Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 15 (9.4.1930)
- Date
- 1930-04-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kompromiß halten, so müssen sie von oer Voltspartei das gleiche verlangen. SelbstverstäMich sann ebenso wenig von jedem einzelnen Mitglied der BolfApartei erwartet werden, daß er persönlich sich an die Vereinbarungen der Fraltion Mt, wie jedes einzelne Mitglied der liberalen Richtung an die seinerzeit getrossene Einigung gebunden ist. Ebenso wie ein Vertreter der Mindecheit der Liberalen, Herr Sanitätsrat Tr. Peyser, seinen abweichenden Standpunkt hinsichtlich des Ausl'änderwahlrechts mit Entschiedenheit und gleichzeitig mit absolut loyaler Anerkennung des abweichenden Standpunktes der- Mehrheit früher und neuerdings im Landesverband vertreten hat, ebenso wie draußen im Lande vielleicht wirklich hier und dort einzelne Liberale ihren abweichenden Standpunkt nicht nur vertreten, sondern auch betätigen, ebenso wird bei der Bols'spartei die gleiche Erscheinung zu beobachten sein. Wenn aber ein offizieller Reimer der Bolkspartei, wie es bei der letzten Verbandstagung geschehen ist» den Standpunkt vertritt, daß eine längere Karenzzeit als drei Monate nicht zulässig sein dürfe, so ist das ein erheblicher Verstoß gegen die Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen, auf den hingewiesen und der zurückgewiesen werden muß. Tabei wag man im einzelnen über oen Wert der Karenzzeit höchst verschiedener Meinung sein. Ich persönlich halte sie für völlig wertlos. Es gibt zweifellos Personen genug, die sich schon in ihrer früheren Heimat mit deutschem .Kulturgut so vertraut gemacht haben, daß niemand Bedeuten tragen könnte, sie alsbald nach ihrer Zuwanderung über die Verwaltung einer deutschen Gemeinde maßgebend mitbestimmen lassen. Und es gibt ebenso zweifelhaft Personen, die schon längere Jahre in Deutschland wohnen, und die noch so wenig dasjenige begriffen haben, was man in Deutschland aus Grund jahrzehntelanger Tradition unter einer jüdischen Gemeinde versteht, wie jener Führer der Jüdischen Volks- Partei, Herr Benzion Fett, der bei der Verbandstagung am 30. März 1930 mit Emphase ausgerufen hat: „Es wird Ihnen - den Liberalen — nicht gelingen, die jüdischen Gemeinden zu Religionsgemeinden zu degradieren." Für die Parteien kann trotz dieser Bedenken, ob man gerade mit der Zulassung der zweijährigen Karenzzeit die richtige Lösung geftnoen hat, nur das Kompromiß die Richtschnur sein. Allerdings beruht das Kompromiß, und das ist in der Tebalte vom 30. März von dem Vorsitzenden der Liberalen Vereinigung, Rechtsanwalt Heinrich Stern, unter starkem Beifall oer Mehrheit der Versammlung mit Nachdruck hervorgehoben worden, au, der Erhaltung des Charakters der deutschen jüdischen Gemeinden. Tie Mehrheit der Liberalen stimmt dem Wahlrecht der Ausländer zu. gerade weil die jüdischen Gemeinden R e l i - gionsgemeinden sind, in denen jeder Glaubensgenosse sein Mitbestimmungsrecht haben soll. In oem Augenblick, in dem im Sinne des Herrn Fett, des offiziellen Vertreters und Redners der Jüdischen Bolkspartei die Gemeinden den Charakter als Religionsgemeinden verlieren würden, würde diese für die Liberalen entscheidende Erwägung in Wegfall kommen. Tiefer Augenblick wäre nicht nur das Ende des Judengesetz-KvmPromisses von 1928, sondern darüber hinaus das Ende der einheitlichen deutschen jüdischen Gemeinden. . Amschau Jahresversammlung der Liberalen Synagoge Englands. In der am Sonntag, den 3O. März, abgehaltenen