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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-21 · 21 (21.5.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
21 (21.5.1930)
Date
1930-05-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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zugcsügt werde. Das bekräftigte nur sein Widerstreben gegen die Infiltration, gegen die charterlose Ansiedlung. Er glaubte, daß mit einem Charter solche lokale Schwierigkeiten aus der Welt geschafft werden könnten. Die Türken, weiche als Hauptpartner im Charter gedacht waren, sind auch ohne Charter vom Kampffelde verschlvunden, die Araber jedoch sind auch mit dem heutigen Charter — der „Deklaration" — dageblieben und sind nichts weniger als eine quantite negiigeable." Alle übrigen Fragen, denen die heutigen Zionisten so viel ungebührende Aufmerksamkeit schenken, verschwanden bei Herzl gegenüber der Wichtigkeit der Kolonisierung; er lehnte solche Probleme entweder ab oder negierte sie. So erging es den K u l t ur z i on ist en, die sich Herzl mit voller Begeisterung angeschlossen hatten, deren Bestrebungen ihn aber ganz kalt ließen. In den Berichtm seiner Zeitgenossen finden sich -manch wehmütige Betrachtungen darüber: „Als ich Herzl über die hebräische Kulturbewegung in Rußland erzählte, entgegnetc mir Herzl: „Ach, ich tvill ja nichts über oen Stand der kulturellen Dinge in Rußland wissen, mich interessiert jetzt der Stand der zionistischen Bewegung'. Wie viel Schekalim lvurden verkauft? Nur durch die Zahl der Schekalim läßt sich der Stand unserer Bewegung fcststellen, ob unser mehr oder weniger geworden sind." Diese Worte Herzls verwunderten mich und ich hätte ihm gerne erklärt, wie sehr meine Anschauung über die hebräische Kulturbewegung sich von der seinen unterschied." (Hillel Zlatopolsky, Paris.) „Die Verhandlungen zwischen den Kulturkommissionen und Herzl glichen klappernden Mühlen, die nicht mahlen. Keiner unserer Wünsche tvurde erfüllt, die auf unsere Arbeit bezüglichen Kongreß? bescklüsse wurden nie ausgesührt, der hebräische Sprachverein, dessen Statut der zweite Kongreß einstimmig beschloß, ist nie ins Leben getreten. Herzl, der Einzige und Eigenwillige, wollte nicht — und es geschah nicht." (Oberrabbincr Tr. M. Ehrenpreis, Stockholm.) Es war nur folgerichtig, daß Herzl auch das schon damals von Weizmann geförderte Projekt einer Universität in Jerusalem ablehnte, wie Nationalrat Dr. D. Farbstein, Zürich, erzählt. Hat er doch sogar über die Möglichkeit einer Verständigung in hebräischer Sprache in seinem „Judenstaat" ein äußerst abfälliges Urteil gesprochen, indem er meinte: „Wir können doch nicht hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen?" Am stärksten dürfte es unsere modernen Zionisten enttäuschen, daß Theodor Herzl auch für ihren Augapfel, den jüdischen Nationalismus, herzlich wenig übrig hatte. Nahum Sokolow, sicher ein ganz genau Versierter, stellt dies mit tiefer Betrübnis fest, indem er sich wie folgt äußert: „Die jüdische Eigenart ist im Religiösen klar vorhanden: sie genügt für eine Religionsgenossenschaft, sie genügt nicht für eine auftretende Nationalität. Letztere braucht außer religiöser auch narionate Eigenart. Wir hadeir die Empfindung, daß