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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-02 · 14 (2.4.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
14 (2.4.1930)
Date
1930-04-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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das Programm; zum Teil wurde es ausgeführt, zum Teil scheiterte es an den verschiedensten Umständen. Bezeichnend für die Richter, die über Süß zu urteilen hatten, wie für den Angeklagten selbst ist es nun, daß Süß sich jede von ihm getroffene Anordnung von Karl Alexander gegenzeich - nen ließ. Es ist zweifellos, daß Oppenheimer die Gefährlichkeit seines Amtes sich stets vor Augen führte und den Herzog wiederholt bat, ihn aus seinen Diensten zu entlassen. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist es auch, daß Süß in einem in den „Stuttgarter wöchentlichen Nachrichten" veröffentlichten Dekret vom 12. Februar 1737 in Anerkennung seiner Tätigkeit, die er „zur merklichen Beförderung des herrschaftlichen Interesses mit Application, Treue und glücklichen Sucres eingerichtet habe", für alle vergangenen und zukünftigen Handlungen sreigespr 0 - chen, daß ihm also von vornherein vom Herzog Generaldispens erteilt wurde . Ter „Geheime Finanzienrat" war dann auch immer auf der .Hut, sich für spätere Zeiten zu decken und zu entlasten. Es wurde ihm, dem Juden, ja auch alles reichlich schwer gemacht, und mehr als einmal führt er beim Herzog und in seinen Briefen darüber Klage, wie sehr er gegen Jntriguen zu kämpfen habe, wie er überall mißverstanden werde und deshalb kaum in der Lage sei, „bisherige und künftige Entreprisse zu Vorgesetztem Ziel und Zweck gelangen zu lassen". Er bittet Karl Alexander-inständig, „ferme und verlässig" zu bleiben und stellt ihm immer wieder vor, wie er sich mit Gut und Blut für das herzogliche Interesse einsetze. Man suhlt, daß es Süß ob seiner ungeheuerlichen Karriere selbst bange ist und versteht, wie dieser arrivierte Jude sofort zum Ghettomenschen, in dem die leidvolle Erfahrung der Jahrhunderte schwingt, herabsinkt, wenn er sich nicht auf Schritt und Tritt des herzoglichen Schutzes sicher weiß. Tann aber, wenn Karl Alexander in vielen Briefen und Audienzen ihn mit „Monsieur" anredet, wenn der Herzog seinem „Lieben Süß" nicht nur sondern selbst dem Kaiser versichert, wieviel Nutzen ihm „sein besonders lieber Herr Resident" gebracht habe, dann fällt der Judenfleck von Oppenheimer ab und ans dem fürstlichen Diener wird der stolze Barockmensch, der mit fast machiavellistischer Skrupellosigkeit auf immer wieder neue Mittel und Wege sinnt, um das Regiment von Schultheißen, Schulmeistern, Prälaten und Juristen zu brechen und in sich die Genugtuung darüber zu verspüren, daß eine unermeßliche Machtfülle sich in der Hand eines Juden vereinigt. Dann wächst er zum Helden in der dramatischen Auseinandersetzung zwischen Barock und der Welt des Judentums empor, dann läßt ihn seine Karriere alles vergessen. Mit hartem und unerbittlichem Sinn betreibt er aufs neue die wirtschaftspolitische Neuorientierung Württembergs und schreitet aus jahrhundertelanger sozialer Knebelung als glänzender Kavalier im Bewußtsein freier, selbstbewußter Bürgerlichkeit daher. Wenn er nach Frankfurt a. M. kommt, residiert er in seinem Hause in der Judengasse wie ein Fürst; er stattet s eine Häuslichkeit mit wertvollen Bildern aus, studiert in seiner umfangreichen Bibliothek die freigeistige Literatur seiner Zeit; feinstes Silbergeschirr ziert seine Tafel, feitte Truhen bergen kostbarste Wäsche und Anzüge. Trifft er aus einer Reise dann einmal einen Glaubensgenossen, wie es die Historie von Gießen z. B. vermeldet, so kommt es vor, daß er den „Hebräer" auf sein Zimmer bittet und ihn mit Wein traktiert; will der also Geladene den fürstlich gekleideten, mit einem Bedienten reifenden Herrn mit „Euer Gnaden" anreden, dann lacht der „Geheime Finanzienrat" Karl Alexanders laut auf und sagt: „Schonte