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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-23 · 17 (23.4.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
17 (23.4.1930)
Date
1930-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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nicht der Fall, wenn man den Chorgesang in der Weise zum Ausdruck bringt, daß man ihn durch Schallplattenkonzerte ersetzt? Die Ausschaltung der letzten Amvität der Gemeinde hierbei ist eine so gründliche, daß alle Gründe jÜr eine regelmäßige Verwendung maschinellen Gesangs, so sehr sie den ästhetischen Forderungen gerecht werden mögen, hinfällig werden. Nach meinem Dafürhalten müßte sich die Fortentwicklung in zwei Richtungen bewegen. Einmal muß eine unbedingte Werbetätigkeit einsetz en für freiwillige Kräfte, die rein aus ideeller Opferbereitschaft sich in den Dienst der Belebung des Gottesdienstes durch Gesang stellen. Zum andern gilt es die Gemeinde wieder zu aktivieren. Geeignet hierzu wäre das regelmäßige Absingen deutscher Choräle (Predigtlieder), die in ihrer einfachen Melodienführung als ein ein stimmiger Gesang sich leicht einführen ließen, deren Text, ähnlich wie in den Kirchen, jedem Gemeindemitglied leicht zugänglich gemacht werden kann. Und dann wäre vielleicht noch ein Neuartiges in Erwägung zu ziehen, das aber im Grunde auf Altes zurückweist die Verwendung des Sprechchores im Gottesdien st. Wir haben Ueberliesernngen, die es glaubhaft machen, daß beispielsweise das Sch'magebet im alternierenden Sprech vortrag vom Schliach Zibbur und der Gemeinde gesagt wurden! In der Gegenwart taucht auf der Bühne, in Jugendvereinen usw. der Sprechchor als neue Kunstgattung auf, anknüpfend an das Altertum. Die grandiose Wirkung des Sprechchores beruht größtenteils auf der Wucht, die das von einer Menge einheitlich gesprochene Wort unbedingt erzeugt. Hierzu bedarf es keiner großen Erfahrung oder keiner großen Proben. Die betende Menge, die die Responsen, wie das „J'he schme rabbo" .und andere, spricht, würde von selbst den Rhythmus des Einheitlichen sich angewöhnen. Die A esthetikdes Chorg e s a n g e s soll n i ch t a u s g e s ch a l t e t werden,aber auch nicht die Kraft der Aktivität, die von einer betenden Menge aus geht. Hier gilt es einmal der, Anfang zu machen. Ich persönlich werde versuchen, zuerst einmal im Jugendgottesdienst den Sprechchvr der Gemeinde, oder die Gemeinde als Sprechchvr zu aktivieren. Wege müssen gebahnt werden, ehe sie zum Ziele führen. (Als Literatur ist benutzt worden: Dr. S. Krauß „Tal mudifche Archäologie". Prof. Dr. I. Elbogen „Der jüdische Gottesdienst". Leopold Zunz „Syuagogale Poesie".) Antisemitismus in Sowjet-Rußland Ein Ktreiiski-Minister über Eindrücke von seiner Gcheimreise. Persönliche Eindrücke, Berichte von Augenzeugen nehmen in allem, was über Sowjet-Rußland geschrieben wird, einen sehr große,: Platz ein. Sie geben unter den gegenwärtigen Verhältnissen die einzige Möglichkeit einer Ergänzung zum Bild d,er Lage in Rußland, das von der allein bestehenden kommunistischen Presse gegeben wird, die selbstverständlich so tendenziös sein muß, wie es die Parteiinteressen erfordern. Daher ist es so schwer, sich eine wirklich genaue Vorstellung von dem, was in Rußland vorgeht, zu machen, denn man hat es nur mit zwei Informationsquellen zu tun, von denen die eine nur das sagt, was die Sowjetregierung zu veröffentlichen gestattet, die andere aber ihrer Natur nach nur subjektiv und unvollständig sein kann, auch dann, wenn der einzelne Beobachter meint, die objektive Wahrheit zu sagen, und sich nicht von seinen eigenen Parteiansichten Leiten läßt. Es kann ruhig gesagt werden, daß die allermeisten Schilderungen der Lage, die von ausländischeil Besuchern Sowjet- Rußlaitds in so enormer Zahl in Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern veröffentlicht worden sind, nicht