Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 15 (9.4.1930)
- Date
- 1930-04-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gefolge hatte und dann erst die Heimat. Wer weiß nicht, w:e schwer ihm die Entscheidung wurde, wieviel Tränen sie ihn kostete, wieviel Verachtung sie ihm brachte, ja Lebensgefahr, wie er aber alles ertrug, alle Bevenlen zurückstellte mit den Wort des Triumphes: mein Sieg heißt Gott! Auf den Kern gesehen, liegt es ja heut nicht anders. Es gibt eben Fälle, in denen -er Mensch, der religiöse grade, in schwerste Konflikte uno Kämpfe geführt wird, wo er sich zu entscheiden hat zwischen Verdunkelung seines Ideals und Trübung uno vorübergehenden, zeitlichen Erfolgen und Zugeständnissen, wo er Gott gegen Menschen verteidigen muß und darum nicht etwa die Mensch,en sich selbst überläßt, über sich gegen ihren Weg stemmt, gegen die Menge und die Fülle der Worte. Es gibt solche Fälle irrt persönlichen Leben der Konflikt Eltern - Kinder gehört hierher es gibt sie in der Geschichte der Völker, es gibt sie in: Leben der Religionen. Wenn je, so zeigt es sich hier einmal, daß dem religiösen Menschen Ethik ohne Religiosität nicht möglich ist, daß aus ihr sein Gott sprechen muß oder es ist nicht seine Ethik. Und so gesehen, ist sein Gewissen ganz frei und die scheinbaren Anklagen voll vorher zerfallen in nichts. So gesehen, wird das Zurückstthen vieler auf eine so hohe Warte gehoben, daß Parteimaßstäbe dafür wirklich zu Nein sind. Wir wollen gar nicht davon sprechen und gar nicht von dort eine Rechtfertigung holen, daß. ja das für die anderen fv hohe Ziel noch nicht einmal imstande war, die Anhänger selber zu einigen, daß sie sich in Parteien abgrenzen und gegenseitig unethisch also -- befehden. Wir wollen nicht daraus Hinweisen, daß ein so erstrebtes gemeinsames - Ziel nicht die Abseitsstehenden locken kann, sie nicht zur Erfüllung „ethischer, brüderlicher Pflichten" verpflichten brauchte. Wir wollen diesen Hinweis nicht, weil es uns nur darauf ankommen kann, uns aus uns selbst zu erklären, aus unserem Judesein, unserem Gott, unserer Religiosität und Ethik, unserer Bruderliebe und Menschlichkeit. Und umso eher werden wir dazil ein Recht haben. wenn wir die Kraft, die wir dort nicht hingeben, überall cinsetzen, wo jüdische Kraft erfordert wird, jüdische Not schreit, jüdische Ideale aus dem Spie! stehen, die unserer Religiosität, unserer jüdischen Einstellung geinäß sind. Ueberall wo wir zeigen können, daß wir ein Judentum wollen des reinen Geistes, eine Religiosität der reinen Seele, frei von den Schranken des nationalen Gebildes, ein Judentum, das einfach aus ganz anderer Ebene liegt als das Judentum, das im Tageskämpf steht, im Streit der politischen Meinuiigeil. Steht es das nicht schon genug bei den anderen, den nichtjüoischen Gegnern? Erfordert die Abwehr dieser Politik nicht schon Kraft genug? Und nun sollen wir selber Politiker werden statt allein die Armee des Geistes zu sein! Nein. „Im kommenden Jahr in Jerusalem," auch für uns ist es Wunsch und ist es Gelübde: auch: im kommender, Jahre Kämpfer zu sein nicht gegen Menschen, nicht gegen Brüder, die alle in Frieden ihren Weg gehen mögen nein Kämpfer zu sein für reine Religiosität, für unseren Gott, unser Judentum. Freiheit und Knechtschaft Ein Länuuchen, ein Lämmchen! Der Vater taust es gern Für zwei Suse von seinem Herrn. - Die Katze kam mit Gier Und sraß das arme Tier. - - Drauf faßte sie der Hund Und biß sie tötlich wund. -- Da kam ein Stock behende Und macht dem Hund ein Ende. - Auch er den Meister fand, Den Stoß erfaßt der Brand. - Das Wasser kam heran, - Löscht das Feuer sodann. Ein Ochs stürzt nun heraus Und trinkt das Wasser aus. Ter Schächter ihn ergriff, - Das Messer scharf er schliss. Ter Todesengel ram. — Des Schächters Leben nahm. Auch dem Tode Gott vergalt, — Der Freiheit