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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-30 · 18 (30.4.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
18 (30.4.1930)
Date
1930-04-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Zahrgaag Nummer 18 Beilage Z0. April 1930 Wisch-liberale Zeitung Umschau Plenartagung der ZeiUralverwaltung -es Verbandes Ort. Vor kurzer Zeit fand eine Plenartagung der Zentralvertvaltung des Verbandes „Ort" statt, die der eingehenden Erörterung der Probleme des „Ort"-Werkes gewidmet waren. Nach einer eingehenden Debatte faßte die Plenarsitzung die folgenden Beschlüsse: - 1. In der Erkenntnis, daß die ökonomische und technische Hilfe der sozialen Organisationen für die jüdische Landwirtschaft in der Uebergangszeit, in der die jüdischen Landwirte gegenwärtig in der Sowjetunion leben, besonders wichtig ist, findet es das Plenum der Zentralverwaltung für richtig, daß die- Arbeit des Verbandes „Ort" auf diesem Gebiete sich auf jene Aufgaben konzentriert, bei welchen seine Hilfe in einem besonderen Maße beansprucht wird, wie z. B. Entwicklung von Milchwirtschaften, Weinbau, Obstzucht usw. 2. Als eine wichtige Form ökonomischer Hilfe für die landwirtschaftliche Bevölkerung, die einen erweiterten Raum in der Tätigkeit der Vertretung des Verbandes „Ort" in Sowjetrußland einzunehmen hat, erkennt die Plenarsitzung die Verbreitung entsprechender Nebenberufe durch Heimarbeit besonders unter den Frauen und der Jugend der Kolonien an. 3. In Anbetracht der in den jüdischen Kleinstädten herrschenden wirtschaftlichen Not beschließt das Plenum, daß in den Rayonen für landwirtschaftliche Tätigkeit des Verbandes „Ort" unter anderen Maßnahmen zur Behebung der jüdischen Armut in den Kleinstädten die größte Aufmerksamkeit der Gründung von Gärtnerei-Artels, Milchwirtschaften usw. auf den Freiflächen in der unmittelbaren Umgegend der Kleinstädte zugewendet werden soll. 4. Die Plenarsitzung ratifiziert die Verlängerung des Abkommens zwischen dem Verbände „Ort" und der Regierungskommission „Komzet" zum Zwecke der Hilfe an die jüdischen Landwirte in Sowjetrußland. Ist der Rabbiner Geistlicher? Das Oberverwaltuugsgericht hatte am 17. 12. 29 (IV Dl 479/28) über den Antrag einer Synagvgengemeinoc aus Befreiung der Dienstwohnung des Rabbiners von der Hauszinssteuer zu entscheiden. Der Antrag wurde gestützt aus § 3 Abs. Id der Hauszinsstenerverordliung vom 2. 7. 26, demzufolge die Dienstwohnungen der Geistlichen von der Hauszinssteuer befreit sind. Das Gericht prüft nun in Fortführung der zu 8 21 Abs. 1t KrmmAbgGes. vom 14. 7. 1893 ergangenen Rechtsprechung, ob der Rabbiner als Geistlicher im Sinne dieser Verordnung anzuseheu sei, und i'ommt zu dem Ergebnis, daß hierunter nur die Geistlichen der christlichen Kirchengesellschaften zu verstehen seien. Ties bedeute auch keinen Verstoß gegen Art. 137 der Reichsverfassung, da durch Art. 137 landesrechtliche Stenerprivilegien der alten Kirchen und gewisser Rsligionsgesellschasten nicht auf andere erstreckt worden seien. Dazu wird der „Frankfurter Zeitung" von jurislischer Seite geschrieben: Tiefe Entscheidung ist sehr anfechtbar. Tie Reichsverfassung steht d och heute grundsätzlich auf dem Standpunkt der Gleichberechtigung aller Religionsgesellschaftcu. und es ist deshalb nicht einzusehen, weshalb die Geistlichen der einen nicht dieselben Rechte haben sollen wie die der anderen. Aber ein weiteres. Ter Senat stützt sich bei seiner Begründung wiederholt auf die zu dem früheren llommAbg- Gcs. ergangene Rechtsprechung. Tie