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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-21 · 21 (21.5.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
21 (21.5.1930)
Date
1930-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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sie sein könnte". Die Wirkung, die er sich von dieser Schlifft erhoffte, daß etwa die Berliner Gemeinde eine höhere Schule schaffe, trat nicht ein. Dafür hatte sie die andere, viel wesentlichere Folge, daß Stern sich in den folgenden Jahren mit höchster Energie einer Reform der religiösen Verhältnisse des Judentums zuwandte. 1843 erschien: „Das Judentum als Element des Staatsorganismus". In dieser Schrift, in der er bereits dem Gedanken Ausdruck verleiht, daß die jüdische Nation für alle Zeiten aufgelöst ist, ihr Inhalt aber ein ewiger sei, nennt er drei Mittel der ihm notwendig erscheinenden Reform: l. Ein wissenschaftlich begründetes Bewußtsein von Idee und Inhalt des Judentums, 2. Sinn für Religion im allgemeinen und Gemeinsinn für die Interessen des Judentums, 3. Einwirkung auf die Mitwelt in dem Sinne, daß Juden ebenbürtige Menschen sind und vom Staate als solche anerkannt werden müssen. Höchst bedeutsam ist der Satz Sterns: „Ganz in derselben Weise wie der Protestantismus sich mit der ganzen Form seines äußeren Daseins dem Staat unterordnet, dagegen mit seinem inneren Wesen den Staat belebend und leitend durchdringt, muß auch das Judentum für das ganze Gebiet der Erscheinung der unbedingten Oberhoheit des Staates sich unterwerfen, darf aber auch nicht länger darauf verzichten, mit dem, was fein innerstes Wesen ist, aus das Leben und auf die Entwicklung des Staates einzuwirken." Seine weiteren Gedanken über das Judentum spricht er in den Vorträgen aus, die mit vollem Bewußtsein auf religiöse Reform abzielen: „Die Ausgabe des Judentums und des Juden in der Gegenwart". Diese Borträge haben ans Juden und Nichtjuden außerordentlichen Eindruck hervorgerufen. Wiederum bekennt er in ihnen: „Die Nation war dem Untergang geweiht durch ihre Bestimmung, denn nur durch ihre Auflösung konnte sie diese erfüllen. Der jüdische Staat war nur das Gefäß, in welches das kostbare Gut der Gotteserkenntnis vor der Welt, aber auch für die Welt verschlossen war. Das Gefäß mußte zertrümmert werden, damit sein Inhalt allen Teilen der Erde zuströme." Beachtsam ist auch die Stellung, die Stern in diesen Vorträgen zum Christentum einnimmt. Er fordert, daß sich beide Religionen gegenseitig anerkennen müssen. „Ich werde nie aufhören, die Gotteserkenntnis des Judentums für die ewig wahre zu halten", aber, meint er, das Judentum soll auch das Chriftentum als eine geschichtlich berechtigte Religion anerkennen. Für das Judentum selbst fordert er eine religiöse Erneuerung. „Die Religion soll in ihrer ganzen Erscheinung lebendig sein, damit das ganze Leben seinem inneren Wesen nach religiös sein könne." Tie Religion dürfe weder Werkhciligteit noch Tcheinheiligkeit fördern. Tie Ausführungen Sterns hatten zur Folge, daß die Begründung einer neuen Gemeinde vorbereitet wurde. Ter Geist, in dem man diese Begründung vornahm, wird durch die Worte Sterns gekennzeichnet: „Lassen Sie uns vor allem die Ueberzeugung festhalten, daß der Schritt, den wir zu tun im Begriff sind, nichts weniger als ein Abfall vom Judentum, ein Aufgeben des Judentums ist, sondern -vielmehr eine bewußte Rückkehr zum Judentum." Aber auch die Rede, die A. Bernstein in der ersten Versammlung am 10. März 1845 hielt, wirst ein Licht auf die Bestrebung der neuen Gemeinschaft: „Die Form der Religion ist unserm Wissen, unserm Leben, unserer Aesthetik fremd geworden, nicht aber ihr Inhalt. Wir müssen selbsttätig die Form suchen, in welcher wir den heiligen Inhalt unserer