den geringsten Wert besitzen. Sie stammen gewöhnlich von Menschen, die russisch garnicht oder nur sehr mangelhaft verstehen, über die Geschichte Rußlands, seine sozialen und politischen Probleme vor der Revolution nur äußerst oberflächlich orientiert sind, es fehlen ihnen mit einem Wort die allernotwendigsteu kritischen Vorkemitnisse, um über das gegenwärtige Rußland etwas vernünftiges sagen zu können. Anders ist es natürlich bei den Situationsbildern, die von Russen gegeben werden, welche die Möglichkeit hatten, den Sowjetstaat in seiner Wirklichkeit innerhalb seiner Grenzen betrachten zu können. Selbstverständlich sind auch diese Berichte, die von Russen stammen, sehr subjektiv und parteiisch, immerhin haben sitz aber deu unermeßlichen Vorzug vor den nach Rußland gÄangeuden ausländischen Touristen, daß für sie Rußland doch nicht dasselbe, was etwa Zentralafrika ist, daß sie das frühere Rußland kannten, sich von Kindheit auf mit seinen Problemen beschäftigten, sich daher unvergleichlich leichter auch mit den Verhältnissen des jetzigen Rußlands vertraut machen können. Bon diesem Standpunkte aus verdient eine Artikelserie Beachtung, die in einer in Prag erscheinenden russischen Zeitschrift „Volja Rossii" (Die Freiheit bezw. der Wille Rußlands) seit einigen Monaten tzerösfmtlicht wird. Verfasser der Artikel ist Vladimir Lebedev, ein Mitglied der sozialrevolutionären Partei (die erwähnte Zeitschrift ist auch jetzt das Organ einer der Richtungen dieser Partei in der Emigration), der 1917 vor der bolschewistischen Revolution im Kabinett von Kerenski Marineminister war. Lebedev, der bald nach dem Bolschewistensiege ins Ausland flüchten mußte, hatte im vorigen Jahr Gelegenheit, unerkannt eine Reife nach Sowjet-Rußland zu machen. Wäre er dabei in die Hände der G.P.U. geraten, so wäre ihm natürlich die Behandlung zuteil geworden, die alle „Gegenrevolutionäre" von dieser Behörde erfahren. Es gelang ihm aber urientdeckt ins Ausland zurückzukehren und jetzt veröffentlicht er irr der oben genannten Zeitschrift seine Reiseeindrücke. In einem seiner Artikel, im Januarheft der „Bolja Rossii" erschienen, gibt er nun ein Gespräch wieder, welches er in Moskau mit einem seiner alten Freunde über den Antisemitismus in Sowjet- Rußland hatte. Es fei bemerkt, daß Lebedev kein Jude und auch nicht jüdischer Abstammung ist und daß sein Freund, mit dem er darüber gesprochen hat und dessen Namen er selbstverständlich verschweigen muß, beit Umständen nach nur ein alter, jetzt in Rußland lebender Parteigenosse von ihm sein konnte, mit dem ec ossen reden durfte. Die von ihm geäußerten Ansichten können daher nur als die Ansichten derjenigen Kreise gelten, die früher zur sozial-revolutionären Partei gehörten, - einer Partei, für die, wie für alle linken Parteien im alten Rußland, der Antisemitismus überhaupt nicht existieren durste und die noch jetzt an ihrer früheren Ideologie festhalte». Bon Anhängern rechter Parteirichtungen, die offiziell in Rußland nicht existieren, aber natürlich vorhanden sind, würde Lebedev wahrscheinlich etwas ganz anderes gehört haben. Mit diesem Vorbehalt geben wir das Gespräch Lebedevs mit seinem alten Freund in einer Moskauer Gastwirtschaft wieder, wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, ü titie de doc umeilt. Anlaß zu diesem Gespräch gaben die Worte eines etwas angeheiterten Wirtshausbesuchers, der laut ausrief, „die verfluchten Juden haben mich ruiniert" und sich sofort erschrocken umsah. Lebedev richtete darauf die Frage an seinen Freund, ob es einen Antisemitismus in Sowjet-Rußland gäbe, worauf dieser ihm antwortete: „Gewiß gibt es ihn. Seine Ursachen? Deren gibt es viele und eine der hauptsächlichsten ist die Verfolgung für Antisemitismus. Sie haben gesehen, daß dieser Betrunkene sich nach seinem Ausruf sofort umsah: vielleicht wird ihn jemand denunzieren. Was wird ihm dafür