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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-06-11 · 24 (11.6.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
24 (11.6.1930)
Date
1930-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WjschlibemleZeLmL Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. Ser «ntw or tl. Red akteur: Bruno Donda. tH* Vereinigung für dar liberale Judentum übernimmt nur diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Ramen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die verauiWortung. Alle anderen Artikel. Aeuheruugeu und Vorchläge erscheinen unter der Verantwortung der Redamon. Die »Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11, Hallesche Str. 1 ‘Seenruf: Bergmann 335«, 3359 II Nachdruck sämtlicher Originai-Leiträge Postscheckkonto: Berlin 71TB 7, 137 069 nur mit vorheriaer Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum) || Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jShrllch TU. S.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 03«! Siir die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im MitgliedsbeiKage enthalten. Auzeigenpr eife: Die 12gespult. RonpareillezeileNM < Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigen«»- nah me bei der Geschäftsstelle n. sämtl. Anuonceu-Expedit. Rr.24 Berlin. 11. Juni 1930 10. Jahrgang Zur Dresdener Tagung der jüdisch-liberalen Jugend Ursprung, Sinn und Ziel der jüdisch-liberalen Jugendbewegung Von Tr. Hugo Hofsmann, Frankfurt a. M. Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der jüdisch-liberalen Jugendvereine. Geschichte ich Menschheitsgeschehen. Ter Menschheit Werbtu und Wachsen, das Aus und Nieder der Einzelepochen, das ewige Widerstreiten der verschiedenen Geistesströmungen — sie spiegeln sich wieder in den Annalen der Weltgeschichte. Tas Ende des vergangenen Jahrhunderts brachte uns einen Höhepunkt technisch-wissenschaftlicher Leistung, der in der Kriegs und Nachkriegszeit noch überschritten wurde. Errungenschaften, oon. Menschengeist erdachä und Menschenhand erschafft, die in uns Menschen selbst' Bewunderung und Staunen auslösten. Ein Fortschritt und Ausstieg auf alle n Gebieten. ' Nur eines fehlte: Ter Mensch selbst, die menschliche Seele. Erdrückt von der Fülle der Eindrücke, die täglich und stündlich auf ihn einstürmten, — erfüllt von organisatorischen und technischen Plänen, — völlig in Anspruch genommen von den Fragen und Aufgaben des Berufs, — hineingestellt in eine Welt von Farben, Geräuschen, Fabriken, Maschinen, Bewegungsmöglichkeiten, — kurz, umslntet und gejagt von äußerlichen Tingen — wurde der Mensch zum Sklaven all' des von ihm selbst! Geschaffenen, zum Sklaven seiner selbst und erstickte so sein Seelenleben. Aus diesem seelenlosen Dasein mußte uns Menschen ein Ausweg werden sollten wir nicht ganz dem äußeren Schein verfallen. Waller Rathenau suchte diesen Weg in seinen Schriften und sprach „Bon kommenden Dingen", die einer neuen, der erhofften Zeit menschlichen Zusammenlebens angehören. T>er erhofften Zeit! Statt ihrer führte uns das Weltenschicksal andere Bahnen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug die Kriegessackel ein. Und noch vor Erwachen der betäubten Sinne stand Europa rings in Flammen. Neue Zeiten, neue Hoffnung! Ein Lichtstrahl denen, die den materiellen Sinn der Zeit gegeißelt. Nun galt es, M e n s ch zu sein, und ganz nur Mensch. Nun war der Weckruf da. Abschüttlung alles äußeren! Hervorkehren des inneren Menschen.', Zum Wohl des Ganzen! Zum Wohl der Gesamtheit! Eine seelische Mobilmachung, wie unser