Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 13 (26.3.1930)
- Date
- 1930-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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vo« Eduard Sachs im Jahre 192Ü durch einstimmigen Beschluß des Borstandes zum Vorsitzenden der Israelitischen Kranlen-Berpflegungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft gewählt. Was Herr Dan ziger seitdem in seltener Hingabe und mit unermüdlichem Fleiß für das Krankenhaus und die ihm angeschlossenen Zloeiganstalten geleistet hat, wird in den weitesten Kreisen unserer Gemeinde stets unvergessen bleiben. Mit Stolz darf der Jubilar aus den Erfolg seines Schaffens zurückblicken, da es ihm gelungen ist, nach den schlvcren Zeiten der Inflation, insbesondere im jüdischen Krankenhause, wertvolle Aufbauarbeit zu leisten und trotz der wirtschaftlichen Nöte diese Stätte wahrer Humanität zu fortschreitender Entwicklung und zu einem iwch höheren Ansehen weit über die Grenzen unserer Vaterstadt hiuaus zu führen. Nicht unerwähnt bleiben darf das eifrige und erfolgreiche Streben des Jubilars in der Verwaltung und Wirtschaft des Krankenhauses und seiner Zwciganstalten stets echt jüdischen Geist walten zu lassen. Der Vorstand der Israelitischen Kranken-Verpsle-- gungs-Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft hat einstimmig beschlossen, seinen Vorsitzeirden und Führer anläßlich des 70. Geburtstages die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft zu verleihen und ihn so der in den Satzungen vorgesehenen höchsten Auszeichnung teilhaftig werden zu lassen. Wir wünschen von ganzem .Herzen, daß Herr Danziger seinem segensreichen Schaffen noch recht viele Jahre erhalten bleiben und daß er sich iwch recht lange an den Erfolgen seiner gemein > nützigen Wirksamkeit erfreuen möge. Breslau. (IS t u iv c i I) u n g d c s Jüdischen Jugendheims.) Am Sonntag Vormittag, den 16. d. Mts., wurde das in einem schönen Hause ani Schweidnitzer Stadtgraben befindliche Jugendheim eingeweiht. Man könnte diese Feier ein FriedenSfcst nennen. Alle Richtungen hatten ihre Vertreter gesandt. Auch der Tag, der Bottstrauertag, wirkte ernst und feierlich, aber durchaus nicht niederdrückend auf die Stimmung. Die Frier wurde durch einen von einem 'Damenterzett (Kapellmeister Hans Krieg) gesungenen Psalm eingeleitet. Dann nahm Herr Gcmeinderabbiner D r. .Hoff mann zu einer tief empfundenen und tief ergreifenden Weiherede das Wort. Ter Sinn dieser Feierstunde läge in der Zeremonie, die drei Männer eben beendet hätten, in der Anbringung der „M esu so Hs". Deren Inhalt (5. B. M. Kap. 6 u. 7^ sei das Kennzeichnende für Ziel und Zioeck des Heims. Der erste Teil, .das „Höre Israel...." deute auf die jüdische Anschauung von der Einheit Gottes, der Einheit der Welt und der Einheit der Menschheit. Der ztvcite Teil spricht von der Pflichterfüllung durch die Tat Gott und der Menschheit gegenüber. Dann enthält er weiter die Mahnung „Hütet Euch." Jüdische Jugend dürfe sich nicht nur auslcbcn, sondern müsse Selbstüberwindung lernen, uni Kraft zu ge lvinnen zum Aufbau des Vaterlandes und der Menschheit: zu diesem Aufbau, für den die verehrungswürdige Gestatt des Reichspräsidenten -H i n d e n b u r g jctzl ein so schönes Beispiel gegeben habe. Und wie dieses Heim viele einzelne Zimmer unter einem Dache berge, so sollten die einzelnen Gruppen der Jugend nie vergessen, daß sie trotz Verschiedenheit der Anschauungen sich immer wieder unter dem Zeichen der Religion und des Vaterlandes zusammensinden wüßten. Mit Worten des 'Segens für den Eingang und Ausgang ans diesem Hause schloß der Redner. — Es sprach dann namens des Vorstandes der Synagogengcmeinde dessen Vorsitzender Herr Gcheimrat Goldfeld, der gleichfalls in dieser Einrichtung ein Mittel gegen krasse Partei Herrschaft und Absonderung erblickte und