Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 11 (12.3.1930)
- Date
- 1930-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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! ★; : BÜCHERSCHAU | ★ | :★ : Versammluugstaleuder Rabb. Dr. Emil Schorsch: Oie Lehrbarkeit der Religion. Ersch. im Verlag Hermann Beyer & Söhne, Langensalza. Heft 1229 der Schriftenreihe „Pädagogisches Magazin“. Ais Heft 1229 der Schriftenreihe „Pädagogisches Magazin“ erschien ein Werk des hannoverschen Rabbiners und Joigemderziehers Dr. Emil Schorsch , betitelt „Die Lehrbarkeit der Religion". Es ist dein Werke unschwer anzumerken, daß es eine (vielleicht erweiterte) Doktordissertation ist. Diese Feststellung enthält Vorzug und Mangel des Buches zugleich, indem es einerseits mit dem ganzen Rüstzeug der modernen psychopädagogischen Wissenschaft dem Problem zu Leibe rückt, aber andererseits an einer gewissen Ueberwissenschaftlichkeit leidet, wie sie häufig Dissertationen eigen ist. Damit sind weniger die oft nicht leicht verständlichen termini gemeint, als die graphischen Darstellungen, Formeln etc., auf die bei diesem Thema besser hätte verzichtet werden sollen. Daß Schorsch die Frage nach der Lehrbarkeit der Religion in bejahendem Sinne beantwortet, durfte wohl nicht anders erwartet werden, obwohl Schorsch nachweist, „daß die Wahrscheinlichkeit, daß Religion gelehrt werden kann, viel geringer ist als die Wahrscheinlichkeit der Ueberlieferung aller andern Ueberlieterungsgüter“. Der Weg, auf dem die Lehrbarkeit der Religion möglich ist, besteht in der Schaffung von „Zvvangskonstellationen“ (was nichts mit einem auf das lernende Individuum ausgeübten, realen Zwang zu tun hat), und zwar unterscheidet Schorsch zwischen äußeren und inneren Zwangskonstellationen. Setzen wir „äußere Zwangskonstellationen“ kurz ----- Lehren, so besteht die Möglichkeit der Religionslehrbarkeit nach Schorsch darin, daß man durch eine äußere Zwangskonstellation eine innere schaffe, d. h. ein inneres Zwangsverhältnis, das die Gegenaktivität des Lernenden auslöst, sein Verstehen bewirkt, was wiederum irgend eine innere Not voraussetzt, die zur Lösung treibt. „Wenn ihr Gott mit ganzem Herzen suchet, werdet ihr ihn finden.“ — Bei den sehr tiefgründigen und weitausholenden Untersuchungen der Hauptfrage fallen als Nebenprodukte einige sehr schöne Stellen und Formulierungen ab (über das Wesen der Religion, die Persönlichkeit des Lehrenden, „Ansteckung“ durch die Gemeinschaft, etc.). Auch die souveräne Beherrschung der einschlägigen Fachliteratur (in religions pädagogischer Beziehung: Kabisch, Scharrelmann, Spranger, Kerschensteiner, Schiele; in religions philosophischer Beziehung: Rudolf Otto, Hauer, Girgensohu, Heiler, Lhotzky) ist erwähnenswert, da die häufige Heranziehung der Genannten vielen eine Anregung sein wird, auch diese Werke nicht nur auszugsweise, sondern grundlegend kennen zu Das Buch sollten nicht nur alle Lehrer und Rabbiner, die Religionsunterricht erteilen, lesen, sondern es sollte vor allein von allen Laten, die in Gemeindestuben, Schulkommissioneri etc. über den Religionsunterricht beraten und Urteile fällen, gelesen werden, damit ihnen eine Ahnung aufgehe von der Schwere des Problems, das nicht gelöst werden kann durch die Fragestellung „Was kann der Junge...