Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-02 · 14 (2.4.1930) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
14 (2.4.1930)
Date
1930-04-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2614053-2614067--3521-2621120
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Tie entscheidende Frage war ja nun die, welche dieser beiden Richtungen innerhalb des Zionismus sich durchsetzen würde, und ich hätte es von meinem Standpunkt nur begrüßen können, wenn die Herren Badt und Goslar in der deutschen Politik vertretenen Ideen auch innerhalb ihrer eigenen zionistischen Partei zur Geltung gebracht hätten. Ls hat sich leider gezeigt, daß die nationalistische Grundtendenz im Zionismus durchaus das Uebergewicht erlangt hat. Ich kann mich für diese These auf einen klassischen Zeugen berufen — nämlich auf den Chefredakteur der Jüdischen Rundschau, der in der Nummer vom 18. März 1930 die katastrophale Lage innerhalb der zionistischen Partei wie folgt charakterisiert: „Man kann über die Anschauungen von Tr. I. L. Magnes — die jetzt auch die deutschsprechenden Juden aus der deutschen Ausgabe der Broschüre „Wie alle Völker?" direkt kennen lernen können — verschiedener Meinung sein, man kann sie für richtig oder falsch, für nützlich oder schädlich halten (und die große Mehrheit der Zionisten lehnt diese Anschauungen, wie sich gezeigt hat, ab); es sind gewiß tiefgehende Probleme, einer ernsten Diskussion wert, die wohl auch weitergeführt werden müssen. Aber auch die Gegner von Magnes werden wohl in ihrer großen Mehrheit die Formen verurteilen, zu denen der Kampf gegen ihn jetzt hinabgesunken ist. Man fragt sich immer verwunderter, wo wir eigentlich stehen. Ist wirklich der Geisteszustand des heutigen Zionismus ein solcher wie im Deutschland der Kriegsjahrc? Haben wir alle schon vergessen, was wir damals empfanden? Soll auch bei uns Unduldsamkeit, Terror gegen jede abweichende Meinung, „patriotische" Pöbelei einreißen? Wollen wir zulassen, daß unreife Studenten, verhetzt von den täglichen Demagogien einer nationalistischen Presse, in Jerusalem die Methoden einsühren, die wir in anderen Ländern mit Recht so oft verurteilt haben? Jsb nicht die Lessingaffäre, ist nicht die Aktion der antisemitischen Studenten in Prag gegen den Rektor Steinherz und andere ähnliche Fälle gerechtfertigt, wenn nicht von maßgebender jüdischer Seite jetzt sofort und eindeutig den Jerusalemer Studenten die Meinung gesagt wird? Wenn Studenten das Recht haben, über die Würdigkeit und nationale Zuverlässigkeit des Kanzlers der Universität „abzustimmen", Hann kann man dieses Recht auch den völkischen Sludenten, die keine jüdischen Professoren wollen, nicht absprechen. Taß die palästinensische Oeffentlichkeit das Benehmen der Studenten nicht als einen Schlag ins Gesicht der jüdischen Nation empfindet, erfüllt uns mit Schrecken. Tenn wir erinnern uns zu genau unserer eigenen Gefühle, wenn Teile der deutschen Oeffentlichkeit ihre „nationalen" Studenten als eine Art Helden feierten. Tic J.T.A. verzeichnet ein Gerücht, wonach Tr. Magnes zu resignieren beabsichtigt. Ob hier nur ein Wunsch der Berichterstatter der Vater der Nachricht ist, oder ob etwas Wahres dahinter steckt, werden wir bald erfahren. Das eine ist sicher: Ein Rücktritt von Magnes in diesem Moment und umer dem Truck dieser Agitation wäre eine schwere D i s k r e d i t i e r u n g des Zionismus. Die Oeffentlichkeit, besonders der englisch sprechenden Länder und vor allem Amerikas, soweit sie sich überhaupt für Palästina interessiert, hat die Kampagne gegen Magnes mit wachsendem