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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-07 · 19 (7.5.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
19 (7.5.1930)
Date
1930-05-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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9 Uhr morgens, zum Essen erforderlichen Lhomezvorrat; Krusleulen steht das Berfügungsrocht bis Freitag, 61/2 Uhr nachmittags, zu. Donnerstag, den 10. April: cckends 7.40 Uhr Chom e z s u ch e n mit Berocho und dann Kol Chamiro sagen. Freitag, den 11. April, 10 Uhr vormittags, Ch 0 - mez verbrennen, ohne Kol Chamiro zu sagen. Freitag, den 11. April: Challo von den Sabbatbroten, von Mazzoch nebst Mazzomehl nehmen. Alle BorbereitungenzumSeder,wie gebratenes Fleisch, Ei, Meerettig, Salzwasser, Charauses usw., sind am Freitag zu treffen. In die Suppe für Freitagabend keine Teigwaren einkochen. Wer zwei Oesen hat, der koschere den einen und koche ach dem anderen alles Chomezdige zu Freitagabend und zu Schabbosmorgen. Wer nur einen Ofen hat, der kaschere ihn und bereite auch für Sabbat alles j 0 mL 0 wmäßig zu. Im Pessach-- geschirr wird alles gewärmt, auch der Kaffee. Tann leere man das Gewärmte in ein anderes kaltes Pessachgefäß um, das zu Pessach nicht mehr benutzt werden darf; daraus kann man dann das Gewärmte in ein Chomezgesäß umleeren. Am Schabbos Erew Pessach findet nur einmaliger Gottesdienst um 6>2 Uhr morgens statt, bis 9>,1 Uhr darf man Chomez essen; das Chomezgeschirr wird in einer am Sabbat erlaubten Weise gespült und aus der Küche entfernt. Etwaige Chomezreste sind fortzuschaffen; um l0>^ Uhr wird Kol Chamiro gesagt. Um 1 Uhr wird Mincha gebetet und daun die dritte Mahlzeit genommen. Alle Vorbereitungen für die Sederabende dürfen sowohl am Sabbat wie am Sonntagabend e r st n a ch 7 '4 Uhr vorgenommen werden. R.-A.Baerwald, Frankfurt in der ILA. In den Verwaltungsrat der Jewish Colonization Association sind Personalveränderungen eingetreten. Herr Dr. James Simon, oer als gewähltes Mitglied dieser Körperschaft angehört hat, ist mit Rücksicht auf sein Alter zurück getreten. An seine Stelle ist. als gewähltes Mitglied Herr Justizrat Dr. Blau getreten, der seit Jahrzehnten die Frankfurter Gemeinde in diesem Gremium vertritt. Als seinen Nachfolger hat die Frankfurter Gemeinde Herrn Rechtsanwalt Tr. Eduard Baerwald gewählt. Die deutsche Delegation im Verwaltungsrat besteht danach aus den Herren: Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., Rechtsanwalt Tr. Eduard Baerwald, Frankfurt a. M., und Rechtsanwalt Tr. Klee, als dem Vertreter der Berliner Gemeinde. Berliner Repräsenkanlen-Versammluvg Am Abend des 1. Mai tagte die Repräsentautenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. Ter Vorsitzende eröffnete sie mit Glückwunschworten zum 75. Geburtstage ihres Mitgliedes Emil Pincus, auf die dieser mit dem Bekenntnis zu weiterer jüdischer Arbeit in religiös-liberalem Geiste antwortete. Aus dem gleichen Anlaß war bereits im Festgottesdienst der Svnagoge Lützowstraße am letzten Pessach^Feiertage eine Feier veranstaltet worden, bei der u. a. R.