hrrangezogenen Entscheidungen verstehen unter den Geistlichen im Sinne dieser Vorschrift diejenigen der „öffentlich" oder „ausdrücklich" ausgcnommenen Kirchengesellschasten. Hier übersieht nun aber der Senat, daß heute aus Grund des Art. 137 der Reichsversassung die Synagogengemeinden und israelitischen Religionsgesellschaften ebenfalls Körperschaften des oftentlichen Rechts sind. Hieraus ergibt sich nun - wie der Senat richtig ausführt noch nicht, daß für diese Körperschaften auch dieselben Steuerfreiheiten gelten wie für die anderen Üirchengesellschaften. Wohl aber ergibt sich hieraus der Begriff des Geistlichen, wie ihn das Gericht auffaßt, als den Geistlichen einer öffentlichen Religionsgemeinschaft. Wenn man einerseits den Geistichen als den einer „"öffentlichen" oder „anerkannten" Religionsgesellschast definiert, andererseits die Eynaoogengemeinden aber Körperschaften des öffentlichen Rechts sind und um eine solche handelt es sich bei dieser Entscheidung , so sind ihre Rabbiner folgerichtig „Geistliche" im Sinne des 8 3 Abs. Id der Hauszinssteuerverordnung nur müssen dieselben Steuerprivilegien genießen ivie die Geistlichen der anderen Kirchengesellschaften. (Jta) Die indischen Mohammedaner und Palästina Tie arabische Delegation aus Palästina, die sich gegenwärtig in London aufhält, veröffentlicht folgenden Beschluß, der Ällindischen Moslemkonferenz über Palästina (Al! Jndia Moslem Conference for Palestine), welche in Bombay getagt har. Ter Beschluß wurde einstimmig gefaßt und lautet folgendermaßen: „Tie Konferenz der Mohammedaner dorr Indien evklärt hiermit, daß das Heilige Land von Palästina, welches in das Jazirat ul Arab eingeschlossen ist, dem Sch ich der ganzen muselmännischen Welt und nicht der Muselmanen von Palästina allein untersteht und daß infolgedessen die indischen Mohammedaner tief berührt werden von der bestehenden Lage in Palästina und seiner zukünftigen Verwaltung. Während die Mohammedaner sowohl Christen als Juden erlaubt haben, in Palästina Gott zu dienen, entsprechend den Dogmen ihrer Glaubensbekenntnisse, und Palästina als Pilger jahrhundertelang zu besuchen, können sie nicht in diesem Augenblick zugeben, daß das Land als ein Ablabeoct für die Inden der ganzen Welt benutzt werde unter Ausschluß und zum Schwaden der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas, deren große Mehrheit Mohammedaner sind, welche in vollkommenem Frieden und Harmonie mit den Christlichen und den jüdischen Einwohnern vor der Balfourdeklaration gelebt haben. Tie Moslems von Indien können es nicht dulden, daß armen palästinensischen Mohammedanern das Landl ihrer Väter von Einwanderern abgekauft wird. Sie müssen auf eine Aenderung der Politik seitens der Verwaltung und aus Erlaß eines Landesveräußerungsgesetzes bestehen, um zu verhindern, daß die ursprünglichen Einwohner Palästinas ihr Land verlieren. Ebenso können es die Mosiim ron Indien nicht dulden, daß jüdische Monopole geschaffen werden, welche in nicht allzu langer Zeit das beabsichtigte jüoische Heim, entsprechend der Balfonrdeilaration, ein rein jüdischer Staat entstehen würde, wie ihn die Zionisten in Palästina errichten wollen. Tos einzige wirkliche Mittel, um den Eingeborenen Palästinas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist die Schaffung einer freien und unabhängigen Regierung entsprechend den Grundsätzen des Selbstbestimmungsrechtes, die ausschließliche aus den eingeborenen Emwohneru Palästinas bestehen und von jeder Kontrolle einer Mandatarmacht befreit sein soll, sei es im Interesse des Zionismus