“, sondern bei dem maßgebend ist das gewonnene Maß der religiösen Suchkraft im Lernenden. Man muß Dr. Schorsch dafür dankbar sein, daß er die ungeheure Schwierigkeit der schwersten aller unterrichtlichen (erziehlichen) Disziplinen bloßgelegt hat, daß er das Problem nicht von der Vermittlung eines Kenntnisse bringenden Lernstoffes her angefaßt hat, wie es leider noch immer so häufig geschieht, sondern von dein der Schaffung religiöser Erlebenskraft durch Erziehung, Ansteckung, Uebertragung. Daß diese Aufgabe nicht von der Schule allein geleistet werden kann, wird wohl allgemein anerkannt, daß aber Schorsch auf Grund seiner wissenschaftlichen Untersuchungen am Schlüsse seines Buches der Erkenntnis Raum gibt, daß die Schule bestenfalls immer nur einen Teil ihrer Schüler zum religiösen Erleben führen kann, und daß dies im Sinne seines Buches erst etwa vom 14. Lebensjahr ab überhaupt möglich ist, sind Feststellungen, die (in anbetracht seiner Stellung) von einem dankenswerten Mute des Verfassers zeugen. Oberkantor Bernhard Alt- Aachen. Aach«. Freitag, de» 14. Mär; 1930, abends 8 Uhr, im «arteasaal des Ulte» Kurhauses, Cvmphausbadstraße: Freltagadead« und Purim» feiet, «»spräche va» Keren Rabbiner Dr. Schönberger. Aufführung der Schatteufpiels: „Daniel i» der Löwengrube" durch die Jung» gruppe des Ju-eudoereius unter Leitung oo» Herrn Obertantor «11. Sefaugsnorttage oo« Herrn Oberkantor Alt. Humoristische Darbietungen der Herren Leo Meyer und Ernst Rubens. Der Preis für Bewirtung (Kaffee uud Kuchen) betrögt 1,25 Mark errl. Bedienung. * Gottesdienste * Bertt«°R-rdeu. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Alle« 162). Die Gottesdienste fallen in der laufenden Woche aus. Serlto'Oftett. Liberale Synagoge Osten (Kaiferstratze 28-30). Gottesdienst am Purimfest: Donnerstag, 13. Mörz, abends 7.30 Uhr. Predigt: Rabdiuer Dr. Salomoufki. — Freitag, 14. Mörz, abends 7.30 Uhr. Gottesdteust und Gedenkfeier für die Gefallenen des Weltkrieges. Predigt: Rabdiuer Dr. Klein. Becltu-Westrntz. Liberale Synagoge Westeud (Aula Leistikowftraße 7, nahe Reichskauzlerplatz). Freitag, 14. Mörz, 7 Uhr abends, Gottesdienst und Gedenkfeier für die Gefallenen des Weltkrieges. Predigt: Dr. Swarfenfly. Berliu-Wilmerrdsrf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Creilteufchule, Rttolsburger Platz). Freitag, 14. März, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst und Gedenkfeier für die Gefallenen des Weltkrieges. Predigt: Rabbiner Dr. Prinz. Liturgie: Obertantor Manfred Lewaudowski. Berlin. Jüdisch« Reform-Gemeinde. Gottesdieust« am Bvkkstrauertag, Sonntag, dev 16. Marz. Johaunisstraße 16: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Lehman«. Kleiststraste 10: vormittags 10.30 Uhr; Ansprache San.-Rat Dr. Alfred Peyser. Rosy Bodenheimer: Beiträge zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zu ihrer Emanzipation. Gießener J. D. 1930. Diese demnächst im Druck erscheinende Gießener Doktor- Dissertation verdient auch in diesen Blättern eine kurze Anzeige. Die jüdische Gemeinde ist in Oberhessen nicht so alt wie z. B. in Worms und Mainz; immerhin geht die erste authentische Nachricht ins 12. Jahrhundert n. Chr. zurück. Die Geschichte der Juden in Hessen zeigt dieselben tragischen Züge wie im übrigen Deutschland. Als sogenannte Kammerknechte des deutschen Königs, dann der hessischen Fürsten und Ritter waren die Juden stets ein willkommenes Objekt der Ausbeutung, wenn die Kassen der Standesherren leer waren. Zugleich dienten sie in schweren Zeiten der Ablenkung der Volkswut und waren auch in Hessen immer erneuten Verfolgungen und Schikanen ausgesetzt. Dies ihr Geschick wird von R. Bodenheimer in sachlicher, unparteiischer Weise dargestellt; und so kann das Schriftchen wohl dienen, das Verständnis der Lage der Juden in Deutschland zu fördern. Man kann nicht ohne innere Anteilnahme und Erschütterung die Tragödie, die hier sich vor unseren geistigen Augen abspielt, miterleben. Wenn man hört, wie die Juden auch in diesem Teile Deutschlands bis ins 19. Jahrhundert herein im Erwerbsleben beschränkt, politisch entrechtet und in ihrem Glauben verfolgt, in größter Armut doch Heimatliebe und Deutschheit bewahrten, versteht man erst die ganze Un- STOliWERCp( KAKAO ,; u)oh IS'chimickcnd | nahrhaft. moral und Abscheulichkeit des Antisemitismus. Auf die Einzelheiten des Jnhalts der Dissertation kann hier nicht eihgegangen werden. Es genügt, zu sagen, daß das allgemeine Bild der Geschichte des Judentums durch diese Arbeit eine wertvolle Ergänzung erlangt. Prof. Dr. W. Kinkel, Gießen. Max Fischer, Geh. Med.