Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 15 (9.4.1930)
- Date
- 1930-04-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1 beilage erweitert werden. Angenommen wird ferner ein Antrag, Wilhelm Marens der den Gemeindevorstand um Prüfung ersucht, ob es möglich wäre, den Versand des Gemeindeblattes, der große Summen beansprucht, in eigene Regie zu übernehmen, und zwar so, daß durch Austragen desselben einer großen Zähl Erwerbslosen Verdienstmöglichkeiten geboten werden. Entsprechend der im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden getroffenen Regelung wird beschlossen, das Statut dahingehend zu ändern, daß das Wahlalter vom 21. auf das 20. Lebensjahr herabgesetzt wird. Auf Grund eines Antrages der Repräsentanteuverjammlung, am Vorabend des Simchas-Thora-Festes in den Ge meindesynagogen Ansprachen an die Kinder halten zu lassen, hatte der Vorstand Gutachten der Gemeinderabbiner eingefordert. Da von der Mehrzahl der Gemeinderabbiner Bedenken geäußert wurden, die nach Ansicht des Vorstandes einer gewissen Berechtigung nicht entbehren, hat dieser von einer generellen Vorschrift Abstand genommen. Von libe räler Seite geben die Repräsentanten Jaulus und Ehrenreich ihrem Bedauern über die Stellungnahme der Rabbiner und des Vorstandes Ausdruck. Aus dem Gutachten des Koste giums der Gemeinderabbiner ist insbesondere der Schlußsatz von Interesse, der lautet: „Von der Ansprache eines Laien in der Synagoge im Rahmen einer gottesdienstlichen Veranstaltung bitten wir grundsätzlich abzusehen." In der nicht öffentlichen Sitzung hat sich die Versammlung mit einem Vertrage der Gemeinde mit dem T.J.G.B. zu befassen, nach dem sie, unter Wahrung der Rechte des etwa zu gründenden Reichsverbandes die Anstalten des T.J. G.B., und zwar das Jüdische Jugend- und Lehrheim in Wolzig, das Mädchenheim in Berlin-Cöpenick, Erziehungsheim Belitz und das Jüdische Dauerheim Berlin-Weißensee übernimmt. Der Vertrag soll ab l. April 1930, zunächst für 10 Jahre, gelten. Aus der Bewegung 3 ★ Liberale Pefsach-Hagada. Die Liberale Synagoge Norden zu Berlin hat eine moderne Hagada für die Sederabende herausgegeben, die von Hermann Falkenberg bearbeitet worden ist. Diese Hagada ist allen denen gewidmet, welche die Erinnerung an die Weihe des Sederabends im Herzen bewahrt haben, zu denen aber die herkömmliche Form nicht mehr spricht, oder die nicht mehr imstande sind, den Sederabend ihrer Jugend in den eigenen Kindern zu erwecken. Sie wendet sich ferner an diejenigen, denen der Sederabend bisher fremd geblieben ist, damit er auch ihuen vertraut und lieb werde. Wir verweisen auf das Inserat in dieser Nummer. Berlin-Charlottenburg-Ost. (V o r t r a g s n b c « d.) Im Anschluß an die Mitgliederversammlung am Mittwoch, den 26. März, fand im Vonragssaal der Synagoge Fasanenstraße ein Vortragsabend der B» zirksgruppe Charlottenburg-Ost des Liberalen Vereins statt. Es sprachen drei Vertreter von verschiedenen Parteirichtungen, und zwar als Vertreterin der Demokraten Frau Tr. Gertrud Klausner, als Ver treter der Deutschen Bolkspartei .Herr Dr. Werner Rosenberg und als Vertreter der Sozialdemokraten Herr Dipl. Ing. Bruno Woyda. Das Thema, zu dem gesprochen wurde, lautete: „Politische Weltanschau ungeir im Lichte des Judentums". — Frau Dr. Klausner führt etwa folgendes aus: Demokraten hat es in alten historisch beglaubigten Zeiten gegeben. Freiheit und Recht, das sind die Worte, die an der Spitze der Partei stehen. Das ganze Volk steht im demokratischen Sinne da ohne Unterschied vou Klasse, von Beruf und Religion. Keine Bevorzugung der gesellschaftlichen Stellung, keine Bevorzugung nach Vermögen und Nichtvermügen, sondern nach politischer Ein ftellung. Als Beweis dafür könne man die Zusammensetzung der Partei angeben, die ihrem Wesen nach dasselbe geblieben ist, nämlich ein Volk im Kleinen. — Im Hinblick der Partei zum Judentum bemerkt Frau Dr. Klausner, daß es im Gemeimvcsen der Partei keinen Unterschied gibt. Als Idee ist in der jüdischen Gemeinschaft jeder gleichviel wert. Jeder hat das gleiche Recht, an die Thora WM8KN -W8«! neu eröffnet! Wäsche aller Art Spezialitäten: Herrenwäsche -- Pfundwäsche — Gardinenspannerei Sauberste und schonendste Behandlung der Wäsche Mäßige Preise Abholung und Lieferung frei Haus in allen Stadtgegenden auf telefonischen Anruf Morstinsevt-Wäscherei Inhaber: E. Haupt Charlottenburg, Mommsenstr. 