Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 23 (4.6.1930)
- Date
- 1930-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614076--3598-2621206- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wendung gebracht werden. Die Familienfürsorge zu erreichen, ist der Zweck des Wohlfahrtsamtes. Das Wohlfahrtsamt ist eingeteilt in Bezirksämter. Da diese zu sehr unter dem Mangel des Massenbetriebes leiden, hat die Gemeinde bereits versucht, eine Bezirkseinteülung mit Unterämtern zu schaffen. Dies ist jedoch sehr schwierig -urchzusühren, da cs leider an Hilfskräften fehlt. Man ist sich längst klar darüber, daß die Wohlfahrtsarbei-t nicht Sache des Herzens, sondern Sache des Verstandes und des Wissens ist. Leider lassen die Gemeindeinstitutionen viel zu wünschen übrig. So gibt es bis jetzt nur vier jüdische Gemeindeschwestern. Auch an sozialen Fürsorgerinnen mangelt es. Es muß also die Forderung erhoben werden, daß Gelder für Gemeindeschwestern und vor allen Dingen für soziale Fürsorgerinnen frei gemacht werden. Das, was uns allen am meisten am Herzen liegt, ist die Produktive Fürsorge für unsere Arbeitslosen. 'Der bestehende jüdische Arbeitsnachweis bedarf dringend Verbesserungen. Zunächst müßte er geteilt werden in kaufmännische und gewerbliche Arbeitsuchende und wiederum müßte er geteilt werden in Distrikte. Es muß vor allem die Frage aufgeworfen werden, ob es möglich ist, mehr Gelder auszuwenden für soziale Arbeit als bisher. Herr Dr. Fleischer geht dann noch auf das Schulwesen ein. Auch hier könnte viel gespart werden, wenn wir es durchsetzen könnten^ daß die jüdische Schulpolitik aufhört, und daß der Staat und di« Stadt die ihnen zufrllende Aufgabe übernehmen, nicht aber die jüdische Gemeinde. Es müßte ferner durchgesetzt werden, daß dre Steuergelder einzig und allein für Zwecke der Jüdischen Gemeinde zu verwenden sind. Ausnahmefälle sollten nur zuläßig fern, wenn es sich um Notleidende, um Erdbeben oder Pogrome upv. handelte. Herr Dr. Fleischer schloß dann seinen Bortrag mit einem Wort von Jesaia, im Hinblick darauf, daß wir nicht jedem geben können, aber daß wir uns ihm selbst geben können: Gewähre dem Hungrigen Deine Seele. L _. An die Vorträge schloß sich eine ,ehr angeregte und rege Diskussion. an der sich auch die Jugend stark beteiligte und die die Versammelten bis über die Mitternachtsstunde zusammenhielt. Es beteiligten sich daran besonders Herr Ludwig Herrmann, der es vor allem begrüßte, daß hier einmal das Thema „Liberalismus und Jugend" angeschnitten worden ist. Herr Dr. Max Mayer nahm zur praktischen Frage in religiöser Beziehung Stellung und betonte, daß, wenn man sich auch das älteste Symbol zu Herzen nähme, man liberal ist, wenn man sich selbst die Frage stellt, gibt es mir ettvas, oder gibt es mir nichts. Herr Goetz versuchte klarzulegen, daß sozial und religiös nicht dasselbe seien. Sozial und human könne man nur so lange sein, bis das eigene Unglück an den Menschen hercmtrete. Darum glaubt er sagen zn dürfen, daß ständiges soziales Dun religiöses Leben ist. Er hofft, daß die heutige Jugend das Religiöse wiederfindet, da er einer Generation entstamme, wo dies alles verloren ging. Herr Direktor Held nahm dann das Wort und dankte im Namen seiner Familie, daß dieser interessante Abend in seinem Hause abgehalten worden ist. Im Hinblick auf die Ausführungen von Herrn Dr. Fleischer bedauerte er es, daß das Gemeindeblatt nur ganz unzulängliche Ausführungen über die Beratungen in der Repräsentanten-Versammlung bringe. Es sprachen dann noch in der Diskussion Herr Moritz Rosenthal, Fräulein Hildegard Bach, die nochmals zur Schulfrage Stellung nahm, Herr Rechtsanwalt Dr. Schweitzer, Frau Seligsohn, Herr Bandmann und Fräulein Held. Halle. (Liberale Vereinigung.) Dienstag, den 27. 