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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-30 · 18 (30.4.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
18 (30.4.1930)
Date
1930-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Bestehen eines derartigen Zustandes hindern. Tann wären utopistische Pläne für jüdische ^abrikgründungen überflüssig. Tie Empfindung für die Verpflichtung der Gemeinschaft und insbesondere der Arbeitenden, den Arbeitslosen ArbeitsMöglichkeit zu schaffen, würde wieder wach werden. Tann aber i dürften Parteispekulationen auf die Auswanderungslust bald verstummen. Als alle ernsthaften Politiker sich zum Frieden bekannten, wurde in Deutschland ein Friedensbund der Konfessionen be Die Degradation des Aus dem soeben erscheinenden Buch: Der Prozeß des Hauptmnrms Dreysu», von Tr. Bruno Weil, geben ' wir int folgenden mit Erlaubnis des Verlages Tr. i Walther lliothschild in Berlin eine» turzcn Abschnitt j wieder. In diesem Buche dürfte das Ralfe! feneS Falles, der die ganze Welt jahrelang in Lpannung hielt, auf j Grund der Akten des deutschen Außenministeriums, der ' französischen Gcrichtsatlen ttitb a»derer neuerer Quellen l abschließend gelöst sein. Sonnabend, 5. Januar 1895. Tie Degrndatioit ist ans 1 frühmorgens festgesetzt. ' ] 7 Uhr 20. Eine Schwadron der republikanischen Garde ' unter dem Kommando des .Hauptmanns Lebrun Renault reitet nach dem Gefängnis Cherche-Midi, um Dreyfus abzuholen. : Zwei Gendarmen bringen ihn zur Gefängnisschreiberei und 1 durchsuchen ihn. „Ist das nötig?" fragt Treyfus. „Befehl!" l antwortet der Offizier. Dann legt man ihm Handschellen; an. „Ist auch das Befehl?" Keine Antwort. Nur eine , befehlende Han-dbewegung des Kapitäns. „Sie sehen, Herr , Hauptmann", sagt er, „alle Streifen an meiner Uniform ' siud schon aufgetrennt. Sie hängen nur noch an Fädelt. Auch; die Knöpfe, unb die Litzen. Darf ich Sie bitten, den Wachtmeister zu ersuchen, schnell zu machen, trenn wir da draußen , sind?" Keine Antwort. „Ich sehe Ihnen ins Gesicht. Sie * sehen es wohl, Herr .Hauptmann, und wenn ich wage das zu tun, so darum, weil ich unschuldig bin. Meine Verurteilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts." 7 Uhr 45. Ter Zug verläßt das Militärgefängnis. Zwei Reiter der republikanischen Garde, Revolver in der Faust, an der Spitze. Ein Zug folgt. Der .Hauptmann, der die Schwadron führt, reitet vor dem Zellenwagen mit feinen vier Pferden, in dem Dreysus zwischen zwei Gendarmen sitzt. Der Wagen rechts und links von Reitern umgeben. Ein zweiter Zug schließt sich hinter: an. 7 Uhr 50. Ankunft in der Militärschule. Dreysus wartet eine Stunde lang in einem Dienstzimmer. „Während dieser langen Minuten raffte ich alte Kräfte meines Daseins zu sannnen. Die Erinnerung mt die herben Monate, welche hinter mir tagen, kam in mein Gedächtnis und in abgerissenen Sätzen murmelte ich von dem letzten Besuche, den mir der Major Paty de Clam in meinem Gefängnis gemacht hatte." 