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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-04-02 · 14 (2.4.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
14 (2.4.1930)
Date
1930-04-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wie unser Judentum Religion zur Grundlage hat, «nt» daß für di« religiöse Ausbildung der Jugend -u sorgen unsere und der Gemeinden dringendste Pflicht ist. Im Religionsunterricht selbst wird meist zu wenig Gewicht auf religiöses Wissen und Streben, und zuviel auf hebräischen Sprachunterricht gelegt. Die hebräische Sprache sollen die Kinder, so wünschen zahlreiche Eltern, außerhalb des eigentlichen Religionsunterrichts lernen, und diesem Wunsche muß Rechnung getragen werden. Gewiß sei, schon um dem Gottesdienst folgen zu können, auch die Kenntnis des Hebräischen erforderlich; aber viel trauriger, als mangelnde Kenntnis des Hebräischen ist es, wenn den Kindern jedes Wissen vom Wesen des Judentums und alles Verständnis für di« religiösen Grundlehren ihres Lebens fehlen. Nur dadurch wurde cs möglich, daß das jüdische,junge Mädchen im vorigen Jahr eine Helene Willfür sein wollte, und in diesem Jahr danach strebt, die Sarah Levy des Romans „Geliebter, oh mon goye" zu sein. "Der kultivierte Religionslehrer muß die Urteilsfähigkeit der Jugend so heranbilden, daß sie die ewigen Werte schätzen lernt und geschmacklose und gefährliche Bücher ablehnt. Der Etat lasse den Willen zu äußerster Sparsamkeit erkennen. Aber diese Absicht wird erst Methode werden, wenn Rat und B.ersammluug wesentlich verkleinert werden. Dann, wird sich auch eine Vereinfachung des Büroapparates ermöglichen lassen. Der Verband muß wenige, aber gute Beamte haben, diese gut bezahlen und ihre Zukunft sicherstellen. Den für das Judentum Wirkenden, die jetzt noch voller Furcht >än ihr Alter denken, muß durch Pcnsionsfonds, Versicherungen und andere Maßnahmen Ruhe gegeben werden. Das wird auch ihrer Leistung Kraft und Freude geben. Das Thema Sparsamkeit, fast banal durch di« etvige Wiederholung, ist bei der jetzigen Wirtschaftslage doppelt notwendig. Der furchtbare Niedergang des Jüdischen Mittelstandes hat auch einen geistigen und seelische» Zustand im Gefolge, der unserem religiösen Besitz sehr abträglich ist. ' Die Nedncnu verweist auf die besonders hohe Ziffer jüdischer Selbstmorde und auf die ständig wachsende Not der Erwerbslosen, die eine schleunige, nach allen Richtungen durchdachte Hilfe erforderlich machen. Der Landesverband soll eine Sond er konseren z von Persönlichkeiten der Wirtschaft zusammenberusen, um neue Arbeitsgebiete oder eine Umstellung bestehender Erwerbszweige ausfindig zu machen. Durch ein Netz von Darilehnskassen müßte es möglich sein, zahlreiche Familien wieder ercherbssähig zu machen und sic in Mittel- und Kleingemeinden zu erhallen, damit der ständige Zuzug in die Großstädte unterbleibe. Bei der Berufsausbildung von Inden muß die Ausbildung zu Handwerkern, zu qualifizierten Fabrikarbeitern, zu Verkäuferinnen und Hausangestellten gefördert werden. Nach den von der Hauptstell« angegebenen Zahlen gab es im letzten Jahve gegenüber 36 vor dem Kriege nicht weniger als 2 6 0 0 deutsche j tt dische Wanderer. Das macht die Aufgabe, die Stellungslosen in geordneter Fürsorge, in Lehrlverkstätten und Arbeitskolonien zur Arbeit zu