Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 24 (11.6.1930)
- Date
- 1930-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614077--3602-2621211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Von der Verantwortlichkeit des liberalen Judentums Von Rabbiner Dr. Albert Wolf, Dresden. Ter Grundgedanke des liberalen Judentum» lautet: Das Judentum ist geschichtlich gewordene Religion. Tie Erkenntnis dieser Tatsache hat das Verhalten zu den Forderungen der Religion von Grund auf verändert. Dem offenbarungsgläubigen Menschen, für den Offenbarung einen übernatürlichen Eingriff in die Ordnung der Natur und beit Lauf der Geschichte bedeutet, ist die Religion mit allen ihren Forderungen gerechtfertigt durch das Wunder, das ihm als das hörbar und sichtbar gesprochene Wort Gottes gilt. Diesem Gotteswort gegenüber gibt es kein Deuteln und kein Fragen. Selbst wo die Forderung unverständlich ist, ja auch wo sie dem religiöseit Empfinden widerspricht, selbst dort hat menschliche Kritik zu schweigen. Das Wunder enthebt den Menschen der Verpflichtung, zu prüfen, ob die Lehren und Forderungen der Religion gerechtfertigt sind. Die Verpflichtung, die dem Menschen bleibt, der auf dem Boden dieses Osfenbarungsalaubens steht, ist nun die der Erfüllung, nicht die der Entscheidung über das, was rechtens ist. Vor dem übernatürlichen Wunder schwiirdet die Veratttwortlichkeit des Menschen für das, was gut und böse ist, dahin. Anders, wenn Offenbarung aufgefaßt wird als die Offenbarung im Menschengeiste, wenn in der Sprache des Gewissens, in dem seelischen Erlebet: des Menschen Gottes Wort vernommen wird. Diese Offenbarung beruht nun aus der inneren Gewißheit und entbehrt des äußeren Zeichens. Aber darum bedarf sie immer wieder der Rechtfertigung. Diese religiöse Einstellung bringt eine andere Haltung zu den Geboten der Religion. Tort lautet die Formel: Alles, was von der RAigion geboten ist, ist gut; hier wird die Formulierung umgekehrt und lautet: Mes, was gut ist, ist religiöses Gebot. Tie Religion, die die Rechtfertigung durch> das Wunder nicht kennt, legt die Verantwortung Dr das, was als religiöses Gebot zu gelten hat, dem Menschen aus. Das darf nicht dazu verleiten, alles Religiöse der Willkür des Einzelnen zu überlassen. Das Judentum als religiöse Gemeinde hat nur dann einen Sinn, wenn der Einzelne sich dem Gesetze der Gemeinschaft beugt. Ter Satz, daß oas Judentum geschichtlich gewordene Religion ist, darf nicht allein eine Erkenntnis sein, diese Erkenntnis muß zugleich zum B e - kennttris werden, daß matt sich dem geschichtlich Gewordenen einfügt. Liberalismus bedeutet die Verpflichtung des Einzelnen und der Gesamtheit, die Gedanken und Forderungen der Religion aus ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen, ihnen religiösen und sittlichen Wert zu erforschen. Tort, wo die Stimme des Gewissens gebietet, über das geschichtlich Gewordene hinauszugehen, dort allein, dort aber auch mit aller EntschiÄenheit, gilt es, Neues zu schaffen. Zu der Verantwortung vor dem Gewissen, die zugleich eine Verantwortung vor Gott ist, kommt die Verantwortung vor der Geschichte. Liberalismus bedeutet nicht Freiheit des Menschen von , der religiösen Pflicht. Er bedeutet vielmehr das Jnnewecden > unserer eigenen Verantwortlichkeit mW den Willen, selber ver- I antwortlich zu sein. Freilich ist das der eigentliche Sinn I der Würde und der Freiheit des Menschen. Der Tagung Rechtsanwalt Heinrich Stern. Berlin: Bin ich wirklich schon so alt, daß ich heute schon meinen ältesten Jungen zur Jli-Tagung schicke? Und