8 Uhr 50. Vier Artilleristen treten an. „Hier sind die Leute, die Sie abholen, Herr Dreyfus", sagt der Kapitän L-ebrnn. „Gill, Herr Hauptmann. Ich folge. Aber ich wiederhole Ihnen, ich bin unschuldig." Zwischen vier Mann und einem Unteroffizier in die Mitte des Paradeplatzes geführt. General Darras kommandiert hoch zu Pferd die Exkutionsparade. „Dreyfus, Sie sind unwürdig, die Waffen zu tragen. Im Namen de§ französischen Volkes degradieren wir Sie!" Dreyfus hebt die beiden Arme gegen bcn Himmel und ruft mit starker Stimme: „Ich bin unschuldig, ich schwöre, daß ich unschuldig bin! Es lebe Frankreich!" „An den Galgen mit ihm!" antwortet draußen die Volksmenge. In dem Augenblick, in dem der Wachtmeister Hand an ihn legen und ihm Streifen und Litzen, die Abzeichen seiner Würde abreißt, protestiert Dreyfus von neuem: „Beim Haupte meitter Frau und meiner Kinder, schwöre ich, daß ich unschuldig bin. Ich schwöre es! Es lebe Frankreich?" „A mort! A mvrt!" antwortet die Menge. Der Wachtmeister zerbricht Den Degen und wirft ihm die Stücke vor die Füße. Wieder ruft Treyfus: „Man degradiert einen Unschuldigen!" Dann wird er zwischen zwei Unteroffizieren im Viereck herum an der Front der Truppen vvrbeigeführt. Immer noch ruft das Publikum: „Zum Tode!" Als er an das Gitter ankmnmt, das deu Hof von der Straße trennt, sieht ihn die Menge besser. Das Schreien wird lauter, vervielfältigt sich. Und Dreyfrte antwortet: „Ich bin unschuldig! Es lebe Frankreich!" Seinen Ruf kann die Menge nicht verstehen. Aber sie siebt Dreysus sich gegen sie ntmbcu und den Mund öffnen. Ein gräßliches Pfeifkonzert ist die Antwort. Dann hört man wie einen Aufschrei der ganzen Menge immer wieder das Unerbittliche: „Zum Tode! Zum Tode!" Nur mühsam fön neu die Polizeiagenten die Menge abhalten, in die Militärschule hineinzustürzen und im Sturm vom Paradcplatz Besitz zu ergreifen, um nach ihrer Weise Justiz zu üben. Dreyfus'marschiert weiter. Jetzt steht er vor der Gruppe der Pressevertreter. „Sagen Sie Frankreich, daß ich unschuldig bin." „Sei ruhig. Elender!" antwortet man ihm, während andere rufen: „Feigling! Verräter! Judas!" Drey-! sus begehrt auf. „Sie haben nicht das Recht, mich zu beleidigen!" Eine einzelne Stimme löst sich aus der Gruppe: „Sie wissen wohl, daß Sie nicht unschuldig sind." „Es lebe Frankreich!" „Schmutziger Jude!" Dann marschiert er weiter. Sein Anblick ist trostlos. Wo sonst die Streifen auf der Uniform faßen, hängen lauge Zwirnsfäden herab. Die Mütze ist formlos geworden. Endlich ist der Leidensweg zu Ende, das Viereck umschritteu. Dreysus^ wird zwei Gendarmen übergeben, die seine Streifen aufgelesen und die Stücke seines Degens aufgesammelt haben. 9 Uhr. Der Degradierte steigt in den Gesängniswagen. Die Pferde ziehen an. Degradierung und Zeremonie haben gerade zehn Minuten gedauert. Noch am gleichen Tage schreibt er seinem Anwalt: „Ich habe das Versprechen gehalten, daß ich Ihnen gegeben habe. Unschuldig habe ich das schrecklichste Marchrium über mich ergehen lassen müssen, das ein Soldat erleiden kann. Ich habe die Verachtung der Menge um mich herum gespürt. Wieviel glücklicher wäre ich im Grabe gewesen. Helsen Sie mir, Herr Verteidiger, mit Ihren warmherzigen und beredten Worten! Wenn man Zweitel hat, wenn man meine Unschuld glaubt, ich verlange iw Augenblick nur eins: Lust und die Gesellschaft meiner Frau. Und dann will ich darauf warten, daß alle, die mir