liebt, nicht Gewalt. Der Sinn dieses Gleichnisses ist:: Gott will Freiheit und Gesetzmäßigkeit, nicht Gewalt. Druck und Zwang. Tie Aegypter, welche Israel knechteten, kannten nicht oen lebendigen Gott, der die Menschheit schützt und leitet: sie beteten ein Tier, die Sonne, den Mond und andere Naturgegenstände an. In der Natur aber herrscht keine Freiheit, herrscht überall nur Gewalt, da besiegt das Stärkere das Schwache, das mächtigere Element vernichtet, bändigt, verzehrt und überwältigt jedesmal das an Macht und Kraft geringere. Der Glanz des Mondes verblaßt am Tage vor dem mächtigeren Sonnenlicht, die stolze Ceder wird vom Sturme erfaßt und entwurzelt; ein Bergesrücken, majestätisch himmelanstrebend, schaut seit Jahrtausenden hinab aus die vorüberziehende staunende Menschheit, bis ein furchtbarer Orkan über denselben dahinsährt uno ihn zerreißt, zerbröckelt, in einen weiten Steinhaufen auslöst. Es liegt ein tiefer Sinn in oem Märchen, welches an den leiden Pessachabenden gesungen wird, in welchen, das Lämmchen von einem slärteren Tiere ergriffen uno überwältigt wird, und dieses wieder seinen Meister in einem noch slärceren findet. Das Element des Feuers wird darin von oem noch furchtbareren des Wassers überwältig:. So benegt eine Kraft die andere; aber vor der Allgewalr Gottes »ann keine Macht bestehen. Tie Völker des Altertums, weiche nur eine Naturlrajt und keinen Geist, keinen Menschengeisl uno keinen Gottesgeist anerkannten, gelangteir naturgemäß dahin, Menschen zu unterdrücken und zu knechten, wie ja in der Natur immer das Starke das Schwächere, der Hund die Katze, das Wasser das Feuer überwältig:. Pharao, der Natnranbeter, konnte daher als mächtiger Tyrann gar «.eine Sünde darin fiitben, ein schwa ches Volt nach Lust uno Laune zu seinem Nutzen anszstteutcn. Wer keinen barmherzigen Gott, keinen Herrn über sich anerkcnnt und wie jener Zwingherr ruft: Wer ist der Gott, aus dessen Stimme ich hören soll?, der kann auch folgerichtig oen Menschen teiuc Freiheit, kein Recht zugestrhen, der hat keine Teilnahme, kein Mitgefühl, sondern handelt despotisch, eigenwillig nach Willkür und Laune. Seine Gottheit. die Natur, kennt keinen freien Willen, warum sollte er ihn seinen Untertanen lassen? Seine Gottheit ist gedankenuno verstandslos, warum sollte es Sünde sein, den Menschen zu einem geoankenlosen, stumpfen Wesen und Werkzeuge zu erziehen? Die Anschauungen von Naturgewalt uno Natur- 'fvcift führen zur Knechtschaft: nur der Glaube an einen höchsten Richter, an einen befreienden und erlösenden Gott erzieht zürn Freiheitsgedanken, zu Recht und Menschlichkeit. Das israelitische Volk betonte daher den alten Naturanbetern gegenüber die Gottesidee, der Willkür gegenüber die Humanität. Das Gleichnis vom Lämmchien veranschaulicht das Leber: und Handeln nach Naturtriebder wohl beim Tiere, nicht aber beim Menscher: herrschend werden darf. Mit der Befreiung Israels hat die Gvttesidee über die Tieranbetung, die Menschlichkeit über die Rohheit, das Recht über die Gewalt siegt. A. Adler Ulm. Berliner Repräsentanten- Versammlung Die Repräsentantenversammlung vom 1. April erösfnete der Vorsitzende mit Gedestkworten anläßlich der 100. Wieder kehr des Geburtstages von Hermann Makower, langjährigen: Vorsitzenden der Repräfentantenversammluug. Hanptgegenstand der Sitzung ist die Spezialberatung des Etats. Die einzelnen Titel werden in der Ausschußfassuug, also im wesentlichen gemäß der Vorlage angenommen. Grund süßliche Erörterungen knüpfen sich zunächst an die Frage der Religionsschulen und Jugendgottesdieivste. Von der liberalen Fraktion ergreifen hierbei das Wort Jaulus, Guttmaun, Ehrenreich und Frau Fatkenberg. Sic betonen sämtlich die Notwendigkeit, die Jugend im Jugendgottesdienst zu akti vieren, wobei insbesondere auf die Gottesdienste der Jugend, die die Resormgemeinde