doch sind es erst knapp anderthalb Jahrzehnte, daß wir hier in Berlin den kriegsverschütteten Jli wieder aufbauten. Diese Baumeister würden allerdings heute kaum noch herangeholt werden, wenn es Jugendarbeit gilt. Es waren Freund Robert Hirschseld und der Schreiber dieser Zeileir mit einigen, die auch schon die Zwanziger reichlich überschritten hatten. Trotzdem' müssen wir es doch nicht allzuschlecht gemacht haben, denn aus diesem Berliner Jli ist eine liberale Jungmannschast hierangewachsen, von denen ich nur Walter Breslauer, Arthur Lilienthal, Bruno Woyda, Ernst Heinrich Seligsohn, Ellen Littmann und den uns viel zu früh entrissenen Ludwig Lewin nennen möchte. Es waren schöne Tage, als wir in der Wilhelmstraße im alten Logenhaus Lern-' und Vortragsabende abhielten, als die Heimarbeit mit Kursen begann, uns aber auch die fröhliche Geselligkeit nicht fernlag. Ich glaube, es war gerade die richtige Mischung zwischen innerem Aufbau und äußerem Handeln, welche die damalige Jli-Arbeit stark machte, und ich meine, es ist an der Zeit, unseren jungen Freunden zuzurufen, daß. sie sich wieder etwas mehr in den Strom der Welt heranswagen müssen. Klausarbeit ist ganz gut, und lernen sollen wir unser ganzes Leben hindurchaber wir müssen auch erproben, ob unsere Diskussionen und all das andere, was wir in uns aufnehmen, vor dem praktischen Leben stichhält, sonst entfremden wir uns der Wirklichkeit. Also, der Jli braucht wieder etwas Politik, und . umgekehrt, ich glaube, die Politik braucht wieder etwas Jligem. Es scheint mir, als ob in recht vielen Orten die liberale Politik sich etwas vom religiösen Geist ewiger Jugend entfernt hat. Das Revolutionäre, das Respektlose, ich möchte sagen, das Prophetische in unserer Bewegung, fehlt gar zu oft in der Praxis. Wir haben zu viel Schlagworte, zu wenig neue Ideen. Das ist nicht allein unsere Schuld, denn wir | sind noch nicht all genug, um von den Ideen unserer Jugend j Abschied zu nehmen, und schon zu alt, um die Ideen des ’ neuen Geschlechts voll zu verstehen und in die Tat umsetzen j zu können. Ihr müßt also mit heran, nicht mit unfrucht-; barer Kritik — denn wir haben ja unser Bestes zu tun ver-; sucht —, sondern mit dem aufrichtiger: Wunsch, aus Ju-; gendgeist und alter Erfahrung eine unlösbare Gemeinschaft j des gleichen Ideals zu machen; denn mögen die Genera- : tionen wechseln und die Wege verschieden sein: Das Ideal unseren liberalen Judentums aber, eine Gemeinschaft religiöser Wahrhaftigkeit sein zu wollen, ist ewig das gleiche. Glückauf, Ihr Jungen! Geht an die Arbeit! Rabb. vr. Seligmann, Frankfurt am Main: Jugend, das klingt so stark und froh, das leuchtet wie Maiengrün und Sonnenglatrz! Jugend, das fährt mit tausend Masten über unbefahrene Meere, nach .uneutdeckten Ländern. Denn wenn auch draußen keine neuen Meere zu befahren mid keine neuen Länder mehr zu entdecken sirtd, in uns liegen unendliche Verborgenheiten, die nur des Entdeckers harren. Und jede Jugend ist zu Entdeckern von Neuland berufen. Aber jüdisch-liberale Jugend? Tönt das nicht hohl und leer? Scheint das nicht blaß und welk und abgetan? Wohl, vor hundert Jahren, in der jüdischen Sturm- und Trangzeit, da das Neue im Werden war, da mag es ein frisches und lebendiges Blühen imb Wachsen gegeben haben, das neue Kräfte rm Judentum entband, neue Formen schuf, neue Gedanken gebar. Aber ist das nicht alles seitdem selbstverständlich geworden, ebenso wie die Errungenschaften des Liberalismus in der Politik? Und ist nicht darum das Wort „liberal" in Mißkredit gekommen als etwas