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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-06-04 · 23 (4.6.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
23 (4.6.1930)
Date
1930-06-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Anläßlich des Hmfcheidens unseres Freundes Hugo OstVerg find uns so zahlreiche Beileidsdriefe von Privatperfonen und Organisationen zugegangen, daß wir nicht jedem einzelnen danken kännen. Für alle diese Zuschriften und die aus ihnen sprechende Teilnahme sagen wir deshalb an dieser Stelle unseren Dank. Berlin, 27. Mai 1931). Bereinigung für das liberale Judentum E. D. eine Ausgebart der Phantasie sein soll. Immerhin mag zugegeben werden, daß es sich hier wenigstens um ein ernst zu nehmendes Problem handelt. Nicht jedoch kann das von jener anderen Behauptung gesagt werden, die dahin geht, Jesus habe zwar gelebt, aber er sei seiner Abstammung nach kein Sernit, sondern ein Arier. Ich meine, wir müssen uns sür zu gut und unsere Zeit sür zu kostbar halten, um uns mit solch völkischem Unsinn auch nur eine Minute zu beschäftigen, so Aut wir auch verstehen können, daß Len unentwegten Rasieschnüfflern der Jude Jesus ein schr schmerzhafter Dorn im Auge ist. Mit beißender Ironie bemerkt Brunner: „Christus ist ein Arier, ein Germane, Christus ist ein Westfale, Christus ist ein sächsischer Antisemit! — Mit diesen Sätzen ist „die wissenschaftliche Kritik" so weit gekommen, daß sie als letzte Narrheit, Bosheit und gepfefferte Schikane massenhaft genossen werden kam,." Was die Angabe über Jesus tu jüdischen Schriften betrifft, so können wir in aller Kürze folgendes sagen: In der Misch nah, der frühesten Niederschrift der mündlichen Lehre, wird der Name Jesus nicht genknnt. Das ist sehr leicht erklärlich: Das um das Jahr 260 n. Chr. abgefaßte Werk „baut sich zum großen Teil aus Gesetzen und Traditionen auf, die älter sind als das Christentum/^'» Auch das umfangreiche, dreihundert Jahre später niedergeschriebene T a l m u d w e r k läßt uns im Stich. Kein Wunder: ist doch das Mutterland des Talmuds Babylonien, ein Land, das offenbar dem jungen, mehr im Westen sich entfaltenden Christentum ferngestanden hatt"). Das außerordentlich spärliche Material im babylonischen Talmud scheint, nach Guttmann, „aus zweiter oder dritter Hand geflossen zu fein; Volksetymologie, Fabel und Legende sind so miteinander verquickt, daß sich eine klare Angabe nicht herauslösen läßt""). Die Hauptstelle, an der Jesus mit Namen genannt ist, befindet sich im Traktat Sota (47 a). Ter Talmud warnt daselbst vor zu großer Strenge mit folgenden Worten: „Wenn die linke Hand zurückstößt, so soll die rechte stets wieder heranziehen, nicht wie Elisa, der den Gechasi init beiden Händen zurückgestoßen hat, und nicht wie Rabbi Josua ben Perachja, der Jesus mit beiden Händen zurückgestoßen hot." Auch diese Stelle besitzt jedoch keinen geschichtlichen Wert; denn 'Josua ben Perachja hat etwa 100 Jahre vor J-esus gelebt. Interessant ist die Stelle immerhin insofern, als hier von Jesus durchaus nichts Ungünstiges ausgesagt wird. Es wird im Gegenteil seinem angeblichen pharisäischen Lehrer ein Vorwurf daraus gemacht, daß er es an der nötigen Güte gegenüber seinem Schüler Jesus habe fehlen lassen. Schließlich finden sich in dem Werk „Jüdische Altertümer" des jüdischen Geschichtsschreibers Flavins Joseph us, eines jüngeren Zeitgenossen Jesu, einige Sätze über ihn., in denen er als der Messias gefeiert wird. Aber diese Stelle wird heute mit Recht allgemein als unecht angesehen; ein gläubiger Christ hat sie offenbar in den Text des jüdischen Historikers hineingesetzt. So können wir sagen: Tie jüdischen Quellen über Jesus fließen mehr als spärlich: sie bieten uns kaum einen Anhaltspunkt. Die christlichen Quellen wiederum sind so voller Widersprüche, daß es ungeheuer schwierig