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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-03-05 · 10 (5.3.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
10 (5.3.1930)
Date
1930-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MMMeraleZellmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. Redokteur-. Benno wo yd0. tteVerrintgung für da» liberale Judentum fibernlmmf nnc ftir diejenigen Anfsühe, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in ihrem Aufträge versaht gekennzeichnet find, die Verantworiung. Me andere« Artikel. Aeuherungeu und Vorschlüge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die ^Jüdisch-liberale Leitungerscheint jede« Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SV 11. Hallesche Str. 1 Fernruf: Vergmann LASS, 335S II Nachdruck sämtlicher Original-Leiträge Postscheckkonto: Berlin NW 7, 1370öS nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum) \\_Redaktion gestattet._ Lezugsprei» durch die Geschäftsstelle '/Ehrlich W. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung L Inland &30 Für die MtgÜeder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Witglledsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Nonpareillezeile&45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedi». Nr. 10 Berlin. 5. Mörz 1930 10. Jahrgang Zur Mlschaflsküse Tie Kurve der deutschen Arbeitslosigteit halt bei etwa drei Millionen Arbeitslosen. Von ihnen ist ungefähr eine halbe Million bereits solange arbeitslos, daß sie weder von der Arbeitslosen-Versicherung nvch von der Krisenfürsorge ersaßt wird, sondern der allgemeinen Wohlfahrt zur Last fällt Drei Millionen Arbeitslose! Das bedeutet, daß Zeder zehnte deutsche Arbeiter oder Angestellte aus dem Werte schaffenden Leben der Gegenwart ausgeschaltet ist, bedeutet für drei Millionen Menschen und deren Angehörigen neben materieller Not ein Zuschandenwerden des Glaubens, ein Zweifeln, oft gar ein Verzweifeln an dem Sinn des Lebens. Und neben der Not der Arbeitslosen besteht die oft kaum geringere Not der Beschäftigten. Die Steuerstatistik des Deutschen Reiches werft etwa 23 Millionen Sreuerpflichtige auf, bei denen die Einkommensteuer in Form des Steuerabzugs vonr Arbeitslohn vorgenommen wird. lieber zehn Millionen dieser Arbeitnehmer müssen unbesteuert bleiben, weil ihr Jahreseinkommen den Betrag von 1200 RM. nicht überschreitet. Bei dem Rest beträgt das Turchschnittsjahreseinkommen nach Abzug der Werbungskosten und Sonderleistungen 1651 RM. Kann da überraschen, was der Arbeiterdichter Alfons Petz old, den Lebensnot bis ins Obdachlosenasyl drückte, bevor Freunde ihn erretteten, in die Worte kleidete: Sie schaffen abertausend Gegenstände. Sie machen viele Tinge stark und groß; Doch ist nicht Gott im Regen ihrer Hände Und was von ihnen kommt, ist seelenlos. Und ein Schritt nur, und wir halten bei der Not der Selbständigen, bei der besonderen Not des sogenannten Mittelstandes. Vielleicht ist die seelische Not dieser Kreise am größten. Menschen sehen hier, daß die Wirtschastscntwicklung sie zermalmen muß; doch sie fühleu sich nach dem Werdegang ihres Lebens ohnmächtig, können die Umstellung, die erforderlich wäre, nicht bewirkeii. Ob das nun Privat- Vankiers sind oder Textilgrossisten, ob es sich um Inhaber von Ladengeschäften handelt ober um Vertreter. Sie alle bangen vor dem morgigen Tag mit feinen neuen Sorgen, seinen neuen Rationalisierungsplänen, seinen neuen Kouzernbildungen, mit seiner neuen Gefahr für die Ausschaltung des Mittelstandes. Und auch hier bewirkt die Not des Tages oft ein Zuschandenwerden des Glaubens, ein Zweifeln oder gar Verzweifeln an dem Sinn des Lebens. Tie Menschen beginnen zu resignieren. Dumps wird ihre Welt. Ter Idealismus schwand aus ihr, der Materialismus brachte Hoffnungen, die nicht Wirklichkeit wurden, schuf statt Steigerung des Lebensglücks Seelenödc. Ein neuer Lebensrhythmus