Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 23 (4.6.1930)
- Date
- 1930-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614076--3597-2621205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Itdjeit Entwicklung in Deutschland vorzugsweise zählen, ringen schwer um ihre Existenz. Selbstmorde und Geburtenrückgang sind die schrecklichen Meilensteine dieser Entwicklung, die den Bestand des deutschen Judentums auf das ernsteste gefährden. Nur, wenn es uns gelingt, einen Teil unserer Jugend wieder produktiven Berufen und dem Lande zuzuführen, können wir dm Untergang des deutschen Judmtums aufhalten. Was wir als die Aufgabe einer jüdischen Siedlung in Deutschland ansehen, geht Wer eine Wohlfahrtsaktion weit hinaus. Wir verstehen darunter eine großartige Maßnahme, die den Juden einen gebührenden Anteil an der so notwendigen und vom Reich und den Staaten geförderten inneren Kolonisation in Deutschland sichern soll. Durch Erwerb und Inbetriebnahme des für unsere Zwecke geeigneten Gutes Groß-Gaglow bei Kottbus ist nunmehr der Zeitpunkt gekommen, an dem wir an die Oeffentlichkeit tretm und von dieser verlangen, daß uns für die Siedlung jüdischer Gärtner und Bauern auf deutschem Boden von der gesamten deutschen Judenheit die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Wir fordern alleGemeinden, Organisationen und Vereine, sowie jede n E i n z e l n e n unserer Gemeinschaft, ohne Rücksicht aus fcitic Einstellung auf, an diesem Werke mitzuarbeiten, da von dessen Gelingen auch die Zukunft unserer Kinder abhängen wird. Ungeachtet der vielseitigen täglichen Anforderungen erwarten wir, daß jeder Jude das Gebot der Stuicke erfaßt und zur Erhaltung des deutschen Judentums beiträgt. Werdet Mitglied unseres Bundes! Sendet Beiträge nach dm Verhältnissen jedes Einzelnen auf unser Postscheckkonto Berlin 108 385. Reichsbund für jüdische Siedlung in Deutschland E. B. Berlin W. 15, Kurfürstendamm 200. : Mc|e Nubrld Übernimmt die Schrtstlettung tedtgttch M, ariiuück» Beranttvoruwa Zionistische Berichte lieber den Gemeinde-Abend der Bezjrlsgrnp - pe Norden des Liberalen Vereins ist im Hamburger Fa milienblatt und in der Jüdischen Rundschau berichtet wordm, Das Hamburger F a m i I i e nb l a t t p,ttgl gewöhnlich Wert darau, zu legen, als überparteiliche Zeitung angesehen zu werden. Dieser Bericht, dessen Ver,assec nur unbekannt ist, gibt ein so entstelltes, parteimäßiges Bild, daß an dem guten Glauben des Ver,öfters, objektiv zu Berichten, gezweiselt werden muß. Sollte die Berliner Ausgabe nicht doch lieber ihren Charakter als zionistisches Blatt «lfm eingestehen? Daß die Jüdische Rundschau ihren Bericht parteimäßig darstellt, ist ihr gutes Recht als zionistisches Organ. Aber es gibt auch für den Berichterstatter eines Parteib'.attes eine gewisse Grenze journalistischen Anstands, besonders wenn Hum — wie der Berichterstatter Herr Referendar Hans Klee — der Versammlung nicht bloß beigewohnt, sondern auch gesprochen hat: Tie Sitzung war, wie in der Einladung ausdrücklich gesagt und auch in der Versammlung noch besonders betont wurde, nicht eine öffentliche Versammlung, sondern Den bedeutendsten internationalen MOIIj)r0SS6n UHU AUSSt8llUn96l) AkademischeSprachen-Dienst Berlin HW 7. Friedrlchstr.150 ll ceckb norotneenstr.) Fernsprecher: A 4 Zentrum 5457 / Bürozeit: 9—21 Uhr seine bewährten Uehersetzer und Dolmetscher für 44 Fremdsprachen zur Verfügung. Leiter Ignaz E. Floersheim Erste in- und ausländische Referenzen au* Wissenschaft, Industrie, Politik u. Mandel. ueharsatzungen, sprachzirHei und Einzel-Unterricht ein Gemeinde-Abend des Bezirks Norden für unsere Mitglieder und Freunde zur Aussprache in unser m Kreise. Eine Auseinandersetzung mit Gegnern, die überhaupt nicht geladen waren, war gar nicht geplant. Trotzdem