oder des Imperialismus. Tie Konferenz beschließt daher, daß sowohl die Balfourdeklaration als auch dis Mandat aufgehoben werden müssen. „Während die mohammedanische Welt leine Aenderung im status quo ante bellum dulden kann in Verbindung mit der Verwaltung ihrer Heiligen Stätten aus Rücksicht aus eine andere Glaubensgemeinschaft und darauf besteht. DaP er unverändert bleibt, betrachtet die Konferenz die Einsetzung einer Untersuchungskommission über die Frage der Ktagemauer in Jerusalem, für welche Großbritannien die Zustimmung des Völkerbundes erlangt hat, als völlig überflüssig und gefährlich, und setzt sich daher energisch ihrer Ernennung entgegen. Es soll nach Europa eine Deputation geschickt werden, die den Mohammedanern von Palästina jede notwendige Hilfe leisten soll. Es soll ein ständiges Komitee der indischen Moslim für Palästina geschaffen und in allen islamischen Ländern Propaganda gemacht werden. Obwohl die zur Untersuchung der Unruhen in Palästina im Jahre 1929 eingesetzte Kommission das Vertrauen der mohammedanischen Welt nicht besessen hat, hat sie doch zugegeben, daß 'die Hauptursache für den Friedensbruch darin bestand, daß die Juden absichtlich! die Araber durch Beleidigung ihrer Religion provoziert haben. Daher verlangt die Konferenz, daß. die Regierung von Palästina im Interesse des Friedens und-der Ruche und der Herbeiführung der Versöhnung zwischen den Einwohnern von Palästina von nun an alle mohammedanischen Araber sreilassen möge, die infolge des Aufruhrs verurteilt worden sind." „Tie Konferenz beschließt, in ganz Indien, Birma und Ceylon nack den Freitagsgebeten am 16. Mai einen Palästiiratag zü feiern. Sie würdigt vollkommen die Bemühungen der arabischen Delegation in London, die gerechten Rechte und Forderungen ihrer Landsleute und die Unantastbarkeit der heiligen Stätten in Palästina zu verteidigen und versichert sie der vollen Unterstützung und Sympathie der indischen Muselmänner für ihre Mission." Tie Bedeutung dieser Resolution — mag man sich zu ihrem Inhalt stellen, wie man will — besteht unter den gegenwärtigen Umständen darin, daß die Mohammedaner in Britisch-Jndien jetzt eine der wichtigsten Stützen der englischen Herrschaft in Indien sind. Ter englischen Regierung muß aus diesem Grunde ungeheuer viel daran liegen, dem Moslem in Indien entgegenzukommen. Ihre Solidarität mit den Trabern in Palästina bildet folglich bei den enormen Schwierigkeiten, mit welchen England jetzt angesichts der Unabhängigkeits- und der Gandhibewegung in Indien zu kämpfen hat, eine außerordentlich wichtige politische Tatsache, die zu unterschätzen von den Zionisten offenbar ein sehr großer Fehler ist. L. Ans den Gemeinden * Augsburg. (Sch nagogenkonzert.) Vor einiger Zeit — wir können leider erst verspätet hierüber berichten — lud der Israelitische Frauenverein zu einem Wohltätigkeitskonzert zum Besten erholungsbedürftiger Gemeindemitglieder in unsere herrliche Synagoge ein. Der jüdische Gesangverein München bestritt mit seinen: hervorragenden Dirigenten Joseph Ziegler nnd seinen 3 Solisten in friedlichem Wettbewerb mit unscrm beliebten hiesigen Oberkantor W. Heimann und Herrn Otto Neuburger ein musikalisch hochwertiges Programm. Herr Joseph Ziegler führte seinen technisch vorzüglich geschulten Chor mit ausgereifter Meisterschaft. Der volle weiche Bariton unseres Oberkantors W. Hcimann fesselte in dem stimmungsvoll vorgetragenen Solo aus „Ma towu" von Löwenstein nnd Versen 17—24 des Psalm „Lo omus" von Birnbaum und mehr noch in den dankbareren beiden Soli „Herr Gott Abraham" aus