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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-03-19 · 12 (19.3.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
12 (19.3.1930)
Date
1930-03-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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II. Zahkg-mg Rvmmer 12 W-chÄemkZeilmg Beilage 19. Mär, 1930 Abwehr und Gemeinde Von Dr. S Dir in dem nachstehender Artrtel behandelte Frage ist auch für zahlreiche andere Gemeinden von bcsondercr Aktualität. Ohne uns mit allen Einzelheiten des Artikels zu identifizieren, glauben wir doch betonen zu sollen, daß mit der zionistischen Forderung der Uebernahme des Abtvehrkamples durch die Gemeinden weder diesen noch dem Abwehrkampfe gedient werden würde. ' Die Red. Aus Anlaß der Generalaussprache über den Etat ist in Len letzten Repräsentantmversammlnngen auch die Frage der Übernahme der Abwehr durch die Gemeinde erörtert worden. Währerck der Vorsitzende des Gememdevvrstandes, Herr Direktor Kareski, in seiner großangelegtm Rede diese Angelegenheit nur streifte, zunächst die Uebernahme der Abwehr ablchnte, aber doch mit ihr liebäugelte, gmg Herr Dr. Klee in beiden Versammlungen aus dies« Frage näher ein In der ersten bedauerte er, daß der Centralverein keine überparteiliche, neutrale Abwehrorganisation sei, die es Juden seiner Richtung ermögliche, an der Mwehrarbeit des Centralvereins Mitzuarbeiten, und socherte eine große neutrale Abwehrorganisation. In der zweiten Rede richtete er gegen den Centralverein wegen seiner Gesinnungstendenzen scharfe Angriffe und forderte den Gemeindevorstand eindringlich auf, die Abwehr zu übernehmen, nachdem sich auch sein Parteigenosse Waldmann in ähnlichem Sinne geäußert hatte. Das prinzipiell Neue an diesen Ausführungen, die auch schon seit Monateii in der jüdischen Presse erörtert werden und in der zionistischen Bereinigung Gegenstand ernster Beratungen sind, liegt daran, daß die Zionisten sich an der Abwehr beteiligen wollen. Dieser Umschwung ist wohl bei den Zionisten dadurch hervorgerusen worden, daß die Art und die Methoden, mit denen die .Juden augenblicklich in Deutschland bekämpft werden, Formen angenommen haben, die die Gesamtjudenheit zur Abwehr zwingen. Es soll auch nicht bestritten werden, daß es eine Reihe von Einzelfragen gibt, die eine Abwehr durch alle Juden gestatten, und daß gerade in dem jetzigen Kampf gegen die diationalsozialisten viele Verleumdungen und tatsächliche Unrichtigkeiten von allen Juden richtiggesiellt werden können. Aber Liese Tatsachen, die für einen augenblicklichen politischen Kamps notwendig sein können, sind für eine dauernde Abwehr des Antisemitismus nicht maßgebend. Denn der Abwehrkampf auf lange Sicht kann nur in geistigen Auseinandersetzungen bestehen. Und jede geistige Arbeit, die zum Ziele führen soll, muß eine geistige Grundlage besitzen. Und diese geistige Grundlage muß Klarheit schaffen über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volkstum. Für den Kampf gegen den Judenhaß ist erforderlich) daß die jüdischen Deutschen ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volle historisch, kulturell und geistig beweisen. Die Frage des Heimatrechtes der deuffchen Juden muß vom Centralverein anders beantwortet werden, als von der zionistischen Vereinigung. Die in letzter Zeit stark um sich greifende sogenannte wissenschaftliche Literatur, wie die Werke von Passarge: „Das Judentum als landfchaftskundlich-ethnologffches Problem", Günther: „Rassenkunde des jüdischen Volfeg", das von Studienräten höherer Schulen als einzige Quelle zum Unterricht in der Rassenlehre benutzt wird, die Schriften von Stapel und Bischof bilden eine immer größer