erziehen, immer dringlicher. Wesentliche Aufgaben ergäben sich für den Landes verband bzw. die Gemeinden ferner auf dem Gebiete der Pevölkerungs- Mjtik und der Errichtung von Jugendheimen. Ohne die ehrenamtliche Arbeit aus dem (Gebiete der Wohlfahrt unterschätzen oder gar ausschließen zu wollen, sei doch «ine stärkere Tätigkeit von Berufs beamten zu fordern. Dem wilden Sammeln müsse Einhalt geboten werden. Es sei völlig abwegig, wenn einzelne Organisationen von sich aus das Ansinnen an Gemeinden und Vereine stellen, für ihre Zwecke eine Kopfsteuer pro Mitglied zu erheben. Wohl aber wäre di« Frage der gemeindlichen Wohlfahrtssteuer im Landesverband zu erwägen. Neben dem Wolziger Heim, das hoffentlich die gesunden Gedanken moderner Fürsorgeerziehung durchführen werde, müsse auch die Köpenicker Anstalt für Mädchen umgestaltet werden, und ferner warten dringend gebrauchte Reichsanstalten ihrer Begründung z. B. das Tuberkulose-Heim für jüdische Männer und eine jüdische N e r v e n - H e i l a n st a l t. Auf Hilfe wartet auch die Gar t en b a u s ch u l e in Ahlem, die in ihren Mitteln 4L knapp bemessen ist. Gerade die Gründung derartiger Anstalten, die für das ganze Reich notwendig sind, macht die schleunige Schaffung des Reichsverba n des zu einer der dringendsten Aufgaben. Die Rednerin fordert noch eine Einheitsfront mit allen andern Religionen gegen den R e l i g i o n s k a m p f i n Rußland und schließt mit dem Goethe-Wort: Aus der Gefahr des Ungeheuren, errettet nur geeinte Kraft. Dr. Köllen scher (B.P.) sieht im Larrdesverbaiü» in erster Reihe die Brücke zur Gesamtorganisatio» des deutschen Judentums und fordert einen Rcichsverband, der allen Forderungen einer neuen jüdischen Zeit gerecht wird und die Wertung des Landesverbandes als „Körperschaft öffentlichen Rechts" gemäß Artikel 137 R.-V. Die bisherigen rein religiös geschiedenen Unterrichtsausschüsse (liberalkonservativ) werden der Lagerung im deutschen Judentum nicht gerecht. Die Zionisten fordern einen eigenen Nnterrichtsausschuß zur Förderung ihres eigenwertigen Erzichuugsideals. Der Konflikt mit „Halberstadt" darf die historische Berechtigung jener Sondergemeinden nicht verwischen. Heute allerdings verlangt die jüdische Lage die Einheit zur Aufrechterhaltung des jüdischen Lebens. Redner bedauert hierbei die jüngst beschlossene Abberufung des Landesverbandsvertrcters aus dem erfolgreich arbeitenden und notwendigen „Büro für Schächtschutz" und Entziehung der Subvention. Wir brauchen eine staatliche jüdisch-pädagogische Akademie. In einer Zeit, in der der Staat den Bedürfnissen der nationalen Minderheiten in erheblichem Umfange Rechnung trägt, dürfe er den deutschen Juden, die derartige Forderungen »ach nationalen Minderheitsrechten nicht erheben, ihre Wünsche bezüglich der pädagogischen Akademie nicht ablehnen. Di« Juden sind nämlich nicht bloß bezüglich der unmittelbaren Staatsbeihilfen benachteiligt, sondern auch mittelbar infolge der Unterhaltung christlich-theologischer Fakultäten und anderer christlicher Bildungsanstalten durch den Staat. Die Berbandsmüdigkeit" ist unberechtigt, da der Verband einen uottveudigen innerjüdischen „Finanzausgleich" schasst und jüdisches Leben fördert; die Berbandsmüdigkeit muß auch von den Abgeordneten im Lande aktiv bekämpft werden. Redner gedenkt der Leiden des russischen Judentums. Als größtes Aktivum des jüdischen Lebens in Deutschland im letzten Jahre wertet Kollenscher die Gründung der Jewish Agency unter maßgeblicher Beteiligung fast aller Kreise und die inncrjüdische Friedenskundgebung des Rates vom 20. November 1929 und schließt: „Wir wollen die Pflichten gemeinschaftlich erfüllen, die die jüdische Gemeinschaft uns auferlegt!" R.