trink! Ich bin sowohl ein Bar Israel wie Tn". Und wenn er wahllos die Hofdame, die Gräfin, die Bauernmagd und wer ihm gerade gut dünkt, zur Geliebten wählt, dann fühlte er sich verwandt jenen Regenten, die wie Eberhard Ludwig, sich eine Maitresse halten — selbst dann, wenn die Landeskinder ob dieser kostspieligen Passionen an den Bettelstab kommen. So einen sich in Joseph Süß Oppenheimer zwei Welten, die sich stets bekämpfen. Bald mahnt die jüdische Klugheit und sagt ihm, daß der Bogen überspannt ist, bald übermannt ihn die Sinnenfreude des Mannes, der an seinen Handgelenken nur noch die immer mehr verblassenden Kettenmale eines armseligen Judendaseins und die Welt in ihrer lockender: Weite offen sieht. Eine wahrhaft gradiose Doppelnatur, die sogar vielfach unsere Sympathie verdiente, wenn ihre wirtschaftspolitische Tätigkeit nicht dadurch eine krim i n e l l e Note erhielte, daß sie ihre Stellung — jvie es das durch Tr. Selma Stern gesichtete Material beweist - sür eigene materielle Interessen mißbraucht hätte. Wenn Süß zur Kapitalisierung des Landes Banken entstehen ließ, wenn er Lotterien veranstaltete, Monopole vergab, Kriegsliefernngen übertrug usw., so war dies alles der kaufmännischen Erkenntnis entsprungen, daß die konservative Agrarpolitik der Landstände im Zeitalter des Industrialismus und Merkantilismus überholt sei, daß man neue Wege gehen müsse, wenn man die zerrütteten Verhältnisse sanieren wolle. Wenn Oppenheimer aber für diese Monopolübertragungen usw. ein „Extra-Douceur" verlangte und in seiner eigenen Kasse verschwinden ließ, wenn er einen ausgesprochenen Aemterhandel betrieb und sich namhafte Summen verschaffte, so wird damit, wie Dr. Selma Stern sagt, der Name des württembergischen Finanzrats für alle Zeiten gezeichnet. Gemessen an der innenpolitischen Korruption der anderen damaligen Staaten ist Oppenheimers diesbezügliche Tätigkeit zwar genau so verwerflich, dennoch aber nichts außergewöhnliches. Ebenso ist seine Arbeit auf dem berüchtigten Gebiet des F i s k a l a t s w e s e n s einzuschätzen, ein Unternehmen, das dem Herzog und auch Süß ungeheure Summen einbrachte, im Lande aber hellen Aufruhr heraufbeschwor und dem Günstling Karl Alexanders Todfeinde zu Tausenden machte. Und doch, mag sich Süß geistig und in sittlicher Beziehung weit vom Judentum entfernt haben — er blieb Jude. Mag er sich oft verächtlich über die Juden ausgesprochen, das Gesetz mißachtet, sich über alle Schranken seiner Religion mit geradezu abschreckender Frivolität hinweggesetzt haben, den Zusammenhang mit dem Glauben der Väter hat er niemals verloren. Mag er seine jüdischen Freunde erpreßt und schikaniert haben, nur ihnen ließ er die Gewinne aus den vielen Transaktionen zukommen; mag ec selbst die Ersparnisse der Aermsten skrupellos eingezogen haben, den armen Wanderjrcken, die den „Schabbes in Gießen zu feyern gedachten" gab er reichliche Almosen; er floh aus dem Ghetto, überließ sich dem rauschenden Strom der Welt und trug doch, ja, beschwor den Haß der Landstäude dadurch, daß er die Ansiedlung der Juden in Württemberg durchsetzt. Er wollte „Jude bleiben und kein Christ werden, auch tvenn er römischer Kaiser werden könnte". Lange vor der Emanzipation wirft er sich der deutschen Kultur in die Arme, mit allen Fasern seines Wesens versucht er den Geist seiner Zeit zu absorbieren und das Bollwerk der Vorurteile zu stürmen. Tie verdrängten Erfahrungen seiner Ahnenreihe sprudeln wie ein freigelegter Quell in sein Bewußtsein. Aus der inneren Spannung seiner jüdischen Individualität löst sich mit geradezu explosiver Gewalt der Machttrieb, um sich am instinktiven Widerstand seiner christlichen Umwelt immer mehr zu entfalten. „Er, der erste emanzipierte Jude vor der Emanzipation, der erste Faszinierte der deutschen Kultur und damit der erste Erleider des deutsch-jüdischen Konflikts, war vom Schicksal in eine Epoche gestellt, in der eine Synthese von Judentum und Zeitgeist noch nicht möglich war." Mit