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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-28 · 22 (28.5.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
22 (28.5.1930)
Date
1930-05-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Gemeinschaft hinzuwcisen und Tr. Frank, als dessen Werk er die Gemeinschaft bezeichnete, zuzurufen: „Schämen Sie sich!", worauf der so Apostrophierte den Schutz des Versammlungsleiters erbat. Herr Steinitz war Gast der letzten Gemeinschastsveranstaltung, und es wäre interessant von ihm, zu erfahren, was für verwerfliche Tendenzen da propagiert' worden sein sollen. — Wir bringen nunmehr die wichtigsten Bestimmungen in dem Wortlaut, in dem sie angenommen wurden; unsere, Leser werden dann selbst ermessen können, wie stark sich die Möglichkeit religiöser Kämpfe in der Kölner Gemeinde vermindert hat und wie berechtigt es ist, von dem Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte der Synagogengemeinde Köln zu sprechen. 8 87, Abs. 2, S. 2 dcs Statuts lautet: Zur Einführung eines neuen Gebetbuches an Stelle bcs jetzt üblichen bedarf es einer Zweidrittel Mehrheit der betresfenden Kul-. luskommission und der Zustimmung des der betreffenden Richtung Uugehötendeii'' Geineinderabbiners. § 88: Jeder Kultusausschuß besteht aus: 1. dem für die betreffenden Synagogen bestellten Gemeinderabbiner, 2. einem Mitglied des Gememdcvorstandes, ztvei Vertretern der Repräsentanz, die vom Vorstand mit Z u st i m m u ng der Repräsentanz ernannt werden und drei ivenuen vom Vorstand zu ernennenden Mitgliedern aus der betreffenden religiösen Richtung, Die Mitglieder der Repräsentanz müssen ebenfalls bet bctref senden religiösen Richtung angehören. Den Vorsitz führt das Mitglied des Vorstandes. Die Amtszeit der ernannten und gewählten Mitglieder der Kultusausschüsse dauert bis zur neuen Wahl der Gemeindevertretung. His zur anderweitige» Zusammensetzung bleiben die bisherigen Mitglieder im Amte. In Angelegenheiten des Religionsunterrichtes ist der Leiter der betreffenden Religionsschule mit beratende«: Stimme zuZpziehen. 8 89. Der öffentliche Gottesdienst findet in den Gemeinde-' synagogen statt. Es ist jedoch die Bildung von Kultusvereinen, statthaft. Diese . Kultusvercine regeln ihre Angelegenheiten selbständig. Sie müssen einen Borstand haben und den Vorstand sowie ein Verzeichnis ihrer Mitglieder alljährlich der Gemeindeverwaltung mrtteilen. Ihre Beamten sind keine Äemeindebeamten. Den Kultusvereinen kann ans Grund besonderer Vereinbarungen ein bestimmter, von der Synagogcngemeinde festzufetzender Prozentsatz der aufgebrachten Steuern der Mitglieder des Kultusvereins zur Deckung ihrer Bedürfnisse überlassen lverden. Dieser Prozentsatz soll aber den verhältnismäßigen Anteil der Steuerzahlungen der Mitglieder an den Ausgaben für Unterricht und Kultus nicht übersteigen. Ob ein Verein ein Kultusvercin im Sinne dieser Bestimmungen ist, entscheidet der Gemeindevorstand mit Zustimmung der Repräsentanz. 8 89 a. Tie bestehenden einzurichtenden Unterrichrsanstalten unterstehen der Aufsicht des Kultusausschusses ihrer religiösen Richtung. Die allgemein gesetzlichen Bestimmungen in betreff des Unter-- richts finden auch aus die von der Syiurgogengerneinde unterhaltenen! Schulen Anwendung. 