Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 21 (21.5.1930)
- Date
- 1930-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwecke die Gewißheit ihrer Mittel und Ziele haben mußdie ihr echter Biirgersinn in Versuchen solcher Art erringt. Echter Bargersinn begnügt sich nicht damit, nur das vorgeschriebene 'Mindestmaß an seine Gemeinschaft zu leisten, sondern stellt sich freiwillig und opferfreudig Aufgaben über die nackte Pfticht hinaus. Wrr dürfen sroh und glücklich sein, daß wir damit gleichseitig auch älle wohlverstandenen Interessen unserer engeren Gemeinschaft ebenso entschieden fördern, tr>ic das sa schon aus der einhelligen Zustimmung der bedeutenden Repräsentanten aller Richtungen des deutschen Judentums 'tö, der Gründungsversammlung im ehematigen Preußischen Herrenbaus des Reichsbundes |ür jüdische Siedlung und daraus hervorgehet, daß alle großen deutsch-jüdischen Korpo Nationen die Einladung zum heutigen Tage unterzeichnet haben. Indem ich meine große Freude über diese eindrucksvolle Einigkeit des deutschen Judentums ausspreche, mag mir diese Einigkeit als ein weiterer Beweis für die Richtigkeit unserer Grundauffassuug und unserer Zielsetzung dienen. Was hat das Judentum im attgeinemen und das deutsche Judentum im besonderen von der jüdischen Siedlung zu erwarten und n erhoffen? Nun. auch unsere besondere Gemeinschaft hat durch die reißende Verstaatlichung, die Vergrosistadtlichnng der Bevölkerung schwer gelitten, in jedem möglichen Betracht Tie Hauptmasse der jüdischen Bevölkerung lebte, bevor, etwa Ende der 60iger Jahre, der verhängnisvolle Zug in die Großstadt einsetzte. in kleinen Städten und vielfach: in Türfern. Hier entfaltete sich ein reiches traditionsersülttes, gesundes Gemeindeleben; hier war der Mensch der Natur noch nahe, war vielfach noch Landwirt und Viehhalter, und wohl jede Familie hatte einen Garten, den sie selbst bearbeitete. Hier wuchs eine sittlich und leiblich gesunde Menschheit heran, die auch uns geborenen Großstädtern noch für eine Generation oder mehr von der Kraft und Zähigkeit ihres Körpers und Geistes, von der Achtung lüv die menschliche Verbundenheit nnd die sittlichen Gebote vererbte. Ich darf liier mit hoher Tanlbarkeit meiner eigenen geliebten Eltern gedenken, die beide Kinder der Kleinstadt und als solche oon dieser Art der Geistigkeit und Körperlichkeit waren. Hier strudelte der Quell der Verjüngung, auch für die Judengemeiude» der größeren Städte, die ja freilich im Anfang fast durchaus noch kleine Städte im Lichte der heutigen Auffassung waren. Hier fand die jüdische Tradition, die jüdische Religion, die jüdische Eigenart und das Volkstum seine Pflege. Das ist schmerzlich anders geworden. Es gibt Forscher, die ans ihren Ziffern herauslesen wollen, daß das deutsche Judentum zum Verschwinden verurteilt ist. zur spurlosen Auslösung der tleinen innerhalb der großen Gemeinschaft. Wir wollen nicht darüber streiten, ob das recht oder fatsch gesehen ist; sehen wir doch rings um uns herum eine starke Renaissauz des jüdischen Bewußtseins, und gerade in der Jugend, die ja die Zukunft trägt. Aber daß ein Prozeß in der Richtung besteht, läßt sich nicht leugnen. Und wer, wie wir alle, die Zukunft der Menschheit nicht als ein graues Einerlei siebt, sonder,i als ein reich besetztes Orchester, in dem jedes Voll sein besonderes Instrument mit Meisterschaft spielt, der gat den Wunsch, daß Judas Harfe darin nicht fehle. Groß-Gagiow wird die erste neue jüdische Landgemeinde sein, die wir schassen, und in ihr wird, so hoffen wir, jüdisches Leben neu erblühen, wird eine neue Wiege sein für Menschen oon gesundem Leibe und gerader Seele, die ihrem Volkstum und ihrer Religionsgemeinschaft zur Ehre gereichen werden. Taß wir es unseren