-Rat, Dr.: Der Alkoholmißbrajuch. Berlin-Dahlem. Verlag „Auf der Wacht4*, 1929. 72 L, 3,— Mk. Dem Kampf gegen den Alkoholismus kommt in der Gegenwart wieder erhöhte Bedeutung zu. Nach einem durch die Kriegsverhältnisse bedingten zeitweisen Zurücktreten dieses Volksübels sehen wir es in den letzten Jahren wieder bedrohlich um sich greifen, und dies in einer Zeit, die mit ihrem schweren Erwerbskampfe, mit all ihren erregende« Krisen und Wirrnissen auf politischem, sozialem, sittlichem Gebiete vor allem eins fordert: gesunde Menschen. So kommt als ein wertvoller Bundesgenosse bei der Bekämpfungdes Alkohols die Fischersche Schrift gerade zur rechten Stunde. Klar und faßlich, mit großer Sachkunde und Umsicht, dabei mit wohltuender Besonnenheit, stellt sie in ihren beide« Hauptteilen die schädlichen Wirkungen des Alkohols und diee Wege zur Abdämmung dar und erörtert ebenso i» ihrer Gesamtheit das ganze Bündel medizinischer, sozialer, ethischer Fragen, die mit dem Problem des Alkoholismus verknüpft sind. Daß sie in der Bekämpfung dieser Volkskrankheit für die Aerzte einen hervorragenden Platz fordert, ist ebenso berechtigt, wie ihr eindrucksvoller Aufruf a» alle Volkskreise, nicht zuletzt die geistig führenden, zu tatkräftiger, persönliche Opfer nicht scheuender, beispielgebender Mitarbeit verdienstvoll ist. Der bei geringem Umfange recht inhaltreichen Schrift ist als Quell reicher Belehrung und als ein ernster, moralischer Weckruf weiteste Verbreitung zu wünschen. Geistliche und Lehrer wird sie die Bedeutung der ihnen auf diesem Gebiet gestellten besonderen Aufgabe erneut fühlen lassen: der sittlichen Vorbeugung durch Erweckung jener religiösen Grundüberzeugung, die in Menschenleben und Menschenseele alles überragende, unendliche Werte erkennt Rabbiner Dr. Warschauer. Aus der Ai-Arbeit Breslau. (Morgenfeier des I l i.) Am Sonntag, de» 16. Februar, veranstalteten wir eine Morgenfeier, die einen feljt starken Besuch, vor allem auch seitens der Angehörigen unserer Mitglieder, auftvies. Wolfs Davidsohn eröfsnete die Feier und ging mit wenigen Worten auf den mit ihr verfolgten Zweck ein. öm Oberkantor Borin umrahmte die Veranstaltung durch den meisterhaften Vortrag Schubertscher Lieder, am Harmonium aufs beste begleitet von Herrn Organist Erich Schäffer. Den Mittelpunkt bildete eine Ansprache von Herrn Rabbiner Dr. Saenger über „Die Bedeutung religiöser Gebräuche und Zeremonien für unsere Zeit". Herr Dr. Saenger erklärte zunächst die Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, die alles abstreifte, in der man auch die Kraft der Reli^ gion vergaß. Heute dagegen beginne sich vor allem in den Kreisel der Jugend ein neues religiöses Verlangen zu zeigen, das nach Gk** meinschafl dränge. Gemeinschastsbildung sei ja gerade eine Forderung I des Judentums. Sie scheine im 20. Jahrhundert wie auf anderen dieser Art häuften eine Menge Versi an und verbanden sie bmd} ein paar Sätze. (Erst Lenin und Eoolenz versuchten bessere Wege.) Guttmann gibt in jedem Kapitel tteine oder größere gediegene Betrachtungen und läßt Verse nur dazwischen austreten. Dazu gibt er zum Schluß eine reiche Literatur, die seinem