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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-06-11 · 24 (11.6.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
24 (11.6.1930)
Date
1930-06-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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nach religiösem Ausbau des Lebens und dabei die bewußte Abkehr von der überwundenen Vergangenheit. Orthodoxie und Liberalismus haben für sie einen andern Sinn als für die Generationen, die hinter uns liegen. Wir hoffen auf unsere Jugend. Es geht heute nicht mehr um diese oder jene mehr oder minder wichtige oder geringfügige Frage der äußeren Gestaltung des persönlichen oder Gemeindelebens, sondern um die Grundfragen der inneren Gestaltung des Lebens, um die Erfassung des religiösen Bewußtseins aus dem Kern der religiösen Idee und der religiösen Persönlichkeit. Dazu aber bedarf es gerade der liberalen Anschauung, diese freilich nicht klein und eng, sondern groß und frei und weit erfaßt, nicht sowohl als blinder Gehorsam gegen das Gebot Gottes, sondern vielmehr, weil wir für unser Leben Religion brauchen, darum das Erfülltsein mit religiösen Ideen und darum deren Betätigung. Von der Dresdener Tagung der jüdisch-liberalen Jugendvereine erhoffen wir einen neuen Antrieb des echten religiösen jüdischen Liberalismus, einen Schritt vorwärts auf der Bahn wirklicher innerer Erneuerung des Judentums. Rabb. Dr. Lehmann» Berlin: Im indischen Gesängnis sitzt ein Mann, über den die Tagesblätter allerlei Kunde bringen, ohne daß man nch der uns über diese Berichte allzuviel Gedanlen macht. Und doch wird sich um diesen Mann vielleicht schon bald die -egende spinnen. Und bei dem Bildungsstand der Millionen, die mtt Verehrung seinen Namen nennen, die zum großen Teil noch inl Wunderland des Kindes leben, gestaltet sich vor unseren Augen vielleicht ein neuer Mythos, gleich denen, die die Geburt vieler Religionen begleiten. Wer ist dieser Mann? Ein Philosoph, der eure ueue Weltanschauung predigt? Ein Dichter, der mit homerischer Kraft die Tiefen des Lebens enthüllt? Ein gottbegnadeter Künstler? Oder ein Feldherr, dessen Banner Kriegstrophäm schmücken? Nichts von alledem! Ein schlichter Mensch, durchaus vertraut mit den Gütern der Kultur und der Zivilisation, und doch in primitiver Lebenshaltung und dazu frei von Eitelkeit, von jedem persönlichen Ehrgeiz. — Was will dieser Mann? Keinerlei Gewalt! Das ist sein höchstes Gebot. Ohne Gewalt den Sieg des Menschenrechtes! Und Millionen jubeln ihm zu. Millionen sind glücklich, den Saum seines Gewandes küssen zu können. — Ein anderes Bild! Die Zeitungen sind seit Wochen gefüllt mit Berichten und Bildern über einen Mann, dem ebenfalls Millionen zujubeln. Gewalt ist sein Panier, Kraft der Muskeln! Wenn er im Faustkampf seinen Gegner niedergeschlagen hat, so daß er blutüberströmt zusammenbricht, dann wird die Millionenschar seiner Bewunderer in Entzücken geraten. — Zwei Zeitbilder im schärfsten Gegensatz. Ist dieser Gegensatz neu? Das Prophetenwort dieser Woche erzählt von einem Manne der Muskelkraft. Simfon, der Löwenbesieger, der mit einem Eselskinnbacken tausend Feinde erschlägt, starke Seile wie Hanf zerreißt, Stadttore aus den Pfosten hebt und fortträgt und ähnliches mehr vollbringt. Er hat sein GogenüUd in dem muskelgewaltigen Herakles. -Doch als die Griechen später Herakles zum Gotte erheben, da ist dieser Kraftmensch schön ein Seelenmensch geworden. Denn bei aller Borliebe der Griechen für Körperkrast und Körperkultur, auf dem Isthmus von Korinth und in Olympia gab es nicht nur erneu Kampf der Wagen 'und Rosse, sondern auch einen Kampf der