Befremden verfolgt: sie zieht daraus — sicherlich zu weit gehende — Schlüsse auf das Wesen und die Ziele des Zionismus, und ein Rücktritt von Magnes lvürde eine Deutung erfahren, die niemand wünschen kann. Aber auch die Folgen für die Universität selbst und für die stanze Palästina-Arbeit können sehr unerwünschte sein. Wir begreifen nicht, daß die zionistische Exekutive, die zweifellos die Macht hätte, durch, ein energisches Wort der Kampagne ein Ende zu machen und z. B. die Studenten in ihre Schranken zu westen, zu all dem schweigt. Tamit wollen wir nicht sagen, daß die Exekutive sich zu oen Anschauungen von Tr. Magnes bekehren soll. Sie soll natürlick frei ihre Meinung sagen, sie kann die Anschauungen bekämpfen, das wird niemand mißdeuten, denn jedermann weiß, daß im politischen Leben überall Meinungsverschiedenheiten bestehen und Gegensätze ausgefochten werden. Aber Kampfmethoden wie die in diesem Fall in manchen Kreisen des Zionismus eingerissenen, deren Hanptinstrument die Entstellung der Meinung des Gegners ist, hätten nicht zugelassen werden dürfen. Und gerade weil die Exekutive anderer Meinung ist als Magnes, hätte sie — im Interesse des Zionismus — sairneß als eine Grundbedingung des Kampfes allen Zionisten zur Pflicht machen müssen. Ties aussprechen heißt keineswegs für Tr. Magnes Partei nehmen, sondern die Imponderabilien eines solchen innerpolitischen Kampfes in Rechnung stellen, der sonst auf der abschüssigen Ebene noch weiter abgleiten könnte." Wenn in dem eigenen zionistischen Zentralblatt der Geisteszustand des heutigen Zionismus dem im Deutschland oer Vorkriegsjahre gleichgestellt wird, wenn das Verhalten der zionistischen Akademiker den schlimmsten politischen Exzessen an deutschen Universitäten verglichen wird, dann wird wohl auch Herr Ministerialdirektor Badt es mir nicht verübeln, wenn ich (so sehr ich auch Herrn Badt gegenüber persönlich irrtet grundsätzlich auf die Gefahr hinwies, daß durch die Praxis des Zionismus „das geistige und ethische Erbe des Judentums verleugnet wird". Herr Badt hat seinerzeit seine Erwiderung auf meinen Artikel „Todesstrafe und Judentum" mit den Worten eingeleilet: „Bisher war ich der Ansicht, es gäbe immerhin noch einige Themen, die selbst der fanatischste Bekämpftr des Zionismus nicht als Kampfmittel benutzen könne; zu diesen hätte ich z. B. auch das von Ihnen behandelte Thenra gerechnet." Anch in dieser Hinsicht wird wohl Herr Badt seine Stellung berichtigen müssen, hat doch ein Palästinensisches Zionistenblatt sich zur Frage der Anwendung der Todesstrafe bei den verurteilten Arabern in so ungeheuerlicher Weise geäußert, daß auch hier die Jüdische Rundschau zu einem energischen Protest veranlaßt wurde. II. Für den Außenstehenden bleibt die Frage von besonderem Interesse, welche praktischen Folgerungen Männer wie Badt und Goslar aus der nationalistischen Einstellung der heu- Hgeu zionistischen Politik ziehen wollen. Es steht ja nicht .so, daß etwa nur in Palästina der extreme Nationalismus die Oberhand gewonnen hätte, es muß daran erinnert werden, daß sämtliche drei zionistischen Mitglieder des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde der KollenscherMruppe angehören, d. h. jener Richtung der Unabhängigen Zionisten, der die offizielle zionistische Politik zu versöhnlich ist, und die durchaus nationalistisch orientiert ist. Mail wird die Frage aufwerfen dürfen, ob führende Politiker, die den Nationalismus in Deutschland aufs schärfste bekämpfen, nach wie vor dafür eintreten wollen, daß die Leitung der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Hand