Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 14 (2.4.1930)
- Date
- 1930-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Geld, die heutzutage niemand übrig hat, und wir erwarten, daß bei -einer 'Verkleinerung des Apparats auch sachliche Ersparnisse in erheblichem Maße eintreten werden. Wenn demgegenüber behauptet wird, der Landesverband benötige eines großen Resonanzbodens für all djg wertvollen Reden, die hier gehalten werden, wobei ich die meinige von. vornherein ausschließen möchte, so hätte ich demgegenüber den Wunsch, daß der Photograph, der gestern hier tätig war, eine Aufnahme der Versammlung nicht bei Eröffnung der Versammlung, sondern eine Stunde später gemacht hätte, als bei wichtigen Reden die Bänke ganz leer waren, die sich erst wieder füllten, als es später bewegte Szenen, gab, die uns sachlich nicht vorwärts bringen. Wir sind jederzeit bereit, für eine Verkleinerung der Körperschaften des Verbandes einzutreten und kleinere arbeitsfähigere Gruppen zu schaffen. Aber wir wissen, daß hierzu eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist, die wir heute noch nicht besitzen, die aber hoffentlich bei der nächsten Tagung erreicht werden wird. Solange dir übrigen Fraktionen sich nicht auf unseren Standpunkt stellen, nehmen wir, da wir keine Freunde von zwecklosen Demonstrationen find, davon Abstand, im einzelnen ausgearbeitete Anträge nach dieser Richtung hin zu stellen, sind aber jederzeit bereit, sie einzubringen, wenn wir wissen, daß die von der Verfassung vorgesehene Mehrheit zur Verbesserung der Satzungen des Verbandes erreicht werden kann. Keine derartigen Verbesserungen können wir in den grundlegenden Anträgen der Bolkspartei erblicken. Sie sind unannehmbar, vor allem für die Gemeinden; auf ihrer Steucrkraft und ihrer Mitarbeit beruht der Landesverband, der ja eine Vereinigung'der Gemeirideir bildet. Mit Recht hat gestern der verehrte Herr Rabbiner Rosenthal erklärt, daß nur die Gemeinden das unerschöpfliche Becken bilden, aus dem dem Judentum immer neue Kräfte Zuströmen. Die Gemeinden haben den Anspruch, im Rat durch von ihnen entsandte Abgeordnete vertreten zu sein, und wir denken deshalb nicht daran, dgn Rat als solchen verschwinden zu lassen. Es ist selbstverständlich, saß bei Abordnung von Delegierten in den Rät die Gemeinden nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit verfahren müssen, und wir haben deshalb in Frankfurt selbstverständlich neben einem liberalen auch einen konservativen Vertreter in den Rat entsandt, genau wie Kölirl für den liberalen Vertreter einen konservativen Ersatzmann gestellt hat. Unsere Bedenken gegen das von der Bolkspartei beantragte Einkammer-, shstem werden noch dadurch verstärkt, daß Herr Kollege Kollenscher klar zum Ausdruck gebracht hat, daß die vom Berbandstag zu wählende Exekutive des Vertrauens des Verbandstages bedarf, und daß sie deshalb bei jedem Mißtrauensvotum zurücktreten müßte. Diese Art des Parlamentarismus können wir unmöglich akzeptieren. Die Beständigkeit in der Führung der Berbandsgeschäfte, die absolut notwendig ist, würde hier unterliegen. Ebenso wesentlich erscheinen uns aber auch die bisher in der Satzung verbrieften Ansprüche der Rabbiner und Lehrer auf Sitze in dem Rat. Wir beabsichtigen nicht hiervon abzusehen, am wenigsten nach den Ausführungen, die wir gestern von der Seite der Volkspartei, gehört haben. Es ist nicht meine