Werk zugrunde liegt, die aber auch wertvolles Material zum Weiterstudium bietet. Er beginnt mit „Begründung einer religiöser Weltanschauung", (9—22) und bietet dann die „Israelitische Religionslehre". (A Einleitung, B die Lchre von Gott, E die Lehre vom Menschen.) Religion ist dem Verfasser der Glaube an eine rn der Welt herrschende sittliche Macht und das Gefühl des unbedingten Vertrauens aus den heiligen Gott. Sittliche und natürliche Weltordnung sichen im Zusammenhang. Die kausale Betrachtung der Welt schließt eine teleologische nicht aus. Wissenschaftliche Beweise für das Dasein Gottes kann es nicht geben. Eine vollständig neue Religion kann nicht gemacht' werden. Ten Glauben an den sittlichen Fortschritt der Menschheit verdankt diese dem Judentum. Glaube an die objektive Macht des Guten hindert nicht die Anerkennung einer selbständigen Sittlichkeit. Das Interesse der Bibel ist ganz aus das Religiöse gerichtet. Ihre Gedanken haben eine Entwicklung durchgemrcht. Wunderglaube ist aus religiösen und ans Vernunftgründen abzulehnen, der Glaube an eine unmittelbare göttliche Offenbarung ist auszugeben. Stets hat das Judentum eine Entwicklung durchgemacht, die praktische Ausgestaltung der Ideen ist in der nachbiblischen Zeit einer steten Umwandlung unterzogen worden. Wir haben die Freiheit, uns an die Persönlichkeiten zu halten, die uns als beste und reinste Verkünder unserer Religion, erscheinen. Das sind die Propheten. Aber auch über' sie ist man später in manchem Punkt hinausgekommen. Aus der gesetzlichen Richtung hat nur Geltung, was ethischen Charakter besitzt oder Symbol einer uniresalistisch-ethischen Richtung ist. Tie Auserwählung Israels bedeutet uns seine Fähigkeit, das klassische Volk der Religion zu werden. Tie Erkenntnis eines weltgeschichtlichen Berufs verbindet sich, damit Jede Läuterung der anderen monotheistischen Religionen bedeutet eine Annäherung an die Grundwahrheiten be§ Judentums. Nicht der babylonische «oder Ägyptische Monothe smus, sondern der israelitische hat die Welt erobert. Dogmen wnuen für eine Religion der Entwicklung nicht die Bedingung für die Zugehörigfeit zu ihr sein. Aufgabe einer jeden Zeit ist es vielmehr, den GedaNkenmhalt des Judentums von neuem zu sichten and in seinen Grenzen abzustecken. Das Wesentliche des Israelitischen Monotheismus ist nicht der eine, sondern der heilige Gott. Biele Bestimmungen der Schriftgelehrten sind religiös gleichgültig, bedeuten ein Herabsinken vom prophetischen Standpunkt- Doch zeigen manche Rabbinen, daß ihnen die Ritualgesetze nicht das Wesen der Religionen darstellen. Eigenschaften Gottes bedeuten nur den Ausdruck der Forderungen an den Menschen. Gott der Schöpfer — soll uns dattun, daß die Welt um der Verwirklichung oes Sittlichen will«: geschaffen wurde. Aus dem Borsehungsglruben ist auszuschalten, daß durch Gott unser materielles Wohlergehen geschützt wird. Inhalt des Vorsehungsglaubens kann nur sein, daß unser Leben einen Sinn hat, daß es in der Hand einer gütigen und weifen Macht steht. Dar frech andelnde Mensch ist Mitarbeiter am Reiche Gottes auf Erden. Ter freie Mensche bezeugt Gottes Gerechtigkeit. Aber auch die Ueberzeugung von Gottes Güte ist tief in das jüdische Bewußtsein eingedrungen. Zweifel am Walten Gottes im Geschick des Menschen kann man nur hegen, wenn man sich unfähig fühlt, sittl'ch zu handeln. Naturereignisse sind Notwendigkeiten, Leiden haben auch! für die sittliche Entwicklung Bedeutung. Das sittlich Böse ist! ein Korrelat des sittlich Guten. Darum tonnte Gott es zutassen. Der Fromme ist auch im Unglück nicht unglücklich. Ter Wert des Einzelnen wird in Bibel und Talmud hochgeschätzt. Ter Mensch hat eine