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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-03-05 · 10 (5.3.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
10 (5.3.1930)
Date
1930-03-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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erforderlich, um den Bau so arrszustatten, wie es nötig ist. Wir richten an unsere Leser, die ja alle ein.Interesse daran daben, die Tendenzen des Deutschen Alpenverein Berlin c. V. zu unterstützen, die Bitte, auch ihrerseits nach ihren Kräften zur Förderung dieses Wertes beizutragen. Spenden bitten wir zu senden auf das Postscheckkonto Nr. 7160 Dresdner Bank, Stadtzentrale für den tzüttenfonds des Deutschen Alpenverein e. B.!»sAus der Bewegung ..... Liberale Prffach-Hagada. Die Liberale Synagoge Norden zu Berlin hat eine moderne Hagada für die Sederabende herausgegeben, die »on Hermann Falkenberg bearbeitet morden ist. Diese Hagada ist allen denen gewidmet, welche die Erinnerung an die Weihe des Sederabends im Herzen bewahrt haben, zu denen aber die herkömmliche Form nicht mehr spricht, oder die nicht mehr imstande sind, den Sederabcnd ihrer Jugend in den eigenen Kindern zu erwecken. Sie rvcndet sich ferner an diejenigen, denen der Sederabcnd bisher fremd getrieben ist, damit er auch ihnen vertraut und lieb werde. Wir der- »»eisen aus das Inserat in dieser Nummer. Berlin. (G e m c i n d c a b e n d.) Der Gemeindcabend, den die Liberale Synagoge Norden in Gemeinschaft mit der Be-; i r k s g r u p p e Norden des Liberalen Vereins am 1.8. Februar veranstaltete, wies einen so starken Besuch auf, daß der Saal nicht ausreichte und die Versammlung in den Synagogenraum »erlegt werden mußte. Das Thema des Abends „Was geht in der Gemeinde vor?" war in diesem Bezirk besonders aktuell und hatte das Interesse auch in nichtliberalen Kreisen erweckt. Zahlreich toar die Beteiligung aus dem Kreise der Mitarbeiter im Wohlfahrtsbezirk Prenzlauer Berg und aus der Jugend. Die einleitenden Referate hielten Dr. Kurt Fleischer, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, und Dr. Ludwig Tietz, Vorsitzender des Reichsaus-- ichusses der jüdischen Jugendvcrbande. Eingelcitct wurde der Abend durch ein stimmungsvolles Konzert des verstärkten Synagogenchors unter Leitung seines Dirigenten Max Kohn und unter Mitwirkung des Obcrkantors John. Dann sprach Dr. Fleischer über das Wohls ahrts wesen der Gemeinde: Er ging von der Umorganisation des gesamten Wohlsahrtswesens aus, die vor einigen Jahren von Eugen Caspary durchgeführt wurde. An der Hand von Zahlen aus dem 'Etat der Jüdischen Gemeinde zeichnete er ein anschauliches Bild der weitverzweigten und umfassenden Arbeit der Zentrale und in den einzelnen Bezirken. Aber er toies auch auf die Mängel hin, die sich allmählich tzcrauSgcftellt haben, und die teils auf die verschiedene Wirtschaftnrnktur, teils auf den Mangel an sozial geschulten Mitarbeitern u. a.;urückgehen. Diese Mängel haben zu neuen Umgestaltungsplänen geführt. Es soll eine größere Zahl von Bezirken (etwa 360) gebildet werden, jeder Bezirk soll 500 Seelen umfassen; die hierfür gewählten Vorsteher sollen die Menschen ihres Bezirks nicht bloß in Wohlfahrt^ - angeicgenheiten betreuen, sondern auch in Freud und Leid ihnen jvr Seite stehen und so die Verbindung zwischen den 'Gcmeindemitgliedern und der Gemeinde pflegen. Dr. Fleischer bezweifelt die Möglichkeit der Ausführung und glaubt, daß diese Umtvandlung nur snrchgesührt werden könne, wenn es gelingt, die ausreichende Zahl sozial geschulter und dementsprechend besoldeter .Kräfte bei den einzelnen Bezirksämtern zu gewinnen. Ec beabsichtigt, einen dementsprechenden Antrag bei den Etatsberatungen