Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 23 (4.6.1930)
- Date
- 1930-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Anzeigenpreise: Die 12nefpatt. 7!<>nporeiUezeile 045 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämll. Annoncen-Lxpedit. Rr. 23 Berlin. 4. Juni 1930 10. Jahrgang Jesus von Nazareth in der Seurleilung der Wen einst und jetzt Von Rabbiner Dr. Zoseph Horden, Elberfeld Ter nachfolgende Arrikrl ifi im wcienllichen eine Wiedergabe dcjHcfcratce, da? ftcrr Rabbiner Tr. Aorben vor turzciir in einer Berliner Bezirksversainmlnng bes Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Oiiau bc»s gehalten hat. Wir würden es begrüßen, lvcnn bie interessanten Ausführungen dir Grundlage einer eingehenden Tiskussion bilden würden. Wir behalten uns eine eigene Ltellungnahme vor. Tie Red. Tie Beurteilung Jesu in früherer Zeit. Aus einsamer, staubiger Landstraße geht ein Mann in gebückter Haltung. Es ist ein jüdischer Hausierer mit einem Zack aus dem Rücken. Er trägt schwer an seiner Last, aber Freude strahlt au, seinem Gesicht; derin es ist Freilag, der Rüsttag des heiligen Sabbats. Seit Beginn der Woche ist er unterwegs, um in harter Arbeit sein Brot zu verdienen. Jetzt aber lenkt er seine Schritte dem kleinen Städtchen zu, in dem Frau und Kinder wohnen; und er geniest mit Behagen die Vorfreude des Wiedersehens. Auf einmal aber verdüstern sichl seine Züge. Was geht in der Seele des Mannes vor? Am Wegesrand hat er ein Kruzifix erblickt. Da steigt Erbitterung in seinem Herzen aus, eine maßlose Erbitterung. Voll Abscheu speit er vor dem Gekreuzigten aus; und seinen Lippen entquillt der furchtbare Fluch: jimach sch'mo w'sichro „Ausgelösch-t werden soll sein Name und die Erinnerung an ihn." Ein anderes Bild: Wir befinden uns in einer angesehenen jüdischen Schule. Vor den zehn- bis zwölfjährigen Knaben steht ein evangelischer Lehrer und gibt französischen Unterricht. Ein Schüler soll aus der deutschen in die französische Sprache übersetzen. „Zehn Jahre vor Christi Geburt usw.", lautet der dentsche Satz. Ter Schüler übersetzt: „Tix ans avant"; da hält er inne. „Run", sagt der Lehrer, „doch weiter". Aber der Junge schweigt. „Was hast du denn?" fragt der Lehrer ahnungslos; „warum übersetzest du nicht?" Ta antwortet der Junge in größter Verlegenheit: „Wir dürfeii diesen Namen nicht aussprechen." Ter Lehrer gerät außer sicki. „Wie? ihr dürft den Namen Jesus Christus nicht aussprcchen, den Namen eines der edelsten Menschen, die die Erde getragen?" „Bitte, fragen Sie den Herrn Direktor; der kann cs Ihnen bezeugen und erklären." Der Lehrer hat den Schulleiter gefragt, und ist dann in der Klasse aus die Angelegenheit nicht mehr zu sprechen gekommen. Was ich da soeben von dem jüdischen Hausierer geschildert habe, stammt aus entschwundenen Zeiten: heutzutage würde selbst der einfachste Mensch seinen Gefühlen kaum in so drastischer Form Ausdruck geben. Was ich jedoch aus der Schulklasse erzählt habe, das hat sich vor noch nicht gar zu langer Zeit zugetragen, und ich selbst bin Ohrenzeuge gewesen; denn es geschah in der Schule, die ich besucht habe. Es muß sich in wenigen Jahrzehnten vieles verändert haben. Was hat sich denn nun verändert? Nicht etwa, daß wir heute wissen, daß Jesus ein Jude gewesen ist. Das kann es nicht sein: denn das hat man natürlich auch in früheren Lagen sehr gut gewußt. Nein, es ist etwas anderes: Man hat Jahrhunderte und Jahrhunderte lang Jesus persönlich verantwortlich gemacht für all das furchtbare Unglück, das durch die christliche Kirche über uns Juden gekommen ist, für die unsäglichen Leiden, die sic uns zugesügt, für das ungeheuerliche