Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 10 (5.3.1930)
- Date
- 1930-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Neutraliläk des Ort-Verbandes Die Zenlralvertvaltung des „Orl"-Berband«s zur Förderung non . Handwerk, Industrie und Landwirtschaft unter den Juden gibt in jiddischer Sprache cine_ Monatsschrift „Ort-Jediolh" heraus. In der letzten Nummer dieses Blattes ist ein Leitartikel erschienen, der sich mit der in der jüdischen Presse vielerörterten Frage der Neutralität des „Ort" und seiner Stellung zu den jüdischen politischen Parteien beschäftigt. In diesem Artikel werden die gegen den „Drt" erhobenen Beschuldigungen der uichtobjektiocn Stellungnahme gegenüber einzelnen jüdischen Parteien zurückgcwiesen. Wir haben durch Artikel in dieser Zeitung wiederholt die Arbeiten der „Ort"-Gcseilschaft zu fördern versucht. Dabei leitete uns neben Humanitären Gesichtspunkten in erster Linie die Auffassung, das; eine gesunde Schichtung des osteuropäischen Judentums nnd die Produktivieruug der von der Wirtschastsentivieklung beson ders betroffenen ostjüdischcn Massen ein wesentlicher Faktor für die Erhaltung der Judenheit sei. Wir glauben auch, daß eine derartige Gesundung der ostjüdischen Massen Voraussetzung einer jüdischen Emanzipationsbewegung sein muß, die wir von unser,n jüdisch Politischen Standpunkt für erwünscht halten. Niemals loaren wir uns im Zweifel darüber, daß von andern jüdischen Gruppen die „Ort" Arbeit anders gesehen und gewertet wird. Wir haben aber - geglaubt und glauben auch noch, daß hier ein gemeinsames Wert von Juden aller ^Richtungen vollbracht werden könnte ohne Rücksicht nahm« auf den ideologischen Streit der Parteien. Wenn die Tatsache, daß Führer der „Orr" Beivegung vie ..Erklärung deutscher Juden" Unterzeichneten, von zionistischer Seite zu besonderen Protestmastnahmen gegen die „Ort" (pcsellschast benutzt wurde, so finden wir das iveder gerechtfertigt noch konsequent. Mi: dem gleichen Recht könnten Antizionisten aus solchen neutralen Verbänden ausschciden, deren führende Persönlichkeiten an der Jewish Agency mitwirten. Wir stimmen den nachstehenden Ausführungen, die die Reu tralität der „Ort"-Organisation bejahen und den einzelnen Persönlichkeiten freie Betätigungsmöglichkcite» außerhalb des „Ort" Verbandes belassen wissen wollen, im wesentlichen zu. Der zione ftischc Boykott gegen den „Ort"-Berband sollte u. E. eine Antwort finden in der Mitarbeit aller derjenigen, die die Neutralität des Verbandes erhalten wollen und das „Ort" Werk bejahen. Die Reo. Je mchr der „Ort"-Verband wächst uitd alt Ausdehnung gewinnt, umso disferellzierter wird seine Zusammensetzung, umso mchr Elemente umfaßt er, die verschiedenen, ja sogar entgegengesetzten parteipolitischen Richtungen angehören. T«s ist ein durchaus natürlicher Vorgang; denn „Ort" ist eine unparteiische Organisation, die keine partei-politischen Ziele verfolgt Das bedeutet aber keineswegs, daß die „Ort"- Mitglieder selbst unter allen Umständen parteilos sein müssen. Das würde „Ort" in eine besondere Art „unparteiischer Partei" verwandeln. Denn eben dieses negative Prinzip, daß zur „Ort"-Organisation Menschen mit bestimmten parteipolitische,r Ueberzeugnngen nicht zugelassen werden dürfen, würde bedeuten, daß „Ort" von seinen Mitgliedern eine bestimmte politische Ideologie verlangt, von welcher er die Zugehörigkeit zur Organisation abhängig macht. „Ort" ist unparteiisch im tiejsten und weitesten Sinne des Wortes, d. h. Menschen verschiedener sozialpolitischer Richtungen könnet, ihm angehören und sich an seiner Arbeit beteiligen. Die einzige Forderung, die „Ort" an seine Mitglieder stellen kann und sie auch tatsächlich stellt ist ledighch Uebereinstimmung mit Ziel und Ausgabe, Bereitschaft zur Mitarbeit, ohne im Rahmen der „Ort"-Organisation ihre besonderen partei-politischen