dieser Feststellung nmreißt Tr. Selma Stern das Problem „Jud Süß" mit bisher nie vernommener entscheidender Klarheit. Wenige Stunden nach dem plötzlichen Tooe Karl Alexanders wurde Oppenheimer verhaftet. Ein Verhör jagt jetzt das andere, in ciunkler Zelle muß er die Vergänglichkeit alles Irdischen erkennen. Nun erwacht sein besseres, sein jüdis ch e s Ich zu neuem Leben. Aus dem geschwächten Körper ringt sich erst zaghaft, Urlaut eigensten Wesens, ein „Sch'ma" ..., es verhallt zwischen den Kerkerwänden. Aber dann rafft der Häftling sich auf, horcht hinein in die Unendlichkeit seiner gepeinigten Seele, er hebt die Hände zum Gott seiner Väter und sieht sich eingeschlossen in einen langen, langen Zug bekümmerter und gebeugter Menschen. Mit ihnen, die aus den Jahrhunderten kommen und sich zum Tode bereiten, weil sie die Treue hielten oder an ihrer vermeintlichen Willensfreiheit scheiterten, wandert Süß gen Stuttgart in das „Armen-Sünderstübchen" des Herrenhauses. Er bestimmt Legate für Mutter, Geschwister und die christliche Geistlichkeit, vermacht den Rest seines Vermögens den Synagogen, „damit man für ihn bete, lerne und das Seelenlicht anzünde". Den Rabbi Mordechai Schloßt bittet er, „an alle jüdischen Gemeinden zu schreiben, daß man von seiner Seele nichts Uebles denke noch Nachrede. Er möge den Menschen verkünden, daß er aus den heiligen Namen Jchovah gestorben sei". « Und dann fuhren ihn die Schinderlnechte zum Richtplatz, wo er, von Tausenden umlagert, am 4. Februar 1738 seine Seele ausgab. — Süß fand harte Richter. H a r p - precht, der Tübinger Staatsrechtslehrer, hatte sich als einziger gegen das Todesurteil gewandt und erklärt, eine Verurteilung Oppenheimers aus Grund der deutschen Reichs¬ und württembergifchen Landesgesetze sei unmöglich. Aber es war alles vergebens. Karl Rudolf, der als Administrator das Todesurteil unterschrieb, sagte damals, es sei ein seltenes Ereignis, daß „ein Jud jür Christenschelmen die Zeche bezahle". III. Man liest Tr. Selma Sterns neues Werk nicht ohne tiefe Erschütterung. Mit größtem psychologischen Verständnis wird hier in tiefgründiger wissenschaftlicher Darstellung eine Persönlichkeit geschildert, die seit zwei Jahrhunderten alle deutschen Stände beschäftigte. Wir erleben diesen Joseph Süß Oppenheimer, wie er sich in geradezu faustischem Machttrieb von seinem natürlichen Fundament löst und wie er sich nach abenteuerlicher Lebenssahrt in seine stille heimatliche Klause zurückrettet. Ein Stück jüdischer und deutscher Geschichte, eine Epoche voll stumpfer Finsternis und gleißender Lichtfülle steigt aus den Aktenbündeln aus und läßt uns auss neue erkennen, wie weit, wie steil und opferreich der Weg des deutschen Juden war. Was seine U m w e l t ans natürlichem Recht für sich in Anspruch' nahm, mußte er mit Gut und Blut erkaufen. Was Gott den anderen in die Wiege legte, das legte er Israel aus den Weg, auf daß es erst erkämpft werden müsse. — Das liest man zwischen den Zeilen dieser genialen Biographie, und noch so vieles mehr. Und noch eine Erkenntnis wird uns vermittelt: Der Glaube unserer Väter ist die Quelle unserer Kraft. Daran erinnert auch Oppenheimers Ende, das die selbstbewußte jüdische Verfasserin aus dem Stundenabschmtt der Geschichte gleichsam in einen höheren und überzeitlichen Geltungsbereich erhoben hat. Frau Dr. Selma Stern hat ein Werk geschaffen, das ein großes Unrecht der Weltgeschichte aufdeckt, ein Buch, das ihr, dem Verlag und nicht zuletzt der jüdischeil Wissenschaft zu hoher Ehre gereicht. Umschau Resolutionen des Administrative Comittees der JewG Agency. Das Administrative Comittee der Jewish Agency, das in London tagte, hat verschiedene vom Politischen Komitee vorgeschlagenc Resolutionen angenommen, die leider mit erschreckender Deutlichkeit zeigen, daß aus den dauernden Reibereien zwischen Juden und Arabern in Palästina die erforderlichen Konsequenzen noch nicht gezogen worden sind. Tie politischen Resolutionen lauten: 1. Der jüdischen Bevölkerung in Palästina wird die Bewunderung für die Standhaftigkeit, die sie während der Palästina-Unruhen im August 1929 bewiesen hat, zum Ausdruck gebracht. Das Administrative Committee der Jewish Agency stellt mit tiefer Befriedigung fest, daß die Jndenheit der Welt ihren unbeugsamen Willen manifestiert hat, alles zu tun, um die Idee des jüdischen Nationalheims zu verwirklichen. 