Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 10 (5.3.1930)
- Date
- 1930-03-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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sprochcn hat, daß rücksichtslose Sparsamkeit erforderlich ist, um den Steuersatz nicht zu erhöhen, so ist das richtig. Für das Jahr 1930 bin auch ich pessimistisch. Man muß sehr vorsichtig wirtschaften, um die Gemeindefinanzen so gesund zu erhalten, >r>ie >vir sie seht haben. Herr Kareski hat auch von den Grundstückskäusen gesprochen, besonders von den Käufen in Weißensee, er hat aber vergessen, ein Wort de» Dankes an den Mann zu sagen, der, vielleicht gegen unseren Willen, sich mit aller Macht für den Kauf dieser Grundstücke eingesetzt hat, und das ist Herr Fuchs. Im vorigen Jahr ist aus meinen Wunsch statt 150000 Mark 300 000 Mark als Reserve in den Etat eingestellt worden. Wir werden beantragen, auch in diesem Jahre tviedec 300 000 Mark einzusctzcn und wir werden diese Summe haben, »venu, wir sparsam wirtschaften. Der Grundsatz der Rufwertungen der Stiftungen darf nicht verlassen werden. Der uns jetzt vorgclcgte Etat gibt ein falsches Bild, wenn wir diese Summe in ihm nicht verzeichnen. Vergleichsmöglichkeiten sind leider bei dem Etat nicht möglich, so daß ich darum bitten muß, die Etats so auszustcllen, das, die Personalausgaben immer wieder an dieselbe Stelle gesetzt und von den sachlichen Ausgaben getrennt werden. Wir haben Volksschulen eingerichtet, und wir wollen diese jüdischen Volksschulen nicht eingehen lassen. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, diese Volksschulen zu erhalten. Das ist Sache der Stadt. Die Stadt hat die Verpflichtung, die Schulen zu übernehmen oder jüdische Volksschulen einzurichten, wenn wir solche wünschen. Höhere Schulen kommen für uns nicht an Frage. Es ist eine dringende Aufgabe der Gemeinde, Jugendheime zu schassen, worauf neulich von allen Parteien hingewiesen worden ist, und ich will nun hoffen, das; den Worten endlich Taten folgen. Wir haben für die Jugendpflege einen Mann in den Gemeindevorstand in der Person des .Herrn Laudgerichtsrat Lilienthal entsandt, der sich von frühester Jugend an mit der Jugendbewegung beschäftigt hat. Ich hoffe, daß Herrn Landgerichtscat Lilienthal das Dezernat für das Jugendamt übergeben tverden wird. Einverstanden, find wir damit, daß im Krankenhaus eine Abteilung des Siechen- Hauses eingerichtet tvird. Als nächste Aufgabe der Geaneinde muß ein neues Hospital geschaffen werden. Die Besprechung, die neulich über die Frage der Arbeitsbeschaffung für beschäftigungslose Juden in Berlin abgehalten worden ist, darf nur ein Anfang gewesen sein. Die Besprechungen müssen im kleinen Kreis weitergeführt werden, und ich möchte bitten, daß die Beratungen nicht auf die lange Äcnik geschoben werden. Ich hoffe, daß mit aller Energie dafür gesorgt wird. daß aus dem Arbeitsnachweise etwas.Positives entsteht. Dann möchte ich bitten, daß die Berliner Gemeinde mit alter Macht daraus drängt, daß der Reichsverband endlich zustande kommt. Wir müssen zu diesem Reichsverband kommen. Es ist eine Blamage für uns Juden, daß es nicht möglich sein soll, den Partikularismus zu übenwinden. Der Reichsverband darf nicht an dem Ehrgeiz einzelner scheitern. Wir haben jetzt angefangen mit dein (Grundstock einer kleinen Kunstsammlung. Ans dieser Sammlung iann etwas weroen, aber nicht, lvenn sie in de:r Löchern vermodern muß, in denen sie jetzt untergebracht ist. Für diese Kunstsammlung müssen würdige Räume geschaffen lnerven. Dann wird diese Sammlung von vielen Seiten Unterstützung erfahren, durch Hergave von kunstgewerblichen oder Kurrstgegcnständen, die von jüdischen Künstreen geschaffen ivorden sind. Nötig ist, das; die private Initiative auf dem lstebiete der Wohltätigkeit wieder mehr angeregt wird. Hemmend wirrt hier!).'