habe ich dem nun mal anwesenden gegnerischen Gast, Herrn Referendar Hans Klee, das Wort gegeben, aus seinen Wunsch sogar als ersten Diskussionsredner. Ehe sich jemand zum Worte gemeldet hatte, war die Redezeit — entgegen meinem Vorschläge, der etwas längere Zeit wollte, — auf 3 Minuten festgesetzt worden. .Herr Hans Klee hat — gegen den deutlich ausgedrückten Willen der Versammlung — eine wesentlich längere Redezeit von mir bewilligt bekommen, nachdem die Versammlung meiner Suggestivaufforderung zur Verlängerung sich gelugt hatte. Herr Hans Klee sprach genau 13 Minuten, ohne daß. ich ihn unterbrach, säst soviel wie die Referenten, von denen die ersten 4 je 15, der letzten Rednerin nur 5 Minuten zugebilligt waren. Aus den privaten Worten des Herrn Klee an Hem Abend glaubte ich entnehmen zu können, daß er >melne Vcrhandlungsleitung als loyal auch ihm gegenüber anerkenne. Ich habe mich nicht nur gegen Zwischenrufe zu senien Ausführungen, damit seine Redezeit nicht eingeschränkt werde, sofort gewandt, ich habe sogar — was mir jetzt sehr leid tut, — den unqualisizierbaren Zwischenruf „Frechheit", der von seinem Tische (nicht von ihm (persönlich) gegen die referierende Dame fiel, geflissentlich überhört. Und nun lese man den Bericht des Herrn Hans Allee in der Jüdischen Rundschau! Mir wird illoyales Verhalten porgeworfen, und die Tatsachen werden auf den Kops gestellt. Könnte man da nicht zum Nachdenken veranlaßt werden, ob bei diesem Verhalten so weitgehende Loyalität noch angebracht ist? Zwar^ der persönliche Vorwurf ist mir gleichgültig: denn die Hunderte, die anwesend waren, wissen den Wahrheitswert eines solchen Berichts richtig einzuschätzen. Aber es ist doch auch notwendig, daß die nicht orientierte Außenwelt nicht ein entstelltes Bild eines Liberalen Gemeinde-Abends bekommt. Tenn Herr Hans Klee benützt „feilten" Bericht dazu, „liberale" Versammlungsmethoden schon im voraus für die Wahlbewegung anzuprangern, um hernach für „seine" Methoden ihre Berechtigung Nachweisen zu können. Obwohl der Gemeinde-Abend nicht im geringsten als Wahlversammlung gedacht war. schließt er seinen Befielt einer „Wahlversammlung" mit dem stolzen Hinweis: Wir sind archipret! (Wir sind erzbereit!) Ci. ei! Weis Herr Klee, daß dieses überhebliche Wort 1870 gesprochen wurde von dem Minister eines stolzen Staates, der einige Monate später besiegt am Boden lag? Hermann F a l l e n 6 e i* g, Vorsitzender der Bez.-Gruppe Norden des Liberalen Vereins. j*J"''''Aus der Bewegung"'''" Berlin. (Vortragsabend in Schöneberg.) Am 28. Mai fand im Hause des Herrn Direktor Martin Held, der uns in besonders liebenswürdiger Weise seine Räume zu diesem Abend zur Verfügung gestellt hatte, ein Vortragsabend der Bezirksgruppe Schöneberg des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde statt. Nach Neuwahl des Vorstandes der Bezicksgruppe, in den hineingewählt wurden: als 1. Vorsitzender Amtsgeriästsra: Walter Michaelis, 2. Vorsitzender Dr. Ernst Emil Schweitzer, 1. Schriftführer Leon Rosenthal, 2. Schriftführerin Fräulein Johanna Nathan, Beisitzer: Carl Aconsohn, Dr. Kurt Fleischer, Jul. .Hirsch, Max Klein, Rechtsanwalt Dr. Max Mayer, Architekt Julius Peyser, Moritz Rosenthal, Zahnarzt Schwersenz und Frau Regina Zuckermann, sprach Herr Prediger Tr. Karl Rosenthal über „Tic Idee des jüdischen Liberalismus und die Jugend". Herr Dr. Rosenthal schickte seinem Vortrag voraus, daß er den Versuch machen will, die Idee des jüdischen Liberaltsmus darzulegen. Er ging aus von der allgemein irrigen Ansicht, daß Liberalismus eine negative Tendenz bedeutet. Man beobachtet nur den negativen Sinn und vergißt, daß das Negative nur das Vorbereitende darstellt, während der Liberalismus durchaus etwas Positives ist. Ohne Religion könnte das Juden in