Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 21 (21.5.1930)
- Date
- 1930-05-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gebet und Iieligion, sie in den Dienst po jiti scher Leidenschaften und Absichten zu stellen: „Du sollst den Nc.ineu des Herrn, deinem Gottes. nicht unilützlich führen!" Wer Kindern ein Parteiprogramm in Gebetssorm anfzwingt, schädigt den christlichen Glauben mehr, als jede Beschimpfung durch den Gegner es tun kann. Wir erwarten von der ernsthaft religiösen Lehrerschaft, dassie diese Zumutung mit aller Entschiedenheit zurückweist.. Wir erwarten von der christlichen Elternschaft, daß sie sich hinter die protestierenden Lehrer stellt. Und wir erwarten vor allem vom Landeslirchenrat der Thüringer evangelischen Kirche, daß er klar und deutlich Front macht gegen diesen verhängnisvollen Eingriff politischer Mächte in die kirchliche Verkündigung. Ter Bund religiöser Sozialisten in Thüringen: gez.: T. Emil Fuchs, Pfarrer. Karl Kleinschmidt, Pfarrer. Frau Carla Nordbeck. O. Kunz, Oberlehrer. Tr. Hans Bögehold. Karl Tickmann, Werkmeister. Theodor herzt Vor kurzem jährte sich zum 70. Male der Tag der Geburt Theodor Herzls, des verstorbenen Schöpfers der modernen zionistischen Bewegung und Begründers der zionistischen Weltorganisation. Siebzig Jahre — man darf sagen, eine verhältnismäßig kurze Zeit in unserer so raschlebigen Epoche. Und doch schwankt auch schon Herzls Charakterbild, wozu nicht am wenigsten die Legenden beigetragen haben, die um seine Person und sein Wirken entstanden sind. „Die Herzl-Legende hat — merkwürdig genug in einer sachlichen Zeit, in der Legenden sich als kurzlebig erweisen, — standgehalten." Diesen Satz schrieb Dr. T. Nussenblatt im Vorwort des von ihm herausgegebenen Buches „Zeitgenossen über Herzl" (Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn). „Das vorliegende Buch", sagt Dr. T. Nussenblatt weiter, „ist aus der Forschung der Herzl-Legende entstanden. Wie war Herzl wirklich? Wie sahen ihn seine Zeitgenossen, diejenigen, die in verschiedenster Eigenschaft mit ihm in Berührung kämm? Was wissen sie über Herzl zu berichten?" Ob es Nussenblatt gelungen ist, die Herzl-Legende wirklich zu erforschen, bleibe dahingestellt. In seinem Buche findet sich manch treffendes Wort, das geeignet ist, die von mancher Seue mit bewußter Absicht genährte Legende eher zu zerstören. So schreibt Nahum So ko low, der Präsident der Exekutive der zionistischer: Weltorganisation: „Mir»: leiht nur dem Reichen", sagt ein Sprichwort. Es schi-in», dass manche Biographen dieser Reget huldigen; denn, der allen Gewohnheit gemäß, ohne Kontrolle sich gegenseitig zu kopieren, schrieben sie Herzl Leistungen zu, die er nie geahnt hatte und die sein wohlverdienter Ruhm sehr leicht entbehren kann. Manche pausbäckige Lobredner, reich an Worten und arm an jüdischem Wissen, haben die Behauptung in Umlauf gesetzt, .Herzl sei der erste Erfinder der zionistischen Idee gewesen. Diese Behauptung muß sowohl im Interesse der histo^ rischen Wahrheit, w i e i in Interesse Herz 1S berichtigt we rdcn. Herzl würde nur daran verlieren, wem» er in eine jener märchenhaften Gestalten umgetvandett würde, die das Kuriositälsbedürfnis der urteilslosen Plebs befriedigen. Der Mann hat ein gutes Recht auf richtige Abschätzung statt Verhimmelung. Die Leistungen der Begeisterung und der Hingebung, die er geboten, sind groß genug, um ein Bedürfnis, Nutzloses