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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-06-18 · 25 (18.6.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
25 (18.6.1930)
Date
1930-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MjschllberaleZeltmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. S«rG»tworkl. Redakteur: Bruno Woyda. Dt«Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur fü« diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder ia ihrem Aufträge versaht gekennzeichnet sind, die VerautMartung. Alle auderen Artikel. Aeuhernngen und vorchlltge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Oie „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschästsftelle: Berlin SVD11, Hallesche Sft. 1 Serams: Bergmann 3358. 3359 II Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge Postscheckkonto: Berlin NW 7, 137069 nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum) || Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich BL 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland N30 Für die MitgKeder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeittage enthalten. Anzeigenpreise: DieI2gespalt.Nonpareillezetleückd Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigeuaun ah me bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedik. Nr. 25 Berlin. 18. Juni 1930 10. Jahrgang Ae Dresdner Zli-Tagung Die Arbeitsgemeinschaft der jüdisch-liberalen Jugcndvereine, der Spitzenverband der liberalen Jugendorganisationen Deutschlands, steht, wenn nicht alle .Zeichen trügen, am Beginn einer Periode neuen Aufschwungs. 200 junge Menschen aus allen Teilen Deutschlands bekannten sich auf der Dresdener Jli-Tagrmg am 1*4. und 15. Juni zur Idee des jüdischen Liberalismus und gaben dem Willen der Jugend, teilzunehmen an seiner praktischen Arbeit, auf allen Gebieten jüdisch-liberaler Betätigung entschiedenen Ausdruck. Ter Außenstehende hatte in den letzten Jahren manchmal den Eindruck einer gewissen Stagnation, Müdigkeit und Unentschlossenheit von der jüdisch-liberalen Jugend. Tie Dresdener Tagung hat gezeigt, daß dieser tote Punkt — hoffentlich endgültig — überwunden ist. Tie bereits bestehenden Jli- Gruppeu stehen stark und in sich gefestigt da. In verschiedenen Städten, in denen bisher eine Jli-Gruppe nicht bestand, find Organisationen ins Leben getreten, die gedanklich dem Jli nahestehen, die weltanschaulich aus dem Boden der liberalen Jugend stehen und durch ihre Teilnahme an der Dresdener Tagung ihre Verbundenheit mit der liberalen Jugend und ihr Interesse an ihren Zielen bekundeten. Als neue Gruppe trat auf der Dresdener Tagung die erst kürzlich ins Leben gerufene Jugendgemeinschaft der Jüdischen Rescrmgemeindc der Arbeitsgemeinschaft bei. Der Hnrzutritt dieser sehr aktiven Gruppe, die zahlenmäßig dem Berliner Jli bereits gleichkommt, bedeutet eine wertvolle Verstärkung des liberalen Gedankens in der jüdischen Jugend Berlins. Ter erste Tag der Beratungen unter der Leitung des bisherigen Vorsitzenden Tr. Hofsmann, Frankfurt a. M., brachte zunächst die Neuwahl des Vorstandes. Ten neuen Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bilden: Tr. Hoffmann, Frankfurt a. M., Tr. Arthur Lilienthal-Berlin, Dr. Werner Rosenberg Berlin, Hella Lion-Franksuct a. M., Erich Vulkan- Breslau, Alfred Hadra-Magdeburg, Max Gundersheim-Franksurt, Heinz Kellermann-Berlin, Franz Meidner-Breslau, Weruer Hochheimer-Frankfurt a. M. Ter bisherige Vorsitzende Dr. Hossmann-Franksuri a. M. wurde einstimmig wiedergewählt. i Am Sonnabend, den 14. Juni, sprach Tr. Lilienthal- Berlin über „Jugend und Gemeinde". Ter Redner betonte, daß es Pflicht der liberalen Jugend sei, neben der selbstverständlichen Arbeit an der Festigung und Vertiefung ihrer eigenen Weltanschauung auch aktiv tcilzunehmen an