besondere Worte des Dankes für die Ausschußvorsitzende Frau Paula O t l e n d o c f f fand, deren aufopfernder Eifer das Zustandekommen des Werkes ermöglicht habe. Für die Gemeindevertretung ergriff das Wort deren Vorsitzender Justizrat P e i s e r. Er ging vvn der herrlichen Lage dieses .Hauses aus; gegenüber der Licbrchshöhe, die früher eine Bastion gewesen und jetzt friedlichen Zwecken diene. Er erinnerte an den Volkstrauertag und seine ernste Bedeutung, die eine Mahnung zum Frieden und zur inneren Einigkeit sei. Er schloß mit einem Wort von Ibsen des Inhalts, daß „der Mensch wohl seine Mauern wert halten solle, aber nur zum Schutz und nicht zur Absonderung". Geheimrat Goldfeld forderte dann die Versammlung zu einer Pause stillen Gedenkens für die Toten des Weltkrieges auf, denen der Trauertag galt. — Tann sprach für den Ausschuß Frau Paula Ollendorff. Sie begann mit Worten des Dankes für die Erfüllung eines jahrelangen Traumes und dem Wort des schlesischen Dichters Angelus Sitesius „Vor jedem steht ein Bild Hess', was er werden soll...." Das gelte doch vor allem für die Jugend, die Ideale haben müsse. Dieses Heim solle der Jugend Kraft zum Erreichen ihrer edlen Ideale und das Gefühl der Gemeinsamkeit geben. Aber noch etwas anderes bedeute dieses Haus; es sei eine Brücke zwischen Jung und Alt. Auch die Jugend dürft nie vergessen, daß auch sie einmal zu den Gestrigen gehören würde. Immer wieder zeige sich die Wahrheit des Goethewortes „Alles Leben ist Uebergang". Frau O. dankte nun im einzelnen allen denen, die zur Vollbringung dieses Werkes mitgeholsen. Den Gemeindekorporationen, den staatl. und städt. Behörden, der jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle, den heimischen Gebern und dem Spender von jenseits des Ozeans. Vor allem auch dem Regierungsbaumeister Ehrlich, der mit Eifer und Liebe das Haus zum Aufnithalt für die Jugend passend umgestaltet habe. ,Zum Schluß wandte die Rednerin mit berechtigtem Heimatstolz auf diese in ihrer Art erstmalige Ausübung der Jugendpflege im Deutschen Judentum das Wort an „Ex oriente lux" und sprach den Wunsch aus, daß dies Jugendheim ein Haus des Friedens und der Freude für alle Richtungen werden, und daß sich der alte Satz bewahrheiten möge: „Wettit auch Meinungen trennen, verbindet die Gesinnung" — Es sprachen dann Glückwünsche aus: für den M a g i st r a t der Stadt Breslau Stadtrat Dr. von Eichborn. Für das La n d csj u g e n d amt Frau Glücksmann. Für die Zentralwohlfahrtsftclle der Deutschen Juden Dr. Ollendorff, Berlin (der eine Spende von Mk. 1000,— überbrachte). Für den Verband der Logen U. O. B. B. D r. L i e g n e r. Für beit Vorstand des Vereins „T o y nbee-Halle" (welcher Verein sich eine Stunde vorher aufgelöst und feine Tätigkeit dem Jugendheim übertragen hatte) D r. Joseph Schlesinger (gleichfalls mit einer Spende von Mk. 1000,—). Für die Breslauer Zentrale der Jugendfürsorge Frau Andrer. Für den Ortsausschuß der jüdischen Jngendvcrbände Herr Wolfgang Laqueur (mit besonderem Dank an Frau Ollendorff und deren getreue Helferin Frau C a s s i e r e r). Dann nahm zum Schluß noch Gemeinderabbiner Dr. Bogelstein das Wort. Dr. Vogelstein wies auf Religions¬ und Erziehungsprobleme in neuerem Sinne hin und zeigte, daß dieser neue Sinn eigentlich schon bei dem alten jüdischen Spruchdichter zu finden sei. Dieser sage: „Erzieh den Knaben nach seiner Weise!" Das Erziehungsproblem beruhe heute auf der Leitung zur Selbsterziehung. Diese müsse führen zur Achtung und Anerkennung der Anderen, der anderen Richtungen in jeder Beziehung, in politischer und religiöser. Auch Dr. V. erinnerte an den Ernst des Gedenkens au diesem Tage, der die Freude über sein Erleben zu einer ernsten mache und schloß mit dem Segensspruch: „Die Hand des Herrn, unseres Gottes, walte über uns!" — Ein Gesang, Hümmels „H allein