ist zu erkennen, wo 'die Wahrheit aufhört und die Dichtung anfangt. Ueber zwei Punkte jedoch herrscht in dm Geschichtsquellen Uebereinstimmnng; diese beiden Punkte dürfen daher bestimmt als den geschichtlichen Tatsachen entsprechend angesehen werden: 1. Jesus hat durch sein öffentliches Auftreten Anstoß erregt und sich mißliebig gemacht; und 2. er hat sein Auftreten mit dem Tode bezahlen müssen. (Schluß folgt.) Wir Liberalen und die Vollstreckung der palästinensischen Todesurteile Von Rechtsanwalt Tr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. I. Als ich vor Jahresfrist auf Aufforderung der Jüdischliberalen Zeitung einen Artikel über die Todesurteile veröffentlichte und ich darauf hinwies, daß in der heutigen Zeit wohl alle jüdischen Richtungen sich einmütig gegen die Todesstrafe aussprechen würden, wenn etwa einmal die Frage für die Berliner Repräsentantenversammlungen von Interesse wäre, da ahnte ich kaum, daß jenes von mir aufgeworfene Problem in so kurzer Zeit von größter aktueller Bedeutung sein würde. Tie Frage der Vollstreckung der palästinensischen Todesurteile hat in der zionistischen Partei Anlaß zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen gegeben. Dürfen wir Liberalen hieran stillschweigend vorübergehen als an einer Sache, die uns nichts angeht, oder haben wir nicht selbst die Verpflichtung. auch, unsererseits Stellung zu nehmen? II. Bevor ich die Fragen erörtere, die für uns Liberale entstehen, möchte ich zunächst über die zionistische Diskussion referieren. Diese ist dadurch eröffnet worden — und eben hierin erscheint mir eine besondere Bedeutung der Frage auch fiir uns Liberale zu liegen — daß ein führendes zionistisch e s B l a t t Palästinas, der „D o a r Hajo m", mit großem Pathos die schnelle Durchführung der Todesurteile forderte (vgl. Weltsch in der J.R. vorn 20. Mai 1930). Hiergegen hatte sich nun Weltsch, der Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau", in einem Artikel vom 6. Mai 1936 gewandt, wobei er es aber damals geflissentlich vermied, den 9) Michael Guttmann: Das Judentum und seine Umwelt, 1927, S. 150. io.) Michael Guttmann: Das Judentum und seine Umwelt, 1927, S. 152. ii) Michael Guttmann: Das Judentum und seine Umwelt, 1927. m Liberalismus am Scheidewege Zum Wochenfest Von Rabbiner Tr. Gott An keinem Tage drängt sich uns der Segensspruch über die Thora, „Dank fei Gott für die Lehre der Wahrheit und des ewigen Lebens" so stark aus die Lippen, wie am Wochenfest, der „Zeit unserer Thoragabe". Ter ganze Sinn unseres Daseins wird uns von neuem erhellt, die ganze Tragödie unserer Geschichte, der ganze Jubel über unsere Existenz als Juden wird uns neu klar. Oder sollte es werden. Tiefes Wochenfest, das Fest der Religion schlechthin, das Fest des Gottesgeistes und des geistigen Gottes, sollte endlich einmal unsere Situation als Inder, klar beleuchten und uns vor ganz zwingende Fragen stellen und zu ztoingenderr Antworten herausfordern. Es geht wirklich täglich mehr darum: wollen wir die Gemeinschaft des Geistes sein oder die Gemeinschaft der Zweckmäßigkeit, der praktischen Tinge, der menschlichen Kornpromißhaftigkeit oder wollen wir das andere sein, die Gemeinschaft der Gotteswahrheit, der ewigen Gotteslehre. Es geht für ben Liberalismus, mit dem wir es ja hier zu tun haben, ganz ernst darum, wie er seine Kraft in Zukunft zum Heil seiner Sache, das heißt des Gedankens vom Triumph des reinen Geistes, des nichts als Gott am allerbesten, in der vollen Verantwortung vor Jugend, Zukunft und Geschichte verwenden soll. Ob er sich weiter so verbrauchen und verzetteln soll in allen den Dingen der äußeren und inneren Abwehr, diesen dauernden Konflikten und Auseinandersetzungen mit Andersgesinnten, die zwar immer wieder vom Gesamtbewußtsein sprechen, aber weder das Organ haben, nm Liberalismus würdigen zu