-A. Horowitz (kons.) zollt der Verbandsarbeit im ganzen Anerkennung und Dank, fordert eine jüdisch-pädagogische Akademie, Einstellung des Verbandes in die Arbeit für Sabbathschutz und wendet sich gegen die Bekämpfung von Doppelmitgliedschast einiger Gemeinden. Der „Halberstädter Verband" arbeitet ohne Zweifel an entscheidenden Stellen geschickter, als unsere Verbandsleitung, und die Regierung tut alles, um nicht in den Verdacht des mangelnden Schutzes von Minoritäten zu kommen. Dem kann der große Verband, der sicher Größeres geschaffen, nur durch rückhaltlose Anerkennung des Lebensrechts der Minorität in den eigenen Reihen begegnen. Redner rechtfertigt nochmals, gegen die Behauptungen von zionistischer Seite protestierend, die.Haltung derjenigen Konservativen, die im vorigen Jahre dem Rcichsvcrbandsentwurf zugestimmt haben und mahnt zur Unterlassung derartiger Methoden gegenüber anderen Juden im jüdisch-traditionellen Geiste von „Eines Din-Scholaum" (Wahrheit, Recht, Frieden). Geheimrat Dr. Julius Stern, Berlin (Mittelp.artei) schildert die Auswirkungen der jüdischen Wirtschaftsnot auf die Mittel- und Kleingemeinden, besonders im deutschen Osten, wo exorbitante Kultuslasten bestehen, schließt sich dem Protest gegen die ungleiche u!ib ungerechte Behandlung jüdischer Interessenten durch den Staat an und tritt für die Heranbildung hmhqualifizierter jüdischer Lehrkräfte ein, die eine im Sturm der Zeit kämpfende Jugend dem Judentum zu erhalten haben. Damit ist die erste Rednerreihc beendet. In der zweiten Rednerreihe beschäftigte sich Frau Wronsky (B.P.) mit den sozialpolitischen Aufgaben des Verbandes und verlangt schöpferische Einwirkung auf die soziale Gesetzgebung und Verwaltungspraxis von Staat und Kommune zur Abwendung antijüdischer Gefahren. Im Vordergründe steht die Erhaltung der Volkskraft. Ansätze zu solcher Sozialpolitik hat der verstorbene Professor Türk im Wohlfahrtsausschuß geschaffen. Wir brauchen aber eine durchgreifende Reform in der Wohlfahrtspflege des deutschen Judentums und Weckung bevölkerungspolitischer Interessen und Kräfte. .Hier müssen die Neuwahlen neue Möglichkeiten schaffen. Rabbiner Dr. Freund, Hannover (kons.) hält die Daseinsberechtigung und Leistungsfähigkeit des Verbandes als Arbeits¬ und Aussprachestätte nach innen und außen durch das bisher Geleistete für erwiesen. Justiz rat Brodnitz (lib.) erklärt sich die „Berbandsmüdigkeit" nicht allein aus Scheu vor Opfern, hat doch der Jude stets auch in bedrängter Lage dem Judentum gern Opfer gebracht, sondern aus den unnötigen und abwegigen ideologischen Auseinandersetzungen. Redner bekämpft die Forderung nach einem zionistischen Unterrichtsausschuß als Verballhornung des Judentums und Kennzeichen für unsere unnatürlichen Parteiverhältnisse. Die hebräische Sprache bedarf liebevoller Pflege als Brücke zum Verständnis des religiösen Erbguts, nicht aber als Mittel zu nationalpolitischen Zwecken. — Jeder Ausländer hat das