jah" (vorgetragen von Frau Fischer), beendete diese Stunde wahrhafter Feier. Eine Besichtigung der Räumlichkeiten zeigte, mit welch' praktischer Sachlichkeit und Liebe das Jugendheim ausgestattct worden ist. Duisburg. (N c u c Syn ag og c n sa tz un g e n.) Die von der Shnagogengemeinde Duisburg im vorigen Jahre beschlossenen neuen Satzungen sind inzwischen vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz genehmigt worden. Die Genehmigung setzt den Schlußstrich unter die heftigen Kämpfe, die innerhalb der Gemeinde die Beratungen der neuen Satzungen begleiteten. Wenn auch einzelne Bestimmungen der Satzungen Bedenken erregen können, so ist der Gesamteindruck doch der eines großen Fortschrittes. Dabei haben sich die Verfasser der Satzungen zum Teil ganz erheblich von den Richtlinien entfernt, die das Preußische Judengesetz von 1847 aufstellte. Wenn die Aendernngen trotzdem die vorbehaltlose Genehmigung der Aufsichtsbehörde fanden, so zeigt diese Entscheidung, daß man es den jüdischen Gemeinden Preußens im Rahmen der Gesetze überläßt, ihre Angelegenheiten so zu regeln, wie sie selbst es für richtig befinden. * j Versammlungskalender ★ Donnerstag, den 3. April, abends 8.30 Uhr, im Adamsaat, AMHelmftraße, Vortrag von Herrn George Soetz, Eeneralftkretilr der Vereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin: „Die Breslauer Tagung. Verlauf und Ergebnisse." Berlin. Liberaler verein für die Angelegenheiten der Jüdische« Gemeind« zu Berlin E. B. Der Liberale Verein veranstaltet, wie alljährlich» auch in diesem Jahre im Westen und Zentrum der Stadt am Sonnabend, den 12. und Sonnlag, den 13. April, Sedera-eude. Nähere Mitteilungen ersehen Sie aus der nächste» Nummer. Anmeldungen zur Teilnahme werde« schon jetzt im Büro des Liberalen Vereins, SW. 11, Hallefch« Straße 1 (Telephon: F 5 Bergmann 3358/3359) «ntgegengenommen, da die Zahl der Teilnehmer beschränkt ist. Btrlia. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Anläßlich der Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinde« veranstaltet der Liberale vereiu am Sonnabend, de» 29. März, abends 8.30 Uhr, im großen Saal des Hotels Kaiftrhof einen Kesellschaftsabend. Näheres siehe Inserat in dieser Nummer. Gottesdienste * Berlin-N-rd«u. Liberale Synagoge Norde« (Schönhauser Allee 162). Freitag, 28. Marz» abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonstt. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Vsttu. Liberal« Synagoge Osten (Kaiserstrabe 29/39). Freitag, 28. März, abends 7.39 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Verlin-Westrud. Liberale Synagoge Westend (Leistikowstraße 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, 28. März, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Bogelstein. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilievschule, Rilolsdurger Platz). Freitag, 28. März, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Gustav Cohn. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Am Sonntag, den 39. März, Jvhannisstraße 16, vormittags 19.39 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 19, vormittags 19.30 Uhr; Predigt: Rabbiner Dr. Lehmann. Auch die neuen Satzungen, die der Gemeinde den Namen „Jüdische Gemeinde Duisburg" beilegen, gehen von der örtlich begrenzten Ge meindc aus, lassen jedoch den Beitritt solcher Juden zu, die in lim gcbung, aber nicht im Bezirk einer anderen jüdischen Gemeinde wohnen. Um dem Austritt aus der Gemeinde möglichst zu begegnen, ist bestimmt, daß die aus der Gemeinde Ausgetretenen die Gemeindeeinrichtungen nicht weiter benutzen dürfen. Die Streitfragen, die sich an die Fassung des Judengesetzes über das Wahlrecht anschlossen, sind dahin entschieden, daß jedes Gcmeindemitglied ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit, auf Dauer seines Wohnsitzes und auf Steuerzahlung