entsteht: geformt aus dem Hasten und Treiben einer desillusionierten Welt. Nirgends mei.r Stabilität. Existenzen werden vernichtet. Existenzen entstehen. Projekte tauchen auf, versinken ins Nichts. Hier fallen Schranken, dort werden sie errichtet. Die Technik erweckt neues Hoffen. Und das Ergebnis? Ter Mensch schafft die Technik, doch die Technik vernichtet den Menschen. Organisation wird das Leitmotiv des Lebens, hinter ihm hat der Mensch zurückzustehen. Das ist die Bilanz: Eine Welt der Not, in der der Frohsinn erstorben ist. Mag die Not auch oft durch Spektakel oder Schein verdeckt werden, hinter der Kulisse wird sie um so deutlicher sichtbar. Noch schweigen die Religionen zu diesen Nöten des Alltags. Doch hier und da regt es sich schon. Man denke an die katholische Aktion oder an die christliche Weltkirchenkonferenz in Stockholm. Auch das Judentum wird, will es seinen Platz, im Leben seiner Bekenner behaupten, sich aus das ernsteste mit der Meisterung oder Linderung der Lebensnot befassen müssen. Das Judentum ganz besonders, da es ja Tatverwinlichung im Diesseits nicht Glaubensseligkeit des Jenseits will. Jahrhunderte sahen die Religionen ihre Aufgabe darin, den leidenden Menschen Mut und Kraft zum Tragen ihres Leids zu geben. Man hielt es für die Aufgabe der Religionen, die Blickrichtung des leidenden Menschen von der Erde zum Himmel zu wenden, auf sein Bürgerrecht im Reiche Gottes zu verweisen. Doch auch der Aufgabenkreis der Religionen unterliegt Wandlungen. Wieder wie vor Jahrtausenden muß in unseren Tagen die Religion ihre wesentliche Aufgabe in der Durchdringung von Welt und Leben mit religiösem Geist erkennen. Religion wird wieder tämpfen müssen für das Bürgerrecht Gottes im Reiche des Diesseits. So ist es erfreulich, wenn die Wirtschaftskrise dmr verantwortlichen Gremien der Judenheit in Deutschland Veranlassung zum Nachdemen über Abhiftemaßnahmen gibt. Nur sollte man nicht denken, irgend etwas speziell für die Juden in Deutschland erreichen zu können. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hatte in der vergangenen Woche zu einer Aussprache itfier Maßnahmen zur Bekamp,ung der Erwerbslosigkeit jüdischer Arbeitnehmer eingeladen. Das einleitende 'Referat war Professor Georg Bernhard übertragen ,der neben einer Schilderung der allgemeinen Wirtschaftskrise auf die Umstände verwies, die eine besondere Schädigung jüdischer Wirtschaftsfcüroren im Gefolge haben. Da ist zunächst die Boykott- Bewegung, die als Folge der verstärkten nationalsozialistischen Bewegung mit der Parole „Kauft nichts bei Juden" die deutsche Wirtschaft sanieren zu können glaubt. Es war erfreulich, daß Professor Bernhard mit aller Entschiedenheit davor warnte, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und nun die Boykottdrohung für jüdische Kreise in die Forderung „Kaust nur bei Juden" umzuwandcln. Es ist gewiß, daß läufig jüdischen Arbeitnehmern dadurch, daß wichtige Stellen als Personalchefs o. dgl. in antisemitischen Händen sind, noch besondere Nachteile erwachsen. Gegen alle derartigen Beeinträchtigungen gibt es nur eine aufbauende Arbeit: den Kampf für die Gesundung der deutschen Volksseele. Nichts wird erreicht durch irgend welche Demonstrationen und Programme, die neuerdings von allen möglichen jüdischen Gemeindeführern und Instanzen entworfen werden. Diese sind mitunter vielleicht ein Trogst, an den sich Ertrinkende für ganz kurze Zeit noch zu klammern vermögen, aber ganz bestimmt lein Rettungsmittel. Daß in der Arbeit, die auf diesem Gebiete notwendig ist und zu Ergebnissen führen könnte, mehr von Gemeinden geleistet werden kann als von privaten Organisationen, insbesondere etwa von dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sollte eigentlich schlechterdings kein ernsthafter Mensch, der die Schwerfälligkeit eines behördlich wirkenden Apparates kennt, behaupten dürfen. Diese Erkenntnis soll gewiß nicht etwa