-A. Heinrich Stern die Glückwünsche der Liberalen.Fraktion der Berliner Repräsentantenversammlung zum Ausdruck brachte. Eine große Anzahl von Vorlagen, bei denen keine Debatten zu erwarten waren, wurden vorweg erledigt. So wurden an Beihilfen u. a. gewährt: der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem 5000 RM., dem jüdischen Lehrgut Rodges 1000 RM., der Akademie für die Wissenschaft des Judentums 7000 RM., der „Hoffmannschen Jeschiwah" (Große Gemeinde) in Frankfurt a. M. 1000 RM., dem Verband ostjüdischer Organisationen in Deutschland 6000 RM., der Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Tuberkulosensürsorge 3000 RM., dem Hilfsverein der Deutschen Juden für den Wiederaufbausonds des abgebrannten Jüdischen Kinderheims in Kowno 1000 RM. Es muß wundernehmen, daß all diese Beträge noch immer von der Berliner Jüdischen Gemeinde bewilligt werden, obwohl sie u. E. durch den Beitrag an den Preußischen Landes- Gottesdienste VerttN'Rvkde«. Literale Synagoge Norde» (Schönhauser Allee 162). Freitag, 9. Mai, abends 7,15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Platte. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Gottesdienst. Berlin-Vstm. Literale Synagoge Osten (Kaiserstraße 36). Freitag, 9. Mai, abends 7.36 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Hugo Mein. Berlin-Westen-. Liberale Synagoge Westend (Aula Leiftikowstr. 7, nahe Reichs« kanzlerplatz). Freitag, 9. Mai, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskanbidat Mehler. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Nikolsburger Platz). Freitag. 9. Mai, 7.15 Uhr abends. Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarsensty. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 11. Mai. Iohannisstraße 16: vormittags 16 Uhr; Predigt: Dr. Ielski. Kleiststraße 16: vormittags 16 Uhr; Predigt: Dr. Rostnthal. verband abgegolten fein müßten. Ferner wurde ein Betrag bewilligt zur Wiederherstellung der Fassaden der Synagoge Kottbusser Ufer, die ja bekanntlich von Mitgliedern der Nationalsozialistischen Partei besudelt waren. Für die Inneneinrichtung der im Bau befindlichen Synagoge Prinzregentenstraße wurde ein Betrag bis zu 16-1000 RM. bewilligt. Ter „Kunstdienst", Arbeitsgemeinschaft für evangelische Gestaltung, hatte sich, vor einiger Zeit me die Jüdische Gemeinde gewandt mit der Bitte, sich an den von ihm veranstalteten ' Wanderausstellungen zu beteiligen. Von der Ge- Jn der Vorlage heißt es: „Obwohl von einer bestimmten Konfession herrührend, ist der Kunstdienst doch seinem Wesen nach überkoufessionell. Seine Ausstellungen sind von Anfang an paritätisch eingerichtet worden, wie z. B. die Ausstellung, die, als „Hingabe-Ausstellung" bezeichnet, Beispiele der verschiedenen Religionen, Völker und Parteien nebeneinander brachte, u. a. m. Zum ersten Male hat sich unsere Kunstsammlung vor einiger Zeit an den Ausstellungen in Magdeburg und Chemnitz beteiligt. Ter Kunstsammlung standen zwei repräsentative Räume zur Verfügung. An dem Unternehmen waren namhafte jüdische Architekten und Kunstgewerbler beteiligt, so Herr Regierungsbaumeister Beer, die Herren Architekten Erich Mendelssohn und Leo Nachtlicht, Professor Friedrich Adler, Hamburg, Lotte Bud, Berlin, Lea Halpern, Amsterdam, Harry Rosenthal, Berlin, R. Schächter, Berlin, Arnold Zadikow, München, Hilda Zadikow, München, Martin Zerkowski, Hamburg. An der für den Monat Mai geplanten Ausstellung werden sich außerdem beteiligen: Fritz Landauer, München, Ludwig Wolpert, Frankfurt a. M., Haller, Leipzig, Regierungsbaumeister Fritz Nathan, Franssurt a. M., Arthur Löwenthal, Berlin, Mirjam Rosenthal, Köln, Professor Wolf, Karlsruhe. Tie nächste Ausstellung findet im Landesgewerbeamt in Karlsruhe statt, die weiteren Ausstellungen in Frankfurt a. M., Hannover, Breslau, Königsberg, Berlin, Wien." Tie Versammlung stimmt sodann dem Statutenentwuri für das bald zu eröffnende vierte Altersheim in Schmargendorf mit einigen Aendernngen zu. Das Heim wird 180 Betten haben, während jetzt insgesamt 600 geprüfte Aufnahmegesuche vorliegen. Nunmehr kämen Vorlagen und Anfragen zur Beratung, die zwischen den Parteien kontrovers sind. Tie Liberalen fragen durch ihren Vorsitzenden R.