nahestehen, biete finstere Angelegercheit enträtseln können. Entschuldigen Sie meinen wirren Stu. Ich habe meine Ideen noch nicht beieinander. Ich bin physisch und seelisch vollkommen niedergeschlagen." gründet. Wäre es nicht verdienstvoller, heute einen Bund der Konfessionen zu gründen, der sich mit der Wirtschaftsnot der Menschen befaßt? Ter geboren wird aus der Erkenntnis, daß die Wirtfchastsnot unser aller Not ist. Alle Wege des Zionismus führen nach Palästina. Unser Weg aber muß in die Welt führen, die es nach unserem religiösen Wollen zu gestalten gilt. B r u ir v W o y d a. Hauptmann Dreysus Dreyfus wird in das Gefängnis La Saute überführt. Tort bleibt er bis zum 17. Januar. Am 15. des gleichen Monats hat inzwischen Casimir Perier, des Amts und seiner Enge überdrüssig, die Präsidentschaft nicdergelegt; am 17. Ja nuar wird Felix Faure an seine Stelle gewählt. Ribot erhält den Auftrag zur Kabinettsbildung, General Zurlinden wird an Stelle Merciers Kriegsminister. Zwischen 10 und 11 Uhr abends lvird Dreyfus plötzlich aufgeweckt: Sofortige Abreise! „Ich hatte kaum die Zeit, mich eilig anzukleiden. Ter Beauftragte des Ministeriums des Jnttern, der mit drei Wächtern die Ueberführung zu überwachen hatte, war von einer aufreizenden Gewalttätigkeit. Kaum hatte ich mich angezogeil, als er mir schon die Handschellen anlegen ließ und mir keine Zeit ließ, meine Brille zu nehmen. Ich wurde nach dem Orleans-Bahnhof in einem Zellenwagen gebracht. Dieser Wagen enthält eine gelvisse Anzahl Zellen, die gerade die Dimension eines sitzenden Menschen haben. Jede ist mit einer Tür verschlossen, die den Gefangenen hindert, die Beine auszustrecken. In eine von ihnen wurde ich eingesperrt, Handschellen an den Händen und Eisen an den Füßen." Der Zug kommt mittags in La Röchelte an. Altes will den Gefangenen sehen. Bald weiß man, daß es Treyfus ist. Draußen beginnt die Menge zu heulen. Immer stärker der Chor. Endlich wird es Nacht. Als Dreysus den Wagen verlassen darf, verdoppelt sich das Geschrei. Schläge sausen auf ihn nieder; um ihn entsteht Gedränge und Gestoße. Mühsam nur können ihn die Wächter beschützen. Dann wird er nach der Insel Re überführt. Tag und Nacht stehetr zwei Wächter, alle zwei Stundeir abgelöst, an seiner Türe. Durch eine Oeffnung können sie die Zelle und das Lager, auf dem er sich ausstrecken darf, übersehen. Sv verlieren sie keitte einzige seiner Bewegungen aus bm Augen. Seine Frau darf er sprechen, in der Gefängnisschreiberci, in Gegenwart des Direktors, der zwischen ihm und ihr sitzt. Keine körperliche Berührung, auch nicht die Erlaubnis, sie einmal zu umarmen. Zweimal in der Woche tritt Lucie Hadamer, snnsundzwauzig Jahre um diese Zeit, in das Gefängnis ein, unt eine Stunde lang ihren Mann zu sehen und zu sprechen. Von allem, was die Familie angeht, aber von nichts, was den Prozeß betrifft. Letztes Beisammensein am 21. April. Bon 2 bis 3 Uhr weilt Frau Lucie bei ihrem Mann. Weder sie noch er werden von der bevorstehenden Abreise unterrichtet. Kaum hat sie das Gefängnis verlassen, als man Dreyfus mitteilt, baß die große Reise zum Deportationsort nunmehr anhebt. Das Ziel ist ihm unbekannt. Nach dem französischen Strafgesetzbuch sind die