können, noch in der Praxis ihm die Wege etwa zu ebnen gedenken, die deutlich fühlen, wie wir ihnen, gegenüber, daß zwischen Jude und Jude Welten der Anschauungen liegen. An nicht wenigen liberalen Stellen hat man sich zu der Klarheit durchgerungen, die wir meinen und die nrrbedingt notwendig ist, damit nicht nur Parteien wieder gestärkt werden, sondern damit das Judentum als geistige Äkacht wieder so in Erscheinung trete wie es einst war, damals, als sich jüdische Weltanschauung gegenüber ungeistiger nichtjüdischer einen Weg in der Welt bahnte und diesen Weg im Triumph bis heute gegangen ist. Aber die wenigen Stellen, die so klar sehen, genügen keineswegs. Ten ganzen Liberalismus muh dieser Sturmgedanke gleichsam ausrütteln: der Geist ist in Gefahr, der ewige Gott, der Gedanke der Ewigkeit, der unendlichen Wahrheit. Viel zu lange schon haben wir uns vom Tagesjudentum beherrschen lassen, von Wahlängsten, Wahlaussichten, Wahlkompromissen, Wahlperspektiven, Wahljubel, also mit andere,: Worten der Macht der Zahl statt der Macht des inneren Gedankens, der inneren Kraft, des reinen Geistgottes, der reinen Wahrheit, die keine Wahlersolge ändern können. Taktisch und praktisch wird der Weg ja äußerlich immer weiter gegangen werden. Worauf es aber für den Liberalismus ankommen muß, ist die unbeugsame Entschlossenheit, sich von keinen Zahlen und Tagesfragen abhängig zu machen, sondern seine Richtschnur nach den ewigen Gesichtspunkten zu wählen. Politisches Judentum mag an diesen Dingen seine Freude haben und mag sie zu seiner Entfaltung und Herrschaft brauchen Geistigreligiöses Judentum darf sie überhaupt nicht in Rechnung stellen, sondern nur seine unverrückbaren geistigreligiösen Ziele und muß verstehen, fürschal k, Frankfurt a. Ai. diese den Weg zu ebne,,. Das braucht nicht unbedingt in radikaler Losreißung von den Andersgesinnten zu geschehen, aber es muß immer mehr und immer mehr und immer energischer und immer bewußter im Zusammenschluß der geistig Gleichgesinnten geschehen, in deutlichem Bekenntnis zu ihren Gedanken, in leidenschaftlich-positiv gerichtetem Willen. Tie Entwicklung der Palästinadinge spielt dabei keine Rotte. Selbst toennjie sich poch so ungünstig auswirken, der Gedanke eines ungeisttg-nalionaleu Judentums ist doch nu,t einmal da, und die Macht dieses Gedankens muß mit jedem Tage um so verheerender wirken mit dem das geistigreligiöse Judentum sich schwach und immer schwächer zeigt. Längst schon hat jenes ungeistige Judentum von der erschreckend schwachen und unklaren Haltung des liberalreligiösen Judentums die Früchte geerntet, viel zu viele Früchte, und das liberale Judentum „triumphiert "mit der wachsenden Zahl der Nichtkämpser. Und so muß es einmal so deutlich wie möglich dargestellt werden, daß wir anr Scheidewege stehen. Es gilt, sich zu fragen, ob wir die Höhepunkte geistigreligiösen Lebens, wie wir sie so oft in der Geschichte zu verzeichnen hatten — Propheten, Philo, Maimonides, Geiger, Lazarus, Cohen, Steinthal, .Kellermann — ob wir solche Höhepunkte wieder schaffen, solche Höhen immer wieder erreichen wollen oder in den Niederungen des Tages- und Rassejudentums stehen bleiben. Ob wir die ganze Majestät geistigen Lebens und Schaffens wieder erleben wollen oder im Gezänk und im Kleinkram der Tagesinteressen stecken bleiben und versinken wollen. Es gehr, so kann man es auch sagen, darum, ob wir ein Judentum der Jugend oder des Alters haben wollen, Jugend und Alter nicht äußerlich genommen, sondern innerlich. Tenn da, wo um Geist gekämpft wird, um Religiosität, innerliche, ewige Tinge, da ist Jngendseuer und Jugendleidenschaft, dauernde Erneuerung, dauernde Frische, dauernde Freude. Da, wo um irdische Tinge geredet und gehandelt wird, da ist Altersstimmung, müdes Warten auf deu Tag, Feilschen um vergängliche Interessen, da fehlen die Weitblicke, die