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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-14 · 20 (14.5.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
20 (14.5.1930)
Date
1930-05-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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zwar selbst gefühlsmäßig zweifellos Nationaljude und sogar ein extremer Nationalist: das zeigen seine scharse Antwort an die Kanaaniterin, seine verächtliche Einstellung zu „Heide und Zöllner", die auszeichnenden Ausdrücke: „Sohn Abrahams" und.„Tochter Abrahams", seine stärke Liebe zu Jerusalem und seine Hingabe für die „verlorenen Schafe aus dem Hause Israel". Trotz, alledem aber war etwas in ihm, aus dem sich „Un-Judentum" entwickelte. Was ist: also Jesus dem jüdischen Volk unserer Tage? Für das jüdische Volk tann er natürlich weder ein Gott noch Gottes Sohn im Sinne des Trinitätsdogmas sein: beides ist für den Juden nicht nur blasphemisch, sondern auch unbegreifbar. Auch der Messias kann er dem jüdischen Volk nicht sein: das Gottesreich, die „Tage des Messias", sind ihm immer noch nicht glommen. Ebensowenig kann er als „Prophet" anerkannt werden: dazu fehlte ihm das politische Verständnis und die Gabe der nationalen Tröstung und Ausrichtung. Er ist für das jüdische Volt kein Gesetzgeber oder Religionsstifter und wollte ja auch selber beides nicht sein. Er ist! auch iciii wirklicher „Tannaite" oder pharisäischer „RaM" gewesen, denn er war ja ein Gegner der Pharisäer uno.'würdigte die positioe Seite ihres Wirkens nicht genügend: ihre Bemühung um die Erfassung des ganzen nationalen Lebens und um die Stärkung der nationalen Existenz. Doch ist Jesus für das jüdische Volk' ein Lehrer hoher Sittlichkeit und ein Gleichnisredner ersten Ranges. Er ist geradest der Lehrer der Sittlichkeit, die für ihn im religiösen Bereiche alles bedeutete. Zwar wurde seine Ethik infolge ihrer extremen Einstellung nur ein Ideal für Einzelne, ein Vorllang der künftigen Welt: der „Tage des Messias", wenn das „Ende" über die „alte Welt" und die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hereingebrochen sein wird. Sie ist reine Ethik für die Völker und Ordnungen dieser Welt, innerhalb deren die Menschen den Weg zu der messianischen Zukunft der Propheten und dem „Reich des Allmächtigen" des Talmud beschreiten können. Tiefes jüdische Ideal ist allerdings „von dieser Welt" und wird sich nur allmählich und im Lause vieler Generationen verwirklichen lassen. Toch ist seine Sittenlehre eine erhabene, gewählter und originaler in d-er Form als jedes andere hebräische ethische System. Auch seine wunderbaren Gleichnisse stehen ohne Beispiel da. Der Scharfsinn und die Kürze seiner Sprüche und wirkungsvollen Parabeln machen seine Ideen in außergewöhnlichem Maße zum Eigentum aller. Und wenn einst der Tag kommen wird, wo diese Ethik die Hülle ihrer mystischen und mirakelhaften Umkleidung abstreift, daun wird Jesu Buch der Ethik einer der'erlesensten Scha.e der jüdischen Literatur aller Zeiten sein. Für diese Rubrik übernimmt die Lchnstleittmg lediglich tie preßgesehliche Dercm.wo.iuna Zur Politik der deutschen Zionisten Bon Rechtsanwalt N. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. 11.*) Weit über den Einzelfall hinaus ist die hier wiedergegebene Polemik grundsätzlich bedeutsam, weil sie zeigt, wie geflissentlich es der Chefredakteur der „I. R." vermeidet, auf die von mir gekennzeichnete Zweideutigkeit seiner Politik einzugehen. Weltsch kennzeichnet auf der einen Seite bei den inneren Auseinandersetzungen des Zionismus den Gegensatz seiner Richtung zu dem nationalistischen Flügel mit aller Deutlichkeit und stellt die praktische Auswirkung der Lichtheim-Kollenscher-Politik in Palästina in Parallele zu den schlimmsten antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland und Oesterreich. Diesem anerkennenswerten Mute steht andererseits gegenüber, daß die Weltsch, Goslar und Badt jene entscheidenden Gegensätze der Lebensanschauung in de m sel ben