5., um 20 Uhr, fand die Generalversammlung der Ortsgruppe Halle der Vereinigung für das liberale Judentum im Gemeindehaus statt. Nach einem ausgezeichneten Vortrag über das neue Einheitsgebetbrrch, den Herr Rabbiner Dr. Cohn aus Leipzig hielt, und einer regen Aussprache wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, die Einführung dieses Gebetbuches so bald wie möglich in unserer Gemeinde zu bewirken. Auch an den eingehenden, recht interessanten Bericht, den Frau Dr. Müller über die Breslauer liberale Tagung gab, schloß sich eine lebhafte Diskussion, hauptsächlich über die Jugenbfrage, an. Die Debatte mußte mit Rücksicht aus die vorgeschritten« Zeit unterbrochen werden. Nach der Dresdener Jli-Tagung soll in einer besonderen Versammlung dieses Thema eingehend erörtert werden. Nach Genehmigung des Geschäfts- und Kassenberichts fand die Wahl des Vorstands statt. Sämtliche Mitglieder wurden wiedergewählt. An Stelle des verewigten Sanitätsrats Dr. Oppenheimer, dessen Herr Dr. Hirsch vor Eintritt in die Tagesordnung nochmals mit kurzen Worten warm gedachte, wurde dieser, der bisherige 2. Borsitzende zum 1. Vorsitzenden und an seine Stelle Herr Gerson Burghardt ^gewählt. Es war fast Mitternacht, als die hochinteressante Versammlung geschlossen werden konnte. Halle a. Saale. (Neuer Vorstand.) Infolge des Ablebens oes bisherigen Ortsgruppenvorsitzenden, Herrn Sanilälsrat Dr. Oppenheimer, ist eine Neuwahl notwendig geworden. Der Vorstand setzt sich nach erfolgter Neuwahl wie folgt zusammen: 1. Vorsitzender: Dr. Mar Hirsch, 2. Vorsitzender: Herr Gerson Burghardt, 1. Schrislführer: Herr Georg Oppenheim, 2. Schriftführer: Herr Erich Burg- Hardt, l. Kassierer: Herr Willi Katz, 2. Kassierer: Herr Kurt Lewin. Beisitzer: Frau Dr. Müller, Frau Dr. Ettlingcr, Herr Dr. Kahlberg, M. Landau, Justizrat Aronsohn, Jos. Abramowitz, .Hugo Mainzer, W. S. Lewin. Jli-Treffen und Delegierten-Tagung der jüdisch - liberalen Jugendvereine Deutschlands am Samstag, den 14. und Sonntag, den 15. Juni 1930 in Dresden. Sonnabend, den 14. Juni Vormittags 9 Uhr: Festgottesdienst in der Synagoge, Zeughausstraße l. Festpredigt: Herr Rabbiner D r. Wolf (Dresden) „ l „ Gemeinschaftliches Mittagessen Nachmitags 14 „ Für die Nichtdelegierten Führung durch die Intern. Hygiene-Ausstellung „ 151/2 „ Delegierten-Tagung (tat kl. Saale der Dresdner Kaufmannschaft, Ostraallee.) Tagesordnung: 1. Eröffnung durch den Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Hoffmann (Frankfurt/M.) 2. Arbeitsbericht durch den Geschäftsführer Max Gundersheim (Berlin) 3. Finanzbericht 4. Entlastung des Vorstandes 5. Neuwahl des Vorstandes 6. Neufestsetzung des Beitrages zur „Arbeitsgemeinschaft" 7. Anträge und Verschiedenes Anträge bitten wir bis spätestens einschl. 7. Juni an den Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Hoffmann, Frankfurt/M., Am Salzhaus 3, zu übersenden. Abends 20 Uhr pünktlich (ebenda: Generalaussprache, zu der sämtl. Tagungsteilnehmer dringend gebeten werden: 1. Eröffnung durch den Vorsitzenden und Bekanntgabe der am Nachmittag in der Delegierten-Tagung gefaßten Beschlüsse 2. Referat des Herrn Landgerichtsrats Dr. Arthur Lilienthal (Berlin) „Jugend und Gemeinde" 3. Gesamtanssprache Anschließend 22>/2 Uhr: Geselliges Beisammensein Sonntag, den 13. Juni Vormittags 8'f2 Uhr: Treffen im Großen Garten zum Frühstück bei Pollender (Palaiscafe) „ 10 pünktlich: (im kl. Saale der Dresdner Kaufmannschaft) Religiöse Weihestunde „ 11 „ (gr. Saal der Dresdner Kaufmannschaft) Große öffentliche Kundgebung. Referat des Herrn Bruno Woyda (Berlin): „Lebensnähe der Religion". Diskussion Hieran anschließend gemeinschaftliches Mittagessen Nachm, geg. 15 Uhr: Ausflug in die Sächsische Schweiz. Rückkehr