Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 12 (19.3.1930)
- Date
- 1930-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sie anareist. Als vor Jahren ein Rabbiner einer Großgememoe die „Richtlinien" unterschrieb und man chm Vorhaltungen machte, da meinte ein sonst gütiger und liebenswerter führender liberaler Vorsteher: „Was brauchen Sie auch die Richtlinien zu unterschreiben." So gewinnt man allerdings keine aufrechten arbeitsfrohen Religionslehrer, die ihre Persönlichkeit dafür einsetzen, daß die Jugend religiöses Gedankengut willig aufnehme und innerlich verarbeite. Sollte man --- trotz alledem — nicht auf einen allmählichen Wandel zum Bessern hoffen dürfen? Zwar hat der Liberalismus - gemeindepolitisch betrachtet — in den letzten Jahren manche Niederlage erlitten, wofür die Gründe zu untersuchen wir uns hier versagen wällen. ^Seine innere Stärke ist dadurch nicht geringer geworden, und als geistige Bewegung ist der Liberalismus ohne Zweifel gewachsen. Dafür zeugt der reiche literarische Niederschlag religionswissenschaftlicher Forschung, aber auch der Fortschritt in Bezug auf organisatorische Durchdringung, wie er plastisch offenbar wird im Liberalm Wellverband. Daß schließlich einer unserer angesehensten Schulmänner Mut ünd Kraft fand, ein Religionsbuch für entschieden liberale Menschen zu schreiben, daß ihn dazu ein Leo Ba eck ermunterte, das darf uns denn doch ein Anzeichen für eine baldige Aenderung der Dinge sein. * Aus der Bewegung ★ Liberale Peffach-Hagada. Die Liberale Synagoge Norden zu Berlin hat eine moderne Hagada für die Sederabende herausgcgeben, die von Hermann Falkenberg bearbeitet worden ist. Diese Hagada ist allen denen gewidmet, welche die Erinnerung an die Weihe des Sedcrabenös im Herzen bewahrt haben, zu denen aber die herkömmliche Form nicht mehr spricht, oder die nicht mehr imstande sind, den Sederabend ihrer Jugend in den eigenen Kindern zu erwecken. Sie wendet sich ferner an diejenigen, denen der Sederabend bisher fremd geblieben ist, damit er auch ihnen vertraut und lieb werde. Wir verweisen auf das Inserat in dieser Nummer. Aachen. (P u r i ms e i t r.) Tie hiesige Ortsgruppe veranstaltete am 14. März im Alten Kurhause eine Freitagabend- und Purimfeicr, die von etwa 200 Personen aus allen Kreisen der (Gemeinde besucht war. In seiner Begrüßungsrede tvies der Vorsitzende der Ortsgruppe, .Herr Oberkantor Alt, darauf hin, daß die Liberale Bereinigung positive religiöse Ziele habe, und daß die Veranstaltung in der Linie dieser Ziele liege. Darauf hielt Herr Rabbiner Dr. Schönberger eine schwungvolle Ansprache, in der er, anknüpfend an dm Vers der Megillah „ ... tvenn Du auch schiveigst zu dieser Zeit, jo wird Rettung kommen den Juden von einem andern Orte her. Du aber wirst untergehen ....", ausführte, daß, wenn auch die Idee des liberalen Judentums in unserer Zeit ein kleines Geschlecht gefunden hat, das nicht bereit ist, Opfer zu bringen, die Idee leben wird, auch tvenn die Menschen untergegangen sein werden. — Das Freitagabendmahl, das aus Kaffee und Kuchen bestand, wurde eingeleitet durch den Bortrag des Kidduschgebetes, das Herr Oberkantor Alt vortrug. Es gelangte dann ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm zum Vortrag, innerhalb