deutschen Städten (1. Fortsetzung.) Oberlahnstem. „Tie Juden nahmen i:n frühen Mittelalter eine eigenartige Stellung ein. Sie waren des Kaisers „Kammerknechte", der mit ihnen nach Gutdünken schalten und walten konnte. Außer ihren Abgaben an die kaiserliche Kammer hatten sie keinerlei bürgerliche Lasten zu tragen, genossen aber auch keine politischen Rechte innerhalb der Stadtgemeinde, in der sie in der Stellung von Freisassen lebten, mit dem Recht, Grundbesitz zu erwerben. Schon König Adolf von Nassau hatte die im Erzstift Mainz angesiedelten Juden dem Erzbischof als Reichslehen übertragen. Seitdem hatte dieser das Berfügungsrecht über sie. Ter Geldhandel war von jeher ihr Hauptberuf Zu Beginn des 14. Jahrhuitderts war daS Bankgewerbe ganz in den Händen reicher Juden, die sich zu Kompagnien zusammengeschlosseu hatten und so daS ganze Kapital in wenigen .Händen konzentrierten. Dabei kam ihnen der enge Zusammenhalt der alten Judeirgemeinschast in den rheinischen Bischofstädten besonders zustatten. Unter dem „großen Kurfürsten" de5 Trierer Nachbarstaates, Baldwin von Luxemburg, der 1328 zum zweiten Male auch zum Erzbischof von Mainz gewählt worden war mW fast nenit Jahre die beiden Erzstifte in einer Hand vereinigte, genossen einige Juden als bischöfliche Hofjuden eine besonders geachtete Stellung. Tic Rechnung des Jahres 1337 -1338 zeigt, daß auch beim Oberlahnsteiner Zoll damals Inden tätig waren, wozu sie sich als Geldwechsler besonders eigneten. Tie Rech nung nennt außer dem Zollschreiber Paulus einen Abraham und zeigte beide in Verbindung mit dem Eoblenzer Hosjudeu Muskin und dessen Diener Baruch. Vielleicht war auch schon der in der Zollrechnung des Jahres 1315—1316 genannte Entmann ein Jude. Unterm 2t. Oktober 1338 erhielten mehrere Juden zur Begleichung der Darlehen, die sie dem Erzbischof geliehen hatten, Anweisungen auf die Oberlahnsteiner Zolleinnahmen. Tie Verfolgung der Jahre 1348—1349 räumte mit dieser einflußreichen Stellung der Juden auf, von denen viele den Tod fanden. Auch in Oberlahnstein sollen damals Judenfamilien umgebracht worden sein. Fortan mußten sie ihr Leben mit kleinen Wuchergeschäften und Kramhandel fristen." „1369 sind schon wieder Juden in Lahnstein nachweisbar. Das alte Schöffenbuch nennt 1367 Moyses und Gumprecht, 1371 Anselm, Moyses und die Jüdin Mede, 1401 und 1408 Bysoiz, 1414 Kaufmann, 1425 wird Gumprecht, Samuels Sohn, sogar als Jude und Bürger in Oberlahnstein im alten Schöffenbuch aufgeführt. 1448 lebten Seligmann und sein Schwiegervater Salmaim in Oberlahnstein. 1452 gab die Jüdin Gute ihrem Eidam Gottschalk und deren Achter Mynnen Hr Haus in der Zvllgasse. — 1662 erhielt der Jude Wolf, der aus Braubach weichen mußte, vom Lahnsteiner Stadtrat Niederlassungsgenehmigung, doch mußte er sich verpflichten, ein neues Haus zu bauen und keine fremden Juden bei sich auszunehmen. 1668 gab es keinen Juden in Lahmstem. Alle durchreisenden Juden mußten dem Zollschreiber ein halbes Kopfstück als Judenzoll geben. Ferner gab jeder „Schutzjude" dem Amtmann zu Neujahr 2 fl. Das Schutzgeld, das der Landesherr einzog, betrug 20 sl." „Weil die Juden von Einquartierung verschont blieben, so beschloß unterm Juni 1689 der Stadtrat, ihnen monatlich einen sl. Kriegssteuer aufzuerlegen. 1693 werden Aron, Löw und 1694 Zacharias genannt." „1702 beantragte der Zollschreiber für den bei der Bürgerschaft so beliebten Juden Moyses die Herabsetzung des Schutzgeldes auf die Hälfte. Doch mußte er für den vom Erzbischof unterschriebenen Schutzbrief 40 fl. zahlen, außerdem 3 sl. Kanzleigebühr und 3 fl. für die kurfürstlichen Kammerdiener. 