werdende Gefahr für die Verbreitung judenfeindlicher Gedankengänge, dadurch, daß sie Kreffe ersaßt, die den gebildeten Ständen angchören, nach Wissen und Erkenntnis streben, aber doch nicht die notwendige Kritik besitzen. Diese Schriften können nur widerlegt werden durch eine Weltanschauung, die in der unbeirrten Pflöge deuffcher Gesinnung besteht. Welche Gestalt sollen Abhandlungen zur Widerlegung dieser Schriften annehmen, wenn sie von der überparteilichen jüdffchen Gemeinde herausgegeben werden, wo die verschiedenen weltanschaulichen Richtungen bei diesen Fragen verschiedener Meinung sind. Es wird ein Zwiespalt auftreten und es werden neue Konflikfftoffe geschaffen werden, wodurch die Einheitsgemeinde ernstlich bedroht werben würde. Tiefe Gründe sprechen auch dagegen, daß eine Arbeitsgemeinschaft der Landesverbände oder ein zu gründender ReichsverbanL die Abwehr in seinen Ausgabvttreis einLezicht. Nun ist aber schon gesagt worden, daß es eine Reihe von Einzelsvagen gibt insbesondere auch in der jetzigen Zeit, wo es sich um die Bekämpfung und Überwindung nationalsozialistischer Gedankengänge handelt, die die Heranziehung wertester Kreise der deutschen Judenheit zur Mitarbeit für politische und geistige Aufklärung angezeigt erscheinen läßt. Soll für diese Fälle die Gemeinde Trägerin der Abwehr sein? Um diese Frage zu beantworten, muß man sich über das Wesen und den Aufbau der Gemeinde im klaren sein. Die Synagogengemeinde ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, und daher im Besitz gewisser Bor- und Sonderrechte, z. B. die Besteuerung ihrer Mitglieder. Sie ist das einzig gesetzlich anerkannte Organ der Judenheit und daher ist ihre Verwaltung und Tätigkeit gesetzlich geregelt. Sie hat behördlichen Charakter. Eine solche Körperschaft muß daher über Len Parteien stehen. Gerade die Bekämpfung des Nationalsozialismus erfordert Methoden, die die politischen Leidenschaften enffachen. Flugblätter müssen manchmal so gehalten sein, daß der Ton nicht der Würde der Gemeinde entspricht. Versammlungen verlaufen häufig Ebenso, wie für das Anschen der Gemeinde nicht zuträglich sein kann. Bei öffentlichen Wahlen kann sich die Gemeinde nicht dazu hergeben, Flugblätter verteilen zu lassen, Plakate und Flugzettel herzustellen, Wahlzeitungen zu veröffentlichen, Wahlversammlungen abzuhalten und vieles andere mchr. Sie kann sich nicht in polttffche Prozesse und Pressepolemiken einlassen. Durch solche Maßnahme würde sie dem Ansehen des Judentums nur schaden. Hinzu kommt, daß der Abwehrkampf in der Hauptsache zentral geführt werden kann. Dies hat auch Herr Dr. Klee gauz richtig empfunden, durch seinen Hinweis, daß ganze Länderstrecken in Deutschland, in denen der Antisemitismus ganz besonders lobt, von Juden nur sthwach bewohnt sind. . London. In diesen Gebieten tut aber der Abwehrkampf ganz besonders not. Darüber hinaus schien kleineren Gemeinden in jeder Beziehung die Mittel und auch häuftg die Persönlichkeiten, um erfolgreich einen Abwehrkampf zu führen. Das Wichtigste ist aber, daß der Kampf nur nach Kenntnis der gesamten politischen Verhältnisse in Deutschland geführt werden kann, und daß eine einzelne Gemeinde, wenn sie auch in bester Absicht in ihrer Stadt Abwchrmaßnahmen ohne Kenntnis der Zusammenhänge ergreift, der Sache mchr schaden als nützen kann. Biele Aufgaben können überhaupt nur zentral geregelt Werder. Mer selbst wenn ein Reichsverband gegründet wird, könnte von diesem die Mwehr nicht übernommen werden, weil für ihn dasselbe gilt, was von den einzelnen Synagogengemeinschaften gesagt worden ist, nämlich, daß der Abwehrkamps eine geistige gesinnungsmäßige Grundlage haben muß, was bei dem neutralen Charakter unmöglich