von Persönlichkeiten liegt, deren geistige Grundtendenzen in dem von mir zitierten Artikel der Jüdischen Rundschau so treffencharakterisiert worden sind. Sollte nicht auch hier jenes englische Sprichwort Anwendung finden, wonach Wohltun zunächst im eigenen Hause beginnt? Das Berliner Ledigenheim An die Redaktion der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" Berlin SW 11 Hallesche Straße 1. Hierdurch bitte ich um Aufnahme folgender Entgegnung zu dem Artikel „Zum Etat der Berliner jüdischen Gemeinde". Ich will mich, hierbei auf das Thema „Ledigenheim" beschränken, weil mir die Schaffung eines solchen Heimes besonders am Herzen liegt. Sie nennen ein solches Heim „ein kostspieliges Produkt, das uns reichlich überflüssig erscheint". Nein, die Schaffung eines solchen Heimes ist für Berlin eine so ungeheure Notwendigkeit, daß keinerlei Kosten gescheut werden sollten, um es zu verwirklichen. Wie notwendig es für männliche Angestellte ist, kann ich weniger beurteilen, aber die alleinstehende erwerbstätige Frau und das erwerbstätige junge Mädchen brauchen es unbedingt. Möblierte Zimmer sind heute so kostspielig und gerade in jüdischen Familien oft noch teurer, daß bei den kleinen Gehältern der Büroangestellten und Berkänserinnen ein viel zu großer Teil für das Zimmer verbraucht wird, was dann immer ans Kosten der Ernährung geht. Als Vorstandsmitglied des Vereins jüdischer Hausgehilfinnen bin ich aber auch von älteren Hausgehilfinnen beschworen worden, mich in der Oeffentlichkeit für Schaffung eines solchen Heimes einzusetzen. In Haushaltungen, in denen nchen der jüdischen, sich; meist in gehobener Stellung befindenden Hausangestellten, noch eine zweite Hausangestellte tätig ist, gibt es meistens ein Mädchenzimmer für diese, der jüdischen Hausangestellten aber wird zugemutet, mit einem Familienmitglied das Zimmer zu teilen. Schlimmer ist es aber noch, wenn sie arbeitslos ist, da sie mit der Arbeit zugleich die Wohnung verliert. Auch sie kann sich kein möbliertes Zimmer leisten. Aus diesen Ausführungen geht hervor, daß ein solches Heim nur Zweck hat, wenn es billig ist. Erfahrungen lchren, daß ähnliche Institutionen bei mäßigen Preisen Miete, Beheizung, Beleuchtung, evtl. Verpflegung aus eigenen Mitteln bestreiten, während für Renovationen und Neuanschaffungen Zuschüsse erforderlich sind, und diese müßten sich bei einer so notwendigen Einrichtung doch beschaffen lassen. Wem das jüdische Mileu nicht paßt, der braucht nicht in dem Heim zu wohnen. Sehr viele erwerbstätige Juden und Jüdinnen aber, die beruflich unter dem Antisemitismus christlicher Vorgesetzter und Kollegen leiden, das gibt es leider auch bei jüdischen Firmen, werden sehr froh sein, außerhalb ihres Berufskreises in einem jüdischen Milieu leben zu können. Da in den gemeinsamen Klübräumen auch Freitag-Wende, Seoeräbende und Vorträge über jüdische Themen stattsinden können, so wäre es ja möglich, daß! aus dem jüdischen Milieu auch jüdisches Leben erwachsen könnte. Das ist es, was die Zionisten erkennen. Warum sollen die Liberalen da abseitsstehen und eine solche Sache sogar bekämpfen? Sie dürfen sich dann nicht wundern, wenn sie als unsozial und unjüdisch verschrien werden. Das gemeinsame Jugendheim für alle jüdischen Jugendbünde Berlins, das in diesem Hause nntergebracht werden soll, ist ebenfalls eine Notwendigkeit, schon deshalb, weil ja auch die Schule der jüdischen Jugend dort Unterkommen könnte, von der aus jüdisches Wissen unter der Jua.'nd verbreitet wird. Also noch einmal, die Schaffung eines Ledigenheimes ist