2. Tie britische Regierung wird aufgefordert, ihre Politik in Palästina so zu führen, daß das Mandat dem Buchstaben und dem Geiste nach verwirklicht werde. 3. Tie vom 12. Zionistenkongreß gefaßte Resolution sür ein friedliches Zusammenarbeiten mit dm Arabern wird aufs neue bekräftigt. 4. Das Administrative Committee der Jewish Agency verficht das Prirrzip. daß es in Palästina keine Beherrschung der Juden durch die Araber oder der Araber durch die Juden geben soll. Ferner hat das Administrative Committee einen Kolonisationsplan angenommen, demgemäß in nächster Zeit 1099 jüdische Familien in Palästina mit einem Kostenaufwand von 350000 Pfund landtvirtschaftlich angesiedelt werden sollen. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, ist eine Summe von 320000 Pfund für dieses Werk bereits gesichert. Teutschnationaler Enteignungsporschlag abgelchnt. In einer Klnnen Anfrage an das preußische Staatsministerium hatte am 5. März d. Js. der deutschnationale Landtagsabgeordnete Gieseler vorgeschlagen, zur Deckung des Defizits im Reichs-Budget die „Vermögen der nach dem Kriege zugewanderten und aus der deutschen Not reich gewordenen Ostjuden" zu beschlagnahmen. Auf die heute von ihm wiederholte Frage: „Ist das Staatsministerium bereit, in diesem Sinne eine Gesetzesvorlage bei der Reichsregierung in Vorschlag zu bringen?", antwortete nunmehr der preußische Fmauzminister Tr. Höpker-Aschoff kurz und bündig: „Die Kleine Anfrage wird wie folgt beantwortet: „Nein". Nationals-zialistischer Antrag auf Abberufung des j»- dijchen Mufikreferenten. Mehrere nationalsozialistische Abgeordnete des preußischen Landtags haben eine Kleine Anfrage an das Staatsministerium gerichtet, die sich gegen den Referenten im Ministerium für Kultus, Wissenschaft und BolLibildung, Professor Leo Kestenberg, wendet. Es heißt darin, Kestenberg sei der Sohn eines böhmische:: Rabbiners, heute noch Mitglied der jüdischen Gemeinde, dabei aber Sachverständiger für Kirchen- und Schulmusik der christlichen Schule. Tie Nationalsozialisten wünschen die Abberufung des Kestenbcrg. Sprechsaal r * Für diese Rubrik übernimmt die Schriltleitnng lediglich die preßgesetzliche Verantwortung Zionismus und Nationalismus Von Rechtsanwalt Tr. Ernst Emil Schweitzer, Berlin. „Wann und wo, so frage ich, haben je deutsche Zionisten ihren Ehrgeiz darein gesetzt, sich möglichst in allen Fragen der Lebensanschiauung den damals in Deutschland herrschenden konservativen Strömungen anzupassen?" Ministerialdirektor Badt tu seinem offenen Brief an Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer in der Jüdischen Rundschau vom 3t. Mai 1929. I. Einige Leser dieser Zeitschrift werden sich an die Polemik erinnern, die ich in der Nummer vom 12. Juni 1929 mit Herrn Ministerialdirektor Hermann Badt gehabt habe. Ich hatte in einem Artikel über die Todesstrafe, der in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 10. Mai 1929 veröffentlicht war, darauf hingewiesen, „daß die deutschen Zionisten in der Zeit vor dem Kriege vielfach gerade ihren Ehrgeiz darein setzten, sich möglichst in allen Fragen der Lebensanschau- .ung den damals in Deutschland herrschenden konservativen Strömungen anzupassen. Tie Tatsache, daß inan im Gegensatz zu den Gedanken des deutsche,: Nationalstaates einen eigenen spezifischen Nationalismus vertrat, und dadurch Gefahr lief. Widerstand bei den herrschenden Schichten zu finden, suchte man dadurch auszugleichen, daß man sich möglichst sonst aus politischem und kulturellem Gebiet den herrschenden Strömungen anzupassen suchte." Ministerialdirektor