rechtfertigen, daß die Gemeinden sich den Verpflichtungen entziehen, die auch ihnen aus der Krise erwachsen. Bei der erwähnten Aussprache hat Direktor Dc. Wilhelm Kleemann m sachlicher wohl abgewogener Weise dargestellt, welche Verbindung ztvischen der Wirtschaftskrise und der jüdischen Gemeinde gegeben sind. Einerseits sinken den Steuereingänge, andererseits stergen 'die Bedürfnisse für das Wohtfahrtswesen, das in diesem Jahr in der Berliner Jüdischen Gemeinde 30<>/ö des Etats, also 3,5 Millionen Mark erfordert. Tie Berliner Gemeinde trägt den Notwendigkeiten Rechnung, neben dem Ausbau ihres Unterst ützungs.vesens, insbesondere dadurch, daß den gefährdeten selbständigen Existenzen durch Kreditkassen Darlehen gewährt werden und durch den Ausbau ihres Arbeitsnachweises. Tie Erfahrungen auf beiden Gebieten sind günstig: 90°/0 der Darlehen werden zurückgezahlt, vom jüdischen Arbeitsnachweis wurden 1929 5 900 Arbeitsplätze zugewiesen. Da die historisch zu erklärende Berussschichtung die Judenheit unter der Wirtschaftskrise besonders stark leiden lassen muß, so muß natürlich auch dem Problem einer Berussumschichtung bei den Juden das Augenmerk zugewandt werden. Das darf freilich nicht durch die Aufstellung von Projekten geschehen, die sich in der Theorie ganz gut ausnehmen mögen, in der Praxis für die Allgemeinheit aber aus finanziellen, psychologischen und sonstigen Gründen ohne Bedeutung sein müssen. Wenn aus diesem Gebiet taffächlich etwas geleistet werden kann, so nur durch eine zweckentsprechende Berufsberatung; es ist erforderlich, daß der Arbeitsnachweis bereits erfolgreich in diesem Sinne wirkt. In der Aussprache zeigten insbesondere die Darlegungen der Herren Georg Tietz, Manes, Jacobowitz und Moritz Rosenthal, wie schwierig das zu behandelnde Problem gelagett ist. Tie Aussprache hatte so für alle verantwortungsbewußten Teilnehmer wohl als Ergebnis neben einigen Vorschlägen, die Beachtung verdienen, auch wenn es sich bei ihnen nur um Palliativmittel handelt, die Erkenntnis, daß bei der Behebung der Notlage wohlgemeinte aber unüberlegte Schritte oft nicht unerheblichen Schaden stiften können. Es soll gewiß nicht verkannt werden, daß in Einzelfällen zur Zurückweisung antisemitischer Uebergciffe von jüdischer Seite Sondermoßnahmen erforderlich sind. Was da am zweckmäßigsten zu geschehen hat, wird der C.B. auf Grund seiner Ett^hrungen am besten wissen. Das Kernproblem wird durch derartige Einzelfälle nicht tangiert. Zu seiner Lösung ist Voraussetzung die Erkenntnis, daß der jüdische Arbeitnehmer Deutschlands verbunoen ijt der Gesamtheit der Arbeitnehmer Deutschlands. Wird die Wirtschaftskrise des deutschen Volkes behoben sein, so wird sich die Wirtschaftsnot der deutschen Juden der Vergangenheit an gehören. Tie Ausgabe, die vom Standpuntt des Judentums aus zu lösen ist, kann deshalb schon aus praktischen Erwägungen heraus, nicht in einer Speziallösung für die I irden liegen. Was not tut und zwar vom Standpunkt der Wirtschaft ebenso wie auch vom Ltanopunlt der Religio,i und des Judentums aus, das ist die Ueberwindung des Egoismus in der Wirtschaft, bei der das einzelne Wirtschastsglied nickst über den eigenen Horizont hinaus zu denken vermag. Pro-- fessor Bernhard streifte diese Frage durch seine Forderung rrach einer synthetischen Wirtschaftsauffassung, in der wieder erkannt wird, daß der Arbeitnehmer zugleich auch Konsument ist und daß gutbezahlte Arbeit kaufkräftige Konsumenten schasst. Daß andererseits der Angestellte, der tüchtig ist und vorwärts will, wieder das Wissen in sich trägt, daß er nur vorwärts kommen kann, wenn auch das Unternehmen, dem er dient, vorwärts kommt. Hier sind Ansätze. Was vom religiösen Standpunkt aus gefordert werden muß das ist die Beseitigung des Zwiespalts zwischen Wirklichkeit und Geist, die Ueberbrückung der Kluft zwischen dem als göttlich-gewollt Erkannten und dem menschlich Geschaffenen. Tie