allen Gebieten jüdischer Gemeindearbeit. An das Referat schloß sich eine bis in die späte Nacht andauernde ergiebige Diskussion, in der' allgemein der Wunsch der Jugend nach positiver Mitarbeit am Gemeindeleben laut wurde. Tie Arbeit des Sonntags begann mit einer religiösen Weihestunde, welche die Jugendgemeinschast der Rcsormgemeinde in vorbildlicher Weise durchführte. Sämtliche Kulthandlungen, Verlesung des Thoraabschnitts, Verlesung aus dm Propheten wurden von Jugendlichen ausgeführt. Tie Predigt, die Ilse Wolfs-Berlin hielt, knüpfte an ein Wort aus den Propheten an. Sie betonte, daß Ehrfurcht vor dem Werk unserer Väter in der Vergangenheit, Glaube und Liebe zur Heimat die Fundamente unserer religiösen Welt anschauung bilden. Ter ausgezeichnete Eindruck, den gerade die Weihestunde der Reformjugend auf alle Anwesenden gemacht hat, kam in der an die Weihestunde anschließenden Kundgebung in den Ausführungen von R.-A. Tr. Salinger, dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Dresden, und Rabbiner Dr. Wolf zum Ausdruck. Besonders der letztere betonte, daß. er ursprünglich gegen die Abhaltung der Weihestunde erhebliche Bedenken gehabt hätte. Im Verlauf der Veranstaltung seien jedoch seine Bedenken in Anerkennung gewandelt worden. Zu Beginn der Kundgebung begrüßte der Vorsitzende Tr. Hoffmann die zahlreich aus ganz Deutschland erschienenen Freunde der liberalen Jugendbewegung, u. a. den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Dresden, R.-A. Dr. Salinger, den Vorsitzenden der Ortsgruppe des Centralvereins Rudolf Apt, Hans Lachmann-Mosse, Berlin, ferner Vertreter verschiedener jüdischer Organisationen. Besonders wurde ein Vertreter der liberalen Jugend Englands begrüßt. Im Mittelpunkt der Kundgebung stand ein Referat Bruno Woydas über „Ldbensnähe der Religion", dessen Abdruck in der „Jüdischliberalen Zeitung" beschlossen wurde, damit in den nächsten Monaten noch eine eingehende Tiskussion zu diesem Thema stattfinden könne. Mit einem gemeinsamen Nachmittagsausflug in die Sächsische Schweiz fand die dank der unermüdlichen Tätigkeit des Vorsitzenden Tr. Hossmann im Großen und Ganzen harmonisch verlaufene Tagung ihren Abschluß. Gewisse Mängel der Organisation, die gelegentlich störend in Erscheinung traten, werden hoffentlich bei der nächsten Zusammenkunft vermieden werden. Tr. Werner R o s e n b e r g. Lebensnahe der Religion Referat aus der Dresdner Tagung jüdisch-liberaler Zugendvereine von Bruno Woyda-Berlin Wir sind gewohnt, Religiosität nach ihren dogmatischen Inhalten oder nach ihren Erscheinungsformen zu differenzieren. Das ist gewiß berechtigt. Ein wertvolles Mittel zur Unterscheidung der Religionen ist hiermit gegeben. Judentum und Christentum, Islam und Hinduismus erscheinen uns so als in sich geschlossene Bezirke, deren Eigenbetrachtung möglich ist. Doch menschliches Denken und menschliches Sehen schassen für jedes Glied der Kette, die als Ganzheit das All ser Welt bildet, mehrfache Betrachtungsweise. Und wenn es uns auch heute noch kühn klingen würde, wenn jemand uns prophezeien wollte, daß in nicht zu ferner Zeit die t'heoretrsche Gruppierung auf dem Gebiete der Religionen ersetzt werden würde durch eine Einteilung, die durch das praktische Verhältnis der Religiosität zum Leben, zur Welt bestimmt wird — wenn uns eine solche Prophezeiung auch als kühn erscheinen würde, als unmöglich wird sie, da wir ja auf allen Gebieten eine Abwendung vom Theoretischen und eine Hinneigung zur Bewertung nach dem Praktischen erleben, von niemand m. E. bezeichnet werden dürfen. Täuschen wir uns doch nicht. Wenn heute in allen Religionen sich ein Drang zur Betätigung, eine Wandlung von individualistischer Jenseitsreligion zu kollektivistischer Tiesseitsreligion bemerkbar macht, so muß das Empfinden für die Möglichkeit der