Gesänge, und der Lorbeer des Sieges schmückte nicht minder den Dichter und Sänger, wie den Diskuswerfer und Wagenlenker. „Schön und gut", das war die Devise der Kulturwelt Griechenlands. Im Judentum aber ist Simson nicht einmal zum Heros geworden. Sem Name findet außerhcckb der alten Erzählung leine Erwähnung. Tie Heroen des Judentums sind nicht die Männer der Muskelkraft, sondern die friedlichen Gestalten der Patriarchen, Fürsten des Geistes und des Herzens. Nicht als ab das Judentum die Passivität des indischen Heiligen zu seiner Devise gemacht hätte. Tie Makkabäer werden hoch gepriesen! Aber Körperstärke ist dem Judentum nicht Selbstzweck, sondern Abwehrmöglichkeil gegen Feind und Krankheit. Mens sana in corpore sano! Charakterisiert aber wird das Judentum in Wesen und Eigenart durch das Prophetenwort, das sein Banner ziert: „Nicht durch Heeresmacht und nicht durch rohe Gewalt, sondern durch meinen Geist!" Eine Geistesmacht, eine Gemeinschaft des Geistes! Ein Spiegelbild unseres Kulturkreises, besonders in den Reihen der Jugend, ist nicht der indische Weise, sondern der umjubelte Faustkämpfer. Dem Diskuswerfer, dem Wagenlenker und dem Faustkämpser reicht man die Palme. Das Judentum lehnt Körperkrast und Körperkultur nicht ab. Doch unverstäirdlich ist uns, wie man darin etwas spezifisch Jüdisches sehen und pflegen kann. Aus der Not macht man eine Tugend. Ausschluß beantwortet man mit Abschluß. Jüdische Boxerklubs, jüdische Turnvetbände, jüdische Sportplätze!! Gerade in den Makkabäerzeiten sah man in den Gymnasien und Fechterschulen alles eher als eine jüdische Einrichtung. Und noch weniger sah man darin ein Mittel zur Rettung und Erhaltung des Judentums. „Diese mit Wagen und jene mit Rossen, wir aber gedenken des Namens des Ewigen unseres Gottes!" Das war der Mahnruf, das Rettungswort des Judentums. Nicht die nationalistischen Heloten und nicht die Sikkarier, die Fememörder jener Zeit waren die Retter des Judentums, nicht die Männer der Kraft und Gewalt, ein Simon bar Giora und Johann von Girkala, sondern ein Rabbi Johann ben Sakkai, der die „Lehre der Liebe und Güte" gekündet und gelebt hat. Darum kennen wir für unsere jüdische Jugend als besondere jüdische Aufgabe nur die Welt des Geistes und des Herzens. In ihrem Dienste erfüllt sich das Wort der Bibel: „Wenn alle deine Kinder Jünger des Ewigen, dann ist reich der Frieden deiner Kinder." Rabb. Dr. Mlde. Magdeburg: Auch die Grundformen religiösen Lebens befinden sich in ewigem Fluß. Einst zogen unsere Stammväter durch die Steppe. ^Wollten sie ihrem Gotte dienen, dann errWeten sie aus Steinen einen Altar, schichteten Holz, legten das geschlachtete Opfertier darauf. In der aufwärts steigenden Flamme sahen sie die religiöse Sehnsucht ihrer Seele gen tnnmel steigen, fühlten in dem Genuß des Opsertieres die erbiüdung mit der Gottheit. Ihre Nachkommen lebten als Volk im heiligen Lande. Nur im Tempel zu Jerusalem durfte geopfert werden, nur Priester durften die Opfer darbringen. Sie schlachteten die Tiere, sprengten ihr Blut rings um den Altar, sie ließm Weihrauch auffleigen. Wurde am Bersöhnungstag.das Sühnopfer dargebracht, besprengte der Hohepriester das Allerheiligste mit dem Blut des Tieres, da ftthlte das Volk im heiligen Schauer seine Seele frei werden, seine Sünde gesühnt, seine Verbindung mit Gott wieder hergestellt. Ter Tempel zu Jerusalem sank in Trümmer, die Opfer wurden zur frommen Erinnerung. An die Stelle des opfernden Priesters trat der lernende Gelehrte. Für das Volk wurden genau bestimmte Gebete zum Ersatz für das Opfer, für den Gelehrten neben und oft über dem Gebet das Lernen. Das Studium im Talmud, selbst