Lichter der Ewigkeit. Es iß wirtlich eine Zeit der Gefahr, wirklich eine Zeit des heiligen Ernstes und darum wirklich eine Zeit der heiligen Entschlüsse. Wer immer noch nicht klar sieht und immer noch zögert und immer noch sich über die Folgen täuscht oder lauschen läßt, die die jüdischen Tinge nehmen müssen, wenn der Liberalismus nicht zu energischer geistiger Sammlung ruft, macht sich zum Mitschuldigen, vergeht sich am Erbe der Väter und erst recht am Erbe der Jugend. „Zeit ift's, für den Ewigen zu wirken", wirklich wieder die höchste Zeit. Ganz laut und ganz stolz und ganz zuversichtlich und ganz krafterftillt und ganz vom Wert der Religiosität durchdrungen, muß es hinausgerufen werden von allen, die die Gefahr erkannt: um des Geistes willen sind wir da und nm des Geistes willen allein wollen wir Juden in alle Ewigkeit bleiben. „Gelobt sei Gott, der Spender der Thora" — der Spender des Geistes: das war das Feldgeschrei der Vergangenheit — es muß Feldgeschrei der Gegenwart sein und Feldgeschrei jeder Zukunft bleiben! Ter Liberalismus am Scheidewege, ein Tonnerruf sei das vom Sinai! Unsterblich die „Lehre", unsterblich der Geist! Aufsatz des „Toar Hajom" zu erwählten. Weltsch nahm in jenem Aufsatz mit anerkennenswertem Mute gegen die Vollstreckung der Todesurteile Stellung. Es heißt dort: „Daß mir, die wir überall und allgemein Gegner der Todesstrafe sind, diese Anschauung auch dort gültig sein lassen, ivo ivic direkt und am nächsten betroffen sind, ist so selbstverständlich, daß» darüber wenig Worte gemacht werden müssen. Auch das Argument, man dürfe an ein orientalisches Land keine europäischen Maßstäbe anlegen und die Araber könnten nur dadurch eingeschüchtert lverden, daß sie ein paar der Ihrigen hängen sehen, überzeugt uns nicht, denn immer noch hat in der ganzen Welt die Reaktion Argumente gefunden, die ihr Verhalten im Interesse der Ordnung sehr plansibel erscheinen ließen. Wir sind Gegner der Todesstrafe, also auch in Palästina gegen die Vollstreckung der gefällten Todesurteile. I Aber wenn dies gesagt ist, so gilt es noch den politischen Aspekt der Sache zn überlegen. Seit den Unruhen sind nunmehr 9 Monate verstrichen. Wenn auch die Wogen des politischen Kampfes noch hoch gehen, so ist doch im Lande selbst da und dort wieder cinck Beruhigung, eine Anknüpfung alter Beziehungen, eine leichte Entspannung der mit Haß und Feindschaft überladenen Atmosphäre zu bemerken. Eine Hinrichtung von 20 oder 25 Menschen in diesem Zeitpunkt müßte aufs neue die Erregung bis zum Siedepunkt erhitzen. Wenn auch infolge der ständigen Bereitschaft von Polizei und Militär ein Ausbruch von Unruhen sehr unwahrscheinlich ist und jedenfalls im Keime erstickt würde, so ist ein solches Schauspiel der Hinrichtung ein Erlebnis, das ein Volk nicht so leicht vergißt. Auch wir Juden werden die Toten von Hebron und Safed nicht vergessen, aber wir verstehen, daß die Hinrichtung von ein paar Arabern nicht die Genugtuung ist, auf die es uns ankommt. Und bei nationalen Konflikten muß eine Seite den Anfang einer Annäherung machen, sonst kann es niemals zu einem Frieden kommen." Im weiteren Verlauf der Ausführungen findet sich folgendes Zugeständnis, das auch über das Problem der Todesstrafe hinaus von Interesse ist, weil Weltsch damit zum Ausdruck bringt, wie problematisch nach wie vor sein Versuch bleibt, liberales Europäertum mit zionistischer Parteigesinnung zu vereinen. „Eine Vollstreckung der Todesurteile, oder aber eine Begnadigung ohne Zutun oder geigen den Willen dier Juden, würde dazu beitragen, die schon jetzt uns nicht freundliche öffentliche Meinung gerade der fortschrittlichen Kreise der Welt noch weiter von uns abzudrängen." Ter Aufsatz von Weltsch war charakteristischerweise überschrieben: „Eine persönliche Anregung". Ter Chefredafteur wollte also damit zum Ausdruck