Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 16 (16.4.1930)
- Date
- 1930-04-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Xis Lösung vieser Fragen ist. ilar uni» deutlich aus allen fünf Vertragsentwürfen zu ersehen, die England in den letzten fünf Jahren Aegypten anbvt. Ties sind die wahren VerhAtnisse, trotzdem Aegypten als souveräner Staat bezeichnet wird. In der Tat steht Aegypten heute bereits unter dem Protektorat Englands. Tie anderen an Aegypten interessierten fremden Mächte, die oie Vorgänge im Nilland aufmerksam verfolgten, glaubten Englands Stellung schädigen zu können, wenn sie ihre Vorrechte uno Privilegien von Tag zu Tag erweiterten. Sie trachten danach!, von Aegypten so viel wie möglich zu erhalten, am liebsten so viel, wie England schon besitzt. Deswegen wurde Aegypten KuhhandeldbjÄt der internationalen Politik. England, das an der Spitze des Imperialismus marschiert und alle Kolonien und Halbkolonien mit eiserner Faust! regiert, braucht eine gesicherte Stellung in Aegypten, um von dort seine Hand weiter ausstrecken zu können. Aegypten besitzt die denkbar günstigste Vetkehrsanlage zwischen Asien, Afrika und Europa. Ter schmale Damm zwischen den Nebenmeeren der beiden großen Ozeane, der Suez-Kanal, bietet eine schnelle und sichere Wasserverbindung zwischen Konsumenten und Produzenten der Randländer Indischen und fast des ganzen Stillen Ozeans. Tiefer ägyptische Kanal hat manche Staaten an den beiden Weltmeeren zur Blüte gebracht, aber er tonnte auch ihren Niedergang bringen, wenn er im Besitze eines egoistischen Staates ist. In Aegyvten fand Großbritannien ferner den besten Fluchasen der Welt, infolgedessen beherrscht es von dort aus nicht nur den Verkehr seines Weltreiches zur See, sondern auch den in der Luft. Auch den Land verkehr lat England nach seinen Kolonien in Afrika und Asien, nachdem das Eisenbcchnprojekt der Kap-Kairo-Strecke beiiiahe fertiggestellt uno die Strecke Kairo—Karashi wahrschenürch schon begonnen A in der Hand. Ticke Tatsachen bestätigen, daß von der Stellung Englands in Aegypten die Stellung des imperialistischen Englands als Kolonialreich überhaupt abhängt. Heute, wo die unterdrückten Völker alles tun, um sich von dml imperialistischen Joch zu befreien, geht Aegypten nach einem halben Jahrhundert heißen Kämpfens den Weg wieder zurück. Die einflußreichste Partei in Aegypten „Zagloul- Partei" auch der „Wast/' genannt, hat die reaktionäre Politik ihres Begründers beibehalten. Wir haben heute in Aegypten ein Parlament mit 12 oppositionellen Mitgliedern, alle anderen sind Wasdisten. Tie jetzige Kairo-Regierung ist wasdistisch, und daraus wird ilar, warum in Aegypten Regierung und Parlament es begrüßt haben, daß mit London eine achte Verhandlungen für einen Vertrag abgehalten wird, obwohl aus jeder Verhandlung bisher deutlich zu ersehen war. daß England aus Aegypten eine britische Kolonie zu machen beabsichtigt. Wie sehr die jetzige Wasd-Regierung und das jetzige Wasd-Parlameut zum Nachgsben bereit sind, zeigt die bittere Tatsache ,daß sie den Geist der Henderson-Borschiäge begrüßten und als Basis für weitere Vorschläge ansahen. „Diese Vorschläge oes Arbeiterministers des Aeußern haben die a'eavptische Frage im Sinn und Geist des großen Imperialisten' Lord Milner", schreibt die Times. Dieser große Imperialist wollte Aegypten der Kette der britischen Kolonien anreihen, und nur rein formal sollte England die Unabhängigkeit des Landes erklären. Das letztere ist geschehen, für das erste ist ein Vertrag nötig, der höchst wahrscheinlick) auch zustande kommen wird. Tie heutige Parole in Aegypten lautet: „Besser etwas als nichts", und „die Unabhängigkeit können wir stückweise erlangen". Dahin geht auch d-e Neigung der ägyptischen Delegierten, die