Art, au einem einzelnen Worte zu kleben, aber alle Redner von der Bolkspartei haben gestern klar zum Ausdruck gebracht, daß die Religionsgemeinde ihnen ein Minus gegenüber der von Ihnen erstrebten Volksgemeinde bedeutet. Für uns gibt es also nichts Höheres und Erhabeneres als die religiöse Gemein-- schüft, die »vir seit Jahrtausenden bilden, und an der werden wir aus tiefster Ueberzeugung festhalten. Bon jeher hat, wie unser erster Religionsphilosoph erklärt hat, gegenüber anderen Völkern die Religion ffir; uns das Bindemittel abgegeben, und weil wir von der Erhabenheit des Wortes überzeugt sind weattem tiju li mamleches kauhanim können wir auch es bei unserer Verfassung nicht darauf anfommm lassen, daß Lehrern und Rabbinern das Recht genommen wird, Sitze 'M Rat einzunehmen. Die Vorlagen des Rates zur Verfassungsänderung scheinen uns weniger bedeutungsvoll. Auf eine Verneinung des Gedankens, können wir aber bei Gestaltung der Satzungen uns unter keinen Umständen einlasscn. Ueber Einzelheiten werden sich große Schwierigkeiten nicht ergeben. Von entscheidendster Bedeutung ist der Antrag der Volkspartei auf 'Einsetzung eines eigenen Unterrichtsausschusses ihrer religiösen Richtung.- Wir find grundsätzlich dagegen, weil wir eine religiöse Richtung der Volkspartei nicht anerkennen, zumal bei den Unterschieden, wie sie sich zwischen Herrn Rabbiner Dr. Levy und Herrn Dr. Oscar Cohn in religiöser Beziehung nicht bestreiten lassen. Schließlich könnte ebenso gut die Mittelpartei gleiche Ansprüche erheben und damit würde die Zersplitterung im deutschen Judentum noch vermehrt. Hinter dem Antrag auf einen eigenen zionistischen Schulausschuß steht ja auch nur der Wunsch auf Schaffung höherer jüdischer Schulen, auf jüdische Gymnasien, denen konsequent eine jüdische Universität folgen müßte. Ich sehe davon ab, daß unsere Gemeinden das finanziell nicht leisten können. Entscheidend ist, daß zwar die Volksschulen in Preußen heute konfessionell sind, daß wir aber nicht daran denken, die Emanzipation dadurch rückgängig zu machen, daß wir nun die hohen Schulen zu konfessionellen machen und jüdische Gymnasien grün-- den. Wenn die Zionisten das Ideal für die Ausbildung unserer Glaubensgenossen das jüdische Gymnasium proklamieren und es mit Hilfe ihres dritten Unterrichtsausschusses durchzusetzen beabsichtigen, so tverden sie auf Granit beißen. Wir wollen in ^Deutschland nicht in das geistige Ghetto zurück. Wir lehnen alle Anträge, die darauf hinzielen, ab, Iveil wir ihre Annahme für ein unübersehbares Unglück für die deutschen Juden halten. ★ versammlungstalender * »erlitt. Am Sonntag, den 6. April, 11.30 Uhr, findet im Traufaal der Synagoge Fafanenstraße 87, eia einmaliger Korfus für Damen und Herren statt, die de« Setzer geben milchten. Die Herren Falkentzerg «atz ». tz. Zyl Hatzen die Leitung Ützernommett. Al« Grundlage wird die Hagada von Falkentzerg benutzt, die bet dem Kurf«» ausgehSntzigt mit». Damen und Herren, die sich dafür iuter» esfieren, find hierzu herzlich geladen. Der Vorstand des Liberale« Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde. Berlin-Westen. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeind« zu Berlin E. v., Bezirksgruppe Westen. Am Montag, de« 7. April 1930, 8.39 Uhr adends, findet im Brüdervereinshaus, Knrfürstenstraße 115-116, ein« ilffentliche Versammlung statt. Di« Lezirlsgruppe Westen tritt nach langer Paus« zum ersten Male wieder vor die Oesfentlichkeit. Die Redner des Abends sind der Schriftsteller Julius »atz und Rechtsanwalt Heinrich Stern, der Vorsitzende der vereint« gung für das liberale Judentum L. v. Wir erwarten de« zahlreichen Besuch unserer Mitglieder, deren Angehörige und Freunde. Dortmund. Ortsgruppe der Bereinigung für das liberal« Judentum. Am Donnerstag, den 3. April, 20.39 Uhr, im Gemeindehaus«, findet ei» Diskussionsabend über „Judentum und Christentum" statt. Herr Rabbiner Dr. Appel leitet ihn mit einem Referat über „Jüdisches im Christentum" ei«. Anschließend unsere diesiährige Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht; 2. Kassenbericht und Entlastung des Vorstandes; 3. Vorstandswahl; 4. verschiedenes. Montag, 7. April, abends 29 Uhr 45 (6.45 Uhr), in den Raumen der Loge Düsseldorf, Grafendergerallee 78, Bortrag George Goetz (Berlin), Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum E. B.: „Religion und Realpolitik". ¥ Gottesdienste : * Berlitt-Rvrde«. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 4. April, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Radbinatskandidat Boß. Sonuabend, vormittags 19 Uhr» Gottesdienst. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstraße 29/30). Freitag, 4. April, 7.39 Uhr abends, Goltesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Ealomonfli. Berlin-Westend. ' Liberale Synagoge Westen- (Aula Leiftikowstr. 7, nahe Reichs» kanzlerplatz). Freitag, 4. April, 7 Uhr abends, Gottesdienst. Pre, digt: Dr. Andorn. Berliv-Wilmersdvrf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Rilolsdurger Plqtz). Freitag, 4. April, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfensky. In sämtlichen liberale« Synagogen finden an de» auf Sonntag fallenden Pessachtagen auch Bormittagsgottesdienst« statt. Die Por- «Ättagsgottesdienst« der Synagoge Wilmersdorf find in den Bürgerfaaf des Rathauses Schönrbrrg verlegt. Berlin. Jüdisch« Reform-Gemeinde, Johauuisstraße 16. Sonntag, den 6. April, vormittags 19 Uhr, Einsegnung der Konfirmanden. Dr. Rosenthal. Eintritt nur gegen Karte«. Der Gottesdienst Kleiststraße fällt an diesem Tage aus. Nach eingehender Debatte wird der Antrag auf Errichtung eines zionistischen Unterrichtsansschusses gegen die Stimmen der Volks- Partei abgelehnt, ebenso ein Ratsantrag, den Einleitungssatz zur Ber-, fassung „Der Landesverband ist eine Religion sgcsellschaft" zu streichen, da nach Auffassung der Regierung „Religionsgesellschaften" nur Gemeinden sein könnten. Die Liberalen glaubten aber, die grundsätzliche Festlegung des Berbandscharakters in diesem Satz nicht aufgeben zu dürfen. Die Anträge auf Umgestaltung des Rates werden abgelehnt, jedoch zufolge eines liberalen Antrages soll eine Verkleinerung des Rates erfolgen. Zahweiche kleinere Aenderungen iverden beschlossen, das Wahlalter wird auf 20 Jahre festgesetzt. Hierbei soll jedoch durch Ucbergangsbestimmungen die besondere Lage der Gemeinden, die zugleich mit dem Landesverbände wählen tverden (Berlin, Breslau) und 21 Jahre als Wahlalter Haben, berücksichtigt tverden. Die Berliner Ratsmitglieder stellen in Aussicht, sich bei den Gemeindckörperschaftcn für \TO£WERCI«{ KAKAO billig, vdohlSchmvckcnd. nuhrhaft. tf J die Herabsetzung des Wahlalters auch bei den Repräsentantenwahlent schon dieses Jahr einsetzen zu wollen. Bezüglich der Festsetzung der Berliner Abgeordneten für