Elias (Mendelssohn) und „An den Wassern von Babylon" von Dvorak und erwies sich dadurch aufs neue als begnadeter Sänger. Herr Otto Neuburger brachte die Tenor-Arie aus „Samson" von Händel zu wirksamstem Vortrag. Frau Sonja Ziegler (München) bewährte sich als empsindungstiese, sehr begabte Sopranistin und Gertrudc Masser (München) bewältigte das Präludium für Violine in ausgesprochener Vollkommenheit. Die Darbietungen des Herrn Obertantor M. Neu (München) „Hajom Harras olom" von Kirschner und „Elohai neschomoh", sotvic das „Gebet" eines unbekannten Komponisten trugen den Stempel vollendeter Kunstaussassung. Herr N. Frei, der ständige Organist der hiesigen Synagoge, zeigte sich als meisterhafter Beherrscher unserer Steinmayer-Orgel und trug sehr zum Gelingen des prächtig durchgeführten Konzertes bei. Berlin. (Mitgliederversammlung der Gesellschaft „O r t", Abteilung Deutschland.) Vor einiger Zeit fand in den Räumen des „Ort"-Verbandes die Mitgliederversammlung der Gesellschaft „Ort", Abteilung Deutschland, statt. Herr Bankier Wilhelm Graetz begrüßte zunächst die anwesenden Mitglieder der Zentralvcrwaltung, insbesondere die anläßlich der Tagung der Zentralverwaltung hier weilenden Ing. Zegelnitzky (Moskau), M. Siberfarb (Warschau) und Dr. Blum (Paris) und unterstrich in seiner Ansprache die Gemeinschaftsidee des Judentums, hinter der auch die Begriffe Ostjude und Westjude verschwinden, als das leitende Prinzip der „Ort"- Arbcit. Hierauf erstattete Dr. Traub einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der „Ort"-Gesellschaft, Abteilung Deutschland, im Jahre 1929. Trotz der Wirtschaftskrise hat das Tempo der „Ort"-Arbeit in Deutschland während des Berichtsjahres keine Verlangsamung erfahren; sowohl das propagandistische als auch das materielle Ergebnis der veranstalteten Aktionen ist als günstig zu bezeichnen. Von besonderem Interesse war eine vergleichende Uebersicht der während der einzelnen Jahre erzielten Resultate. So ist die Zahl der lokalen Aktions-Ausschüsse der „Ort"-Ges«llschaft in Deutschland von 9 Ende 1926 auf 23 Ende 1927, 32 Ende 1928 und 47 Ende 1929 gestiegen. Gegenwärtig bestehen in verschiedenen Städten Deutschland 54 „Ort"- Komitees. Auch die Mitglicderzahl der deutschen Landesorganisation des „Ort"-Verbandes ist in stetem Steigen begriffen: mit zirka 1900 hat sich die Zahl der Mitglieder der „Ort"-Gesellschast, Abteilung Deutschland, im Laufe der letzten zwei Jahre annähernd verdreifacht. Eine prozentual gleiche Steigerung weisen die Mitgliedsbeiträge auf, die im Jahre 1929 Mk. 27 274 erreicht haben. Die Gesamteinnahmen der Gesellschaft „Ort" betrugen im glichen Jahre Mi. 129 721,39. Mit besonderer Genugtuung konnte der Berichterstatter festste.len, daß neben dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden Deutschlands in immer größerer Zahl die Tragweite und die Bedeutung der vom „Ort" geleisteten Aufbauarbeit erkannt und der „Ort"- Gesellschaft, Abteilung Deutschland, entsprechende Jahressubventionen bewilligt habeni von 4 sm Jahre 1928 ist die Zahl der subventionierende» Gemeinden auf 17 im Jahre 1929 gestiegen. Im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Mittel hat der deutsch.' „Ort" entsprechende Ausmerksamkcit auch der produktiven Umschichtung der jüdischen Bevölkerung Dculschiandczugetvendet- So haben bis jetzt bereits 154 Schüler die Berliner Ehansseur-Kurse der „Ort" Gesellschaft beendigt. Daneben sind entsprechende Beträge für die technische Ausbildung vo» Einzelpersonen zur Verfügung gestellt worden. Nach dem Bericht