zu stellen. Wie weit die geplante Umänderung Günstiges leisten kann, muß sich in der Folge erweisen. Vor einem muß grundsätzlich gewarnt werden, was sich augenblicklich gerade im Bezirk Prenzlauer Berg, der bisher nach aller Urteil vorbildlich gearbeitet hat, bedauerlicherweise bemerkbar macht, das Hineiniragen parteimäßiger Bestrebungen in die Wohlfahrtspflege, die von der Zentralbehörde anscheinend nicht genügend bekämpft werden. Gerade hier haben diese Bestrebungen bedauerliche Erscheinungen zur Folge gehabt. ES muß dafür gesorgt werden, daß im Gebiet der Wohlfahrtspflege unter allen Umständen das Varteigctriede serngehalten und dergleichen Bestrebungen rücksichts- -os bekämpft werden. Dr. Ludwig Tietz sprach über die Jugendarbeit der Gemeinde: Er wies einleitend darauf hin, daß für die heutige Jugendarbeit der Gemeinde die Initiative der Jugend und insbesondere der im Landesausschuß zusammengeschlosienen Jugend entscheidend gewesen ist. Die Forderung der Jugend geht ans eine intensive und verantwortungsbewußte Mitarbeit hin uns auf die Beteiligung der Jugend und ihrer Vertreter in den verantwortungsvollen Stellen der Gemeinde. Bor wenigen Wochen ist das Statut des Jugendpflege- Ausschusses angenommen lvorden, danach tvird dieser Ausschuß von Lll Mitglieder gebildet, von denen mindestens 13 Vertreter der Jugend lein müssen. Als wesentliche Jugendförderung bezeirhnete der Referent die Errichtung eines Jugend- und Gemeindehauses und die Schaft iung von örtlichen Jugendheimen in den verschiedenen Stadtteilen. Aber auch zu den Bezirks- und Wohlfahrtskommissionen muß die Ingens stärker herangczogen werden. Die Jugend verlange ein Recht zur verantwortungsvollen Mitarbeit. Diese Forderungen, die »on dem einheitlichen Willen der gesamten jüdischen Jugend Berlins getragen werden, fanden das stärkste Interesse und die wärmste Unter üützung der liberalen Fraktion im Gemeindcvorstand und in der Repräsentantenversammlung. An die mit großem Beifall und allgemeiner Zustimmung aufgenommenen Referate schloß sich eine eingehende und angeregte Aus sprach-, an der sich die Herren Jutkowsli, Gottseldt, Ebel, Sommer icld, Sabotier, Frl. Jaretzli sowie die Repräsentanten Frau Falkenberg und Wilhelm Marcus beteiligten. Es war erfreulich, daß — neben unser» Freunden — auch von nicht liberaler Seite und besonders von der Jugend lebhaft Stellung genommen wurde. Zahlreiche Wünsche und Beschwerden zu den angeregten Fragen wurden ausgesprochen. Es wurde bedauert, daß Anstellung und Besoldung der sozial geschulten und tätigen Kräfte nicht in dem Maße geschehe, wie es notwendig und wünschenswert sei. Höchst bedauerlich sei, daß bei der Einrichtung des Jugendpflege-Ausschusses die Leitung der 3 Dezernate — unter Ausschaltung aller geeigneten liberalen Persönlichkeiten — ausschließlich 3 Zionisten übertragen rmd so die zionistische Parteinahme der gegenwärtigen Verwaltung deutlich sichtbar wurde. Ebenso wenig befriedigend sei es, daß die gegenwärtigen Gemeinden dehörden, obwohl die Forderung nach Jugendheimen auch von ihnen aiterkannt werde, keinen ernstlichen Schritt tun, um die zahlreichen Gemeinderäume, die noch immer für private Wohnzroecke einiger Beamten reserviert sind, für Jugendheime freizumachen, daß vielmehr aufs neue solche Räume für Wohnztvecke eingerichtet werden. Allgemeinen Unwillen erregte die Tatsache, die sich gerade im Wohlsahrtsbezirt Prenzlauer Berg bemerkbar macht, daß Unbefugte sich in den inneren Betrieb des Bezirks mischen und dadurch nur Unruhe und Verwirrung stiften, und es wurde unter allseitiger Zustimmung gefordert, daß das Wohlfahrtswescn unter allen Umständen von Partei Bestrebungen sreigehalten »verden muß und daß deshalb