Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 11 (12.3.1930)
- Date
- 1930-03-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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auf jedem Eiuzelgckiet (natürlich einer Ztadt »der sonstigen Bezicks) immer nur einen Verein zu geben brauche. Das i-st allerdings eine übertriebene Zuspitzung einer an sich richtigen Idee. Monopole sind immer gefährlich, well sie zur Erstarrung führen und den Fortschritt erschweren. Auch im Wohlfcchrtswesen ist ein gesunder Wettbewerb notwendig. Man darf nie vergessen, daß soziale Pionierarbeit allzu oft von zunächst verspotteten und bekämpften Außenseitern geleistet wurde. Deshalb nur keine Privilegien auf Grund „historisch verbriefter Rechte"! Aber auch kein Verzicht aus Kritik, und zwar sowohl neuen wie alten Gebilden gegenüber. Die Ausscheidung unnötiger Vereine, die Bekämpfung unwürdiger und unwirtschaftlicher Methoden kann nur durch die Oesfentlichkeit erfolgen, die zu einer kritischen. Beurteilung der einzelnen Wohlfcchrtsideen, Formen und Organisationen erzogen werden muß. Casparys Bitte an die Prominenten, ihre Namen und Geldmittel nicht prüfungslos jedem Verein oder Ausschuß zu geben, ist leider nur allzu berechtigt. Ebenso erforderlich ist aber auch die Warnung au die breite Masse, sich von der artigen Unterschriften blenden zu lassen. Auch große Gelehrte, bekannte Künstler, hervorragende Wirtschaftssührer, aber auch - dies muß einmal offen gesagt werden — manche unserer Rabbinen, hohen Gemeindebeamlen und sonstigen Führer geben ihre Unterschriften, treten formal in die Kuratorien und Vorstände ein, ohne sich bewußt zu werden, daß sie hiermit Bürgschaft und Verantwortung übernehmen. Gewiß gut gläubig! Umso notwendiger wird aber der Kampf gegen diese Uckelstände. Planmäßig muß die nur scheinbar negative Tätigkeit der .Aufklärung und Warnung erfolgen. Jedes Vereinsmitglied sollte wirklich klare und nicht nur stimmungsvoll gefühlsmäßige Täligkeitsbelrichte — mit genauer Angabe der Unkosten - verlangen. Gewiß ist Wirtschaftlichkeit und Nutzen sozialer Arbeit nicht ohne weiteres zahlenmäßig beweisbar. Nicht alle Werbe- und Verwaltungsausgaben können sich bei Abschluß des Etats „bezahlt" gemacht haben. Und höchst imponierende UnterstützungSauSgaben in Geld, Natu ratien usw. können sozial geradezu schädlich sein. Trotzdem sind aber Prüsungsmöglichkeiten vorhanden. Casparh nannte schon einige dieser Stellen. Die jüdischen Spitzenorganisationen aber sollten sich vor allem nicht scheuen, Jcharse Kritik zu üben. Allgemeine, grundsätzliche Betrachtungen werden allerdings nicht viel nützen. Der doch sonst nie kampfesunlustige Eugen Caspary sollte tit jedem Einzel fall gedarrten lose „Protektoren" und ebenfalls die Oesfentlichkeit ausklären. Die Presse sollte die Jahresberichte der WohlfahrtSorganisationen und deren Veranstaltungen durch soziale Fachleute kritischer als bisher besprechen. Auch auf die Gefahr hin, das; diese Fachleute im Einzelsall irren. Jene so wohlwollende — mit dem bekannten „guten jüdischen Herz" erfolgende - Beurteilung von Wohlsahrtsfragen muß aufhören. D i e Wohlfahrtspflege verlangt ernst genommen zu werden. Die Schriftleitung dieser Zei^chrift hat erfreulicher Weise bereits oftmals in diesem Sinne gewirkt. Sie würde sich den Dank der jüdisch-sozialen Fürsorge er werben, der hilfsbedürftigen wie hilfsbereiten Bevölkerung, also der Allgemeinheit, wenn dies in vlanmäßiger Weise auch in Zukunft der Fall sein wird. Au dem Artikel „Gesühntes Anrecht" von E. Wölbe. Herr Wölbe irrt. Die Behörde ließ Moritz Steinschmidt