Religion in Einklang bringen mit unserem Wissen, unserem deutschen Leben und unserem Empfinden." Und irr einem Aufruf, der mit 32 Unterschriften an „die deutschen Glaubensgenossen" versandt wurde, heißt es: „Wir wollen Glaube, wir wollen positive Religion, wir wollen Judentum. Aber wir wollen die heilige Schrift auffassen nach ihrem göttlichen Geiste. Wir können nicht mehr unsere göttliche Freiheit der Zwingherrschaft des toten. Buchstabens opfern." Ter Ausruf fand begeisterte Zustimmung, und in einer neuen Versammlung am 8. Mai 1845 konnte der Leiter der Versammlung erklären: „Unsere Kinder werden diese Stunde segnen und der 8. Mai wird unauslöschlich eingeschrieben stehen in der Entwicklungsgeschichte des Judentums." Immerhin bedurfte es noch längerer Kämpfe und Auseinandersetzungen, bis die Gemeinschaft der Reform wirklich fest begründet war. Die Rabbinerversammlungen gewährten die Unterstützung, auf die man gehofft hatte, nicht, aber auch die .Hauptgemeinde machte in der materiellen Auseinandersetzung mit der neuen Gemeinschaft die größten Schwierigkeiten. Polizei urrd Regierung wurden aufgerufen, um die „Abtrünnigen" zu ihren Leistungen zu' zwingen. Und erst nach fast 10 Jahreu wurde dieser höchst unerquickliche und bedauerliche Streit unter jüdischen Menschen beendet. Tie Stellung der Reform war gesichert. Es war auch nicht anzunehmen, daß Stern, der die Seele der ganzen Bewegung war. Gottesdienste * r Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 23. Mat, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Seminarobrrlehrer Hermann Fallenberg. Sonnabend, vormittags 1V Uhr, Gottesdienst. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiferstrahe 30). Freitag, 23. Mai. 7.30 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarsensty. Berlin-Mestend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikorostr. 7, nahe Reichs» kanzlerplatz). Freitag, 23. Mai, 7 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Mehler. Lerlin-WUmersdorf. Liderate Synagoge Wilmersdorf (Lecitienschule, Nikolsburger Platz). Freitag, 23. Mai, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 25. Mai. Johannisstratze 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststratze 10: vormittags 10 Uhr: Kastprcdigt: Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg. irgendwie nachgeben würde, nachdem er den ersten Aufruf vom April 1845 persönlich durch einen neuen interpretiert hatte uud hier bekannte: „Das Judentum erkennt mehr als jede andere Religion den Beruf des Einzelnen an, seine Religion ganz und ungeteilt in fein Gemüt aufzunehmen und ohne fremde Vermittlung mit seiner ganzen Persönlichkeit, mit seiner individuellen Empfindung in sie einzugehen. In meinem Gemüt und nirgends anders kann ich meine Religion suchen und erkennen. Mein persönliches, mein gegenwärtiges Bedürfnis ist es, dem meine Religion genügen soll. Nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart habe ich zu befragen, ob meine Religion und mein inneres Bedürfnis in Uebereinstimmung seien." Sterns Wirken für die Reform wurde durch seine Berufung an das Philanthropin in Frankfurt beendet. Innerlich freilich fühlte er sich mit ihr immer weiter aufs engste verbunden. Es ist nicht eingetroffen, was er vielleicht geglaubt hat, daß das ganze Judentum durch den Reform gedanken umgestaltet würde, aber der Gedanke selbst hat tiefe Wurzeln geschlagen. Auch der Ansicht war Stern nicht, daß mit der gegenwärtigen Gestaltung der Reform das letzte Wort gesprochen sei, und er bekennt ausdrücklich: „Ter Reformer könne sich nicht schwerer vergehen, als wenn er die nichtaggressive Orthodoxie bekämpfe, oder wenn er eine weitergehende Reform als unjüdisch verwerfe, weil er sich selbst nicht bis zu ihr erheben kann. Ich vertraue mit unerschütterlicher Zuversicht der unerschöpflichen Lebenskraft des Judentums, daß es allen Gestaltungen, die feinem Boden entsprießen, seinen Geist aufprägen und in demselben den Geist der eigenen Vergangenheit mit dem Lebensgeist der Gegenwart zu einem harmonischen Ganzen vereinigen wird." Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, Sterns Wirken als Leiter des Philanthropins und Sterns schriftstellerische Tätigkeit als Geschichtsforscher eingehend zu beleuchten. Erwähnt sei nur, daß Stern weit davon entfernt war, seine Schute als eine jüdisch-konfessionelle zu betrachten. „Wir sind der Meinung, daß aller nicht bestimmt mit der Religion zusammenhängende Unterricht nur allgemein menschliche und allenfalls vaterländisch deutsche Bildung zu fördern bestimmt sei. Wir fürchten nicht, daß der jüdische Charakter unserer Schule durch die Wirksamkeit christlicher Lehrer in verschiedenen Uuterrichtszweigen oder durch den Eintritt christlicher Schüler verloren gehen könne." Aus Sterns Tätigkeit als Politiker und Geschichtsschreiber sei heworgehoben, daß er im Mai 1848 der Oessentlichkeit einen „Verfassungsentwurs für Preußen" übergab. In ihm heißt es: „Tie Freiheit des Individuums ist die Grundlage und der Zweck des Staates. Erbliche Aristokratie gefährdet ebenso sehr die Freiheit des Throns wie des Volkes." Stern hat nach dem Zusammenbruch der Revolution 12 Vorträge über die Geschichte des deutschen Volkes in den Jahren 1848 und 1849 gehalten. Für seine Einstellung zum Batertande sind die Worte bezeichnend: „Ich kann und mag es nicht versuchen, Partei- und farblos die Geschichte des Volkes darzustellen, dem ich angehöre, für das ich fühle und strebe und, wo es sein kann, wirke." lieber die deutsche Geschichte im STOIkWERO^ tdoh LCchmecke ml i nahrhaft. Zeitalter der französischen Revolution hat Stern 10 Vorlesungen gehalten. In der Einleitung ruft er hofsnungsfreudig aus: „Wir sind auf dem Wege .zur nationalen Einigung. Wie nahe wir dem Ziele sind? Es klopfe jeder an seine Brust, um sich zu fragen, wie viel er für die Einigung des Ganzen von der Sondercxistenz seines Staates zu opfern bereit ist." In einem Staatslexikon hat er einen Artikel „Jndeu" veröffentlicht, in einer Encyklopaedie hat er die gesamte religiöse Bewegung seiner Zeit dargestellt und auch zwei Aufsätze über Inden und Judentum erscheinen lassen. So sehen wir in Stern einen Mann von unermüdlicher Tatkraft, tiefer Religiosität, reichstem Wissen, echt deutschem Gefühl. Seine Persönlichkeit ist nur geeignet, weiteil jüdischen Kreisen unserer Zeit als leuchtendes Beispiel zu dienen. Nicht Stern, der Schulmann, wird fortleben, denn gerade die Gemeinschaft der Reform wird es entschieden ablehnen, ihm heute in ,seinen Bestrebungen für höhere jüdische Schulen zu folgen. Aber nicht ablehnen wird sie und mit tiefstem Tanke immer anerkennen, was Stern für die Erneuerung des religiösen Judentums getan hat. Und nicht nur sie. Aber auch, wer mit Stern selbst der Arrsicht ist, daß die Reform des Judentums nie stille stehen darf, daß sie immer wieder ihre innere Lage überprüfen muß, wird sich mit lebhaftester Freude, ja mit Begeisterung zu seinen Werken bekennen und wird sein Leben einer religiösen deutschgesinnten Jugend als ein Muster der Tatkraft, der Liebe zum angestammten Glauben Vörstetten. Dem Verfasser des Buches aber, der sich mit eindringlichstem Fleiße seiner Aufgabe entledigt hat - wir verzeichnen außer dem Text nicht weniger als lt>0 Anmerkungen — gebührt der wärmste Tank und die lebhafteste Anerkennung des religiösen deutschen Liberalismus. Aus bet Bewegung Halle fl. Saale. ((Äedeilk f eier s ü r San. -!)