aktiv und passiv wahlberechtigt ist. Eine auch nur kurze Karenzzeit, die.besonders von liberaler Seite befürwortet wurde, ist daher nicht vorhanden, und es bleibt abzuwarten, wie sich gerade diese Bestimmung bewährt. Entsprechend dem Geist der neuen Satzungen ist ein Unterschied zwischen Männern und Frauen in keiner Weise gedacht, so daß Frauen nicht nur in die aus 11 Mitgliedern. bestehende Gemeindevertretung, sondern auch in den aus 5 Mitgliedern bestehenden Vorstand gewählt werden können. Die selbstverständlich geheime Wahl der Gemeindevertreter findet nach den Grundsätzen des Verhältniswahlrechts nach gebundenen Listen auf Grund einer den Satzungen angefügten umfangreichen Wahlordnung statt. Die Gcmeindevcrtreter wählen nach erfolgter eigener Wahl den Vorstand, während bisher der Vorstand von der alten und zur Hälfte aus dem Amt ausscheidenden Repräscntantenversa-mm-- lung gewählt wurde. Die Gemeindevertretung kann durch Beschluß der Gemeindemitglieder vorzeitig aufgelöst werden, wenn sich % der bevollmächtigten Gemeindemitglieder dafür aussprechen. Die Befugnisse des Vorstandes sind erheblich gemindert. Wahrend er bisher m der Lage war, gegen Beschlüsse der Repräsentantenvevsammlung sein Veto einzulegen, ist er jetzt lediglich Exekutivorgan und verpflichtet, die Beschlüsse der Gemeindevertretung zur Ausführung zu bringen. Auch zur Abänderung von dem Kultus betreffenden Einrichtungen bedarf es der Zustimmung der Gemeindevertretung. In dem Abschnitt „Finanzen" ist als Grundsatz ausgestellt, daß die nötigen Geldmittel durch regelmäßige Beiträge der Gemeinde- Mitglieder zu beschaffen sind. Die Festsetzung der Art der Besteuerung und der Steuersätze unterliegt der Beschlußfassung der Gemeindevertretung, die dadurch eine weitere Machtfülle erhält, indem sie z. Bt nicht an die Besteuerung in Hundertsätzen der staatlichen Einkommensteuer gebunden ist, sondern auch andere Grundlagen (Vermögen usw.) heranziehen kann. Eingehende Bestimmungen sind über die Gemeindebeamten vorhanden. Dabei ist festgelegt, daß die Beamten ruhegehaltsbercchtigt find, und daß der Gemeinderabbiner bei allen Erörterungen über Kultus und Schulwesen mit beratender Stimme zugezogen werden muß. Besonders Hervorhebens- und nachahmenswert ist die Schlußbestimmnng, daß die Gemeinde einem anerkannten Landesverband angehören muß, und daß dieser Landesverband an die Stelle der staatlichen Aufsichtsbehörde tritt, sobald die Staatsgesetze es zulassen.^ Die Satzungen sind, wie wir hören, bereits von zahlreichen jüdischen' Gemeinden und Verbänden, auch des Auslandes, angefordert lvorden, um sie ihren Beratungen über die Neufassung ihrer eigenen Satzungen zugrunde zu legen. Fußgönnhetm. (Schändung des Friedhofs.) Auf dem alten israelitischen Friedhof in Fußgönnhetm sind etwa 30 Grabsteine umgeworfen worden. Es ist nicht feststellbar, wann die Tat vollbracht worden ist. Angeblich sollen bereits Mitte Januar Kinder beim Fußballspiel die Mauer überstiegen und in jugendlichem Uebermnt die Tat begangen haben. Halberstadt. (Vom Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspflege.) Der Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt hielt am Sonntag, den 16. März, seine diesjährige Generalversammlung in Halberstadt ab. Der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Wilde, betonte einleitend die besondere Schwierigkeit, aber auch die besondere Notwendigkeit einer Organisation in der heutigen Zeit. Während ftüher die jüdische Religion und die jüdische Familie ein starkes Band darstellte, das den Einzelnen hielt und stützte, ist durch das Erlöschen der jüdischen Tradition in der Familie und den Rückgang der Kinderzahl, der ein Fehlen des Berwandtenkveifts in Zeiten der Not zur Folge hat, das Bedürfnis nach Organisationen entstanden, die diese Lücken rusfüllen. Während die Synagogenverbände