1706 bat der Schutzjude Mayer um die gleiche Herabsetzung des Schutzgeldes? Früher, schreibt der Zollschreiber, habe es hier reiche Juden gegeben, welche alle verdorben seien, nun gebe es nur mehr arme. 1708 gab es drei Schutzjudeu hier, .1718 waren es Aron Löw, Moyses Mayer, Jakob Homan und Assran. Mayer und Affrair, die man 1709 mit Genehmigung der Regierung aus der Stadt verwiesen hatte, waren demnach wiedergekommen." „Als 1732 des Juden Mayers Weib starb, wurde sie auf dem „obig der Kehr" erlaubten Juden-ackcr bestattet. 1737 betreibt ein Jude das Gewerbe eines Petschierstechers. Im allgemeinen betrieben sie Biehhandel, Metzgerei und Krämerei. Da ein hiesiger Jude sein Wohnhaus gleich neben der Hospitalkapelle erbaut hatte, so ruhte der damalige Pfarrer Herrn. Caftor nicht eher, als bis er das Haus dem Schwager des i Pfarrers gegen Erlegung des Pachtschillings abgegeben hatte. Leben überhaupt als etwas sinnloses bezeichnet werben. Sie soll dem Leben Sinn geben und soll dazu dienen, unser Leben zu erhöhen,, mit geistigen Inhalten auszusüllen. Sie soll den Menschen mit Hoffnungen erfüllen, wenn die Rot an ihn herantritt. Das Eigentliche aber ist die Aufgabe der Verwirklichung der ethischen Idee. Das Judentum kann sich aber nicht damit begnügen, Gott zu verehren als ein abstraktes Ideal, sondern es hat dem Menschen eine Forderung gestellt, diesem Ideal nachzufolgen. Martin Buber hat diese ganze Forderung in eine Formel gebracht: Einheit, Tat und Zukunft. Es würde aber dem Wesen der jüdischen Religion nicht gerecht werden, (Denn wir uns mit dieser Formulierung einverstanden erklären würden. Für uns mag diese Formulierung Geltung haben in dar Weise, daß wir sie nicht anfs nationale Judentum anwenden, sondern daß wir den Begriff „Einheit" auf die Vorstellung von Gott, den Begriff „Tat" auf das Göttliche anwenden und der Begriff „Zukunft" nicht auf Gemeinschaft von Menschen, sondern in der Aufwärtsentwicklung unserer sittlichen Weltanschauung bezogen wissen wollen. In früheren Zeiten brachte das Judentum seine Gottesverehrung in der Form von Opfern zum Ausdruck. Aber die Zeiten und die Gesetze ändern sich und mit den Zeiten kam den Menschen die Erkenntnis, daß sie ihre Gottcsehrung ihren eigenen Bedürfnissen anpassen müßten. Es gibt nun innerhalb des Judentums Menschen, die bereit sind, ans den tatsächlichen Begebenheiten die ewigen Werte ungeändert in alle Zeiten hineinzutragen. Auf der anderen Seite ist wiederum eine Gruppe, die alle ethischen Werte übernimmt, die aber die vergänglichen kultischen Sitten als ewige Werte nicht ansehen kann. So bildeten sich die beiden großen Gruppen in unserer Gemeinschaft, die -Orthodoxie und der Liberalismus. Die Orthodoxie, die alles übertragen wissen möchte, auf der anderen Seite der Liberalismus, der bereit ist, die ewigen Werte beizubehalten, sich aber andere Forderungen zu eigen gemacht hat, da die Lebensverhältnisse! andere geworden sind. Wenn der Liberalismus eine Aufgabe hat, so ist es die, zwischen dem, was aus dem Vergangenen zu uns überkommen ist und was das Leben fordert, eine Synthese zu schaffen. Bevor Herr Dr. Rosenthal dazu übergeht, zu zeigen, >vie unsere Jugend zum Liberalismus steht, geht er kurz auf die Jugend selbst ein. Er schickt voraus, daß der Begriff „Jugeird" eine Wesenskrast, nicht Ausdruck für ein bestimmtes Lebensalter ist. Er denkt dabei nicht an die Jugend, die ziellos und abseits ihren Weg gehn Er denkt au die Jugend, die erfüllt ist von einer heiligen Weltanschauung, die eben die Religion geben soll. Nur hat die Religion dieser Jugend andere Formen angenommen, als die der früheren Menschen. Gerade unsere Propheten haben immer betont, daß allein auf das sittliche Streben es ankoinmt. In dem Suchen der Jugend nach Einfachheit, nach Werten, offenbart sich echte Religiositätf. Die Zeit, in der wir leben, ist die Zeit der Umgestaltung und wird einer Entwicklung bedürfen, bis die Menscheir ein ruhigeres