solche Erscheinungen — wie sie augenblicklich im Bezirk Prenzlauer Berg zu Tage treten -- mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. Nach dem Schlußwort des Herrn D r. Tietz wurden folgende Resolutionen, die aus der Mitte der Versammlung emgegangen waren, einstimmig angenommen, mit dem Ersuchen, sie den Gemeindebehörden einzureichen: Auf dem Gemeindeabend am 18. Februar d. I., der von der Ortsgruppe Norden einberufen wurde und von mehr als 250 Personen, insbesondere auch von Mitgliedern der Wohlfahrtskommission Prenzlauer Berg besucht war, wurden folgende Entschließungen einstimmig gefaßt: 1, Die Gemeindebehörden werden gebeten, dafür zu sorgen, daß die Einmischung unberufener Persönlichkeiten in die Arbeit deS Wohlfahrtsamts Prenzlauer Berg unterbleibt. 2. Di« Gemeindebehörden werden gebeten, dafür zu sorgen, daß das Gebiet der Wohlfahrtspflege unter allen Umständen dem Parteigetrieb« entzogen bleibe, und daß an der Gleichberechtigung aller Richtungen im Verwaltungs - und Ehrendienst festgehalten werde. 3. Die Gemeindebehörden werden gebeten, endlich energische Schritte zu tun, daß alle Räume, in den der Gemeinde gehörigen Häusern, die noch heute für Be amten wohnuugszw ecke benutzt oder eingerichtet lv erden, für Jugend - und Gemeinde Heime bereit-- g e st e l l t werden. Die liberalen Gemeindevertrcter werden gebeten, für die Forderungen einzutreten. Lerli«. (Liberaler Verein für die An gelegenhei-- ten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ®. B.) Am Montag, den 24. Februar 1930, fand in der Wohnung des Herrn Dr. Kurt Alexander, Dörnbergstraßc 7, eine Besprechung statt, die den Zweck hatte, die Arbeiten in der Bezirksgruppe „Alter Westen" wieder aufzunehmen. Es wurde ein Vorstand gebildet aus den Herren:' Rechtsanwalt Dr. Kurt Alexander als 1. Vorsitzender, Direktor Martin Held als 2. Vorsitzender, Alfred Scherk als Schriftführer, Direktor Max Kuczynski und Rechtsanwalt Dr. Max I. Löwenthal als Beisitzer. BIICHEESCHAU Emst Cohn-Wiener: Die jüdische Kunst. Verlag von Martin Wasservogel, Berlin. Es ist recht bedauerlich, daß die wichtigsten, epochemachenden Untersuchungen zur Alttestaments-Wissenschaft und Geschichte des Volkes Israel in den letzten Jahrzehnten von nicht jüdischen Gelehrten geschrieben worden sind. Eine Reihe hervorragender Männer, wie z. B. Wellhausen, Kittel, Sellin u. a. mehr sind den gewaltigen Emanationen jüdischen Wirkens in den Anfängen menschlicher Geistesgeschichte mit viel Liebe nachgegangen, haben wichtige neue Forschungsresultate gewonnen, aber Reste von angeborener und an erzogener Befangenheit und Vorurteil haben sie nie recht abstreifen können. Ihnen sind gewissermaßen Juden und Judentum der auf Anschluß wartende Akkord h-d-f-g-h, auf den der Auflösungsakkord, die Schlußharmonie, c-e-g-c, das Christentum, wartet. Sie haben nie genügend betont, daß das Problem Judentum auf diesem Planeten etwas ganz Einzigartiges und Unvergleichliches ist. Die einzig existierende, irdische Kulturdynamik, die, in dunkler Vorzeit beginnend, kontinuierlich durch die Jahrtausende wirksam gewesen ist und heute noch lebt und Leistungen vollbringt. Es ist erfreulich, daß in den letzten Jahren wenigstens über eine wichtige Seite jüdischer Geistigkeit von jüdischen Gelehrten gearbeitet worden ist, über jüdische Kunstbct ä t i g u n g. Jetzt hat cj^r Berliner Dozent, der bekannte Kunsthistoriker Ernst Cohn-Wiener, sich von neuem diesem Gebiet zugewandt: „Die jüdische Kunst“ (Martin Wasservogel- Verlag, Berlin). Ernst Cohn-Wiener ist schon lange vor dem Kriege durch seine zweihändige „Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst“, die in einer billigen Massenauflage über ganz Deutschland