mit Englandverhandeln werden. Wenn diese Wasd-Telegierten einen Vertragsentwurf akzeptieren, so wird das Parlament zweifellos diesen Vertrag ratifizieren, wenn nicht von den Radikalen eure gewaltige Opposition getrieben wird. Es wäre eine Schande, wenn die 50 Jahre Befreiungskampf mit einer freiwilligen Versklavung Aegyptens enden würden. Emil Pincus 75 Jahre Lieber Herr Pincus! Tie Gemeindechronik meldet, daß Sie am 20. April 75 Jahre alt werden. Ta müßte ich also zu einem hochoffiziellen Festtagsartikel rüsten. Doch die offizielle Note glückt mir heute nicht, und so wähle ich diesen persönlichst Weg. Das ist, denke ich ,ein Beweis, daß der Glückwunsch von Herzen kommt. Arbeiten wir doch seit Jahren freundschaftlich in der liberalen Fraktion der Berliner Repräsentantenversammlung zusammen: Sie als der Aelteste, ich als der Jüngste dieses Kreises. Sie als der Aelteste? Nun, daß Sie in dieser Woche die Grenze der Fünfundsiebzig überschreiten, ist ja kein Geyeinrnis. Doch wenn ich in der Fraktion sehe, wie Sie noch immer für das Recht des Liberalismus gegen Erstarrung und Rückschritt eintreten, dann scheint es mir, als ob im Leben des Geistes auch Jahresadditionen oft nur Schall und Rauch sind. Gewiß: Viel Schweres kam für Sie in den Jahrzehnten zusammen, uub oft wohl kann heute der Körper auch nicht mehr so wie der Geist will. Doch dafülr habet: Sie auch das Herrliche eingetauscht: das beglückende Gefühl, segensreichgewirkt zu haben. Segensreich gewirkt zu haben nicht zuletzt auch in unseren jüdischen Kreisen. Seit denr Jahre 1905, also seit 25 Jahren, gehören Sie der Repräsentantenversammlnng der Berliner Jüdischen Gemeinde an. Wie hat sie sich in diesen 25 Jahren getvandelt! Und viele Jahre hindurch leiteten Sie die liberale Fraktion, die sich leider immer mehr — der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe — von den Aufgaben religiösen Aufbaus zur Abwehr der zionistischen Politisierungsbestrebungen wenden mußte. Seit Jahrzehnten gehören Sie dem Vorstand der Synagoge Lützowftraße an. Doch der schönste Gottesdienst war Ihnen wohl stets die soziale Tat. Schon vor Ihrem Eintritt in die Repräsentantenversammlung waren Sie viele Jahrzehnte hindurch in umfangreicher Weise ehrenamtlich in der damaligen Armenkommission, dem jetzigen Wohlfahrtsamt, tätig. Und nicht weniger als 40 Jahre, 40 Jahre!, gehören Sie dem Vorstand der Altersversorgungsanstalt an. Wie Sie dort gewirkt haben, mit welcher Energie Sie noch in diesen Jahren der antiliberalen Gemeindemehrheit im Interesse der Insassen dieser Anstalt der Einführung orthodoxer Neuerungen widersprachen, das ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde und des Berliner liberalen Judentums. Und ebenso wird nicht vergessen werden Ihr Wirken als Vorsitzender der Gesellschaft Hachnassath Kallah — zur Ausstattung armer Bräute — und Ihre Tätigkeit als Pflegevater im Brüderverein. Fünfundsiebzig Jahre! Lieber Herr Pincuö! Seien Sie stolz darauf, wie Sie die Jahre nutzten! Sei Ihnen gegeben, noch viele Jahre im gleichen Geiste weiterzuschassen! Uns aber lassen Sie an diesem Tage stolz darauf sein, daß wir Sie zu den Unseren rechnen dürfen. Ihr Sie verehrender Bruno W o y d a. « Aus den Gemeinden Borghorst. (2 y n a g o g e n e i n b r u ch.) Einbrecher drückte,: eine größere Fensterscheibe in ber jüdischen Synagoge ein, richteten im Inneren Verwüstungen an und stahlen fast sämtliche Silbersachen, Leuchter usiv. Der Einbruch wurde am 2. April entdeckt. Danzig. (Neues Präsidium der Jüdischen Gemeinde.) An Stelle des aus Gesundheitsrücksichten zurückgetretenen bisherigen langjährigen Präsidenten der Danziger Jüdischen Gemeinde, Justizrat Fabian, wurde der bisherige stellvertretende Präsident Justizrat Sander zum Präsidenten