diese Eigenart vorhanden ist. Unsere Ausgabe aber ist cS, diese Eigenart unserem Volke zum Bewußtsein zu bringen; dies ist aber nur dann möglich, wenn nur sie präzise bestimmen können. Was ist — neben dem Religiösen und in dem Religiösen — national-jüdisch, was haben wir schon so gründlich assimiliert, daß övir es ohne Schaden für das eigene Gut behalten können? Absoluter Purismus ist bei diesem Problem, wie bei jedem anderen, unerreichbar. Man muß mit notwendigen Wechselwirkungen rechnen. Man muß, auch wenn man noch so radikal sein sollte, gewisse Koir- Zessionen machen. Aber wo ist die Grenze?.... Für diese Probleme hatte Herzl wenig Sinn und hierauf beschränkten sich die Meinungsverschiedenheiten, die uns oft getrennt und auf die Herzl in seinem im Sepher ha-Jobel abgedruckten Schreiben Bezug nimmt. Wie oft sagte er mir: „Ihr wollt einen Eimer voll Wasser ohne den Eimer!" Er wollte alle Energie auf die Erlangung der Heimstätte gerichtet sehe n." In diesem Zusammenhang mag auch eine treffende Bemerkung Nahum Sokolows wiedergegeben werden, die sich gegen unsere „Herzlianer" richtet: „Die Neuen, für die die ganze Herzl-Epoche ein Buch mit sieben Siegeln darstellt, sprechen vom verlorenen Paradies der allmächtigen Autorität und der attraktiven magnetischen Kraft der Judenstaatsparolc. Leider haben sie nie gehört, oder das zufällig Gehörte vergessen. Sie wissen nicht einmal, daß Herzl kraft seiner ganzen Autorität und mit seinem ganzen integralen Zionismus leider anstatt der 2 Millionen Pfund, die er vom Volke verlangt hatte, etwa nur den Masser (den zehnten Teil) bekam. Welche Erschütterungen hat er durchlebt!" Und ein anderer, Ing. I. Seiden er, Tel-Aviv, erklärt kategorisch: „Wem würde es sogar heute noch, noch der Balfour- Deklaration, ein fallen, vom Indenst aale zu s prechen!" Ter Leser vermag sich wohl auf Grund der hier wiedergegebenen kurzen Auszüge ein Urteil über das von Tr. T. N u s s e n b l a t t edierte Herzl-Buch zu bilden. Es ist tatsächlich recht interessant und lesenswert. Oskar Hirschfeld, Wien. * Aus den Gemeinden Berlin. (Hohes Alter.) Fräulein Pauline Münchhausen, die Gründerin des Vereins „Israelitisches Lehrerinnenheim" in Lichterselde, begeht in Rüstigkeit am 25. Mar das Fest ihres 75. Geburtstages. Berlin. (Der Magistrat kondoliert Frau Rosen o w.) Magistrat und Stadtverordnetenversammlung haben anläßlich des Hinscheidens des Stadtältesten Stadtrat a. D. Leopold Rosenow, der über drei Jahrzehnte für die Allgemeinheit gewirkt hat, ein Beileidsschreiben an die Witwe des Verstorbenen gerichtet. In herzlichen Worten werden in dem Brief Mitgefühl und Anteilnahme ausgesprochen und der hervorragenden Arbeit des Heimgegangenen in städtischen Diensten gedacht. Berlin. (Justizrat Dr. Hugo Straßmann gestorben.) Justizrat Tr. Hugo Straßmann ist am 17. Mai uit einem Herzschlag verstorben. Er war Vorsitzender des Brüdervereins und Mitglied des Hauptoorstandes des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Als er vor einiger Zeit seinen 70. Geburts? tag feierte, war er Gegenstand großer Ehrungen seitens zahlreicher jüdischer Organisationen und Kreise, in deren Mitte er in hervorragender Weise gewirkt hat. Berlin. (Todesfall.) Dem jüdischen Wohlfahrtsleben