die Sorge für das seelische Wohl übernommen haben, kümmern sich die Wohlfahrtsverbände um das leibliche. Insbesondere in Orten, die keine eigene Gemeinde haben, soll der Provinzverband helfend und ratend beispringen und SrOI!:WERO-{ iDoh m cckc nd L nahrhaft. versuchen, die Verbindung mit dem großen Ganzen aufrecht zu erhalten. Da auch die Behörden heule möglichst nur mit Organisationen verhandeln, da ferner das komplizierte und vielfältig verschlungene System unserer Gesetzgebung eine besondere Vorbildung erheische, um alle Quellen zu erschließen, habe sich die Arbeit in organisierter Form mit einer sachlich vörgebildeten, hauptamtlich tätigen Kraft als das Billigste erwiesen. Insbesondere für das Durchwandererwesen sei ein Hand-in-Hand-Arbeiten nicht nur aller Provinzgememden, sondern aller Gemeinden im Deutschen Reich ein« Notwendigkeit; durch großzügige Beförderungen über lange Strecken tverde den Interessen der Rückwanderer am besten gänent und gleichzeitig verhütet, daß die einheimischen Juden durch verarmte Glaubensgenossen übermäßig in Anspruch genommen würden. Auf die Begrüßung durch Herrn Dr. Auerbach -Halberstadl folgte das Referat der Fürsorgerin, Fräulein D r. D a n e l i u s , das sich mit der Frage befaßte, inwieweit öffentliche Stellen zu den Kosten der Durchwandcrerfürsorgc mitherangezogen werden könnten. Der Vertreter der Hauptstelle für Wanderfürsorgc, Herr D r. K r e u tzb>e r g e r - Berlin, betonte in einem Korreferat die Bedeutung der Wanderung. In den Jahren 1900—1914 seien 1,6 Millionen Juden nach Amerika ausgewandert, die die Unterstützungen, die sie in Deutschland erhalten hätten, in den schweren Nachkriegsjahren durch ihre Sendungen vielfach zurückgezahlt hätten. — An der Diskussion beteiligten sich die Herren: Dr. Auerbach Halberstadt, Sternseld-Hallc, Lecker-Magdeburg, Mattischack-Stendal, Dr. Fränkcl-Halberstadt, Schapiro-Halberstadt, Meyer-Halberstadt. — Es folgte der Kassenbericht, der ohne Diskussion entgegengenommen wurde. Für Wanderfürsorgc sind in dem vergangenen Jahr RM. 6449,61 ausgcgcben worden, und zwar für zirka 1000 Durchwanderer, die teils von Magdeburg abgefertigt wurden, zum größeren Teil aber von den Grenzkasseu durchbefördert sind, s» daß Magdeburg nur mit beit anteiligen Kosten belastet wurde. Die Wohlfahrtsausgaben betrugen RM. 9954,64, von denen RM. 2080,70 durch Zuschüsse von Kreiswohlfahrtsämtern, Verwandten usw. geeckt waren. Die Beiträge der Gemeinden in .Höhe von RM. 9148 werden also zum iveit überwiegenden Teil für die DurchWanderersürsorge verbraucht. — Die Beitragsberechnung wird nach den gleichen Grundsätzen, wie im Vorjahre, erfolgen. — Der Vorstand, der mit dem Arbeitsausschuß identisch ist und aus praktischen Gründen bisher nur aus Magdeburger Herren bestand, toird wiedergewählt und durch je einen Vertreter der Gemeinden Halle und .Halberstadt ergänzt werden. — Erst gegen 7 Uhr schloß der Vorsitzende die gutbesuchte Versammlung. Hamburg. (W a h l e u z u NI R e p (.ä s e n t a u t e n k o l l e g i - u nt.) Am 23. März 1930 fanden die Neuwahlen zum Repräftmtantenkollegium der hiesigen Gemeinde statt. Nicht weniger als 6 Parteien hatten Kaitdidaten aufgestellt und die Listen ihrer Kandidaten eingereicht, und zwar: die Liberalen, die Achduth, die streng Konservativen, die Wirtschaftspartei, die jüdische Bolkspartei und die sozialistisch-zionistische Partei. Es wurde eine überaus lebhafte Agitation entfaltet. Das Gemeindeblatt hatte sich zum Abdruck der Aufruft sämtlicher Parteien zur Verfügung gestellt, so daß das Programm jeder Partei allen Mitgliedern in der Gemeinde hierdurch bekannt wurde. Die Liberalen hatten eine Jungwählerversammlung veranstaltet, in welcher Herr Kurl Nathan über die Stellung der Jugend zur Gemeiitde und Herr cand. mod. Heymanu über die Stellung der liberalen Partei zum