abends gegen 20 Uhr — geselliges Beisammensein Teilnahmeberechtigt an dem Ausspracheabend Samstag, den 14. Juni, abends 20 Uhr, sind sämtliche Mitglieder der bestehenden Jüdisch-liberalen Jugendvereine sowie sämtliche Delegierte der Ortsgruppen der Liberalen Vereinigung. Anmeldungen zur Tagung werden bis spätestens 10. Juni unter genauer Angabe von Geschlecht, Alter, Dauer der Anwesenheit in Dresden an Herrn Dr. Richard Elb, Dresden—A 24, Bayreutherstraße I7,^erbete. Die Gesellschaftsräume der Fraternitas-Loge U. O. B. B. Moritzftraße lbl, stehen den Teilnehmern in den Zwischenzeiten tagsüber zur Verfügung. Weitere Abänderungen des Programms behalten wir uns vor und werden den Teilnehmern gegebenen Falles an Ort und Stelle bekanntgegeben werden. konnten. Am 7. Januar 1852 erhielten sie eine neue Kultusotbratttg, der besondere Judeneid vor Gericht wurde am 26. September 1861 aufgehoben. Zur Zeit beträgt die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde 146." Geschichte der Stadt Oberlahnstein. Von Dr. Fritz Michel, Coblenz. Zur Sechs- Hundertjahrfeier der Stadt Oberlahnstein am Rhein, Pfingsten 1925. Ueckermünde. „Den Juden war die Niederlassung in Pommern sehr erschwert. Noch unter schwedischer Regierung bedurfte jeder Jude, der sich in einer Stadt wiederlassen wollte, der Genehmigung des Stadthalters, und diese sollte nur erteilt werden, wenn der Nachsuchende ein Vermögen von wenigstens 10 000 Tlr. Nachweisen konnte. Jedenfalls wurden die Bestimmungen aber nicht allzu strenge gehandhabt; denn im Jahre 1693 erlaubte die Regierung aus Verwendung des hiesigen Magistrats dem Juden David Elias aus Bock (Buckow in der Altmark), sich in Ue. zu setzen und hier Leinen- und „Beurenzeug" zu verkaufen. Elias kaufte sich daraufhin hier ein Haus und erwarb das Bürgerrecht. Während er sich dann aber in Buckow aufhielt, um dort sein Grundstück zu verkaufen, schwärzte ihn der Münzjude Philipp Jakob in Stettin bei der Regierung au, daß er ein herumvagieoender Mensch von schlechter Reputation sei und erreichte es auch, daß die Regierung ihre Einwilligung zurückzog und sie dem Bruder des Jakob erteilte. Elias erfuhr das Unglück erst, als er mit Sack und Pack in Ueckermünde einzog und er hatte es nur der dringenden Fürbitte des Magistrats zu danken, daß die Regierung die Einwilligung wieder auf ihn übertrug. Bald aber wurden über seine' Handelsgeschäfte allerlei Klagen laut und es scheint, als wenn er nach wenigen Jahren ausgewiesen wurde." „Während des 18. Jahrhunderts war hier kein Jude seßhaft. Das Kirchenbuch berichtet aber von einer Judentaufe. Der Präpositus Slave schreibt: „1752 am 3. April ist vor einer ungemein zahlreichen Gemeinde ein Jude nach empfangenem Unterricht von mir getauft, welchem die Namen in der heiligen Taufe gegeben: Christian Salomon. Paten waren: Obristwachtmeister von Teerbrandt, Leutnant von Rhaden, Leutnant Pfeiffer, Frau Forstmeister von Löben, Frau Präpositus Slave." Ob Christian Salomon nun wirklich ein guter Christ geworden ist, verrät das Kirchenbuch leider nicht. Es ist aber recht zweifelhaft: denn gerade in jener Zeit ließen sich geschäftstüchtige Juden wegen der reichen Geschenke der zahlreichen und vornehmen Paten gern sooft wie möglich taufen, natürlich immer an anderen Orten." „Im Jahre 1782 wohnten in Ueckermünde noch keine Juden: erst 1812 wird ihre Zahl auf 3 angegeben, und wahrscheinlich hatten sich diese erst eben ansässig gemacht. Am 13. Oktober 1812 stellten nämlich Hirsch Friedländer und Daniel Saenger den Antrag, sich hier niederlassen zn dürfen. Durch Zeugnis des Magistrats in Prenzlau wiesen sie nach, daß sie in die Liste der Juden ausgenommen seien, die einen Familiennamen angenommen hatten. Der Magistrat suchte darum die Erteilung des