8 89 b. Die Lehrer und Leiter der Religionsunterrichtsanstalten werden, auf Vorschlag des betreffenden Kultüsagsschusses durch Beschluß des Vorstandes der Gemeinde angestellt oder beauftragt. Tagung der jüdischen Handwerker 9. Verbandstag des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands'.. Köln, den 25. Mai. In einer imposanten Festversammkung wurde heute vormittag im Großen Saal der Rheinlandloge der 9. Verbändstag des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands feierlich eröffnet. Delegierte aus allen Gauen Deutschlands und ans dem Auslande, Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, der Synagogengemeinde und aller größeren jüdischen Organisationen, der Handwerterklmrmer und Jnnungetl waren erschienen, um die Tagung zu begrüßen und Mt ihren Beratungen teilzunehmen. Zum Max Reinhardt-Jubiläum Am 23. Mai ist ein Vierteljahrhundert verflossen, seitdem Max Reinhardt Direktor des Deutschen Theaters in Berlin ist. Dieser Tag wurde nicht nur in Berlin, ftmberu in der ganzen Kulturwell mit wahrhafter Begeisterung gefeiert. Tenn Reinhardt, „der große Zauberer", ist einer der populärsten Künstler Deutschlands, eine in allen fünf Erdteilen gleichermaßen geschätzte und bewunderte Persönlichkeit! Heine hat einmal das hübsche Wort geprägt: „Seitdenr Mozart gelebt hat, gibt es mehr Glück in der W e l t." Auf welchen deutschen Künstler kann man dieses einzigartige Lob besser anwenden, als auf Max Reinhardt, der unzähligett Millionen Menschen in vielen Ländern unvergeßliche Stunden höchsten Kunstgenusses, seltenster Einkehr, tiefster Freude und Erhebung verschafft hat! — Es gibt ja sehr wenige Persönlichkeiten in Deutschland, die, wie Reinhardt, schon fast zu Lebzeiten geradezu ein Mythos, eine legendenumraickte, historische Persönlichkeit geworden ist, mit der sich die Literatur-, Theater-, Kulturgeschichte schon jetzt, schon seit vielen Jahren sehr eingehend beschäftigt. Tenn die Literatur über Max Reinhardt ist bereits ungewöhnlich groß, und ein künftig zu errichtendes Reinhardt-Museum wird über viel Räume verfügen müssen! Was Reinhardt als Bühnenreformator, als großer vielseitiger Anreger, als Lehrer der Regie für alle europäischen Bühnen, als Initiator einer ganz neuen Theaterkültur-Epoche geleistet hat, das haben in der letzten Woche viele berufene Federn geschildert! Seltenes kulturgeschichtliches Kapitel, bei der es keine geteilten Meinungen, sondern nur eine einzige Stimme des Lobes, der Ehrfurcht und der Bewunderung gibt! Gewiß, Reinhardt hat auch viel „Glück gehabt". Aber er hat jetzt bereits 25 Jahre so gut wie ununterbrochen Glück gehabt! Und treffend meinte einst bekanntlich Moltke: „Glück hat auf die Tauer nur der Tüchtige!" In den nächsten Wochen wird die Reinhardt-Literatur um wertvolle Werke bereichert werden. Uns interessiert an dieser Stelle aus dem reichhaltigen „Konzert des Ruhmes" vor allem das Thema Reinhardt als Jude. Tenn.er ist Ostjude, der eigentlich Goldmann heißt. Und er hat sein Judentum nie verleugnet; manches für das Judentum getan, u. a. vielen jüdischen Künstlern und Dichtern zur Anerkennung, zum Emporkommen verholfen. Was Reinhardt als Jude, als jüdische Persönlichkeit bedeutet, soll in einem späteren, ausführliche Aufsatz gewürdigt werden. Vorläufig wollen wir nur auch unsere Glückwünsche zu dem großen Chor der Gratulanten vereinige und der Hoffnung Ausdruck geben, daß das Geschick dem „Magier" Nach dem Vortrag einiger Liedergrüße durch das Quartett der Metzgerinnung bewilftommnete Herr Louis G o l d - Heirg, der Vorsitzende der Kölner Ortsgruppe, die Gäste. Er Wies auf das vorbildlich, gute Einvernehmen zwischen den Innungen und der jüdischen Handwerkerschüst Kölns hin und gelobte, es werde der jüdische Handwerkerstand allzeit am Aufbau des Vaterlandes Mitarbeiten. Tie Eröffnungsansprache hielt der Verbandsvorsitzende Herr Wilbelm Marcus-Berlin. Er warf einen Rückblick auf die letzten 17 Jahre des Verbandslebens und zeich«- nete in knapper Skizze ein Bild des Werdens und Wachsens feiner Organisation. Man habe Schulter an Schulter mit den christlichen Kollegen gekämpft, um das Absinken des Mittelstandes ins Proletariat aufzuhalten. Es seien lediglich die von Religions wegen gegebenen Sonderinteressen gewesen, die zum konfessionellen