geschehen? Tie Leiter des Kampfes gegen den Antisemitismus gehen jetzt so weit, daß sie derartig dummes Zeug als Antisemitismus verfolgen und den Antisemitismus an sich wiederum einer gegenreooluüouären Tätigkeit gleichsetzen. Für Gegenrevolution wird man bei uns nicht gelobt. Es entsteht daher eine logische Kette: Tie Juden sind Bürger einer besonderen Sorte, von der Revolution bevorrechtet, ein Angriff auf sie, sogar nur in Worten, ist Gegenrevolution! Folglich sind Juden und die bolschewistische Revolution eins und dasselbe! Sehen Sie sich die Berichte der antisemitischen Prozesse an. Sie werden sehen, wie geschickt und künstlich diese dummen Prozesse die wirkliche antisemitische Stimmung aufbauschen. „Was sind sie (d. h. die Juden), neue Zaren? Man darf kein Wort gegen sie sagen, sonst kommst Du ins Gefängnis." - Solche Aeuß erringen können Sie oft von Arbeitern hören und es sammelt sich ein Haß an. Gewiß ist der Antisemitismus nicht nur eine Folge dieser Prozesse, sondern auch ihre Ursache. Die Politik des Kampfes gegen den Antisemitismus ist aber eine derartige, daß dieser ganze Kampf zu einer mächtigen Ansreizung zum Antisemitismus wird. Mau kann häufig von Intellektuellen hören: „Zur Zarenzeil war der Jude verfolgt. Alles Mitgefühl war daher aus feiner Seite. Jetzt wird der Jude als Jude nicht nur verfolgt, sondern er nimmt oft eine beschlende Stellung ein. Er hat also kein Recht mehr, Mitgefühl, koste es, was es wolle, zu verlangen. Warum also wird die Antipathie zu ihm als eine besondere Kategorie der Gegenrevolution betrachtet und als Verbrechen, behandelt?" „Woher stammt in Moskau der AEtisemitismus? Erstens gibt es in Moskau jetzt viele Juden im Vergleich zur Vorrevolutionszeit. Es gibt keine anderthalb Millionen Juden in Moskau, wie die Antisemiten sagen, auch nicht 5- oder 600000, wie jeder Moskauer sagen würde, immerhin kann man mit etwa 200 000 Juden in Moskau rechnen.*) Mit anderen Worten, jeder zehnte Moskauer ist ein Jude. Die Moskauer Juden sind Zugereiste, lenken die Aufmerksanike.it aus sich, sie leben nicht schlechter, oft auch besser als der Einheimische. Es gibt viele Juden in den Regierungsorganen, auch im Privathandel. Ihre Ankunft in Moskau vollzog sich fast gleichzeitig und beim Moskauer Bürger entstand die Ueberzeugung, daß die Juden die Oktoberrevolution gemacht haben. Das schnelle Anwachsen des Einflusses der Juden in den Hauptstädten ist eine zweifellose Tatsache. Der Bürger, auch wenn er Kommunist ist, macht keinen Unterschied zwischen dem Steigen des Einflusses von einzelnen Juden und dem „Judeneinfluß" überhaupt. Der unglückselige Kampf gegen den Antisemitismus, der diesen der Gegenrevolution gleichsetzt, hat der Legende von einem besonderen jüdischen Einfluß noch mehr Nahrung zugeführt." „Was das Wachsen der Bedeutung der Juden anbetrifft, so kann es nicht geleugnet werden, es ist auch garnicht notwendig, es zu leugnen. Nehmen Sie nur das Telephonbuch in die Hand und sehen Sie, wieviel Sie in ihm Abonnenten mit Familiennamen wie Pewsner, Lewin, Rabinovitsch und ähnlichen „hispanischen" Familiennamen, wie sich die Sowjet- Antisemiten auszudrücken pflegen, finden. Ein eignes Telephon bedeutet entweder einen gewissen Wohlstand oder eine gute Beamtenstellung. Die Listen der Beamten des Außenkommissariates, des Außenhandelskommissariates, des Obersten Wirtschaftsrates, der Trustverwaltungen find voll jüdischer Namen. Gewiß, auch die Gefängnisse aus den Solovetzinseln, die Verbaunungsorte in Sibirien usw. sind ebenfalls voll Juden, das sieht aber die Bevölkerung nicht. Ebensowenig sieht sie die a-ussterbenden Juden der Kleinstädte in Weißrußland und der Ukraine. Die Presse verschweigt sorgfältig die elende Lage der Juden im früheren Ansiedlungsrayon. Der Moskauer Bürger hat gar keinen Begriff -davon, daß es den Inden ebenso schlecht geht wie allen übrigen. Sie haben eben den