eind soziale und jüdische Notwendigkeit, für die in jüdischen Kreisen aller Parteien Interesse und Verständnis vorhanden sein müßte. Ilse M ü u z e r. Nachwort der Schristleituug: Wir haben die vorstehende Zuschrift gern zum Abdruck gebracht, müssen allettnngs an unserer Auffassung festhalten. Das Unterkommen in dem Ledigenheim wird nicht billiger sein als an anderer Stelle. Das Heim soll zwar auf gemeinnütziger Basis errichtet werden, aber keine Wohlfahrtseinrichtung im eigentlichen Sinne sein. Vielmehr ist es, wie wir bereits schrieben, so gedacht, daß das Heim sich selbst wirtschaftlich erhalten soll und auch die Kosten der Verzinsung und eventuell auch allmählichen Amortisation des zur Errichtung erforderlichen Kapitals ausbringen soll. Wörtlich; schrieben wir in diesem Zusammenhang: „Wie man sich das denkt, ist vorläufig noch Geheimnis. Entweder wird dieser Plan Utopie bleiben, oder das jüdische Milieu wird die Insassen dieses Heims besonders teuer zu stehen kommen... Tie Kostspieligkeit dieser ganzen Angelegenheit scheint uns. wenn man nicht auf die Zionistischen Gedankengänge vom jüdischen Milieu eingesch,waren ist, in einem krassen Mißverhältnis zur Not der Zeitzu stehen." * Aus den Gemeinden Aachen. (Todesfälle.) Reiche Ernte hielt der Tod in den letzten Tagen in unserer Gemeinde, insbesondere unter den Männern, die durch ihre jüdische Arbeit zum Wohlc der Gemeinde gewirkt haben. Es starben innerhalb weniger Tage Herr San.-Rat Dr. Ben Israel, Vorstandsmitglied des Asylvereins; Herr BernStruch, langjähriges Mitglied der Repräsentantenversammlung; Herr Siegfried Herzberg, der ebenfalls 22 Jahre diesem Gremium und bm Vorstände des Asylvcreins, zu dessen Gründern er zählte, angehört hatte, und Herr Aley Meyer, Mitglied der Repräsentantenversammlung, Vorstandsmitglied der Chewrah, de« Armenunterstützungsvereins und der Darlehnskasse, sowie Vorstandsmitglied der liberalen Bereinigung. Herr Oberkantor Alt zeichnete am Grabe die Verstorbenen, deren Andenken unserer Gemeinde zum Segen sein wird. Berli«. (Jahresversammlung des Hilssvereins.) Am Sonntag, 4xtt 30. März, fand im gelbe» Saal des Kaiserhofs die Jahresversammlung des Hilssvereins der Deutschen Juden statt. Unter den Erschienene» sah man viele bekannte Persönlichkeiten, wie den früheren sozialdemokratischen ReitMaasabgeordneten Eduard Bernstein, Geheimrat Timendorfer, Rabbiner Dr. Emil Bernhard Cohn, den ehemaligen Börsenmakler und jetzigen Philosophen Konrad Kohn und manche andere. .Am Borstandstisch saßen die Herren James Simon, Dr. Wischnitzer, Willy Dreyfus, Herr Generalkonsul Eugen Landau, der Kassenwart Herr Direktor Joachimsohn usw. James Simon begrüßte die Erschienenen. Dann hielt Herr Dr. Mark Wischnitzer ein ausführliches Referat über die Tätigkeit des Hilssvereins während des vergangenen Jahres. Die Aufgaben, die der Hilfsverein, diese völlig überparteiliche Organisation, zu leisten habe, hätten sich nach verschiedenen Richtungen außerordentlich vergrößert und seien im steten Wachsen begriffen. Die normale Transdozierung und Wanderbewegungen der Inden, vor allem ans den östlichen Landern, sei völlig gehemmt. Im Jahre 1913/1914, vor dem Kriege, seien allein in einem Jahre 138 000 Juden nur nach den Vereinigten Staaten ausgewandert, im Jahre 1928 hingegen hätten überhaupt im ganzen nur 40 000 Juden Europa verlassen können. Viele Einwanüernngsländer, wie Amerika, haben die Immigration außerordentlich erschwert, Südafrika so gut wie ganz unterbunden. Deshalb muß der Hilfsverein jetzt an Ort und Stelle, vor allem in den östlichen