Berlins ist eine der edelsten und gütigsten Frauen entrissen tvorden. Als die Nachricht von dem Hinscheiden Tina Thorners in den Kreisen bekannt tvurde, in denen ihr unablässiges Wirken, und ihre ganze Persönlichkeit restlose Verehrung fand, war die Trauer ehrlich und tief. Sie war die Frau einer vergangenen Generation, eine Persönlichkeit, wie sie von Malern in Bildern eine markante Zeichnung erfuhr. Aeußerlich und innerlich von wundersamer Abgeklärtheit. Kurz vor ihrer goldene» Hochzeit starb ihr der geliebte Mann. Sechs Monate später folgte sie ihm in den Tod. Was sie auf dem Gebiete der Wohlfahrt leistete, muß besonderer Schilderung Vorbehalten bleiben. Sie gehörte zu den jüdischen Frauen, die richtunggebend hervorragende Arbeit leisteten. Noch in hohem Alter war sie unablässig am Wohlfahrtswerk tätig. Sie war Vorsitzende verschiedener Berliner Jüdischen Frauenvereinigungen und als solche geschätzt und geliebt. Bei ihrer Beisetzung, an der eine unübersehbare Menge teilnahm, sagte Rabbiner Dr. Bergmann mit vollem Recht, daß in der Abschiedsstunde nicht nur diese große Menge mit dem engeren Familienkreise den Verlust beklagt, sondern Tausende von Armen und Bedrückten, deren Los sie zu mildern bemüht war. Als in tiefster Ergriffenheit Obcrkantor Davidsohn an ihrer Bahre das El mole rachamim verrichtete, ging ein großes Weinen durch die Menge, denn alle fühlten, daß hier eine der edelsten Frauen in Israel dahinging, deren Andenken ein gesegnetes bleiben wird. Berlin. (Chad Gadjo als Tonsil m.) Am 14. Mai wurde im Rahmen einiger Kurztonfilme, die Julius Pinschewer im Berliner Marmorhaus vorführte, u. a. ein Tonfilm gezeigt, der das alte Motiv des Pessach Liedes „Chad Gadjo" benutzt. Die Schicksale des Lämmchens und seiner Vernichter tverden in Zeichnungen gezeigt. Die Begleitmusik ist nach jüdischen Motiven hergcstellt. Den Text des Liedes spricht dazu Irene Triesch. Bonn. (Todesfall.) Hier starb im Alter von 60 Jahren Herr Kantor Baum, der lange Jahre segensreich in unserer Gemeinde gewirkt hat. Herr Rabbiner Dr. Levy und der Vorsitzende der Synrgogen-Gemeinde, Herr Justizrat Dr. Cohn, widmeten dem Heimgegangenen Worte ehrenden Gedenkens. Bruchsal. (Persönliches.) Im benachbarten Weingarten starb Lehrer Jakob Ehrlich, der fast 40 Jahre die erzieherische und seelsorgerische Tätigkeit mit vorbildlicher Treue ausübtc. An seiner Bahre würdigten Bezirksrabbiner Dr. Gzymisch und mehrere Amtsgenossen aus Bruchsal und Philippsburg die charaktervolle Lebensart des Entschlafenen, der sich dank seiner Friedensliebe und vornehmen Gesinnung in alten Kreisen großer Achtung zu erfreuen hatte. Dresden. (Aus dem Vereinslebe n.) Der hier kürzlich gegründete „I u g e n d r i n g", welcher sämtliche jüdischen Jugcndvereine Dresdens umfaßt, trat mit einer Kundgebung unter dem Motto „Das Recht der Jugend an der Gemeind c" erstmalig an die Oeffentlichkeir. Vertreter der Gemeinde, des C. B., der Zionistischen Ortsgruppe usw. waren der Einladung gefolgt. Das Hauptreferar hielt Dr. Ludwig Tietz, die besonderen, auf Dresden bezüglichen Wünsche wurden von P. Blachstein begeistert vorgetragen. Sie gipfeln in der irotz der schlechten Finanzlage der Gemeinde möglichst raschen Schaffung eines Jugendheims