nicht bis zum 90. Jahre auf den Professortitel warten, nur bis zum 78. Jahre. Nebenbei bemerkt: Soviel Zeit die Behörde sich auch gelassen, St. ist die Zeit nicht lang geworden. Er hat den Titel »licht vermißt und hätte sich noch länger ohlle ihn beholfen. Ga. Aus der Geschichte einer mitteldeutschen üleingemeinde Von Oberkantor Mar Teller, Magdeburg. Die Juden jagt er gar hinaus Und nahm ihnen Hof und Haus. Verkaufte sie dem Rat ums Geld Durch Joachinum Blankcnfetd. Ahasver, die menschgeworLene ewige Unruhe und Unrast, wandelt noch immer van Land zu Land, von Stadt zu Stadl, von Dorf zu Dorf. Sehr gering ist die Zahl der Flecken aus Deutschlands Boden, wo sich nicht Juden niedergelassen hatten. Und wo gibt es untec den juderrbewohnten Orlen auch nur einen, der nicht von Judenleid und Judenfreud zu erzählen weiß. 10 Kilometer südöstlich von Stendal, mit ber Kleinbahn in weniger als einer halben Stunde zu erreichen, liegt die alte Kaiser- und Elbestadt Tangermünde, das Ziel so vieler Sommertouristen. Einstmals eine Gemeinde, die sich mit Recht „Synagogengemeinde" nennen durste, eine Synagoge und einen- Kantor' hatte, führt sie heute eilt Scheindasein Sucht mit allen Kräften den von dem Schreiber dieser Zeilen vor 4 Jahren mit Hilfe des „Synagogengemeinde- Berbandes der Provinz Sachsen" eingerichteten Religionsunterricht, der von 3 oder 4 Kindern besucht und seit September 1929 von dem in Rathenow stationierten Bezirks- Lehrer weiter erteilt wird, aufrecht zu erhalten. Heute zählt Tangermünde 7 Familien oder zirka 25» Seelen. Auch Tangermünde hat seine Judengeschichte. Wo sich Juden niedergttassen haben, haben sie es als ihre erste und vornehmste Aufgabe angesehen, 2 Flecken Erde anzukaufen: den einen zur Errichtung des Hauses für die Lebenden, den Tempel, den andern zur Errichtung des Hauses für die Toten, den Friedhof. Und Gotteshaus und Friedhof haben ihre Geschichte. Geht man tu Tangermünde an jenem Grundstück vorüber, das das erste Kino beherbergte und heute wüst daliegt, so ahnt kein Mensch, daß auf dieser, der Unterhaltung, Belehrung und Freude gewwmeten Stelle sich einst der „Judenfyjf' befand. Im Mittelalter gehörte dieses Grundstück einem alten Rittergeschlecht derer von Kertow, düs 4 Jahrhunderte dort wohnte. Zu diesem Judenhos gehörten etwa 6 kleinere Grundstücke, die eine wechselvolle Geschichte zu erzählen wußten, mit der ich aber die geschähen Leser nicht weiter bchelligen möchte. Nur das sei erwähnt, daß die Herren von Kerkow nicht bis zu ihrem Ausstecken die Herren des „Judercho-fes" waren, sondern daß um die Mitte des 15. Jahrhunderts der Rat der Stadt Tangermünde diesen erwack und unter Umgehung des Kurfürsten Friedrichs II. von Brandenburg mit dem „Judenhos" durch Verkauf Geschäfte machte. Einzelne dieser Gebäude verkaufte der Rat für einen Mietzins an die Judenschaft, die sofort leine Synagoge und eine Herberge errichten ließ. Die erste Nachricht über den Aufenttchlt von Juden in Tangermünde stammt nach den Motten der Chronik aus dem Jahre 1509. Zu diesen gehörten die Juden Elias Jordan und sein Schwiegersohn gegen ein Schutzgeld von jährlich 15 Gulden. Außerdem mußten die Juden alle 3 Jahre 270 Gulden Zinsen an den „Kästner" von Tangermünde zahlen. Schon 1 Jahr später entfachte ein zum Christentum übergetrttener Jude durch eine den Pöbel herausfordernde Schandtat einen Pogrom, der auch zur Hinrichtung von 35 unglücklichen Juden in Berlin führte. Aber den Verleumder traf das gleiche Schicksal, er wurde, mie die vox popoli so schön und treffend sagt, „mitgefangen und mitgehangen". Nach ihrer Wiedettehr rauchten 