des Vorstandes der Gemeinde gewählt. Zum Vizepräsidenten wurde Dr. Möller gewählt. Duisburg. (A m t s j u b i l ä u m.) Rabbiner Dr. Neumark war am 7. April 25 Jahre lang in Duisburg tätig. Er war der erste Rabbiner in Duisburg und hat in den 25 Jahren seiner Wirksamkeit viele und schwere Arbeit geleistet, die ihm nicht nur in den Kreisen seiner Glaubensgenossen, sondern weit darüber hinaus Anerkennung zuzog. Die jüdische Gemeinde ehrte die Verdienste des Jubilars durch einen Festgottesdienst am Freitagabend in der Synagoge. Am Sonntagvormittag hielt Dr. Neumark in der Synagoge während des Gottesdienstes die Festpredigt. Im Gemeindehaus fand anschließend daran eine Feier statt, in der die Verdienste des Jubilars gewürdigt wurden. Wählend def feTef-ia^e 22/00 odeflictten Gerichte Hardenbergstrafle 27. gegenüber Ufa-Palast. Bismarck 9292. sire Frankfurt a. M. (Weihe des neuen Israelitischen K n a be n - E r z i e h u ii g s h e i m e s.) Rabbiner Dr. Lazarus weihte das neue Haus des Israelitischen Knaben-Erzichungsheimes in der Ebersheimer Straße 5 mit einer Rede ein, in der er allen denen Dank sagte, die am Zustandekommen des großen Werkes mitgeholfen hatten. Der Erbauer des Hauses, Architekt Willi Kahn, übergab das neue Heim durch Handschlag dem Vorsitzenden der „Julius und Amalie Flersheimsche Stiftung" und „Ignatz und Anna Siechel- Stiflung", Herrn Albert Rothschild. Dieser begrüßte die erschienenen Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, der Israelitischen Gemeinde und des Philantropin. Der jetzige Leiter der Anstalt, Elias Gut, versprach, das Werk der Erziehung und der Ertüchtigung der Knaben wie bisher weiter zu leiten. Bürgermeister Gras überbrachte die Glückwünsche des Magistrats: die Glückwünsche der Verwaltung der israelitischen Gemeinde sprach Herr Ettinger aus. Im Namen des Schulrats des Philantropin sprach Dr. Merzbach; namens der Lehrerschaft dieser Schule beglückwünschte Oberstudiendirektor Dr. Dri-esen die Leitung der Stiftung zu ihrem Erfolg. Das neue Heim ist in neuzeitlichem Stil erbaut worden; die Baukosten beliefen sich auf 193 000 Mark. Das Erdgeschoß enthält einen großen Spiel- und einen Lernsaal, die Bibliothek und den großen Spcisesaal. Im ersten Stockwerk befinden sich die Schlaft räume für die Knaben und die anderen Einrichtungen. Auf der Südseite des Gebäudes befindet sich ein freier Platz, der im Sommer den Knaben als Spiel- und Tummelplatz dient. Das Heim entstand ursprünglich aus einer Stiftung von Julius Flersheim, der 1863 kinderlos starb. Der erste Leiter war Jakob Auerbach. Später übernahm Prof. Dr. Krakau die Leitung der Anstalt. 1915 hat Ignatz Sieches eine Stiftung von 1,5 Millionen Goldmark für das Heim hinterlassen. Jedoch waren in der Inflationszeit die Mittel stark znsammengeschmolzen. Nun hat Herr Eugen Spier in London, selbst ein Zögling des Erziehungsheimes, eine Stiftung von 100 000 Reichsmark zur Erbauung eines neuen Heimes gemacht. Im Mai 1929 wurde mit den Bauarbeilen begonnen, am 23. Juni 1929 wurde der Grundstein gelegt und am letzten Sonntag konnte das neue Heim feierlich seinen Zwecken übergeben werden. Frankfurt a. M. (Hohes Alter.) Am 17. April 1930 feiert der Schneidermeister I. Weishaupt seinen 80. Geburtstag; er ist Altveteran von 1870/71, er war als Unisormschneider für Stadt und Staat sehr bekannt. Auch war er in früheren Jahren vielfach ehrenamtlich tätig. Er ist Ehrenvorsitzender des Vereins selbständiger israelitischer Handwerker und Gewerbetreibenden zu Frankfurt a. M. Gießen. (Vom Oberrat des hessischen Landesverbandes.) In seiner letzten Sitzung beschloß der Oberrat des hessischen Landesverbandes, dem 56 oberhessische Gemeinden angehören, für Oberhessen einen Wanderlehrer anzustellen. Ebenso soll für das