hinzuzufügen, nicht gelten zu lassen." Diese „richtige Abschätzung", die Sokolow hier statt der vielfach geübten „Verhimmelung" fordert, ist tatsächlich ein Gebot der Notwendigkeit „im Interesse der historischest Wahrheit". Im folgenden soll versucht werden, eine solche richtige Abschätzung des Werkes Herzls an Hand des interessanten Buches vorzunehmen, das seine Zeitgenossen über ihn geschrieben. Was wußte Herzl, der Journalist, anfangs von den Juden? Aus manchen Berichten seiner Zeitgenossen ersehen wir, daß dieses Wissen kein sehr großes war. Ja, M. M. Ussischkin sagte sogar, als er ihn kennen lernte: „Er hat einen großen Mangel.... Er kennt die Juden überhauptnich t!" Ein hartes Wort zur Charakterisierung des Mannes, der sich allschickte, eine Lösung der Jndensrage vorzunehmen. (In Paranthese sei vermerkt, daß wohl zwischen Herzl und Ussischkin anfänglich große Differenzen bestanden, die sich insbesondere wegen des von Herzl geförderten Uganda-Projektes verschärften. „Damals ließ sich Herzl", schreibt Dr. E. M. Zweig, Jerusalem, „zu einer Kundgebung hinreißen, in der „Herr Ussischkin aus I ekat er i n o sl aw" schlecht genug wegkam. Wie konsterniert war ich, daß der Einiger der I u d e n h e i t sich so vergessen konnte, West gegen Ost a uszuspiele n." Man stelle sich nur vor, daß solch ein unbedachtes Wort von einem der bösen „Assimilanten" gebraucht werden würde, wie würden unsere Zionisten wegen des „'Volksverrates" ausschreien!) Aber Herzl scheint sich anfangs wirklich nicht allzu schwere Gedanken über die Jndensrage gemacht zu haben. Sonst wäre folgendes Projekt nicht möglich gewesen, das er nach einem Berichte des Chief Rabbi Dr. I. L. Landau, Johannesburg, einst in Erwägung gezogen hat: „Er faßte sogar die befremdliche, ja abstruse Idee, alte I u d e u mit d e r Unterstützung des Papstes dem Katholizismus znzuführen,nlrter Beibehaltung ihrer völkischen Sonderart und ihrer Ueberliefcr u n g c n. Er, der sich jahrelang völlig eins gefühlt hatte mit seinen christlichen Mitbürgern, konnte es nicht verstehen, »v a r u m sein Volk noch weitere gesellschaftliche und politische Nachteile ertragen sollte, die ihren U r s p r u n g in einem r c l i g i ö s en Bekenntnis hatten, das ihm und seinen literarischen Freunden nichts mehr sagte. Als er aber den beiden Chefredakteuren der „Neuen Freien Presse", Bacher und Benedikj, seine Absicht milteilte, lvaren sic der Meinung, daß seine Idee so absurd sei, daß der Pap st ihn gar nicht empfangen würd e." Wie kam Herzl nun doch zu seiner „Judenstaats"-Jdee? Auch nach Chief Rabbi Dr. I. L. Landau war es „Düh rings giftiger Angriff gegen die Juden, der zuerst seine Aufmerksamkeit auf die Jndensrage lenkte". „Wenn seine Feststellung", srgt Dr. I. L. Landau dazu, „und sein Bericht über den Eindruck, den jenes Buch auf ihn machte, richtig ist, dann ist es u m s o verwunderlicher, daß er sich nie um die diesen Gegenstand behandelnde Literatur gekümmert hat." Bekannter und wahrscheinlich auch glaubwürdiger ist die Version, daß Herzl erst durch die Gerichtsverhandlung und die Degradation des Hauptmanns Dreyfus, der er als Korrespondent der „Presse" beiwohnte, auf die Judenfrage aufmerksam wurde. Wie immer, Herzl hat seinen „Judenstaat" geschrieben, der zu bekannt ist, als das; wir uns hier mit seiner eingehenden Analysierung besasseit müßtell. Wichtiger erscheint uns Herzls politische Tätigkeit als