Deportierten nach einem festen Ort zu bringen, der durch das Gesetz bestimmt ist. Bis zum Fall Dreyfus war dieser Ort die Halbinsel Ducos. Ein besonderes Gesetz, das die Regierung votieren läßt, und das von den Kammern ohne Widerspruch angenommen wird, bestimmt als weiteren festen Ort die Teuselsinsel, eine der Heilsinseln, nicht allzuweit von der südamerikanischen Küste, 50 Kilometer von Cayenne, in unerträglichem Klima gelegen. Tropische Hitze wechselt mit fünf Monate dauernder Regenzeit. Schon unter dem zweiten Kaiserreich waren dort Hunderte von Deportierten zugrunde gegangen. An den Deportationsorten sollen, wie das Gesetz vom 25. März 1873 bestimmt, die Verurteilten nur den Maß nahmen unterworfen werden, die notwendig sind, um ihr Entweichen zu verhindern, und um Sicherheit und Ordnung in der Kolonie selbst zu sichern. Der Charakter der politischen Strafe wird vom Gesetz unterstrichen. Am 22. Februar lichtet „St. Nazere" die Anker. Richi tung Heilsinseln. Schreckliche Kälte. 14 Grad unter Null. Am achten Tage sängt die Temperatur an milde zu werden. Dann wird es heiß. Das Schiff nähert sich dem Aequator. Immer noch Reiseziel uribekannt. Am 12. März 1895 läuft es in dem kleinen Hafen ein. Zuerst wird der Deporlierte aus der Ile Royale, der tzanpünsel, untergebracht. Am 13. April überführt mait ihn nach der Teufelsinsel. Unbebauter Felsen, der früher als Unterbringungsort für Leprakranke gedient hat. Frau Dreysus hatte um die Ermächtigung gebeten, ihrem Mann in die Verbannung zu folgen. Obwohl die Gewährung j des Gesuchs nach dem Wortlaut des Gesetzes geboten war, wurde es äbgelehnt. Das Regime, dem mail Dreyfus unterwirft, zeigt deutlich zwei verschiedene Perioden. Die erste dauert von der Ankunft bis zum 3. September 1896. In diesem Augenblick wird die Nachricht von einem Fluchtversuch nach Europa gemeldet. Irrtum, unbegründete Nachricht. Aber sie hat bis zur Abreise Dreysus' eine außerordentliche Verschärfung der Bewachungsmaßnahmen zur Folge. Dreyfus selbst schildert den Zustand bei seiner Ankunft auf der Teuselsinsel: „Das Häuschen, das mir zugeteilt wurde, bestand aus Steinen und maß vier aus vier Meter im Quadrat. Die Fenster waren vergittert; die Tür war durchsichtig. Sie bestand aus einem einfachen Eisengitter und öffnete sich auf einen Windfang von zwei auf drei Meter, der durch eine Holztür geschlossen wurde. In diesem Vorraurn hielt sich der Wachhabende auf. Die Wache wurde von zwei zu zwei Stunden gewechselt; sie durfte mich Tag und Nacht nicht aus den Augen vertieren." Am 14. April 1895 beginnt Dreyfus sein Tagebuch. „Ich beginne heute die Aufzeichnung meines traurigen und schrecklichen Lebens. Ich hatte bis jetzt den Kultus der Vernunft. Ich glaubte an die Logik der Dinge und Ereignisse. Ich glaubte endlich an die menschliche Gerechtigkeit. Alles, was bizarr, extravagant war, nahm mein Gehirn nur sehr ungern auf. Aber welch eine Erschütterung meines ganzen Glaubens, meines ganzen Verstandes! Ich war nach meiner ungerechten Verurteilung entschlossen, mich zu töten. Meine treue, so ergebene, so gütige Frau hat mir das Verständnis dafür beigebracht, daß ich, eiu Unschuldiger, nicht das Recht habe, freiwillig meinen Posten zu