Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 20 (14.5.1930)
- Date
- 1930-05-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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10. Jahrgang Nummer 20 Zum 70. Geburtstag von Paula Stleudorff am IS. Mai Rabb. Dr. Vogelsiem Man hat unsere Zeit oft das Jahrhundert der Erziehung genannt. Kaum je zuvor ist über Fragen der Erziehung, des Unterrichts, der Bildung so viel gesprochen und geschrieben worden wie gerade in der Gegenwart. Aber wichtiger als alb' Einzelsragen ist die Erienntnis des großen Problems der Erziehung als des eigentlichen Problems der Kultur. Höhere Kultur besieht nicht in einzelnen Verbesserungen des praktischen Lebens, sondern in geistiger, sittlicher und seelischer Höherbildung menschlicher Persönlichleiten und Gememschaften. Ten großen Anteil der Frauen an dieser Erziehungsarbeit irr dem letzten halben Jahrhundert wird eine spatere Zeit einmal in vollem Umfange würdigen. Zu den Frauen, die seit mehr als einem Menschenalter in dem Bewußtsein der Bedeutung des Erziehungsproblems führend an ihm arbeiten, gehört Paula O l l e n d o r f f, die am 78. Mai das 70. Lebensjahr tollendet. Das Wort vor: der Gottesebcnlnldtick leit des Menschen ist ihr stets als die Forderung der Selbst erziehung wie der Erziehung anderer als jüdische Ausgabe erschienen. So war es ein geistig reges, für alles Ideale ausgeschlossenes Haus, das sie mit ihrem Galten geführt hat. Für alle öffentlichen Angelegenheiten, politische, kommunale, jüdische, sür alle sozialen und Bildungssragen war dort reges Interesse und tatkräftige Mitarbeit zu finden. Und selbstverständlich war dort die lebendige Durchdringung echter jüdischer Religiosität und moderner Kultur. So hat sie von Anfang an in oer allgcmemen interkonfessionellen Arbeit gestanden und sch wiederum mit ganz besonderen!. Eifer der Lösung der gleichen Fragen im jüdischen Leben zugewandt. Alle Arbeit ist! für sie nicht einfache Bereinstätigkeit, sondern sie gewinnt den Antrieb aus der Erkenntnis der großen Probleme des religiösen wie des sozialen Lebens und der Erziehung, und darum weiß, sie immer wieder neue Gedanken und Anregungen zu geben. Frühzeitig hat sie an allen Bestrebungen f ür Frauen Wohlfahrt, Frauenbildung und rechtliche Gleichstellung der .Frau tätigen Anteil genommen. In der Volkshochschule, in der Gefährdelenfürsorge, in der Gesangenensürsorgc, in der Fürsorge sür die Insassen der Heil- und Pflegeanstalten, in kommunalen und politischen Angelegenheiten innerhalb oer demokratischen Partei ist sie tätig, ein Jahrzehnt hindurch! war sie Stadtverordnete. Hochgeschätzt als Redüerin, deren umfassende Bildung und deren nie ruhende Gedankenarbeit immer Neues zu geben weiß, ist sie namentlich in der Nachkriegszeit fast in alle Teile Deutschland, sei es von allgemeinen Frauenorganisationen, sei es von jüdischen Organisationen berufen worden. Aber ihr eigentliches großes Arbeitsgebiet ist innerhalb des Judentums. Tenn hier verknüpften sich ganz eng und unlöslich die religiösen mit den sozialen und erziehlichen Momenten. Bor fast 40 Jahren hat sie in Breslau das Jüdische Mädchenheim für berufstätige jüdische Mädchen mitbegründet. Seit der Begründung des Jüdischen Frauenbundes gehört sie dessen Haupt Vorstand an, seit vielen Jahren als besten zweite Vorsitzende. An der Begründung des Weltverbandes jüdischer Frauen hat sie lebhaften Anteil genommen und gehört dessen Präsidium an. Sie ist Mitbegründerin der Breslauer Ortsgruppe sowie des Schlesischen Provinzialvecbandes des