Führer der neuen zionistischen Bewegung. Er war, so sagen seine Zeitgenossen, nicht allzu leicht zu bewegen, diese Führerrolle zu übernehmen. Als er aber dann Führer war, da war er es mit einem ganz unglaublichen Ehrgeiz. Wir stellen ohne jede böse Absicht fest, wie überschwänglich er und seine Weggenossen darüber dachten: „Ein Herzl konnte selbst dem Papst die hergebrachte Huldigung des Handkusses verweigern . . . Kein Wunder, dass .Herzl während der ersten Phase seines Traumes daran glaubte, daß der Tag nicht fern sei, wo er als Gleicher unter Gleichen mit den Herrschern der Welt verhandeln würde. Napoleon scheint ihm oft vorgeschwcbt zu haben, denn in einem Brief an Nordau schrieb er einmal: „Ich werde mein Volk nach Palästina führen, wie Napoleon seine Armee nach Italien, ohne Schuhe." Und in dem früheren Teil seiner Tagebücher sprach er davon, daß der Exodus aus unserer Galuth den aus Aegypten unter Moses bei weitem in den Schatten stellen werde. Aber in jenen früheren Tagen schien ihm jedes Land der Welt gut genug zur Verwirklichung seiner Träume. Sogar Südamerika." (Chief Rabbi Pros. Dr. I. L. Landau, Johannesburg.) „Ich denke mir, daß auch die Fürsten, vor denen er stand, empfinden mußten: Hier steht ein ungekrönter König! Ich glaube, daß er in höherem Maße diesen erträumten Typus darstellte, als Kaiser Wilhelm, der König von Italien, Eduard VII., Franz Joses und Alfvns von Spanien." (Hermann Struck, Haifa.! Ist es allzu verwunderlich, wem: augesichts solcher Uebertreibungen Ansichten über Herzl wie die im folgenden wieder von Chief Rabbi Prof. Dr. I. L. Landau geschilderten entstanden: „Wir wissen, daß Herzls persönlicher Freund, Dr. Emil Schiff, ihn allen Ernstes für geisteskrank hielt und deshalb an das Wiener Postamt telegraphisch die Bitte richtete, einen Brief .Herzls an Tr. G ü d e m a n n nicht zuzustellcit, aus Furcht, daß am nächsten Tag die ganze österreichische Metropole von der Nachricht, Herzl sei w a h n s i n n i g geworden, widerhallen möchte. Und Alexander Schorf, der bekannte Wiener Journalist, antwortete auf die Frage, ob er nicht auch ettvas für die zionistische Sache tun wolle, daß er bereit sei, seinen Wagen zur Verfügung zu stellen, sobald Herzls Freunde die Notwendigkeit einsehen würden, diesen ins Narrenhaus zu bringen. Derselben Ansicht waren auch Herzls R e d a k t i o n s k o l l e g e n von der „Neuen Freien Press e". Nicht immer haivdelte Herzl seinen Mitkämpfern zu Gefallen. Univ.-Prof. G. Belkowsky, Tel-Aviv, vermag einen Beweis von seiner trotzigen Eigenart zu liefern, der ein ziemlich düsteres Licht auf Herzl wirft: „Dank meinen guten Beziehungen in Petersburg brachte ich kn Erfahrung, daß Herzl sich um eine Audienz bei M. P l e h w e — damals Minister des Innern in Rußland — bewarb. Nach den Judenmassakers in Kischinew im Jahre 1903 waren Plehwes Hände mit jüdischem Blute besudelt. Ich hatte Gelegenheit, mich davon zu vergewissern. Seine brutale Judenpolitik hat tausende jüdischer Existenzen vernichtet. Er ist zum Schrecken der Judenmasseu und der zionistischen Bewegung geworden.... Ich erachtete es als meine heilige Pflicht, gleich nach Wien zu reisen, um Herzl ausführliche Informationen mündlich zu erstatten und ihm vor ber Reise nach Petersburg energisch abzuratcn.... Er verstand gleich, was mich in dieser Jahreszeit — einen Monat vor dem Kongreß — dorthin gebracht hatte. Er blickte mich streng an. Ich