Sattes, Bequemes, Bourgeoishaftes? Das sich ausruht auf gepolsterten Phrasen? Das in seiner anspruchslosen Armseligkeit nur vom Reichtum der Vergangenheit zehrt? Ist es nicht darum, daß sich so viel beste, begeisterungsfähigste, opferfreudigste Jugend vom Liberalismus ab und dem Zionismus oder gar der Orthodoxie in die Arme wirst? Tort aller flammender Feuereifer, hier nur enr schwache glimmendes Aschenhäufchen! Tort alle fanatische Leidenschaft, hier kein Hauch von der Kraft, die Berge versetzt und ü ber alle Müdigkeit siegt. Und doch ist das liberale Judentum die einzige Weise des Judentums, die mit der Gegenwart, mit dem Leben, so wie es ist, sich verträgt Orthodoxie wie Zionismus sind Flucht aus der Gegenwart in die V e r gangenheit und in die Zukunft. Orthodoxes Judentum schaut wie versteinert in die Vergangenheit zurück und schleppt ewig die Ketten des Gewesenen mit sich. Zionismus zum Geleit verliert sich an eine erträumte Zukunft, von der allein er alles Heil für das Judentum erwartet, an dessen Gegenwart er verzweifelt. Sv daß er bereit ist, um der erträumten Zukunft willen, alle unter tausend Opfern und Kämpfen errungenen Positionen der Emanzipation, alle Lebensmöglichkeitett des Judentums auf der wohlgegründeten festen Erde des gegenwärtigen jüdischen Seitts leichten Herzens preiszugeben. Liberales Judentum ist das Judeittum, das mit der Gegenwart, mit dem Leben, so wie es ist, sich verträgt und ver- GEBET DER JUGEND Von Rabbiner Dr. G oft sehn lk, Fmnkfart a. Main Dir. ewig jtniger Gott, Glüh ich empor, Schleuder dir Brihtdr dir Meinen Herzen* Hoch, hoch hinauf. Herr, lass mich arm sein, Schmiede mir Ketten uns Elend and Mot. Zwinge mich, beuge mich — Eine* mir, eines nur Kimm mir nichts ah: Herr lass mich jung sein. Jung sein, wie du. Erbe der Väter mir lodernde Fackel, Sturze ich jauchzend dann Hin durch die Welt. Und auf dem goldenen Altar Meiner Seele Weih ich dir Liehe Liebe der Jugend. Rauscht dir mein Rufen Dso.hrtgleich empor: An deinem Herten. Herr, Will ich wachen. Herr, ich will jung sein. Jung sein für dich! mahlt. Das die Vergangenheit nicht als Fessel, sondern als Wurzel, das die Zukunft nicht „im Himmel droben oder jenseits des Meeres", sondern in der gegenwärtigen Heimat, in den Lebensmöglichkeiten und unter den Lebensbedingungen unserer Zeit und Kultur erblickt. Wer nur der Vergangenheit oder nur der Zukunft sich verschreibt, schwebt stets in Lebensferne. Nur wer der Gegenwart dient, atmet Lebensnähe. Jüdisch-liberale Jugend! Zeige auf deiner Tagung, daß du nicht der müde Erbe der Vergangenheit nur, nicht der lebensferne Träumer der Zukunft, sondern der opferbereite, begeisterte Träger der ewigen Gegenwartsaufgabe des Judentums bist. Rabb. Dr. Galliner, Berlin: Am Schowuaus,este haben wir in unseren Gotteshäusern das Zehnwort gelesen. Eins aus diesem Zehnwort wird von Eltern und Lehrern schon frühzeitig der Jugend ins Herz geschrieben, das Wort „Ehre deinen Vater und deine Mutter". Tie Begründung die,es Gebotes wird oft prtgelassen und nicht verstanden. Sie lautet: „Damit deine Tage lange dauern aus dem Erdboden, den der Ewige dein Gott dir gibt." Man glaubt oft, daß, durch diese Begründung dem Einzelnen ein Lohn dafür versprochen werde, daß, er Vater und Mutter ehre. Man übersieht aber dabei, daß, das Zehnwort an das ganze Volk gerichtet ist. Das Gebot will uns also sagen, nur d i e Gesamtheit wird Bestand haben, in der das Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter" erfüllt wird. In unseren Tagen hört man freilich weit häufiger die Forderung: „Ihr