63, Tel.: Bismarck 6489 (ln unmittelbarer Nähe des Kurturstendumnis u. desSavignyplat/es) ü * T Versammlungskalender j* .—... Stettin. Liberaler verein für b>e Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Leritn E. B. Wie bereits au dieser Steile mitgeteilt, veranstaltet der Liberale verein auch in diesem Jahre wieder Sederabende, und zwar: Zentrum: Schneiders Hotel, Königstraße 39 (Tel. E 2 Kupsergraben 3851), Sonnabend, 12. April, Sonntag, 13. April, abends 8.45 Uhr, unter Leitung vou Herrn Kantor G o r d v n. Westen: Kleiftftraße 10, Bne Briß-Loge (Tel. B 5 Barbarossa 5756), nur Sonnabend, 12. April, abends 8.15 Uhr, unter Leitung oo« Herrn Oberkantor F r i e d m a n n. Rechtzeitige Anmeldungen zur Teilnahme nehmen die obigen Stellen sowie das Büro des Liberalen Vereins, SW. 11, Hallesche Straße 1 (Tel. F 5 Bergmann 3358 und 3359), entgegen. Preis des trocknen Gedecks bei cksten Veranstaltungen RM. 4,50. Magdeburg. Am Sonntag, den 13. April 1930, abends 8 Uhr, veranstalten wir eine S e d e r f e i e r unter Leitung der Herren Rabbiner Dr. Wilde und Oberkantor Teller in den Räumen der Meudelsfohnloge, Breiterweg 139-140. Hierzu gestatten wir uns alle Gemeindemilglieder ganz ergebenst einzuladen. Das Gedeck kostet für Mitglieder Mk. 2,50, für Gäste Mk. 3,50. Anmeldungen erbitten wir an Alfred Hadra, Bahnhofstraße 15 b. * Gottesdienste * Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 11. April, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: H. Falkenberg. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Pefsach: Sonnabend, 12. April, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Prof. Frirdländer, Sonntag, 13. April, vormittags 10 Uhr. Predigt: Direktor Plaut. Sonntag, 13. April, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Salvmvnski. Montag, vormittags 10 Uhr, Dr. Salvmonsti. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiferstraße 29-30). Freitag, 11. April, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarsensty. Pefsach: Sonnabend, abends 7 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salvmonsti. Sonntag, vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Hermann Cohn. Berlin-Westen-. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstr. 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitags 11. April, 7 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Saiomonsti. Pessachgottesdienst: Sonntag, oormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Swarsensty. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Nikotsburger Platz). Freitag, TI. April, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Prinz. Sonnabend, 12., und Sonntag, 13. April, Gottesdienst im Bürgersaal des Rathauses Schöneberg, Rudolf Wilde- Platz. Sonnabend, 7 Uhr, Predigt: Dr. Swarsensty; Sonntag, 10 Uhrj Rabbiner Dr. Salvmonsti. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Festgottesdienste am Sonntag, den 13. April, 1. Tag Pefsach: Johannisstratze 16: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr. Predigt: Dr. Jelski. zu treten, wenn er das Wisfeu dazu hat. Das gleiche Recht auf Existenz ist etwas, was selbstverständlich ist. In der demokratisch-rn Partei spielt die jüdische Religion keine hemmende Rolle, wie bei den anderen Parteien. Als jüdische Temokratin könnte sic auch mit den Mitgliedern der Deutsch-nationalen Partei und mit der Zentrums Partei außerordentlich gut zusammenarbeiten. Ueber Kulturaufgaben, die die demokratische Partei hat, bemerkt Frau Dr. Klausner