verlassen und zu desertieren. Ich habe wohl gefühlt, daß sie recht hatte, daß dies„meine Pflicht war. Mer meine physischen und moralischen Leiden sind schlimmer gewesen als diejenigen, auf die ich mich gefaßt gemacht hatte, uub heute bin ich an Leib und Seele gebrochen. ... Tagsüber wenigstens kann ich in eurem Raum von einigen 100 Metern im Geviert spazieren gehen, Schritt für Schritt von einem Wächter gefolgt. Wenn die Nacht herankommt, gegen 6 oder >/..? Uhr, bin ich in einer Zelle von 4 Meterir im Geviert eingeschlosseu, mit einer durchsichtigen Türe, vor der die Wächter sich die ganze Nacht aufhalten." Auf die Nachricht »der beabsichtigten Entweichung, die vom Bruder Mathieu in eine englische Zeitung lanziert war, um die völlig eingeschlafene Aufmerksamkeit auf den Fall Dreysus zu lenken, erläßt der Kolonialminister Lebon unter dem Datum des 4. September 1896 den Befehl, daß bis aus Widerruf Dreysus in seiner Zelle mit einem doppelter Eisenring während der Nacht festgehalten toerden, und daß der Umkreis des Spazierplatzes mit einer kräftigen Pallisade umgeben werden soll. Vom 6. September bis zum 20. Oktober wird Dreyfus tvähreud der Nacht in doppeltem Eisen gehalten. Während dieser Zeit bleibt er Tag und Nacht in dem .Häuschen eingeschlossen, ohne die Erlaubnis zu haben, eine einzige Minute spazieren zu gehen. Die Hitze ist in diesem Augenblick besonders brennend. Am 6. September 1896 legt man ihn in Eisen. „Warum, ich tveiß es nicht. Seit ich hier bin, habe ich immer geirau die Befehle beobachtet, die mir gegeben worden find. Wie kommt es, daß ich während dieser langen Jahre noch nicht verrückt geworden bjn?" „Dienstag, beu 8. September 1896. Diese Nächte in Eisen! Ich spreche nicht einmal von den physischen Serben -- aber welch eine moralische Qual! Und ohne jede Erklärung, ohne zu wissen, warum! Unter welch schrecklichem und furchtbarem Albdrücken habe ich diese jetzt fast zwei Jahre gelebt." Am gleichen Tag: „Ich kann nicht mehr. Alles in mir fällt zusammen. Noch einmal: wenn es Licht geworden fein wird, so weihe ich meine Kinder Frankreich, meinem teuren Vaterlande! Mein armer kleiner Peter, meine arme fteiue Johanna, meine liebe Lucie! Euch, welche ich aus tiefftem Herzen liebe, mit aller Glut meiner Seele, glaubt mir, wenn diese Zeilen in Eure .Hände koinmen werden, daß ich alles getan habe, was in Menschenkräften lag, um Widerstand zu leisten!" Am gleichen Tage erscheint der Oberkoinmandierende auf der Insel. Er erklärt Dreyfus, daß die Maßnahme, die ergriffen worden ist, keine Strafe darstelle, sondern eine Sicherheitsmaßnahme. Tmn die Verwaltung habe keinerlei Klage gegen ihn zu erheben. „Eine Sicherheitsmaßnahme! Obwohl ich schon Tag und Nacht wie ein wildes Tier von einem Wächter, der mit Revolver und Gewehr bewaffnet ist, bewacht werde. Nein, man muß die Dinge bei ihrem Namen nennen. Das ist eine Maßnahme des Hasses, eine Quälerei, die von Paris ans von denjenigen besohlen worden ist, die, wenn sie meine Familie nicht treffen können, einen Unschuldigen treffen wollen, weil weder er noch seine Familie sich vor dem grausamsten Justizirrtum beugen können oder wollen. Wer sich zu meinem Henker, zum Henker der Familie