Ziele zu verfolgen. Außerhalb der „Ort"- Organisation dagegen haben die Mitglieder volle Freiheit nach ihren parteipolitische,! Ueberzeugnngen zu handeln, wofür „Ort" nicht die geringste Verantwortung trägt. Weiterhin ist es nicht Sache des „Ort" zu untersuchen, wie seine Mitglieder ihre allgemeine Weltanschauung und politische Ueberzeugung mit den „Ort"-Jdeen in vollen Einklang zu bringen versuchen.! Es ist auch natürlich, daß politische Gegner, die bei „Ort" in gemeinsamer solidarischer Arbeit vereinigt sind, beieinander gewisse Widersprüche zwischen ihrer Beziehung zu „Ort" und dem parteipolitischen Glaubensbekenntnis herausfinden werden. So beschuldigen z. B. Zionisten ein assimilatorisch eingestelltes „Ort"-Mitglied der Inkonsequenz, weil es einerseits gegen die nationale Ideologie kämpft, andererseits eine Organisation unterstützt, deren Tätigkeit objektiv allgemein nationaler Wert und Bedeutung zukommt. Tie Antizionisten dagegen sind geneigt, Widersprüche in der „Ort"-Tätigkeit der Zionisten insofern zu erblicken, als sie den Galuth negieren, allem, was hier geschaffen wird, Tauerwert absprechen und dabei eine Organisation fördern, die bestrebt ist, die jüdischen Galuth-Positionen zu befestigen. Ter „Ort" als solcher kann aber diese „Anschuldigungen" keineswegs prüfen und beurteilen, in welchem Ausmaße sie richtig oder falsch, begründet oder grundlos sind nnd kann in keinem. Falle zu ihnen Stellung nehmen. Ties nicht nur aus dem Grund, weil er sich nicht das höchste Richteramt bet politischen Streitigkeiten und ideologischen Gegensätzen anmaßt, sondern ist „Ort" ganz gleichgültig, aus welchen Wegen, geraden oder ungeraden, dieses oder jenes Mitglied zur Ueberzeugung von der großen Bedeutung der „Ort"-Ausgaben gekommen ist und auf wAche Weise bei ihm der Entschluß gereist ist, in die Reihen von „Ort" zu treten und sich an dessen Arbeit zu beteiligen. Denn schließlich „wer kennt den Weg des Geistes?" Was äußerlich als Widerspruch und Inkonsequenz erscheint, verbindet sich gar häufig in der Tiefe der menschlichen Seele zn voller psychologischer Einheit und harmonischer Ganzheit. Für „Ort" kann also ausschließlich der Grad der Hingabe seiner Mitglieder an die „Ort"-Jdeen und die Opserfrcudigkeit für die ^.Ort ' Arbeit maßgebend sein. Tas ist für ihn das einzig annehmbare Kriterium. Außerhalb des „Ort" hat jedes Mitglied, w,e schon gesagt, völlige Freiheit, nach seinem sozialpolitischen Gewissen zu handeln und keiner hat das Recht, „Ort" die geringste Verantwortung für die politischen Handlungen seiner Mitglieder außerhalb der Organisation auszubürden. Diesen klaren und einfachen Gedanken, der eigentlich keine Meinungsverschiedenheiten in den „Ort"-Reihen Hervorrufen sollte, müssen wir jetzt besonders betonen, vor allem im Zusammenhang mit der „Erklärung deutscher Juden", zu deren Unterzeichnern auch einige angesehene Repräsentanten des deutschen „Ort" gehörten. Diese Aktion hat den schärfsten Protest im zionistischen Lager hervorgernfen. Obwohl die Aktion zu „Ort" nicht die geringste Beziehung nnd mit der „Ort"-Tätigkeit der betreffenden Persönlichkeiten gar keine Verbindung hatte, wurde doch in einigen Zeitungen versucht, „Ort" eine gewisse Haftung dafür aufzubürden. Ter Vorsitzende der zionistischen Organisation in Deutschland, Herr Kurt Blumenseld, hat es sogar aus diesem Grunde für nötig gefunden, aus der Zentralverwaltung des „Ort"-Verbandes auMtreten. Wir müssen kategorisch erklären, daß eine solche Einstellung zum „Ort" schädlich ist und das Grundprinzip oer Parteilosigkeit untergräbt, - und von vornherein abzulchnen ist. Wenn man nur den Gedanken auffommen läßt, daß „Ort" über die politischen Handlungen seiner Mitglieder außerhalb der „Ort"-Organisation ein Wort zu sprechen, und die Pflicht zu billigen oder zu verurteilen habe, wurde es das