Religionsbewertung auf Grund des Verhältnisses zum Leben in den religiösen Kreisen selbst bereits, zum mindesten im Untcrbewußtsein, empfunden worden sein. Man braucht wohl nur einmal an einzelne deutsche Mystiker zu denken, die in der Abkehr vom irdischen Leben, in der Selbstausschaltung aus dem Prozeß des Tiesseitslebens Notwendigkeit ihres Christentums erblickten, und dem die Bestrebungen gegenüberzustellen, die heute unter der Bezeichnung „Katholische Aktion" oder im Zusammenhang mit der Stockholmer Weltnrchenkonferenz bekannt sind, und alsbald wird ersichtlich, welche gewaltigen Unterscheidungen sich innerhalb der einzelnen Religionsgemeinschaften ergeben. Ich habe absichtlich diese Beispiele aus nichtjüdischem Bezirk angeführt. Tenn in der Geschichte des Judentums ist das Hanheln ja fast zu allen Zeiten nur zum Teil Folge des eigenen Wollens gewesen, zum erheblichen Teil auch fast immer Folge der Umwelt. Erst in neuester Zeit ernennt ja ja diese Umwelt an, daß das Judentum Recht aus Eigenent wicklung, Recht aus 'Freiheit zur Vertretung seines Wollens besitzt. A ndieser großen Wandlung gegenüber dem Judentum wird durch Schildbürgerstreiche einzelner Persönlichkeiten. so tie sman sie auch bedauern muß, auss Ganze gesehen, doch nicht allzuviel gewandelt. Ja, man kann wohl sagen, daß die geistige Bedeutung derartiger Handlungen im Verhältnis steht zur Größe des Wirtüngsgebietes, das heute diesen Menschen noch überlassen ist. Aus dieser veränderten Einstellung gegenüber dem Judentum ergibt sich für dieses Verpflichtungen. Unweigerlich muß das Judentum einer Krise entgegenschrejten, vom Jndifferentismus und der Umwelt besiegt werden, wenn es jihm nicht gelingt, oder wenigstens der Versuch unternommen wird, die von jüdischer Religiosität geprägten Menschen wieder zu Trägern neuen Wollens zu machen. In alter Zeit war Lebensnähe des Judentums Selbstverständlichkeit. Teils durch die Verbindung mit dem Staat oder einer bestimmten Stammesgemeinschaft, teils aber auch aus der Religiosität selbst heraus, bezog das Judentum alle Bezirke des Lebens in seinen Kreis. Das aber besagt uns Heutigen zunächst nur 'wenig. Tenn als die staatliche Selbständigkeit verloren ging, als die Juden in fremder Umwelt zu lüden gezwungen waren, setzte völlige Entfremdung, erzwungen, nicht aber gewollte Entfremdung der Religion vom Leben ein. Ta die natürlichen Faktoren für die Gestaltung des Lebens der Juden keine Beziehung zum Judentum hatten und haben konnten, versuchte dieses durch Gesetze und Vorschriften seinen Einfluß auch im bürgerlichen Leben zu erhalten. Nichts ist natürlicher als die Tatsache, daß diese Gesetze und Vorschriften, bei denen die Möglichkeit einer ständigen Korrektur aus den Bedürfnissen und neuen Erkenntnissen nicht gegeben war, erstarren mußten. Nur der Sabbat blieb bald noch den Juden, abgesehen natürlich von ihren Feiertagen, für die Gestaltung nach eigenem Wollen. Viel Wahrheit ist deshalb darin, wenn Heinrich Heine das Leben der Juden an Alltag und Sabbat in der „Prinzessin Sabbath" gegen üb erstellt: Hund mit hündischen Gedanken Kötert er die ganze Woche Durch des Lebens Kot und Kehricht, Gassenbuben zum Gespötte. Aber jeden Freitag Abend, In der Tämmrungsstunde, plötzlich Weicht der Zauber, und der Hund Wird auf's Neu ein menschlich Wesen. Tie Neuzeit nun hat den Bruch zwischen Religion und Leben vollkommen gemacht. Es kann auf die Dauer keinen Bezirk des Lebens geben, der nur für einen Tag der Woche .Geltung haben kann. Wir sprechen so gern davon, daß die Technik die Entfernungen aus der Erde überwunden hat. Aber das ist nur eine Folge 'der Entwicklung. Tie Entwicklung hat auch die Entfernungen zwischen den verschiedenen Gebieten des Geisteslebens überwunden und erkennen gelehrt, daß alles Leben eine Einheit ist. Das Judentum