bte nächsten Wahlen findet ein Kompromiß Annahme, demzufolge die Zäch auf 63 festgesetzt wird. Ein Antrag, die Zugehörigkeit von Ae» meinden zu mehreren Landesverbänden unterbinden zu können, findet Annahme gegen die Stimmen der Konservativen. Die Miwdestzahl für einen Ratswahlkreis wird auf 15 000 Seelen festgesetzt und endlich der Rat ermächtigt, die Bestimmungen für ein WahlprüfungSgeriD gemeinsam mit dem Ständigen Ausschuß des Verbandstages noch vor den Neuwahlen tit Kraft zu setzen. Der Gesamtkomplex aller Verfassung und Wahlordnungsänderungen wird hierauf in der ^chlMabstimm Mg mit großer Mehrheit angenommen. ' / Bei der endgültigen Verabschiedung des Etats wird die P^ttoN „Rabbinerseminar Berlin" auf 30 000,— Mark (Ratsvörlage 40 090,—- Mark) festgesetzt. Dabei gelangt ein Antrag zur Annahme,. dem Seminar eine Nachbewilligung von 10 000,-- Mark zu gewähr««^ wenn auch der Halberstädter Verband seiner Pflicht gegen das Senunar. Genüge tut. Beim Kapitel Wohlfahrtspflege erfolgt die FestsetzUW auf 140 000,— Mark. Hierbei kommt es zu scharfen zionistischen Angriffen gegen den Jüdischen Frauenbund, über die wir noch berichten werben. ■ ' -1" •- i In vorgerückter Stunde findet noch eine kurze Aussprache zünn Punkt Judengefetz statt. Dabei berichtet Kammergerichtsrat Vokffi für den Rat über den Weg, den dieses Gesetz genommen had/ und teilt mit, daß der neue Unterrichtsminister Herr Grimme beschleunigte Behandlung versprochen hat. Er empfiehlt, mit Tatkraft! und Energie die Sache weiter zu verfolgen, doch nicht an den Landtchp zu appellieren, was die Sache nicht fördern würde, da den Abgeordneten die Sachkenntnis mangelt. Die Regierung wird mit sich reden lassen, auch mit dem Halberstädter Verband «erde man in Frieden verhandeln müssen. Wir jedenfalls haben alles getan, uw zu einer friedlichen Regelung zu gelangen. Heinrich Stern (lib.) gibt der Entrüstung des Berbandstages Ausdruck, daß der einhellig beschlossene Judengesetzentwurf noch nicht Gesetz geworden ist, daß dem einheitlichen Willen des preußisches Judentums bürokratische Bedenke,r entgegengebracht werden. Wir Jude»' erfüllen alle Pflichten für Land und Reich. Wenn es den deutschen Katholiken gelungen ist, das Konkordat durchzudrücken, so wird auch unser Wille respektiert werden müssen, tvir bleiben bei unserem Beschlüße Folgende von den Liberalen beantragte Entschließung wird angenommen:; Die Schaffung des neuen Juden rechts erscheint dem Berbandstag. nach wie vor dringendstes Gebot. Der Verbandstag ersucht den Rat, auf umgehende Vorlegung eines Ministeriumentwurfes an den Berbandstag hinzuwirken. Der Berbandstag verweist auf seine Beschlüsse vom 38. März 1928. '"Vöck einer /Erörterung über die wirtschaftliche Not der deutschen Inden wird wegen der vorgerückten Stunde Abstand genommen. Ein liberaler und volksparteilicher Antrag, eine Wirtschaftskonferenz der^ deutschen Juden einzuberufen, wird dem Ständigen Ausschuß Über-! wiesen. ' Der Vorsitzende, Herr Heinrich Stern, hält nun das Schlußwort: Wir sind am Schluß der Tagung, zugleich auch am Schluß unserer Legislaturperiode; cs sei denn, daß die Regierung uns noch vor den Neuwahlen ein Judengesetz gibt. In diesem Falle wird uns bet Rat noch einmal einberufen. Es wurde viel stille Arbeit geleistetdH' zum außerordentlichen Segen namentlich für die kleinen Gemeinde^ gewesen war. 50 Kleingemeinden in Ostpreußen, weitere in