Eltern, Ehret eure Kinder". Ter Unterschied in den beiden angeführten Geboten, liegt in der verschiedenen Stellungnahme zur Vergangenheit und zur Gegenwart. Eine rückwärts gewandte Kultur wird das Ideal aus der Vergangenheit holen, der Jugend erzählen von der guten alten Zeit und sie erfüllen mit dem Bewußtsein, daß diese gute alte Zeit in der Jugend wieder ausleben müsse. Beherrscht wird eine solche Erziehung von dem Gebote: „Ehre Vater und Mütter". Eine Kultur dagegen, die aus der Gegenwart für die Zukunft schafft, wird sich das Ideal aus der Gegenwart holen und für die Zukunft oorbereiten. Eine solche Ausgabe wird beherrscht von dem Gebote: „Ihr Vier», ehret eure Kinder". Man hat geraubt, daß durch diese Forderung die Autorität der Eltern leiden und die Familie iu ihrer sittlichen Grundlage zerstört werden könnte. Tie Erfahrung har aber gezeigt, daß. dies nicht der Fall ist. Tie Zahl der Eltern ist immer größer geworden, die sich müht, in die Seele ihrer Kinder einzudringen und verständnisvoll an dem Aufbau ihres Lebens mitzuwirten. Es ist so jene echte Harmonie zwischen Eltern und Kindern entstanden, die nicht etwa darin besteht, das beide in gleicher Weise denken, sondern voreinander in wahrer Ehrfurcht stehen. Tie Kinder sind sozusagen nicht nur Objekt der Erziehung, sondert: auch Subjekt, d. h. bewußt tätig an ihrem Werden. In der Gemeinde haben sich die Dinge in gleicher Weise entwickelt. Man stellte sich früher unter einem Gemeindemitglied immer einen Mann vor. der bereits einen eigenen Hausstand besaß, und erst dann in der Gemeinde mit zusprechen hatte, wenn er auch materiell für sie tätig war. Es ist ein altes Sprichwort, das da lautet: „Wer nichts gibt zu Kohol, hat nichts zu sagen in Kohol." Völlig verändert ist die Stellung der Gemeinde zur Jugend. Man hat immer für die religiöse Unterweisung in der Gemeinde Sorge getragen. Man war durchdrungen von der Wahrheit des rabbinischen Wortes „die Welt besteht nur durch den Hauch des Mundes der Kinder des Lehrhauses", aber man hat dabei niemals an die Jugend gedacht, die nach der Schule ins Leben tritt, um sich für einen Berus rorzubereiten. Die Zeit hat es mit sich gebracht, daß diese Jugend ihren eigenen Weg ging. Erst nachdem diese Jugend sich ihre eigene Welt aufgebaut und die Welt mit ihren Augen sieht, ist sie sozusagen mündig geworden, um ihrerseits an die Organisation, an die Gemeinde, der sie durch Geburt, durch Unterweisung und Ueberzeugung angehöct, Forderungen zu stellen. Sie will, daß matt auf sie achte, itnd die Jugend hat ein Recht darauf. Aber dieser Wille der Jugend ist kein einheitlicher. Man hat oft darüber gestritten, ob die Jugend neutral sein kamt, ob sie fern bleiben muß dem Parteienkampf. der aus der deutschen Judenheit nicht wegzuleugnen ist, oder ob es richtig ist, das auch die Jugend sich nach parteivolitischen Anschauungen gliedern soll. Die aliQemetiie Politik hat bereits die Entscheidung getrosten. Jede politische Partei sucht die Jugend für ihr Programm zu erziehen. Auf religiösem Gebiete sollte es anders iein. Aber auch hier stehen wir oor vollendeten Tatsachen. Von dein Augenblicke an, da die Zionisten die Jugend bereits im schulpflichtigen Alter für ihr Ziel vorzubereiten anfiagen, war es für die anderen Organisationen eine Notwendigkeit auch ihrerseits die Jugend für ihre Aufgaben zu erziehen. Wenn in wenig Tagen die Delegierten der jüdisch-liberalen Jugend zusammentreten und die Stellung der Jugend zur Gemeinde erörtern, dann werden sie sich darüber klar sein müssen, welchen Aufgabenkreis sie