ist, und weil auch der Reichsverband eine Behörde ist, die in den politischen Kamps nicht hinabsteigen darf. Durch Uebernahme der Abwehr würde die Gemeinde, Landesverband, Reichsverband politisiert werden, ein Weg zum Uebergang der Religionsgemeinde zur Bolksgemeinde. Wenn also im Centralverein sich nur ein gesinnungsmäßig verwandter Kreis an der Mwehrarbeit beteiligen kann, und es nach dem icken Ausgeführteir für die Gemeinde aus geistigen und formellen Gründen gefährlich ist, den Mwchrkampf zu führen, ergibt sich daraus die Folgerung, daß die Zionisten schutzlos und vogelsrei sind, und sich überhaupt nicht am Abwehrkampf beteiligen können? Es ist doch selbstverständlich, daß die Arbeit des Centralvereins allen zugute kommt. Denn die Tätigkeit erstreckt sich doch aufs gesamte Gebiet der Abwehr. Hinzu kommt, daß der Centralverein auf eine beinahe vierzigjährige alte Erfahrung zurückblickt, die es ihm auch in der jetzigen Zeit gestattet, die Verantwortung zu tragen, zumal da ihm politisch geschulte Köpfe Mehr Selbstachtung Gedanken nach der Lektüre eines neuen Lehrbuches der Israelitischen Religion. Von Dr. S i e g f r i eto Braun, Köln. Vor wenigen. Monaten ist ein neues Lehrbuch der Israelitischen Religion*) erschienen, bas in Nr. 11 ds. Bl. ausführlich besprochen wurde. Der Verfasser bekennt sich im Vorwort zum entschiedenen Liberalismus, und er ist diesem Bekenntnis, von wenigen Stellen abgesehen, bis zum Ende seines Buches treu geblieben. Dabei entwickelt der Autor seine Gedanken über die Religion im allgemeinen und über die Israelitische im besonderen in einer Weise, wie sie bisher in einem Schullehrbuch für Religion m. W. nicht Mich war: durchaus knapp itnb sachlich, klug abgewogen und frei von homiletischem Beiwerk. Unter Zugrundelegung eines gediegenen Quellenmaterials werden religionsphilosophische Fragen erörtert, deren Betrachtung ungezwungen hinüberleitet zur Prüfung spezifisch jüdischer Religiosität. Das ganze Lehrgebäude wird in einer Art dargeboten, in der allein man mit einer heranreifenden Jugend über diesen vornehmsten Gegenstand des grübelnden Menschengeistes sprechen kann. Wir liberalen Juden dürften uns des Buches von Herzen freuen, wenn wir die Gewißheit hätten, daß die maßgebenden Stellen es beachteten und daran dächten, es an den Höheren Schulen einzusühren. Mur unverbesserliche Optimisten aber werden hieran glauben; denn bisher galt es vielerorts rechtens, den Religionsunterricht lediglich in konservativer Fassung erteilen zu lassen, selbst in den Gemeinden, in denen eine liberale Mehrheit hätte anders verfahren können. So durfte es denn kein Lehrer wagen, „ketzerischen" Gedankengängen zu folgen und den Begriff Offenbarung etwa in einem vergeistigteren Sinne auszulegen, als es dem Dogma der Orthodoxie entspricht. Damit hätte er ja die Ueberzengung der Schüler aus „rechtgläubigen" Häusern gestött und, wie es so stark ans Herz greifend ausgedrückt zu werden pflegt, die religiösen Gefühle eines Teiles der Jugend verletzt. Ob etwa auch die religiösen Gffühle liberal erzogener Kinder unter dem Zwang der Heuchelei und Unaufrichtigkeit Schaden leiden möchten, darüber zerbrach man sich — auch in liberalen Kreisen — nicht den Kopf, ganz abgesehen davon, daß von einer Verletzung da nicht geredet werden kann, wo mit Bestimmtheit zwar, doch mit Takt die eigene Ansicht vertreten, aber auch die entgegmstchende gewürdigt wird. Ohne Zweifel trägt diese Haltung, die ein Ausfluß bedauernswerter Gleichgültigkeit ist, die Schuld an der völligen Unfruchtbarkeit und — man muß das scharfe Wort gebrauchen — Verrottung religiöser Unterweisung an den Höheren Schulen. Es ist Zeit, daß hier von Grund aus Wandel geschaffen