1573 ein zweites Mal in der Mark die Synagogen, und wieder schrie unschuldig vergossenes Blut zum Himmel. Der Grund für diese immer und immer wiederkehrervden Wahnsinnstaten lag wie überall im „Römischen Reiche Deutscher Nation" nicht in letzter Linie in der Habsucht einer vom vornehmen Pöbel aufgewiegelten und im Aberglauben gehaltenen Volksmasse. Waren die Kassen des Rates, der Geistlichkeit, der Ritterschaft und nicht zuletzt der von „Gottes Gnaden" eingesetzten Fürsten leer, dann zeigte man den Juden ein überaus „einnehmendes" Wesen, indem man sie ein wenig zu Ader ließ: und waren dann die Juden gänzlich ausgepowert, dann konnte man sie doch nicht gebrauchen. So jagte man sie von „Haus und Hof", wie es so schön im obigen' Motto heißt. 1567 sah Tangermünde nur einen einzigen Juden in seinen Mauern - 'Lewin —, der im „Langen JüdenhauS" wohnte. Diese so sehr beliebte jüdische Handelsware erregte das wohlgeneigte Interesse des Kurfürsten von Brandenburg, der bei dem Rat der Stadt Tangermnnde tief ,in (der Kreide saß. Er ettlätte plötzlich den „Judenhos" als Eigentum und verkaufte ihn gegen eine hohe Summe an den Rat vo»r Tangermünde zurück. Nach ganz kurzer Zeit erfolgte dieses merkwürdige Spiel zwischen dem hohen Herrn in Berlin und dem Rat von Tangermünde zum 3. Male. Sollte etwa der Landesherr „jüdischer" Abstammung gewesen sein? Später ging noch ein kleiner Rest dieses Besitztums in private Hände über. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts befand sich dort eilt Gasthaus. Hier gaben sich vor der ersten slimmernbeu Leinwand der „Emil und die Emilie" ihr gerührtes Stelldichein. Und solch einem Kinostück glich das Schicksal der Tangermündcr Judengemenrde: zuerst Rittersitz, dann nach und nach Synagoge, Herberge, Tanzlokal, Kino, Wüstenei. Erst seit der Regierung Friedrich Wilhelms I. »rahm das Schicksal dieser Juden einen ruhigeren Verlauf. Er wies den: Rat der Stadt Tairgermünde an, dem einzigen dort zur Zeit wohnenden Juden auf beffeu Eingabe einen Platz als Judenfriedhof zu verkaufen. Unter beit sich nun langsam in Tangermünde sammelnden Juden setzte aber bald eilte gegenseitige Unfreundlichkeit ein, zumeist wegen Bagatellen,' die einen derattigen Umfang nahm, daß der Oberrabbiuer in Berlin etliche dieser Streiter und Schreier vor sein Forum laden mußte, um sie zu Raison zu bringen. Zu dieser Zeit besaßen die wenigen Juden auch einen Vorbeter, der zugleich Lehrer uitb Schächter war. Die Synagoge befand sich im Hause eines Glaubensgenossen. Ich entdeckte ihr ehemaliges Vorhandensein an einem großen Mögen Dovid, das sich auf einer Tür im Hause eines des aus jener Zeit stammenden Nachkommen befindet. Heute dient dieser Raum als.Waschküche. Schicksal! Unter Friedrich dem Großen, dem merkwürdigen Vertreter religiöser Toleranz, schien das Mittelalter wieder seinen Einzug in Tanger münde gehalten zu haben. Ein ganzer Blumenstrauß von Steuern entehrender Art umgab die Juden. Diese Steuern waren den Landesvätern ein „Sesam öffne-dich". Das Jahr 1808 befreite die Juden Tangermündes von der Außenseiterstellung gegenüber ihren christlichen Mitbürgern. Sie nahmen deutsche Namen an. und die Zahl der 'nach dort ziehenden Jltden nahm statt zu. Noch heute wohnen einige der Nachkommen. dort. 1814 zogen Aron Joel, nun A. I. Bernhardt genannt, aus Magdeburg und dessen Schwager Mendelmoses, nun Heimann gelrannt, »rach dort. Seit 1820 nahmen die jüdischen Kinder am öffentlichen Unterricht teil; trotzdem besaßen die Tangermünder Juden 46 an der Zahl — im Jahre 1831 nock) immer keine staatsbürgerlichen Rechte. Während des ganzen