lieben Antisemiten jemals recht mache» können, ist natürlich unmöglich; sie betrachte» es im Gegenteil als den Beweis jüdischer Unart, wenn wir, oder wenigstens einzelne von uns, anders sind als das Zerrbild, das sie sich von uns machen. Es paßt ihnen nicht, wenn ein Jude stark und mutig nnd opferfreudig oder sonst notorisch Den bedeutendsten internationalen üll>MÜ8RI> IMfl ülI8ÄSlI»»1g8>I Akademische Spraciien-Dienst Berlin HUI 7. Frledrlchslr. ISO II (EcMMrotiieaiistr.) Fernsprecher: A 4 Zentrum 5457 ' Bürozeit: 9—21 Ühr seine bewährten uenersetzer und Dolmetscher für aa Fremdsprachen zur Verfügung. Leiter Ign« e. Fioersiteim Erste in- und ausländische Referenzen aus Wissenschalt, Industrie, Politik u. Handel, llehersetzungen, sprachzirhel und Einzel-Unterricht tugendhaft ist. Aber wir können doch soviel tun, daß wir ihnen nach Kräften die Vorwände und Scheingründe nehmen, mit denen sie neue Genossen zu werben verstehen. Einer der hauptsächlichsten dieser Scheingründe ist der, daß der Jude für keinerlei produktive Arbeit zu brauchen ist, daß er nie mehr sein kann als ein Zwischenhändler mit den Gütern der Wirtschaft oder des Geistes. Wir werden ihnen zunächst nur eine, später aber hoffentlich oiel-e Tatsachen vor die Augen setzen, die weithin sichtbar das Gegenteil beweisen werden. Wir wissen ja, daß der Jude sich überall m der Welt nicht nur als geistiger Führer, sondern auch als Handwerker und sogar als Landwirt und Gärtner bewährt hat. Wir werden sie jetzt zwingen, das auch, zu wissen. Ter verbockte Widerstund, den wir bei jedem Schritt unserer Arbeit seitens der christlichen Umgebung und z. T. auch in der unteren Beamtenschaft zu überwinden haben, zeigt uns, wie sehr sie diesen Beweis fürchten. Wir wollen und werden ihnen eine der gefährlichsten Angriftswaffen ans der Hand schlagen. Hier werden Juden in enger genossenschaftlicher Verbindung die Erde mit ihrem Schweiße dünge» und das tiefe Wort Careys wahr mache», daß der Boden die beste aller Banken ist, die das Kapital der Arbeit umso höher verzinst, fe größer die Anlage ist. Und zwischen ihnen, in gemeinschaftlicher Arbeit mit ihnen, werden jüdische Handwerker und Geistesarbeiter hausen, im gesundesten denkbare» Milieu, getragen von der Achtung der Genossenschaft, erlöst von dem Truckc. der sonst! überall auf ihnen lastet, und werden, lueil sie ihres Judentums endlich ganz stolz sein dürfen, um so bessere und stolzere Deutsche, Bürger der deutschen Republik sein. Auch derart dienen wir gleichzeitig unserer engeren wie unserer weiteren Gemeinschaft. Wir erreichen noch ein anderes. Seit einem Jahrhundert und mehr haben fick) die Bestien des deutschen Judentums redlich bemüht, einen Teil von uns der produktiven Arbeit als Handwerker und Landleute zuzulenken. In städtische» Vereinen wie in Landschulen sind eine große Menge von ausgezeichneten Kräften herangebildet worden, ich erinnere nur an Alstem, aber all zu oft hat sich gezeigt, daß wir für diese Kräfte keine Stätte finden konnten, wo sie in Freiheit und Selbständigkeit ihrem selbstgcwählten Berns, ihrem geliebte» Berus leben konnten. Solche Stätte» bereiten wir ihnen jetzt. Und helfen dadurch nicht nur ihnen selbst zu dem Ziele, das ihnen und gleichzeitig der Gesamtheit nützlich ist, sondern erreichen aus viel höherer Ebene das Ziel, das jene Männer der früheren Generation sich gesteckt halten. Tenn wr bilden in jedem selbständigen Handwerker, Bauern und Gärtner einen Meister heran, unter dessen Leitung die junge Generation dem gleichen Ziele entgegeurejseu kann. Auch auf diese Weise kommen wir dem letzten höchsten un'erer Zwecke näher, in das deutsche Land möglichst viele gedeihliche Elemente, wirkliche Bürger im besten Sinne des Wortes zu pflanzen, von