Jahresversammlung der liberalen Synagoge Englands erstattete der Präsident der liberalen Synagoge, Tr. Claude G. Montesiore, Bericht über das synagogale Leben im vergangenen Jahre mw führte aus, es sei unbestreitbare Tatsache, daß innerhalb des Judentums im allgemeineil wie innerhalb der liberalen Synagoge im besonderen ein erhöhter Eifer sich bemerkbar macht, die Fundamente der Religion zu erörtern. Zweifellos ist das Interesse für die Religion im Wachsen begriffen. Tas liberale Judentum muß bereit sein, die geistigen und geistlichen Bedürfnisse jener zu befriedigen, die im orthodoxen traditionstreuen Judentum steine Befriedigung finden können. Tie Zahl der Mitglieder der liberalen Synagoge hat sich stark vermehrt, so daß man bald an die Gründung weiterer liberaler Kongregationen wird schreiten müssen . Hierzu wird das vom verstorbenen Herrn Bernhard Baron der liberalen Synagoge hinterlassene Vermächtnis von IO 000 Pfund von großem Nutzen fein, und die Erinnerung an den verstorbenen großen Philantropen gewahren. Rabbi Mattuck berichtete über die Mitarbeit der liberalen Synagoge an den Werken der gesamten jüdischen Gemeinschaft, wie Errichtung eines Zentrums stir jüdische Studenten, Begründung des Vereinigten Wohlfahrtssonds u. a. m. Miß Lily H. Montague sprach die Hoffnung aus, daß die im Juli d. Js. in London stattfindende dritte Weltkonferenz des liberalen Judentums gut besucht sein werde; in allen Ländern macht sich ein starkes Interesse für die Konferenz bemerkbar. — Dem Bericht ist zu entnehmen, daß im Jahre 1929 zehn Proselyten ausgenommen wurden. 93 Mitglieder wurden im Berichtsjahre eingetragen. Zum Schluß des Berichtes wird erwähnt, daß die offizielle Haltung der liberalen Synagoge gegenüber der Jewish Agency eine vollkommen neutrale sei; die Synagoge hat die Einladung des Board os Teputies, zusammen mit anderen bedeutenden jüdischen Genreinden in die Jewish Agency einzutreten, nicht angenommen. Zusammenarbeit milteleurvpäischer Mischer Gemein den in der Wanderfürsorge. Ans Anregung der Wiener Kultusgemeinde fand im Hauptversammlungsgebäude eine Tagung aller österreichischen Gemeinden statt, die das Problem der Wanderfürsorge für Oesterreich zum Gegenstand hatte. Die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge in Berlin war durch Dr. Max Kreuzberger, der Verband bayrischer israelitischer Gemeinden durch Justizrat Dr. Elias Straus vertreten. Ferner waren anwesend Vertreter der tschechischen Gemeinden Prag, Brünn und Lundenberg. Die Tagung wurde eröffnet durch eine Begrüßungsansprache des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Generaloberstabsarzt Dr. Pick. Für das Präsidium der Kultusgemeinde waren ferner erschienen der Vizepräsident Dr. Orenstein, Herr Dr. Löwenherz und Dr. Klaber. Justizrat Dr. Straus überbrachte die Grüße der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden. Dr. Kreutzbevger hielt daraufhin ein Referat über „Stand und Aufgaben der Organisation der Wanderfürsorge in Deutschland". Er zeigte, welche Notwendigkeit sich für eine Organisatton der Wandersürsorge in Deutschland ergeben hat, und welche organisatorischen und fürsorgerischen Erfolge in Deutschland nach vierjähriger Arbeit zu erzielen waren. Er wies auf die internationale Verpflichtung der jüdischen Wanderfürsorge hin, die eine enge Zusammenarbeit aller an der Wandersürsorge interessierten Länder Europas dringend notwendig erscheinen läßt. Justizrat Straus ergänzte diese Ausführungen durch den Hinweis auf