nach dem bewährten Vorbild verschiedener anderer Großstädte. Außerdem wurde auf den Wert dieses Zusammenschlusses sowohl wie der Mitarbeit von Vertretern der Jugend in Gemeindeparlamenten und Ausschüssen in- » sofern hingewiesen, als dadurch ein rechtzeitiges Sichkennenlernen und weiterhin eine Entgiftung des jetzt durch den Parteikampf völlig zersplitterten jüdischen Lebens erreicht werde und schon vielfach erreicht worden sei. Schlichte Gesangs- und Sprechchöre umrahmten den von Jugendlichen aller Schattierungen gut besuchten, einen ernsten Arbeitswillen erkennen lassenden Abend. Frankfurt a. M. (Sitzungen der Gemeinde-Vertretung.) Nach Erledigung der auf der Tagesordnung der Repräsentantensitzuugen vom 14. und 15. Mai stehenden Punkte „Wahlen und Delegationen", die insbesondere der Vorbereitung der am Schluss«; des Jahres fällig werdenden Neuwahlen der Gemeindevertretung dienen und einiger das Krankenhaus betreffenden Angelegenheiten, gelangte der Haushaltsplan für 1930 31 als wichtigster Punkt zur Beratung. Der Vorsitzende der liberalen Fraltion, Herr Dr. Geiger, wies zunächst als Vorsitzender der Fiuanzkommissiou auf die Vertraulichkeit der Protokolle hin, die diesmal anstelle des sonst gegebenen umfangreichen Berichts über die Tätigkeit der Finanzkommission den Mitgliedern der Gemeindevertretung zugegangen sind. In einer groß angelegten einstündigcn Rede legte er alsdann die Stellung der Fraktion zu der gesamten Politik der Gemeinde, wie sie im Etat ihren Ausdruck gefunden hat, dar. Der Redner dankte zunächst dem Vorstand für die im letzten Jahr geleistete Arbeit, er erkannte an, daß der Vorstand sich bemüht habe, durch äußerste Sparsamkeit der Finanzlage der Gemeinde Rechnung zu tragen. Die Form dcr Vorlage sei allerdings zu beanstanden. Ein eigentlicher Etat liege überhaupt nicht vor, nur der Entwurf mit den Erläuterungen des Syndikus und die Beschlüsse des Vorstandes dazu ohne Begründung. Der Redner wünschte in Zukunft eine übersichtlichere Gestaltung des Etats. Zu bedauern sei es, daß der Gemeinde-Syndikus bei dcu Sitzungen der Finanzkommission nicht zugegen gewesen sei. Der Vorgang sei symptomatisch für die alte Beschwerde, daß der Syndikus nur allzu häufig als Syndikus des Gemeinde Vorstandes, nicht der Gemeinde, erscheine, tvas geeignet sei, das Vertrauen der Gemeindevertretung zu erschüttern. lieber die geplante Aenderung der Verfassung bezw. der Geschäfts-- ordnung sei der Gemeindevertretung im Laufe des Jahres Material zugegangen. Die sog. kleine Verwaltungs-Reform sei ohne durchgreifenden Erfolg geblieben. Das der Gemeindevertretung zugesandte Material, die sog. große Verfassungsrcform betreffend, bestehe aus einem Entwurf des Redners älterer Zeit und einem Gegen-Entwurf des Syndikus. Sie unterliegen nunmehr der Kommissions Beratung Er persönlich trete ein für eine Art von veredeltem Bürgermeister- System, Sr^digung der Brrwaltungsgeschäste durch einen Vorsteher und Beigeordneten. Die bisher flüchtig behandelte Frage dcr Eingemeindung werde dringlich wegen der politischen Eingemeindung. Jedem Entschlüsse müssen also sorgfältige ideelle und materielle Interessen vorausgehen. Herr Dr. Geiger wies alsdann auf die verantwortungsvolle» Arbeit des Wahlamts hin und mahnte