denen nach unserem Wunsch und Willen möglichst viele unserer engeren Gemeinschaft angehören. Ich glaube, daß das Ziel jeden Juden und jepe» Deut scheu begeistern kann, und bin. sicher, daß der oo» ,uns hier beschrittene Weg der kürzeste und beste, ja, geradezu der einzige zu diesem Ziele ist. Seit einem volle» Menschenalter habe ich alle Kraft und Leidenschaft diesem Gedanken gegeben; zuerst verspottet, habe ich ihn weithin zur Anerkennung der Fachmänner und mit Hilfe meiner hingebenden Freunde Snlomon Tyt und Otto Jackisch auch so weit zur Vollendung geführt, wie die geringe Macht privater Persönlichkeiten reicht. Jetzt sehe' ich, lichter nnd lichter, die Morgenröte meiner Zeit am Himmel aufschimmern, der Zeit, in der ich, ein glücklicher Mensch, im Geiste schon immer gelebt habe. Ich. werde den vollen Tag nicht mehr erleben: noch kein Moses hat selbst ins gelobte Land einziehen dürfen; er mußte zufrieden sein, es von fernem Berge her im Umriß zu erschauen. Aber auch das bedeutet neues Glück! Ein freies Volk an; freiem Grund! Es wird werden, nnd Tank und Preis jede»:, der in seine Reihen tritt, und auch jedem, der eS zum friedliche!' Kampfe ausrüslel. Wir haben getan, was dem einzelne» selber irgend zugemutct werden kann, wir und in diesem Falle die Männer, die der jüdischen Landarbeit zu diesem ersten Erfolge verholfen haben. Jetzt ist es an der Sache der Oessentüchlcit. den von uns bereiteten Samen aus weiteren Feldern auszustreuen. Tas; die deutsche Oeffentlichkeit ihre Ausgabe begriffen hat. habe ich ihnen schon gesagt: Staat und Reich beweisen, daß sie das Ziel annehmen und den Weg billigen. Ich hoffe mit aller Bestimmtheit, daß die jüdische Oessentlichleit nicht zurückbleibett wird. Ich sprach von der Heerschaar, sie zum friedlichett Kampfe auszieht, um, mit dem schönen Worte des verehrten Rabbiner Tr. Baeck, die Erde größer zu machten, indent wir sie mit dem menschlichen Gedanken, dem Gedanken der Menschlichkeit, so verstehe ich es, verbinden. Zum Krieg führen aber, jetzt zitiere ich meinen hochverehrten alten Freund Justizrat Timendorser, gehört Geld. Geld uird noch einmal Geld. Wir haben in redlicher Arbeit unsere Zeit, unsere Arbeit, und unseren Geist eingesetzt, unsere Siebter werden ihren Schweiß und alle Zähigkeit des Leibes und der Seele einsetzen. An dem weiteren Kreise unserer Glaubensgenossen ist es, den Kriegsschatz aufzubringen. Um dieses Mal einen Nichtjuden anzuführen, so sagen wir mit Lord Nelson: „Juda erwartet, daß. jedermann seine Schuldigkeit tue/' — Lin liberaler Kämpfer Zur Biographie von Sigismund Stern. Von Rabbiner Tr. G o t t s ch al k, Frankfurt a. M. Stärker als je regt sich die Berliner Reformgemeinde. Ein zweiter Gottesdienst ist. eingerichtet, ein dritter steht bevor. Tie Jugend hat sich zusammeirgeschlossen und diskutiert, hält Arbeitsgemeinschaften und betätigt sich in eigenen Gottesdiensten, betet, liest aus der Thora, hält selbst die Ansprache. Ter Unterricht ist vermehrt, die Schallplatte in den Gottesdienst cingeführt. Aber auch indirekt ist eine Wirkung des Reformgedankens zu spüren. Kleinere Gemeinschaften in Berlin und in Köln haben sich ihre eigenen Gottesdienste eingerichtet oder sind im Begriff es zu tun. Ohne die Reform sklavisch nachzuahmen, gehen sie doch selbständig vor, behalten aber äußerlich ihr Verhältnis zur Hauptgemeinde bei. Gerade in einer solchen Zeit müssen wir das Buch von Arthur Galtiner aus Frankfurt aiu Main doppelt herzlich begrüßen: „Sigismund Stern, der Reformator und der Pädagoge". (Verlag Englert & Schlosser, 190 Seilen mit 6 Bildern.) Ter Verfasser schildert in Stern erstens den Literaten und Philologen, zweitens den religiösen Reformator, drittens den Politiker nnd Geschichtsschreiber, viertens