setzte ihm alles auseinander. Er ließ sich auf das Meritorium gar nicht ein und versuchte nicht einmal, mein tatsächliches Material zu wider legen. Er sagte mir nur, daß die Reise nach Petersburg eine festbeschlossene Sache sei, von der er nicht abkommen könne." Wie oft dürfte Herzl solch, lästiger Vorstellungen überdrüssig geworden sein. Wie oft dürste es ihn überhaupt gereut habe»:, an eine Lösung der Judenfrage geschritten zu sein, die rhm so starke und heftige Gegnerschaft — auch im eigenen Lager — eintrug. Zornesausbrüche, wie der im folgenden von Pros. Dr. M. Berkowisz geschilderte, sind bei Herzl gewiß wiederholt an der Tagesordnung gewesen: „Am widerwärtigsten war ihm der Kampf gegen Univahrhciten, die man gegen ihn ins Tressen führte. Eine solche lag in der von Paris aus propagierten und hartnäckig behaupteten Meldung, die türkische Regierung hätte nach Herzls Austreten verschärfte Maß-' nahmen gegen die Kolonisation in Palästina getroffen. Mit lauter, erregter Stimme forderte er mich auf, unverzüglich in den hebräischen Zeitungen zu erklären: Dr. Herzl habe cs nun satt, gegen Lüge und Gemeinheit zu kämpfen: er bedauere es lebhaft, d e u „I u d e n st a a t" geschrieben und mit der L ö s u n g d e r I u d e n s r a g e a n g e f a n g e n zu haben. Er »volle nichts mehr davon hören und >v i s s e n .. . Am wichtigsten erschien Theodor Herzl bei seiner politischen Tätigkeit die K o l o n i s i e r u n g s m ö g l i ch k e i t. Es ist bekannt, daß er hierfür »richt nur Palästina, sondern auch andere Ländereien ins Auge faßte, Projekte, die ihm die erbittertste Feindschaft der unentwegten Zioiristen eintrugen. Er aber setzte sich für diese Pläne mit aller Vehemenz ein, insbesondere für El Arisch und Uganda, deren Anbot D r. S. E. Soskin, Tel-Aviv, wohl nicht mit Unrecht a-ls den „B eginn der Beziehungen zwischen dem Zionismus und England" bezeichnet. Wie sehr der Zionist Herzl für diese Pläne eingenommen war, geht aus dem hier schon mehrfach erwähnten, sehr interessanten Beitrag des Herrn Chief Rabbi Prof. Dr. I. L. Landau, Johannesburg, hervor: „Ten Höhepunkt seines Ehrgeizes erreichte Herzl, als Ehornbcrlain, der berühmte und mächtige Kolonialminister Großbritanniens, ihm zuerst El Arisch und dann Uganda zur Errichtung eines avtonoinen jüdischen Staates anbot.... Herzl setzte seine ganze Hoffnung auf das El A r i s ch - P r o jek t. Er unterließ es, von der Wiener Kultusgemeinde ein Grab für seinen Vater zu kaufen, in der Hoffnung, daß er dessen sterbliche Ueberreste nach dem neuerrichtcten jüdischen Staat werde bringen können. Jeder Nerv an ihm zitterte vor Erregung." Alles erwartete Herzl vom „Charte r". Dieses Dokument, das er trotz aller Anstrengungen niemals erlangte, sollte, so meinte er, alle Schwierigkeiten beheben, auch die von den Arabern den eingewanderten Inden bereiteten. (Daß Herzl in seinem „Judenstaat" die Araber überhaupt nicht erwähnte, beweist seine Verkennung der Tatsachen in diesem Punkte.) Ing. I. Seidener, Tel- Aviv, bietet folgende bezeichnende Reminiszenz, bezeichnend auch wegen ihres Ausblickes in die traurige Gegenwart mit ihrem modernen „Charter": „Einmal »vies ich auf die Feindseligkeiten der arabischem Bevölkerung hin, durch die den jüdischen Siedlungen viel Schaden in dem holländischen Grenzort Baals zu übernachte»:. Trotzdem vermehrte sich allmählich ihre Anzahl. Ihre öffentlichen religiösen Bedürfnisse