verbreitet wurde, berühmt geworden. Vor kurzem hat er als Frucht ausgedehnter Reisen und iTeler Forschungen sein Standard-Werk über „A s i a - tische Kunst“ veröffentlicht. Er zählt schon zu den Berufenen! Sein Buch über jüdische Kunst ist denn auch wiederum gegenüber ähnlichen früheren Werken ein Fortschritt. Eine wertvolle und gute Arbeit, aber mit allen seinen Feinheiten doch wiederum nicht mehr, als eine vortreffliche — Skizze. Es ist wohl heute auch noch garnicht möglich, ein wirklich umfassendes Werk über jüdische Kunst zu schreiben, da die allgemeine Kunstwissenschaft die Sammlung von Bausteinen zur lückenlosen Uebersicht bisher fast völlig vernachlässigt hat und diese Arbeitsleistung jetzt über die Kräfte eines Einzelnen weit hinausgeht. Im ersten Kapitel des Cohn-Wienerschen Werkes werden die methodologischen Fragen etwas ausführlicher behandelt. Bei den Juden war alles Rein-Geistige von jeher vorherrschend. Die Kunstausübung tritt demgegenüber ein wenig in den Hintergrund: aber sie ist zu allen Zeiten vorhanden. Denn Kunst in ihrer höchsten Bedeutung ist auch stets eine Art Antwort einer Merischengruppe auf die Schöpfung und über die Mysterien aller Kreation hat der jüdische Geist immer, ehrfürchtig gesonnen und gegrübclt. Das zweite, dritte und vierte Kapitel schildert die Kunst Israels während des Zeitalters, von dem die Bibel berichtet. Rekonstruktionen der im alten Testament beschriebenen Sakralbauten und Kultgegenstände werden gezeigt. Die Sonderstellung, Abhängigkeit und gegenseitige Beeinflussung der israelitischen Kunst und derjenigen der übrigen Altertumsvölker wird, von reichem Bildmaterial unterstützt, fesselnd beschrieben. Sehr interessante Bilder von neueren Ausgrabungen sind beigefügt. Dann wird die Geschichte der in schwerer, mittelalterlichen Unterdrückung entstandenen, zum Teil ergreifenden jüdischen Kuustbetätigung in Golius und Ghetto entwickelt. Jüdische Bilderhandschriften, Haggadaillustrationen, Kultgeräte, Möbel, herrliche Glasmalereien beweisen, wie irrig die früher oft gehörte Meinung ist, die den Juden als solchen in der allgemeinen Kunstgeschichte j nur eine Aschenbrödelrolle zuerkennen möchte. In dem letzten Kapitel: „Der Weg zum Heute“ wird das vielfältige und reiche Schaffen der „Juden in der Kunst“ und der „ersten bewußt jüdischen Künstler“ (Budko, Lilien, Struck, Steinhardt usw.) unserer Zeit geschildert. Gerade dieser fetzte Teil des Buches ist wiederum gar zu sehr im Skizzenhaften stecken geblieben. Vieles, von dem man gern mehr erfahren hätte, wird nur flüchtig erwähnt, — ein Register am Schluß des Buches fehlt. Manche klugen und treffende Bemerkungen, manche ausgezeichneten Beobachtungen entschädigen etwas für diese Skizzenhaftigkeit des Werkes. Das Ganze ist, wie gesagt, ein sehr fesselndes und interessantes Buch, dem weite Verbreitung zu wünschen ist. Dem Verfasser ist für seine Forschungen und dem Verlag für die außerordentlich schöne Ausstattung des Werkes, seinen großen klaren Druck, seine prächtige Illustrierung warm zu danken. Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin. Schalom Asch: „Die Mutter“. Verlag Lövit. Wien-Berlin. 