dessen Frl. Lotte Hirsch einen Prolog, betitelt „Moses Mendelssohn", vortrug, worauf die Junggruppe des Jugend- Vereins das Schattenspiel „Daniel in der Löwengrube" unter Leitung des Herrn Oberkantor Alt zur Aufführung brachte. Der Sprechchor des Jugendvereins rezitierte dann unter Direktion von Herrn Rabbiner Dr. Schönberger ein Gedicht. Sehr viel Gefallen fanden die launigen Verse der Herren Ernst Rubens und Leo Meyer, zwei Prominenten de» Aachener Karnevals, von denm insbesondere der letzte durch die Schlagfertigkeit seiner Stegreifdichtung allgemeinen Jubel auslöste. Stürmischen Beifall fand Herr Oberkantor Alt für den Bortrag der Arien „Winterst»nne wichen dem Wonnemond..." aus der Oper „Die Walküre" und des Prologs zum „Bajazzo". Mil der gemeinsamen Verrichtung des Tischgebetes fand die wohlgelungene Veranstaltung ihren Abschluß. Berlin. V o r t r a g s a b e n d.) Die Dezirlsgruppe Halens«.- Grnnewald des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischm Gemeinde zu Berlin c. V. veranstaltete aut 4. März einen Vortragsabend in den Festräumen des „Sturin" am Kurfürstendamm 173. Das Thema des Abends lautete: „Sorgen und Hoffnungm des jüdischm Mittelstandes". Herr Syndikus Dr. pol. Hermann B e r l a k leitete dm Abend mit einem Referat ein. Er wies zunächst darauf hin, daß der jüdische Mittelstand neuerdings ein populäres Disknssrans objekt geworden ist. Er warnt jedoch vor der Ueberschätzung der typisch jüdischen Miitclstandsfragc, da ein großer Teil der Sorgen des jüdischen Mittelstandes mit der Zugehörigkeit zum Judentum in keiner Weise zu tun haben. Allgemeine Wirtfchaftsnot und Sorgm des jüdischm Mittelstandes seien scharf zu '.rennen. Die Sorgen des jüdischen Mittelstandes sind im Gegensatz zu den allgemeinen Schwierigkeiten des Mittelstandes, die aus der Verschiedenheit der gesamten Struktur unseres Vaterlandes entstanden sind, durch die speziellen Struktunrmndlnngcn im deutschen Judentum, die immer stärkere Verschiebung des Judmtnms in ein Großstadt Judentum hervorgerufen. Sie_ haben ihre Rückwirkung jedoch nicht nur auf den Mittelstand selbst, sondern auch auf die jüdischen Gemeinden, die bis zur Kriegszeit begründet waren auf ein durchgängig mittelständlerisches Gemeindebürgenum. Diese Verhältnisse können nur gewandelt werden durch eine Tenkver-- schiebung, durch die Erkenntnis, daß es heute nicht mebr möglich ist, daß der Sohn dort anfängt, wo der Vater geendet hat, daß vielmehr auch eine Rückentwicklung und selbst eine Proletarisierung nichr vermieden, werden kann. Die Zahl der kleinen selbständigen Existenzen ist zwar nicht zurückgegangen, aber in ihrer Lebenshaltung infolge der gesunkenen Gcwinnmöglrchkeiten beeinträchtigt. Für die neu in die Großstadt Zugewandcrtcu fehlt die Möglichkeit der Begründung einer selbständigen Existenz. Gegenmaßnahmen sind nur insoweit möglich, als cs sich um die Erhaltung, nicht aber um die Neuaufrichtung von Existenzen handelt. Auch hier vielleicht muß Selbsthilfe im Vordergrund stehen, die Gemeinbepolitik kann nur sekundär sein. Redner geht alsdann auf die Jnseratensrage ein, ttmut aber vor der Aufstellung des Grundsatzes „Kauft ituv bei Juden", im Gegensatz zu der Notwendigkeit der Unterstützung der jüdischen Li-'seraiiten