!, daß für manchen J.veig der Wohlfahrt fünf bis sechs Vereine da sind. Diese Vereine sollten sich zusammenschließcn. Eventuell sollte vom (Äcmeiui-evorstand mehr die private Wohlfahrtsinitialive angeregt im den. Das Ziel unserer Gemeindearbeit ist Arbeit für lebendiges Judentum. Nun noch ein paar Worte zu den Ausführungen, die Dr. Älee nber die verschiedenen Richtungen in der liberalen Partei gemacht hat- Es sind wirklich nur Nuancen, die die Rcsormgemcinde von andern liberalen Gruppen trennen. Wenn ein Mann wie Dr. Lehmann sagt,, wir haben noch die ganze Fülle der Idee zu vertreten, die Gottesibee» die Weitidee, die Lebensidee, die Menschenidee und die Menschheit^ idec, sie sind in dieser Reinheit, wie sie im Judentum vertreten werden, in der Welt noch nicht zum Ansdrnct gekommen, so bin ich stolz darauf, daß dieser Mann zu uns gehört. Von diesem Manne trennt uns wirklich nur eine Nuance. Wilhelm Marcus: Der Vorsitzende hat von einem Notjahr gesprochen, in dem wir uns besind-en und er hat erklärt, das; wir sparen müssen. Wenn ich mir den Etat ansehe und die Ziele und Wünsche des Vorstandes vor Augen führe, so kann ich allerdings von einem Sparen nicht viel sehen. Ich möchte davor lvarnen, daß kostspielige Pläne in einer Zeit verwirklicht werden sollen, die einen solchen Konjnnkturn'edergailg zeigt. Wir müssen versuchen, die Verwirkt ichi-.ng dieser Ideen so tauge zurückzustelten, bis die Konjunktur wieder einen Aufschwung genommen hat. Ich bin nicht etwa gegen das Ledigenheim, nicht gegen das Gemeindehans und Jugendheim, aber narb meiner Anfsassnng ist jetzt nicht das wichtigste, das zu machen, rvas '.vir noch in etwa f> Jahren machen können. Air müsse,; die Erisienz un'-erer (hlarm bensgcnosscn erhalten, sonst werden lvir von lhueu nicht nur leine Steuern mehr erhalten, sondern tverden dazu beitragen, den Untergang des jüdischen Mittelstandes zu beschleunige,,. Die Darlehnslass-.m müssen wieder ansgcbant werden. Ferner tvirb es nvuvendig sein, die Kredirgenossenschasten zu sttchen. Ein von uns gefaßter diesbezüglicher Beschluß ist vom Vorstand nie ausgeführt worden. Wenn wir praktische Politik treiben wollen, müssen wir dafür sorgen, daß die Einrichtungen gestützt tverden, die zur Erhaltung de.- Mittel standes nottvendig sind. Sie Zeiten dränaen dahin, daß st'lbft gut situierte Schichten und die Sc', ch i., > Mittelstandes voll ständig proletarifiert tverden. In nufer!; Mit ,> n u die Ausgaben für das Wohlfahrtsamt immer größer. ~ i '> uo > an früher versucht hat, den Gemeinnützigkeilsdrang der i u erwecken, scheine,^ jetzt die Mitglieder nichts mehr für o.e ^oohllaml übrig zu haben. Seher; Sie sich die Wühltäligkeitssamnuungeu an, wie sie setzt sind. Das muß doch einen Grund hab-eu. Air sind in den letzte:; Jahren dazu übergegangen, an der Spitze des Wohlfahrtsamtes eine beamtete Persönlichkeit zu haben, gegen die als Beamter sicher nichts cinzuweirden ist. Ich bin aber fest überzeugt, daß, lucnn lvir zu dem alten Brauch übergehen, an die Spitze des Wohlfahrtsamts eine Persönlichkeit von Namen und Rang zu stellen, wir lvieder von den wohlhabenderen Juden Mittel bekommen werden für unser Wohlfahrtsamt. Ich kann mir nicht Renten, daß die Herren, die das Vorwort zum Etat schrieben, sich alles richtig überlegt haben, was die Genossenschaften und Fabriken betrifft. Sie »vollen den Versuch machen, die ungeheure Arbeitslosigkeit unter den Juden durch den Ausbau von (Genossenschaften zu beheben. Wenn Sie das tatsächlich machen wollen, so würden Sie