Ländern, versuchen, das dort herrschende, ganz maßlose Unglück zu lindern. Ein Drittel der dort lebenden Juden sei untergegangen, ein zweites Drittel ginge der Vernichtung entgegen, und nur das letzte Drittel könne bei tatkräftiger Unterstützung weiterexistieren. Das Judenproblem zu lösen, sei völlig unmöglich, man könne nur die große Not etwas lindern. Was der Hilfsvcrein mit den aus dem verarmten Deutschland stammenden geringen Mitteln irgendwie leisten könne, sei und werde geschehen. Für die Pogromwaisenkinder sind Waisenhäuser errichtet worden, den Hungerleidcnden in Süddeßarabien ist mit Mitteln in Höhe von etwa 28 000 Mark geholfen, in den südrussischen und Krimkolonic» sind Ambulatorien mit mo-* deinen, sanitär hygienischen Einrichtungen gegründet worden. Den durch Deutschland kommenden Durchwanderern wurde auf mannigfache Weise geholfen. Die Lage der Turchwanderer sei katastrophal gewesen. In Hamburg und Bremen hätten diese jahrelang in größter Not auf Weiterbeförderung warten müssen. Biele Tausende armer Juden sind in den deutschen Fürsorgestellen betreut worden. Der Hilfsverein hat aber auch die Ursachen jüdischer Not an der Wurzel anzupacken versucht, indem er jüdischer Intelligenz zu dauerndem Erwerb« verholfen hat. 814 arme jüdische Studenten haben auf Kosten des Hilssvereins ihr Studium in Deutschland durchführen und abschließen können Die 177 000,— Mark, die für das Studentenhilfswerk ausgcgeben worden sind, ist werbend angelegtes Kapital, nicht nur im ideellen Sinne des Wortes. Dr. Wischnitzer schloß seinen Bericht mit einem bewegten Appell an die Oeffentlichkeit, weiterzuhelfen. Dann erstattete Kassenwart Direktor Joachimsohn seinen Bericht. Die Gesamtausgaben des Hilssvereins haben im Jahre 1928 ein« Viertel Million Mark betragen, 1929 etwa 333 000 Mark. Die Jahresbeiträge seien in langsamem Wachsen begriffen, 1927: 52 000 Mark, 1928: 57 000 Mark, 1929: 67 000 Mark. Je mehr der Hilfsvcrein Beiträge bekomme, je mehr könne er leisten. Hierauf hielt Dr. Ernst Feder, wohl der berufene Nachfolger des unvergeßlichen Paul Nathan, eine Rede über „Politik und Humanic tät<'. Es war ein kurzer Gang durch die Welt- und Kulturgeschichte, beginnend bei der Antike, endend bei modernen Zuständen. FÄ>er wies nach, daß die Realisierung von Humanität das einzige Mittel sei, um das Leben der Menschen zu erhöhen. Er polemisierte gegen Anschauungen wie z. B. die von Treitschke und Ludendorff, die praktischpolitische Ethik als „Humanitätsduselei" verspottet hatten. Das Wirken des Hilssvereins sei wahrhafte Humanität. Reicher Beifall lohnte den Redner. Zum Schluß wurden die Neuwahlen in die Vereinsorganisationen bekannt gegeben. Vorsitzender des Vereins Gruppe Rheinland wurde Tr. h. c. Alfred Leonhard Tietz-Köln. In den geschäftsführcnden Ausschuß wurden die Herren Dr. Heinrich Arnhold-Dresden und Paul Petschek neugewählt. Dem Berliner Bezirkskomitec wird Fabrikdirektor Maurice Glogau weiter vorstehen. Berli«. (Von der Gesellschaft zur Förderung der W i s s e n s ch a f t d c s I u d e n t u m s.) Am Mittwoch, den 19. März ds. Js., hielt die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. B. ihre Hauptversammlung ab, die sich eines zahlreichen Besuches von hiesigen und auswärtigen Mitgliedern, sowie von Vertretern der angesehenftm Organisationen zu erfreuen hatte. — Der Vorsitzende, Professor Dr. M. Sobernheim, erstattete den Geschäftsbericht. — Der Kassenverwaltung wurde Entlastung erteilt. — Der Ausschuß tvurde wiedergewählt. — Im Anschluß an die Hauptversammlung hielt Herr Dozent Dr. I. Heinemann aus Breslau