durch die Gemeinden selbst. Das tatsächliche Hitssmittel siebt er allein m einer Berufsumschichtung. Daran anschließend nahm Herr Wilhelm Marens, Repräieu laut der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, das Wort und führte etwa folgendes aus: Anschließend an den Ausführungen von Herrn Tr Berlak bin ich der Meinung, daß es in der gegenwärtigen schtveren >jmschaftlichcn Periode berechtigt ist, den Mittelstand als solchen iu den Vordergrund des Interesses zu stellen. Bezeichnend dafür is:, daß mir Gelegenheit gegeben wird, hier im hohen Westen über den jüdischen Mittelstand zu sprechen, während man früher über diese Dinge meist im Osten und Norden sprach. Diese eine Veränderung beweist schon, wie die Verhältnisse sich in unseren jüdischen Kreisen entwickelt haben. Wenn wir auch wissen, daß die gegenwärtige Not alle Schichten der Bevölkerung trifft, so ist der jüdische Mittelstand am schwersten in Mitleidenschaft gezogen, weil gerade die mittleren Existenzen im Kampfe um Konzerne und Großkapital am schnellsten dem Wirtschaft - liehen Verfall unterliegen. Im Gegensatz zu andern Glaubensgemeinschafteil fehlen uns die großen Kathegorien der Beamten und Angestellten, die unter den veränderen Verhältnissen dort den neuen Mittelstand bilden. Selbstverständlich hängt die Lösung dieser Frage von uns nicht alleine ab. Das einzige, was wir tun können, ist, in der Uebergangs-- zeit Mittel und Wege zu finden-, um die gefährdeten Existenzen zu stützen und zu erhalten, damit sie nicht vollends verelenden und der öffentlichen Wohlfahrt zur Last fallen. Die Errichtung von Darlehnskassen und Kreditgenossenschaften bildet schon den Grundstein zur Hilfe. Von dem Problem des Mittelstandes ist die Not der Angestellten und Arbeiter nicht zu trennen. Wir müssen auch daher die Einrichtungen unterstützen, die diesem Zwecke dienen, vor allen Dingen den Jüdischen Arbeitsnachweis. Wir müssen aber auch unsern Glaubensgenossen verständlich machen, daß sie sich bei Einstellung von Personal dieses Arbeitsnach.- weises bedienen. Es wird viel von der Berufsumschichtung gesprochen und sicher bieten einige Berufe (besonders die der Bauhandwerker) eine größere Gewähr für die Existcnzmöglichkeit als die der Kausleute und Akademiker. Mit der Berufsumschichtung muß aber in unfern Kreisen eine Umschichtung des Denkens eintreten. Das alte Vorurteil und die bestehenden Unterschiede zwischen kaufmännischen und akademischen Berufen einerseits, Handlverkern und Angestellten andererseits müssen verschwinden. Auch der manuelle arbeitende Mensch in unsern Kreisen muß in seiner Wertung dieselbe Achtung genießen wie alle andern. Unterstützen wir uns gegenseitig mit Aufträgen und Arbeit, dann werden auch diese Maßnahmen dazu Beitragen, die Legenwärtjge große Not des Mittelstandes zu lindern. Es folgte dann eine sehr lebhafte Diskussion. Der Vorsitzende der Bezirksgruppe Halensee-Grunewald, Herr Landgerichtsrat Dr. Lesser, schloß die Versammlung mit dem Wunsche, daß Mittel und Wege gefunden werden, die Sorgen des jüdischen Mittelstandes nach Möglichkeit zu verringern und dessen Hoffnungen zu erfüllen. Dortmund. (Tagung.der Liberalen Vereinigung.) Anläßlich der Wanderausstellung jüdischer Künstler in Dortmund hatte die Vereinigung