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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-05-07 · 19 (7.5.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
19 (7.5.1930)
Date
1930-05-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Also, grundsätzlich Zustimmung und nur Verbesserungs- Vorschläge? Ja. Wer gewiß nicht (vorläufig nicht) für alle Nechältnisse und durchaus und allein nur die Schallplatte, auch nicht für die kleinste Gemeinde. Das Lebendige im Gottesdienst, das jedesmal Neugebildete, das Erlebnis, ist nicht zu entbehren. Aber als Zutat, besonders für Gemeinden, bei denen die Voraussetzungen für die Bildung eines Chores nicht vorhanden, wo aber die Schallplatte musikalische Einlagen prachtvoll geben, herrlich den Gemeindegesang führen kann, entschieden eine Bereicherung. Eine Bereicherung, die noch gesteigert wird durch die Verbindutm unmittelbar gegebener Kunst mit der Kunstleistung der Maschine. Und diese Perspektive ist vorhanden. Sie ist bewiesen durch die Entwicklung, die der Schallplattenaottesdienst der Reformgemeinde seit der kurzen Zeit feines Bestehens gemacht hat. Im Anfang ein Dröhnen des Orgelklangs durch Ueberakustik, ein neugieriges Auf horchen, etwas Fremdes, Kaltes, das keine Teilnahme, keine Beteiligung erweckte. Heute bereits Gewöhnung und Ver tvautheit, die die Aktivität der Gemeinde fördert. Sehr zum Vorteil war die Idee, auch in den deutschen Gesängen vom Choral zum jüdischen Steiger überzugehen. Ob es sich um das Sulzer'sche „L'cho daudi" als Einleitung zum Frühgottesdienst oder um den auf das Gemeindelied „Als die Schöpfung war vollendet" angewendeten „W'schornru"-Steiger handelt, überall ein etwas Vertrautes auch für die, die nicht ständige Gäste bei der Reformgemeinde find, ein Zu sammentreffen mit guten alten Bekannten aus der synagogalen Musik. Wahrscheinlich unbewußt folgte man den Wegen Luthers, der seine Melodien unbekümmert aus der katholischen Kirche in beit protestantischen Kultus hinübernahm, weil er meinte: „Der Gesang und die Noten sind köstlich, schade were es, daß sie sollten untergeben." Gewiß ist nicht alles so, daß es von den im Alten lebenden kleinen Gemeinden übernommen werden könnte. Maries auch erscheint dem objektiven Ohr verbesserungsbedürftig, s fehlt z. B. die gesangliche Vorbereitung zur Keduschah, bevor die Gemeinde ihr „Kodausch" singt. Es führt zu einer unnötigen musikalischen Unruhe, wenn das „Sch'ma", das später die Gemeinde im Wechselgesang aufrrimmt, von einem Tenor (fkrtt einem Bariton) vorgetragen wird, was dazu zwingt, eine Überleitung zu der für die Gemeinde dienlichen Tonart zu bringen. Mer alles in allem genommerr - ein Anfang zwar - aber ein verheißungsvoller. Es gibt noch eine Steigerung, es gibt noch eine Veredelung, und sie wird kommen. Tic Gemeinde hat den Kontakt gefunden, nachdem sie das Neue überwunden. Ist es nicht so, daß in kleineren und kleinsten Gemeinden hinsichtlich des Gottesdienstes alles im Argen liegt, und sollte man nicht jede Verbesserung dankbar begrüßen? Ist es nicht so, daß alle beteiligten Steller, fieberhaft nach Mitteln und Wegen fahnden, um den absterbenden Gerneinden auf dem Lande die Abhaltung von Gottesdiensten - wenigstens an Sabbaten und Feiertagen — zu ermöglichen? Ist hier nicht ein Mittel, das einen respektablen Ersatz für die fehlenden Funktionäre liefert, das manchen Gemeinden, voran dem jungen Nachwuchs, die Abhaltung der Andachten erst wieder erstrebenswert macht, weil es sie ans ein des Gottesdienstes würdiges Niveau stellt? Kann man noch wählen, wo andere Bedingungen mangels kundiger Akteure kaum mehr vorhanden sind? Die Antwort dürste nicht schwer fallen. E. E h r e n r e i ch. Umschau Agudas Jisroel und Jewish Agency. Vom Geschäftsausschuß der Agudas Jisroel-Weltorganisation wird der Jüdischeu Tetegraphen-Agentur mitgeteilt: Tie politische Executive der Agudas