vorigen Jahrhunderts bildeten die Gemeinden Stendal, Arneburg, Bismark und Tangermünde einen sogenannten Synagogenverbatst) mit dem Sitz in Tangermünde. bis wie alrfangS ermähnt — Stendal einen Aufschwung nahm und die Zahl der Juden Tangermülldes zurückging. Heute teilt eS das Schicksal so vieler Kleingemernden:' der Tempel ist verschwundelt, Gottesdienst fmbet nicht einmal im Jahre statt; nur der Friedhos offner einmal feine Pforten. Aus den Gemeinden Berlin. (Provinzialverband brandenburgif S h n a g og e n g e m e i n de n.) Am 2. März d. Js. fand in Berlin in den Räumen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden die konstituierende Versammlung des Provinzialverbandes brandendurgischer Synagogengemeinden statt. Bereits vor der Gründungsversammlung hatte ein« Reihe von Gemeinden den Beitritt zu dem geplanten Verbände erklärt. Die am 2. März anivescnden Gemeinde Vertreter sprachen sich mit überwältigender Mehrheit für die sofortige Schaffung des Verbandes aus und erklärten durch den Beitritt zirm Verband diesen für konstituiert. Daraufhin wurden die Satzungen beraten und verabschiedet. Zum Sitz des Verbandes wurde Lands berg a. W. bestimmt, jedoch werden die Verbandstagungen regelmäßig in Berlin stattfinden. — Der Verband bezweckt die Förderung gemeinsamer und besonderer Angelegenheiten der in ihm vereinigten Synagogengemeinden, insbesondere durch a) vorbereitende und gutachtliche Tätig-- keit gegenüber dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden. b) Austausch von Erfahrungen in der Gemeindeverwaltung, c) schiedsrichterliche Schlichtung und Entscheidung innerer Streitigkeiten auf Anrufen der Beteiligten. Politische und religiöse Streitfragen sind von der Erörterung im Verbände ausgeschlossen. — Organe des Verbandes sind die jährlich zusammen tretende Hauptversammlung und der von ihr auf 3 Jahre zu wählende Berbandsa>usschuß von 9 Personen. Bis zur Einberufung der ersten Hauptversammlung führt ein provisorischer Ausschuß von 9—10 Mitgliedern die Geschäfte des Verbandes. Zum Vorsitzenden dieses Ausschusses ist Herr Stadlrat Hugo Noack-Landsderg/Warthe gelvätzlt worden. Berlin. (Hohes Alter.) Am 12. März begeht Herr Schneidermeister David Rosenthal, früher Rogasen-Posen. seinen 90. Geburtstag. Herr Rosenthal hat die Feldzüge 1864, 1866, 1870-71 mitgemacht. Er besucht trotz seines hohen Alters oft die Synagoge in Cöpenick. BruthtN. (T o d e S f a l l.) Unser langjähriges Mitglied, der zweite Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Beuthen, Herr Dipl.-Jng. Max Grünwald, ist vor kurzem, gestorben. Dipli-Jng. Grünwald hat sich sehr aktiv an der Gestaltung des jüdischen und öffentlichen Lebens der Gegenwart beteiligt. Er war früher Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, betätigte sich am Landgericht als Handelsgerichtsrat und gehörte dem Berwaltungsrat der Stadtsparkasse an. Das liberale Judentum verliert in ihm einen eifrigen Anhänger und Förderer seiner Bewegung. Herr Dipl.-Jng. Grünwald hat seine positive religiös-liberale Gesinnung stets betont und betätigt. Er war liberales Ratsmitglied des Preußischen Landesverbandes und prominenter Angehöriger des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. An der Trauerfeier nahmen zahlreiche Vertreter der städtischeu nud jüdischen Behörden uird Institutionen teil. Der Bürgermeister »var erschienen, vertreten lvaren alle Gemeindevereine, denen der Verstorbene angehörte. Rabbiner Professor Dr. Golinski und Dr. Melchior rühmten das verdienstvolle Wirken Dipl.