Schlesien und anderswo iverden. erhalten und neu belebt. .Hinzu kommen die Leistungen für die Wissenschaft und vieles andere. Die Auseinander' setzungen haben zur Klärung und zu gegenseitiger Verständigung beiges tragen. Höchstes wurde erreicht: die Ueberzeugung von unserem Willen zur jüdischen Gemeinschaft. Diese Ueberzeugung soll uns' geleiten: iw die Zeit der Wahlkämpfe, in der wir der Welt ein Beispiel aebeni sollten, daß wir geistige Auseinandersetzungen in brüderlicher Form! zu führen verstehen. Wiener-Beuthen (Bolksp.) spricht dem Präsidenten für die mft Gewandtheit und Gerechtigkeit gehandhabtc Berhandlungsleitung den Dank des Hauses aus. - i! . Um 9 Uhr abends ging die Tagung zu Ende. j spricht? Und die er doch gewiß nicht und hoffentlich nicht auch lvjeder nur als sexuale Macht gewertet sehen möchte. Mer auch das zeigt diese Schrift wieder eindringlich: der Herrschaft der „Religiösen" und der „Religiosität" nnlß immer mehr Boden auch bei uns erobert werden, damit diese ihre Herrschaft so ausgebreitet werde wie es heute die Herrschaft der „Religionen" ist. Tann werden auch solche Schiristen wie die Freuds über diesen Gegenstand überflüssig und unmöglich sein. Und immer tviÄer: solange der jüdische Liberalismus vor diesem Thema die Augen verschließt, während in anderen jüdischen Lagern ganz entschieden und offen daran geredet wird, (Buber;' Zweig in „Herkunft und Zukunft" und jetzt Clftiede Gronemann in den „Blättern des Frauenbundes") solange werden wir den kleinbürgerlichen Liberalismus haben und behalten, der sich vergeblich tia^ energischem und ausgezeichnetem Zulaus umsieht. Die Weltkonserenz kündigt drei große Themen an. Ihre Erörterung könnte entscheidend werden. Laßt uns hoffen! Haus Danieli Alfred Reumann „Hans Danieli", Schauspiel. Uraufführung im Berliner „Leffingtheater". Alfred Neumann war eine Hoffnung. Seine ersten Novellen waren Meisterwerke. Sein erster großer Roman „Ter Teufel" enthielt trotz unmöglicher Konstruktionen, bei viel Unerquicklichem, doch einiges Unvergeßliche. Tie späteren umfangreichen Romane blieben — beschriebenes Papier. Wegen seiner ausgezeichneten historischen Erzählung „König Haber", die auch in der Jüdisch«-liberalen Zeitung vor Jahren gebührend gewürdigt wurde, entbrannte in der deutschen Presse einmal eine interessante Fehde, in welcher der Dichter unbeftrittenerweise Sieger blieb. Jetzt hat Neumann seinen „Haber" aus der prachtvollen dramatischen Erzählung gleichen NameuS in Tanieli umgetauft und aus der schönen Novelle einen innerlich hohlen Bühnenreißer übelster Observanz gemacht, der sich zu seiner ursprünglichen erzählerischen Form verhält, wie ein ausdringlicher Operetteir-Gassenhauer zu einem liebenswerten Volkslied... Tas Stück ist lediglich auf äußere Spannung gestellt, dabei voll psychologischer Ungereimtheiten und verlogener Diktionen. In der Novelle entwickeln sich die Ereignisse folgerichtig in ungekünstelter Spannung ans sich heraus, in der jetzigen Haupt- und Staatsaktion auf den Brettern dagegen werden die Figuren nur von einem Bühnenschachspieler hin- und herbewegt, und ihre Auseinandersetzungen arten in theatralische Banalitäten aus. Völlig verzeichnet, ja geradezu karikiert ist das Jüdische des Stückes. Ter historische „Haber" durchlitt eine Tragödie, die schlichter, echter und erschütternder war, als sie uns Neumann hier darstellt. In dem Bühnenwerk ist der jüdische