(at Oppenheimer.) Zu Ehren ihres langjährigen Vorsitzenden und eifrigsten Mitarbeiters veranstaltete die Ortsgruppe der Vereinigung für das lib-crale Judentum eine eindrucksvolle Gedenkfeier. Umrahmt von musikalischen Vorträgen von Frau Rosenthal und Herrn Opernsänger Kathammer schilderte der stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr Dr. Hirsch, Oppenheimer als den liberale» Juden, der, von echter Humanität erfüllt, in seinen Ideen so zielvoll und tatkräftig vorgegangen sei, daß die anderen ihn nicht immer verstanden hätten, sondern weit hinter ihm zurückgeblieben seien. Lein Tod mahne uns, in seinem Geiste lveiter zu arbeiten. Herr Rabbiner Tr. Kahlberg zeigte, wie Oppenheimers Vielseitigkeit aus seiner jüdischen Frömmigkeit, also aus seinem Liberalismus, einheitlich zu -rklären fei. Tenn nicht nur im Äultus und Religionsunterricht, sondern auch als Arzt und in seiner Fürsorgetäligkeit sei er immer fortschrittlich und tolerant gelvescn und immer begeistert für humanitäre Betätigung. Seine Persönlichkeit gehöre nicht nur der Geschichte der haltcschen Gemeinde und des deutschen Liberalismus, sonder» der jüdischen Geschichte an. Köln. (Jugend und Religion.) I» der „G e in e i n - s ch a s t" sprach um lö. t>s. Mts. Herr Rabbiner Tr. Gottschalk aus Frankfurt über das Thema: „Wie steht die jüdische Jugend zur Religion und wie kann sie religiös beeinflußt werden?" Ter Redner führte etiva folgendes aus: Die Jugend der Gegenwart ist viel stärker religiös gerichtet als mau gemeinhin annimmt. Davon zeugt die leidenschaftliche Himvendung zur Erfassung des Lebens in seiner sozialen Ansgestaltbarkeit und seiner letzten Sinngebung. Die jüdische Jugend sucht religiöse Ausdrucksmöglichkeit entweder in jüdischer vder allmcnschlicher Bezogenheit. Dabei ergibt sich ein fortschreitender Prozeß in der Entsaltung, so lvie ihn Eduard Spranger in seiner die Keinen Canaillen und großen Bestien in Strindbergs Stücken der Haß-Liebe mit einer hinreißenden Dialektik spielte: wenn sie katzenhaft aus der Xefenfioe in die Offensive liinüberschneUte und ihren kongenialen Partner Hartau matt setzte. Vielleicht auch Rückschläge aus den Ghetti ihrer Vorfahren? Dreimal bin ich mit Maria Orsla persönlich zusammengetrvssen. Einmal hatte der Zufall uns beide in einer Sensationspremiere in den neben einander gelegenen Proscenrumstogerr des Lessing-Theaters als Nachbarinnen gesellt. Maria Orsla in tiefausgeschnittenem schwarzen Sammt, darüber ein Königsmantel von rotem Purpur. Gesicht und Arme kalkweiß geschminkt, die nachtschwarzen Augen mit allen Mitteln der Kosmetik vergrößert und zu unnatürlicher Glut gesteigert. Tas ganze Parkett zückte seine -Operngläser aus diese wahrhaft frappante Erscheinung, die ihre perspektivische Wirkung aus das Minutiöseste errechnet und - nicht verfehlt hatte. Nach dem ersten Zwischenakt, in dem zwei namhafte Berliner Theateranwälte in meiner Loge „acte de presence" gemacht hatten, wandte sie sich spontan an mich, fragte nachdem Namen des einen Anwalts und bat mich, falls er in der nächsten Pause wiedertehren sollte, ihn ihr vorzustellen. Es geschah. Und der Anwalt ist lange Zeit Vertreter ihrer vielfältig verworrenen Interessen gerieben. - Noch heute klingt mir der gebrochene, nein z e r brachem Ton ihres fremdartigen Idioms schmerzhaft in den Ohren. Das zweite Mal geschah es in einem großen und mondänen Berliner Salon. Sie hatte kurz zuvor Oscar? Wildes „Salome" creiiert. Ohne jede Spur echter Sinnlichkeit; wiederum „überwach", wiederum mit übertriebenen Nuditäten in die Logen hineinspielend. Ihre Stimme, der sie offenbar Gewalt zusügeu mußte, halt? förmlich weh getan an jenem Abend. Ich schrieb eine bitterböse Kritik über sie nnd machte mir Siegjried Jacobsohns herbes Wort über sie zu eigen, daß. sie die gegebene Schauspielerin für die „neuen Reichen" und „Kriegsgewinnler" sei. In dem Salon, wo ihre