werde, sonst gibt es für den bei vielen Eltern und Kindern zum Gespött gewordenen Religionsunterricht keine Rettung mehr. Nach zwei Fronten hm ist der Kampf zu führen, wenn es besser werden soll. Einmal gegen die Gegner des Liberalismus, die, gestützt auf das Dogma der Berbalinspiration und auf die Priorität, die angeblich das höhere Alter verlecht, ihre religiöse Auffassung als die allein zu recht bestehende erfolgreich gegen die schwachen Liberalen zu verteidigen wußten. Wurde wirklich einmal Widerspruch gegen diese anmaßende „Feststellung" von liberaler Seite her laut, so half man todsicher mit einem argumentum ad hvminem jede Einrede beseitigen: „Sieh mal", so sagte man, dem liberalen Bruder wohlwollend die Schulter beklopfend, „deinem Kinde schadets nichts, wenn es im hebräischen Unterricht das Haupt bedeckt hält; mein Junge aber sieht sich einer Awerah ausgesetzt, wenn er barhäuptig lernen muß." Oder: „Dir schadet koscher Essen nichts, also iß rituell in Gegen-, watt otthodvxer Juden, damit ihr religiöses Gefühl nicht verletzt werde." Indem sich der so Angeredete mit derlei *) ,Dr. I. Gutmann, Israelitische Religion, Verlag Poppelauer, Berlin. nicht nur in der Zentrale, sondern in allen Landesverbände» und Otts gruppen rur Verfügung stehen. Und wenn die Erfolge Außenstehenden nicht immer gleich merklich erscheinen, so liegt es daran, daß die sogenannte „FaffadenpolitLk", die darin besteht, daß man glaubt, durch Proklamationengroß ausgezogene Konferenzen und Pvotestattionen, die zu geeigneter Zeck auch nützlich fein können, den Judenhaß überwinden zu können, eine Gefahr in sich bergen und daher nur selten angewandt werden können, während die Kleinarbeit, die häufig im Stillen geübt wird, das Mittel der Wahl ist. Schützt somit der Centralverein alle jüdffchen Bevölkerungskreffe, so ist denjenigen, die sich außerhalb des C.-B. an der Wwehr beteiligen wollen, Gelegenheit gegcken, sich an den Arbeiten des „Reichsbundes jüdischer Fronffoldaten", der neutralen Abwehrorganisation, zu beteiligen. Obgleich also weder etwas dafür spricht, noch die Notwendigkeit besteht, daß die jüdische Gemeinde die Abwchrarbett übernimmt, so ist es trotzdem ersordettich, daß sie auch diesem Zweig jüdischer Bttätigung, soweit es ihr Würde, Neutralität und Ueberparteilichkeit gestattet, Interesse. entgegenbringt. Denn der Bestand der Gemeinde hängt mit dem Dfftand und Wohlergchen des Judentums und der Judenheil, innig zusammen. Und so gibt es auch Möglichkeiten, daß sie in der apologetischen Arbeit Hilfe leistet. Diesem hat sich auch die Berliner Jüdische Gemeinde nicht verschlossen. Auf Antrag der liberalen Fraktion stellt fie ihre Synagogen sozialen und kulturellen Einrichtungen in den Dienst der Aufklärung christlicher Kreise, insbesondere Schüler. Den Fragen des wirtschaftlichen Ausschlusses der Juden hat sie ihr Augenmett zugewandt. Und schließlich ist es auch Pflicht der Gemeinden, den Abwehrkampf materiell zu unterstützen. Viele Gemeindenhaben aus ihren Mitteln den Centralverein und Reichsbund jüdischer Fronffoldaten unterstützt. Es ist auch Pflicht der Berliner Jüdischen Gemeinde, dies zu tun. Ein Antrag des Centralvereins liegt dem GemeinLevorstand vor. Denn auch für die Gemeinde kann es sich nicht darum handeln, die Wbwehrorganisation zu zerstören, sondern im Gegenteil muß sie es als ihre Pflicht betrachten, dieselben zu unterstützen und für ihren schweren Kampf lebensfähig zu erhalten. Zuspruch zufrieden gab, war der erste Schritt zur Nachgiebigkeit auch im Grundsätzlichen gttan und bis zur Entweihung des Heiligtums der eigenen Ueberzeugung wars nicht mehr weit. Kein Zweifel, daß durch diese schwächliche Haltung der Liberalismus in