Lektorat der rabbinischen Wissenschaften an der Landesuniversität Gießen auch im Sommerhalbjahr 1930 vom Landesverband eine finanzielle Unterstützung gewährt werden. Das der philosophischen Fakultät zugeteilte Lektorat hat zur Zeit Dr. Samuel Bialoblaki übernommen. Gladbach-Rheydt. (Todesfal l.) Die Ehrenvorsitzende des Israelitischen Frauenvereins, Frau Alexander Cohnen, ist im seltenen Greisenalter von 89 Jahren aus unserer Mitte geschieden. Durch ihr« Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit hat sich die Entschlafene in den Herzen aller Gemein-demitglieder ein dauerndes dankbares Gedenken gesichert. Der Israelitische Frauenverein wird ihr selbstloses und vorbildliches Wirken in dankbarer Erinnerung behalten. Güsten. (Eine Synagoge ohne Gemeinde.) Dem „Wochenblatt für den Synagogenbezirk Erfurt" entnehmen wir: In Güsten (Kreis Bernburg) befindet sich eine Synagoge, die vor vielen Jahren, als es noch eine große Anzahl israelitischer Familien gab, erbaut wurde. Da jedoch im Laufe der Jahre die Israelitische Gemeinde bis auf eine aus drei Köpfen bestehende Familie zusammengeschmolzen ist, ist die Synagoge, die beträchtliche Ausmaße hat. verwaist und mit der Zeit baufällig geworden, daß die Polizeivevwaltung ihrer Vorgesetzten Behörde gegenüber jede Verantwortung ablehnt. Nunmehr beabsichtigt die Stadt, das Grundstück zu erwerben. Der Magistrat schlägt zu diesem Zweck die Verabschiedung eines Gesetzes durch den anhaltischen Landtag vor, nachdem die Eigentumsrechte einer israelitischen Gemeinde auf den Staat übergehen. Ferner müßten durch Gesetz und Satzungen der israelitischen Kultusgemeinde in Güsten aufgehoben werden, da die Satzungen bestimmen, daß die Synagoge nur dann abgebrochen werden darf, wenn sie durch eine neue ersetzt tvird. Auf den Ausgang dieser Sache ist man gespannt. Heidelberg. (Jubiläum.) Bezirtsrabbiner Dr. Hermann Pinkuß beging kürzlich sein 30 jähriges Amtsjubiläum am Platze. Der Jubilar hatte persönliche Ehrungen abgelehnt; die Gemeinde beabsichtigt daher, einen Kultgegenstand zur bleibenden Ehrung an die segensreiche Wirksamkeit ihres geistigen Führers zu stiften. Die Wünsche des Synagogenrats überbrachte Oberrat Dr. Kaufmann, der vom Synagogenrat begleitet war. In seiner Ansprache wies er auf die versöhnlick)e, friedfertige Amtstätigkeit des Jubilars 'hin, der sich in seinem Bezirk und innerhalb der Gemeinde allgemeiner Verehrung erfreue. Die Heidelberger Friedrichloge, der Rabbiner Dr. Pinkuß seit 30 Jahren, zeitweise als deren Präsident, angehört, ließ ebenfalls ihre Glückwünsche aussprechen. Auch außerdem wurde der Jubilar von vielen Seiten geehrt. Königsberg. (R e p r ä s e n t a n t e n >v a h l.) Bei der am Sonntag, den 6. April, stattgefundenen Wahl zur Repräsentantenversammlung der Synagogcngemeinde waren 4 verschiedene Listen aufgestellt. 1850 von 2960 eingeschriebenen Wählern beteiligten sich an der Wahl. Die Wahlbeteiligung betrug 61 <y0. Es wurden abgegeben: Für Liste 1 der Bereinigten Jüdischen Mittelparteien 640 Stimmen. Auf diese Liste, die 1 Sitz gegen früher gewann, entfielen 5 Sitze. Für Liste 2 der Bereinigung für liberales Judentum wurden 533 Stimmen ah^ geben. Tie Partei erhält 4 Sitze und verliert ^rgcit früher S. Die Liste 3 der Jüdischen Boikspartei (Zionisten und Angehörige der Alten Synagoge) erhielt 451 Stimmen. Die Partei erhält 3 Sitze und' verliert gegen früher 1. Liste 4 der Jüdisch-konservativen Vereinigung erhielt 244 Stimmen und 2 Mandate, die beide gegenüber früher gewonnen sind. Die Liste der Jüdischen Volkspartei war mit der der Jüdisch-konservativen Vereinigung verbunden. Die Zusammensetzung der Repräsentanteilversammlung beträgt: 11 Mitttlparteiler (früher 10), 8 Liberal: (früher 10), 6 Bolksparteiter (früher 