Augenblick zu bagatellisieren s u ch e n, wo es sich nicht in e h r um i nn ere z i o n istisch e S t r e i t i g ke i t en, sondern wo es sich um die praktische Politik gegenüber N icht z i o n ist e n handelt. Wenn man die Gegensätze an sich so tief empfindet, wie dies Weltsch in seinem Leit-, artikel vom l§. März 1930 zuin Ausdruck bringt, dann entsteht schon die Frage, wie cs die Herren Weltsch, Goslar, Badt noch rechtfertigen wollen, daß sie sich mit den Anhängern der Richtung Lichtheim-Kollenscher bei den Gemeindewahlen zu einer Partei (Jüdische Volkspartci) zusammentun. Daß ich mit diesem Zweifel auch bei Zionisten Rechtfertigung finde, beweist die programmatische Rede, mit der Oscar Cohn seinerzeit in der Berliner Repräsentantenversammlung seine Abseitsstellung von der Jüdischen Volkspartei begründet hat. (Ob Cohn später in seiner praktischen Politik dieser seiner programmatischen Stellungnahme immer gerecht geworden ist, kann in diesem Zusammenhänge dahingestellt bleiben.) Dafür aber, daß man auch seitens der Weltfch'schen Richtung grundsätzlich bei dieser zweideutigen Politik beharren will, erscheint symptomatischder Aufsatz, in dem der Vorsitzende der Hamburger zionistischen Vereinigung, Tr. Heppner, gleichfalls in der „J.R." vom 11. April 1930, unter der Ueberschrift „National-zionistische Gemeindepolitik" das Auscinandersallen der Zionisten im Gemeinde-Wahlkampf ausdrücklich bedangt und bekämpft. Es wird - entsprechend dem Gemeindeftatut der zionistischen Vereinigung - ein einmütiges Zusammengehen von Lichthcirn bis Goslar und Oscar Cohn unter der Fahne der Volkspcirtei gefordert, was also — gerade, wenn man die Logik des letzten Artikels der „I. '3t" vom 18. März 1930 anerkennt — für jüdische Verhältnisse nichts anderes bedeutet, als etwa eine Sammlung von Frick bis Breitscheid für deutsche Verhältnisse darstellen würde. Das Entscheidende für meine Beurteilung aber war die Kennzeichnung der Früchte, die jene Einheitspolitik — die in Berlin zwar nicht von Kollenscher bis Oscar Cohn, aber doch von Kollenscher bis Goslar getrieben worden ist — in der größten jüdischen Gemeinde getragen hat. Sie hat dazu geführt, daß die Richtung Weltsch, Goslar praktisch völlig ousgeschaltet worden ist, und daß sich die Richtung Kotten scher sämtliche Machtpositionen angeeignet hat. W e n n H e r r Goslar theoretisch den Nationalismus bekämpft, wenn er aber praktisch das Dezernat des Berliner S ch u l w e s e n s und damit der Erziehung der jüdischen Jugend in der größten deutschen Gemeinde Herrn K o l l e n s ch e r aus liefert, so bedeutet das aus deutsche Verhält- *) Vcrcfl. Nr. 17 u. >4. 4 1930. nisse übertragen dasselbe, wie wenn sein Parteifreund Braun bei aller theoretischen Bekämpfung des deutschen Nationalismus das preußische Ministerium für Volksbildung Herrn Frick überlassen würde. Gerade darin, daß die „I. R." theoretisch zwar die Kollenscher-Gruppe bekämpft, ihr praktisch aber in der deutschen Gemeindepolitik entscheidende Helferdienste leistet, liegt eine Gefahr. Es werden durch die Namen Weltsch und Goslar, Badt und Arnold Zweig Wählerkreise der Bolkspartei zugeführt, die durch die Namen Lichtheim-Kollenscher ganz gewiß nicht zu gewinnen gewesen wären. Jene Kreise lind sich aber nicht klar darüber, daß die durch ihre Stimmen erreichten Machtpositionen letzten Endes dann eben nicht den Weltsch und Goslar, sondern den Kollenicher und Kareski zufallen, und damit eine nationalistische und ungeistige Gemeindepolitik und Jugenderziehung heraufbeschwören. Vom Standpunkte des Nichtzionisten aber ist zur Kennzeichnung der heutigen Berliner Verhältnisse festzustellen: Tie Leitung der Berliner Gemeinde liegt heute offensichtlich bei der zionistischen Partei und zwar deshalb, weil die Mitglieder der Mittelpartei in der gleichen Weise mit den zionistischen Mitgliedern Zusammengehen, wie etwa die „nichtzionistischen" Mitglieder der Jewish Agency mit den zionistischen. (Ueber die Zusammensetzung bieder Körperschaft heißt es in dem von Herrn