schweren Mißkredit gebracht werden mußte. Wollen wir unsere Position stärken, so muß jtt>er Jude, der im Sinne unserer Führer religiös-liberal ist, seinen Standpunkt mit Festigkett und Würde wahren. Mag immer der Orthodoxe von der Richtigkeit seiner Auffassung überzeugt sein (wir wissen es, daß von manchem recht „liberale" Ansichten vertreten werden); uns steht es nicht an, seine Ueberzeugung zu bekämpfen. Mit aller Entschiedenheit aber ist jede Zumutung an uns zuruchuweisen, unsere Anschauung als minder verbindlich zu erachten, sie als ttwas zu bttrachten, was nicht so innig mit unserm Sein verknüpft wäre, als daß wir es der Rücksichtnahme andern gegenüber preisgebeu könnten. Freilich vermag nur der Jude eine derattig gefestigte Stellung im Kampfe der Meinungen einzunehmen, der sich geistig mit den Fragen auseinandergesetzt hat, die den Liberalismus begründen und stützen. Das alte Wort, daß ein Unwissender nicht fromm sein könne, stimmt gewiß nicht, und man darf ihm ein anderes entgegensetzen, das von den Kindern spricht, denen das Himmelreich gehöre. Mer so ganz falsch ist die Behauptung über den Unwissenden auch nicht, und namentlich trifft sie zu für eine religiöse Richtung, die der Kritik und freien Entscheidung der Person ihr Recht beläßt. Es wäre deshalb erfreulich, wenn auch unsere erwachsenen Brüder und Schwestern das besagte Buch gründlich studieren wollten, weil es eine gediegene Basis davbietet für ein tteferes Eindringen in religiöse Probleme und in die Fragen der liberalen Religionsauffaffung. Damit ist denn auch schon angedeutet, daß unser Kampf sich m zweiter Linie gegen die Elemente im eigenen Lager zu richten hat, die der abscheulichen Auffassung huldigenals sei liberal gleichbedeutend mit nihilistisch. Es sei hier kein abschätziges Urteil gefällt über eine Weltanschauung, die da glaubt, ohne j^liche religiöse Bindung auskommen zu können; auch nicht über die Weltanschauung, die jede konfessionell bestimmte Religiosttät für sich ablehnt. Die Menschen, die sich, von ihr tragen lassen, gehören nicht selten zu den wahrhaft adeligen Naturen. Liberal aber inunserm Sinne sind sie nicht, und niemand ist verechtrgt, sie dem Liberalismus zuzurechnen. Es muß endlich auch unfern Gesinnungfreunden klar gemacht werden, daß fest umrissene Prinzipien vorhanden sind, die den Liberalismus konstituieren und die ihn davor bewahren, ins Uferlose und Verschwommene zu zerrinnen. Erkannt und ergriffen aber werden diese Prinzipien nicht schon durch Ausgabe irgendwelcher kultischer oder ritueller Formen, nicht durch die Erklärung, „freidcnkend" zu sein, sondern durch ernstes, gewissenhaftes Durchdenken und Durchgrübeln der Fragen, die aus einer andern Welt zuweilen her überblitzen in den Bereich alltäglicher Ordnungen. Wer so den Liberalismus erfaßt, wird erst ermessen, wie schwer es ist, als Jude zu leben, und wie mühelos dagegen, den Vorschriften eines Kodex zu genügen. Der wird aber auch darauf halten, daß einem Religionsunterricht sein Recht werde, der auszubauen versucht auf einem Fundament, das aufgrund mühevoller Forscherarbeit großer Männer geworden und gewachsen ist, und für dessen Ausbau und Festigung die Besten unserer Zeit ihre Kraft hergeben. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, es stehe heute die Mehrzahl der Religionslehrer innerlich zu einem derartigen Religionsunterricht, und es sei häufig die Rücksicht auf die Sichecheit ihrer matettellen Stellung, die sie abhalte, ihrer Ueberzeugung zu folgen. Dabei ist es beschämend, feststellen zu müssen, daß auch liberale Vertreter der maßgebenden Instanzen nicht schützend hinter die Beamten treten, wenn man

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