Religion muß die Wirtschaft wieder zum Objekt ihrer Betrachtungen machen, muß sie mit ihren«: Geiste zu durchtränken versuchen. Sie kann und soll keine Entscheidung für irgend ein Wirtschaftssystem treffen, sie muß das Gewissen aller Wirffchaftssysteme sein. Der Omnipotenz der Wirtschaftsmächte und den oft nur zu einseitigen Forderungen der Schaffenden wird die Religion wieder die Kraft des nach Lebensharmonie strebenden Gottgeistes überzuordnen haben. Tie Tendenz des religiösen Handelns - freilich nur die Tendenz - wird erneut aus den Grundlehren des Judentums abgeleitet werden können. Was einst mit der Ein-- richtung des Sabbat, mit dem Gesetz des Schuldenerlasses im siebenten Jahr, mit dem Gesetz des Jobeljähres erstrebt wurde: soziale Ungleichheit auszugleichen, Möglichkeit zu Neuaufftieg zu gewähren, das muß wieder Geltung erlangen. Selbstverständlich in neuer Form, in neuer Ausprägung, die den Geist der alten Gesetze über den Buchstaben stellt. Was not tut, ist, daß die Religion wieder in Beziehung mit den Mtagsnöten gesetzt wird. Tie Religion muß die Wirtschaftsmächtigen wieder lehren, daß jede wirtschaftliche Tätigkeit als gesellschaftliche Funktion zu betrachten ist, daß für den Wert des Handelns nicht der private Nutzen Einzelner, sondern der Gemeinnützen bestimmend zu sein hat. Gegenüber der Entpersönlichung der Wittschaft, die Paul Zech einmal mit dem Wort gekennzeichnet -hat: „Stahl wird Zins und Kohle Wertpapier", muß die Religion für die Erhaltung des Persönlichkeitsgeistes in der Wirffchast kämpfen, dafür auch, daß Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder erkennen, daß sie nicht nur als Wirtschaftsobsekte verhandeln dürfen, sondern als Mitmenschen, als Seelenträger. Tie Religion wird helfen müssen, das Gefühl der ökonomischen Unfreiheit, das heute die Werkfreudc der Arbeitnehmer beeinträchtigt, zu überwinden, und die Ausfassung wieder zur Geltung zu bringen, daß auch das Schaffen Gottesdienst ist. Würde eine derartige Auffassung im Wirtschaftsleben wieder zur Geltung kommen, so würden viele Schwierigkeiten alsbald behoben werden. Nicht mehr wäre es möglich, daß Angestellte, die einmal aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschieden sind, in diesen nicht mehr eingeordnet werden können, wenn sie ein Alter von 40 Jahren erreicht haben. Und andererseits wären bei der Arbeitslosenversicherung Fälle undenkbar, in denen gewissenlose, mißbräuchliche Ausnutzung durch einzelne der Gesamtheit der Arbeitnehmer zur Last fallen. Schon diese beiden Beispiele für zwei aktuelle Fragen zeigen den Mangel eines Gewissens im Wirtschaftsleben der Gegenwart. Im Reich wird gerungen um einen Ausbau der Arbeitslosenversicherung, der weiterhin die Gewährung einer notdürftigen Hilfe für die gewährleisten soll, denen die Volksgemeinschaft keine Möglichkeit zum eigenen Arbeitsverdienst beläßt. Sieht man die Debatten, die in der Oeffentlichkeit ausgetragen werden, so hat man nicht selten die Empfindung, daß die Sorge um die Beschäftigten stärker gewertet wird als die Verpflichtung gegenüber den Erwerbslosen. Würde heute wenigstens in den Kreisen der Reliaionsgemeinden wieder aktiver religiöser Wille lebendig sein, so würden hier durch Zwangsumlagen oder ähnliche Mittel zur Linderung der allernächsten und nicht sogleich durch Wirtschaftsumschichtung zu behebenden Not gewonnen werden. Der' religiöse Kreis würde beispielgebend für die Allgemeinheit wirken, dem Leben und der Religion dienen, den Opferwillen der Gesamtheit, von dem vorläufig noch nichts zu spüren ist, entfachen. Erreicht werden würde durch die Neugestaltung des Wech* selverhaltnisses von Religion und Wirtschaft aber noch weit mehr: Die Ueberwindung der Krisen, die nachgerade zu einer Tauerkrankheit der Menschheit werden, durch die Neuerweckung eines Kollektivbewußtseins. Bruno Woyda.

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