Jüdischen Frauenbundes und steht in diesen Organisationen mit an leitender Stelle, wie die Anstalten der Ortsgruppe des Frauenbundes, das Breslauer Kleinkindecheimund das Kinderlandheim in Flinsberg teils ihrer Anregung ihr Entstehen verdanken, und von ihr mit geleitet werben. Seit Einführung des Frauenwahlrechts gehört sie dem Vorstand der Breslauer Gemeinde an und steht mit an der Spitze des Wohlfahrtsamts, überall die Wohlfahrtsarbeit nicht im Sinne des Almosengebens, sondern der sozialen Hebung durch Erziehung betreibend. Sv ist! sie im Preußischen. Landesverband ein führendes Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, die Vorsitzende des Schlesischen Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege nsw. Zwei neue Schöpfungen ans sozialem Gebiete in Breslau sind ihrer Anregung und teilweste ihrer Arbeit und Tattrast zu danken, das Jüdische Jugendheini, dessen Idee sich ihr durch die Kenntnis des Settlements bei ihren Besuchen in England befestigt hat, und die Jüdische Haushaltungsschiule. In tiefster Seele jüdisch religiös und diese Religiosität in liberalem Sinne erfassend und bewährend, gehört sie dem Vorstand des liberalen Vereins in Breslau wie dem Hauptvorstand der Vereinigung sür das liberale Judentum an, hat sie tätigen Anteil genommen an oer Begründung des Weltverbandes sür religiös liberales Judentum und ist von Anfang an Mitglied seines Hauptvorstandes. Ihr Liberalismus ist eben nicht, was Montesiore mit Recht verwirft, „Subtraktion von der Orthodoxie", sondern lebendiges, freies Erfassen des Judentums in seiner religiösen Bedeutung, herausgewachscn aus tiefinnerlicher religiöser Ueberzeugung. Tiefe Zeilen wollen nicht eine vollständige Aufzählung der Tätigkeit und der Tätigkeitsgebiete von Paula Ollendorff geben, vielmehr nur auch dem Fernerstehenden die Fülle und die Vielseitigkeit ihrer Lebensarbeit andeuten. Denn dieses Leben läßt sich nicht in eine Schablone zwängen, es ist kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Mensche mit seinem Widerspruch. Sie ist stets eine Werdende, an sich seM Arbeitende und darum auch als Siebzigjährige nicht-nur voller Verständnis für die Jugend, sondern selbst in lebendiger jugendlicher Frische, ausnahmefähig und schafsenssreudig in einer Arbeitsfülle, der sonst nur junge Menschen gewachsen . zu sein pflegen. Ties alles erwächst ihr bei aller Vielseitigkeit aus einheitlicher Wurzel, aus tief innerlicher jüdischer lieberzeugung und Religiosität, die sie zu wahrhaft menschlicher Freiheit führt. Dankbar empfinde ich es als einen Gewinn meines Lebens, daß mein Weg mich zu vielfacher gemeinsamer Arbeit und zu freundschaftlichem Meinungsaustausch mit ihr geführt hat. Ihr und uns allen wünsche ich noch viele Jahre ihres gleichen Schassens. Grete Mal: Allen, die ihr nahe stehen, wird es eine Freude sein, daß dieser 70. Geburtstag ihnen Gelegenheit gibt, sich selbst darüber klar zu werden, was ihnen Paula Ollendorff in all den Jahren geworden ist. Fast scheint es eine Unmöglichkeit, daß diese Frau, die mit ihrer beispiellosen Elastizität tagtäglich ein kaum übersehbares Arbeitspensum leistet, an der Schwelle des biblischen Alters stehen soll. Bei ihr bewahrheitet sich das Wort, daß große Menschen nicht altern, sondern, daß sie sich wandeln - mit der Zeit. So sehen es alle, die das Glück haben, gemeinsam mit ihr zu arbeiten, wie sie immer, in jeder Situation, diejenige ist. die in lebendigem Geiste die Forderungen der Zeit erkennt, ja vorausfühlt. Mit leuchtenden Augen und mit jugendlich warmem Herzen