Weltsch verfaßten Leitartikel der „I. R." vom 11. April 1930 mit aller Deutlichkeit: „Die achtgliedrige Agency- Exekutive wird in Etappen gebildet; dabei zeigt sich, daß bei der Unterscheidung zwischen Zionisten und N ich lz io nisten ganz andere Kriterien gelten, als gewöhnlich in Teutschland Diskussionsstoff bilden. Nicht um Gesinnungsfragen geht es, sondern um die Abhängigkeit von einer bestimmten organisatorischen Instanz. Es ist eine Pikanterie, daß die Nichtzionisten als ihre Vertreter in die Exekutive nur Menschen entsandt haben, die ihrer Gesinnung und Zugehörigkeit nach Zionisten sind. Sie figurieren als „Nichtzionisten", weil sie nicht einer zionistischen Instanz verantwortlich sind.") Wenn Heinrich Stern mir auf meinen offenen Brief entgegengehalten hat, daß der Führer der Mittelpartei gleichzeitig Mitglied des Hanptvorftandes des Zentralvereins ist, so wird gerade durch diesen Hinweis meine These nur bestätigt. Ich lege hierbei gar nicht Gewicht darauf, daß dieser Herr etwa in der „I. R." vom 11. April 1930 bei den Beiträgen zur zionistischeil Landesspende aufgesührt ist. Wohl aber kommt, abgesehen von anderen Vorgängen, z. B. der Tatsache eine besondere Bedeutung zu, daß der Herr an der letzten Sitzung des Hauptvorstandes des Zentralvereins, die eine einmütige Proklamation gegenüber dem Nationaljudentum angenommen hat, nicht teilnahm, noch etwa nachträglich seine Zustimmung zu dieser Resolution bekundet hat. Wenn Herr Ludwig Foerder als einziges Mitglied des Hauptvorstandes deS Zentralvereins gegen jene Resolution gestimmt hat. und wenir jener Führer der Berliner Mittelpartei sich ostentativ ferngehalten hat, so glaube ich - ich bin selbst Mitglied des Vorstandes einer Ortsgruppe des Zentralvereins - das Verhalten jener beiden Herren nicht anders deuten zu können, als daß sie eben in der wesentlichen programmatischen Grundstellung gegenüber dem Nationaljudentum die Haltung .des Zentralvereins verwerfen und die zionistisch-nationaljüdische Stellungnahme anerkennen. Unter diesen Umständen würde man Vogel-Strauß-Politik treiben, wenn man bei der Prüfung der zionistischen Machtstellung innerhalb der Berliner Jüdischen Gemeinde irgendwelches Gewicht darauf legen wollte, daß jener Herr tatsächlichnoch dem Hauptvorstande des Zentralvereins angehört. Des weiteren ist sestzustellen, daß die zionistische Herrschaft ihrem Ergebnis nach gleichzeitig eine Herrschaft der extremen Gruppe Kollenscher bedeutet. Herr Kollenscher ist der geistige Führer der Gruppe, die in der Gemeinde dominiert, er ist gewissermaßen der ungekrönte König der .Berliner Jüdischen Gemeinde. Tie Wurzel dieser Vorherrschaft des Nationaljudentnms ist das Wahlrecht der Ausländer. Ich habe hieraus bereits in einem offenen Briefe an Herrn Stern hingewiesen, und neuerdings hat einer der hervorragendsten Politiker des deutschen Judentums, der Fühder des Zentralvereins, Justizrat Brodnitz, in ähnlichem Sinne auf der Tagung des Preußischen Landesverbandes der Jüdischen Gemeinde gesprochen. Wenn Stern mir entgegenhielt, daß an den letzten Berliner Gemeindewahlen gerade im Berliner Westen weite jüdische Kreise nicht teilgenommen haben, so mag Stern darin recht haben, und ich habe ja selbst mit allem Nachdruck betont, daß diese Indifferenz eine Schuld an den gegenwärtigen Verhältnissen trifft. Man mag die Indifferenz bekämpfen — und gerade in diesem Sinne habe ich meinen offenen Brief an Stern geschrieben — aber als Realpolitiker macht man einen entscheidenden Fehler, wenn man eine Tatsache lediglich deshalb nicht in Rechnung stellt, weil man sie anders haben möchte. So wie wir heute stehen, ist es nun einmal Tatsache, daß die jetzige Gemeindeverwaltung weite Kreise der jüdischen Wähler eher abftößt und verbittert, als sie zum Kampfe gegen die herrschende Majorität aufrust. Immer größer wird die Gefahr, daß Kreise, die die zionistische Herrschaft nicht mit ihrer Gesinnung vereinbaren können, aus dem Judentum austreten und damit der Gemeinschaft dauernd verloren gehen. Auf der