Zionismus referierten. Zu einer imposanten liberalen Kundgebung gestaltete sich eine Versammlung, in der Frau Paula Ollendorff, Breslau, ein Referat über die Bedeutung des Liberalismus hielt. Die Vortragende wußte in einer nach Form und Inhalt hervorragenden Rede den zahlreich erschienenen Hörern das Wesen der religiös-liberalen Weltanschauung und die Bedeutung, die das liberale Judentum gerade in den letzten Jahren gewonnen hat, eindringlichst zu schildern. In der Aussprache begründete Herr Alfred Lisser die Notwendigkeit, daß auch in Zukunft der Einfluß der Liberalen gewahrt bleiben müsse, während Herr Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fränkel sich gegen die Politisierung des Gemeindelebens wandte, wte sie besonders durch den Zionismus iu die Gemeinde hineingetragen werde. Die jüdische Volkspartei hatte am Abend vor der Wahl eine stark besuchte Versammlung anberaumt, in der Herr Direktor Kareski aus Berlin das Referat hielt. Die Vertreter aller Parteien kamen in der Aussprache zum Wort. Für die Liberalen sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fränkel. — Die Wahlbeteiligung am 23. März ds. Js. war überaus rege. Es wurde in eifriger Weise von allen Parteien agitiert. Menschen und Autos stauten sich zeitweilig vor den Wahllokalen. — Es wurden von den zu wählenden 21 Repräsentanteit 7 Liberale gewählt. Zu ihnen sind aber lmiter zu zählen 2 Liberale, welche auf der Liste der Wirbschastspartei stehen. Auf diese Partei sind 4 Sitze entfallen. Die beiden nicht liberalen Mitglieder dieser Liste gehören der gemäßigt konservativen Richtung an. Die letztgenannte Partei hat auf eigener Liste 3 Kandidaten durchgebracht. Die jüdische Bolkspartei hat 4 Sitze erlangt. Die streng Konservativen haben 3 Sitze, während von der sozialistisch-zionistischen Partei keiner gewählt worden ist. — Wenn auch die Liberalen 'mit ihren 7 Kandidaten — und bei Hinzurechnung der beiden liberalen Kandidaten der Wirtschaftspartei mit 9 Kandidaten — nicht die absolute Mehrheit haben, so ist sie doch die weitaus stärkste Fraktion geblieben, so daß ihr Einfluß in der Gemeindeverwaltung auch in Zukunft gesichert ist. Hannover. (Festnahme des Revolverhelden.) Ein Revolverheld hatte am l5. Februar den Abendgottesdieust iu der Synagoge in Hannover gestört. Er ist fcstgenommen worden; es war der 21 jährige Matrose Wüstner. Bei seiner Festnahme gab er an, daß er antisemitistisch eingestellt sei und häufig nationalsozialistische Versammlungen besucht habe. Wüstner hat den Knall in dem Vorraum der Synagoge durch zwei Revolverschüsse verursacht. Den Revolver hat er sich zu diesem Zwecke besonders geliehen. Vier Jugendliche haben ihm bei dieser Heldentat geholfen. Hechinge«. (Hohes Alter.) Im 85. Lebensjahre, das er am 14. d. Mts. vollendete, steht Herr Jakob Levi, der Vater des in Berlin verstorbenen Dr. Paul Levi, noch an der Spitze der hiesige» Gemeinde. Der Greis erfreut sich bester Gesundheit und versieht sein Amt, das er seit drei Jahrzehnten bekleidet, mit Umsicht und vorbildlicher Gewissenhaftigkeit. Der Tod seines bedeutenden Sohnes hat dem greisen Vater tiefe Wunden geschlagen, aber auch durch ungewöhnliche Teilnahme aus allen Schichten der Bevölkerung de» Beweis der Würdigung des großen Parlamentariers und geistvollen Juristen gebracht, die Dr. Paul Levi in seiner Person vereinigte. Ein Mann, der wie Jakob Levi vier Jahrzehnte im Dienste seiner jüdischen Gemeinschaft steht, verdient höchste Anerkennung, die ihm auch von seiten seiner dankbaren Gemeinde an seinem Ehrentage aus mancherlei Art zuteil geworden ist. Kassel. (Persönliches.) Nach 34 jähriger verdienter Tätigkeit als Vorsitzende des Schwesternbundes ist Fräulein Philippsohn vom Amt zurückgetreten und in Anerkennung ihrer auch an den Insasse» des Heimes des Schwesternbundes bewiesenen Treue und Gewissen-