damit Hunderte von MirtelstLndseristenzen vernichten. Die Herren, die diese Idee propagieren, scheinen von den Tatsachen keine Ahnung zu habe,;. Die Waren, die durch die Gen^ssenschasren hergestellt werden sollen, werden bereits anderweitig so billig aus den Markt gebracht, daß wir da garnicht mitlonturriere,. könnte,;. Diese genossenschaftlichen Unternehmungen sind sei Kommune,: mit ungeheuren Zuschüssen in Konkurs gegangen, lind die Okmeinbe will Millionen in Unternehmungen hineinstecken, die von vornherein zun; Untergang verurteilt sind. Wir müssen unser,, Glaubensgenossen vielmehr cinhämmern, daß sic jüdische Angestellte einstelleu müssen. Es war bei einer kürzlichcn Besprechung sehr interessant zu hören, daß z. B. bei jüdischen Rechtsarrtvälten sehr loenig jüdische Angestellte vorhanden sind. Allerdings sollen uns keine unqualifizierten Kräfte angcchoten werden, die wir nachher wieder wegschicken müssen. Wir können nur Persona! anstelle,;, das wir auch wirklich bei unserer Arbeit gebrauchen können. Wenn mich etwas erfreut hat, so ist es die Tatsache, daß der Arbeitsnachweis im Etat vorhanden ist. Dieser Arbeitsnachweis müßte ausgebaut tverden. Wir sind seit zwei Jahren nicht mehr zu Beratungen mit dem Arbeitsnachweis gerufen worden. Der bestehende Ausschuß ist einfach sabotiert worden, weil «an in bureaukratischer Weise nur die Bertvaltung sprechen lassen wollte und nicht die Praktiker. Wenn aus dem Arbeitsnachweis bisher nicht mehr herauszuholen war, so hat das nicht an den GcmeiickemitglicLern gelegen, sondern an denen, die die Verantwortung für den Arbeitsnachweis tragen. Es erscheint mir viel wichtiger im Augenblick, anstelle deS Ledigenheims das Hospital zu bauen. Sie werden zugeben, daß es etwas Ungeheuerliches ist, wenn man alte uns kranke Leute heut nicht mehr untcrbringen kann. Ich halte die Versorgung dieser Alten für viel wichtiger als die Sorge um die jungen Leute. Ich bik nicht gegen oas Ledigenheim, aber bevor tvir dieses Heim ein richten, müßten lvir erst für das Hospital sorgen. .He'rr Tr. Klee hat gesagt, daß wir uns darauf verlassen könnten, daß er uns einem Wahlkampf „hittlegen" wird. Dieses Wort legen ist schon etwas Unangenehmes und ein Parteiführer müßte seinem große,; Temperament etwas die Zügel anlegen können. Wir werden auch den kommenden Wahlkampf zu führen verstehe;;. Es wird notwendig sein, daß wir dieses Mal mit offenem Visier kämpfen. Wir werden diesmal nicht mit der Volkspartci, sondern mit der zionistischen Partei kämpfen. Ich halte es für ehrlicher, daß die Partei des .Herrn Dr. Klee sagt, wir sind keine Volkspartci, sondern wir sind die Vertreter der deu'scheu Zionisten. Dann können wir einen ehrlichen Kampf ausfechten. Es ist vorhin hier gesagt worden, daß wir im höchsten Falle 500 000 Juden in Palästina untcrbringcn können. Ueber den Ausbau eines kulturellen Heims in Palästina könnten wir uns unterhalten. Ich kann auch verstehen, daß man in Palästina eine Universität errichtet. Aber ich kann nicht verstehen, wie man seine ganze Kraft und Intelligenz nach einer Seite wendet, während man sehen müsse, daß die Juden in Polen und Rußland ohne Existenzmöglich keit sind, würden die Zionisten die zur Verfügung stehenden Summen prozentual verteilen, so wäre den Juden in Rußland und Polen geholfen. Wir wollen, daß die Gelder für jüdische Zwecke für alle Juden gesammelt ivcrden,. und daß sie dorthin kommen, wo die größte Not ist. Erst müssen wir die augenblickliche Not lindern, altes ändere kommt dann später. Moses Wald mann (Volkspartei) wandte sich gegen die getrennten Kultus-Kommissionen. Die Abwehr des Judenhasses dürfe nicht länger Angelegenheit einer privaten