konnten sie durch einen Beersaal am Hirschgraben, einer Volksschule, einen Gottesacker und manche andere Institutionen, die zu einem jüdischen Gemeinwesen gehören, befriedigen. Mer erst im Anfang der vierziger Jahre konnte eine Gemeinde im vollen Sinne konstituiert werden. Tas größte Verdienst darum erwarb sich Isaak Levy, ein Mann, der, unterstützt von Elias Meyer, Nathan Marx, Salomon Lefsmann, Leopold Lippmann und den Mitgliedern der Repräsentantenoersammlung, mit hingebendem Eifer dem Gemeinwesen Vorstand." „Tie Gemeinde erstarkte inzwischen so sehr, daß sie im Jahre 1850 in der Lage war, zur Leitung ihrer religiösen Angelegenheiten ein Rabbinat zu errichten, mit dem der einer gelehrten Fainilie entstammende mtd gründlich vorgebildete Tr. David Rothschild betraut wurde. Tie Wahl war eine durchaus glückliche... Tas Schul- und Armenwesen wurde durch ihn besonders gefördert. Er war der Begründer des israelitischen Armen - Unterstützungs- und des israelitischen Frauen-Bereins, die beide seit ihrem Bestehen unendlich viel Gutes geleistet haben.... Ter 19. September 1862 brachte die Erfüllung. An diesem Tage fand in Gegenwart überaus zahlreicher Anwesenden die feierliche Einrveihung des im maurischeil Stile erbauten Gotteshauses statt. Damit war eine I Entwickluirgsepoche abgeschlossen. Bon nun ab entwickelte sich das Gemeindeleben stetig und in religiösen Bahnen, wozu neben ander»» uin die Geineinde wohlverdienten Männern der in weiten Kreise»» bekannte Philantrop Jakob Lippmann während seiner meyr als 25 jährigen Wirksamkeit als Vorsitzender des Vorstandes wesentlich beitrug. Unter den verschiedenen WohltätigkeitSvereinerr, die jetzt entsta»»den, gebührt dem im Jahre 1882 gegründeten israelitischen Asylverein besorrdere Erwähnung, der durch »veitherzige Wohltätigkeit — auch von seiten christlicher Mitbürger - im Jahre 1913 in der Lage war, eirie:» Tempel der Menschenliebe, das Altersheim auf Siegelhöhe, für mindestens 20 Pfleglinge dem Gebrauche zu übergeben, das aber während der darauffolgenden Kriegsjahre zugleich als Lazarett für die Aufnahme von Kriegsbeschädigten ohne Unterschied der Konfession Raum genug bot." Aachens Heimatgeschichte . Im Aufträge der Stadt Aachen und des Landkreises Aachen herausgegeben von Tr. Albert Huyskens. Zuden in deutschen Städten Aus deutschen Stadtgeschichten. Von Herbert P h i l i p p s t h a l. Tie Geschichte der Juden in Deutschland »vähreird des Mittelalters stellt ei,re Kette fortlaufeirder Leiden, unaufhörlicher Bedrückungen, dar. Von den Obrigkeiten abhängig, waren sie auch ihrer Willkür unterworfen. Was dies bedeutet, weiß jeder, der die jüdische Geschichte kennt. Vertriebe»:, ausgenommen, verjagt, wieder ausgenommen, und so fort, bis zur Neuzeit. Ter jüdische Mensch wurde allein als Steuerträger bewertet. Aus diesem Grunde und zu diesem Zweck erhielt er auch zeitweise, vorübergehend, eine gewisse Erleichterung vom äußeren Druck. Das Mittelalter bildete für den Juden ein Martyrium ohnegleichen, und dies zeigen die Ausführungen, die Geschichten deutscher Städte wörtlich entnommen sind. Sie offenbaren aber auch eine mindestens jrhrtausendalte Vergangenheit von Juden auf deutscher Erde und hiermit ein Heimatrecht, das u»rs niemand streitig machen kann; trotz der niederträchtigen Friedhofsschändungen, die einen Rückfall in mittelalterliche Barbarei bilden, und trotz der Natioiralsozialiste»» und trotz Hitler, der