die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Oesterreich, da die beiderseitigen Grenzgemeinden nicht in der Lage sind, von sich aus die Frage der Wanderfürsorge zu regeln. In der Diskussion kamen beinahe alle österreichischen Gemeinden zu Wort. Es wurde einstimmig die Meinung kundgetan, daß eine organisatorische Rege.ung der Wandersürsorge in Oesterreich unerläßlich sei, und daß alle Maßnahmen ergriffen werden müssen, um nunmehr endgültig eine zentrale Wanderfürsorgestelle in Wien zu begründen, die im engen Konnex mit der deutschen Schwester organisation zu arbeiten hätte. Die Vertreter der tschechischen Gemeinden berichteten von den bisherigen Ergebnissen ihrer Zusammenarbeit mit der deutschen Zentralorganisation, die sich sehr gut bewährt habe. Sie forderten dringend die Organisation der österreichischen Gemeinde und gegenseitige Unterstützung. Tie Vertreter der Wiener Kultusgemeinde gaben auf Grund der Berichterstattung des Herrn Engel, des stellvertretenden Fürsorgedezernenten der Kultusgemeinde, die Erklärung ab, daß sie die Dringlichkeit der Ausgaben seit Jahren sehen, und daß sie nunmehr mit Energie daran gehen wollen, eine der deutschen ähnliche Organisation auch für Oesterreich zu schassen. Es wurde eine Resolution angenommen, dergemäß sich die Wiener Kultusgemeinde bereit erklärt, der deutschen Organisation in Form einer Landeskasse beizutreten, indem sie die Erwartung ausspricht, daß die Tschechoslowakei sowie Polen, Ungarn und Jugoslavien sich ebenfalls der Zentralorganisation anschließen werden. Träger der Organisation soll die Gesamtheit der österreichischen Gemeinden sein. Die Geschäfte wird die Fürsorgezentrale der österreichischen Kultusgemeinde Wien besorgen. Außerdem sind LGtensnihe Her fiten istdieForderung, diezuerstvom liberalen Judentum erkannt und erhoben worden ist. Sie kann nicht erfüllt werden, wenn wir einengende Formen für das Wesen des Judentums halten oder wenn wir die Aufgaben des Judentums außerhalb unserer eignen Heimat suchen. Darum: unterstützt und fördert den „Hilfsfonds des liberalen Judentums“! Die Namen der Spender werden fortlaufend in der „Jüdisch-liberalen Zeitung veröffentlicht. — Alle, die ihren Sonderbeitrag noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich Mk. 10. — auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.“ Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muss durch einen Beitrag zeigen, dass er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! vereiRipig idt ms literale JBdentuni L v. Fürsorgestetlen in Aussicht genommen in den an der Grenze liegenden Gemeinden. Die Tätigkeit der neuen zentralen Wanderfürsorge erstreckt sich auf die Befürsorgung von durch Oesterreich durchreisenden Wanderern; eine produktive Wandersürsorge ist vorerst nur insoweit in Aussicht genommen, als sie sich in den Rahmen der bereits bestehenden oder zu gründenden Institutionen für die dauernd ansässige jüdische Bevölkerung einsügen läßt. Die Organisation wird sich mit den durch die besonderen Verhältnisse gebotenen Aenderungen der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge einsügen. (Ita.) Die „negroide jüdische Kmist". Am Freitag, den 4. Avril, hatte bei Beratung des Kultus-Etats im Preußischen Landtag der deutschnationale Abgeordnete Koch-Berlin u. a. sich auch sehr gegen die „negroide jüdische" Kunst ausgesprochen. Am darauffolgenden Sonnabend wies der demokratische Abgeordnete Dr. Bohnen diese Angriffe als durchaus ungerechtfertigt zurück und erklärte, es sei