zur sorgfältigen Ausstellung der Wahllisten. Zum Etat selbst übergehend, brachte der Redner zum Ausdruck, daß die Vermögenslage der Gemeinde alles andere als erfreulich sei. Besonders dcr Vergleich mit Berlin laute ungünstig. Dem flüssigen Vermögen, über das man dort verfüge, habe die Frankfurter Gemeinde nur noch RM. 230 000,— an mobilen Werten gegenüberzustellen. Hierzu komme zwar ein erheblicher Immobilien-Besitz, der aber schwer zu verwerten sei. Der Vorstand habe hier viel getan. Der Etat balanciere mit RM. 1 830 000,—. Nach dem Abschluß der Fiuanzkommissiou habe sich dieses Bild nur wesentlich verändert. Der Etat schließe nunmehr mit RM. 1844 000,— ab. Acußerste Sparsamkeit sei umsomehr geboten, als der Steuersatz von 15 °'o unter keinen Umständen überschritten werden dürse. Die Pflichten der Gemeinde gegenüber jüdischen Vereinen müßten sorgfältiger als 'je geprüft werden, umsomehr als nach Ansicht des Redners die eigentlichen Aufgaben der Religiousgemcinde wenigstens, >vas den liberalen Gottesdienst betreffe, zu kurz kommen. Die Wcihestunden in der Synagoge Königsteinerstraße beweisen die große Anziehungskraft religiöser Veranstaltungen. Besonderes Augenmerk müsse dem Ausbau des Religions-Unterrichtes zugewandt werden. Was die Philanthropin- Frage betreffe, so seien vom Vorstand RM. 300 000,— bewilligt, und zwar für die Schule, wie sie sich nach dem Vertrag von 1843 darstelle. In diesem Betrag sei nichts für Obersekunda, Frauenschule und Kindergarten enthalten. Die Finanzkommission habe diesen Betrag auf RM. 314 000,— hinaufgesetzt für Obersckunda und Frauenschute und nur den Abbau des Kindergartens ab 30. 6. 1930 empfohlen. Die Mehrheit der liberalen Fraktion sei der Ansicht, daß die Schule erhalten werden müsse im Interesse der Gemeinde und tvegen dcr historischen Enttvicklung. Eine Minderheit, darunter der Redner selbst, sei unverändert der Ansicht, daß aus weltanschaulichen, insbesondere aber aus finanziellen Gründen die Schule aufgelöst werden müsse. Ein Antrag werde jedoch nicht gestellt. Ihre Aufrechterhaltung errege große Mißstimmung in tveiten Kreisen, die den Gemeindeeinrichtungen im allgemeinen indifferent gegenüberstehen. Die Fraktion wolle der Schule Zeit lassen, um zu sehen, wie sie sich in diesem Jahre entwickle. Unter allen Umständen sei man gegen eine Durchdringung der Schule mit jüdisch-nationalem Geiste. Trotz der schweren Finanzlage der Gemeinde sei auch dieses Jahr wieder eine Anzahl von Subventionen zu bewilligen. Nahezu NM. 100 000,— gingen an den Landesverband. Dieser habe enttäuscht. Ter Kostenaufwand stehe nicht zu dem im Verhältnis, was geleistet Aachen 1924. Ter Aufsatz trägt die Verfasserbezeichnung Heinrich Jaulus. Hers',eid. „Unter den städtischen Gebäuden dürfen wir auch das Judenhaus nicht vergessen. Seitdem die Kreuzzüge den religiösen Fanatismus geschürt hatten, hatten die Verfolgungen der Juden nicht aufgehört. Tie Juden, die aus eigener Neigung und dem Zwang der Verhältnisse (Zinsnehmen war dem Christen verboten) immer mehr in das Darlehnsgeschaft gedrängt wurden, verfielen der allgemeinen Verachtung. Sie wurden gezwungen, besondere Kleidung zu tragen und entweder, wie in Hersfeld, in bestimmten Häusern oder — wenn sie zahlreicher