Jisroel hat die von der Kenessiv Gcdaulo im September 1929 zur Jewish Agency-Frage gefaßte Resolution dem Vorsitzenden der Jewish Agency, Mr. Felix Marburg, seinerzeit zur Kenntnis übermittelt. In der Resolution war bekanntlich ausgesprochen und begründet, daß Agudas Jisroel auf Grund der Entscheidung des Räbbinischen Rates den Beitritt zur Agency nur dann ins Auge fassen könne, wenn diese auf jede Finanzierung kultureller Ausgaben, die angesichts der weltanschaulichen Gegensätze nicht gemeinsam bearbeitet werden können, verzichtet. Mr. Felix Marburg hat nunmehr der Executive der Agudas Jisroel unter dem 1. April mitgeteilt, daß er eine Kommission ernannt habe, um mit Vertretern der Agudas Jisroel" einen Plan auszuarbeiten, innerhalb dessen Agudas Jisroel in der Lage sein könnte, mit der Jewish Agency zu kooperieren". Zu Mitgliedern dieser Kommission hat Mr. Marburg folgende Herren ernannt: Rabbiner Tr. Leo Baeck in Berlin, Rechtsanwalt Tr. Aron Barth in Berlin, Heschel Farbstein in Warschau, Tr. Morris Hexter in London und Leo Motzkin in Paris. Von Seiten der Agudas Jisroel wird für die Verhandlungen ebenfalls eine fünfgliedrige Kommission ernannt werden, deren Zusammensetzung noch nicht festisteht. 10 jähriges Jubiläum des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden. Am 29. April 1920 wurde in Nürnberg unter dem Vorsitz des Geheimen Juftizrats Dr. Held und nach dem Referat von Tr. Alfred Neumeyer, jetzt Oberstlandesgerichtsrat und Präsident des Bayerischen Verbandes, der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden gegründet. Dr. Neumeyer veröffentlicht aus diesem Anlaß in der Mainummer der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" einen Aufsatz, in welchem er aussührt: _ Seit mehr als hundert Jahren von L-taat und Gesellschaft begehrt, vorbereitet in der Zeit vor dem Kriege, ist der Verband unter der Herrschaft der neuen Verfassung als Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Steuergewatt entstanden. In einer guten Stunde halten die religiösen Richtungen, die Gemeinden, Rabbiner und Lehrer zueinander Vertrauen gefaßt und einmütig gab die verfassunggebende Versammlung dem Verband das Grundgesetz. Ter Verband stellt sich heute als die öffentlich-rechtliche Vertretung der Inden in Bayern dar. Er umfaßt mit Ausnahme einer einzigen kleinen Gemeinde alle Gemeinden im rechtsrheinischen Bayern und in der Pfalz, mit mehr als 49 000 Seelen. Er hat sich eine vorläufige Verfassung gegeben, die am 22. Februar 1929 in Augsburg ihren Abschluß erhielt. Sein Jahreshaushalt im Betrage von rund 790 000 RM. wird durch eine stetige Umlage von 3».. und einem Staatszufchuß von derzeit 70 000 RM. gedeckt. Ohne Widerspruch erkennen die Großgemeinden ihre Verpflichtung an, für die Bedürfnisse des Landes zu sorgen. Zahlreiche Landgemeinden sind vor dem Verfall bewahrt worden und haben ihre Einrichtungen wieder aufgebaut. Die unwürdige Lage der Beamten ist gehoben. Nach dem verbindlichen Rechte des Verbandes haben die Beamten der Gemeinden die Stellung öffentlicher Beamten. Ihre Gehälter lehnen sich an die Gehaltsordnung des Staates an. Die Ruhegehalts¬ und Hinterbliebenenbezüge sind von dem Bayerischen Versorgungsverbande übernommen. Nur die Versicherung der Be amten nichtdeutscher Staatsangehörigkeit trägt der Verband. Eine umfassende Beamtenordnung regelt die Rechte und Pflichten der Beamten. Der Haushalt für Wohlfahrtspflege und andere kulturelle Leistungen macht rund 270000 RM. aus. Ein Landessiechenheim in Würzburg wurde geschaffen. Das Wohlfahrtsamt des Verbandes arbeitet in enger Fühlung mit mit den jüdischen Stellen im Laude und im Reiche und mit den Behörden des Staates und der bürgerlichen Gemeinden. Die Geschichte des Landes wird in ihren Beziehungen zu den jüdischen Niederlassungen erforscht, Gotteshäuser und andere Kulturdenkmäler werden erhalten und