absolute Recht zur Teilnahme und 'Mitarbeit am religiösen Gemcindeleben. Die Erfüllung der vom Staat gesetzten Gemeindeaufgaben aber ist bedingt durch die Einordnung in den deutschen Kulturkreis. Redner fordert gegenseitige Anerkennung des Lebensrechtes aller Richtungen und schließt: „Wir müssen in ganz anderem Umfange als bisher im Landesverbände praktische Arbeit leisten, die in nur allzustarkem Umfange unserer harrt!" .Benzion Fett, Berlin (V.P.) tritt als Ostjude den von Brodnitz ausgestellten Unterscheidungsmerkmalen bei der Bemessung der Ausländerrechtc entgegen und polemisiert gegen den von Brodnitz geführten „C.-V.". Die Ostjuden wollen die Gcmeindearbcit nicht stören, sondern beleben. Redner sieht aber in der Gemeinde nicht nur eine religiöse Einrichtung, sondern Keimzelle und Mittelpunkt des gesamten jüdischen Volkslebens. Die Konstruierung von Juden minderen jüdischen Rechts schlüge uns auch die Waffen im Abwehrkampf aus der Hand. Redner schließt: „Wir werden es nicht dulden, daß die jüdische Gemeinde zu einer religiösen Gemeinschaft d e g radiert wird." (!!) .Sanitätsrat Pcyser (lib.) bezeichnet das Bekenntnis des Herrn Fett, er werde cs nicht zulasscn, daß die Jüdische Gemeindezu einer Retigionsgemeinde degradiert tverde, für die beste Wahlparole, die man den Liberalen mit auf den Weg geben konnte. Er erwidert Frau Wronsky, deren Arbeit und Persönlichkeit er in der engen Zusammenarbeit im Wohlfahrtsausschuß achten gelernt hat, daß grundlegende, systematische Wohlfahrtsarbeit zu treiben, Sache der sozialen Fürsorge und der staatlichen und städtischen Organe sei. Dre jüdisch« Wohlfahrtspflege könne immer nur ergänzende Fürsorge sein. Frau Wronsky habe im gleichen Augenblick von der jüdisch«» Bolksmasse und dem jüdischen Volkstum gesprochen. Ohne darauf jetzt näher eingehen zu können, müsse e, nur betonen, daß man dies« beiden Begriffe doch nicht in einem Atem nennen könne, denn es sind doch zwei himmelweit verschiedene Dinge. R.--A. Heinrich Stern (lib.) ergreift das Wort zu folgender Feststellung. Die Beantwortung der Frage des Wahlrechtein den Gemeinden ist durch unsere Beschlüsse zum Judengesetz gegeben. Die liberale Fraktion hat sich für das gleiche Wahlrecht entschieden. Auch die Bereinigung für das liberale Judentum hat in ihren Richtlinien zur Gemeindepolitik bereits im Jahre 1921 das gleiche Wahlrecht für Ausländer in den Gemeinde,: festgelegt. Wenn auch der Eine oder, der Andere von uns anderer Ansicht ist, so liegen akienmäßige Beschlüsse vor. Et fügt noch hinzu, daß er auch auf dem Standpunkt stehen bleiben wird, trotzdem cs Herr Fett denen, die in der jüdischen Gemeind? einzig und allein eine Religionsgemeinde sehen, außerordentlich schwer gemacht hat. In demselben Augenblick aber, wo die jüdische Religionsgemeinde zu einer politischen degradiert wird, würde sich selbstverständlich unsere Stellungnahme grundsätzlich ändern. Prof. Dr. M. So beruhe im tritt namens der Mittelpartei für' absolute Gleichberechtigung aller Juden im jüdischen Leben ein, wie dies auch im gesamten Auslande praktiziert werde. Redner weist auf die Gefahren der von den U.S.A. aus propagierten Kaleuderreform hin und fordert Sabbathschutz auch nach dieser Richtung; ferner fordert er Fürsorge für die außerpreußischen Kleingemeinden in Norddeutschland (Oldenburg). — Ein