anderen Seite läßt sich nicht leugnen, daß die zionistische Herrschaft in Berlin mit einem Schlage beendet wäre, wenn das Ausländerwahlrecht ähnlich dem sächsischen System modifiziert werden würde. Tenn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß von den Juden deutscher Staatsangehörigkeit die ungeheure Majorität sich I zum deutschen Volkstum bekennt. Tie jetzige Mehrheit im Berliner Parlament ist durch diejenigen Berliner Bezirke herbeigeführt worden, in denen die eingewanderten ausländischen Juden leben. Gerade die Wahlen in Leipzig haben für jedermann klargelegt, wie die wahre Gesinnung der deutschen Juden ist. Im übrigen ist es an dieser Stelle n i d) t m e i tt e Aufgabe, für oder gegen das Ausl ä n d c rw ahlr ech t Stellung zu nehmen. Ich stelle hier, wie in meinem früheren Artikel, l e d i g l i ch d i e Folgen des A u s l ä n d e r w a h l r e ch t s fest. Will man meine Ausführungen nicht anerkennen, so habe man doch den Mut, in ähnlicher Weise, wie nmn etwa bei den Reichstagswahlen an manchen Stellen die Stimmen der Männer oder Frauen zu statistischen Zwecken getrennt hat, bei den B e r l i u e v jüdischen W a h l e n die Stimmen der deutschen Staatsangehörigen und der ausländischen Staatsangehörien statt st i s ch zu sondern. Dann wird die unerträgliche Tatsache beseitigt werden, daß im politischen Leben den deutschen Juden diejenigen 5? a n d l u n g e n zur Last gelegt werden, die seitens der Berliner I ü d i f i n Gemeinde g e - s ch eher:, daß man die deutsch-jüdischen Bürger der Reichshauptstadt mit der Kollenscher- Gruppe identifiziert, während sie in Wahrheit im Hinblick auf die Wahlzifsern mehr das Objekt als das Subjekt der Gemeindepolitik bilden. Nicht recht verständlich ist mir übrigens das von der liberalen Parteimajorität in der Landesverband-Versammlung gebrauchte Argument, man müsse für das gleiche Ausläuderwahlrecht sein, weil man die jüdische Gemeinde als religiöse Gemeinde und nicht als Volksgemeinde betrachte; erst wenn die jüdischen Gemeinden zu Volksgemeinden würden, würde man eine andere Stellung einnehmen können. Hiermit wird eine in unserem modernen Staats recht überwundene Betrachtung eingeführt, die die Entscheidung darauf abstellt, wie eine Gemeinschaft plakatiert ist und nicht, was eine Gemeinschaft ihrem inneren Leben nach darstellt. Nicht darauf kommt es an, wozu wir Liberaleindie Jüdische Gemeinde machen wollen, auch nicht darauf, was sie etwa vom Standpunkte irgend eines Paragraphen bedeutet, sondern darauf, wie sich diese jüdische Gemeinschaft nach ihrem inneren Leben für den Soziologen charakterisiert. Wendet man diese nicht an Paragraphen haftende, sondern das Leben selbst erfassende Betrachtungsweise auf die Berliner Jüdische Gemeinde an, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß eben gegenwärtig wir Liberalen mit unserer Anschauung zurückgedrängt sind, daß die Gemeinde mitten auf dem Wege zur Volksgemeinde ist, und daß, wenn es bei dem gegenwärtigen Wahlrecht verbleibt, wir hie Gemeinde bald in bester Form als Volksgemeinde installiert haben werden. Wohin die Reise geht, zeigt die Ankündigung des Herrn Klee, daß man demnächst! auch jüdische Gymnasien errichten werde - was also die Protlamierung eines vollkommenen Ghetto-Judentums bedeutet - wobei der Gedanke besordecs schmackhaft ist, daß dann auch die Erziehung in diesen Gymnasien unter dem bestimmenden Einfluß des Herrn Kollenscher stehen wird; zeigt ferner die wertere Ankündigung von der gleichen Stelle, daß man demnächst einen offiziellen Beitrag für den Jüdischen Nationalstonds verlangen würde und daß man hoffe, daß dieses keine Kampssoroerung darstellen werde. An welcher Station wir augenblicklich stehen, zeigt die gegenwärtige Einrichtung des jüdischen Religionsunterrichts an den Berliner Schulen und seine zwnagsweise Verkoppelung mit der Erlernung der hebräischen Sprache. Ich will hier nicht darüber rechten, ob es überhaupt vom Standpunkte des religiösen Erziehers zweckmäßig ist, den Religionsunterricht