bringen, daß er es nicht riskieren könne, sein Organ als solches mit der von ifym ver-, tretenen Anschauung zu identifizieren. Und am Schlüsse des Artikels hieß es direkt: „Diese Vorschläge setzen freilich eine grundsätzliche Aendcrung des jetzigen zionistischen Kurses und der in der Bewegung vorherrsche iweu Stimmungen voraus. Es ist uns baher sehr fraglich, ob unsere Anregung eine Resonanz im zionistischer Lager und in der jüdischen Welt finden wird." III. Ter Skeptizismus, mit dem Weltsch seine eigene Auffassung im Hinblick auf die Einstellung seiner Parteifreunde vertrat, hat sich als berechtigt erwiesen. Zwar hat sich — was nicht erstaunen kann — eine der sympathischsten Persönlichkeiten des europäischen Zionismus, der Dichter Max Brod, im Sinne von Weltsch ausgesprochen. Im übrigen aber sind die Ausführungen von Weltsch auf scharfen Widerspruch gestoßen. Am sympathisch stell war hierbei eine eingehende Abhandlung von Nach um Goldmann, die sich zwar aus Zweckmäßigkeitsgründen gegen eine formelle Intervention ausfprach, aber immerhin mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck brachte, daß auch gegenüber den palästinensischen Urteilen an der grundsätzlichen Gegnerschaft zur Todesstrafe festgehalten würde. Viel krasser aber war etwa die Zuschrift des Mannheimer Rechtsanwalts Tr. Otto Simon, die sowohl ihrem Gehalt wie ihrem Stile nach charakteristisch ist für die Kulturlosigkeit eines gewissen provinziellen zionistischen Führertnms. IV. Während also aus zionistischer Seite die Frage der Vollstreckung der Todesurteile lebhaft diskutiert wird, hat man sich aus unserer Seite, soweit ich sehe, diesem Problem gegenüber völlig passiv verhalten. Nun liegen in der Tat zwei Gesichtspunkte vor, die gerade uns Nichtzionisten starke ZurÄckhaltung auferlegen. Zunächst kommt für uns der Gesichtspunkt in Betracht, daß es sich hier um Angelegenheiten der Justiz eines fremden Staates handelt und daß wir gar keinen. Anlaß haben, uns in diese Rechtsangelegenheilen hineinzumischen. Wir haben vor der englischen Justiz die denkbar größte Hochachtung, und wir müssen uns vvn allem fern halten, was uns als eine anmaßende Kritik der englischen Rechtsprechung ausgelegt werden könnte. Als ich mich in diesen Blättern gegen die Rede wandte, die Tr. Jsmar Freund anläßlich des Neujahrsfestes gegen den Ausruf deutscher Juden in der Synagoge gehalten hat, da habe ich es freilich in erster Linie gerügt, daß Freund den Gottesdienst benutzte, Haß und Rachsucht zu schüren: daneben habe ich aber auch prinzipiell die amtliche Einmischung eines Vorstandsmitgliedes der jüdischen Gemeinde in die Justiz eines fremden Kulturstaates zurückgewiesen. Ich würde daher eine solche Einmischung vor: unserer Seite, auch wenn sie nach entgegengesetzter Seite erfolgt, nicht gutheißen können. Zugleich kommt gerade für uns Nichtzionisten in Bstracht, daß es uns natürlich bedenklich gedeutet werden kann, wenn wir einerseits die Verantwortung für den Aufbau nicht mittragen, andererseits aber praktische Maßnahmen befürworten, die gerade von den Trägern des Aufbaues als schädlich empfunden werden können. Nach alledem liegt in der von unserer Seite bisher bewahrten Zurückhaltung gewiß, ein durchaus berechtigter politischer und ethischer Grundgedanke. Es muß aber doch davor gewarnt werden, daß wir in dieser Passivität allzuweit gehen. Wir möchten nicht, daß uns unser Schweigen einmal als heimlicher Beifall ausgetegt wird, und daß man uns unterstellt, wir hätten die Angelegenheit von denselben Gesichtspunkten aus gesehen, von denen sie etwa der Mannheimer Rechtsanwalt Tr. Simon betrachtet. Diese Gefahr scheint mir umso erheblicher zu sein, als ja tatsächlich die.Annahme, daß die Liberalen von dem Aufbau Palästinas sich feruhielten, heute nicht mehr im vollen

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