Ende der Unparteilichkeit von „Ort" bedeuten. Das muß unvermeidlich dazu führen, daß der „Ort" mit Haut und Haaren in das dichte Gestrüpp von Parteikämpfen und Gegensätzen hineingezogen wird, was den Organisations-Ausbau des „Ort" völlig zerstören und seine ganze Arbeit untergraben roürde. Jene „Ort"-Mitglieder, die politischen Parteien an gehören, müssen besonders streng darüber wachen, daß der neutrale Charakter des „Ort" unbedingt gewahrt bleibe und darauf bestehen, außerhalb des „Ort" durchaus frei mrd ungebunden in ihren politischen Handlungei! zu sein, die nicht im geringsten Ausmaße aus Konto des „Ort" gehen dürfen. Natürlich müssen sie diese politische Freiheit nicht nur für sich, sondern auch für ihre politischen Gegner fordern. Aus den? Gesagten folgt, daß die Mitglieder im Nähmen des „Ort" Toleranz und Duldsamkeit dem politischen Gegner gegenüber üben müssen und bei gemeinsamer Arbeit nicht aus die parteipolitische Zugehörigkeit des anderen achten dürfen, sondern stets nur auf seine Treue und Hingabe an „Ort" und den Nutzen, den er der Organisation bringt. personenstandsstatistik der Synagogengememde Stettin Von I. P e i s e r, Sekretär der Synagogen-Gemeinde Stettin. Die nachstehenden Ausführungen über die Per innenstandsvcrhältnisse der Steitincr Gemeinde werden auch über den engen Kreis der Fachleute auf dem Ge biete der Statistik hinaus Interesse beanspruchen dürim. Es ist bedauerlich, daß nur sehr wenige jüdische Gemeinden derartige Staiistiten besonders in der hier genau spezifizierten Weise führen. Wir hoffen, daß die Veröffentlichung weilere Gemeinden zur Nacheiferung anregcn wird. Die Red. In der Februarnummer des seit Ende vorigen Jahres neu erscheinenden Stettiner Gemeindeblatts wurde zum ersten Mal eine Personenstandsstatistik unserer Gemeinde veröffentlicht. Statistische Aufstellungen haben zwar ihren größten Wert durch die Vergleichsmöglichkeit mit gleichartigen Ta-! bellen aus den Vorjahren, doch bestehen solche leider hier j nicht. Erst seit kurzem hat die Gemeindeverwaltung eine j fortlaufend zu führende Personenstatistik in Angriff genom! men. Immerhin bietet auch die jetzt vorliegende Tabelle noch! genügend Beachtenswertes und Interessantes: j Bei den am 1. Januar 1930 gezählten insgesamt 2701 J Gemeindemitgliedern sehen wir zunächst einen ganz normalen Altersaufbaus Das Jahrfünft 1910—1911 weist lvß Jngenoliche aus, wogegen die 9 Kriegs- und Nachkriegsjahre 101« bis 1923 nur 254 Jugendliche zählen. In den solgerrden 6 Jahren 1924—1929 steigt aber die Zahl der Jugendlichen schon wieder auf 189. Während nun in der allgeineinen Bevölkerungsstatistik des Deutschen Reichs auf 1000 Män»er 1300 Frauen kommen, sehen wir in unserer Gemeinde insofern günstigere Zahlen, als diese ans 1304 männlichen und 1387 weiblichen Personen besteht. Sicht man weiter die heiratsfähigen Jahrgänge an, so gestaltet sich das Verhältnis noch weit günstiger: In den Jahrgängen 1890—1899 stehen 77 led. Männern nur 48 Mädchen gegenüber, in den Jahrgängen 1900—1904 stehen 85 led. Männern nur 45 Mädchen gegenüber, , in den Jahrgängen 1905 -1909 stehen 79 led. Männern nur 51 Mädchen gegenüber. Die Heiratschaneen der Mädchen sind also in Stemn - wenigstens theoretisch — außerordentlich günstig. Vielfach ist von' Statistikern die Behauptung ausgestellt worden, daß bei Mischehen eine aufsallend große Zahl kinderlos bleibe. Aus unserer Statistik ergibt sich, daß dies auch für die Stettiner Gemeinde zutrifft: Hierzu sei zunächst festgestellt, daß von unseren insgesamt 657 Ehe.! 84 Mischehen sind 12,7 Von den 536 reinjüdischen Ehen (die 35 Ehen Uebergetretener sind hier nicht mitgezählt) sind 87 kinderlos, also 16 v Dagegen sind nun von 59 Ehen jüd. Männer mit nichtjüd. Frauen 22, also 37 % kinderlos, von 25 Ehen nichtjüd. Männer mit jüd. Frauen 11, also 44 o/o