ttiederhergestetlt. Ter Verband hat durch einmütigen Willensakt in seiner Mustersatzung die innerett Angelegenheiten der Gemeinden geregelt, die seit mehr als hundert Jahren eine solche Regelung vergeblich forderten. Er gliederte die sämtlichen Juden iu Bayern den Gemeinden an. Eine Rabbinatsbezirksordnung soll noch in diesem Jahre die gesetzgeberischen Arbeiten zu einem vorläufigen Abschluß bringen. Der Verband, fährt Dr. Neumeyer fort, hat sich die Achtung und Anerkennung im Lande und bei der Staatsregierung erworben und seine Einrichtungen haben anderen Ländern auch im Auslande als Vorbild gedient. Er hat die Organisation nur soweit geführt, als Ordnung und Zusammenhang dies verlangten. Denn er war sich bewußt, daß alle Institutionen und Organisationen nur eine relative Bedeutung haben, daß der Geist alles und die Institutionen wenig sind. Der Geschichtsschreiber unserer Gemeinschaft wird einst verzeichnen, daß alle Parteien und Gruppen unter Zurückstellung eigener Die Veröffentlichungen Dr. Bruno Weits über den Prozeß Dreyfus*) Sechsunddreißig Jahre sind es her, daß der französische Hauptmann der Artillerie, Kapitän Alfred Dreyfus, Elsässer von Geburt und der einzige Jude im französischen Generalstab. beschuldigt wurde, Spionage zugunsten des Deutschen Reiches getrieben und wichtige Schriftstücke — unter dem Gesamttitel „Das Bordereau" einer ganzen Welt bekannt geworden -- um klingenden Sold an Deutschland verkauft zu haben. All jene unter uns, die die forenjischett Tranten Frankreichs aus den Jahren 1894. 1898, 1904 und die endgültige Rehabilitierung des damaligen Kapitäns, heutigen Obersten Treyfus, sowie die damit zusammenhängenden Prozesse gegen Emile Zola, den Obersten, späteren General Picquart, das Strafverfahren gegen den tatsächlichen Fälscher, den Balzacschen Abenteurer, Major Esterhazy, sowie die gewaltigen Kämpfe, die Frankreichs beste Köpfe - James, George Clemenceau, Anatole France, Emile Zola, Scheurer- Kestner, Joseph Reinach, General Picquart, Viviani, Brisson, Pressense, sowie die berühmten Advokaten Demange, Mornard, Leblois und Labori — zum Siege des Rechts und der Gerechtigkeit geführt haben, noch halbwegs im Gedächtnis tragen, werden sich auch der fiebernden Erregung erinnern, die diese ganze Generation für alle jene schicksalhaft verflochtenen Schauspiele empfand. Nock) hallt Zolas wuchtiger Appell an die Wahrheit „J'accuse" in unseren Ohren, noch glauben wir die flammenden Reden der Jaures mtd ^Clemenceau wieder zu vernehmen; noch begleitet unsere innere Spannung die rhetorischen Hammerschläge des Verteidigers Labori. Wir entsinnen uns nur zu gut, daß der zwölf Jahre währende Kampf zwischen Militarismus, Chauvinismus und Antisemitismus auf der einen Seite und dem in die Irre gegangenen Rechtsgefühl einer glorreichen Nation ein Dutzend Jahre hindurch die Beziehungen zweier großer Völker — Deutschland und Frankreich! — moralisch und politisch verseucht und vergiftet hat. Wir haben alles gelesen und mit heißem Bemühen studiert, was die Joseph Reinach, Clemenceau, Zola, Jaures *) Verlag Dr. Walter Rothschild, Ärunewald. und andere über die „Asfaire" geschrieben haben; wir haben mit Genugtuung die endgültige Rehabilitierung des „Majors" Treyfus erlebt, aber dann sind wir in unser eigenes furchtbares Völkcrschicksal hineiugeschritten, und nicht nur unser körperliches, sondern auch nufer seelisches Ohr wurde taub von dem Schlachtenlärm, der uns vier Jahre hindurch eingekreist hielt und uns viele Hunderttausende kostbarer Menschenleben kostete. Jedoch — abermals zwölf Jahre sind vergangen, zwölf Jahre zwar des Friedens, aber doch unsagbarer Not, Verelendung, langjähriger politischer Isolierung und wirtschaftlichen Tiefstandes. Wir wußten wohl längst nicht mehr, ob und daß der ehemalige Sträfling der Tenfelsinsel, der Oberst Alfred Dreyfus, überhaupt noch unter den Lebenden weile. Ter Tod