Antrag der Mittelpartei betr, Sabbathschutz bei der Kalenderreform findet sofort Annahme. Dr. Oskar Cohn (Poale Zion), bedauert den geringen Anteil des Sozialen am Gesamt-Etat (etwa 10 Prozent), begründet seine Auffassung von der „jüdischen Volksgemeinde" und erhebt Widerspruch gegen den Antrag Kollenscher, einen Protest gegen die Verfolgung der jüdischen Religion in Sowjctrußland zu erheben Der Landesverband, führt er weiter aus, dürfe wohl, wo Juden leidensein Mitgefühl aussprechen, aber als verantwortliche Körperschaft habe er kein Recht zu einem Proteste gegen eine Regierung, die zu der deutschen Regierung in freundschaftlichen Beziehungen steht, well nur unverbürgte und tendenziöse Zeitungsberichte vorliegen. Gerade die Liberalen sollten nicht vergessen, daß die russische Revolution die Juden in politischer und staatsbürgerlicher Beziehung befreit hat. M i n . - R. Goslar deutet die Bemerkung von Fett, dahin, daß die Konstruierung der Gemeinde als rein konfessionell tatsächlich bedeute, sie in ihrem Wesen zu verkleinern. Die Auffassung von Brodnitz widerspreche der politischen Demokratie und der jüdischen Sittenlehrc. Nach Austausch persönlicher Bemerkungen ist die Generaldebatte beendet, und D r. Ludwig T i e tz, Berlin (lib.) erstattet für ben Haushaltsausschuß Bericht. Er bittet um Genehmigung des Rechnungsabschlusses für 1928/29, der gegenüber dem Voranschlag von 1 220 000 RM. einen Jstbetrag von ca. 1313 000 RM. aufweist. — Beim Voranschlag beantragt der Ausschuß Festhalten an den Gesamtsummen in Einnahmen und Ausgaben, jedoch einige Umgruppierungen im Betrage von etwa 35 000 RM. Bemerkenswert ist der Ausschußantrag, die Beihilfe für das Rrbbinerseminar in Berlin im Gegensatz zu der für die „Hochschule" und das Breslauer Seminar von 40 000 auf 15 000 RM. herab- und den Titel „Wohlfahrtspflege" von 120 000 auf 150 000 RM. heraufzusetzen. Der erste Teil dieses Vorschlags stößt bei den Konservativen auf schärfsten Widerspruch. Nach tzlfstündiger Dauer schließt die Sitzung 19.30 Uhr. Der zweite Tag der Beratungen tvird nahezu vollständig durch Beratungen über die Berbandsverfassung, Wahlordnung und Spezialdebatte zum Etat ausgefüllt. Die Vorschläge des Rates sind hauptsächlich formaler Natur. Grundsätzlich bedeutsam sind mehrere Anträge aus dem Hause: 1. Abschaffung des Rates als „Oberhaus" und seine Ersetzung durch eine vom Berbandstag abhängige kleine Exekutive, diese ergänzt durch einen Gemeindeausschuß, 2. Errichtung eines 3. „zionistischen" Unterrichtsausschusses, 3. Zusammenfassung aller nicht einen eigenen Wahlkreis für die Ratstvahlen bildenden Gemeinden zu einem Wahlkreise und Verhältniswahl in diesem Wahlkörper, 4. eventuell: Zusammenfassung aller Gemeinden zu einem Wahlkreise für die Ratswahlen. — Die letztgenannten beiden Anträge bezwecken die Sicherung der Rechte der Minorität, da in zahlreichen Wahlkreisen bezw. Gemeinden der Ratsvertreter der Natur des Wahlsystems nach stets der herrschenden Partei entnommen wird. 5. Herabsetzung des Wahlalters auf 20 Jahre. Während ferner der Rat die Zahl der Berliner Verbandsabgeordneten ans 67 (gegen bisher 52) festgesetzt sehen will, beantragen die Liberalen Festsetzung der Zahl auf 58, entsprechend dem amtlichen statistischen Ergebnis der letzten Volkszählung. In der aussührlichen Debatte führt