7), 3 Orthodoxe (früher 1). Oberhausen. (Todesfal (.) Der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Albert Eckstein, ist nach langem schweren Leiden gestorben. Die Gemeinde beklagt das Hinscheiden ihres Führers, der 36 Jahre als Repräsentant und Vorsteher mit unermüdlichem Eifer für ihre Interessen tätig war, aufs tiefste und ivird sein Andenken stets in treuer Erinnerung behalten. Aus der Bewegung Berlin. (Julius B a b und Heinrich Stern sprechen.) Die neugegründete Bezirksgruppe Westen hielt am Montag, den 7. April, im Brüdervereinshaus ihre erste öffentliche Versammlung. Ihr Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander, legte in seinen Begrüßungsworten den Anwesenden die dem Liberalismus drohende Gefahr eindringlich nahe. Mit allen Mitteln würde von orthodoxer Seite wie von der Volkspartei versucht, dem Liberalismus den Boden abzugraben. Vom Ausgang der Wahlen in diesem Herbst hinge die Politik der Jüdischen Gemeinde und damit das Schicksal des jüdischen Liberalismus in Berlin ab. — Der bekannte Schriftsteller Julius Bab entwickelte etwa folgende „Gedanken über den Liberalismus und das Judentum": Die liberale Idee scheint heute ohne Werbekraft, die Zeit scheint gegen sie. Emporgetragen von der französischen Revolution, wurde nach einer 100 jährigen Herrschaft der Gedanke des maßgeblichen Individuums und seiner Freiheit von einer Gegenströmung abgelöst, die besonders in Deutschland mächtig wurde, weil hier nach dem Versagen der 48 er Revolution das Bismarcksche Deutschland mit Blut und Eisen zustandegebracht wurde. Auch der Zusammenbruch des Kaiserreichs hat bisher dem Liberalismus nicht geholfen, denn die .tzestigteit der Bewegung ging über ihn hinweg, und im fascistischen wie im sozialistischen Ideal wird das Grundprinzip des Liberalismus in gleicher Weise geleugnet und der Mensch der Masse völlig ausgeliefert. Gerade deswegen aber muß eines Tages der Rückschlag kommen und das nie zu betäubende Jchgefüht des Einzelmcnschen seine Ansprüche geltend machen. — Nicht anders als für die Gesamtheit liegt die Frage auch für das liberale Judentum. Als eine von religiöser Kraft gebildete und dabei von keinem Dogma umgrenzte Gemeinschaft »var das Judentum ein Jahrhundert dem Liberalismus offen. Der Geist, der das Individuum nicht den Formen unterwarf, sondern das Recht der Form an dem Bedürfnis des geistigen Individuums maß, schien immer siegreich fortzuschreiten. Aber die Orthodoxie hielt, vor allem genährt durch die östliche Zuwanderung, aus und hat im letzten Menschenalter einen mächtigen Verbündeten bekommen im Zionismus, einer Bewegung, die — eine vollkommene Assimilation an die allgemeine antiliberale Bewegung in Deutschland — auch das Judentum statt auf die Tradition seines Geistes auf das dunkle Mysterium von Blut uud Eisen bauen möchte. — Zum Teil mag die heutige Bedrängnis des Liberalismus im Judentum verschuldet sein, weil in seinem Lager Lässigkeit, ja Gleichgültigkeit erst den Erfolg der Gegner möglich gemacht hat. Aber dieser wirkt Gutes, indem er den tiefen uud berechtigten Gedanken des Liberalismus wieder wachruft. Eine Religion, deren Propheten Recht und Gerechtigkeit als die Pfeiler des göttlichen Throns preisen, wird zerstört, wenn ihre Menschen nach dem Prinzip von Blut und Eisen organisiert werden. Gerade innerhalb jeder nationalen Kultur durch die reine Macht des Geistes vereint zu bleiben, war nicht die Schwäche, sondern die innerlichste Kraft des Judentums. Und im innersten Sinne fühlen sich die Juden trotz aller Anfeindung immer noch verwandt mit den Deutschen, die man mit Recht ein „Volk der Religion" genannt hat. Die Idee der gei- Uli I PDirU Eisspeisen / Feingebäck ■ ■ ILLDIxlSn Ostergeschenke Bestellungen memur 4871-71 BismtrcK 8828 und 9468