-A. Stern nach den Grundsätzen des Vorstandes bei der Ausgestaltung der neuartigen „Gemeinderbende", die, von allen Seiten begrüßt, der engeren Verbindung der Gemeindebehörden mit den Mitgliedern, vor allem an der Peripherie, dienen sollen und bereits Erfolge gezeitigt haben. Die Liberalen bemängeln die einseitige Rednerauswahl. Sie führen ferner STOliWERO-f iDohticJirnccJicnd - nahrhaft. meinde wurde ein Betrag für zehn Ausstellungen bewilligt. Beschwerde darüber, daß. von Herrn Dr. Kollenscher bei einem derartigen Gemeindeabend in seiner Eigenschaft als Mitglied des Gcmeindevorstandes die jüdische höhere Schule propagiert habe. Aus diese Beschwerde erwidert der Vorsitzende Karesti, daß die Forderung der höheren jüdischen Schule nicht mehr eine Frage der Parteipolitik sei, sondern der Ansicht des Gemeindevorstandes, an der durchs abweichende Ansicht einer Minderheit nichts geändert werde, entspreche. Auch Tr. Kollenschler betont, daß die von ihm vorgetragene Meinung derjenigen des Schulvorstandes und des G em ei ndeporstandes entspreche. Er könne auch in Zukunft bei Gemeindeabenden nicht über die seines Erachtens wichtigste Frage und dringendste Aufgabe der nächsten Zeit schweigen. Irgend ein Beschluß wird zu diesem Punkte nicht gefaßt. Zu einer weiteren Aussprache gibt die Veröffentlichung der Berichte über die Verhandlungen der Repräsentantenversammlungen im Gemeindeblatt Anlaß. Dabei wird« von liberaler Seite von dem Repräsentanten Rofenthal darauf hingewiesen, daß iu seiner Etatrede im Gemeindeblatt sämtliche Ausführungen gestrichen sind, die sich mit der Mittelpartei und Herrn Dr. Jsmar Freund befassen. Eine derartige Berichterstattung könne nicht als objektiv gewertet werden. Tie Fraktion der Jüdischen Volkspartei wünschte in einer von Dr. Klee begründeten Anfrage Auskunft über Gern eiudemaßnahmen gegen die Wirtschaftsnot von Juden in Deutschland und wirtschaftlichen Antisemitismus. Daß es den Zionisten bei dieser Anfrage mehr auf propagandistisch« Wirkung als aus sachliche Hilfe ankam, beweist schon die Tatsache, daß die am 1. Mai zur Beratung stehende Frage bereits vom 11. Februar datiert. Die Debatte selbst brachte nicht tm geringsten neue Gesichtspunkte oder konkrete Vorschläge zutage, noch zeugte sie von besonderer Sachkenntnis. Der Gemeindevorsitzende Karesti benutzte sie insbesondere zu Ausfällen gegen unsere Zeitung, deren in voriger Woche veröffentlichter Leitartikel ihm offensichtlich das Konzept verdorben hat. Er bezeichnete diesen Artikel als „Irreführung der Oessentlichteit" und „eine mit den wirklichen Verhältnissen in krassestem Widerspruch stehende Darstellung". Da er offensichtlich den Inhalt unseres Artikels nicht hatte verstehen wollen, und einen effektvollen Schluß, für seine Ausführungen brauchte, endete er mit den Worten: „Geben Sie doch den Arbeitslosen ein Traktätchen, das ist die Quintessenz des Artikels in der Jüdisch-liberalen Zeitung". Wir haben nicht die Absicht, bei der Diskussion über dieses Thema dem Vorsitzender' der Berliner Jüdischen Gemeinde auf das von ihm gewählte Niveau zu folgen. Bon liberaler Seite (Stern, Rosenthal, Marcus) wurde den zionistischen Ausführungen auf das Entschiedenste entgegengetreten. Marcus betonte, daß das Problem der Wirtschastsnoi der deutschen Juden nicht von der Gemeinde gelöst werden kann und wandte sich gegen die Errichtung von Wirtschaftsbetrieben der Gemeinde, die das Zugrundegehen kleiner Existenzen nur nochfördern wird. Tie Gemeinde müsse aber noch weit mehr als bisher den Darlehenskassen usw. Kredit- Hilfe leisten. Ster n vertrat den Standpunkt, daß. das Forum der Repräsentantenvcrsammlung zur Erörterung der Fragen völlig