den Pädagogen. Uns geht hier ganz besonders die religiöse Persönlichkeit Sterns an, aber auch seiner übrigen Tätigkeit sei mit einigen Worten gedacht. Stern wurde im Juli 1812 geboren und starb im Mai 1867. In jungen Jahren war er Mitglied eines literarischen Vereins, der den Namen führte „Sonntagsvecein im Tunnel über der Spree", ein Verein, zu dem später auch Felix Tahn, Moritz Lazarus, Adolf Menzel gehörten. Wenn auch in diesem Verein religiöse Fragen ausgeschlossen waren, so hat doch Stern schon hier seine religiöse Natur nicht verleugnet. Er hat in jener Zeit schon ein Drama veröffentlicht, das den Titel führt: „Moses, ein dramatisches Gedicht in 5 Aufzügen". Ans diesem Stück seien die Verse hervorgehoben, die den künftigen religiösen Reformator bereits vorahnen lassen: „Ich hoffe auf ihn, er wird sein Werk vollende». Und gehe ich unter in der heiligen Pflicht, so naht der Bessere, dem Tein Stotz sich beugt." Oder: „Für das Gebet ist jede Zeit die rechte, der .Herr erhört uns, wo wir wahrhaft flehen." Oder: „Ich sah die Welt, sah Menschen, sah mich selbst. Ich fühlte tief die mächtge Harmonie und fühlte einen müchtgen Widerklang von dieser Harmonie in meiner Brust, der sich zum großen Namen „Gott" gestaltet." Auch als Philologe verrät er seine Natur. Aus der Betrachtung der Sprache formt sich ihm der Gedanke: „Ter Mensch hat die Vollkommenheit seines Daseins nicht in sich selbst, sondern ist als Glied des großen Weltganzen stets in unaufhörlicher Wechselwirkung mit demselben." Seine Tätigkeit für das Judentum begann 184 i mit einer Schrift über „Tie jüdische Schule, was sie ist und was STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN-W 66 HAUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM 3023 u. ,02« BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IHHEaDEKORAIIOHEH IIIXOflSTLERISCHER AÜSFUHfiUflfl Maria Orska Von Toris Witt ner. Maria Orska, die gefeierte Schauspielerin, hat nach tragischem Leidenswege ihrem noch jungen Dasein freiwillig ein Ende gesetzt. Ein unruhig flackernder, jremdartiger Stern ist mit ihr erloschen. Aber ein Stern, der doch zuweilen so blendend grell blinken und blitzen konnte, daß er vielen ihrer Mitmenschen zeitweilig die Sehkraft und das Urteilsvermögen vollends trübte. Wer eigentlich war Maria Orsta? Ein leuchtendes Rät sei, aus dem Südosten Europas, für kurze Jahre des Triumphes nach den westlichen Ländern des Kontinentes verschlagen und doch immer wieder untertauchend in das gebeimnisträchtige Dunkel ihrer durchaus orientalischen Herkunft und Abstammung. Es ist unerheblich, heute noch seftzusteilen, öb sie eine russische oder polnische I ü d i n war; ob sie. wie inan bei ihrem ersten. Auftreten in Berlin t» gut unterrichteten Kreisen wissen wollte, mit ihrem bürgerlichen Namen Frankfurter hieß, oder wie die Zeitungen nach ihrem Tage melden, als Rahel Blinder mann zur Welt gekommen, ist. Ob Frankfurter, ob Blindermann; ob polnische oder südrussischie Heimat: um sie und ans ihr sprachen immer die Geister Asiens, der großen Völkerwiege der Menschheit. Sie konnte gleißen tm'e eine Schlange,' funkeln und zuspringen wie ein geschmeidiges, ungebändigtes Raubtier voller Schönheit und Kraft, aber sie könnte auch gleich, darauf wieder versinken in die stumme, dumpfe, scheinbar sklavische Nacht des Ostens, und vielleicht war sie niemals reizvoller, weil rätselhafter, ats wenn sie so schweigend lauerte und kauerte und nichts aus ihr redete als die große Frage ihrer unnatürlich erweiterten, in künstlichem Glanz erstrahlenden Angen nach einem Sinn des Lebens. Aber „nur ein Narr warten au; Antwort". Maria Orska war keine Närrin, keine „tumbe Törin" und vielleicht hat sie darum nicht länger auf die nimmer erfolgende