bedauerlich, daß gerade die Leute ans der Rechten, die immer glaubten, allein das deutsche Volkstum repräsentieren zu können, doch z. B. ( bei Ausgestaltung des Museums für deutsche Volkskunde völlig versagt hätten; dagegen stamme gerade auch in diesem Museum mindestens jeder -k Gegenstand aus Spenden israelitischer Staatsbürger. Ans de« Gemeinde« «lhltM. (Direktor Wechsel in der Israelitischen G a rte nba u s ch u l e.) Am 1. April dieses Jahres tritt der Direktor der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, Herr Albert Silberberg, aus Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand. 33 Jahre hatte er die Leitung der Anstalt und hat in aufopfernder hingebungsvoller Weise die Anstalt aus kleinsten Anfängen zu ihrer jetzigen Größe und Bedeutung gebracht. Gleichen Sinnes und Wollens mit dem Gründer, Herrn Konsul A. Simon, hat er stets darauf hingewicsen, daß Ahlem innerhalb der deutschen Judenheit und der Geftmtjudenheit berufen ist, eine führende Rolle zu spielen in der Rückführung und Umschichtung zum Ackerbau und Handtverk. Fast 1200 Lehrlinge sind in dem fast 80 Morgen umfassenden Betriebe ausgebildet und gehen in aller Welt ihrem Berufe nach, zeugend von der gewaltigen Kulturleistung Ahlems. Herr Direktor Silberberg bleibt in Hannover wohnen. Er wird sein reiches Wissen und seine langjährige Erfahrung der Anstalt auch weiterhin zur Verfügung stellen. Zu seinem Nachfolger wurde Herr Leo Rosendlatt, bisher im Schuldienst der Stadt Berlin, berufen. Berli«. (Jakob Wassermann liest für die „Jüdische A l te rs hil f e".) Am Sonntag, den 6. April, las der große Romanschriftsteller Jakob Wassermann im Saale der Deutschen Gesellschaft in der Schadowstraße zugunsten der Jüdischen Altershilfe aus seiner noch unveröffentlichten Mauritius-Fortsetzung, aus dem „Etz et"-Rom an vor. Die Proben zeigten den Dichter wieder als spürenden Mcnschengestalter und grübelnden Psychologen, dessen Werk freilich wohl auch nicht ganz frei von Konstruktion ist. Wassermann las außerordentlich eindringlich, plastisch und wirkungsvoll vor. Reicher Beifall lohnte ihm. Es ist ihm in herzlicher Meise dafür zu danken, daß er seine Kunst wieder einmal in den Dienst der guten Sache gestellt hat. Berlin. (Kundgebung des H i l f s v e r e i n s.) Anläßlich des 30 jährigen Bestehens des Hilfsvereins der D-eutschen Juden luden Frau Katharina v. Kardorfs und .Herr Dr. James Simon zu nnem Vortragsabend in den Festsaal von Kroll ein. Generalkonsul Landau begrüßte die Erschienenen, unter denen man den Reichsbankpräsidenten Dr. Luther, Prof. Dr. Einstein, Polizeipräsident Zörgiebel und viele führende Persönlichkeiten aus Politik, Wissens schast, Kunst und Wirtschaft sah. Durch den Tod von Dr. Paul Nathan hätte der Hilfsverein einen unersetzlichen Verlust erlitten, doch würde dieser im Sinne seines Mitbegründers loeitergeführt. Alsdann gab er einen kurzen Bericht über die großzügige .Hilfstätigkeil des Hilfsoereins, die besonders an ostjüdischen Hilfsbedürftigen geleistet wird. Ohne Rücksicht auf Parteieinstellung lindere der Hilfsvercin die Not, wo cs erforderlich ist. Frau v. Kardorfs forderte insbesondere die Frauen auf, an der Seite ihrer Männer soziale Arbeit zu leisten. Erst wenn wir die Pflichten unseren Mitmenschen gegenüber erfüllt haben, können wir selbst glücklich sein; hierbei ist es gleichgültig, welche religiöse Anschauung wir haben. Dr. Rudolf Breitscheid bezeugte als Nichtjude seine Sympathie, seinen Respekt und seine Bewunderung für dieses große