Tempo gesunden haben. Wenn die Umformung des Lebens beendet sein wird, wird die Jagend wieder zu ihrer Aufgabe zurückkehren und wird in ihrer ethischen Weise den Idealen dienen, indem mau den ethischen Formen sich wieder zuwendet. Tann wird die Jugend wieder Bannerträger des religiösen Lebens sein, wenn inzwischen auch die neue Generation sich vielleicht ganz neue Ausdrucksformcn hierin geschaffen hat. Der jüdische Liberalismus mit der Unterstützung der Jugend, würde das verwirklichen, was Abraham Geiger uns gezeichnet hat: „In der Vergangenheit wurzeln, in der Gegenwart leben, für die Zukunft schaffen." Hiernach nahm Herr Dr. Fleischer das Wort zu seinem Vortrag: „Das Wohlsahrtswcsen der jüdischen Gemeinde". Herr Dr. Fleischer schickte seinem Vortrag voraus, daß man die Grundbegriffe in der Arbeit des Wohlfahrtswesens in drei Punkte teilen müsse: die Subsidiäre der Jüdischen Gemeinde, d. h. eine sogenannte Zusatzwohlfahrt, die produktive Fürsorge, die in der Hauptsache ihre Aufgabe darin sieht, Darlehenskassen einzurichten, und drittens die Familicn-Fürsorge. Die Unterstützungsfürsorge kann nur noch für alte und kranke Menschen, die nicht mehr arbeiten können, in An- STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN W 66 S HAUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM S023 ll. 5024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IHHEHDEKORATIOIIEH IN KÜNSTLERISCHER AUSFOHMIM 60 Jahre später — 1795 — kam das Haus wieder zur Versteigerung, und als der Jude Seligmann es kaufte, protestierten wiederum Bürgermeister und ein Ratsherr, Doch die Regierung genchmigte den Kauf, weil die Kapelle einer Spelunke ähnlicher sei als einer Kirche. 1740 baten die Schutzjudensöhne Salomon Mayer und Jsac Abraham um Schutz, desgl. 1748 Jakob Abraham, 1793 lebte hier Salomons Sohn, Seligmarm, ein Schwiegersohn des gleichfalls hier angesessenen einzigen Schutzjuden Sanders. Tie übrigen waren durch „liederliche Haushaltung zurückgegangen und abgestorben", obwohl sie bei ihrer Ausnahme alle ein Vermögen von mindestens 100 sl. nachgewiesen hatten. Noch 1813 heißt es vom Judeit Abraham, daß er hier bettelarm geworden sei. Tie Schutzbriese mußten bei dem Regierungsantritt eines neuen Landesherrelt stets erneuert werden, wofür 1803 je sechs sl. Expednionsgebühr von der Hofkammer erhoben wurden. Eine kurfürstliche Verordnung vom 9. Februar 1784 gestaltete den im Erzstift ansässigen Juden auch das Manufaktur- und Nahrungsgewerbe zu betreiben. Nach einer Verfügung der uassauischen Regierung vom 29. November 1806 mußte jeder künftig in den landesherrlichen Schutz aufzunehmende einheimische Jude 500 fl., eine Jüdin 300 fl. disponibles Eigentum haben. Auswärtige sogar 1500 ft. bezw. 1000 fl. und 37,5 bezw. 75 sl. Gebühren zur landesherrlichen Kasse abführen." „Im selben Jahr wurde der Juden-Leibzoll aufgehoben. Jeder Jude, der am Zoll vorbeikam, mußte nämlich 10 Kreuzer zahlen. Es war mehr eine Schikane, denn in den Jahren 1796—1801 betrug dte gesamte Einnahme hieraus nur 36 fl. Immerhin war es für die Oberlahnsteiner Juden besonders unangenehm, denn da zu ihren Kulthandlungen mindestens 10 Personen nötig waren, so mußten sie häufig Glaubensgenossen aus Braubach, Rehns oder Niederlahnstein herbeibitten, denen das jedesmal 20 Kreuzer kostete. — Als Schutzgeld wurde 1807 für die Oberlahnsteiner Juden eine Summe von 112 fl. angesetzt, die sich auf 4 Juden verteilte. Gegen die Höhe dieser Summe protestierten diese 1813, da sie in außerordentlich schlechter Lage seien. — Die Sonderstellung, welche die Juden in der städtischen Verfassung genossen, insofern sie außerhalb derselben standen, wurde dadurch gemildert, daß sie nach Entrichtung eines Einkaufsgeldes von 15 fl. wenigstens an allen Gemeindesitzungen Anteil haben