Antwort warten wollen. Ich habe Maria Orskas darstellerische Laufbahn von ihrer ersten verfehlten Nolle als Backfisch in Strindbergs „Ostern' an bis zu ihrer letzten meisterhaften Leistung als eine Mutter von Pirandellos Gnaden verfolgt. Ich habe sie im Leben nicht geliebt, obzwar oft inbrünstig bewundert, und ich fühle die seelische Verpflichtung in mir, ihr nach dem Tode für manches Unrecht Abbitte' zu tun. Maria Orska hat zwar dank der ihr eigenen Virtuosität und dem sie verzehrenden Ehrgeiz die Technik der deutsche» Sprache in rasendem Tempo beherrschen gelernt. Seele und Natur der deutschen Sprache aber blieben ihr zeitlebens verschlossen. Stc könnte girren und gurren, jedoch immer mit jenem fremdartigen metallischen Timbre, das, eben um seiner Wesensfremdheit willen, vielleicht ihre Verehrer zu leidenschaftlichsten Anbetern dieser eigenartigen Künstlerin und der von ihr vertretenen Kunst entfachte.' Was aus ihr glühte, blühte, sprühte, waren häufig echte Feuer, gewiß! Aber immer Feuer, die wohl auf fremder Erde und zu fremden Himmeln loderten. Trotzdem soll und darf nicht verkannt werden, daß sie gleich vielen großen' Vorbildern, die das östliche Judentum der deutschen Kunst und Kultur geschenkt hat, der deutschen Bühne ebenfalls Unv-ergeßliches, Einmaliges, Einzigartiges geboten hat. Man hätte vermeinen sollen, daß die innere Musikalität der Künstlerin ihr eigenes Ohr hätte schärfen müssen für die Mängel ihrer Zunge und ihrer Kehle und sie den Mzent ihrer Heimat zwangsläufig; hätte abstreifen lassen. Aber vielleicht war gerade das das Echteste in Maria Orska, daß sie die ihr mitgegebmen Urlaute weder verleugnen könnte, noch mochte - ebensowenig wie Alexander Moissi je sein italienisches Tremolo meistern wird; daß sie blieb, was sie war: ein fremder Vogel, ein Zugvogel, der nur vorübergehend sein betörendes Lied die Melodie der großen Sehnsucht — über deutschen Landen und in deutschen Lauten erklingen liest Man hat Maria Orsta gerühmt und gepriesen als die große Wedetiud-Spielerin, die größte Interpretin, die dieser Dichter je gesunden. Gerade das möchte ich verneine» dürfen. Jtzr sehile sür die „Lulu" beispielsweise jene n.gibe Triebhaftigkeit, die der „Erdgeist" nun einmal erfordert, die ihn schöpferisch beseelt. Hätte schon dazumal Lonsdales rasch geflügelt gewordenes Wort vom „sex appeal" existiert, so bätre man es mit Fug auf diese Leistung der Orska anivenden dürfen,- ja müssen. Sie verstand es, mit Listen und Lüsten an das Geschlecht der smarte» Logenbesucher erfolgreich zu appellieren: aber es galt ja nicht nur, den Sexus zu reizen, scndcrn jene erdhasten, d. h. naturgewollten Wirkungen hervorzurusen, die mrt dem Verstände allein niemals erzielt werden können. Ob man „Lulu" sagt oder „Lilitte", gilt gleich. Was Wedekind hatte ausdrücken wollen, war das Weibwesen in seiner gottgewollten, vegetativen Ge- und Verbundenheit mit Erde nnd Sünde. Eine unschuldige Schuldhaftigkeit gegenüber dem Menschengeschlecht. Das abtt konnte die Orska nie und nimmer; dazu war sie in jeder Sekunde, da sie aus der Bühne stand, zu bewußt und - spekulativ. Mit Recht hat Alfred Kerr, einer der größten Bewunderer der Orska, sie in seinem durch Rundfunk verbreiteten Nachruf gefeiert als ein „Genie der Wachheit", ja, wach, überwach, gleichsam immer auf dem „qui vive" war diese r u s's i s ch - P o t n i s ch e Jüdin wohl die meist« Zeit ihres Lebens. Atavismen geknechteter und entrechteter Geschlechter mögen diese furchtbare und gleichseitig furchtsame Ueberwachheit in ihr gezüchtet haben. Sie selbst! war auch dafür verantwortlich zu machen. Und ihre beispiellosesten Triumphe waren dieser „Ueberwachheit" zu danken, so, tvenn sie wie keine vor ihr und wohl kaum eine nach ihr —