der Gemeinde zuweisen. Bisher war es die vornehmste Pflicht jeder jüdischen Gometnde, für die Schule, für das Gotteshaus und für die Erfüllung sozial-ethischer Pflichten Sorge zu tragen. Matt hat versucht ,die Aufgaben der Gemeinde dahin zu erweitern, daß man ihr die Pflicht aüferlegte, auch für „allgemein jüdische Interessen" Sorge zu tragen. Diese neue Ausgabe ist recht unbestimmt. Man möge sich doch nicht darüber täuschen, daß man mit ihr im letzten Grunde nichts anderes als die Förderung jüdisch nationaler Zwecke im Sinne habe. Die oben genannten- Ausgaben, die die jüdische Gemeinde zu erfüllen hat. haben zum Ziel das Gefühl der Zusammengehörigkeit und die Stärkung des religiösen Bewußtseins. Wie dies durch Gottesdienst, durch Kenntnis und Verständnis jüdischer Vergangenheit, durch Betätigung edler Menschenliebe erreicht werden kann, soll hier nicht ausgeführt :verden. Aber eines möge die Jugend in dieser ernsten Stunde bedenken, daß sie nicht nur Forderungen an die Gemeinde zu stellen, sondern auch ernste Pflichten zu erfüllen habe. Eine Jugend, die für ein religiöses Ideal kämpft, muß auch am religiöfen. Leben Anteil nehmen. Sie muß überall dort zu finden sein, wo jüdisch religiöses Leben gelebt wird. Sie muß opferwillig fein, wenn es sich darum handelt, für die Erfüllung religiös sittlicher Pflichten sich einzufetzen. Sie muß. bet allen Einrichtungen der Gemeinde sich fragen, ob diese dazu bestimmt sind, ihre Mitglieder der Umwelt zu entfremden, oder ob sie geeignet sind, das jüdisch religiöse Bewußtsein und damit die Einheit der Gemeinde zu Märken. Möge die bevorstehende Tagung Klarheit über die Ausgaben der Gemeinde uttb die Pflichten der jüdisch-liberalen Jugend bringen. Rabb. Dr. Vogelslein» Breslau: Jede große Weltenwende bringt neue Religion, sei es, daß in großer religiöser Revolution die alte Anschauung beseitigt Ivird, sei es, daß durch die andere Einstellung der Menschen die Auffassung der alten Religion verändert wird. Inhalt oder Methode ist neu, aber stets so, daß von dem alten Inhalt oder der alten Methode mancherlei in die neue Zeit herüberragt und auch das Neue nicht voll in die Erscheinung treten läßt. Wir stehen in solcher Weltenwende. Die getftigen und seelischen Güter des Einzelnen wie der Gemeinschaft aus der alten Zeit scheinen dahin. Bewußt oder unbewußt suchen die Menschen dieser Gegenwart nach der grauenvollen Zerstörung des Krieges noch etwas, was ihnen das Leben aufbaut. Mit aller noch so angespannten und noch so tüchtigen praktischen Arbeit ist es nicht geleistet, ja alle diese praktische Arbeit hat nur ihren Sinn, wenn Leben und Welt für uns einen neuen Sinn bekommen. Aus der Seelenlosigkeit und Religionslosigkeit vergangener Jahrzehnte heraus suchen wir nach religiösem Inhalt, nach der Verknüpfung unseres Lebens mit dem Ewigen. Ader es bedarf für uns nicht eines neuen Inhalts der Religion, sondern wer auch nur eine oberflächliche Kenntnis des Judentums besitzt, wird nicht nach neuer Lehre, sondern nach religiöser Erneuerung, d. h. anderer Einstellung der Religion und den religiösen Fragen gegenüber verlangen. Das ist das Große des Judentums, daß seine uralten Ideen von Gott, von dem Menschen und dem Sinn und Zweck und der Bestimmung seines'Lebens, von sittlicher Pflicht und sittlicher Verantwortung für alle Zeiten die gleichen bleibetr. Und doch verlangt die Zeit Neues, weil Lebensgesühl und Lebensanschauung der Menschen andere geworden sind. .. Das gilt besonders von der Jugend. In weiten Krersen unserer Jugend ist mehr oder minder klar das Verlangen