Unrecht, das jie uns angetan, für das kostbare jüdische Blut, das durch die Verblendung und die Grausamkeit der Bekenner des Christentums vergossen worden ist. Wäre Jesus nicht gewesen, hat man gedacht, so wäre als das Furchtbare nicht geschehen. Und so entlud sichl der ganze Haß und die ganze Verachtung der Gepeinigten gegen ihre Peiniger aus das Haupt des Mannes, den die Christenheit als ihren Heiland verehrt. Das war ein bedauernswerter Fehler. Tenn es unterliegt doch keinem Zweifel: Hätte Jesu s jemals sehen können, wie seine Verehrer seine Lehren in den Kot zogen, er hätte die Schänder des Christentums genau so aus der Kirche verjagt, wie er die Schänder des Judentums aus dem Tempel in Jerusalem verjagt hat. Tie Wandlung der Beurteilung in neuerer Zeit. Seit einigen Jahrzehnten hat mau in der jüdischen Gelehrtenwelt begonnen, den Fehlereinzusehen undhat zuderPersonJesu eine ganz andere Einstellung gewonnen, eine Einstellung, die seiner Bedeutung vollauf gerecht wird. Tas ist in den weiteren Kreisen des jüdischen Publikums noch nicht genügend bekannt. Es ist ja auch rvirtlich nicht leicht, in wenigen Jahrzehnten mit einem viele Fahr; Hunderte alten Vorurteil aufzuräumen. Taher ist es wohl angebracht, die völlige Veränderung der Beurteilung Jesu an einigen Beispielen aufzuzeigen. Graetz im dritten Band feiner „Geschichte der Inden" bemerkt: Das Verdienst Jesu „besteht vorzüglich darin -und es ist nicht gering anzuschlagen -- daß er die Vorschriften des Judentums v c r i n n e r l tzck; t e, sie mit .Herz und Gemüt auffaßte, das Verhältnis der Jsrae liten zu ihrem Gott, als Kinder zu ihrem Vater, nachdrücklich betonte, die Brüderlichkeit der Menschen scharf hcrvorhob, die Sittengesetze in den Vordergrund gestellt wissen wollte und endlich diese Lehre von der Gottinnigkeit und Heiligkeit entsittlichten Geschöpfen zugänglich machte".') Tie Schilderung der Verurteilung und Hinrichtung Jesu begleitet Graetz mit den Worten: „TaS war das Ende des Mannes, der an der sittlichen Besserung der Verwahrlosten seines Volkes gearbeitet und vielleicht das Opfer eines Mißverständnisses geworden war. Sein Tod wurde die, wenn auch unschuldige Veranlassung voir unzähligen Leiden und mannigfachen Todesarten der Söhne seines Volkes. Millionen gebrochener Herzen und Augen haben seinen Tod noch nicht abgebüßt. Er ist der einzige Weibgeborene, von dem man ohne Uebertreibung sagen kann: er hat mit seinem Tode mehr gewirkt als mit seinem Leben. Tie Schädelstätte Golgatha wurde für die geschichtliche Welt ein neuer Sinai."?) Urster den heute lebenden jüdischen Gelehrten seien neben dem verdienstvollen Historiker Simon T u b n o w, der Jesus die gleiche Gerechtigkeit wie Graetz widerfahren läßt, vor allem genannt Fritz Kahn und C o n st a n t i n B r u n - n e r. Fritz Kahn bezeichnet in seinem vielgelesencn Buch „Tie Juden als Rasse und Kulturvolk" Jesus als den „welthistorisch zur größten Bedeutung gelangten Repräsentanten des ethischen Monotheismus der Propheten."^ Er nennt ihn den „größten Kulturträger der weißen Rasse" und betont, daß er nicht nur der Raste nach Jude gewesen ist, sondern auch, und das sei das wesentliche, „ein Verkünder jüdischer, seit Jahrhunderten traditionell gewordener Weltanschauung"?) Er feiert ihn als den großen Ethiker, „der sein Volk mit Inbrunst liebte und nicht anders als alle Propheten vor ihm es aus den Banden der Kulturgefahren zu reinem Menschentum erlösen wollte, durchtränkt mit dem Blut und durchweht von dem Geiste jüdischer Tradition und jüdischer Gesinnung." ') „Was an der Lehre Christi sittlich ist und nicht sinnliche Kern und nicht Kult, was als das Wesen und Wesentliche des Christentums alle bisherigen Reformationen überdauert hat und alle künftigen überdauern wird und die unerschütterliche Grundlage aller kommenden Staats- und Zukunftsreligionen bilden muß, das sind die von Moses am Sinai zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit verkündeten, von den Propheten hundertfach vor Christus laut gepredigten und von Christus gelehrten und verkündeten Fundamentalideen der jüdischen Weltanschauung."