waren — in besonderen Vierteln zu wohnen. Ter Kaiser übte das Regal des Judenschutzes aus, d. h. gegen hohe Steuern versprach er, sie gegen alle Angriffe und Gewalttäter: zu schützen. Allmählich ging das einträgliche Regal des Judenschutzrechtes auf die Landesherren über. So belohnte Kaiser Karl J,V. den hersfeldischen Abt Johannes von Elben für die ihm in den Kämpfen gegen Ludwig dem Bayern bewiesene Treue dadurch, daß er aus sein kaiserliches Judenrecht zugunsten des Abtes verzichtete. Tie darauf bezügliche Urkunde vom Jahre 1347 erlaubt dem Abt von Hersfeld „in der Stadt Hersfeld zu eigenem Nutzen und als Neichslehen Juden zu halten", die unter dem gemeinsamen Schutze des Abtes und des Reiches stehen sollten. Seit diesem Jahre haben also in Hersfeld Juden ihren festen Wohnsitz... Nun ging es den Inden ans Leben. „Ta zählte man 1349", sagt ein Chronist, „da wurden die Juden zu Straßburg verbrannt in ihrem Kirchhof und auf einem höheren Roste". Ter Judenbrand, wie man im Mittelalter diese Verfolgungen nannte, trug seine furchtbaren Greuel den Rhein hinab, wütete auch in Hessen (ich erinnere nur an die 200 Unglücklichen, die man in Frankenberg in eine Scheune sperrte und verbrannte, weil g'ie sich nicht taufen lassen wollten) und kam auch 1350 nach Hersfeld. „Wir Johann von Gottes Gnaden, Abt des Stiftes zu Hersfeld", so lautet in verkürzter Uebersetzung die einzige Urkunde, die von dem Ereignis berichtet, „bekennen, daß wir das Gut und die Habe der Juden, die bei uns gewesen, von Reichs wegen beschlagnahmt haben. Dabei haben uns unsere Bürger geholfen. Sollte nun jemand, wer es auch sei, die Stadt oder unsere Bürger dieser Juden wegen verklagen, so wollen wir uufeve Bürger gütlich und getreulich schadlos halten und überall die Verantwortung tragen." Von dem fürchterlichen Ereignisse kein Wort. Jedenfalls: die Juden sind fort, der Schuldschein ist vernichtet, und der Abt hat sich des reichen Judengutes, soweit es das plündernde Volk nicht geraubt und zerstört hat, bemächtigt. Beide Teile sind nicht schlecht dabei gefahren... 1362 finden wir wieder Juden in Hersfeld, die ein Judenhaus bewohnen, und auch 1378 werden uns drei Juden, die Hersfelder Bürger sind — h h. sie haben deren Pflichten, die Rechte, insbesondere das der Besetzung bürgerlicher Aemter, haben sie nicht — genannt." Geschichte von Hersfeld. Von Wilh. Neuhaus. Hans Ott Verlag, .Hersfeld H.-N. 1927. Hamm. „Schon 100 Jahre nach der Gründung der Stadt scheinen Juden in Hamm gewohnt zu haben, denn Gras Engelbert III. verlieh im Jahre 1348 in einem Schutzbriefe einem Juden in Unna das gleiche Recht, wie die Juden in Hamm genössen. Bald darauf sollen sie während einer Pest vertrieben und ihre Güter von dem Landesherrn ein gezogen sein. Jedenfalls machte sich in der Bürgerschaft in Hamm, wie überall in Deutschland, Widerstand gegen die Niederlassung der Juden in Hamm geltend, so daß Graf Gerhard von der Mark in einer Urkunde vom 13. November 1419 den Bürgern versprechen mußte: „Es sollen reine Juden in Hamm wohnen, und wir sollen ihnen darin keine Freiheit geben." Aber schon im Jahre 1430 hat derselbe Graf Gerhard von der Mark mit Genehmigung von Bürgermeister, Rat und ganzer Gemeinde dem Juden Levy gestattet, sechs Jahre