Organisation sein, zumal diese immer wieder sich in innerjüdische Auseinandersetzungen einmengt, sondern müsse mindestens in den OKoßgcmcinden in die .Hände der Geiiltindrverwaltuug übergehen. Als letzter Redner des Abends brach Tr. Klee (Bolkspartei) eine Lanze für die jüdische Schule. In persönlichen Auseinandersetzungen begründete er seine Einstellung gegen den C. V. und kommt zu ähnlichen Ergebnissen >vie sein Vorredner. Sein Bekenntnis zur Einheitsgemeinde, in der „für alle Schattierungen jüdischen Lebens Lichr und Raum sein müsse", wird ihm wohl gelegentlich in Erinnerung gebracht werden müssen. Zum Schluß gab Herr Dr. Klee der Befürchtung Ausdruck, daß durch den bevorstehenden Wahlkampf die sachliche Arbeit der Gemeinde gestört werden könne. Gegen Mitternacht wurde die öffentliche Beratung abgebrochen. j * l Sprechsaal \ * j Flw diese Rubrik übernimmt die Lchri'tieitung lediglich die prestgesetzliche Bernnt ro criuu Liberulismus und Indifferenz j Antwort an Herrn Tr. E. E. Schweitzer. Sehr verehrter Herr Kollege! Ich danke Ihnen für Ihren kn der Indisch liberalen Zeitung vom 12. Februar abgcdruckten „Offenen Brief" und das daraus sprechende sachliche und persönliche Interesse. Wenn ich auch, wie Sie richtig voranssetzeu, für den Berliner „Liberalen Verein" nicht passiv legitimiert bin, so will ich dieser; Berschleppungseinwand um so weniger erheben, als leider die von mir beklagte „Indifferenz" ja nicht aus Berlin beschränkt, sondern im Gegenteil im Reich hie und da fühlbarer ist, als in Berlin. Es ist auch nicht zu verkennen, daß es schwieriger ist, an Menschen;n der Großstadt heranzukommen und sie zu organisieren. Von den Gruppen unserer liberalen Organisation arbeiten - das liegt an den leitenden Personen — eben auch nicht alle gleich gut; Verjüllgung, Erneuerung tut hier und da not. Auch was Sie über die allzu große Aengftlichkeit saget;, die sich in lebenswichtigen Fragen davor hütet, der gegnerischen Ansicht möglichst freie Auseinandersetzungsmöglichkeit zu geben, ist nur zu richtig. Es ist kein Zeichen von'lieber zeuguugssicherheit, wenn man den Hörern - oder Lesern! nur die „offizielle" abgestemprlte Parteidoktrin immer wieder serviert. Wie sagt Haus Sachs?! „Doch einmal im Jahre fand' ichs werfe, daß mau die Regel selbst probier', ob in der Gewohnheit trägem Gleise Also freies Wort nicht nur in religiösen, sondern auch in politische,; Fragen; freies Wort - aber nicht freches Wort. Auseinandersetzung, -aber keine Anpöbelei! Hättet; liberale Pro und Anti Agencyster; sich gleich am Anfang richtig aus gesprochen, so hätte sich wohl schon damals gezeigt, daß es, luie Woyda neulich ganz richtig dartegte, als er die wichtiger; Worte Wassermanns abdruckw, nur noch technische, nicht mehr grundsätzliche Meinu'ugsuirlerschicde sind, die uns trennen. Au den Gegnern des I. A. Hat es damals übrigens nicht gelegen. Also mehr Zutrauen zur eigener; Ucberzeugung, freie Aussprache in Versammlung und Zeitung! ''Run aber zur Sache selbst - - und da, glaube ich, sehen Sie nicht richtig. Erstens einmal die Frage der ostjüdischen Stimmen! Wir haben in der; fraglicher; Bezirken ganz arrsehnliche Minderheiter; erzielt, jedenfalls spielen diese Zahlen keine Rorle gegen den Ausfall au Nichtwählern im Westen, insbesondere um die „Fasanenstraße" herum, wo nur 20 Prozent aller Stimmberechtigten zur Wahl ginge;;. Wie dem aber auch sei - gäben wirklich die ostjüdischen Stimmen den Ausschlag, so gibt es dagegen nur ein Mittel: um sie werben, nicht sie unterdrücken. „Solang' ich bei den Meistern was gelt'", wird von liberaler Seite ein Unterschied in; Stimmrecht nach der Staatsangehörigkeit nie gemacht werden. Wir wollen