^ Und nun erst Consiantin Brunner! Wie eigenartig schon der Titel feines 1921 erschienenen Werkes: „Unser Christus oder das Wesen des Genies"! Ein Jude spricht von Christus als von unserm Christus! In Tönen höchster Begeisterung feiert er ihn: Christus war ein Prophet, ein Genie, nach langer Zeit der Unterbrechung des Prophetismus ihr himmelgewaltigstes und heiligstes Feuer."Z Von den jüdischen Gelehrten jener Tage meint er, sie hätten in ihrer Bekänrpsung Jesu nicht geahnt, „daß sie in ihm den einzigen lebenden wahrhaft ganzen Juden und das Ganze des Judentums bekämpften."^ Tenn, so sagt Brunner an anderer Stelle: „Tas Jüdische ist jüdisch und bleibt jüdisch... und Christus als der Auszug des jüdischen Geistes und als Höhepunkt der prinzipiellen Vollendung des jüdischen Gedankens, des Gedankens von der Einheit Jahwes und von der Einheit des Menschengeschlechtes, Christus als Symbol und Personifikation dieses Gedankens.; die leidenschaftliche Hingabe der Juden an diesen Gedanken hat diesen Menschencharakter Christus hervorgebracht, und dieser Christus ist und bleibt der Jude der Juden, der Jude mit der höchsten Kraft des Judeseins." „Christus", meint Brunner, „ist das letzte Wort des Judentums." „Christus selber fühlt sich als die Idee des Judentums." „In Christus ist, mit leidenschaftlicher Naturgewalt, der ganze mystische Tief- ') Graetz, 3. Band, 4. Auflage, S. 295. 2) Graetz, 3. Band, 4. Auslage, 2. 308. 3) Graetz, 3. Band, 4. Auflage, S. 185. 4) Graetz, 3. Band, 4. Auflage, S. 187. 5) Graetz, 3. Band, 4. Auslage, 2. 188. 6) Graetz, 3. Band, 4. Auflage, 2. 189. ') Brunner: 2. 103. s) Brunner: 2. 286.! sinn des I u beul u in * offenbar geworden, im | Gegensatz zum Talmud." „Tu, Christus, du lebst! unter u n s , die uralte, die glühende W a h r -! beit, d u lebendiger Cbrist u s: cs ist n i eh t s g e - i st o r b c n v o n dir als d e i n Leib, du ewig lebenj b i g c r Chri st u s." Es sei nur noch hingewiescn auf das i 1928 erschienene Buck; von Emil Ludwig: „Ter Mcnl s ch e n s v h n. G e s eh i ch t e eine s P r o p b c l e n" und auf I das bedeutende zweibändige Werk von Claude Montefiore: „The Synop'tic Gospels", zuerst 1909 erschienen, zweite Auslage 192?, eine ausführliche wissenschaftliche Erklärung der drei Evangelien Matthäus, Markus und Lukas, um zu zeigen, wiedas Problem „I c s u s" die jüdische G e l eh r l e n w e l t unserer Tage auf das tiefste ergriffen Hai und andauernd beschäftigt. Ist doch 1922 eine Lebensbeschreibung Jesu sogar in hebräischer Sprach e erschienen, und zwar von Josef Klausner in Jerusalem unter dem Titel „Jesus von Nazareth. Sein Leben, feine Zeit und seine Lehre"; soeben erscheint das Werk in deutscher Ueberseyung im „Jüdischen Verlag". Jesus und seine Zeitgenossen — jüdische und christliche Geschichtsquellen. Tie Person Jesu, seine Lehren und sein Wirken können nur dann richtig verstanden werden, wenn inan sie an der Hand der Zeitgeschichte betrachtet. Schon im zweiten vorchristlichen Jahrhundert waren die Parteien der Pharisäer und der Sadduzäer entstanden. Nachdem die langjährigen Makkabäerkämpfe beendet waren und die Juden die Oberhoheit der Syrer abgeschüttelt hatten, galt es