kinderlos. Insgesamt ergibt dies bei 84 Mischehen 33 kinderlose, d. h. zirka 40 <yo. Die Gründe für diesen hohen Prozentsatz mögen die mannigfachsten, zumeist wahrscheinlich sozialer Art sein, am häufigsten ist die Ursache aber wohl die, daß die Ehegatten fürchten, bei eintretendem Kindersegen werde durch die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses der Frieden in der Familie leiden. Hierfür spricht die Tatsache, daß bei denjenigen Ehen, wo zwar auch einer der Ehegatten ursprünglich andersgläubig war, aber bei der Verheiratung zum Judentum übergetreten ist, der Prozentsatz der kinderlosen Ehen erheblich niedriger ist: Von den 7 Ehen, in welchen der Mann zum Judentum übertrat, ist überhaupt keine kinderlos; von den 28 Ehen, wo die Frau den Ucbertritt vollzogen hat, nur 4, also 14,3 °/o. Von diesen insgesamt 35 Ehen sind daher bloß 4 kinderlos, d. h. nur 11,5 »«l (Gegen 16 <»/<» bei den rein-jüdischen Ehen.) Trotzdem werden von den insgesamt 55 Kindern aus den letztgenannten Ehen, die ja nach außen hin nicht als Mischehen erscheinen, noch 7 Kinder religionslos erzogen. Dagegen ist dieser Prozentsatz naturgemäß bedeutend höher bei den Ehen, in welchen einer der Ehegatten nichtjüdisch geblieben ist: Von den 74 Kindern aus diesen Ehen werden 47 nichtjüdisch erzogen 63,5 <>/* — ein Beweis, welch großer Teil unseres Nachwuchses durch die Mischehe dem Judentum verloren geht. Ob sich unsere Gemeinde gegen früher vergrößert oder verkleinert hat, läßt sich durch das Fehlen jeder Statistik aus früheren Jahren leider nicht zahlenmäßig korrekt Nachweisen. Man nimmt an, daß sie sich - hauptsächlich durch Zuzug - ungefähr immer auf gleicher Höhe erhalten hat. Für das Jahr 1929 soll hier noch die Anzahl der Geburten und Todesfälle aufgeführt werden: Den 22 Geburten (19 Knaben. 12 Mädchen) - d. h. 8 Geburten aus je 1009 Das jüdische Amerika Von Herbert P h i l i p p s t h a l. „Zu welcher ungeahnten Blüte das Judentum in Ame rika gelangt ist und wie es in seiner Entwickelung beständig fortschreitet, beweist am besten die Tatsache, daß in New Bork und den Vororten beinahe 3000 Tempel, Synagogen, Bethäuser und Privatminjamin bestehen. Auch die schwarzen Juden besitzen ein eigenes Gotteshaus." Die Judenheit der ganzen Welt blickt nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die an Zahl der Juden und an Reichtum eine führende Stellung einnehmen. Das Wachstum der gesamten und der jüdischen Bevölkerung steht ohne Vergleich da. Noch im Jahre 1818 lebten in dem gewaltigen Territorium der Union nur 3000, im Jahre 1927 dagegen 4 228 029 Inden. Dieser Vorgang erklärt sich allein aus einer Immigration, die die größte der jüdischen Geschichte überhaupt darstellt. Meistens lassen sich die Einwanderer jüdischen Glaubens in New 2)oick nieder. „Es gibt Stadtteile, in welchen die christliche Bevölkerung unter der jüdischen Masse verschwindet, und aus vielen Gegenden haben die Inden nicht nur die eingewanderten, sondern auch die eingeborenen Christen „verdrängt". Aber die nichtjüdische Bevölkerung sieht darin kein „Verbrechen", und sie betrachtet den Hergang als eine natür liche Entwickelung." Die jiddische Sprache ist unter den 1765000 Inden New Borks dominierend. Jeder dritte New Norker ist jüdischer Konfession. Dreißig Prozent aller Inden der Vereinigten Staaten wohnen in New?)orf. Die Einwanderung nach der Union zeigt eine unregelmäßige Kurve. Solange keine einschränkenden Bestimmungen bestairden, hing sie von dem polittschen Druck ab, der aus der jüdischen Bevölkerung Europas lastete. Die Pogromjahre zeitigen eine Masseneinwanderung. Dies ersieht man auch aus folgender Aufstellung, in der ich wegen Mangels an Raum 5 Jahre immer zusammen gefaßt habe: Jüdische Einwanderung 1881—1929. Jahrfünft 1881—1885 1886—1890 1891—1895 1896—1900 1901-1905 Jüdische Einwanderer 98 243 289 