für das liberale Judentum in Westfalen zu Sonntag, den 9., März, zu einer Tagung nach Dortmund geladen, um recht vielen westfälischen Gesinnungsfteunden Gelegenheit zum Besuch der bemerkenswerten Veranstaltung zu geben. — Der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Katzenstein-Bielefeld ^röffnete die Versammlung und begrüßte die Erschienenen mit herzlichen Worten. Ein freundlich zustimmendes Schreiben des mit einigen anderen rheinischen Gesinnungsfreunden besonders eingeladenen, aber am Erscheinen verhinderten Rabbiner Dr. Samnel-Essen wurde verlesen. Der Vorsitzende wies alsdann darauf hin, daß die Tagung zunächst einmal den weiteren Ausbau unserer westfälischen liberalen Vereinigung bezkvecke, der im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen zum Landesverband eine unabweisbare Notwendigkeit bedeute. Dies sei indessen nicht die Hauptsache. Es geht uns nicht in erster Li6ie tun Kamps, sondern die Stärkung und Ausbreitung der religiösliberalen Organisation sei nach unserer Ueberzeugnng notrvendig um des Judentums in feiner Gesamtheit, willen. Allerdings nicht in den: Sinne, wie es kürzlich in einem offenen Brief an den Vorsitzende,: R.-A. Heinrich Stern in Berlin in der Jüdisch-liberalen Zeitung propagiert worden sei, nämlich daß die liberale Partei die große Sammelpartci aller derer werden müsse, die nicht Orthodoxe oder Zionisten seien und sich zur deutschen Nation bekennen. Dieses „Minimalprogramm" möge vielleicht für einen einzelnen innerjüdischen Wahlkampf ausrcicheii, aber ein jüdisches Programm mit aufbauendeii, für den Bestand der Gemeinschaft fruchtbaren Gedanken sei es nicht. Es annehmen heiße, sich vor anderen positiveren jüdischen Richtungen von vornherein ins Unrecht setzen. Juden, die sich nur aus Trotz, aus Schamgefühl oder aus anderen mehr negativen Beweggründen nicht von der Gemeinschaft trennten, aber sich nicht im tiefsten Innern mit dem Judentum verbunden fühlten, ebenso unlöslich lvie mit dem Deutschtum, seien nicht das geeignete Baumaterial für den Aufbau unserer Gemeinschaft. Wir Vertreter des religiös-liberalen Judentums müßten unsere Aufgabe anders auffassen. Wir müssen darnach streben, unsere Gemeinschaft mit frischem Leben zu erfüllen und das Judentum wieder zu einer Le densmacht zu gestalten, die jedem, auch dem fortschrittlichsten und geistig hochstehenden Juden, die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu etwas Selbstverständlichem und Beglückendem mache. Die Religion müsse ans das Lehen ein wirken, dieses wieder aus die religiösen Bezirke zurückstrahlen. Hierbei hegten wir die feste Ueberzeugung, daß die religiös-liberale Weltanschauung sicherer als jede andere den Bestand unserer Gemeinschaft verbürge. Die Zukunft werde lehren, wer den echten Ring besitze. Darum heiße cs jetzt vor allem: Arbeiten! Wir stehen noch mitten im Ausbau. Erfreulich sei es, auf eine positive und praktische Leistung unserer toestsälischen Vercirtigung Hinweisen zu timiteu, nämlich die Fertigstellung der auf Anregung des Herrn Albert Hcinemann Dortrnund ausgearbeiteten „Richtlinien liberaler Gemeurdepolilik". Ter Aussprache uiü> Beschlußfassung über diese Richtlinien solle di« Tagung vornehmlich dienen. Tie einleitenden grundsätzlichen Ausführungen