ganz profaner Tinge, wurde religiöses Werk, erfüllte die Menschen mit religiöser Wärme, verband sie mit ihrem Gott. Viele dieser Formen sind uns entschwunden, vermögen in uns kein religiöses Empfinden mehr zu wecken. Würde heut wieder der Tempel in Jerusalem aufgebaut, würde im Tempel das Mebrüll der Schlachtopfer ertönen, wir würden uns ohne Spur eines religiösen Empfindens nur schaudernd abwenden. Nur in wenigen Kreisen lebt noch ein Gefühl dafür, daß Talmudstudium Gottesdienst sei. Ten meisten Juden ist unwiderruflich das Empfinden dafür entschwunden. Nur das Gebet ist geblieben als Ausdruck religiösen Empfindens, als Verbindung des Menschen mit Gott. Steigen neue Formen empor? Es hat nie die eine Form die andere abgelöst, sondern jahrhundertelang hat noch die alte neben der neuen bestanden. Als längst der Priester im Tempel zu Jerusalem den Opferdienst verrichtete, wurde noch von einzelnen im Hof und Hain geopfert. Als die Opfer in Jerusalem noch dargebracht wurden, war vielen Juden in entfernten Ländern das Gebet allein zum Ausdruck religiösen Empfindens geworden. Und bis an die Schwelle unserer Zeit behauptet sich das Studium der talmudischen Schriften neben dem Gebet als Bindemittel zwischen Mensch und Gott. Ich weiß nicht, wann eine neue Form kommt, und wie sie sein wird, ob Wort oder symbolische Handlung, ob gemeinsam gesprochenes oder gesungenes Gebet, ob wortlose Erhebung und stilles Versenken; ob durch die seelische Kraft des Einzelnen oder durch die seelische Wirkung der gleichgestimmten Masse: ob Naturempfinden oder Kunst ihre Helfer sein werden. — Aber dies ist, w as ich unserer Iu gend wünsche: Ihr sollt Euch zum Volk der Religion Geleitworte Von Sanitätsrat Tr. Albert E t t l i n g e r, Vorsitzender des fteisinnigen Vereins für jüdisches Gemeinde- Leben, Frankfurt a. M. Wenn ich auch nicht persönlich unter Euch weile, mein terz ist bei Euch und meine guten Wünsche begleiten die agung, die Begeisterung erfüllt, Kunde geben soll von der Erstarkung des religiös-liberalen Judentums. Unsere Zeit ist eine ernste und schwere, sie braucht nicht nur die Erfahrung des Alters, sie braucht die Kraft, das Mark und das Feuer der Jugend, aus orß. die Zukunft unseres Judentums, des Judentums, wie wir es erstreben, gesichert ist. Kein Doktrinarismus, keine Romantik, unbeugsamer Wille, Bekenntnistreue und Belebung liberal religiösen Lebens, das sind die Gedanken und Leitsätze, denen die Tagung hohen Aufschwung verleihen soll. Lasse Flammen auf der? Bergen erscheinen! Wir hoffen auf Dich, wir vertrauen Dir, jüdische Jugend. lllilitlltttlklillliHilUlIHlllllllllllllllllllllllltltlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllüllllHilltilHIIIItMl zugehörig fühlen, Euer Auge soll hellsichtig, Euer Ohr feinhörig sein, um das neu Kommende zu empfinden. Eure Seele soll immer e m p s a n g s b e r e i t sein für die Schwingungen, die den Menschen mit der Gottheit verbinden. Und dies ist das Zweite: Immer lebten die Juden mit ihrer religiösen Kultur inmitten der übermächtigen Kultur großer Weltnrächte. Immer wurden sie von diesen Kulturen beeinflußt, «rahmen Neues in sich auf; immer aber wußten sie gleichzeitig kämpfend sich zu behaupten. So lchten einst die Juden unter ägyptischer, unter kanaanitischer Kultur, im babylonischen, im persischen Weltreich, im heidnisch-griechischen, im heidnisch-römischen Kulturkreis, im Reiche des Islam und im mittelalterlichen Reich der römischen Kirche. So lebt der größte Teil der Juden jetzt im christlichen, europäisch-amerikanischen Kulturkreis. — Ihr sollt als Jagend lernen, an diesem Kultur kreis teilzunehmen, Gutes von ihm