selbst hat aus all dem nur wenig oder keine Folgerungen gezogen. Das orthodoxe Judentum wird, und kann sie vielleicht auch nicht ziehen. Und der Zionismus, der heute da anknüpsen möchte, wo die jüdische Selbständigkeit vor zweitausend Jahren endete, übersieht bewußt hie Wandlung, die die Welt in den zweitausend Jahren, erfahren hat. Er pocht aus historisches Recht und vergißt dabei das stärkere Recht der Gegenwart. Ta er zudem das. Hauptgewicht, wenigstens vorerst, auf die vermeintliche weltliche Sendung der Juden legt, so kann er bei unseren heutigen Betrachtungen unberücksichtigt bleiben. Es genügt festzustellen^ daß wir das Streben des Zionismus für eine Abirrung halten, daß Baustein des Tempels, den wir in der Menschheit wieder errichten wollen, der Mensch schlechthin, nicht aber das Produkt einer Rasse, eines Stammes, eines Volkes sein soll. Das „offizielle" Judentum. Nicht mit den anderen Richtungen im Judentum haben wir uns also hier zu befassen, sondern mit uns selbst und mit dem offiziellen Judentum, das ja, ich spreche von Deutschland, in Jahrzehnten durch das liberale Judentum geformt worden ist. Da muß leider festgestellt werden, daß von der dringend notwendigen Forderung nach Lebensnähe der Religion noch herzlich wenig zu spüren ist. Statt das jüdisck-religiöse Leben der Gegenwart zu formen aus dem Geist jüdischer Religiosität und aus dem Formbedürsnis der Zeit, verzetteln sich die Liberalen darin, das Religionsgesetz vergangener Zeiten weder anzuerkennen noch abzulehnen, sondern zu interpretieren. Kein Wunder, daß deshalb das Bild des offiziellen Judentums noch das des orthodoxen Judentums ist. Tie Tatsache beispielsweise, daß die rituellen Speisegesetze für die überwältigende Mehrzahl der liberalen deutschen Juden ohne jede Bedeutung geworden sind, hat noch nicht dazu geführt, daß in Deutschland auch nur eine einzige jüdische Anstalt nach den Bedürfnissen dieser Menschen geführt wird. Daß hierdurch das private Judentum des Einzelnen zu einem nicht vollwertigen Judentum gestempelt wird, hat die Liberalen auch dort, wo sie zu bestimmen hatten, noch nicht zu einer Wandlung veranlaßt. Weitere Beispiele: Vor wenigen Wochen haben wir in Berlin einen der Begründer des Berliner Jli zu Grabe getragen, Hugo Ostberg. Mir war bekannt, daß er einen Gesang aus der Seelenfeicr-Liturgie der Jüdischen Reform-Gemeinde besonders liebte. Ich erwirkte, daß der Chor der Jüdischen Reform-Gemeinde zur Verfügung gestellt wird. Ergebnis: Nach irgendeiner Bestimmung ist die Mitwirkung eines gemischten Chores bei Trauerseiern auf dem jüdischen Friedhof unzulässig. Und das zu einer Zeit, in der mau einer orthodoxen Sonderforderung auf diesem Friedhof, für die sich in Jahrzehnten kein Bedürfnis herausgestellt hatte, glaubte Rechnung tragen zu müssen. Weiter: Tie liberale Rabbinerversammlung tagt. Sie beratschlagt über die unmöglichen Vorschriften ans dem Gebiete des jüdischen Eherechtes. Beschließt sie die überalterten Vorschriften durch neue, dem heutigen religiösen Empfinden entsprechende zu ersetzen? Keine Spur. Sie bemüht sich um eine Verständigung .mit der Orthodoxie, die natürlich zur Aussichtslosigkeit verurteilt ist und wodurch ja niemals Positives geschaffen, sondern höchstens Vergangenes, freilich das auch nur in der Theorie, äbgeschafft werden könnte. Aus dem Gebiete des Kultus: Ein liberales Einheitsgebetbuch ersck int. Im wesentlichen nur ein Ausgleich zwischen den bestehenden liberalen Gebetbüchern. Trägt es dem Empfinden des modernen religiösen Juden mehr Rechnung als seine Vorgänger? Wer kann sich heute noch unter einem Gebet etwas vorstellen, das lautet: „Wenn Ihr auf mein« Gebote hört, die ich heute gebiete, den Ewigen, Euren Gott, zu lieben 'und ihm zu dienen mit ganzem

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