Staatsbürgerrechts für sie nach. Dein Saenger wurde es anstandslos erteilt, bei Fried - länder machte die Regierung Schwierigkeiten, weil er aus dem Großherzogtum Posen stammte, also Ausländer war Er erreichte erst 1814 seine Naturalisation. Drei Jahre später wurden Moses Levi und Levin Friedländer ausgenommen. Am 7. April 1821 traten, die vier jüdischen Bürger der Stadl zu einem Kultusverein zusammen, mieteten sich eine Betstube und erwarben auch einen kleinen Begräbnisplatz eine kurze Strecke südwestlich von dem jetzigen städtischen Friedhof. Durch Beitritte auswärtiger Glaubensgenossen nahm der Verband allmählich an Zahl zu, so daß hier, nachdem die Juden durch das Gesetz vom 23. Juli 1847 und die Verfassung vom 31. Januar 1850 volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung mit den Christen erhalten hatten, eine Synagogengemeinde gebildet wurde. Nach dem Statut von 1860 umfaßt sie die Ortschaften Ueckermünde, Neuwarp, Hoppenwalde, Neuendorf, Altwarp, Eggesin, Torgelow, Vorsee, Gegensee, Hintersee, Königsfelde u. v. g. Der kleine Begräbmsplatz war bei dem Wachstum der Gemeinde nicht mehr ausreichend. Es wurde deshalb 1867 in der Nähe von Rosenmühl ein neuer Platz von dem Mühlenbesitzer Franck erworben und im nächsten Jahre umfriedigt. Die Zahl der Juden hatte damals ihren Höhepunkt erreicht. Sie betrug 1816: 11, 1831: 38, 1843 : 35; 1861: 58, 1880 : 50, 1890 : 37, 1910 : 29. Auch in der Umgegend hat sich die Zahl der Juden sehr verringert, so daß die Sy nag ogeng omeinde 1926 nur noch 12 Familien mit 42 Seelen zählt. Die Synagoge liegt in der Töpserstraße." Die Stadt Ueckermünde. Bon August Bartelt, Julius Schneider Verlag, Ueckermünde 1926. Ortel-churg. „Die Hauptträger des Handels mit Polen und Rußland waren natürlich die Juden. Schon unter Friedrich d. Gr. hatten es einige westpreußische Israeliten immer wieder versucht, trotz des bestehenden Verbots, ihre Ansetzung in Ortelsburg zu erwirken. 1768 wurden sie mit dem Bescheid abgewiesen, daß der „Ortelsburger Handel auch wohl von Christen bestritten werden könnte". Daraus legte sich der Landrat v. d. Golz aus Fingatten im Interesse der Güter ins Mittel: die Juden sollten u. a. dm Wollverkcms übernehmm. Aus Furcht vor Defraudationen litt die Regierung grundsätzlich keinen Juden in den Grenzstädten (1808). Nach Erlaß des Ediktes vom 11. März 1812 aber, das den Inden mit preußischem Staatsbürgerrecht gestattete, sich nach Belieben niederzulassen und Handel zu treiben, meldete sich bald der Sensburger Schutzjude Moses Meyer Cohn zum „Etablissement" in Ortelsburg an. Die Stadtverordneten erhoben aus Furcht vor der Konkurrenz zwar Widerspruch, wurden aber abgewiesen. Moses Meyer Cohn ist so der echte jüdische Bürger Ottelsburgs (1812) geworden, sein Sohn Moses der erste jüdische Ortelsburger von Geburt. Die Zahl der Juden nahm bald zu und 1815 erwarben sie für einm Kaufpreis von 20 Talern und gegm eine jährliche Zinszahlung von 60 Gr. ein Stückchm Land neben dem Schönbruchselde nahe der Hammerrudauerstraße und legten hier einm Friedhof an." „Im Jahre 1820 gab es in Ortelsburg schon 12 jüdische Familien. Der Kaufmann Jtzig Boehm, seit 1853 als erster Jude Stadtverordneter, ließ 1835 in der „Polnischm Vorstadt" ein 2 stückiges Hans errichten, das als Synagoge diente. Während man 1841 noch 105 Juden zählte, nahm ihre Zahl in den folgmden Jahrm wieder ab. 1843 waren es 98, 1855 nur 16 Familien mit 76 Seelen. Dann fand wieder eine langsame Zunahme statt. 1867 hatte Ortelsburg 17 jüdische Hausbesitzer. 1910 wohnten in Ortelsburg und Bmtnersdorf 139 Juden. In gleicher Stärke sind sie auch heute noch vertreten." Geschichte der Stadt Ortelsburg. Von Staatsarchivrat Dr. H. Gollub, Königsberg. Ortelsburg 1926. (Fortsetzung folgt.)