soziale Hilfswerk. Es wäre die beste Propaganda für Deutschland, das den sozialen Gedanlen in die Wirklichkeit umzusetze» als erstes Land begonnen habe, wenn man den Ostjuden, diesen durch Verhöhnung, Quälerei und Unterdrückung gepeinigten Menschen hilft, indem man sic kulturell, wirtschaftlich und sittlich hebt. Reichsminister a. T. Dr. Rcinhold betont, daß die Organisation des Hilfsvereins soziale Einstellung mit deutscher Gründlichkeit und jüdischer Herzensbildung verbinde. Wir alle müssen daran Mitarbeiten, daß über die Grenzen aller Parteilichkeit, über die Grenzen der Nation dem Menschheitsgedanken zur Verwirklichung geholfen wird. Staatssekretär Schössers betont, daß die Juden, die sonst' gerade in den letzten Jahren durch ihre verschiedene religiöse und politische Einstellung zersplittert sind, hier im Hilfsverein die Möglichkeit finden, überparteilich zusammen^uarbeiten zum Wohle und zum Segen des Judentums und der gesamten Menschheit. Willy DreifuS dankt den Rednern und den Erschienenen dafür, daß sic durch ihr reges Interesse zu dem Gelingen dieses Abends beigetragen haben und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß alle Mitarbeiten werden, um die Tätigkeit des Hilfsvereins zu fördern und zu erleichtern. Berlin. (Todesfall.) Vor kurzem verstarb der hervorragende Arzt und Gelehrte in Berlin-Tempelhos Dr. E. Pinczower, der in den gelehrten jüdischen Kreisen Berlins großes Ansehen genoß und auch im Gemeiirdeleben und in der sozialen Wohlfahrt intensiv tätig war. Er verfügte über ein immenses jüdisches Wissen und war auch ein angesehener Buch- und Kunstsammler. Seine Bibliothek der Hebraica und Judaica genießt einen Ruf, man hofft sie als ganze erhalten und jüdischen gelehrten Zwecken zusühcen zu können. Berlin. (Todesfalls Vor einigen Tagen ist eines unserer eifrigsten und interessiertesten Mitglieder, Herr Adolf Wilhelmy, nach längerer Krankheit kurz vor Vollendung seines 74. Lebensjahres gestorben. Herr Wilhelmy war jüdisch stark interessiert und hatte mehrfach im. Gottesdienst Ehrcnfunktionen in ne. Aber ganz besonders, für das liberale Judentum bedeutete seine Arbeit eine große Bereiche rung der Bcivegung und wir trauern mit den Angehörigen um den Tod dieses selten eifrigen Mannes. Breslau. (0 0. Geburtstag.) Am 2tt. März beging das libernc Mitlglieb der Gemeindevertretung, Herr Handelsgerichtsrat Max Gins, seinen 60. Geburtstag. .Herr Gins ist seit einer Reihe von Jahren der Vorsitzende des Haushattsausschusses der Gemeinde und pflegt alljährlich die Etatsberalung durch ein von großer Sachkunde zeugendes Finanzreferat einzuleiten. Auch im liberalen Kultus- .ausschuß und im Schulausschuß ist er ein wertgeschatzter Mitarbeiter. Ferner gehört er dem Vorstände des liberalen Vereins und dem Preußischen Landesverbände jüdischer Gemeinden als Abgeordneter seit dessen Begründung an. Vorstand und Gemeindevertretung hatten es sich nicht nehmen lassen, dem langjährigen Repräsentanten ihre Glückwünsche aus diesem Anlasse zu übermitteln. Möge es dem rüstigen Sechziger vergönnt sein, noch lange zum Wohle unserer Gemeinschaft zu wirken. Breslau. (R e p r ä s e n t a n t e n s i tz u n ß.) Tie Sitzung der Gemeindevertretung am 3. April d. I. beschäftigte sich in der Hauptsache mit der Beratung des Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1930/31. Diese wurde durch ein Finanzrcserat des Vorsitzenden des Etatsausschusses, des Gemeindevertreters Gins (lib.), eingeteitet. Er richtete den Blick zunächst auf das