veranstaltet, verwiesen wird. Zur Erwägung gestellt wird auch, ob nicht eine Ausgestaltung der Freitng-Abendgottesdienste anstelle der meist am Sonnabend- Nachmittag stlattfindenden Jugendgottesdienste entsprechend den besonderen Bedürfnissen der Jugend zweckmäßig sei. Auf die Anstellung eines jugendlichen liberalen Rabbiners fei besonderer Wert zu legen. lieber den Wohlsahrtsetat referiert Goslar. Er setzt sich für produktive Hilfe durch Schaffung eigener Arbeitsgelegenheiten, Stützung von Existenzen vor ihrem Zusammenbruch und vor allem schleunige sachgemäße Prüfung und Bearbeitung jedes Falles ein. Er fordert Errichtung eines Obdachlosenheims, das jeder Stellungsuchende ohne sich zu kompromittieren als Wohnung angeben kann, Ausgestaltung und Vereinheitlichung der Schwesternausbildung, tatkräftige In angriffnahme des Jugendhausplanes und Einordnung eines großen Stabes von Ehrenbeamten in die Arbeit, zu der jeder verpflichtet sei, der selbst vor Not bewährt ist. Ter Ge meindevorsitzende Kareski sagt schon für die nächsten Wochen eine Vorlage über das Obdachlosenheim zu. D r. Fleischer (üb.) fvrder! sofortige Beseitigung des Interims im Jugend pflegeamt, eine wirksame Beschwerdeinstauz im Wohlfahrtsamt, geistig-sittliche Lehrlingssürsorge, Ausbildung der Schwe stern auch dahin, daß sie im Lande ihre Funktion als jüdische Kulturträger erfüllen können, und warnt vor wahlloser Hilfe leistung in der neuen Poliklinik unter Schädigung der Inter essen der Aerzte. Er empfiehlt die Einführung einer jüdischen Hauspflege in Berlin und beantragt 30000, - Mark im Etat zur Anstellung von Sozialbeamten für die Bezirke bereitzustellen, da dadurch sicherlich eine zweckmäßigere Verwendung der Wohlsahrtsgelder ermöglicht werden könnte. In die Verwaltung des Arbeitsnachweises und in den Verwaltungsausschuß des Wohlfahrtsamtes empfiehlt er die Wahl von Petenten. Marcus (üb.) warnt vor den utopischen Plänen genossenschaftlicher Fabrikgründungen durch die Berliner Jüdische Gemeinde. Frau Falkenberg wüuscht eine Berücksichtigung der liberalen Forderungen bei dem Jugeirdpflegeausschuß. Der Etat wird in erster und zweiter Lesung einstimmig angenommen. Dabei finden zu den einzelnen Kapiteln zahlreiche Anträge Annahme. Um der Gefahr zu begegnen, daß Kandidatenredem von noch nicht hinreichend ausgebildeten und geeigneten Personen dem Ernst und der Weihe der Gottesdienste Abbruch tun, sollen geeignete Männer aus dem Kreise der Gemeinde auch ohne eigentliche rabbinische Ausbildung zu Predigten für die hohen Feiertage herangezogen werden. Die Repräsentantenversammlung hatte bereits früher einen gleichen Antrag angenommen, dem jedoch der Vorstand nicht beigetreten mar. Die neueste liberale Synagoge in Berlin-Ost erhält eine Subvention von Mk. 8000, bewilligt. Der Darlehnskasse werden weitere Mk. 50 000, bewilligt. Bei den bestehenden jüdischen Kreditinstituten sollen Einzahlungen von Gemeindegeldern gemacht werden. Ein Antrag Dr. Fleischer, den Dispositions-Fonds des Vorsitzenden des Gemeindevorstandes zu streichen, wird abgelehnt, es erfolgt im Gegenteil eine Erhöhung um 15 000,- Mk. Das Gemeindeblatt soll durch eine regelmäßig erscheinende Jugend- Zur Einweihung des Loeser & Wolfs-Hauses an der Potsdamer Brückt. Am I. Juli 1865 etablierten zwei junge Berliner, Bernhard Loeser nnd Karl Wolfs, im östlichen Teil Berlins am Alexanderplatz i» einem ganz kleinen Laden ein Tabakwarcn Geschäft. Die Beniner waren mit ihnen sehr zufrieden. Die Kundenzahl stieg über Erwarten, so daß sich die junge Firma bald nach einem geräumigeren Geschästslokal umsehen mußte. Schon nach ganz kurzer Zeit wurde ein würdiger, geräumiger Laden im Eckhause Alexanderplatz— Ecke Tirckscnstraße bezogen. Loeser ft Wolfs wurden sehr schnell eine hochgeachtete Firma. Die ständig zunehmende Nachfrage nach Loeser ft