des Vorsitzenden wurden mit starkem Beifall ausgenommen. Rabbiner Tr. Kronheinr-Bielefeld und Konrektor Ein. Goldschmidt-Dortmund gaben alsdann einander ergänzend einen Bericht über die Breslauer Hauptversammlung der liberalen Vereinigung. Beide Redner verstanden es, den Hörern einen lebensvollen, anschaulichen Eindruck von der Tagung zu vermitteln. Nunmehr trat die Versammlung in die Beratung des vorgelegten Programmentwurss für liberale Gemeindepolitik ein. Der Bericht des Referenten Herrn Albert Heinemann-Dortmund gestaltete sich zu einem umfassenden Kommentar, der in alle Gebiete des jüdischen Lebens hineinleuchtete und den praktischen Bedürfnissen der Gemeinde alles Verstättdnis entgegenbrachte. Der Berichterstatter konnte auch daraus Hinweisen, daß unser Entwurf bereits an anderer Stelle eine erfreuliche, allerdings etwas unerwartete und verftühte Anerkennung gefunden habe, indem er auf der großen liberalen Kundgebung in Berlin am 27. Januar für das dort vorgetragene liberale Gemeindeprogramm fast wortgetreu als Grundlage genommen worden sei. Tie dann einsetzende Aussprache ergab zwar weitgehende Uebereinstimmutrg in allem Wesentlichen, brachte aber doch bei verschiedenen wichtigen Punkten noch so viel Kritik und widersprechende Ansichten, daß der Vorschlag, den Entwurf noch einmal zur Bearbeitung unter Berücksichtigung der vorgetragene:: Wünsche an den Ausschuß zurückzuverweisen, schließlich allgemeine Zustimmung fand. Aber gerade durch die freimütige und von Verantwortungsgefühl getragene Kritik ivar die Aussprache äußerst anregend und für die weitere Entwicklung viel verheißend. Im Herbst dieses Jahres sollen die Richtlinien erneut zur Besprechung gelangen und werden dann hoffentlich ihre endgültige Genehmigung finden. Zum Abschluß machte Herr Lehrer Nußbaum Dortmurw, Schriftführer der Bereinigung, Ausführungen über innere Orgauisationssragen. "Auch hier zeigte es sich, daß die Tagung bei den Teilnehmern einen sehr günstigen Eindruck hiuterlasseir hatte. Mit einen: Dankeswort des Vorsitzenden an die Erschienenen u:ü> der Aufforderung, eifrig weiterznarbeiten, wurde die Versammlung gegen 2 Uhr nachmittags geschlossen. K-nigrbekg i. Pr. (Wählerversammlun g.) In einer von der hiesigen Vereinigung für das liberale Judentum einbcrufenen f Wählerversammlung sprach Generalsekretär George Goctz-Berlin über die Frage „Um was geht cs bei unserer Repräsentantenwahl?" Man muß den Geist von der Form scheide,:, das Wesen von der Schale. Der Geist ist unwandelbar, die Form als etwas Welthaftes der Bewegung und Veränderung unterworfen. Genau wie der einzelne Mensch sich ständig entwickelt, so auch das Judentum. Hätte eine solche Entwicklung im Laufe der Zeiten nicht staltgefunden, so wäre es längst gestorben. Ist etwa die heutige Orthodoxie die gleiche wie vor 160 Jahren? Damals, als die Ghettos sich öffneten, hat der Liberalismus unseren Glaubensgeiwssen ermöglicht, Jude»: zu bleibe,: unp^Europäer zu werden. Nicht die Tradition hat das Judentum «hatten. Es hat die Anpassung gefunden an den zeitlichen uiw örtlichen Geschmack. Die Entwicklung in Deutschlaiw ist eine andere .gewesen wie in den übrigen Ländern und mußte anders verlaufen. Das liberale Judentum Deutschlands, wohnhaft zwischen