deutsches Volk sie wohl noch nie erlebt. Und doch kein Sieg! Statt dessen ein Besiegtsein, w uns es jetzt noch nicht recht glaubhaft scheinen will. M liegt der Grund zu dieser Wandlung? Wer trägt die Schul an solcher Wendung unseres Schicksals? Die Frage z beantworten nt! müßig. Doch soviel dürfen wir bekenne: auch hier war es rein Zufallswaltenauch diese bitte: Schicksalsfügung kam aus menschlicher Notwendigkeit. Tichter und Künstler fühlten, wie stets, den Geist d< Zeit voraus und brachten ihn in ihren Werken verklärt zm Ausdruck. Mit gewaltigen Fanfarentönen riefen sie dre Mi weit aus zum Kamps um etwas Höheres als materielles Sei und Wünschen, zum Kampf um unser selbst!, um unsere Seel Es galt, dem besseren Menschen, Ewigkeitsideen, de: Unvergänglichlichen den Weg zu bahnen. Doch, dieser Aufschrei des Expressionismus, diese 3f‘ volution des Geistes gegen die Materie, gegen Schein ui Trug, diese Anklage gegen die Tyrannei des sondernden Bc stände-, gegen die Unterdrückung des Gefühls — sie sollt bald neuem ' " U ' -»MW«.ly Ul» »>Ul verhallen. . Tie Masse folgte nicht; sie wiegte sich v m in Zufriedenheit und Ruhe; sie folgte dem Taun der Genußsucht und äußeren Taseinsfreudiakeit Bis erwachte und den Ernst des Lebens, die Bitterkeit des Tasei am eigenen Körper um so mehr empfinden mußte Nur wenige Gruppen waren es. die trotz der äußeren Not ein neues Leben auszubauen suchten. Zu ihnen zählte in erster Linie die hoffnungsjreudlge Jugend. Beschwingt von unbesiegtem Glauben an die Erneuerungskrast der jugendlichen Seele, getragen von der Hoffnung aus den Sieg des freien, seines wahren Wertes sich bewußten Menschen übernahm sie den Kamps gegen Scheindasein und Ungeistz gegen Macht und Heuchelei. Sie suchte einen neuen Lebensstil und wurde der Verkünder neuer Lebensformen. Tvch übersah sie eins. Sie glaubte, aus sich selbst heraus die Welt zu wandeln und neu zu gestalten. Sie wollte selbst Baumeister sein, ohne zu überlegen, daß hierzu Kenntncs und Erfahrung notwendig war. Berechtigt war ihr Streben nach Offenheit und Ehrlichkeit, aufrichtig und überzeugt der Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit, das Wüten gegen Maske, Heuchelei und Ungeist. Doch tonnte dies allem zum Ban des neuen Hausenicht genügen: es fehlte die Verbindung mit dem Vergangenen; es fehlte die Führung durch Menschen, die diese Bindung zwischen Alt und Jung aufrecht erhielten oder neu Herstellen würden: eS fehlte die Erkenntnis dieser Jugend, daß ihrem Wollen ein Ziel gesetzt, daß Jugend allein niemals entscheidend als Kulturbewegung oder Kulturreform sein kann. So mußte die Jugendbewegung der verschiedenen Bünde zu dieser Zeit an irgend erwachsenen Generation zurückfaud oder neu durchrang. Hier liegt der Anfang unserer jüdisch-liberalen Jugendbewegung. Sie hat von vornherein die Trennung von den Erwachsenen nicht so kraß vollzogen, daß sie aus sich heraus den neuen Bau zu meistern glaubte. Sie erkannte von Anfang die Unmöglichkeit solchen Beginnens. Begründet Der jüdisch-liberalen Jugend entbiete ich namens der Israelitischen Religionsgemeinde zu Tresden und namens des gesamten sächsischen Judentums, verkörpert im Sächsisch-en Israelitischen Gemeindeverband, herzlichste Willkommensgrüße. Es ist uns eine besondere Freude, die jüdisch-liberale Jugend in Sachsens Hauptstadt versammelt zu setzen. Sind wir doch überzeugt davon, daß das jüdische Leben unserer Stadt in besonderem Maße befruchtet wird durch! Arbeit der Jugend an Religion und Judentum. Möge ein gütiges Geschick die Tagung erfolgreich gestalten und möge die Jugend, die