zu den vorliegenden Anträgen der Vorsitzende der Liberalen Fraktion aus: Rechtsanwalt Baerwald, Frankfurt a. M. Anträge auf Abänderung der Verfassungen liegen bereits seit Jahren, vor. Schon immer haben meine Freunde gewünscht, die Art des Parlamentarismus, lote er hier betrieben tvird, zu ändcnr. Wir erblicken in ihm einen Leerlauf, eine Vergeudung von Arbeitskraft und Freuds neuer Religionsangriff Von Rabbiner Tr. Gott sch alt, Frankfurt a. M. In seinem neuesten Buch „Das Unbehagen in der Kultur" beschäftigt sich Freud wiederum mit per Religion. Er erzählt von einem Freund, der in der „Zukunft einer Illusion" „die eigentliche Quelle der Religiosität" vermisse, das Gefühl der Ewigkeit, das Gefühl von etwas „Ozeanischem". Freud gibt ft«, dieses Gefühl nicht zu haben, deutet es aber trotzdem ziemlich abfällig und untersucht es psychoanalytisch. Einen Wert kann er dabei an dieseni Gefühl nicht entdecken. Es sei der erste Versuch einer „religiösen Tröstung" für die Gefahren der Außenwelt. In seiner früheren Religionsschrist, gibt Freud weiter zu. habe er nicht die „tiefsten Quellen des religiösen Gefühls" gemeint, sondern die Religion des „gemeinen Mannes". Freilich suchen auch alle die, diese Religion zu Hallen, die von ihrer Wertlosigkeit überzeugt sind und „in kläglichen Rückzugsgefechten" ein „schattenhaftes Prinzip" ans dem bischerigen Gott machen. Selbst Goethe freilich hat sich für die Religion derer eingesetzt, die weder Wissenschaft noch Kunst besitzen. Weshalb? Tos Leben verlangt „Linderungsmittel". Solche Mittel sind ja zahlreich genannt und erfunden worden, werden es heute noch, um das „Unbehagen in der Kultur" zu stellen, dieser Kultur, die wenige befriedigt, die reicher gemacht hat und doch so viel Böses, so viel Elend, fo viel Triebwünsche, so viel Ungleichheit bestehen ließ. Und so hat man sich in den Religionen „Glücksversicherungen und Leidensschutz" geschaffen, aber damit doch nur „einen Massenwahn". Tie Religion drückt den Wert des Lebens herab, entstellt das Bild der realen Welt, nachdem sie die Intelligenz eingeschüchtert hat. In dem „unerforschlichen Ratschluß Gottes" liegt die endgültige „bedingungslose Unterwerfung" eingefchlossen. Tie Wertlosigkeit der Religion tut Freud an ihrem; Kardinalsatz dar: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", (int Forderung, die ihm unbegreiflich ist. Was ist denn an dem Nächsten, der mir fremd istliebenswert? Wie darf ich meinen wirklichen Nächsten Liebe entziehen, um sie Fremden zu geben? Ja mehr, ist dieser Nächste nicht in Wahrheit mein Feind, will er nicht meinen Nachteil, setze ich mich nicht ins Unrecht, wenn ich ihn fördern? Kann man den Feind ließen, wie das Neue Testament verlangt? „Wozu eine so feierlich austretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung sich nicht als vernünftig empfehlen lann?" Tie Menschen sind nicht nur gut, sondern auch böse. Liebe ich! diesen Bösen, so setze ich aus sein Bösesein geradezu eme Prämie. Freilich, von diesem Bösesein der Menschen, seiner Neigung zur Aggression, Destruktion, Grausamkeit, will man nicht gern etwas hören. Ter Mensch ist ja Gottes Ebenbild. Wie verträgt sich aber die Existenz des Bösen mit Gottes Allmacht? Man könnte beit Teufel als entlastendes Moment ausühren. Aber weshalb läßt Gott den Teufel existieren? Man macht