ungeeignet sei, es handle sich um wichtige national- Frankreichs dank dem sogenannten mysteriösen „Kaiserbrief", einem letzten Trumps Esterhazys, schwer belastet dastehen mußte. Voltaire hat vier Jahre gebraucht, um durch das Genie seines Kopfes und seines Herzens den unrechtmäßig Hingerichteten Jean Calas wieder zu rehabilitieren. Dr. Bruno Weil unternimmt nach« sechsunddreißig Jahren die endgültige und lückenlose Rechtfertigung des einstmals so schwer beschuldigten Kapitäns Dreyfus, dem Frankreich selbst nach zwölfjähriger Diffamierung in einem wahrhaft diabolischen Kampf der Geister alle bürgerlichen und militärischen Ehren wieder verliehen hat. Bruno Weil übt in dreifacher Legitimation das Mandat aus. auch noch die letzten Schleier von der unheimlichen „Asfaire" zu heben. Erstens als ein bedingungsloser Vertreter des individuellen und nationalen Rechüsgefühls (von dem Gerhart Hauptmann vielleicht wieder sagen würde: „Es fließt ein brennendes Recht durch sein Herz"), zweitens als Elsässer, der, obzwar er nach Beendigung des Weltkrieges seinen Wirkungskreis nach Deutschland verlegt hat, doch Niemals aufgehört haben mag, auch Frankreichs liebend zu gedenken, drittens aber als Glaubens- und Stammesgenoise des Kapitäns Alfred Treyfus, d. h. als Jude. Er weiß zwar, daß die hunderttausend Juden Frankreichs seit 1789 tatsächlich und nicht, wie in vielen anderen Ländern, nur dem Buchstaben nach emanzipiert sind, aber er kennt auch als geschulter Psychologe die Bedeutung von Atavismen und Massensuggestion und weiß, daß der Aufschrei des fünsunddreißigen Treyfus nach seiner Verhaftung: „Mein einziges Verbrechen ist, als Jude geboren zu sein", einen Naturlanf bedeutet und daß zwölf Jahre künstlich geschürten Rassenhasses das bis dahin so aufgeklärte und tolerante Frankreich nahezu an.den Rand des Abgrundes geführt haben. Zum ersten Mal in all den Jahren, die nach. Abschluss des Prozesses Treyfus verstrichen sind, aber wird in dem Weilsch.cn Buche die verhängnisvolle Rolle aufgezeigt, die die führenden Regierungsstellen Deutschlands aus diesem traurigen Anlaß gespielt haben. Unantastbar wird bewiesen, dass der Reichskanzler Fürst Hohenlohe, der Generalstabschief von Schlieffen, insbesondere aber der damalige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow, obgleich! ihnen die volle Wahrheit bekannt war, aus sogenannter „Staatsraison" alles dazu getan haben, um dieser Wahrheit den rechten Weg zu versperren. Ter Staatssekretär Bernhard von Bülow hat den gutgläubigen deutschen Kaiser düpiert, hat die direkten Bitten des französischen Ministerpräsidenten Waldeck-Rousseau, des alten Haudegens General Gallifet und des temperamentvollen Advokaten Maitre Labori in schroffen Formen abgelehnt. Er hat dem deutschen Militärattache in Paris, Oberst v. Schwa rtzkoppen, verboten, seinem Botschafter, dem Fürsten Münster, einem Edelmann von Tournure, die Beziehung zu dem Spion Esterhazy einzugestehen, und Schwartzkoppen dadurch in schwere Gewissenskonflikte gestürzt; er hat Schwarzkoppen gehindert, einen Versuch zu Treyfus und Picquarts Rettung zu machen; er hat der Budgetkommission des Deutschen Reichstages' eine falsche Auskunft gegeben. Er hat gebremst, als die italienische Regierung das angerichtete Unheil wieder gutznmachen sich, bestrebte; er hat sich vom Chef des Generalstabs einen unwahren Bericht über Esterhazys Schuld erstatten lassen. Mit Recht schreibt Bruno Weil dazu: „Von allen deutschen Doknmcnten ist dies das Betrüblichste: „Unser Hauptinteresse au der Dreysns-Assaire ist, so sehr als möglich aus derselben herauszublciben. Ein Sieg der Antirevisionisten ist nicht zu wünschen, weil ein solcher