nicht vergessen, daß viele von uns beute staatsrechtlich ,Ostjuden" 'wären, wenn wir noch in unfern Geburtsorten lebten. Nicht abzustoßen gilt es, sondern heranzuzrehen, und die Synthese von Deutschtum und Judentum au diesem wertvollen jüdischen Menschenmaterial zu beschleunigen. Wie' wertvolle Mitarbeiter sind gerade ostjüdische Männer und Frauen unser!; Londoner Freunden geworden. Freilich - und damit komme ich zum wichtigsten Punkt Ihres Briefes — für die Werbung bei diese:; Juden (und es gibt ja auch rechts von uns noch viele, die noch zu gewinnen sind) ist eine wirkliche Idee und ein positives Einzelprogramm nötig. Ich sage Ihnen offen, daß ich eine auf dem Boden des bloßer; „Anti stehende Bewegung nicht mitmachen, geschweige führen kölinte. Eine zionistische'Mehrheit Haber; wir nicht einmal jetzt, sondern nur eine a- oder antiliberale, von den 11 Repräsentanten, die 1.9 Liberalen entgegenstcyen, sind drei Centralvereinsler, davon einer sogar Mitglied des Hauptvorstandes. Aber diese ganze Konstellation besteht doch erst seit knapp vier Jahren, vorher hatten wir Jahrzehnte liberaler Mehrheit. Ta hatten also die Abseiter doch keinen Grund, über Nationalisierung d"r Gemeinde zu klagen, ur;d für Hecrr; Julius Bab und andere Mit Unterzeichner der „Erklärung deutscher Juden" war tonst Standpunkt der jüdischen Außenpolitik kein Grund zum Fer»-- bleiben. Sie blieben aber fern und gehörten zu den 3bG Stimmen, die uns 1926 bei einigen Zehntausenden von abgegebener; Wahlzetteln an der absoluten Mehrheit gefchtt haben. Sollten wir ihnen zuliebe das liberale Judentum zum Klopffechter gegen den Zionismus degradieren? Kommen sic nur deshalb, so werden sie uns nicht zum Aufbau verhelfen. Dabei — Sie kennen mich ja - wird das liberale Judentum das Nationaljudentum immer ablehnen müssen, aus den Gründen des jüdischen Universalismus heraus, besonders, so lange dort die Kanowitze das große Wort führen n»ib nicht die Martin Buber. Also wir müssen mehr tun als das Nationaljudentum bekämpfen, wir müssen es überwinden und ihm in den Seelen der Juden ein Gegmgewicht entgegenstellen: „Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft in den Heimatländern der Zerstreuung durch Herauziehur;g zu jüdischer Arbeit iu Haus, Gotteshaus, Schule, Gemeinde." Wer nicht glaubt, kulturell Mitarbeiten zu können, der soll soziale- Arbeit leisten, wir brauchen die Mutter im Hause wie den Lehrer in der Schule — aber er muß mit uns Mitarbeiten, nicht um gewisse verdrängte allgemeinpolitische Komplexe abzureagieren, die Gemeindeämter sind kein Ersatz für vergebliches Liebeswerben um Reichstags- oder Landtagsman date! Nein, wer bei uns mittun will, muß Mitarbeiten, weil er ein freies, zukunstssicheres Judentum nicht nur für uns Juden, sondern für die Gesamtheit für nötig hält. Man braucht den deutschen Juden halt gottlob nicht zu predigen: „Seid gute Deutsche, weil es das Judentum gebietet" — aber viele, viel zu viele müssen erst lernen, den Satz zu erkennen: „Seid gute, ganze, eurer jüdischen Gemeinschaft treue Juden, — das verlangt eure Pflicht gegen die Heimat." Der nichtjüdischeu deutschen, der gesamten Urnwelt zu zeigen, daß das Judentum notwendig ist für die Erhaltung und den Fortschritt der ganze,; Menschheit, unsere weltgeschichtliche Ausgabe zu erke;;r;en und bekennen, dazu sollen wir liberalen Juden Führer sein. Wir wollen freies Judentum! Frei wovon? Was schiert das Zarathustra? Aber hell soll es Dir tagen: frei wozu?" Wenn sich die abseits stehende „I Intelligenz" eimnal die Mühe geben wird, sich in das Reich unserer Größe und Schönheit so zu versenken - wie in die Herrlichkeitei; ich sage nicht einmal Kants und Goethes, Hauptmanns