-Jng. Grüntvalds, der dem Deutschtum und dem Judentum mit gleich großer Liebe und nie ermüdendem Eifer gedient hat. Dresden. (Aus dem G e m e i n de r a t.) Die Geschäftsführung hat auch in diesem Jahre Rechtsanwalt Salinger. Die Bolksvcreinigung für jüdische Interessen (eine Gruppe, welche eigentlich nur bei der letzten Wahl von gewisser Bedeutung war) hat sich aufgelöst; ihre Vertreter sind, soweit bis jetzt feststeht, der jüdischere Volkspartei beigctrelcn. Diese stellte bei der Neuwahl der Satzung» kommission den Antrag, zwei Gemeindemitglieder hinein zu wählen, ohne damit die Kommission zu vergrößern. Dies »vurdc nach Widerspruch vou liberaler Seite abgelehnt; außer dem Vorsitzenden gehören der Kommission die Liberalen Glaubcr, Liffmann, Schapira an. Die größte Sorge bereiten, lvie überall so auch hier z. Zt. die Finanzen. Die bestehende Steucrordnung lvird auf ein weiteres Jahr verlängert, und zwar erhält $ 4 die Fassung: „Steuerpflichtig sind alle zur Reichseinkommensteuer veranlagten Mitglieder der Israelitischen Reli gionsgemeindc Dresden" mit den bekannten Ausnahmen der Rabbiner und Gemeindebeamteil hinsichtlich ihres Diensteinkommens, der zur Reichswehr gehörender und der öffentlich unterstützten Personen, lieber den neuen Finanzplan referiert im einzelnen nach Benehmen, mit der Sparkommission San.-Rat Zimmermann. Subventionen, wurde beschlossen, nur in vereinzelten Ausnahmefällen zu gewähren. Hierzu gehö.rte, um einiges herauszugrcifen, das jüdische Theater Habima (n>elches kürzlich auch hier leider nur mit geringem sinan zielten Erfolge gastierte), nicht dagegen der von den meisten Gemeinderr. unterstützte „Ort", obwohl auch dessen Ueberpartcilichkeit und wirb schastlich-kulturelle Bedeutung als feststehend anzusehen ist. Wie ferner der Vorsitzerrde als Dezernent der Wohlfahrtspflege ansführte, ist mit 30 000 Mark für Unterstützungen nicht viel anzufangen. Er stellt Anträge in Aussicht, die sich mit einer anderweiteir Zusammensetzung des Fürsvrgcausschusses in Verbindung mit einer Zentralisierung der verschiedenen Wohttätigkeitsvererne befassen. Zur Unterstützung weist Dr. Lcvy darauf hin, daß Dresden nur 6 o/0 bet S teuere in > nahmen, welche mit 218 000 Mark veranschlagt sind, für Wohlfahrtszwecke einstelle, Berlin dagegen 30 «p. Als neue Einnahmequelle wird beschlossen, ein Religionsschulgeid, welches seit vielen Jahren in Wegfall gekommen >var, zu erheben. Der Betrag von Btt. 1,— monatlich je Kitt» (mit Ermäßigung bei (Geschwistern) ill zwar nicht groß, dennoch sei der Beschluß aus moralischen Gründer» nicht zur Nachahmung empfohlen. Einmal ist Religionsunterricht eine Hauptgegenleistung jeder Gemeinde für die Steuern, welche sie erhebt, zweitens möchte in der heutigen Zeit einer etwas laxen Religionsausfassung jedrvedes Befassen mit Religion eher gefördert statt mit einer, wenn auch kleinen, Steuer belegt werden. Für bm Talmud-Thoraschuie werden wiederum Ml. 5400,— bewilligt, während von orthodoxer Seile gebeten wird, die Gemeinde möchte die Schule übernehmen, zum mindesten aber eine höhere Subvention gewähren, damit der Verein Machsike Thora ht^ienisch eimvandfreie Schulraume beschaffen und die Lehrkräfte angemessen besolden könne. Dr. Levy als Vorsitzender des Schulausschusses, an den die Sache verwiesen lvird, erwidert zwar, daß die Schuie an sich die Gemeinde nichts angehe, tritt aber dafür ein, auch Kindern strenggläubiger Eitern Unterricht in einer der Dresdner Gemeinde würdigen Weise zu erteilen. Mit einem Gesamtbetrag von Mk. 280 000 wird der neue Haushaltplan einstimmig angenommen: der prozentuale Steuersatz soll erst in der Jahresmittc endgültig festgesetzt werden, bis