des Herrn Traub ivurde der Revi,'ionsbericht verlesen und genehmigt. Hieran schloß sich, nach einigen, insbesondere die Arbeit in Berlin 'betreffenden Ergänzungen des Vorsitzenden, eine Diskussion. Einige Redner drückten unter Hinweis auf die großen Verdienste des Vorsitzenden ihr Bedauern darüber aus, daß er die bekannte „Erklärung deutscher Juden" vom September 1929 mit unterschrieben hat, was nach ihrer Ansicht einen Verstoß gegen die Unparteilichkeit des „Ort" bedeutet. Dem widersprachen andere Redner mit der Begründung, die Unparteilichkeit des „Ort" sei keineswegs so zu verstehen, daß die im „Ort" tätigen Persönlichkeiten auch ^tßerhalb des „Ort" durckplus apolitisch sein müssen. In seinem Schlußworte betonte Herr Graetz, daß der Segen der Mitarbeit am „Ort" in dem ideologisch nnseziertcn, aufs Produkt i? gerichteten Zusammenwirken aller liege, die guten Willens und von jüdischem Gemeinschaftsgefühl durchdrungen sind, ganz gleichgültig, >vas der einzelne unter Gemeinschaft verstehe. Wie die Arbeit am „Ort", sei für ihn, wie wohl für jeden, auch die Mitarbeit an all den anderen jüdischen Aufgaben positive Arbeit am Judentum; die Verpflichtung hierzu und dieses Recht darf keinem Mitarbeiter gekürzt werden. Es muß nach wie vor der größte Wert darauf gelegt werden, daß Juden aller Richtungen ivie bisher einmütig im „Ort" Zusammenwirken; niemals darf die Tätigkeit eines Mitarbeiters auf anderen jüdischen Gebieten als Stellungnahme der „Ort" Gesellschaft gedeutet: werden. Darauf ivurde der Vorstand gewählt. — In der am 22. April 1930 stattgehabten Borstandssitzung wurde Herr Wilhelm Graetz zum Vorsitzenden >v i ede rgctv ähl t. Berlin. (Vom Rat des Preußischen Landesverbandes.) Rechtsanwalt Tr. Walter Breslauer hat wegen Arbeitsüberlastung sein Amt als stellvertretendes Ratsmitglied nicdergelegt,. Selbstverständlich bleibt Dr. Breslauer liberales Mitglied des Verbandstages. Die Neubesetzung der sreigewordenen Ratsstelle hat von der Berliner Jüdischen Gemeinde zu erfolgen. Die nächste Sitzung des Rates wird voraussichtlich am 28. Mai stattsinden. Braunschweig. (Einführung des L a n d e s r a b b i tt e r s.) Am l. Pessachtag wurde Herr Landesrabbiner Dr. Gärtner in feierlicher Weise in sein Amt eingeführt. Die Geineindemitglieder hatten sich fast vollzählig eingefunden, die Landgemeinden des Freistaates Braunschweig hatten Vertreter entsandt. Nach Beendigung des Halletgebetes wurde der neugewählte Rabbiner unter Orgelspiel von den Mitgliedern des Gemcindevorstandes in daS Gotteshaus geleitet. Der erste Vorsteher Herr Dr. Regensburger richtete herzliche Worte der Begrüßung an den neuen Seelsorger, der durch das Vertrauen der ganzen Gemeind« und der Landgemeinden in sein Amt berufen worden sei, und verpflichtete er ihn durch Handschlag auf getreue Amtsführung. Herr Oberkantor Gottlieb brachte hierauf Mendelssohns „Herr, Gott Abrahams" zum Vortrag. Sodann nahm Herr Dr. Regensburger nochmals das Wort, um dem neuen geistlichen Oberhaupt die Thora, das kostbarste Gut aller Gemeinden Israels, anzuvertrauen. Nach dem Einheben der Thora hielt Herr Dr. Gärtner seine Antrittspredigt. Breslau. (Einweihung des Beate G u t t m a Nil- Heims.) Am Sonntag, den 27. April, fand die feierliche Einweihung statt. Eingeleitet wurde sie durch Harmoniumspiel des Herrn Organisten Schäffer und durch ein von Fräulein Haas (Stadttheater) gesungenes Lied („A l t m a ch t" von Schubert). G e - m e i n d e r a b b i n e r D r. H o f f m a n n hielt dann die Weiheansprachc. Er ging von dem eben verflossenen Pessachfeft ans und kam dann auf die Erörterung der Frage zu sprechen, „>v a r u m Israel vor dreieinhalb Jahrtausenden aus Mizrajim erlöst worden sei". Die Antwort unserer Alten habe gelautet: „Seiner edlen Frauen wegen." Auch hier habe sich Edelsinn jüdischer Frauen in die Tat umgesetzt. 