und Georges, sondern Dantes, Shakespeares, Molieres -- Ibsens, Bergsons und G. B. Shaws - denn werden wir nicht mehr nötig haben, politische Angstgefühle in ihr wachzukitzeln, um Wahlkämpfe zu führen. Lieber auf dem richtigen Wege in der Minderbeit - als auf dem falschen in der "Mehrheit! Vielleicht aber - wenn alle wirklich Liberalen, wenn "auch Sie, lieber Kollege, nicht nur gelegentlich und kritisch Mitarbeiten, sondern bauernd und aus dem schwieriger;, aber dankbarer; Gebiet des Umpslügens uni) Neuaufbaus , vielleicht erreichen wir dann recht bald, was doch schließlich kommen muß: „Aus denn richtigen Wege zum Siege!" Mit besten Grüßen Jbr stets ergebener Heinrich 2 t e r n. Geiger und Raethe An die Redaktion der „Jüdisch liberaler; Zeitung". Iu Ihrer Nummer vom 26. Februar schreibt Eugen Wol.be über Ludwig Geiger, daß er jahrzehntelang das Goethe- Jahrbuch herausgab, bis ihm die Goethe-Gesellschaft (Vorsitzender Gustav Roethe) die Redaktion aus der Hand nahm. Das muß bei unbefangenen Lesern den Eindruck erwecken, als ob Roethe Präsident war, als man Geiger die Redaktion des Jahrbuchs abnahm. Als Schüler Geigers wie Roerhes und als langjähriges Mitglied der Goethe <Vesetlsa)aft drängt es mich, diesen häßliche'.; Verdacht von Gustav Roethe zu nehmen. Die Angelegenheit reicht nämlich bis ir; das Jahr .1913 zurück, wo an Roethes Präsidelttschaft noch gar nicht zu denken war. Uebriger;s ist ihn; daru; vor; allen Seiten das Zeugnis ausgestellt worden, daß er sein Amt frei von alter; politischen oder gar antisemitischen llieaungen geführt hat. Das war für uns rächts Neues, die wir ihn als Universitätslehrer rannten und uns zu seinen engeren Schülern zählen dursten. Von keinen; meiner vieler; Professoren, mit denen ich tiHum'ab des Studiums in Berührung kam, trabe ich mehr herzliches E;;tgegei:kommer; und Wohlwollen erfahren als von dem deutschnationalen „Antisemiten" Gustav Roethe: nicht nur ich, sondern auch die anderen jüdischen Mitglieder seines Seminars. Ich lvürde mich aufrichtig freue:;, wen:; die Redaktion der Jüdisch liberalen Zeitung durch Abdruck dieser Zeilen daz;- beitragen t-rärbe, das Andenken eines Mannes von eiriem nicht berechtigten Borwurf zu reinigen. Er ß«t es verdient. In vorzüglicher Ergebenheit Erich N u b e n s o h n, Sttldreuassessor. Die Töligkeik des Deutschen Alpenvereins Wie unseren Lesem bekannt sein dürste, ist im Jahre 1925, als rm Deutschen und Qesten-eichischen Alperwcrem und besonders in der Sektion Berlin die antisemitischen Tendenzen sich in unangenehmster Art hervordrängten, von jüdischen und christliche; gerecht denkenden Mitgliedern der Deutsche Alpenverein Berlin e. V. gegründet worden, der in den 5 Jahren seines Bestehens eine gute und erfreuliche Enlwilllung genommen hat und einer; Sammelpunkt für alle die bildet, die sich dagegen zur Wehr setzen, daß der häßliche politische und konfessionelle Streit in Gebiete hineingetragen wird, in der;en er nßbtö zu suchen hat. Dem Deutschen Alpenverein Berlin e. B. ist es gelungen, urrter Aufwendung größerer Mittel dank der Opserfrendigkeit seiner Mitglieder ein stattliches Haus an einer der schönsten Stellen der Zillertaler Alben im F-riesenbergkar arn Fuße des Nissler und der Gefrorener; Wand zu errichten. Das Hans, das rncht nur ein Stützpunkt für Hochtouristen ist, sondern auch auf bequemen; Ääy erreichbar für jede Art von Alpenwcrnderungen geeignet ist, steht jedem offen, der frei von politischen Streitigkeiten die Schönheit der Berge genießen will. Trotzdem zum Bau des Hauses, das 20 Betten und 29 Matratzenlager umfassen soll, schon erhebliche Mittel anfgewendet worden sind, sind noch weitere erhebliche Beträge