noch, daß da zunächst die Schute im Vordergrund steht, die Einheitsschule, die 'Simultanschule. Als echte Temokratin ist sie dafür, daß die Schranken sortsalten, damit nicht die Kinder schon mit Kampfmitteln umgeben werden, denn dir Einschränkung bedeutet schon immer ein Kampf, sobald die Kinder aus der Schule herauskommen. — Frau Dr. Klausner spricht noch zum Schluß den Wunsch aus, daß, wenn von hier aus eine politische Richtung sich ergebe» sott, man sich für Dir demokratische Partei entschließen solle. Herr Tr. Rosenberg, der erst in letzter Minute für einen erkrankten Redner eingesprungen war, wies darauf hin, daß sowohl das Parteiprogramm der Deutschen Votkspartei als auch Kund-' gedungen und Beschlüsse des Partcivorstandcs stets einmütig betonen, daß leitende Grundsätze der Partei Gleichheit und Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetz ohne Unterschied des Bekenntnisses fordern und daß jede Konfession und jede religiöse Gemeinschaft Anspruch erheben können, in der Partei mitzuarbcilen. An Hand einer Reihe von Beispielen in der Praxis zeigte der Redner, daß seine politische Ansicht von de» maßgebenden Führern der Partei stets STOfcWERO^ iDohlS'chmeckcnd nahrhaft. vertreten worden waren, daß insbesondere Männer wie Stresemann, Siegfried Kardorfs, der frühere Minister von Raumer, Dr. Cremer und viele andere bei mancherlei Gelegenheit dem Antisemitismus ent- ’ gegentreten. Insbesondere habe auch die Hochschulgruppe der Deutschen Bolkspartei sich gegen die politischen Bestrebungeu in der Studentenschaft gewandt und wegen des antisemitischen Prinzips ihren Austritt aus der Studentenschaft erklärt. Der Redner vertritt unter Hinweis auf diese und eine Reihe anderer Beispiele die Auffassung, daß sowohl das Parteiprogramm und die Praxis der Deutschen Bolksparteieinem aufrechten und selbstbewußten, jüdischen Deutschen die Mitarbeit in der Partei nötig mache, ja, daß es vom deutsch-jüdischen Standpunkt geradezu als ertvünscht angesehen werden müsse, daß Juden, die politisch die Weltanschauung der Deutschen Volkspartei vertreten, in der Partei Mitarbeiten, da sie so praktisch ausgezeichnete) Gelegenheit zur Bekämpfung des Antisemitismus und zur Aufklär tmg ihrer Parteifreunde die wahre Natur des National-Sozialen klärung ihrer Parteifreunde die wahre Natur des National'Sozialem der anderen politischen Bewegung hätten. Mit Rücksicht hierauf hätten sich auch eine ganze Reihe guter deutscher Juden zur Mitarbeit in der Partei entschlossen. Der Redner nannte u. a. die bekannten Bankiers Emil Marburg und Ernst Wallach, den Vorsitzenden der R.J.F., Dr. Löwenstein, das Hauptvorftandsmitglied des Central- Bercins, Dr. Alfred Alexander, San.-Rat Dr. Peyser u. a. Einige antisemitische Tendenzen fänden sich in allen Parteien, und gerade deshalb wäre es notlvendig, daß gerade deutsche Juden Mitarbeiten. Als dritter Redner nahm Herr Dipl. Ingenieur Bruno Woyda das Wort für die fozialdemo!ratisck>e Partei. Er verweist eingangs aus das sozialdemokratische Partei-Programm, aus dem sich eindeutig die Ablehnung jeglicher Bevorrech tung einer Menschengruppe ergibt. Ter Kampf gegen Rassendünkel und Glaubensbevorzugung ist für die Sozialdemokratie eine Selbstverständlichkeit. Er erörtert dann die Forderung nach einer Trennung von Staat und Kirche, die im Interesse ihrer Selbständigkeit von den Religionsgemeinschaften selbst gefördert »verden sollte. Vom jüdischen Standpunkt aus müsse auch die Forderung der weltlichen Schule begrüßt werden, die ja keineswegs eine antireligiöse Schule sein soll. Eingehend schildert der Redner dann das Wirken von Juden und aus dem Judentum hervorgegangenen Persönlichkeiten, die sich führend in der Sozialdemokratie betätigten. Ihr Leben stellt zumeist eine Anklage gegen das Judentum der letzten hundert Jahre dar, der /lebensfremd geivorden ist und nicht mehr den Ernst der Verwirklichung besitzt. Der religiöse Mensch müsse die ökonomische