Wolfs-Zigarren führte im Laufe der Jahre zur Errichtung von Filiale» in dem mächtig wachsenden Berlin, und der vervielfachte Umsatz wiederum »var die Ursache für die Schaffung einer eigenen Fabrik, die 1S74 in Elbing eröffnet ivurde. Jetzt, da die Firma Lvescr ft Wolfs auch ihr eigener Fabrikant geworden war, konnte sie mit aller Konsequenz ihr Leitprinzip, Qualitätspflege und Qualitätserhöhung der Zigarre, zur Durchführung dringen. H>28 aber mußte die Firma iMB ,».Vi Sti'üP1 Loeser ft Wolfs sich zwangsweise von ihrem Stammhause trennen wegen des Umbaues des Berliner Alexanderplatzes. Interimistisch wurde die Verwaltung nach Lichtenberg verlegt, von wo aus sie nunmehr iii das inzwischen fertig gewordene neue Bcrwaltungsgebäudc an der Potsdamer Brücke Einzug gehalten hat. In das moderne Haus von 1930 ist die altbewährte Tradition der Firma Loeser ft Wolsf mit eingezogen, was auch durch folgendes dokumentiert ist: Unverändert ist' in das neue Haus das Arbeitszimmer des verewigten Kommerzienrats Bernhard Loeser herübergenommcn und daneben, vollkommen rekonstruiert, das sogenannte „Historische Zimmer". Dieses Zimmer gehörte einst den, Komponisten Zelter. Das Zelterhaus war dem alten Stammhaus am Alexanderptatz benachbart. Bernhard Locier hat das Zimmer, als das Zelterhaus zum Loeser ft Wolfs- Verwaltungsgebäude Hinzukain, unverändert erhallen. So weht der gute Geist einer vergangenen Zeit auch durch das neue Hans und über einem neu begonnenen Jahrzehnt Loeser ft Wolfs. Der Streit um den Sergeanten Grifcha von Arnold Zweig im Theater am Nollendorsplatz. Ter Weltkrieg, diese bisher größte, sinnloseste und unnötigste Katastrophe unseres Jahrtausends, hat in den letzten Jahren eine Reihe dichterischer Bearbeiter gefunden, die als Ankläger und Darsteller des Wesens und Unwesens dieser furchtbarsten und soziologischen Krankheit aufgetreten sind. Diese Autoren gestalteten aber in erster Linie Abenteurer, individuelles Erleben und äußere Schicksale in jenen entsetzlichen Jabren. Arnold Zweig war der erste deutsche Dichter, der bereits 1926 in seinem ausgezeichneten Roman „Ter Streit um de» Sergeanten Grifcha" den Krieg nicht nur als erzählerische und stimmungsgeladene Episoden-Addition auf faßte, sondern den Geist jener Untergangs- und Uebergangsze:t in der objektiven Darstellung der geistigen Situation seiner Menschen bloßlegte, und damir zu einer Art Neu-Fixierung des alten jüdischen Ethos kam, zu dem kategorischen Imperativ von der schon im Alten Testament geforderten „Behandlung des Nächsten wie dich selbst", zum stammenden Protest gegen das ewig-unausrottbare Unrecht rn der menschlichen Gesellschaft, die nicht nur in den 1914 er Jahren das primitive Lebensrecht der Kreatur mit Füßen trat. Zweig, der als Soldat aus dem östlichen Kriegsschauplatz jahrelange Beobachtungen machen konnte, konzipierte seinen „Grifcha" 1917, schrieb ihn 1921 als Drama und 1926/27 als Roman nieder. Tie jetzige Bühnenfassung ist also keine der üblichen Roman-Dramatisierungen, wie man fast annehmen könnte. Tenn ein mustergültig dramatisch-geballtes Kunstwerk mit einer logisch-unerbittlich aus sich selbst rollenden einheitlich^gestrafften Handlung ist nicht entstanden. Das Ganze zerfällt vielmchr filmartig in lockere Szenen, angefüllt mit Genrebildern, Idyllen und grauenhaft Quälendem, in Szenen, die durchaus nicht fest aneinander gefügt find. Bon der unendlich-bunten Mannigfaltigkeit des Romans mit seiner ganz persönlichen Sprache und seiner Vielheit detaillierter psychologischer Feinheiten ist manches I verloren gegangen. Der Dramatisierung ist auch der Jndi vidualisierungsreichtum des großen epischen Kunstwerks mit seinen zahlreichen lyrischen Schönheiten, Stimmungsbildern und seinem Reichtum an Einzelbeobachtungen zum Opfer gefallen. Manches ist zu allzu scharfen Schwarz-Weiß-Kontrasten