zur Diktatur und diese zum Krieg gegen uns führen könnte. Daß sich die französische Generalität und der französische Generalstab — uns insbesondere der chauvinistische und auch wohl militärisch tüchtigste Teil derselben, die klerikalen Offiziere — diskreditieren«, braucht uns nicht zu betrüben... Andererseits ist nicht zu wünschen, daß Frankreich durch eine rasche und eklatante Reparation von Dreyfus sich sofort wieder die liberalen und jüdischen Sympathien erwirbt. Am besten ist es, wenn b it Asfaire weiter schwärt, die Armee zersetzt und Europa skandaliert. Die angeblichen Beziehungen Schwarzkoppens zu Esterhazy dürften wir, selbst wenn solche bestanden haben sollten, nicht preisgeben, weil eine solche Indiskretion es für die Zukunft erschweren würde, w i e d er Nachrichten und Agenten zu erhalten." Mit Fug charakterisiert Bruno Weil diesen politischen Zynismus Bülows mit folgenden Worten: „Von der Staatskunst Bülows gibt dieser Bericht eine alles andere als erhebende Idee. Kleinliche Mittel, Machiavell in Taschenformat, Staatsraison (aber mißverstandene) — an Stelle von Humanität —; dunkle Schatten fallen auf sein Charakterbild. Jeder Versuch, in die weitere Zukunft zu wirken, fehlt; auch jeder Gedanke, durch großzügige Politik das Vertrauen des Besiegten von 1870 zu gewinneu und mit Offenheit und Herzlichkeit die Basis künftiger gemeinsamer Arbeit zu geben." Bruno Weil hat sich durch die Veröffentlichung dieses und mannigfacher anderer Dokumente aus den Akten des Auswärtigen Amtes, sowie aus dem Briefwechsel des Generals Schwarzkoppen mit dem Fürsten Münster ein hochKübewertendes Verdienst! um die definitive Klärung der Asfaire Tireysus erworben. Man kann verstehen, daß er, der, wie die besten Männer Frankreichs, ohne persönliches Interesse an Dreyfus, den Kamps des Rechtes gegen die Macht, den Krieg der Vernunft gegen das Vorurteil, Krieg für den Unterdrückten gegen deit Unterdrücker führt, auch heute nicht nachläßt in seinem Appell an das Preußische Kriegsministerium und den Preußischen Generalstäb, endlich. die längst wertlos gewordenen Dokumente des berüchtigter, „Bordereaus" herauszugeben, um auch den letzten Nebel über dieser düsteren Angelegenheit, die so viele Opfer gefordert hat, zu lüften. Es ist ein Appell an die Menschheit undan die Menschlichkeit. Und wir danken Bruno Weil, wenn er in seinem Schlußkapitel aussührt: „Nicht das Judentum hat die Befreiung Dreyfus erreichen können; den endgültigen Erfolg haben die nichtjüdischen, aufrechten, charaktervollen christlichen Franzosen herbcigeführt, die weil oder obwohl es sich um einen Juden handelte, sich nicht gescheut haben, sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit für den Sieg der gerechten Sache einzusetzen. Wenn in dieser Sache ein — so vieles läßt sich auf die heutigen deutschen Verhältnisse übertragen — besonderer Trost sein kann, so ist es die Vergänglichkeit des Antisemitismus, die ^um mindesten für Frankreich durch diese Sache bewiesen ist." Wir hoffen, daß Bruno Weil durch seine brillante, von noch! nie veröffentlichten Toiümenten unterstützte Darstellung des Falles Dreyfus in Deutschland viele Gesinnungsgenossen finden «möge, deren „gesamte Staats- und Rechtskonzeption mehr die Humanitären Gesichtspunkte unterstrerchen werden als die etwaige bMngungslose Erhaltung irgend einer mehr oder weniger anfechtbaren Autorität." „Es fließt ein brennendes Recht durch sein Herz." Das ist das einzige Leitmotiv und der edle Grundgedanke, die zu dem Buche von Bruno Weil Anlaß, gegeben haben können und für die ihm Juden wie Nichtjuden Tank wissm müssen. Toris Wittner.

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