sich die Erklärung der Kulturentwicklung leicht. Man zeigt uns nicht eigentlich den Kampf zwischen „Eros und Tod, Lebenstrieb und Destruktionstrieb", man beschwichtigt den Streit der Giganten mit dem „Eiapopeia vom Himmel". Oder man greift in diesem Kampf durch das Gewissen ein. Aber wie entsteht denn Gewissen? Nach dein Triebverzicht infolge der „Angst vor der Aggression der äußeren Autorität" setzt die Aufrichtung der inneren Autorität ein, und wieder entsteht jetzt ein Triebverzicht infolge der Angst;, der Gewissensangst! und wird eine neue Quelle - des Gewissens, steigert dessen Strenge und Intoleranz. Noch einmal kommt Freud auf das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zu sprechen, sieht darin eine „Inflation der Lieb?', deren Wert so nur herabgesetzt werden kann, ohne daß man die Not beseitigt. Durch reale Veränderungen im Besitz der Menschen wird viel eher Abhilfe geschaffen. Aber die Spezialisten verkennen die menschliche Natur in idealistischer Weise. Unsere Kultur ist nicht das Kostbarste, das wir besitzen, ihr Weg führt nicht unbedingt zur Vollkommenheit. Und behauptet man, „die ganze Anstrengung sei nicht der Mühe wert", so wisse er, Freud, darüber wenig. Er will nicht als Prophet ausstehen und bvlmupett nicht, Trost zu bringen. Alles kommt nur darauf an, das menschliche Zusammenleben durch den Aggressionstrieb immer weniger zu stören. Tie Menschen wissen, daß sie durch die heutige Beherrschung der Naturkräste das Gegenteil vermögen, daher ihre Unruhe. „Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden „himmlischen Mächte", der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem unsterblichen Gegner zu behaupten." Damit schließt Freud diesma ldie Auseinandersetzung. Und wieder wird mau sagen können, daß Freud letzten Endes die Sache der Riligiosität führt, wenn er in dieser Weise gegen Religion anrennt. Er weiß offenbar gar nicht, wieviele. Anhänger der „Religion", d. h. der Religiosität weite Strecken mit ihm gehen, er kann es nicht wissen, weil ihm ja das „religiöse" Gefühl, wie es sich im Erleben oder Erfühlen der Ewigkeit offenbart, nach eigenem Geständnis fehlt. Er weiß nicht, daß jeder tiesreligiöse Mensch gerade über die Religion des „gemeinen Mannes", vielleicht, ja sicher nicht so spöttisch und scharf, aber doch ebenso eindringlich urteilt wie er selber. Wüßte er es, dann wäre ihm auch das Verständnis und das Gefühl für den Satz von der Nächstenliebe aufgegangen. Mit der Teutung Freuds wies man freilich keine großen Erfolge im Kampf gegen die Neigung zur Aggression und Destruktion erzielen. Und wieder muß man fragen, ob Freud noch nie etwas daran gehört hat. wie ungeheure soziale Leistungen gerade und allein schon auf Grund dieses Satzes hervorgebracht wurden. Gewiß — die Menschen sind noch immer böse und egoistisch und auch ohne Freuds Belehrungen hätte mau nicht erwarten können, daß sich dieser Zustand jemals ändern wird. Wer wären wir ohne „Liebe deinen Nächsten" wohl schon auf die heutige Stufe der Sittlichkeit gekommen, würde es, wenn wie diesen Sich Preisgaben, etwa besser oder nicht tausendmal schlimmer werden? Ist er nicht ein grandioser Versuche einer unter vielen, jener Macht der Eros zu immer neuen Siegen zu verhelfen, von der gerade Freud zum Schluß

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