zum Teil von weither sich in Tresden versammelt, froh und zufrieden auf die hier geleistete Arbeit zurückblicken. Tarum nochmals „Glück auf" zu diesem Werk! Rechtsanwalt Paul Saling er, Vorsitzender des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbands und der Israelitischen Religionsgemeinde zu Tresden. lag diese vernünftige Ueberlegung in ihrer religiösen Einstellung. Sie wußte aus dieser ihrer religiösen Ueberzeugung und Erkenntnis, daß die Entwicklung der Geschichte, das Fvrtschreiten der Menschheit an keiner Stelle einen Riß zuläßt, der so kraß Eltern und Kinder, die Aelteren und die Jugend auseinanderreißt, wie es diesmal geschehen. Sie erkannte, daß es wohl galt, das heilige Feuer der Jugend gegen allen Schein und Trug zu schüren, daß. aber ebenso wichtig eine neue Bindung mit den Erwachsenen, den Eltern und den Aelteren war, um für die Beschwernisse des Lebens, für den gerade heute schweren Taseinskampf gerüstet zu sein. Tie Religion war bei den meisten Menschen als Folge diejer materialistischen Zeit in Mißkredit geraten; man fühlte sich erhaben über religiöse Weltanschauung. Doch gerade hierin lag der tiefste Grund des Mißgeschicks der .Menschheit in den letzten Jahren und Jahrzehnten; gerade hierin lag die Hoffnungslosigkeit begründet, wahrhaft neues Leben zu beginnen. Professor Förster sagt mit Recht: „Ter modernen Kulturmenschheit kommt immer fühlbarer der Verlust einer religiösen Totalanschauung vom Srnn und Ziel des Menschenlebens zum Bewußtsein." Religion und Leben waren mehr und mehr eutftemdet von einander. Tie jüdische Religion bestand für die, die sie noch halten wollten, in Bräuchen und Gesetzen der Vergangenheit, in Formen, die der Gegenwart, dem heutigen Tenken und Empfinden nicht mehr entsprachen. So kam kam es immer mehr, daß nicht nur Eltern religionslos' wurden, sondern auch die Jugend mehr und "'mehr vom Religiösen abläm. Hier konnte nur der Liberalismus helfen, mit seinen neuen Formen und seiner von den Propheten übernommenen Ethik des Judentums. Es galt, den heutigen modemen Menschen und der neuen Jugend zu zeigen, daß! Religion und Leben nicht getrennt,daß beides im Gegenteil untrennbar voneinander, daß eins das andere zu erfüllen! habe. Es galt ferner zu beweisen, daß dieser Liberalismus j nicht- Negatives, lein Minus gegenüber der orth doren Auffassung des Judentums enthalte, sondern neben dceser bewußtes Judentum in seiner ganzen Fülle und in seiner ganzen auch für unsere Gegenwart und alle Zeiten lebensvollen K rast darstelle. Tic tiefgreifenden sozialen Umwälzungen der letzten Zeit, die Auslösung des GemeinschaftSbewußtseinS bis in dre Familie hinein, die LoSlösung aller Lebensseiten von jeder Tiesenbindung mußten als Gegenpol zu einer Wiederbelebung der großen religiösen Gedanken führen. Als Sinn unseres Daseins tonnte uns nicht mehr die Welt des Scheins um uns herum genügen, die Welt der Lüge, des Machttriebs und der Eigenliebe. Tie religiöse Lehre unseres Judentums wies uns den Weg, den tieferen Zusammenhängen der Weltgeschichte und des Weltgeschehens nachzuspüren. Ties führte zur Erkenntnis unserer eigenen Kleinheit und doch der Größe der uns zugewiesenen Ausgabe irnb Sendung. Wie kalt und gehaltlos erscheinen uns die Reden derer, die uns ob solcher Religiosität für Phantasten halten, der Wirtlichkeit abhold! Ihnen bedeutet das Leben die nüchterne Erfüllung der Berufspflichten.'' darüber hinaus allenfalls ein behagliches Tasein. Erholung ist ihnen reine Genußsucht alltäglichster Art oder Erhebung in die Sphäre der Kunst und Musik, jedoch ohne innere Verbindung