit sein nutf, dem man sich durch Btutmischung, nicht durch geistige Bande auf Gedeih und Verderb verbunden glaubt. Und weiter: Tie Kolonialsrage. Kann unsere Stellung zweifelhaft sein? Müssen wir nicht Gegner des Kolonial- Jmperialismus sein, der, bekleidet mit de; Maske des Helfenden, zu erobern und zu annektieren strebt? Und müssen wir nicht andererseits alle Bestrebungen fördern, die geeignet sind, Menschen in der Hebung ihres Kulturniveaus mrd ihres Lebensstandards zu helfen? Müssen wir nicht alle Bestrebungen fördern, die die Koloniatvölker befähigen fallen, ihre Eigenart zu wahren m;d zu einer Selbstverwaltung und Selbstregieruna zu gelangen? Ich fanu selbstverständlich all' diese Fragen nur streifen. Religiöser Geist und Wirtschaft der Gegenwart. Nur aus ein Gebiet lassen sie mich noch näher eingeheu. Es ist heute eins der wichtigsten, es betrisit das wirtschaftliche und soziale Leben der Gemeinschaft. Seil der der Erfindung der Verwendung von Tamps zur Arbeitsleistung ist eine gewaltige Steigerung der menschlichen Arbeitslrast erchlgt. Arbeiten, die einst Hunderte mit unendlicher Mühe vollbrachten, erfüllt heute ein Einzelner durch das Schalten eines Hebels leicht mit Hilfe der Maschine. Das bedeutet gewiß auch Gefahr sür de;; Menschen, denn eine Entpersönlichung des Arbeitsproduktes, nicht nur be; der Urproduktion, muß die Folge sein. Man denke nur ennna. an das stolze Gefühl eines Maßschneiders, wenn der Anzug für seinen Kunden „wie ein Gedicht" sitzt und vergleiche damit die Tätigkeit eines Verkäufers in einem Herrenlonfektionsgeschäft. Kein Zweifel: eine seelische Verarmung hat vielfach der Uebcrgang vom Handwerk zur Fabrikation im Gefolge gehabt Und weiter: da seit der Ergänzung der Menschenlrast durch die Maschinenkraft die Einzelerfindungen sich überstürzen, sozusagen jede Erfindung schon ztvei neue in ihrem Schoße birgt, sich der zeitliche Abstand von einer Erfindung bis zur nächsten ständig verkürzt, so besteht die Gefahr ,daß das Verhältnis zwischen der Menschenzahl der Erde und der Zahl der erforderlichen Arbeitsmenschen ständig gestört wird. Her Präsident des Carnegie Instituts für Technologie 'in Pittsburg, Thomas S. Baker, veröffentlichte vor kurzem einen Artikel über Technik und Standardisierung. Turm Khrte er aus, daß „die Entwicklung der Techni! und die Vervollkommnung der Organisation seit dem Anfang des Jahrhunderts den Ertrag der industriellen Unternehmungen in den Bereinigten Staaten auf eine sölche Höhe ge- 5

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