tritt sie überall sür das ein. was sie sür gut und schön und wichtig erkenrrt. Und wenn man häufig den Ausführungsmöglichkeiten ihrer Pläne zuerst etwas skeptisch gegenübersteht, so ist man nach verhältnismäßig kürzer Zeit überrascht, daß die Energie, die Tattrast, die Klugheit dieser Frau selbst scheinbare Utopien verwirklicht. Sic ist in aller Arbeit, wo man sie auch trifft, immer die Jugendlichste, immer die Impulsivste von allen. Und von dieser geistigen Lebendigkeit ist auch ihre religiöse Einstellung diktiert. Alles, was lebendig ist, muß sich entwickeln, alles, was erstarrt, auch in noch so ehrwürdigen Dogmen, ist alt. So muß sich ihr auch ihre Religion entwickeln, an der sie mit der ganzen glühenden Hingabe ihrer temperamentvollen Persönlichkeit hängt. Sie lebt diese Religion, denn es ist ein göttliches Gebot, die eigene Persönlichkeit zu einer möglichst hohen Vollkommenheit zu entwickeln, und unsere Propheten sagen, daß ein Leben voll hilfreicher und edler Liebeswerke, ein Leben voller Ansopserurrg der reinste und vornehmste Gottesdienst ist. Der Erfüllung dieser beiden Gebote ist ihr ganzes Leben geweiht. Wir sehen es mit Staunen und mit Bewunderung, wie sie in diesen letzten Jahrzehnten immer mehr über sich hinausgewachsen ist. Wer sie bei der Frauentagung in Köln vor überfülltem Saal sprechen gehört hat, wer gesehen hat, wie ihr tausende von Frauen jeder Richtung und jeder Konfession zügejubelt haben, der war stolz auf sie. Wer sie aber an ihrer Tischecke im Wohlfahrtsamt sitzen gesehen hat, wie sie sich die Klagen aller Hilfsbedürftigen anhört, und wer dann gesehen hat, wie ein Leuchten über ihr Gesicht geht, weil sie nach scharfem Denken einen Weg zu helfen gesunden hat, — wer das gesehen hat, der liebt sie. Dieses Helfen, dieser hingebende Dienst sür die notleidende Menschheit, das sind die Höhepunkte ihres Lebens. Und wenn wir es auch nicht fühlen, daß sie siebzig ist, wenn wir uns auch nicht dazu entschließen können, sie unter „die Alten" einzureihen, so wollen wir diesen Tag doch dazu benützen, ihr unseren ehrfürchtigen Tank auszusprechen. Wir danken ihr, daß sie da ist, und daß sie so ist, wie sie ist, mit allen ihren kleinen Schwächen, die wir lieb haben, und mit allen ihren großen Vorzügen, auf die wir stolz sind. Und so wünschen wir ihr nicht — wie man es sonst Siebzigjährigen wünscht — ein geruhsames friedliches Alter. Wir wissen, daß sür sie ein lebenswertes Leben nur aus Streben, Arbeiten, Helsen besteht. Darum wünschen wir ihr eine lange Reihe von Jahren, gerüttelt voll mit Erfolg gekrönter, Segen bringender Arbeit. Siedlung Ei» wirtschaftliches Problem der deutschen Juden. Bon Rudolf M o s s e, Stangenhagen. Tie wirtschaftliche Not der deutschen Juden ist nur ein Teil der allgemeinen deutschen Wirtschaftsnot; das ist in dieser Zeitung wiederholt ausgesührt worden. Deshalb muß die Bekämpfung der wirtschaftlichen Not unserer Glaubensgenossen mit denselben Mitteln betrieben werden, mit denen man die allgemeine deutsche Not bekämpft. Ein vorzügliches Mittel-zur Belebung der Wirtschaft in Deutschland Ft die ländliche Siedlung. Darüber sind die Wirtschaftspolitiker aller deuEchen Parteien einig. Jede Austeilung eines größeren Gutes in kleinere Bauern- und Garten betriebe vermehrt die Zahl der arbeitenden Bevölkerung auf dem Lande, erhöht die Erzeugung an Fleisch, Milch, Eiern und Gemüse und steigert erheblich die Steuer- und Kaufkraft des Landes. Tie Neuerrichtung jeder Siedlerstelle gibt Arbeit für Bau-, Erd- und Landarbeiter und -Unternehmer. Nun wird