in Hamm zu wohnen, gab dabei aber die Versicherung, daß dies den Bürgern nicht „an ihren Privilegien, Briefen und Gewohnheiten, die dadurch nicht gekränkt und auch nicht in irgend einem Punkte außer Acht gesetzt sein sollen, hinderlich sein darf". Gleichzeitig verpflichtete er sich, „keine anderen Juden dort zuzulassen, noch Levy länger als sechs Jahre wohnen zu lassen, es sei denn mit Genehmigung sestner lieben Bürger". Wahrend der Regierung des Herzogs Adolf IV. gab sein ältester Sohn Johann durch eine Urkunde , vom 5. Juni 1147 der Stadt Hamm das Privileg, „daß binnen der Stadt zum Hamme keine Juden jemals wohnen sollen", und als er nach dem Tode seines Onkels Gerhard die Regierung in der Mark überirommen hatte, bestätigte er diese Zusicherung durch Urkunde vom 13. August 1462." ... „Allerdings waren sie in der Stadt liur geduldet; als Nichtchristen waren sie vom Bürgerrechte ausgeschlossen und daher manchen Beschränkungen unterworfen. Tie Lage der Juden in der Stadt erhellt für Hamm aus einem Vertrage, den Bürgermeister und Rat und die ganze Gemeinde vom 25. Mai 1604 mit den beiden Juden Levy und Moses schlossen. Tarin verspricht die Stadt den beiden Juden sowie ihren Frauen und Kindern, von denen allerdings jeder nur eins verehelichen darf, somit dem Brotgesinde, auch ihrer Habe und ihrem Vermögen „Geleit, Schutz und Schirm" auf 12 Jahre, sichert ihnen Schutz und Verteidigung gegen Gewalt zu, befreit sie „von Bauwerken, Wachen und Staatsdiensten, jedoch sollen die Männer in Brand- und anderen Nöten dem Glockenschlag folgen und Mannsdienste leisten". Für diese Jahre wird keinem anderen Juden „Beiwohnung und jüdischen Wucher zu treiben gestattet". „Unter Friedrich Wilhelm I. wurde den Juden auch über die festgesetzte Zahl der zugelassenen Familien die Niederlassung im Lande gestattet, wenn sie ein bedeutendes Vermögen mitbrachten, um auf diese Weise Handel und Verkehr »rtb damit die Einnahmen des Staates zu heben. Infolgedessen stieg die Zahl der jüdischen Familien in Klebe-Mark von 40 auf 150. Auch in Hamm nahm die Zahl der Juden zu, so daß sie sch on 1722 eine eigene Judenschule und 1768 eine Synagoge hatten." „Als nach dem Zusammenbruch Preußens im Jahre 1806 die Grafschaft Mark dem Großherzogtum Berg einverleibt wurde, erschien am 26. September 1808 im „Hammischen Jntelligenzblatt" eine Bekanntmachung der Regierung, daß die Juden, die nunmehr der Dienstpflicht und den öffentlichen Abgaben unterworfen wären, dieselben Rechte und Freiheiten wie die airderen Staatsbürger genießen sollten. Nach dem Heimfall der Grafschaft Mark an Preußen wurde zunächst freilich der Versuch gemacht, die Juden in die alte Stellung zurückzudrängen, aber die Durchführung dieser Reaktion war unmöglich, und wenn auch durch Gesetz vom Jahre 1847 die Juden noch von Staats- und Kommunalämtern ausgeschlossen werden, so erhielten sie doch durch die Verfassung vom 31. Januar 1850 in Preußen und damit auch in Hamm volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung," 700 Jahre Stadt Hamm. Festschrift zur Erinnerung an das siebenhundertjährige Bestehen der Stadt. Herausgegeben vom Ma- »gistrat der Stadt Hamm (Wests.), 1926. (Fortsetzung folgt.)

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