vergangene Jahr und betonte, daß man trotz der Not der Zeit mit den bewilligten Steuern ausgekommen sei, daß sogar noch etwas vom Bctriebsstocke übrig geblieben wäre. Besonders Ersprießliches habe das Wohlfahrtsamt geleistet, das auch das Jugendheim installiert habe. Die Breslauer Gemeinde habe in Bezug auf Fürsorge mehr getan als andere Gemeinden; gebe sie doch 30 <>'o ihres Etats dafür aus. Ta weite Kreise der Gemeinde verarmt tvärcn, so müßten die Fürsorgebestrebungeu dahin zielen, Eixstenzeu wieder aufzurichten. Tie Steuerschraube dürfe nicht zu stark ungezogen werden. Unsere Zensiten konnten sich schwer umstellen. — Der vorliegende Etat sei als ein Notetat zu betrachten; alle Luxusausgaben seien vermieden worden. Viele Wünsche und .Hoffnungen habe man auf bessere Zeiten zurückstellen müssen; man habe sich Beschränkungen auferlegen müssen. Der Etat sei mit Sorgfalt aufgestellt worden und wiese nur geringe Abweichungen gegen das Vorjahr auf. Der Referent dankt dem Vorstande und den Beamten für die geleistete Arbeit und macht einen kurzen Gang durch den Etat. Er verlangt, daß die Mieten für die wirtschaftlich benützten Räume neu bemessen würden. Er »veist die Kritik, die die Fürsorge in der Oeffentlichkeit erfahren habe, als abwegig zurück, betont, daß aus den Zahlen sich nicht schließen lasse, welche Tätigkeit das Wohlfahrtsamt ausgeübt habe, und übt seinerseits scharfe Kritik an den Methoden des Arbeitsnachweises, dessen Umorganisation dringend notwendig sei. Die Ausgaben für die konservative Religionsunterrichtsanstalt ständen in einem Mißverhältnis zur geringen Schülerzahl. Für die Neue Synagoge müsse ein Ausbesserungsfvnds von 100 000 bis 120 000 RM. geschaffen tverden. Die Kosten der Zweiggottesdienste müßten herabgesetzt werden. Nur der Grabpflege Etat bringe einen kleinen Ueberschuß. — Der zionistische Gemeiridevertreter Jacobsohn benützte die Etatsberatung zu scharfen Ausfällen gegen den Vorstand. Er begrüßte zwar die Errichtung des Jugendheims und lobte die korrekte Verwaltung, warf aber dem Vorstände einen bedenklichen Mangel an schöpferischer Arbeit und an Ertveiterung des Arbeitsgebietes vor. Die Gesamtheit des jüdischen Lebens müsse erfaßt werden. Er tadelt den Fraktionszwang und vermißt die lebendige Berührung mit dem Leben. Die Außenbezirke der Stadt müßten erfaßt werden. Sein besonderes Interesse wendet der Redner dem unter der Ueberschrift „Zur Aufklärung" in der März-Nummer des Breslauer Jüdischen Gcmcindeblattes erschienenen Artikel des Gemeindevorstandes zu. Dieser bildet die Antwort auf den Artikel „Wandlungen?", der am 28. Februar d. I. in der hiesigen Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland erschienen war. Er identifiziert sich mit dem Inhalt des Artikels „Wandlungen?" und fragt den Vorstand, ob er die Jüdische Zeitung im Gemeindeblatte zu Worte kommen lassen wolle. Er vermißt im. Etat die Ausgaben für die kulturellen Aufgaben, wie jüdische Schule und hebräische Sprachschule und will der Gemeinde den Kampf gegen den Antisemitismus zuweisen. Auch um dm jüdischen Ausbau Palästinas müsse sich die Gemeinde kümmern. Der Vorsitzende des Vorstandes weist in seiner Erwiderung mit aller Entschiedenheit darauf hin, daß der Artikel der Jüdischen Zeitung nach Form und Inhalt schwere Kränkungen des Vorstandes enthalten habe, die schwer zu widerlegen seien, weil sie sich in allgemeinen Redensatten ergehen. Gemeindevertreter Spitz weist die Verdächtigung zurück, die Liberalen hätten keine Verbindung mit