Ost- und Westjudentum, hat eine dreifache Aufgabe: die eine ist die Tränkung der Tradition mit Modernem Geiste, die zweite die Nenbelebung des Judentums, soweit es nicht traditionell gebunden ist. Die Entwicklung des amerikanischen Judentums können wir, so interessant sie auch sein mag, uns nicht zum Beispiel nehmen. Da hat bas Fehlen jeder historischen Grundlage stark mitgesprochen. Aber ohne uns dieses Reform-Judentum zu eigen zu machen, stehen wir auf dem Standpunkt, daß kein Jude, der es sein, will, außerhalb des.Judentums steht. Deshalb sind wir noch lange keine Reformjuden, und das Kölner Flugblatt ber religiösen Mittelpartei arbeitet nach dieser Richtung hin mit unwahren Behauptungen. Zum dritten hat das liberale deutsche Judentum eine geschichtliche Rolle übernommen. Es ist genau wie vor 100 Jahren das Ausfangenetz der Hinausströmenden. Es hat aufmerksam zu sein, daß die Kultusreform nicht versumpfe und die Indifferenten wieder herangezogen werden. Gibt es nicht zu denken, daß die Höchstkultivierten zu diesen Indifferenten zählen^ daß die große Anzahl der Angestellten und ein erheblicher Teil unserer Jugend, also gerade die Leute, die am meisten mit dem Leben ii: Berührung stehen, ihren Stamm bilden? Diese Kreise sind in allen öffentlichen Angelegenheiten tätig, nur bei uns nicht. Aber die Torwächter sollten sich einmal ernstlich fragen, ob das böswilliges Beiseitestehen ist oder ob ber Jndifferentismus nicht vielmehr den Gemeindeangelegenheiten als dem Judentum gilt. Die Schuld liegt an uns. Die Indifferenten wachsen stillschweigend aus dem Judentum heraus und sind allein zurückzugewinnen durch positiven Liberalismus. Daher fordern wir getrennte Kultuskommissionen. Wir wollen den Andersdenkenden gegenüber keinen Gewissenszwang, aber für uns beanspruchen wir freie Entfaltungsmöglichkeit. Fort mit dem Danervorwurf „unjüdisch"! Wir verlangen mehr Lebensnähe. Der Zionismus hat diese Lebensnahe, er steht mit dem Leben in engster Beziehung und dennoch verfälscht er das Wesen des Judentums. Dieses ist als Religion universalistisch, der Zionismus als nationale. Bewegung partikularistisch. Die erschütternden Ereignisse des Vorjahres in Palästina haben gezeigt, baß wir das Utopische des Zionismus hätten mehr unterstreichen müssen, aber auch das Inkonsequente. Wer sonst in der Welt für das Selbstbestimmungsrecht der Völker kämpft, kann diesen richtigen Standpunkt in Palästina nicht aufgeben. Der Rus: „Selbstbcstimmungsrecht, aber nicht gegen uns" ist vertverflich. Eine Politik des Unrechts führt zu einer Politik des '.Unglücks. U nser Ziel ist weitergesteckt, es ist die Emanzipation der Juden aller Länder. Tie Rückwirkung der Tätigkeit der durchaus gegenpoligen Gruppen auf das Gemeindeleben ist eine verderbliche. Das Norbensche Wort ist schon richtig,- daß Zionismus mch Orthodoxie sich im Negativen treffen. Das Ergebnis: Absonderungsbestrebungen. Mit einer Kompromißpolitik, wie sie in Königsberg vorgeschlagen ist, »verden wir die Indifferenten nicht gewinne::. Das kann allein geschehen durch starkes jüdisches Gemeinbeleben. Ten Kampf der Weltanschanuirgen kann man nicht unterbinden, aber er soll geführtwerden mit anständigen und sachlichen Waffen. In der Aussprache wurde darauf hingewiesen, in