Ausruf des Betrunkenen gehört, „die Juden haben mich ruiniert". Das ist ein Privathändler der Revolutions- Periode. Wahrscheinlich kann er keine Erklärung dafür finden, daß es in den staatlichen Behörden, die den Handel nationalisiert haben, viele Juden gibt und daß es im Privathandel ebenfalls viele Judenkonkurrenten gibt. Für diesen Privathändler ist die Erklärung also einfach: hier Juden, dort Inden! Umsomehr, als der Jude als Konkurrent sehr ge sährlich ist. Den Bürger, den Arbeiter und Kommunisten reizt da? Zusammengehörigkeitsbewußtseiii der Juden und ihr schnelles Avancieren. Manchen ärgert auch das, daß der Jude, als Jude, vom Ausland her Hilfe erhält, während es bei Russen oder Tataren nicht der Fall ist." „Was aber bei allen entschieden Empörung hervorruft, — das ist die Verbreitung der häßlichen Legende, derzufolge der Sturz der Bolschewisten unvermeidlich einen Judenpogrom bedeuten wird. Dieser den Russen zugeschriebene Durst nach jüdischem Blut, eine Art Pvgrompsyche, ist für die Russen ebenso verletzend wie für die Juden die Ritualmordbeschuldigung. Tie Bolschewisten verbreiten diese Legende, führen durch sie die ausländischen und russischen Juden irre: Ob Ihr wollt oder nicht, Ihr müßt uns unterstützen, denn ohne uns gibt es ein Pogrom! And um diese Gefahr und die bolschewistische „Judophilie" zu beweisen, werden oft antisemitische Prozesse inszeniert. Wer soll denn in der Tat in Moskau und Leningrad Pogrome veranstalten? Doch nicht die Arbeiter, die Rote Armee, nicht die Sowjetbeamten »der Intellektueller? Außer ihnen gibt es aber keine Kräfte mehr. Der Moskauer Antisemitismus ist kein Pvgromantisemitismus, sondern eine Eigentümlichkeit des neuen Lebens, er ist ein Einzelstrich der von den Bolschewisten geschaffenen Lebensart. Er wird mit dem Bolschewismus verschwindeu. Am meisten sind in der Tat vom Antisemitismus verseucht *) Por bcr Revolution gab es dor! ca. 30 000 Juden. I. L. Psalm 103 Bon Dr. M. Spanier, Berlin. Preise, meine Seele, den Herrn und alles in mir seinen heiligen Namen! Preise, meine Seele, den Herrn, und vergiß all seine Wohltaten nicht! Der verzeiht all deine Sünden, der heilt all deine Leiden, der erlöst vom Untergang dein Leben, der dich krönt mit Huld und Erbarmen, der sättigt mit Glück dein Leben, daß sich erneut, adlergleich, deine Jugend. Er schafft Gerechtigkeit, der Ewige, Gericht all den Bedrückten. Er kündete seine Wege dem Mose, den Kindern Israels sein Tun: Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und reich an Huld. Nicht für immer hadert er, und nicht für ewig grollt er. Nicht nach unfern Sünden tut er uns, und nicht nach unfern Vergehen vergilt er uns. Tenn so hoch der Himmel über der Erde, so stark wirkt seine Liebe über seine Frommen; so fern der Aufgang vom Niedergang, läßt er fern von uns unsere Sünden. Wie sich erbarmt ein Vater seiner Kinder, erbarmt sich Gott seiner Frommen. Denn er weiß, wie wir geschaffen, bedenkt, daß Staub wir sind. Ter Mensch — wie Gras sind seine Tage, wie die Blume , des Feldes so blüht er. Wenn ein Wind darübergeht, ist sie dahin, und es kennt sie nicht mehr ihre Stätte. Aber die Liebe Gottes ist von Ewigkeit zu Ewigkeit über seinen Frommen, und sein Wohltun noch für Kindeskinder, die seinen Bund hüten und seiner Gebote gedenken, sie zu. halten. Gott hat im Himmel seinen Thron errichtet, und seine Herrschaft waltet über alles. Preiset den Herrn, ihr, seine Boten, Heldenkräste, die sein Wort vollführen, folgsam seinem Rufe! Preiset den Herrn, all seine Scharen, seine Diener, die seinen Willen tun: Preiset den Herrn, all seine Merke, allüberall in seinem Reiche! Preise, meine Seele, den Herrn! In der Anthologie religiöser Lyrik, die unser Psalmenbuch birgt, können wir die Mannigfaltigkeit der Formen in den Offenbarungen des jüdischen Volksgernüts bewundern. Neben der urwüchsigen, feldblumenhasten Schönheit der