gerade in unfern jüdischen Kreisen gern die Behauptung ausgestellt, man könne in Deutschland nicht siedeln; die neuen Betriebe würden nicht lebensfähig sein, denn die deutsche Landwirtschaft erzeuge schon jetzt mehr, als sie verkaufen könne. Das ist richtig für Roggen, Kartoffeln und Zucker; es ist vollkommen falsch für Butter, Käse, Eier und Gemüse. Ter deutsche Bedarf hieran ist bei weitem nicht gedeckt und muß für viele Millionen aus dem Auslande hereingeholt werden; die Einfuhr steigt dauernd. (Von 1925 bis 7929 bei Eiern + 17 Prozent, Butter und KHse + 20 Prozent, Gemüse + 12 Prozent.) Wenn jemand bei dieser Sachlage von Uebererzeugung redet, hat er keine Ahnung, oder er hat Nebenabsichten, die ihm die Verwurzelung der deutschen Juden im deutschen Boden unerwünscht erscheinen lassen. Neuansiedlüng hat natürlich immer Schwierigkeiten, und bei den heutigen erhöhten Baukosten und erschwerten Finanzierungen doppelt. Trotzdem läßt sie sich erfolgreich durch¬ Beilage 14. Mai 1030 führen. Technische Einzelheiten gehören hier nicht her. Es muß für den Nichtfachmanu genügen, daß alle deutschen Fachleute in Regierung, Verwaltung, Parlament und Wissenschaft die Möglichkeit erfolgreicher Siedlung bejahen und ihre energische Fortführung fordern. Es ist mit besonderer Freude festzustellen, daß unser Professor Franz Oppenheimer als Theoretiker und unser Güterdirektor Tyk als Praktiker wegen ihrer erfolgreichen Siedlungsarbeit in Bärenklau, Wendemark und Lüdersdorf in Amtslind Fachkreisen große Anerkennung gefunden haben; mögen diejenigen, die an erfolgreicher Siedlungsmöglichkeit zweifeln, das dort Erreichte prüfen; sie werdeii dort sogar die ersten jüdischen Siedler bereits in Tätigkeit finden. Tie Ansiedlung von deutschen Juden in Deutschland erfolgt nach deu üblichen Grundsätzen und mit den Hilfsmitteln der deutschen Behörden. Sie entspricht daher auch den Grundsätzen der Bodenreform, indem sie dem Siedler die Freiheit läßt, seinen Besitz zu vererben, aber nicht zu beliebig übersteigertem Preis zu veräußern, sieht vielmehr zur Vermeidung der Bodenspekulation ein Rückkaufs recht der gemeinnützigen Siedlungsgesellschast vor. Es könnte vielleicht eingewendet werden, daß eine besondere jüdische Siedlungsgesellschaft überflüssig ist und man es den Juden überlassen sollte, sich durch die bestehenden neutralen Siedlungsgesellschaften ansiedeln zu lassen. Eine neutrale Siedlungsgesellschast kann aber auf die religiösen Bedürfnisse jüdischer Anwärter (Anlehnung an eine' bestehende jüdische Gemeinde nsw.) keine Rücksicht nehmen. Außerdem muß OeriidfficEjtigt werden, daß die jüdischen Anwärter meist aus der Stadt ltammen nud noch für einige Jahre nach der Ansiedlung einer gewissen Betreuung bedürfen. Sogar die Siedler vom Lande brauchen nock) der Betreung; diese Erkenntnis bricht sich immer mehr Bahn, wird aber bei den meisten Siedlungsgesellschaften noch wenig berücksichtigt. Zusammenfassend sei gesagt: Tie Siedlnngsarbeit schafft sofort Beschäftigung für viele Arbeitskräfte, insbesondere für das Baugewerbe. Sie schasst auf die Tauer selbständige Kleinexistenzen. Während Industrie und Handel die Tendenz zur Aufsaugung der Kleinbetriebe haben, entwickelt sich die Landwirtschaft im Sinne der Auslösung des Großbetriebes in selbständige Kleinbetriebe. Tie Verdichtung der Bevölkerung auf dem Land stärkt die wirtschaftliche Lage der Kleinstadt' und dient damit auch der Erhaltung unserer jüdischen kleinen Gemeinden. Tie Landsiedlung gehört zu den wichtigsten Wirtschaftsaufgaben des deutschen Volkes