Geschichtsauffassung, die Religion nur als ideologisdM Ueberbau gelten lasse, ablehwen. Er darf aber sich auch nicht in satter Zufriedenheit mit dem Wotzl^ stand seines eigenen Ich beg,rügen. Würde der religiöse Geist vergangener Zeiten wieder im Juden der Gegenwart lebendig, so würde eine religiöse Fundierung des Sozialismus möglich sein. Es folgte eine recht rege Diskussion, an der Herr Ludwig Hermann, Herr Lehrer Auerbach, Herr Zahnarzt Schwcrsenz und Heinz Kellermann teilnahmen. Frau Dr. Gertrud Klausner nahm dann noch das Schlußwort. Danzig. (Versammlung der liberalen V e r e i n i - g u n g.) Unter dem Vorsitz von Herrn Georg Berghold fand am 6. März eine Versammlung der hiesigen liberalen Ortsgruppe statt. Als Redner »var der Generalsekretär der liberalen Hauptvereinigung, Herr George Goetz, gewonnen worden, der viele Jahre in Danzig gelebt hat und seit dieser Zeit hier in bester Erinnerung steht. Rabbiner Dr. Grün berichtete zunächst ausführlich über die Breslauer Hauptversammlung. Sodann ging Herr Goetz in seinem Bortrage davon aus, daß der Liberalismus in Deutschland solvohl denen gerecht werden muß, die altjüdischen Formen noch zugetan sind, als auch denen, die mit der Tradition keinen Zusammenhang mehr haben, aber doch Inden sein und sich jüdisch betätigen wollen. Darüber hinaus ist eine für beide Gruppen gültige Forderung zu erfüllen: diejenige nach größerer Lebensnahe der Religion. Nur bei Erfüllung dieser Forderung kann der Liberalismus seiner geschichtlichen Rolle gerecht werden, die auch heute, genau tvir früher, wieder in der Zurückgewinnung der Hinausströmenden, der Indifferenten, bestehe» muß. Wenn wir diese Indifferenten in allen möglichen kulturellen, politischen und sozialen Bewegungen tätig finden, wenn wir immer deklamieren, daß es der Geist des altjüdischen Prophctismus sei, der sic dort zu Vorkämpfern macht, so müssen wir für ihren Jndisserentismus gegenüber dem jüdischeil Gemeindeleben uns selbst, unseren Gemeinden die Schuld geben. Die Indifferenten von heute lvachsen, in einem bedauerlichen Gegensatz gegen die Täuflinge früherer .Zeit, still - unserer Tage, wie Eigner, Leviue, Landauer, hat es solch gute Juden gegeben, die ihr Einzel-Jch und all ihr Können unbedenklich und surchttos in die Wagschate warfen, wenn es galt, geschändeter Menschlichkeit zum Siege zu verhelfen. Zweigs Tichtung, ein Wert der Humanität im schönsten Sinne des Wortes, gehört zu jenen so notwendigen Kunstwerten, welche die Menschen anständiger und besser machen. Taß der „Grischa" nicht nur für Kriegszeiten gilt, haben Ereignisse unserer Tage erst wieder bewiesen. Wir haben es erst jetzt erlebt, daß ein deutscher Minister in leichtfertigster Weise ein auf fadenscheinigen Indizienbeweis hin gefälltes Todesurteil au einem früher kriegsgefangenen Russen mitten im Frieden unterzeichnet hat, und als man ihm später deswegen Vorwürfe machte, wörtlich erwiderte: „er verstünde es nicht, daß man bloß eines Hingerichteten Russen wegen sich so unnötig aufrege". Obwohl im Judentum die Humanität sehr starb betont wird — auch die Juden sind nicht ganz frei ^von Schuld und Fehl! Haben doch Zionisten anläßlich der Todesurteile gegen die Araber in Palästina gleichfalls die merkwürdigste Auffassung über die Bedeutung von Menschenleben bekundet! Immerhin ist auch den Zionisten damals sofort aus ihren eigenen Reihen in schärfster Weise entgegengetreten und widersprochen worden! Tie Aufführung des „Grischa" im „Theater am Nollendorsplatz" war nach jeder Richtung hin ausgezeichnet. Granowskys Regie vermied geschickt alle Stilmaniriertheiten, die bei seinen Inszenierungen des Moskauer akademisch-jüdischen Theaters mitunter auffielen. Tie rapid gesteigerte Schlußszene mit dem verzweifelt-wilden Aufschrei gegen den Krieg brachte er höchst eindringlich heraus. Hermann Thimig zeigte in der Titelrolle wieder, daß er sich vom ausgezeichneten Komiker zum großen Menschengestalter hin entwickelt HM. In der