42 alte Frauen des Mittelstandes würden hier, gestützt auf das, was ihnen die Nöte der Kriegs- und Inflationszeit gelassen, ihren Lebensabend in Ruhä und Behaglichkeit beschließen. Dr. H. erwähnte dann das Horazische Wort „B e a t u s illc q u i p r o r u l n e g o t t i s" (Glücklich, wer fern von den Geschäften!). Im Gegensatz dazu sei die ehrwürdige Frau, die Anregung und Namen für diese Stiftung gegeben, Frau Professov Beate Guttmann, glücklich, daß sie bis in ihr hohes Alter hinein! noch in froher Geschäftigkeit für das Wohl ihrer Mitschwestern tätig sein könne. Aber nicht nur für das Alter werde hier gesorgt. Durch die angegliederte Haushaltungsschule sei auch der Jugend gedacht und eine hoffentlich segensreiche Verbindung von und für Alter und Jugend geschaffen. Mit einem Wort des Propheten Secharjah, das von einer solchen Verbindung spricht, und mit Dankgebet und Segen schloß Dr. Hoffmann. — Namens der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes begrüßte dann Frau Grethe Bial alle Erschienenen, namentlich die Vertreter der Behörden und Korpora-- tionen. — Rvgierungsbaumeister Ehrlich legte dar, wie glücklich der Architekt gewesen sei, der wie hier auf die Anregungen und nach den Wünschen edler und kluger Frauen arbeiten durfte und sprach dem Wunsch aus, daß durch Erhaltung und Entwickelung dieser Stiftung das Wort „bcati possidentes" zur Wahrheit werde. Er übergab die Schlüssel des Hauses feierlich an Frau Beate Gullmann, die Worte innigsten Dankes an alle, die ^'mitgeholsen, aussprach und die Schlüssel dann an die Vorsitzende des Kuratoriums^ Frau Dr. Liegncr, weitergab. Frau Dr. L. gab nach ebenso herzlichen Dankcsworten eine ausführliche Darlegung der Entwickelung des vollendeten Werkes. Geheimrat Goldfeld, Vorsitzender des Gemcindevorstandes, sprach in dessen Namen dem Jüdischen! Frauenbund seine Glückwünsche aus und wies darauf hin, daß hier nicht wie sonst Frauen von Männern zur Mitarbeit hinzugezogen worden, sondern umgekehrt der Hauptteil der Arbeit von Frauen geleistet sei. Er erwähnte auch wie viele der anderen Redner und Rcdnerinnen die Namen Beate (Duttmunn, Frau Dr. Lieg - ner, Grethe Bial und Paula O l l e n d o r f f, die in einer kaum glaublich kurzen Zeit das sich selbst gesteckte Ziel durch energische, aufopfernde Arbeit erreicht hätten. Noch weitere Beglücktvünschungsreden sehr herzlichen und interessanten Inhalts erfolgten noch durch Herrn Regierungsrat Reißig (für die Regierung Niederschlesien), Herrn Oberbürgermeister Dr. Wagner (für die Stadt Breslau), Frau Paula Ollendorff (Centrale des Jüdischen Frauenbundes), Dr. Kreutzberger, Berlin (Zentralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden), Fräulein Schreiber (Wohlsahrtsverband der Breslauer Frauen vereine), Frau Hoffmann (Haussrauenbund Breslau),- Dr. Liegner, Breslau (Breslauer Logenverband U.O. B.B.), FrauDr. Salz berger (Schwesternverband der Breslauer Logen). Das Schlußwort sprach Gcmeindcrabbincr Dr. Vogel st ei n, der in zu Herzen gehenden Worten das zusammensaßte, was heute hier an Worten des Dankes gegen Gott und für das Göttliche im Menschen gesprochen sei und mit Worten des Segens schloß. — Das „Arrioso" von Händel (gesungen von Frau Fische r>

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