schon vom Grundschulalter mit der Erlernung fremdländischer Vokabeln zu verbinden, und ob hierbei nicht vom Stand p v ntte lebendiger Religiosität weit mehr Schaden als Nutzen angerichtet wird. Worauf cs mir hier ankommt, ist der unerhörte Gewissenszwang, der darin liegt, daß man denjenigen Eltern, die einen pädagogischen Brei von Religion, Grammatik und Vokabeln als für ihre Kinder widerwärtig und unverdaulich empfinden, es unmöglich macht, die Kinder von dem Sprachunterricht besonders zu dispensieren, und daß man ihnen nur die Wahl läßt, entweder auf Grund ihres verfassungsmäßigen Anspruches die Kinder völlig vom Religionsunterricht sernzuhalten oder aber die Kinder mit einem Religionsunterricht zu belasten, der der religiösen und pädagogischen Grundanschaung der Eltern widerstreitet. Vom Standpunkt der Religion als solchen läßt sich ein solches Verfahren nicht rechtfertigen, dies umso weniger, als es weite Kreise religiös denkender Juden gibt, die den Kultus der Synagoge nicht in den Mittelpunkt der Religion stellen, und in Berlin noch hinzukommt, daßdie Reformgemeinde auch die Möglichteit zu einem Kultus gibt, bei der das Hebräische durchaus in den Hintergrund tritt. Zu begreifen ist diese Einrichtung lediglich vom Standpunkte der Volksgemeinde. Man will der jungen jüdischen Generation das H e b r ä i s ch e a u f z w i n g e n, und man läßt es lieber daraus änlommen, daßi j üd i sche K r n d e r ohne Religionsunterricht a u fw achs e n und vielleicht sich der Gemeinschaft völlig ent-; rem den, als daß sie der Gemeinschaft zwar treu bleiben, aber die (vom Standpunkte der Zionisten) nationale Sprache Nicht erlernen. Zusammenfassend kann man also sagen, daß das gleiche Ausländer-Wahlrecht schon jetzt in der Berliner Jüdischen Gemeinde dazu geführt hat, daß. die Majorität der deutschen Juden in politischer, kultureller und religiöser Hinsicht majoriert und unterdrückt wird. Me die Mische Rundschau berichtet... Dortmund, den 2. Mai 1930. Sehr geehrter Herr Redakteur, ich bitte Sie, den nachfolgenden Ausführungen einen Platz in Ihrer geschätzten Zeitung zu gewähren. Tie Jüdische Rundschau vom 25. v. Mts. bringt einen Bericht aus Dortmund, der den Stempel der Unwahrhaftigkeit an seiner Stirn trägt. So haben denn auch Bekannte, die meine ausgleichende Art kennen, mit der ich seit mehr als vier Jahrzehnten im öffentlichen Gemeindeleben stehend, zu wirken gewöhnt bin, das Unwahrscheinliche dieser Darstellung mir ganz spontan bekundet. — Herr Syndikus Waldstein-Essen hatte auf Einladung des Neutralen Jugendvereins in ruhiger und sachlicher Form, die der Bericht auch anerkennt, über die Ideologie des C.B. gesprochen. Sofort danach erhob sich Tr. Max Bert, um in gereiztem Tone und in hämischen Redewendungen den hochangesehenen 70 jährigen Herrn Waldstein der Unwahrhaftigkeit zu verdächtigen, den Mitgliedern des C.V. und des Liberalismus, die 'von Zionisten gewöhnlich identifiziert werden, jede Jüdischkeit abzusprechen und den C.V. außerdem des Antisemitismus zu zeihen. — Man hörte diese Insulte ruhig an, ohne den Redner zu stören. Kaum hatte ich zur Widerlegung dieser Schmähungen das Wort genommen, als mich der Vorredner auch schon durch Zwischenrufe wie „Machen Sie Schabbos davon", „Verleumdung" und „Unverschämtheit" zu unterbrechen suchte. Ter grotesken Verleumdung des C.V. durch den Vorredner stellte ich die Erklärung eines seiner Gesinnungsgenossen in Kölitz gegenüber, der nach einem Vortrage des Universitätsprofessors Tr. Nölting aus sein Nationaljudentum pochend sich verbat, als Deutscher angesprochen zu werden. Daran knüpfte ich die Wendung: „Sie sollten dem C.B. dankbar sein, daß er Ihnen den Boden bereitet, auf dem Sie Ihren Idealen nachgehen können!" Dieses Wort halte ich, so wie ich es gesagt habe, aufrecht.- Das Gebaren des Tr. Max Berl war derart, daß der Vergleich mit Nationalsozialisten sich mir geradezu aufdrängte. Diesen Vergleich zog ich — wie ich ausdrücklich feststelle —

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