und eo ipso der deutschen Juden. Eine gemeinnützige jüdische Siedlungsgesellschast, die „jüdische Landarbeit G.m.b.H", ist seit einiger Zeit gegründet und hat neben praktischer Kleinarbeit sür Juden im 'landwirtschaftlichen Beruf auch die ersten Neusiedlungen durchgesührt. Sie tritt in diesem Jahr in das Stadium umfangreicherer Siedlungsarbeit, nachdem die Verhandlungen über den Ankauf eines Siedlungsgutes bei Kottbus zum Abschluß gebracht sind. Es ist notwendig, daß die jüdische Öffentlichkeit diese Arbeit tatkräftig fördert.*) *) Auskunft über Arbeitsweise, Satzung, Mitgliedschaft usw. erteilt die „Jüdische Landarbeit G. m. b. ft.", Berlin W., Sam« berger Straße 5. Was bedeutet Jesus für die Juden In diesen Tagen erscheint im Indischen Verlag die deutsche Uebersetzung des Buches „Jesus von Nazareth. Sein Leben, seine Zeit und seine Lehre", von Dr. Joseph Klausner, Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Dieses Buch ist eine groß angelegte wissenschaftliche Darstellung des Lebens und der Lehre Jesu, vom jüdischen Standpunkt gesehen. Das Werk verarbeitet zum ersten Male das gesamte ungeheure Quellenmaterial, insbesondere das jüdische, in umfassender Weise. Trotz seines st r e n g wissenschaftlichen Charakters ist es in einer auch für den Laien verständlichen Sprache geschrieben. In hebräischer Sprache erschienen von dem Buche bereits v i e r Auflagen, in englischer Uebersctzung, die von dem Kanonikus der St. George-Cathe.- thedrale,' Jerusalem, ft. Danby, stammt, bereits sieben A u f l a g e h. lieber das Buch selbst, das in jüdischen Kreise» teils lebhafteste Zustimmung, teils entschiedensten Widerspruch gesunden hat, iverden wir eine kritische Würdigung noch verössentlichen. Wir entnehmen mit Erlaubnis des Verlages den nachstehenden Abschnitt dem umstrittenen Werke. Nachdruck verboten. Es gibt keine Seite in diesem Buche, keinen Schritt in oer Lcbensgeschichte Jesu und keine Zeile in der Darstellung seiner Lehre, die nicht den Stempel des prophetischen und pharajäischen Judentums und das Siegel des Landes Palästina kurz vor der Zerstörung des Zweiten Tempels trügen. Es scheint deshalb überflüssig, zu fragen: Was bedeutete Jesus sür die Juden? „Jesus war kein Christa sondern Jude", sagt Wellhausen. Und so ist seine Lebensgeschichte die eines der bemerkenswertesten Juden einer langen Epoche, und seine Lehre ein jüdisches Gedankensystem bedeutender Art, sowohl in der Wahrheit ihrer Inhalte wie in der Schwärmerei ihres Ausdrucks. „Jesus war lein Christ" aber er wurde doch ein Christ. Seine Geschichte und seine Lehre sind heute getrennt von de,len des Volles Israels. Das jüdische Volk hat seine Lehre nicht angenommen, und seine Jünger und Anhänger haben bis auf den heutigen Tag die Juden und das Judentum verspottet und verfolgt. Und trotzdem läßt sich keine Darstellung der Geschichte des jüdischen Volkes in der Zeit des Zweiten Tempels denken, die nicht auch die Geschichte Jesu und eine Würdigung seiner Lehre einschlösse. Was ist also Jesus für die Juden unserer Tage? Von einem allgemein-menschlichen Gesichtspunkt gus ist er gewiß „ein Licht den Völkern". Seine Jünger haben die Lehre Israels, wenn auch in verstümmelter und unvollkommener Form, unter die Heiden aller Erdteile getragen. Tiefe welthistorische Bedeutung Jesu und seiner Lehre kann kein Jude leugnen. Und in der Tat haben weder Maimonides noch Jehuda Halevi dieses Moment außer acht gelassen. Bon einem national-jüdischen Gesichtspunkt aus ist es allerdings schwieriger, Jesu Bedeutung abzuschatzen. Er war