Kolleginnen in großen Abendtoiletten, außerdem zahlreiche Politiker und Minister anwesend waren, stand ich vor ihr. Sie trug abweichend und abwegig von der Gesellschaftsregel, nur einen kostbaren Zobelpelz, den sie über der Brust zusammenzuhalten trachtete. Nicht eng genug, um geschultem Blick nicht erkennen zu lassen, daß unter dem Mantel nur Mutter Natur ihre tausend Herrlichkeiten zur Schau stellte. Als wir einander offiziell borgest Alt wurden, traf mich aus ihren Augen ein halb feindseliger, halb todestraurjger Slick. Wo hatte ich doch diesen Blick schon einmal gesehen? Ja, so, als sie die „Regine" in Sudermanns „Katzensteg" gegeben hatte. Ohne alle Mätzchen der Primadonna, ja ohne jede Lüsternheit, die diese Rolle hätte mit sich bringen können. Nur in einer slawischen Demut und einer Resignation ohnegleichen, die selbst der kritischen Feindin in mir Tränen entlockt hatte. Damals war sie gier und echr gewesen. So groß, und echt als nur je eine ihrer Rivalinnen vor oder nach ihr. Ich schämte mich angesichts ihres Blickes der rauhen Kritik an ihrer „Salome". Der Toten bitte ich sie öffentlich ab. Und das dritte Mat? Das war. als sie schon längst aus der „Ueberwachhert" in die selbstgewotlte Betäubung geflüchtet war: als schon alle Boulevardblätter ihre privatesten Leiden mit großen Headlines in die Oessentlichlkeit hinausschrien. Ich begegnete ihr vor ihrem Austreten als mater dolorosa in einem Pirandcklostück in dem Luxushotel, das sie bewohnte. Erschreckend abgesallen, verwahrlost scheinend, ein einziges Nervenbündel mit den verztveiftungsvoll flackernden Augen des Ostens. Echt, sehr echt. Ich glaubte nicht, daß sie die außerordentlich anstrengende Rolle würde bewältigen können. Und wie sie sie bewältigte! Wie dresec abgezehrte Körper und diese stählerne Willenskraft aus sich selbst, der Gezeichneten, der Moritura. Letztes, Gewaltigstes herauszuh^tcu wußten! Es war wohl niemand da, der an dicstm Abend das „Kleine Theater" nichjt in tiefster Erschütterung verlassen hätte. Nach der Vorstellung sah ich sie anT Augenblicke in dem gleichen Luxushotel wieder. In sich zusammen gefallen, erschöpft, erloschen, gleichsam ausgeblutet. Nächsten Tages wurde sie in eine Heilanstalt überführt. Aber ich hatte nunmehr den D u a l i s m u s in dreier Schöpferin, die doch selbst nur Geschöpf war, erkannt. Die Zähigkeit des Wollens. die ihrer Stammesart eigen ist und die sie auf den Zeuith des Erfolges geleitet hat. Daneben aber das durch« Jahrtausende ermüdete Blut der Gotte s t i n d s ch a s t und Mens ch e n k n e ch t s ch a f t, das nicht mehr willens war, Alltagsst rasen zu schreiten, das vorzeitig wegmüde geworden war und freiwillig gleich dem großen Propheten Moses - aus das gelobte Land, in dem Milch nnd Honig fließen, verzichtete. Rausch und Betäubung: sie wohnen freundnachbarlich nebeneinander. Tie Flucht aus dem einen in die andere war dieser E n k e l i n u n d Erbin des Volkes Israel, die die adligsten Hände und Füße uralter Geschlechter ihr eigen nannte, selbstverständlich. Sie hat ihre überkommene Ueber wach heit nicht länger ertragen. Sie hat gewußt und gewollt. Sie hat erlöst werden wollen von Sein und Pein. Eine dlppasionata kraft eigenem Gesetz! Mer sie feige schilt, weißt nicht, was Mut bedeutet. Wer sich selbst frei weiß von Schuld, der werfe den ersten Stein auf sie: Deutschland hat eine große Künstlerin verloren; das Judentum eine unsterbliche Tochter! - Jeder Mensch lebt und stirbt schließlich nur sich selbst. Soll man diese „captativ benevolentiae" einer Maria Orska vorenthalten dürfen? Mit nichiten.'Sie war; sie ist: und sie wird sSin im Gedächtnis all derer, die sie mit freundlichen oder feindlichen Regungen des Herzens — kannten.

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