wie scharfer, ja gehässiger Weise die beiden, jetzt vereinigten Mittelparteien sich vor 3 Jahren noch befehdet und die gleichen Vorwürfe, mit denen sie j?tzt gegen die Liberalen Vorgehen, sich damals gegenseitig gemacht, haben. Einem Redner, der für Kompromißpolitik eintrat und sich auf einen ganz rückständigen Boden stellte (so glaubte er ein besonders Unglück zu sehen, falls einmal in einer Synagoge die Frauen neben den Männern fttzen würden), trat mit erfrischender Deutlichkeit und ätzender Schärfe Justizrat Dr. Lichtenstein entgegen. In einer mehrere Tage vorher von den Liberalen veranstalteten Versammlung tourde die Liste für die Repräsentantenwahlen aust gestellt. Sie trägt folgende Namen: Isidor Fabian, Albert Loose, Frau Herta Klein, Max Simon, Louis Falkenstein, Dr. Willi Wolffheim, Walter Mendelsohn, Noah Jaruslawsky nsw. Vereinsnachrichten Die achtundzwanzigste Jahresversammlung des HilfsoereillS der Deutschen Juden findet in Berlin Sonntag,, den 30. März 1930, vormittags 11 Uhr, im „Hotel Kaiserhof" statt. Ueber die Tätigkeit des Hilfsvercins im Jahre 1929 werden die Herren Dr. James Simm, Direktor M. Joachimslohn und Generalsekretär Dr. M. Wischnitzer berichten. Im Anschluß an die Jahresversammlung wird Herr Dr. Ernst Feder, Berlin, über: „Politik und Humanität" sprechen. Verein Synagoge Lindenstraße. Am Montag, 31. März, spricht Herr James Silberstein im Deutschen Hof, Luckaner Straße, über: „Der Kampf ums Judentum". Der Jüdische Sport-Club (J.S.C.) im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat in letzter Zeit besonderen Wert auf den Ausbau seiner Jugerchableilungen gelegt. Als Werbeveranstaltung findet am Sonntag, den 23. März, abends pünktlich 7 Uhr, im Schnbert-Saal, Bülowstraße 104 (Nollcndorfplatz), ein Elternabend statt. — Das reichhaltige Programm dieses Abends enthält Bilder von Fahrten der Jugend, gymnastische Vorführungen n. a. m. — Auf den ausdrücklichen Wunsch der Jugerid bitten wir die Mitglieder unseres Bundes, sich an dieser Veranstaltung recht zahlreich zu beteiligen. — Karten: Erwachsene 60 Psg., Jugendliche 30 Pfg., durch die Geschäftsstelle, Burgstraße 26, 2 Treppen, Zimmer 10, und an ber Abendkasse erhältlich. Spendenliste R.-A. Tr. Eduard Hehmann, Danzig; Karl Striemer, Zoppot; R.-A. Tr. Brodmtz, Danzig: Jacob Olschewitz, Danzig:., Tr. ermann Meyer, Danzig; Richard Wolff, Tanzig; Julius Pertschepp, Danzig; Julius Woythaler, Danzig; Rudolf Brzezinski, Danzig; M. Jacobius^ Danzig; I. Czenninski, Tanzig: Louis Jacobi, Danzig; Dr. med. Paul Möller, Tanzig; Wilhelm Fried, Danzig; Apotheker PH. Loewenbach, Danzig; Julius Lippmann, Danzig; LorriS Nagel, Danzig; R.-A. Dr. Hans Abraham, Danzig; Leo Leivin, Danzig: Siegfried Heymann, Danzig; Erich Iosephsohn. Tanzig: J.-R. Fabian, Danzig: Julius Lisser, Tanzig: Direktor Alfred Weinkrantz, Danzig; Arthur Neustadt, Tanzig: Georg Aronheim, Danzig; Arthur Baerwald, Tanzig; J.-R. Hermann Lewinsky, Tanzig; Frau Helene Beck, Tat^ig: Dr. Curl Reach, Tanzig; G. R., Tanzig; R.-A. Julius Ernst Lichtenstein II, Tanzig; Rabbiner Dr. Grün. Tanzig: Oberkantor Jacob Meisei, Tanzig: Tr. Holz, Königsberg. Der 29. März bringt ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem Sie nicht fehlen dürfen. Siehe lwseratl