Szene vor der Hinrichtung wuchs er zu großartiger Innerlichkeit empor. Unvergeßlich: war auch K a y ß - l e r, einer der lautersten Künstler der deutschen Bühne, in seiner verhaltenen, vornehmen Schlichtheit, die geradezu monumental wirkte und heroisch-ideälisiertes Preußentum glaubhaft machte. Sein Gegenspieler, Schieffenzahn, von Hermann Valtentin verkörpert, hatte sich eine famose Lu ocndorff-Maske zurechtgemacht und war melancholisch bedrükkeno wirkender Vertreter jener Mächte, die Deutschland so viel Unglück brachten. Höchst eindrücklich war auch der gütige, verstehende jüdische .Kriegsgerichtsrat Max Landas eine Figur, bei der dem Tichtcr der Berliner Rechtsanwalt Sammy Gronemantt Modell gestanden hat. Tie Babka, die wilde, hingebungsvolle Geliebte des armen Grischa, war die große Schauspielerin Tagny Servaes, der mitleidige Leutnant Günther 5) a d a n k, der kluge Schreiber G i n s b e r g. Alles überzeugende Leistungen, welche „die Bühne" vergessen ließen. Rühmend erwähnt werden müssen auch noch die Bühnenbilder von George Groß und Traugott Müller. Tie Aufführung des „Grischa" zeigte die Berliner Theater nach den „Affäre Treyfus"- und „Amnestie"-Jnszenierungen wieder einmal als moralische Anstalten, deren Kulturnotwendigkeit niemand bestreiten kann, und denen man größte Wirkungen in der Hoffnung auf Kulturfortschritt sehnlichst wünschen muß. Tr. Ludwig D a v i d s o h n. Berlin. Synagogenkonzert in Breslau Zugunsten des soeben begründeten Jüdischen Jugendheims fand am 6. April in der Neuen Synagoge zu Breslau ein Konzert mit Werken aus klassischer und neuerer Zeit statt, dessen Bedeutung ebenso in der Seltenheit des Ereignisses wie in der Qualität der künstlerischen Leistungen lag. Das Programm nannte eine Anzahl religiöse^ für den Gottesdienst bestimmter Kompositionen, «daneben aber auch solche weltlichen Charakters. Erich Sch äffer begann mit Händels Orgelkonzert B-dur, dessen fein nuancierte Wiedergabe die unkomplizierte Schönheit mrd Erhabenheit dieses prächtigen Werkes noch um ein Vielfaches steigerte. Tie verständnisvolle Verwertung der modernen Registrierungsmittel kam auch Mendelssohns Präludium und Fuge G-dur sowie den später folgenden Begleitungen zugute. Von den Vokälisten ist Hermann Schey (Berlin) an erster Stelle zu nennen. Mit Recht gilt er als einer der kultiviertesten Sänger. Schuberts Hymnus „Dem Unendlichen" von ihm zu hören, bedeutete einen erlesenen Genuß. Bei weitem voller und runder war aber der Klang seiner Stimme nach Einfühlung in die ihm fremde Akustik in der Arie „Es ist genug" aus Mendelssohns „Elias". Hier spürte man auch die tiefe seelische Turchdringuna des gesungenen Wortes am stärksten. In rein musikalischer Hinsicht bildeten die biblischen Lieder Tvoraks den Höhepunkt. Josef Borin, der Oberkantor der Neuen Synagoge, behauptete sich neben dem berühmten Gast mit allen Ehren. Er erfüllte die hebräischen Gesänge von Rimsky-Korssakow und Gottschall mit leidenschaftlicher Inbrunst und mit dem metallenen Glanz seines zwar keineswegs leichtflüssigen, aber dennoch mühelos beherrschten Tenors. Ter Synagogenchor unter Leitung von Benno P u l v e r m a ch e r erwies sich als ein ganz vorzüglich geschulter, tonlich unbedingt zuverlässigen Klangkörper. Tie beiden Psalmen von Salomone Rossi, dem größten jüdischen Komponisten der italienischen Renaissance, atmeten durchaus den Geist jener Glanzzeit des A-cappella-Gesanges, deren berühmtester Vertreter Palestrina war. Tie Stimmen waren mit solcher Sorgfalt gegeneinander abgewogen, daß auch nichit die geringste Schlacke die Reinheit des vokalen Gewebes trübte. Bis auf die tonlichen Forcierungen der zu stark hervortretenden Tenöre war der Chor ckuch im 100. Psalm von Mendelssohn und in der „Keduschah" von Dunajewski auf gleichem künstlerischem Niveau. Dieses kompositorisch überaus interessante Werk gÄb Borin noch einmal willkommene Gelegenheit, seine Stimme zu sieghafter Höhe zu führen. Hff. *