nunmehr, die schwer erkämpfte Freiheit zu bewahren und die Güter, für die so viel Blut vergossen worden war, zu schützen. Aber was für Güter waren das? Welcher Art sollte die Freiheit sein? Die Pharisäer sagten; „Für die religiöse Glaubensfreiheit haben die mutigen Makkabäerkämpfer ihre Waffen erhoben; darum muß uns an erster Stelle die jüdische Religion stehen." Tie Sadduzäer sagten: „Wären wir ein freies Volk gewesen, niemals hätte es zu einer Religionsverfolgung kommen können. Darum muß die Erhaltung unserer unter schweren Kämpfen wiedererlangten politischen Selbständigkeit unsere vornehmste Sorge sein." Ncken diesen beiden Parteien, die sich in bitterer Feindschaft gegenüberstanden, entstand nun aber noch eine dritte Richtung, das waren die Essäer oder Essener. Anfangs waren sie ein kleiner, unscheinbarer Kreis, der absolut nicht in die Oeffentlichkeit trat. Um die staatlich-politischen Angelegenheiten kümmerten sie sich nicht. Still lebten sie dahin als eine Art Orden, der für seine Ideen keinerlei Propaganda machte. Sie waren nach kommunistischen Grundsätzen organisiert; sie führten eine gemeinsame Kasse und nahmen ihre Mahlzeiten gemeinschaftlich ein. Dem Leben und Treiben der Außenwelt abgewandt, führten sie ein gottgefälliges, sittenreines Leben. Als äußeres Sinnbild eines solchen Lebens galt ihnen, das Baden, das Tauchen im fließenden Wasser, weshalb man sie als Toble schacharith, als Morgentauchende oder Morgentäuser zu bezeichnen pflegte. Je trüber das äußere jüdische Schicksal wurde, je drückender die starke Hand des römischen Weltreiches auf den Juden lastete, um so mehr zogen sich die Essäer in sich selbst zurück in der festen Ueberzeugung, daß ein Leben in Gott nicht anders möglich sei als in einer geistig-religiösen Brüderschaft. Wer hätte je geahnt, daß aus dem Kreise dieser ruhigen, bescheidenen, in sich gekehrten Menschen ein Mann hervorgehen sollte, durch den die K u l t u r - n n d Religionsgeschichte der Menschheit in schier unglaublicher Weise beeinflußt worden ist! Ter erste Essäer, der aus der Abgeschiedenheit seines Kreises heraustrat, war Johannes der Essäer oder der Täufer. Johannes lebte der Ueberzeugung, daß die furchtbare seelische Not, in der das jüdische Volk sich durch den Truck des römischen Weltreiches befand, ein untrügliches Zeichen sei für die baldige Ankunft des Messias. Vorher aber, so glaubte er, müsse eine sittliche Läuterung des Volkes vor sich gehen; diese würde dem Erlöser die Wege ebnen. So trat er denn in die Oeffentlichkeit mit der Mahnung: „Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen." Tie Kunde von den Büßpredigten des Johannes verbreitete sich durch das ganze Land; und so kam auch Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes und empfing von ihm die Taufe, d. h. er wurde von ihm in den Bund der Essäer ausgenommen, was von den vier Evangelisten übereinstimmend berichtet wird. Was nun in den Berichten der Evangelien über Jesu Lebeu, Wirken und Tod erzählt wird, ist vielfach einander widersprechend. Tie theologische Wissenschaft hat sich unendliche Mühe gegeben, Wahrheit und Dichtung von einander zu scheiden. Zahllos sind die Werke, die über diesen Punkt geschrieben worden sind. Wenn nun aber verschiedene Gelehrte — es sei nur Arthur Drews genannt — sich zu der Behauptung verstiegen haben, Jesus habe überhaupt niemals gelebt, er sei eine erfundene Gestalt, ein Mythos: fo bin ich fest davon überzeugt, daß eine solche Behauptung entschieden zurückgewiesen werden muß. Es scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, daß die Gestalt eines Menschen, an dessen Namen sich so weltbewegende Tinge knüpfen.