mit der Ewigkeit. Ihnen fehlt, wenigstens zumeist, daS befriedigende Gefühl einer tieferen Verantwortung gegenüber der Gesamtheit, das Gefühl der Verpflichtung, sich in die Kette der Generationen eii'.zureihen, von der vorhergehenden Generation dre Ausgabe unseres Judeseins zu übernehmen und sie der nachfolgenden zu übertragen. Tie jüdisch-liberalen Jugendvereine (Jli's) sind sich! dieser ihrer hohen Aufgabe wohl bewußt und haben sie in ihrer bisherigen Arbeit stets zu erfüllen versucht. Sie lassen einem jeden seine religiöse Ueberzeugung und die Art der praktischen Betätigung: sie fördern aber zugleich gas Gefühl der Gemeinschaft und Verbundenheit, indem sie die Grundgedanken einer religiös-liberalen Auffassung klären und festigen. Kein Zwang nach irgend einer Richtung, keine bestimmten Formen und Formeln, keine Bewertung auf Grund äußerer Lebenshaltung, sondern einzige Forderung: Kenntnis des Judentums, Leben und Lebensführung nach den ethischen Grundsätzen, die uns von den Propheten überliefert sind. Welche praktischen Forderungen und Wege aus dieser Auffassung resultieren, ist gerade in den letzten Wochen in der Jli-Rubrik nach den verschiedensten Richtungen erörtert und zur Debatte gestellt. Tie jüdisch-liberale Zeitung selbst hat sich von Anfang an mit diesen Fragen besaßt und eine Fülle von Artikeln hierüber gebracht. Es erübrigt sich, auf die Einzelfragen an dieser Stelle nochmals einzugehen. Eine kürze Zusammenfassung der wichtigsten Aufgaben unserer Bewegung möge abschließend ein kleines Bild von dem geben, was wir als religiöses Leben und religiöse Betätigung betrachten: Wir erstreben innigste Verbindung von Religion und Leben; wir fordern Formen und Bräuche zur Erhaltung des Judentums, stehen aber nicht davon zurück, diese Formen und Bräuche, soweit sie unserer heutigen Denkart nicht entsprechen. zu wandeln oder neue Formen einznführen, um damit die Kerngedanlen des Judentums wieder lebendiger zu gestalten; wir fordern Gottesdienste, die unserem Empfinden entsprechen, wünschen aktivste Beteiligung an diesen Gottesdiensten und wenn möglich Gottesdienste in rleineren Gruppen, wodurch wirkliche Andacht der Beteiligten erzielt wird: wir sind für die Einheitsgemeinde, solange den berechtigten Wünschen unserer eigenen Auffassung in gleichem Maße Rechnung getragen wird, wie denen anderer Richtuugen; wir achten eine jede dieser Richtungen, verlangen nur die gleiche Achtung auch für uns; wir fordern, für die Abseitsflehenden, die für einen formalen Gvttesdieüst aus Mangel an Kenntnis und Ueberlieserung nicht zu gewinnen sind, religiöse Feierstunden, um sie auf diese Weise dem religiösen Gedanken zurückzugewinneu: wir fordern aktivstes Befassen mit allen Zeitproblemen, da wir davon überzeugt sind, daß das Judentum bei der Fülle seiner ethischen und sozialen Grundgedanken zu all' diesen Fragen Wertvolles zu sagen hat; wir verlangen religiöse Erziehung vom Kindesalter an in der Familie, in der Schule und in Bünden, da nur auf diese Weise dem einzelnen, wie der Gesamtheit, insbesondere ober auch dem Judentum gedient ist; wir wünschen Beteiligung der Jugend in der Gemeinde, rn allen Institutionen, in denen sie nur Mitwirken kann , wir fordern endlich trotz Erhaltung unserer jüdischen Werte leinen Abschluß^ von der Umwelt, sondern innigste Verbindung mit dieser durch geistige, gefellschaftliche und persönliche Beziehungen. Möge die Dresdener Tagung uns selbst, dem religiösen Liberalismus und damit dem Judentum rnenten Rückhalt und weiteren Ansporn geben!

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