dahin gelangen zwei Viertel des letzten Gemeindesteuerbctrages zur Er» Hebung. Ladiau. (Schändung einer jüdischen K u l t st ä t 11.) In zwei verschiedenen Fällen wurde der Zaun der Labiauer Synagoge erheblich beschädigt. Der Zaun besteht aus gemauerten Pfeilern, bit*_ ein Holzgitter cinsassen. An den verschiedensten Stellen wurde dieses Gitter ausgerissen und eine Reihe der schlvcren Pfeiler umgvftoßcn. Es gelang, die Täter festzustellen, uird zwar in der Person des aästzehujährigeu Bürogehilfen Willi Rentei vom Arbeitsamt, dem als ^Mittäter der Schlosserlehrling Hasste und der Elektrikerlehrling Schlösser zur Seite standen. Da die Tal in beiden Nächten jedesmal nach völkischen Versammlungen statt fand, so ist anzunehmen, daß die jurigen Leute unter dem Einfluß völkischer Hetze gehandelt haben. Plauen. (Schändung des S h n a g o g e n - N e u b a u s.) Ter Synagogen Neubau in Plauen wurde — wie dem Central Verein berichtet wird, zweimal geschändet. In der Nacht zum 12. Februar wurde die Synagoge, die vollständig unter Dach und Fach ist, erbrochen uuD ein verendetes Ferkel im Innern niedergelegt. In der Nacht zum 17. Februar wurden 11 Fensterscheiben des Neubaus zertrümmert. * Aus der Bewegung * Aachen, (ft a n n man Religion unterrichten?) Die hiesige Ortsgruppe hielt am 26. Februar ihren 4. Vortragsaberrdt im diesjährigen Winterab, an welchem der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr Oberkantor B. Alt, vor einer zahlreichen Zuhörerschaft über das Thema: „Kann man Religion unterrichten?" sprach. Ter Redner, dessen große Kenntnis der einschlägigen Materie in deich etwa einstündigen Vortrag deutlich zum Ausdruck kam, wies zunächst die Notivendigkeit der religiösen Erziehung nach, die begründet ist in dem Ziel der Erziehung. Dieses ist nach Pestalozzi „die harmonische Ausbildung aller Kräfte" unter dem umfassenden und sammelnden Gesichtspunkt der Charakterbildung. Die Bildung des sittlichen Charakters erfolgt entsprechend seinem Begriff durch die Festigung und Kräftigung des Willens und die Heranbildung von sittlichen Grundsätzen. nach denen sich der Wille zu betätigen hat. Bei dieser Heranbildung von sittlichen Grundsätzen ist die Religion nicht zu entbehren, da Sittlichkeit und Religion nicht voneinander zu trennen sind. Wie muß nun ein Religionsunterricht beschaffen sein, bei dem man sagen kann, daß Religion „unterrichtbar" ist? Er muß im besten Sinne des Wortes liberal sein, d. h. er muß gegründet seink auf die tiefste Freiwilligkeit des Schülers, er muß lebensnah und lebenswarm den Schüler erkennen lassen, daß es sich nicht um Jahr^- tausende zurückliegenden Ausgrabungskram handelt, sondern daß wir selbst im Mittelpunkt dieser Geschehnisse stehen. Der Religionsunterricht darf nicht lediglich systematisch-dogmatisch Kenntnisse vermitteln und in Memoriermaterialismus ausartcn. Fm dritten Teil seines Vortrages zeigte der Redner an Hand einiger praktischer Beispiele, wie er sich die Umsetzung seiner Anschauungen in die Praxis denkt. Er behandelte die Geschichte vom Sündenfall, einige Wundererzählungen vom Propheten Elia und bot dann eine geistige Analyse des jüdischen Prophetismus. Zum Schlüsse wurden noch die Fragen des Unterrichts i« Hebräischen und der jüdischen Politik im Religionsunterricht kurz gestreift. Das Ergebnis der Ausführungen des Redners, die auch in rhetorischer Beziehung, wie allseitig anerkannt wurde, auf einem beachtenswerten Niveau standen, läßt sich dahin zusammenfassen: Religion läßt sich nicht „unterrichten", — aber man kann zur Religion erziehen. Eine anregende Aussprache beschloß den Abend.