gemacht hat, ich weiß es nicht." Am 10. September 1896 stellt er das Schreibeit im Tagebuch ein. Dem Präsidenten der Republik widme: er seine letzte Bitte für den Fall, daß er vor dem Ende des schrecklichen Dramas sterben werde. „Herr Präsident der Republik! Ich erlaube mir Sie zu bitten, daß dieses Buch, das ich Tag für Tag geführt habe, meiner Frau übergeben wird. Man wird in chm vielleicht, Herr Präsident, Zornesschreie finden, das Entsetzen über die schlimmste Verurteilung, die jemals ein menschliches Wesen getroffen hat, ein menschliches Wesen, das niemals gegen die Ehre gehandelt hat. Ich fühle nicht mehr den Mut. dieses Buch noch einmal zu lesen. Ich klage heute niemanden an. Jeder hat geglaubt, daß er nach Recht und Gewissen gehandelt habe. Ich erkläre nur noch einmal, daß ich an diesem schrecklichen Verbrechen unschuldig bin, und daß ich nur ein Einziges verlange; immer die gleiche Sache: man suche den wahren Schuldigen, den Urheber dieses schreckliche:: Verbrechens." Nachdem die Umzäunung serliggestcllt ist, wird Dreyfus nicht mehr in Eisen geleg:. Aber die Bewegungsfreiheit, die ihm bis zu eitlem gewissen Grade in dem ihm reservierten Teil der Insel bis dahin gewährt worden war, wird ansge hoben. Es ist ihm nurmebr gestattet, innerhalb der Pallisade in bestimmten Stunden sieb zu ergehen. So sieht er nicht einmal mehr das Meer, nichts von alledem, was sich außerhalb der mehr als malmshohen Umzäunung abspielt. „Aber in einer dieser langen qualvollen Nächte, in denen ich auf meinem Lager angeschlossen war, der Schlaf meine Augen floh, suchte ich den Leitstern meiner äußersten Entschlüsse, und ich sah ihn ganz plötzlich vor mir aufleuchten: Heute weniger wie jemals hast du das Recht, von deinem Posten zu desertieren. Welches auch die Leiden sein mögen, die man dir antut - du mußt, bis man dich ins Grab wirst, vorwärts gehen, du mußt vor deinen Henkern dich aufrechterhaltcn, solange du auch nur einen Schatten von Kräften besitzt... Und ich faßte den Entschluß, noch energischer wie je zu kämpfen." Von September 1896 bis August 1897 wird die Bewachung von Tag zu Tag strenger. Die Zahl der Wächter betrug im Anfang außer dem Oberwächter fünf. Sie wurde auf sechs, dann während des Jahres 1897 auf zehn, und später noch weiter erhöht. Die Sendung von Büchern, der beste Trost in dem großen Leid, hört von September 1896 ab auf. Unter den Büchern, die in seinem Besitze sind, befindet sich der ganze Shakespeare. Er liest ihn immer und immer wieder. Dann versucht er, damit der Geist nicht erschlaffe, Integral- und Differentialrechnungen zu machen. Auch englisch beginnt er zu lernen. Am 25. August 1897 wird er in ein neues Häuschen überführt, das inzwischen erbaut worden ist. Dort bleibt er, solange die Deportation andauert. Mitteilung An weltbekannter Stell« lvird heute am Potsdamer Platz unter schattigen Kastanien in zeitgemäßer Aufmachung unter der bewahrten Leitung des Inhabers des Hotel und Kaffee Hehler Herrn Markus Friediger ein neues Kaffee eröffnet. Diese Gaststätte wird sicherlich wie ihre Schwester in der Kantstraße in wenigen Tagen der populäre Treffpunkt am Potsdamer Platz sein.

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