Badt, dessen Namen ich bei dieser Gelegenheit in einem irrtümlicher: Zusammenhang erwähnt hatte, hat dann in einem offenen Brief an mich nicht nur jene irrtümliche Mitteilung, die ihn persönlich betras, richtiggestellt, sondern er hat geglaubt, auch gegenüber meiner ganzen Charakterisierung des Borkriegszionismus den Vorwurf der „grotesken Unrichtigkeit" erheben zu müssen. Er hat in diesem Zusammenhänge jene Frage an mich gerichtet, die ich dem vorliegenden Artikel als Motto vorangestellt habe. Ich habe in meiner Entgegnung gern Gelegenheit genommen, die irrtümliche Mitteilung, die Herrn Ministerialdirektor Badt betraf, aufzuklären, habe aber, wie aus der redaktionellen Bornotiz meines Artikels hekvorging, an meiner allgemeinen Charakterisierung des Vorkriegszionismns festhalten müssen. Jene Polemik, die damals rein theoretischer Natur zu sein schien, hat nunmehr" eine ungeahnt praktische Bedeutung bekommen. Es hat sich gezeigt, daß die historische Methode, ans Grund deren ich damals auch jüdische Truge betrachtete, schon ihre gute Berechtigung hatte und daß man, wenn man zu dem großen Problem des jüdischen Lebens Stellung nehmen will, nicht blind für das sein darf, was hinter dünnem Schleier schläft. Ich hatte in meinem Artikel in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 10. Mai vorigen Jahres darauf hingewiesen, daß dem deutschen Zionismus der Vorkriegszeit gewisse politische Grundtendenzen eigen waren, die ihn mit der nationalistischen Geistesströmnng überhaupt verbanden und die in schroffstem Gegensatz stehen zu jenen liberalen oder sozialistischen Ideen, zu denen sich Führer des deutschen Zionismus neuerdings bekennen. Wenige Monate nach Veröffentlichung der Badischen Entgegnung ist die Probe aufs Exempel gemacht worden, und es hat sich hierbei leider nur zu sehr gezeigt, wie richtig ich die zionistische Geisteshaltung charaktorisiert habe. Es hat sich gezeigt, daß der Leidenschaftlichkeit, mit der sich die Zionisten zu ihrer Partei bekennen, und dem Hochmut, mit dem sie vielfach aus andere jüdische Richtungen herabblicken, keineswegs eine einheitliche and tiefgehende ethische Fundierung ihrer Politik entspricht. Es rrweist sich, daß gerade die hervorragendsten politischen Vertreter des deutschen Zionismus sich im deutschen politische:: Leben zu Grundanschauungen bekennen, die im schroffsten Gegensatz stehen zu der praktischen Politik ihrer eigenen jüdischen Partei. Kurz nach den Araberunruhen fand hier in Berlin eine große Versammlung der zionistischen „Revisionisten" statt. Ter Hauptreferent war Herr Richard Lichtheim, also derselbe Mann, der der Verfasser der offiziellen Programmschrift des Zionismus ist. Wenn Herr Badt in seinem offenen Brief an mich mir vorgeworsen hat, daß ich bereits vor 17 Jahren als junger Student gegen den Lionismus Stellung genommen habe, so ist dies richtig, und es war für meine scharfe Einstellung gegenüber dem Zionismus nicht zuletzt jene L:chtheimsche Programmbroschüre maßgebend. Ich habe bereits in der Einleitung zu meiner Replik in der Jüdischliberalen Zeitung vom 12. Juni 1929 darauf hingedeutet, daß die ganze Tendenz der in jener offiziellen Programmbroschüre gemachten Ausführungen als politisch reaktionär zu kennzeichnen ist. Es war für mich nun als Zuhörer jener Protestversammlung besonders interessant, wie Lichtheim und noch ein weiterer Referent ihre Hanptangrisfe gerade gegen jene Richtung des Zionismus erhoben, zu der sich die Herren Badt und Goslar bekennen, und wie sie auch von ihrem Standpunkt durchaus in Uebereinstimmung mit meinen Artikeln in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 10. Mai 1929 und vom 12. Juni 1929, die Wandlung der Gesinnung konstatierten, die jene Richtung des Zionismus erfahren hatte, nur daß das Vorzeichen sür jene Betrachtung bei mir ein positives und bei den konsequenten Nationalisten vom Schlage Lichtheiws ein negatives war.

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