einen Bortrag über: „Die geschichtlichen Wurzeln des neuzeitlichen Humanitätsgedankens". Der Vortragende ging davon aus, daß die Jvee der Humanität, deren Geltung sich für das 18. Jahrhundert von selbst verstand, inzwischen starke Anfechtungen erfahren hat. Insbesondere befürchte man von ihr eine Gefährdung der Willensstärke und der .Hingabe an den näheren Pflichtenkrcis. Der Redner zeigte, daß der Humanitätsg-edanke im Altertum keineswegs, wie seine Gegner glauben, aus Kräften des Verfalls und der Zersetzung erwachsen ist, allerdings aber zu verwandten Konflikten geführt hat, die ja auch heute zu Tage tsreten. Plato und Aristoteles vertreten den Gedanken der Menschheit, aber nicht den der Menschlichkeit; die Cyniker vertreten den Kosmopolitismus, geben aber die eigentümlichen Werte der menschlichen Kultur preis. Tie Stoa verbindet Menschheits- und Menschlichkcitsgedanken, legt aber quietistische Ergebung in den Naturlauf nahe. — In Israel erlvuchs aus dem Glauben an den einen Gott die Idee der einen Merrschheit; und da dieser eine Gott zugleich als Gott der Gerechtigkeit und der Liebe erkannt wurde, trug der Menschheitsgedanke zugleich humane Züge. Die Ueberwindung der Schwierigkeit glückte hier leichter, da Unterordnung unter den Willen Gottes gefordert wurde, der nicht Ergebung, sondern gerechte Tat von uns verlangt. Daher sind die Vertreter der Humanität im Judentum zugleich stärkste Willens- Menschen gewesen. Die Ueberwindung des Gegensatzes vo« Partikulavismris und Universalismus gelangt ans dem Wege, daß man an die Sendung Israels glaubte; der Jude soll daher seinen Eigenwerten treu bleiben, um sie der Menschheit zu verkünden. Nicht Philantropie, sondern Mitgefühl (Beria) fordert der jüdische Humanitätsgedanke. Berlin. (Hohes Alter.) Am 10. April ds. Js. begeht Frau Amalie Sicherstem geborene Falkmann aus Pr. Stargard in körperlicher und geistiger Frische ihren 95. Geburtstag. Ucker 50 Jahre als Lehrerswitwe in Berlin ansässig, nimmt die Jubilarin a« allen Ereignissen des allgemeinen und besonders des jüdischen Lebens noch heute regsten Anteil und sieht ihre besondere Freude darin, die große Zahl ihrer Kinder, Enkel und Urenkel am Freitag-Abend um sich zu haben. Mögen ihr noch eine Reihe recht glücklicher und zufriedener Jahre beschicken sein. Berli«. (A m t s j u b i l ä u m.) Oberbibliothetar Dr. Moritz Stern, der Leiter des Bibliothekswesens der Jüdischen Gemeinde, beging sein 25 jähriges Amtsjubiläum. Der Gemeindevorstand veranstaltete eine würdige Feier. Direktor Kareski und Dr. Sandler hoben die Verdienste des Jubilars um Bibliothek und Kunstsammlung hervor. Für den Beamtenverein sprach E. Rockmacher, für die Filialbibliotheken Rabbiner Dr. Rosenwasser. Hannoniumspiel mit Geigenbegleitung und Sologesang umrahmten die Veranstaltung. Zahlreiche Verehrer des Jubilars nahmen an ihr teil. Berlin. (Synagogenschändcr gefaßt.) In der Nacht vom Sonnabend, den 15., zum Sonntag, den 16. Februar d. I., wurde von Mitgliedern der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei die am Kottbuser Ufer 48-50 gelegene Synagoge durch Verwendung von zinnoberroter Anilinfarbe mit dem Parteiabzeichen, dem Hitlerkr«tz und den Worten: „Juda verrecke'— Juda den Tod - Die Rache naht!" beschmiert. Diese Tat ist nunmehr aufgeklärt. Die Polizei hat als Täter ermittelt: 1. den Bäckergesellen Walter Wüstcnberg, Berlin, Thur-- neysserstraßc; 2. den Stellmachergesellen Otto Ruba, Wendenstraße 6: 3. den Bäckergesellen Karl Meckelburg, Reichenberger Straße 115 a;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.