aufzunehmen, in unserer Religion es zu jüdischer Art und Form zu wandeln und gleichzeitig für unsere Eigenart kämpfend Euch als Juden behaupten, als Minderheit wertvoll zu bleiben für die ganze Welt! Dr. Karl Rosenthal, Berlin: Daß die moderne jüdische Jugerrd, besonders aber die liberale, unreligiös sei, gilt denen als ausgemacht, die aus ihrer konservativen Einstellung heraus eine andere Betätigung als diejenige des orthodoxen Judentums für unjüdisch halten oder die wegen ihrer Abneigung gegen den freiheitlichen Geist der Jugendbewegung zu einer unbefangenen Prüfung der religiösen Situation nicht gelangen können. Wer jedoch ohne Voreingenommenheit sich der Mühe unterzieht, die seelische Lage der Jugend zu erforschen, der wird mit Ueberraschung seststellen, daß selbst in der scheinbar areligiösen Jugend die Glut religiöser Inbrunst lodert. In einem Artikel der „Jüdisch-liberalen Zeitung" habe ich vor einiger Zeit die Verhaltungsweise des modernen Menschen zum Komplex Keligion eingehend dargelegt. Es ist gewiß richtige daß dem Leben der Gemeinde, ihren kultischen Einrichtungen und sozialen Institutionen viele Jugendliche mit abwartender Skepsis gegenüberstehen. Aber was hat denn Gottesdienst und kultisches Leben mancher Gemeinden überhaupt noch mft dem zu tun, was uns das Wort Religiosität bedeutet? Ein Requisit aus vergangener Zeit anstelle lebendiger manschen- und zeitnaher Frömmigkeit. Religionsunterricht ist oft tote Geschichtsdarbietnng, die nicht zum eigenen ErlÄnis wird; der Kultus konserviert die Herrschaft der „traditionellen" Forny, mag sie noch so stillos fern; nn Gemeindeleben, in Verwaltung und Schule tMrscht oft Formalbürokratie, deren Aufrechterhaltuug den zur Führung Berufenen wichtiger scheint als der gärende Geist eines jugendlichen Erneuerungswillens. Wer will es der Jugend verdenken, daß sie sich, reserviert hält? Aus dunklem Abweh rinstinkt lehnt sie sich auf gegen den Ungeist einer pseudoreligiösen Zeremonialfrömmigkeit und sucht mit heißem Bemühen den Zugang zur lebendig sprudelnden Quelle der Religion selber. Tie alte Generation identifiziert Religion vielfach mit dem, was man im christlichen Kreise als „Kirchlichkeit" zu bezeichnen pflegt. Gegen diese Mechanisierungsform des religiösen Lebens, nicht gegen die Religion selber, richtet sich der resignierte Protest der Jugend, die vs tief begriffen hat, daß Religion denn doch mehr bleutet als die Konservierung vergangener und überlebter Formen. Was die synagogale Frömmigkeit der jungen Generation zu geben hatte, das war das Endliche, Vergängliche: die Form. Jugend aber ist „das Erfaßtsein vom Unendlichen — Jugerrd ist Religion" (Tillich). Religiöse Haltung gehört zum Wesen echter Iugendlichkeit, sie ist eine ihrer Ausdrucksweisen. Nur daß diese religiöse Bereitschaft oft nicht im Kultischen — das vielfach so gegenstandslos geworden ist — sondern im Ethischen, Politischen, Sozialen und Humanitären zur tätigen Auswirkung kommt. Tenn hier findet die Jugend Gelegenheit, religiösen Tatwillen erproben und bewähren zu lassen; hier wird der prophetische Geist jugendlichen Drängens und Wollens zur aktiven Lebensgestaltung. Alle Religion bedeutet: Vertrauen, daß das L e b e it eineu Sinn hat; und die Jugend will ihrem Dasein bewußt Sinn und Wert verleihen. Aus dem Bezirk des Zufälligen, Wesenlosen will sie ihr Dasein erheben in die Sphäre des Bewußt-Sinnvollen, das heißt, sie will ihr Leben ge st alten durch Tat! Außevreligiöse Gruppen haben bereitwillig der Jugend den Zugang zur aktiven Leistung sreigemacht. Es ist Aufgabe des religiöseu Liberalismus, ihr die Tore zur lebendigen Mitwirkung« weit zu öffnen! Bisher