Zusammenschluß, der jüdischen Handwerker geführt hätten. Es gäbe keine spezifisch jüdische Wirtschaftsnot; das Interesse des Ganzen stehr im Vordergrund der Verbandsbestrebungen. Ter Verband lehne jede politische Betätigung ab, stehe aber fest aus dem Boden der Republik. Herr Louis Wolf, der Vorsitzende der Ortsgruppe Berlin, hält sodann die nach- Form und Inhalt gleichermaßen ausgezeick/uete Festrede. Es gelte, so führte der Redner etwa aus, die schweren Wunden der Kriegs- und Nachkriegszeit zu heilen. Da sie Resignation schlecht am Platze. Nur Glaube und Hoffnung könnten weiter,ühren. Es sei kein Zufall, daß die jüdischen Handwerker dieses Mal im Rheinland tagten. Erfolge doch in diesen denkwürdigen Wochen die endgültige Befreiung von fremden Truppen, die als freudiges Ereignis von der deutschen Judenheit ebenso lebhaft empfunden werde wie von den übrigen Volksgenossen. Liebe zum Vaterland brauche man nicht erst zu versichern, auch wenn eine wüste Hetze überall im Vaterlande die Judenheit tötlich trefften wolle, sie sei uns Juden Selbstverständlichkeit. Sei doch gerade das Rheinland ein Boden, aus dem seit 2000 Jahren Juden beheimatet waren, insbesondere auch jüdische Handwerker. Zur Gegenwart übergehend, schilderte der Redner die Nöte des Mittelstandes und gibt er Ausblicke in die Möglichkeiten erfolgreicher Hilfe. Dabei berücksichtigt er besonders eingehend die Stellung der Gemeinden und der Religion überhaupt zur Wirts ch a s t. Tie Synagogengemeinden seien heute nicht mehr pure Verwaltungsapparate, sondern lebendige Organismen, beseelt vom Willen, aktiv einzugreifen in die sozialen Geschicke aller ihrer Glieder. Auch die Religion müsse, so wie es seinerzeit die Stockholmer Kirchenversammlung persucht habe, in spürbare Berührung mit allen Erscheinungen des diesseitigen Lebens treten, wenn nicht mit dem Leben auch sie sterben wolle. Nach einem starke Bewegung auslösenden Hinweis auf die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Unterbringung und Beschäftigung jüdischer Kräfte entgegenstehen, schließt der Redner. Es folgen nunmehr die Begrüßungsreden der Gäste, unter denen erwähnt seien Rabbiner Tr. Kober für den T.J.G.B., Vorsitzender der Synagogengemeinde Köln Emil Blumenau, Tr. Knop für die Regierung, Stadtdirektor Dr. Cramer für die Stadt Köln, Netter für die Handwerkskammer, Rabbiner Drp Earo für das Lehrlnrgsheim, Pesch als Vorsitzender der Kölner Innungen, Tr. Nathan für die beiden Logen, Frau Caro für verschiedene Frauenorganisationen, Tr. Traub für den „Ort", Roßberg für den C.B. u. a. Das „Hallelujah" von Hummel, gesungen von Kantor Baum II, schloß die eindrucksvolle Eröffnungsfeier ab. Am Sonntag abend beging die Kölner Ortsgruppe des Verbandes im Weißen Saal der Bürgergesellschaft das Fest ihres 25 jährigen Bestehens. Montag und Dienstag waren durch Arbeitssitzungen ausgefüllt. I Hugo Werg I Auf dos erste Grab Franz Schuberts setzte sein Freund Grillparzer die Inschrift: „Die Kunst begrub hier einen schönen Besitz, aber noch schönere Hoffnungen." Einen welken Strauß von im Keim gebrochenen Hoffnungen senken wir mit Hugo Ostberg in die Erde, noch fassungslos darüber, daß wir ihn hingeben mußten. Hugo Ostberg ist durch die liberale Jugendbewegung hindurchgegangen. Als Kich der Berliner Jli vom neutralen Jugendverein trennte, war er einer seiner Führer. Bon diesen Zeilen her rührte seine bestimmt deutsch-jüdische, den Zionismus ablehnende Einstellung, der er treu blieb. Doch negativ zu sich verhalten, lag diesem rastlos fleißigen, und innerlich gütigen Menschen nicht. W.ie er beruflich einem Unternehmen diente, das baute und lastenfördernde Maschinen schuf, so war auch nur ein Teil seines jüdischen Wirkens propagandistisch, vom Wort ausgehend, dogmatisch. In der Loge, der er mit ganzem