Ausgabe, es gibt keine Erbsünde, er Fl frei. Er hat sich sittlich und religiös zuheiligen. Tie Autonomie der Ethik kann dabei bestehn, weil an eine unmittelbare göttliche Offenbarung nicht geglaubt wird. Der Mensch muß sittliche sein, weil seine Würde es von ihm verlangt. Tie israelitische Religion ist kulturfreundlich. Das Natürliche O nicht unheilig. Die ganze Aufgabe des Menschen liegt im Tiesseits. Der Mensch hat Pflichten gegen sich selbst, gegen den Nckemnenschen, gegen die Menschheit. Tiefrn Pflichten und ihrer Einschürfung dienen die Heiligungsrnittel der Religion. Gottesdienst kommt einem menschlichen Bckürfnis entgegen, gemeinsamer Gottesdinst ist Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Religionsgemeinschaft. Ohne vorgeschrievene Gebete ist er nicht möglich. Kultische Handlungen sind freilich, daraufhin zu prüfen, welche Bedeutung sie jetzt noch 'havm können. Neue Symbole zu schaffen ist ein fast aussichtsloses Unternehmen. Man soll die alten bewahren und immer wieder lebendig machen. Die Ritualgesetze haben in der Vergangenheit eine gute Wirkung gehabt. Fitz ihre Beibehaltung m entscheidend, ob sie mit dem Geist des Judentums übereinstimmen, ob sie religiöse und ethische Gesinnung erzeugen. — Versöhnung ist nichts anderes als Wiedecherstellung der menschlichen Würde. Glaube an die Unsterblichkeit darf nicht versinnbildlicht werden. Unsere sittliche Vernunft verlangt nur, daß die Summe des Sittlichen in der Welt nicht geringer werde. Ter Glaube a« eine Menschheit, die sich immer mehr vervollkommnet, hängt damit zusammen. Es ist der Glaube an den prophetischen Gott, der Glaube an die Messiaszeit. — Ter kurze Gang durchs den reichen Inhalt des Buche-, das die innige Religiosität und den freimütigen Stand- MM des Verfassers ebenso wie sein sorgfältiges Studium jüdischer und nichtjüdischer Schriften zeigt, möge zu eingehender Beschäftigung anregen. < Von einer Stellungnahme zu den Grundeinstellnngen des Verfassers ist hier natürlich abgesehen worden — aus liberalen Gründen. Nur eines darf vielleicht ausgesprochen werden: nicht jedem Liberalen ist heute mehr mit dieser bloßen Ausdeutung des Vorhandenen gedient. Nicht wenige und nicht die Schlechtesten lechzen nach Versuchen und Wagen, auf denen der Kern des Vorhandenen mit ganz neue» religiösen Grundeinfiellnngen, ganz neuem religiösen Gottericken in Verbindung gebracht werden kann. Sie wolle» hier nicht nur Andeutungen, sondern ganz offene Worte hören, sie wollen wissen, daß und ob und wie auch: sie noch Juden sein können. Sie wollen auch nichts davon hören, daß neue Symbole fast nicht möglich sind, daß man deshalb in die alten immer wieder neue Ideen tragen muß. Neue Ideen wollen neue Symbole, und sie sind möglich. So möglich, wie ein neues „Beten", eine neue Form der Gemeinschasts-„Andacht". Tas tragische Wort von den „unerläßlichen Forderungen", das in den Richtlinien steht, wodurch sie den Liberalismus auf „den" Typus des religiöse» Juden festgelegt haben, hätte nie gesprochen und geschrieben werden dürfen. Auf keinen Fall darf es verewigt werden. Oder man verewigt den Typus des Indifferenten", das heißt jenes religiösen liberalen Juden, den man bis heute einfach vergessen hat. . M das ändert natürlich nichts an dem Dank, de» wir der Guttmannschen Arbeit leisten. Wer um eine Ausweitung dürfen wir den schr verehtten Verfasser vielleicht auch für dieses Buch bei einer zweiten Auflage bitten: u« eine Anwendung der religiös-liberalen Grundsätze ach die Wett Probleme der Gegenwart. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. *) I. Guttmann: Israelitische Religion Mn Buch für Schule und Hans, »erlag M. Poppelauer, Berlin, 117 S.