zwar nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, aber kühn behauptet, das Deutschtum in Erbpacht genommen zu haben. Daß Abhandlungen historischer Natur, die nur nebenbei sich mit dem jüdischen Menschen beschäftigen, nicht immer objektiv gehalten sind, solveit sie sich mit jüdischen Belangen anseinaudersetzen, muß vorausgeschickt werden. Ter Bürgermeister, der eine Stadtgeschichte schreibt, ist bestrebt, die Humanität seiner Stadt und der Bewohner i»rs hellste Licht zu rücken und so über jedwede Rigorosität der Einwohner de»» Juden gegenüber einen Schleier zu ziehe»:. Ter Privatdozent, der die Juden nicht leiden mag und! beispielsweise eine Geschichte der Hallenser Juden versucht hat, unternimmt es, die Juden für das »nittelalterliche Martyriurn verantwortlich zu machen, was allein bei sehr einseitiger und oft falscher Teutuno der vorhandenen Urkunden geschieht. So ergibt sich, daß leineswegs sämtliche Darlegungen, die nunmehr folgen, Billigung sitlden können, auch wenn keine besonderen Anmerkungen dem Text der versch:Ä>enen Städte beigesügt worden sind. Aachen. „Wann in Aachen zuerst Juden ansässig wäre»:, ob — wie die jüdische Geineinde in Worms eine Ueberlieserung haben will — bereits in vorchristlicher Zeit, oder »vie in Köln — was urkundlich nachgewiescn ist — im Anfang des vierten nachchristlichen Jahrhu»:derts, läßt sich nicht feftstellen. Sicher ist, daß während der Regierungszeit Karls des Großen Juden in Aachen in nächster Umgebung der kaiserlichen Pfalz angesiedelt waren. Karl der Große war, wie sein Nachfolger, Ludwig der Fromme, bei: Juden wohlgesinnt, weil er in ihnen die Vertreter und Förderer des von ihm angebahnten Welthandels erblickte. Einen Juden namens Isaak, der als Sachverständiger der» beiden Hauptgesandten an den Kalifen Harun al Raschid beigegeben war und nach deren Tod die Gesandtschaft allein führte, empfing der Kaiser bei seiner Rückkehr in feiert cher Audienz in Aachen. Aus der nachfolgenden Zeit sind uns nur dürftige Nachrichten über die Juden in Aachen erhalten. Wir wissen bloß, daß die heule noch bestehe»:de „Judengasse" bereits im 13. Jahrhundert erwähnt wird unb daß der Schutz der Inder» in und um Aachen dein Grafen Wilhelm von Jülich als Reichslehe»: verliehen wurde. Während jüdische Geschichtsquellen aus dem Mittelalter vom „Weise»» in Türe»»" berichten, finden Juden in Aachen keine Erwähnung bei ihnen. Vereinzelt »trögen sie sich wohl daselbst aufgehalten haben, was insbesondere die im hiesigen Archiv noch vorhandenen Eelertscheine arrs der:: 17. und 18. Jahrhundert beweisen, aber eine Gerneirrde bildeten sie unter sich nicht. Damit ist auch zu erklären, daß, wer»:» ein Jude in Aachen starb, die Leiche nach ausrvärts überführt werden »nußte. Zeitweise durste»» sie überhaupt nicht in Aachen wohne»»." „Eine wesentliche Beräirderung trat erst seit der großer: französischen Revolution ein. Als vollberechtigte Staatsbürger anerkannt, dursten sich die Juden in den Rheinlanden überall ansiedeln, :u:d so finden wir sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts in einer Anzahl von ungefähr 50 Personen hier wohnhaft, darunter Optiker, Graveure, Metzger, Schullehrer, T'.rchfabr:kanten und Hausierer. Als nach den Freiheitskriegen eine politische Realtwn eintrat, wurde ihre Ansiedelung wieder schwieriger, und es gab J»:den, die a;»: Tage in Aachen ihre Geschäfte betrieben, aber gezwungen waren,