433 8. Der Roman zerfällt in zwei deutliche Teile. Der eine schildert das ärmliche Leben einer ostjüdische« Familie. Der Vater, ein glänzender Thoravorleser, verdient nichts, und die Mutter sorgt im Verein mit den Kindern für den Unterhalt. Eines Tages wandert der Aelteste nach Amerika aus. Und hier wird der Grund zum zweiten Teil des Buches gelegt. Denn nach einiger Zeit schickt er für alle Schiffs karten, und alle ziehen nach Amerika. Hier wird aus dem Thoravorleser ein Arbeiter, die bis dahin „frommen“ Kinder wollen nur noch verdienen, und die Tochter Deborah erlebt in sich die größte Wandlung: ohne Trauung geht sie mit einem armen Künstler, den noch niemand kennt, eine Ehe ein, kümmert sich um die Armut im Elternhaus nicht und erscheint erst wieder, als die Mutter auf dem Sterbebette hegt. AK sich die Gunst des Künstlers aher einer Freundin der Deborah zuwendet, der Freundin, die ihm zum äußeren Ruhm verholten, da zieht Deborah mit ihrem Köfferchen wieder ins Elternhaus — aus Liebe zu dem Künstler, dem sie nicht im Wege stehen will, demzuliebe sie auch ihr Kind nicht zur Weit kommen ließ. Die einschneidende Wandlung in den Anschauungen der Kinder nach ihrer Ankunft in Amerika, ihre Freimütigkeit gegenüber bisherigen Erziehungsgrundsätzen, wie sie die Tochter insbesondere offenbart, wird vom Dichter in keiner Weise begründet. Wir müssen es als Tatsache hinnehmen. ,Zn Amerika ist es so.“ Aber es ist doch in Amerika auch anders, und nicht alle Orthodoxen verfallen derartig ins andere Extrem. Und es liegt uns fern, aus den Vorkommnissen im Buche günstige Folgerungen für den Liberalismus zu ziehen. Auch die Orthodoxie darf verlangen, nach ihren treuesten Vertretern beurteilt zu werden. Aber weshalb heißt das Buch „Die Mutter“, weshalb behauptet der Verlag, daß hier „das Hohelied der jüdischen Mutter“ gesungen wird? Das hat zwei Gründe. Im ersten Teil ist es die Mutter der Kinder, die Gattin des Thoravorlesers, die uns in der Tat in all ihrer Innigkeit, Sorgsamkeit, Hingabe und Unterwürfigkeit, aber auch in ihren Leiden und Tränen mit aller Liebe des Verfassers gezeigt wird. Und diese Eigenschaften verlassen sie auch in Amerika nicht, wie sich auch der Gatte dort innerlich gleich bleibt. Entsetzlich die Vorstellung für sie, daß ihre Tochter „ohne Trauung“ geheiratet hat. Aber auf dem Sterbebett verlangt sie doch nach ihr. Und als — nach ihrem Tode — sich ihr Mose einmal verirrt, ruft er die Mutter um Hilfe an und — findet den Weg. Es ist derselbe Mose, dem sie „durch Augensprache“ die Sorge für ihre Kinder vor dem Tode anvertraut hat. Und er hat sie verstanden und diese Pflicht geübt. * Aber noch aus einem anderen Grunde heißt das Buch „Die Mutter“. Wenn Deborah, die Tochter, ihr Leben dem armen, unbekannten Künstler Buchholz widmet, so tut sie es im Gefühl und Glauben, einem hilflosen „Kinde“, das mit der Welt nicht fertig wird, „Mutter“ sein zu müssen und Liebe zu spenden. Aber nicht bloß um seiner Hilflosigkeit und Armut, sondern auch um seiner Kunst willen. Ihr und damit ihm opfert sie deshalb auch das Kind, das ans Licht will. Sie tut es heimlich, er entdeckt es aber doch und nennt sein Kunstwerk, zu dem sie ihn inspiriert hatte und das „Mutter“ heißen sollte, jetzt: „Die blutende Mutter“. Aber alles ist schließlich doch umsonst. Seine Liebe zu Deborah, der Dank für ihre Aufopferung tritt eines Tages hinter die Liebe zur Freundin zurück, nicht ohne Kampf in ihm. Aber die „Mutter“ Deborah entscheidet auch diesen Kampf, indem sie mit „Mutterkraft“ sieh opfert, ihr „Kind“, ihr Gatte soll glücklich sein. Sie trägt die Liebe zu ihm wohl in dem Köfferchen mit fort, mit dem sie ins Elternhaus zurückkehrt, um nun im alten Sinn „Mutter“ zu sein an den Waisen, die ihrer bedürfen. Zwei Welten zeigt der Dichter so auf, eine alte, eine neue, eine gebundene, eine freie. Die zweite überzeugt nicht restlos, weil Liebe die Güte nicht ausschließeu braucht und darf und gewiß nicht, wie bei Deborah die Güte gegen das arme Elternhaus. Ihre späte Rückkehr ist ja nur teilweise freiwillig. Es gibt ein heiliges Recht der Liebe: geliebt werden zu dürfen, aber auch eine heilige Pflicht der Liebe, nicht in Selbstsucht zu entarten. Etwa so, wie es heute, genau wie bei Asch, geschieht, wenn junge