hatte zu lange mit uns Katze und Maus gespielt, als daß wir uns ferngerückte, lebende Existenzen noch hätten im Auge behalten sollen. Ta aber tritt plötzlich ein kluger und geschickter, nicht nur redegewandter, sondern auch des geschriebenen Wortes kundiger Mann — der Berliner Rechtsanwalt T r. B r u n o Weil — vor uns hin und hebt noch einmal die große Rechtsangelebenheit Frankreichs, die dieser Nation zum Siege über sich selbst verholfen hat, aus scheinbarem Dunkel und sicherer Verdunkelung empor. Und jählings schießen in unserem Gedächtnis wieder Namen und Ereignisse auf, an die wir nahezu eiir Vierteljahrhundert nicht mehr gedacht haben: General Mercier, der sich schützend vor jede Aufklärung stellte, Pattt du Clam, der Vermittler zwischen den Frevlern, dem Obersten Henry, der in der Untersuchungshaft an sich selbst Justiz verübte, und dem wirklichen Fälscher und großen Freibeuter, dem Exaltado und Desperado von Format, Major Esterhazy. Auch die großen Tage der Schwurgerichtsverhandlung gegen Emile Zola, des Kriegsgerichtes in Rennes, der feierlichen Tagung des Cassationshoses sowie die Namen der einzelnen Präsidenten der französischen Republik, der Ministerpräsidenten, der Minister und Militärs, der Schriftsteller, Künstler und Journalisten, die uns vor Jahrzehnten alle greifbare Vorstellungen gewesen waren, tauchen an Hand der Weilschen Darstellung wieder in uns auf und werden uns erneut zu körperlichen Begriffen. Tr. Bruno Weil ist — gleich dem Major Dreyfus, dessen Sache er noch nachträglich vor dem Tribunal der Geschichte vertritt — gebürtiger Elsässer und — Jude dazu. Seinem Interessen und im vollen Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit stets das Wohl des Ganzen im Auge gehabt haben. Dr. Neumeyer schildert, wie unter der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse viele Kräfte erlahmt sind. Der Mittelstand ist vielfach zerrieben und die Steuereingänge lassen wesentlich nach. Es ist kaum möglich, die Steuerausfälle durch Erhöhung des Steuersatzes auszugleichen oder einen größeren Zuschuß von dem schwer leidenden Staate zu erlangen. So muß man die Einnahmen wesentlich geringer festscheit und die Ausgaben im gleichen Umfange niedriger bemessen. Es gilt nun in entsagungsvoller Arbeit das notwendigste zu gewähren und das nur Förderliche zurückzustellen. In treuer Zusammenarbeit werden auch diese schweren Zeiten überwunden werden. Und in erhöhtem Maße wird er es sich dann angelegen sein lassen, was in den Schlußworten des Referates vom 20. April 1920 hervorgehoben ist, für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft zu sorgen, dem Vaterlande zu dienen und zur allgemeinetr Gesittung unter den Menschen beizutragen. (Jta.) Staatssuboention in Hessen. Auf der Tagung des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden des Volksstaates Hessen, die in Darmstadt am 27. April stattsand und von 170 Gemeindevoüständen besucht war, wurde einstimmig eine Entschließung angenommen, die ihr Bedauern zum Ausdruck brachte, daß die Regierung des Volksstaates Hessen ihren Volks genösset: jüdischen Glaubens jede Subvention verweigere, während sie solche den anderen Kottsessionen von jeher gewähre. Tie von der Regierung für die ablehnende Haltung angeführten Gründe könnten um so wertiger gerechtfertigt werden, als die nach der Prozentnorm dem jüdischen Bevölkerungsteile zukommende Summe von Mark 16 000 gegenüber dem Gesamtbudget kaum eine Rolle spiele urtd dies um so mehr, als Preußen, Bayern, Baden, Württemberg und andere Staaten ihren jüdischen Bürgern seit Jahren derartige Subventionen für ihre dringendsten Kulturbedürfnisse bewilligten. Jüdische Religionslchre als Prüfungsfach. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst einer Mitteilung des preußischst Unterrichtsministers ein den Vorsitzenden der wissenschaftlichen Prüfungsämter und an die Provinzialschulkollegien entnimmt, hat sich der Minister entschlossen, die jüdische Religionslehre als Haupt- und Nebenfach bei der wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab 1. April d. I. zuzulassen. Für die Prüfung, die nur bei den wissenschaftlichen Prüfungsämtern in Berlin und Breslau erfolgt, sind dem Minister von den Vorsitzenden der beiden Prüsungsämter geeignete Persönlichkeiten als Prüfer namhaft zu machen. Die orthodoxen Sorgen der Berliner jüdischen Gemeinde Ern Schreiben mit Anlage. I. Berlin, den 3. April 1930. Oranienburger Straße 29. Vorstand der Jüdischen Gemeinde. Wir übersenden Ihnen anbei eine Anzahl Exemplare „Bestimmungen für Pessach 5690" zur Verteilung in Ihrer Synagoge und außerdem zum Aushang in Männer- und Frauenabteilungen. Vorstand der Jüdischen Gemeinde. II. Bestimmungen zum Pessachfeste 5690. M i t t w o ch, d e n 9. u n d T o n n e r s t a g, d e n 10. A p r i l: Kachern in der Badeanstalt.Heidereutergasse vormittags 10—1 Uhr, nachmittags 3—5 Uhr und in der Bleibtreustraße vormittags 10—1 Uhr. Donnerstag, den 10. April: Fasten der Erstgeborenen bezw. Teilnahme an einer Siumfeier. Donnerstag, den 10. April, von 5 7 Uhr nachmittags und Freitag, den 11. April, von 9—12 Uhr vormittags irrt Büro Nr. 3 der Rosenstraße 2-4: Vollmacht zum Chomezverkaus unterschreiben — vorbehaltlich des Eigentumsrechts an dem bis Sonnabend, den 12. April, scharf geschliffenen, nahezu epigrammatischen Stil merkt man an, daß er aus einem Lande zwischen den Grenzen stammt, daß er nicht nur die Wohltaten deutscher Kultur, sondern auch den strengen Formsinn romanischer Zivilisation, insbesondere eine starke Beeinflussung durch die Straffheit und Klarheit der französischen Sprache genossen hat. Tr. Bruno Weil hat das französisch gewordene Straßburg verlassen und gehört schon seit einer Reihe von Jahren zu den besten, kenntnisreichsten und dialektisch geschultesten Vertretern des Berliner Barreaus. Wir wissen, daß er über ausgedehnte gesellschaftliche Beziehungen verfügt. Diese Beziehungen aber müssen innerhalb Deutschlands in außerordentlich hohe Sphären hinausreichen, dr sich ihm als erstem die Geheimarchive des deutschen Auswärtigen Amtes und anderer hoher Zivilbehörden erschlossen haben, um ihm die aktenmäßige Erörterung des Falles Dreyfus zu ermöglichen. Die breitere Oeffentlichkeit des deutschen und französischen Volkes bekommt dadurch zum erstenmal Gelegenheit, die diplomatischen und politischen Hintergründe der beiden Ländern beinahe zum Verhängnis gewordenen „Asfaire" kennen zu lernen und zu erfahren, daß das deutsche Auswärtige Amt, vertreten durch die.„graue Eminenz", Herrn von Holstein, und den damaligen Staatssekretär, späteren Reichskanzler Bernhard von Bülow, sowie die militärisch maßgebenden Stellen in Berlin, die ihr eigenes Material noch immer nicht vollends preis gegeben haben, nicht eben unschuldig waren an dem Martyrium, das dem makellosen französischen Hauptmann Treyfus auferlegt wurde. Der deutsche Militärattache an der Deutschen Botschaft in Paris, Herr von Schwartzkoppen, hat aus Weisung höherer Berliner Stellen hin seinen zivilen Vorgesetzten, den Grafen, späteren Fürsten Münster, wissentlich belogen und betrogen und dadurch Frankreich gegenüber in eine schiefe Lage gebracht, indem er ihm seine Beziehungen zu dem französischen Spionagedienst, insbesondere dem anrüchigen Esterhazy, geflissentlich verschwieg. Tie dem Obersten Schwerdtfeger zur Sichtung anvertraute Korrespondenz des verstorbenen Generals pon Schwamkoppen. die seine Witwe demnächst herausgibt, wird darüber keinen Zweifel mchr lassen. Völlig exkulpiert erscheint nach dem Weilschen Buch« Wilhelm II., der vormalige Kaiser, der von jeher an Treyfus Unschuld glaubte und trotzdem durch die Jntriguen seiner militärischen und diplomatischen Umgebung in den Äugen

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