299 440 737 232605 428135 Jahrfünft 1906—1910 1911—1915 1916—1920 1921—1925 1926—1929 Jüdische Einwanderer 548 128 437 696 53 469 282 560 46 891 insgesamt 1489019 insgesamt 1 368 744 In der Zeit von 1881 bis zum Jahre 1929 beläuft sich die jüdische Einwanderung auf 2857 763 Köpfe. Wir können zum Vergleich Groß-Berlin anführen, das ungefähr 4 Millionen Einwohner zählt. Welch Leid, welch Unglück verkündet schweigend die Millionenzisfer und welch Erlösung vom physischen und natürlichen Druck brachte das freie Amerika. Nunmehr ist die Einwanderung stark eingedämmt. Die neuen Quoten, die für die Immigration richtunggebend find, gehen auf die sogenannte RassenursprungAlausel zurück, die Rußland und Polen verhältnismäßig wenig berücksichtigt. Die wandernden Juden müssen sich anderen Ländern zuwenden. Betrachten wir nun eingehender die Ergebnisse der jüdischen Volkszählung ans dem Jahr 1927, die von the American Jewish Committee veranstaltet wurde. Ihr haften alle Mängel derartiger privater Untersuchungen an. Denn es fehlt ja der staatliche Zwang zur Beantwortung gewünschter Fragen. Amerika ist zwar das Land der Statistik, in dem auch die breite Masse von dem Wert dieser Wissenschaft überzeugt ist. Gleichwohl muß man mit einer gewissen Skepsis die Angaben aufnehmen und die Ergebnisse prüfen. Die statistischen Zählungen der amerikanischen Juden werden übrigens in zehnjährigem Abstande seit dem Jahre 1897^ veranstalt et, wodurch langjährige praktische Erfahrungen gesammelt werden konnten, was der Genauigkeit sehr dienlich sein kann. Das auffallendste Merkmal der Juden in den Vereinigten Staaten beruht aus ihrer überwiegenden Konzentration in den Großstädten. Wie in Europa. Man berechnet, daß die Juden 11,11 Prozent der Gesamtbevölkerung der Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern bilden, dagegen nur 3,11 Prozent der Orte von 100000 —25 000 und 1,61 Prozent der Orte von 25 000—10000 Einwohnern. Tie Durchschnittsdichte der Juden beläuft sich aus 0,48 Prozent auf dem Lande, aus 1,37 Prozent in den Städten insgesamt. Die folgende Tabelle veranschaulicht das Gesagte. Verteilung auf Stadt nnd Land. Einwohner Gesamtbevölkerung Juden!N (1920) (1927) Prozenten Städte über 100 000 31 988 375 3 553 600 11,11 Städte 100000—25 000 12 191173 378862 3,11 Städte 25 000—10 000 6 942 742 111 742 1,61 Städte 10 000—5 000 4 997 794 41855 0,84 Städte 5 000—2 500 1593963 32 370 0,71 Dörfer unter 2500 8 969 241 43513 0,48 Plattes Land 42 436 776 66 087 0,15 In den 5 Städten New Aork mit 1 765 000, Chikags mit 325 000, Philadelphia mit 270 000, Boston mit 90008 und Cleveland mit 85 000 Juden wohnen 57 Prozent aller amerikanischen Juden, in allen 68 Städten des Kontinents mit über 100000 Einwohnern befinden sich 84 Prozent von ihnen. Die Zusammenballung der Juden in den Großstädten übt in jeder- Hinsicht eine bedeutsame Wirkung ans. Ich denke an die im Vergleich mit den ländlichen Distrikten geringere Geburtenrate und an die Mischehen. Ueber Fruchtbarkeit und Mischehen fehlt jede brauchbare Untersuchung. Wenn beispielsweise Dr. Jacobs im Jahre 1914 auf 1008 Juden eine Geburtenziffer von 35 und eine Sterblichkeit von 15 feststellte, muß sicherlich die Geburtenrate, wie auch Liensield meint, als ein Phantasiegebilde angesehen werden. Auch unter Berücksichttgung der jüdischen Volkszählungen der Jahre 1917 und 1927 und der Einwanderung jüdischer Menschen von 32 746 in der Zeit vom Januar 1918 bis zum Dezember 1927 halte ich eine Schätzung der Gebnrtenrate nebst Sterblichkeit (man müßte natürlich auch die vollkommen unbekannten Aus- und Eintrittsziffern in und aus dem Judentum in Betracht ziehen) für unmöglich. Amerika ist zu groß. Die Unterschiede zwischen Nord und Süd, Ost und West sind zu gewaltig. Schätzungen im Hinblick auf die Bevölkerungsvorgänge beanspruchen keinen Wert.