Schice hamaaloth prangt wie eine gepflegte Gartenblume das kunstreiche Gedicht des frommen Sängers, neben der tiefsinnigen Herzensergießung des grüblerischen Denkers findet sich der liturgische Wechselgesang für den Kultus. Es gilt, den Sinn zu schärfen für jede Eigenart und nicht mit gleichein Maße zu werten, was nach Ort, Zeit und Anlaß sehr verschiedenen Ursprungs ist. Welch herbe Ungerechtigkeit liegt in dem Urteil eines hervorragenden modernen Erklärers über unfern Psalm, wenn er ihn mit den Worten kennzeichnet: „Eine geschmackvolle Zusammenstellung von allerhand schönen Sentenzen aus einer ziemlich umfangreichen Lektüre." (Duhm.) Zugegeben: es ist die Dichtung eines Gebildeten, der das Wort der Propheten kennt. Es scheint sogar, als 6b er, um seinen eigenen Worten größeren Nachdruck zu geben, die dem Mose verkündigte Offenbarung göttlichen Wesens und Wirkens geradezu nach dem Exvdus zitieren möchte. Aber was sonst an Gleichklängen uns entgegentönt, ist entweder in. seiner stilistischen Prägung religiöses Gemeingut jener Zeit, oder ein Gleichnis, das jedem bildhcht Denkeichen sich leicht gnfdrängt. Jedenfalls steht es dann hier in eigener Gestaltung und in sachgefordertem Zusammenhang. Es ist für die Wertbestimmung dieses Gedichtes bedeutungsvoll, daß es eben nicht eine erklügelte Zusammenstellung von ausgesuchten Bibelversen, sondern eine aus starker, einheitlicher Gemütsstimmung gSborene — um Schillers Bezeichnung zu gebrauchen — fentimentalische Dichtung ist, eine Gattung, deren Rocht nicht bestritten werden kann. Daß hier ein Dichter spricht und kein Schreiber, das verraten gleich die ersten Worte dieses erhaben anklingenden Hymnus. Das majestätische Rauschen dieser Rhythmen ist von zwingender Kraft. Den nicht naiven Dichter verrät schon in der Selbstaufforderung diese Scheidung im persönlichen Ich. Es singt und klingt in ihm zu jubelndem Dank, und sein Inneres soll zu immer vollerem Tönen angeseuert werden. Das schlichtere „ich will preisen" meidet dieser Dichter. Unsere Alten sahen nicht nur das Herz als den Sitz der Gefühle an, sondern auch Nieren und Eingeweide galten als Orte des Erregens für die Zustände des Gemütes. Rührend ist die Wiederholung der Aufforderung mit der schlichten Mahnung, nichts zu vergessen, was Gott an Beglückendem geschenkt hat. Mit der Voranstellung der^Tatwörter in der charakterisierenden Mittelform, gewohntes Stilmittel im Dankpsalm, läßt er die Fülle des gütigen, göttlichen Wirkens erkennen, das ihn aus der Tiefe von Sünde und Leid emporhebt zu beglückender Verjüngung. Die Vergleichung mit dem Adler ist wohl nur begründet durch den nachgefühlten Stolz im kraftvollen. SicherhÄen (ähnlich wie Jesaja 40, 31: „Die aus den Herrn hoffen, gewinnen stets neue Kraft, erheben die Schwingen wie Adler"), man braucht dabei wohl ebensowenig an die Mauserung der Vögel wie an Sagen in der Art des Vogels Phönix zu denken, Erklärungen, die übrigens schon Raschi gibt. Man nimmt meistens an, daß die Ueberwindung einer schweren Krankheit dieses preisende Danklied angeregt habe, und man muß zugeben, daß etwas von dem gesteigerten Lebensgesühl des Genesenden aus diesen Worten tönt. Daß hier wieder die alte Anschauung von der Krankheit als Strafe der Sünde zum Ausdruck komme, muß man freilich bestreiten. Davon ist hier um so weniger die Rede, als ja ausdrücklich hervorgchoben wird, daß Gott nicht nach unfern Sünden straft. Zudem kann das hebräische Wort (tachalu), das hier mit Krankheit übersetzt wird, auch in übertragenem und weiterem Sinne gebraucht werden. Vielleicht kann man überhaupt an einen andern Anlaß denken. Eine der eindrucksvollsten und ergreifendsten Festfeiern im Tempel zu Jerusalem bat der Gottesdienst am Versöhnungstage. Wenn der Hohe Priester dem lauschenden, hinknienden Volke das Wort zurufen konnte: „von allen euren

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