Emporkömmling bei aller Genialität und Lebenskraft doch nur ein roher, im tiefsten Kern unnobler Charakter, der einfach in das konventionen-umsriedete Gehege eines Tuodezfürftentums eingebrochen ist, die Großherzogin zur Mutter gemacht hat und nun in einer Art metaphysischer Vernarrtheit keinen sehnlicheren Wunsch kennt, als daß sein „dunkles Blut" künftig in den Adern eines richtigen Thronfolgers und Herrschers kreise. Für dieses vermeintliche Ideal ist er bereit, alles, selbst sein eigenes Leben, zu opfern. Welch eine Geringschätzung der eigenen Persönlichkeit, Geistigkeit und Herkunft läge in diesem absurden Streben! Die wirklichen, historischen „Hofjuden" und Emporkömmlinge waren ja in Wirklichkeit ganz anders! Man lese doch z. B. nur einmal die Berichte über den „Jud Süß", den Hoftuden Lippoldt, und andere „Faktoren", oder noch besser den autobiographischen Roman Tisraelis nach! All diese Leute handelten und dachten nie so würdelos) sie wußten und waren , stolz darauf, daß ihre Vorfahren einst buchstäblich die Ethik m die Welt gesetzt hatten und schon höchste seelische Kultur besaßen zu einer Zeit, als man in Europa noch in Bärenfellen hermnlief um» unartikuliert grunzend Auerochsen jagte... Alle diese Juden waren viel zu selbstbewußt und geisng überlegen, als daß ihr höchster Wunsch gewesen sein könnte, ihr Blut nur in vertrottelten kleinen Duodezgeschlechtern irdisch fortleben zu lassen. - Ein innerer Widerspruch klafft Überdies zwischen dem nndelikaten, brutalen Benehmen Daniels und seiner Geistigkeit, die doch seinen Aufstieg bedingt haben mußte. — Unmotiviert und unglaubhaft ist das Schwanken der Herzogin, die schließlich in ganz unlogischer Weift auch die seelischen Verwirrungen der Schwangerschaft erklären dies nicht — die tragischen Verwicklungen selbst herbeiführt) Ueberall Fiktionen, die keiner Betrachtung standhalten! — Das Millionenvermögen Danielis soll z. B. aus den Erträg-' nissen südamerikanischer Bordelle stammen! Wer lacht da?. In der vormärzlichen Zeit gab es noch keine ausländischen) von europäischen Bankiers „geleitete" und finanzierte Freudenhäuser. Hat's wohl auch nie gegeben! Diese hätten wohl auch schwerlich bei der damaligen Lage der Weltwirt-' schüft und -Schiffahrt große Erträgnisse abwerfen können! Es lohnt sich kaum, auf die Handlung, ihre Prämissen und Charaktere einzugehen! Ueberall nur „Theater" im bösen Sinne des Wortes! Wenn das Publikum trotzdem begeistert applaudierte, so lag dies an der ganz großartigen Aufführung, die durch unvergleichliche Tarstellungskunst hinriß. Fritz Kortner, Käthe Dorsch, Gründgens können die fatalsten Dinge spielen ■—1 solch geniale Darsteller verbürgen eben den äußeren Erfolg! Kortner verband Schärfe des Intellekts mit zitternder Empfindung und machte aus seinem unmöglichen Danieli fast einen wirklichen Menschen von Fleisch und Blut, der erschütterte. Und Käthe Dorsch ergriff durch die seelischen Fein» heilen in der Begründung der Hingabe einer vereinsamten, unbefriedigten Frau an den überragenden Mann. Die ein* prägsamste Gestalt des Abends bot Gründgens in der Roll« des Dekadenten, feminin-weichen Herzogs, dessen anscheinend gleichmütige Art und Worte tiefe, geheime Schmerzen ver- ■ rieten. Schade, daß solche wertvollen und einzigartigen Darsteller ihr großes Können nicht in den Dienst eines besserem Stückes stellen konnten! .' 1 Dr. Ludwig Davidsohn, Berlirft?