Herzen angehörte, lernte er Gesinnungen wägen, lernte er auch aus Andersdenkenden das Allgemein-Menschliche herausholen, lernte er den Wert jüdischer Gemeinschaftsarbeit. So bin ich 1926 an ihn herangctreten, er möge der liberalen Gemeindearbeit nähertreten, er möge für die liberale Vereinigung an leitender Stelle wirken. Es darf hier ruhig gesagt werden, daß ihm die Einzelheiten dieser Arbeit fremd waren, als er begann. Aber rastlos hat er sich, von bestimmten unverrückbaren Grundsätzen ausgehend, des Stoffes bemächtigt, Tatsachen und Personen kennen gelernt. In der Fraktion, der Vereinigung, im Landesverband stand er bald vornean. Warum wohl? Weil in ihm eine eigentümliche Mischung von Kämpfergeist und Befähigung für Kleinarbeit steckte. Ter Kämpfer stand fest auf seinem Posten, schlug auch wohl zu, — aber auch die Gegner wußten, er wollte nicht zerschlagen. In ihm bewährte sich der Segen der Arbeit, er verstand aus ihr heraus den andern und wurde verstanden. Und viele, Freunde und Gegner, waren erstaunt, wenn hinter dem Volksversammlungsredner der verständige, sachliche Arbeiter auftauchte, der doch auf seine Weise nur der Gesamtheit dienen wollte. So hat er besonders im Rat des Landesverbandes mit Männern wie Kareski gut und gern zusammengcarbeitet, trotzdem sie gesinnungsmäßig eine Welt voneinander trennte. Ter Schlüssel zu diesem scheinbaren Widerspruch lag in Oslbergs Persönlichkeit, er war eine gerechte und gütige Natur. Ost ausquellend, ja aufbrausend, ließ er Zorn und Verstimmung nie lange Herren seiner Seele sein. Er erwog, wog ab und entschied schließlich aus der gerechten Einstellung seines I Verstandes und der Güte feines treuen Herzens heraus. So hat er gewiß manchmal gesprochen und geschrieben, was Anstoß gab — wer, der jungen Herzens ist, hätte das nicht getan —, seiner tätigen Arbeit aber folgten die Freunde, schlossen sich gern auch die Gegner an. Noch war er im Aufstieg — viel hatte er noch zu geben, bitter ist es, den Strebenden jäh stürzen zu sehen. Ihn, den scheinbar so zäh Kräftigen, fällte, noch ehe er ein Vollender, ein Vollendeter war, ein tückisches Leiden. Mutter, Schwester, Tochter — drei Lebensalter trauern um ihn. Wir aber, seine Freunde und Mitarbeiter, die ihm brüderlich nahestanden, haben sein Wirken geschätzt, sein Streben geachtet, sein gütiges Herz geliebt. Ihn zu missen wird herbe, ihn zu ersetzen schwer sein, — ganz verlieren werden wir ihn nie. noch Jahrzehnte erfolgreichen Schaffens und Wirkens vergönnen möge! Und wir wollen uns freuen, daß er unserer Zeit, die doch auch so viel Unerfreuliches brachte und bringt, .angehört! .Denn es ist sicher, daß eine geistige und künstlerische Potenz wie dieser Mann nur alle paar hundert Jahre einmal zur Welt "kommt! Tr .Ludwig D a v i d s o h n, Berlin. Berliner Sommerfchau »Altes Berlin" Fundamente der Weltstadt. Das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrs-Amt der Stadt Berlin hat in seinem großen 'Ausstellungsgelände am Bahnhof Witzleben, in dem baulich vollendeten Funkturmhallenviereck, eme Ausstellung vom kulturellen und geschichtlichen Werden Berlins eingerichtet, die ohne Zweifel zu den schönsten und interessantesten Veranstaltungen dieser Art gehört, die je in Berlin gezeigt wurden. Fast alle Behörden, Institute, Körperschaften/ Organisationen, viele große Firmen und bekannte Persönlichkeiten Berlins haben diese Ausstellung beschickt und gefördert. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat einen eigenen Saal erhalten, in dem sie erlesene Kostbarkeiten aus ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen und aus ihrem Gesamtarchiv ausstellt, viele Berliner Museen haben Gegenstände, 'Bilder, Modelle usw. geliehen, kurz das Ganze ist eine Uebersicht von einer bisher noch nicht dagewesenen Reichhaltigkeit und Einzigartigkeit geworden. Das Plakat, das zum Besuch dieser Berliner Sommerschau von 1930 auffordert, zeigt Berlin noch in den Armen des Festungsgürtels von 1688... Tie Kräfte, die diese Enge durch Jahrhunderte überwinden halfen und Berlin zur (raummäßig gesehen) zweitgrößten Stadt der Erde machten — mit dem Filnkturm als Wahrzeichen des alle Grenzen überwindenden Geistes —, diese Kräfte sind in diesen Hallen zu einer Schau nicht alltäglicher Art vereinigt! Tie Ausstellung kommt übrigens zu einer ganz besonders gelegenen Zeit! Denn sie ist besonders wichtig für unsere Generation, die die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe hat, sich neu einzustellen gegenüber den Veränderungen, die die rapide Entwicklung auf pvlitischem, sozialem, wirtschaftlichem, kulturellem und technischem Gebiet bringt. Sie lenkt, indem sie einen ungemein fesselnden Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart bietet, den Mick in die Zukunft- Und sie zeigt Mer die höchst unliebsamen, ja empörenden Tagesereignisse, -erschieinungen und -Skandale hinweg, (die dochhoffentlich wohl nur vorübergehende Rach- * lriegsschäden sind), die gewaltigen Leistungen, mit denen die Berliner ihre Stadt zu dem gemacht haben, was sie ist. Eine ganz besondere Mahnung und Aufforderung ruft die schöne, von ganz überparteilichen Stellen und nichtjüdischen Köpfend errichtete Ausstellung uns Juden zu. Wir alle wissen, daß innerhalb des Judentums Auflösungs- und Niedergangserschcinungen ausgetreten sind, die zu ernstester Besorgnis Anlaß geben. Tu zeigt die Schau nun vortrefflich, welch hervorragenden Anteil die Handvoll Berliner Juden am kulturellen Wachstum und Aufbau Berlins bisher gehabt hat. Einen Anteil, der weit über den prozentualen jüdischen Bevölkerungskoesfizienten hinausgeht. Man bedenke: Tic Berliner Juden haben bis zum dritten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts noch« nicht ein Prozent der Gesamtbeoölkerung ausgemacht. Währenddes 18. Jahrhunderts gab es überhaupt nur ein paar Hundert jüdische Familien in Benin. Tiefe winzige Anzahl Juden waren rechtlich bis 1812 von allen bürgerlichen Verrichtungen, Handwerken, Aemtern, Studien so gut wie ausgeschlossen. Sie lebten in gedrücktesten Verhältnissen. Sozusagen außerhalb des Staates. In Verhältnissen, von denen der Bürger des 20. Jahrhunderts überhaupt keine Ahnung mehr hat. Und diese wenigen Juden haben in Kunst und Wissenschaft, in Handel und Industrie Uebetragendes geleistet. Ein Gang durch die Ausstellung zeigt erstens einmal rein praktisch die kleinlich-hämische Narretei jener Rassetheoretiker, die ohne natürlich derlei beweisen zu können, die Minderwertigkeit alles Jüdischen nur behaupten, zweitens sagt sie uns heutigen Juden recht vernehmlich: „Seht, was Eure Vorfahren einst schufen, achtet daraus, daß Ihr Euch ihrer würdig erweist, daß so stolze Kulturtraditionen mit Eurer Generation nicht Meißen!" Schon im allerersten Saal, der die Entwicklung der Berliner Volksschule vorführt, findet man bereits jüdische Reminiszenzen. An der Wand hängt das Bild von Ernst Friede! (1837—1918), des Gründers des mäclischen Museums, der zusammen mit Professor Tr. Otto P n i o wer (geb. 1859) dieses schöne Denkmal Berliner Vergangenheit betreute. In der ersten Glasoitrine liegt das Edikt des Berliner Oberbürgermeisters Gerlach von 1812, „daß die Berliner Handwerker jetzt jüdische Lehrlinge ausnthmen müssen.^ Irl den Räumen, welche die Geschichte der Wissenschaften in Berlin zeigen, sieht man fast überall verschiedene jüdische Gelehrte. Ta ist in der „Gesellschaft der naturforschenden Freunde Berlins" das große, alte Oelbild von Markus Clieser Bloch (1723—1799), des sogenannten Fisch-Bloch^

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