hat die alte Generation von der Jugend nichts.verlangt, sie erwartete nur duldende Uebernahme des Alten, Traditionellen. Passivität galt als Tugend. Jugend aber kann nur religiös wirken, wenn ihr Aufgaben gestellt werden, wenn ihr Tatwitte sichverwirklichen kann. Gebt der Jugend Ausgaben — und mgu wird sehen, wie scheinbare Gleichgültigkeit zur lebendiger Kraftenksallung sich wandelt. Aus dem Suchen zur Tals*"" zur Verwirklichung drängt es sie zu frommem Tun auch auf dem religiösen Gebiete. Nie z. B. ist die Jugend der Berliner Reformgemeinde so stark religiös interessiert gewesen, wie von dem Augenblick an, da sie aus eigener Kraft schaffen und sich betätigen durfte. Tie Meinung über die „unreligiöse" Jugend wird sich bald wandeln, wenn überall ihir der Weg freigegeben wird. Wenn sie bis jetzt zum Tuft der Alten oft „Nein" gesagt hat — wie liebe ich sie um dieses Nein willen! — so tat sie's, weil jugendliche Ehrlichkeit ein. „Ja" .als Verleugnung ihres Wesens empfunden hätte. Darum noch einmal: macht der Jugend den Weg frei, stellt ihr Aufgaben — und das Judentum der Vergangenheit wird ihr wieder Gegenwart, und der Gott der Alten, der ihr bisher der Gott des Gestern schien, wird ihr wieder der Gott des Heute und der Ewigkeit werden! Rabb. Dr. Samuel, Essen: Die jüdisch-liberale Jugend hat in Deutschland eine besondere Mission. Sie muß beweisen, daß auf dem Boden ihrer Heimat der liberale Gedanke zum Durchbruch, zur Bttite und zur Reife gekommen ist. Hier haben Moses MendelKsohn, Leopold Zunz, Abraham Geiger, Gabriel Rießer, Ludwig, Philippson, Moritz Lazarus, Haymann Steinthal, Manuel Joel und Hermann Cohen gewirkt; alle vom jüdischen und deutschen Geiste gleicherweise genährt und durchdrungen, Ter deutsche Boden hat einst die Frömmsten der Frommen unter den Juden gesehen, und schätzungsweise die meisten Märtyrer. Im neunzehnten Jahrhundert sind die deutschen Juden sodann am tiefsten durch den Abfall gegangen, und haben sich doch wieder zurückgefunden. Wir erleben die Auferstehung eines tief religiösen, aus den letzten Quellen des historischen Judentums hecvorbrechenden Liberalismus. Dieser ist,wie wir glauben, nicht allein die Rettung der deutschen Judenheit, sondern hat die Aufgabe, der ganzen Jndenheit voranzuschreiten. Unsere gereiste, ins Leben sch-reitende Jugend (nicht bereits eine unreife, mit Phrasen zu betäubende Gruppe der Jüngsten) hat sich des werbenden Gedankens anzunehmen, daß sich deutsche Gründlichkeit und deutscher Idealismus verbinden sollen mit jüdischer Gläubigkeit und jüdischem Forschertrieb, um ein Judentum eigener Prägung zu Nutz und Frommen der Gesamtheit auszulbilden. Jedes Land hat dem Judentum von seiner innersten Eigenart abgegeben. Zu der Grundlegung des Liberalismus und seiner Einführung ins Gemeindeleben wie ins Gemeindebewußtsein haben Luther und Lejsing, hat die neue Gelehrtenschule des Protestantismus beigeiragen; und wir schämen uns dessen so wenig, wie Ach Gabirol oder Maimonides ihrer arabischen Lehrer geschämt haben. Wenn jemals, so ist es heute nötig, daß die jüdischliberale Jugend in Deutschland sich der liberalen Tradition der letzten beiden Jahrhunderte erinnert, die nach, Ost und nach- West ausgestrahlt Hut. Nie war die Gefahr der Ueberftemdung größer, nie drohte der Liberalismus so sehr im Irrationalismus und Nationalismus zu versinken, wie heute. Es genügt nicht, klar zu empfinden und überzeugt zu sein, daß rhm die Führerschaft in den deutschen Gemeinden gebührt; jeder Jungliberale muß den Ehrgeiz besitzen, positives Judentum in liberalem Geiste aller Welt vorzuleben.

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