vergröbert. Aber der Grundakkord, die Dominante des Ganzen, ist geblieben: die ans Herz greifende, erschütternde volksslnck artige Ballade mit ihrem überzeitlichen, unvergeßbaren ethischen End-Effekl, mit ihrem Aufschrei gegen den Ungeist, mit ihrer Betonung des Rechts des Einzel Menschen gegen die rohe, engstirnige Menschen-Maschinerie. Geblieben ist das allerbarmende, echt jüdische Mitgefühl mit dem unschuldig Leidenden, mit der wehrlosen Kreatur, das heiße Gefühl für den „Nächsten" im Mitmenschen. Tie .Handlung des Stückes ist bekannt: der russische Kriegsgefangene Grifcha, ein gutmütiges, liebenswertes, etwas tölpelhaftes Naturkind, ist, von Heimatssehnsucht gepackt, aus dem Kriegsgefangenenlager, wo alle den kindlich-harmlosen Spaßmacher gern hatten, entflohen und wird bald wieder eingebracht. Einige Umstände lassen den Aermsten nun als Spion verdächtig erscheinen, und obwohl dieser Verdacht ganz bündig und unzweideutig widerleg: wird, gerät der Aermfte in die Klauen der geistlosen Militärgerichts-Maschinerie (verkörpert in dem Ludendorff nachgebildeten Generalquartiermeister Schieffenzahn), die nicht eher ruht, als bis der Unglückliche „standrechtlich" erschossen wird. In diesem Falle kann man sogar richtiger sagen, einem in verbrecherischleichtfertiger Weise inszenierten Justizmord zum Opfer fällt. Mit großer dichterischer Feinheit werden nun von Zweig die Reflexwirkungen gezeigt, die das Schicksal Grischas bei denen hervorruft, in deren Hände er gegeben ist. Tie deutschen Soldaten, die den ulkigen Tolpatsch fast verhätscheln, der jüdisch« Kriegsgerichtsrat, der intelligente Kriegsgerichtsschreiber, nnd vor allem der preußische General setzen ihr Möglichstes daran, um ihn zu retten. Hier liegen sogar dynamische Feister des Stückes vor: denn hier besteht zweifellos eine Diskrepanz zwischen Ursache und Wirkung. In Wirklichkeit ist in einer preußischen Etappe eines Menschenlebens, und noch dazu eines einfachen Kriegsgefangenen wegen, sicherlich nie soviel Federlesens gemacht worden! Und ein preußischer General überdies, der sich persönlich zum Quartiermeister des Oberkommandos begibt, um dort in überzeugender Darlegung das Kriegsgerichtsurteil zu mildern, dürfte wohl zu den untypischen, unwahrscheinlich wirkenden Ausnahmen gehört haben. Ich möchte bezweifeln, daß es überhaupt bei irgendeiner europäischen Armee einen solchen menschlichen General gegeben hat! Aber schließlich kommt es bei Zweigs epischem Kunstwerk und diesem Stück, das hoffentlich "allüberall ein starkes Echo finden wird, auf diese N^benumstände gar nicht so sehr an. Das Entscheidende ist schließlich geglückt. Das Schicksal des armen, zerquälten, verwirrten und schließlich zu Unrecht getöteten Kindes aus dem Volke ist zum dichterisch gültigen, zeitlosen Symbol erhoben! Tie englische Zeitung „Daily News" hatte nicht so unrecht, als sic bei der Würdigung des Romans seinerzeit schrieb: „Hier ist das Leiden eines ganzen Kontinents und einer unechten Zivilisation, in der wir alle, alle stecken, in unvergänglicher Weise versinnbildlicht." Zweigs Werl ist mehr als ein bloßer Roman, sein Stück mehr als eine bloße Theaterunterhaltung! Es ist der gequälte, aus tiefstem .Herzen kommende Aufschrei des Fühlenden, des für Gerechtigkeit Entflammten, gegen die Lieblosigkeit und Herzlosigkeit unseres gegenwärtigen, sich Kultur nennenden polilisch-juristischen Betriebes, hüben und drüben, soweit er entgeistet, mechanisiert und entseelt ist! Und damit und darüber hi «raus ist Zweigs, des sehr, sehr bewußten Juden Werk auch gleichzeitig ein Glied der großen, durch die Jahrtausende gehenden jüdischen „Konfession", ist Emanation guten jüdischen Wesens und jüdischer Ethik. Tenn zu allen Zeiten, vom Mtertum und seinen Schöpfern des jüdischen Sittengesetzes an, über Marx. .Heine bis auf die jüdischen Repräsentanten