Menschen die Eltern mit ihrem Lebensbündnis ohne Bedenken vor vollendete Tatsachen stellen. Der erste Teil freilich ist eine einzige Widerlegung des Wortes von heute, daß „Mutterliebe eine Weltillusion“ sei. Freuen wir uns, daß ein jüdischer Dichter durch eine jüdische Mutter jene erschütternde Behauptung widerlegt hat. Ein modernes „Hoheslied der Liebe“ ist uns so im ersten und — fast — auch im zweiten Teil geschenkt worden. Rabbiner Dr. G o 11 s c h a I k , Frankfurt a. M. Otto Zirker: Der Gefangene. Neuland der Erziehung m der Strafanstalt. Nach dem Tode des Verfassers herausgegeben von Paul Honigsheim. 2. Auflage, 6.—18. Tausend. Fackelreiter-Verlag, Hamburg-Bergedorf. Der Kritiker ist zunächst im Zweifel, ob er das Büchlein empfehlen soll. Wenn es sich auch als Neuland bezeichnet, so sind für den Kenner und Fachmann kaum neue Gedanken und Anregungen dem Buch zu entnehmen. Als Liszt im Jahre 1809 an der Berliner Universität seine Vorlesungen über Strafrecht begann, sprach er in seiner Antrittsvorlesung über das Verbrechen als sozial-pathologische Erscheinung. Von dieser Stunde begann sich die Oeffentlichkeit mehr als früher für die Probleme des vorbeugenden Strafrechts zu interessieren. Von Woche zu Woehe nahm damals die Zahl der Zuhörer zu, und erregte Diskussionen gab es in allen irgendwie interessierten Kreisen. Die Gedanken Liszt’s, daß der Verbrecher im wesentlichen das Produkt seiner Erziehung und seiner Umgebung ist, findet sich nun in dem Buch in ästhetisch angenehmer Form wiedergegeben. Zirker ist, wie das trockene, in schlechtem Deutsch geschriebene Vorwort ergibt, in jungen Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden. Er hatte offensichtlich ideale Gesinnung mit Tatkraft besessen und das Büchlein gibt seine Reformgedanken zur Erziehung der Strafgefangenen in flüssiger Sprache und anregend geschrieben wieder. Neues bringt es, wie gesagt, dem Fachmann nicht, aber die Form ist doch so, daß letzten Endes eine Lektüre nur empfohlen werden kann. Weshalb der Herausgeber an einer einzigen Stelle darauf hinzuweisen bestrebt ist, daß Zirker Zionist war, ist nicht ersichtlich. Das Buch hat keinerlei zionistische Gedanken; ebensowenig ist einzuseheii, weshalb ein Brief mitgeteilt ist, daß Zirker angeblich Kommunist gewesen ist. Ohne zum Kommunismus hier Stellung nehmen zu wollen, dürfte nach den Erfahrungen in Rußland gerade der Kommunismus am wenigsten Anlaß haben, über Reformen der Erziehung in der Strafanstalt sich mit seinen Ansichten zu bimsten. Zirker war, um auch dies zu erwähnen, ein tief religiös veranlagter Mensch. Aber wie das Buch an verschiedenen Stellen die Jugendlichkeit und Unausgeglichenheit seines Wesens beweist, so kann man nach der Lektüre des Ganzen doch nicht mit Bestimmtheit sagen, empfand er nun eigentlich jüdisch-religiös oder neigte er sehr stark zum Christentum. Auch hier scheint gerade der Herausgeber mit nicht zu großem Geschmack die Auswahl aus den Briefen und sonstigen Schriften Zirkers getroffen zu haben. Amtsgerichtsrat Walter Michaelis. Manfred Kyber: Die drei Lichter der kleinen Veronika. Verlag Grethlein & Co., Leipzig. Geb. Mk. 6,50, brosch. Mk. 3,50. Manfred Kyber, aus seinen Tiergeschichten uns bekannt, hat seinen ersten Roman veröffentlicht, der als Roman „einer Kinderseelc in dieser und jener Welt“ seinem bisherigen Schaffen innerlich treu bleibt. Eine religiöse Mystik des Schattenreiches der Toten, das uns umschwebt, gibt dem märchengläubigen Kindertum der kleinen Veronika seine tiefere Bedeutung. Das Kind, dessen Augen noch die Sehkraft der Vorwelt besitzen, aus der es kommt, sieht in die Dinge hinein und hindurch, wo

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