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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-26 · 9 (26.2.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
9 (26.2.1930)
Date
1930-02-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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wohner Fuldas und auch auswärtige Freund«' de» Entschlafenen teilnahmen, gedachten Provinzialradbiner Tr. Cahn und Borstel-cr Tr. .Herz der Verdienste des um die Entwicklung der Fuldaer Ge meinde bemühten, in allen Bevölkerungskreisen geachteten Mannes. Hannover. (Entzündung von Feuerwerkskörpcri! in der Synagoge während des Gottesdienstes., In der letzten Zeit 'sind mehrfach abends und nachts am israelitischen. Verwaltungshause zu Hannover — wie von dort telegraphiert wird — Fensterscheiben zertrümmert worden. Kürzlich wurde auch der Gottesdienst in der Synagoge dadurch erheblich gestört, daß im Vorraum ein Fencrtverkskörper zur Entzündung gebracht wurde. Tie Tat wird drei Burschen zugeschrieben, die Schülermützen trugen. Man nimmt an, daß in diesen Umtrieben die starke nationalsozialistische Agitation an den höheren Schulen zur Auswirkung kommt. Das Polizeipräsidium hat zur Feststellung der Täter 300 Mark Belohnung ausgesctzl. Köln. (Ol egen A u s s ch r e i b u n g v o n N e u w a h l e n. > Wie zu erwarten war, haben die Gegner des Frauenwahlrechtes Protest bei der Behörde erhoben gegen de» Beschluß der Repräsentanz, Neuwahlen vor Beendigung der Legislaturperiode auszuschrciben. Die Initiative zum Protest haben die orthodoxe» Mitglieder der zionistischen Volkspartei ergriffen, ihnen schlossen sich die Konservativen an. Man darf annehme», daß die Behörde über den Protest zur Tagesordnung übergehen ivird. Tie Spaltungstendenzen innerhalb der Volkspartei scheinen so stark zu sein, daß ein ferneres Zusammengehen der orthodoxen und liberalen Zionisten ausgeschlossen erscheint. Köln. (E > » n e n e r Chefarzt i in A s Y l. Die durch cn'ii Heimgang des San. Rats Cahen sreigewvrdene Stelle des Chef arztes der chirurgische» Abteilung im Israelitischen Asyl ist wieder besetzt. Cahens Nachfolger ivird der bisherige Oberarzt am Augusta Hospital Tr. Roseuoiv. .Königsberg. (A u s d e in I u d c i, l u in a n s g e f ch i c d e »., Ter vor kurzem zum Rechtsanivalt am Reichsgericht ernannte Justizrat Meurrmviv, bisher Rechtsanivalt am Oberlandesgericht in Königs berg, ist noch vor seiner Uebersiedclung nach Leipzig aus dem Judentum ausgeschieden. Offenbar will Me.yervwitz in Leipzig, tvo -r der einzige jüdische Anivall am Reichsgericht geivesen wäre, nicht mit dem ..Makel belastet sein", Jude zu sein. Jir Königs borg, >vo Herr Mcyervlvip eine größere jüdische Klientel hatte, erschien es ihm nicht praktiscb, aus dem Judentnm ausznscheiden Hier hatte er lediglich seine Kinder taufen lassen. Leipzig. (G c in e i n d e s i tz u n g. Am 10. d. 3)t. fand eine Gemeiiidesitzung stall. Vor Eintritt in die Tagesordnung begrüßte der Vorsitzende den an Stelle des ausgrschicdcnen Herrn Grosz liberal neu eingetreleiien Gemeindeverordileten Tr. Plaut (liberal). Als erster Punkt stand ans der Tagesordnung die Wahl der vcr ichiebeneil Ausschüsse, für die der in der vorigen Sitzung gewählte Aeltestenausschnß Vorschläge gemacht hatte. Ter Vorsitzende wies im Verlauf der Erörterungen darauf hin, daß man nur die notwendigsten Ausgaben machen lvolle. Obgleich in diesem Jahre die Gemeinde > nmagoge ihr 7'» jähriges 'Bestehen feiere, habe der Vorstand davon Abstand geiioinineil, eine Instandsetzung des Synagogengebäudes, die -bringend erforderlich fei, zu empfehlen, da dies die finanzielle Lage oer Gemeinde im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gestatte. Tr. Picir towsli «jüdische Volkspartei^ richtete an den Vorstand eine Anfrage wegen einer dem Verein Ohel Jacob gehörenden orthodoxen Synagoge. Tie Cryaltung dieser iverde täglich schwieriger, so daß der Verein nicht die Garantie übernehmen kann, daß sie bestehen bleibe. Ta die Gemeinde keine orthodoxe Gemeindesynagoge habe, so sei hier die Möglichkeit gegeben, auch in kaufmännisch vertretbarer Weise eine solche zu erwerben. Ter Vorsitzende bemerkte hierzu, daß dem Vorstand ein diesbezügliches Angebot.unterbreitet ivordcir sei, mit dein man sich bereits eingehend beschäftigt habe. lieber diesen Gegenstand iei eine Denkschrift ansgearbeitet worden, die den Vertretern der Gemeinde in den nächste» Tagen zugehen iverde. Schon heute könne aber gesagt werden, daß eine llebernahme der Synagoge nicht empfohlen werden könne, da sie für eine orthodoxe Gcmcindeshnagoge nicht geeignet erscheine. Rach einer kurzen Aussprache wurde bc ichlosien, die Tenkschrist abzuwartcn. Ter Gegenstand ivird auf sie Tagesordnung der nächsten Sitzung gestellt werden. Magdeburg. (Killt und Form-, Hier findet gegenwärtig eine Ausstellung „Kult und Form" statt, an deren Zustaudekomincu auch die Kuiistsainiulung der Berliner Indischen Gemeinde milge ivirkt hat. In einer interessanten Abteilung ivird das Kultgerät des jüdischen Glaubens in seinen charakteristischen Formen gezeigt. Ilm die Entwicklung des Formgedankens dieses Kultgeräts überzeugend i» zeigen, sind hier auch besonders schöne alte Stücke zur Schau ge stellt. Wir finden wie bei den anderen Konfessionen hier auch ein sehr starkes Wollen, eine zeitgemäße Lösung für die kultischen Ge räle und de» Kultbau zu schaffen. Die Synagogcnbauten, die Pläne Ser neuen Berliner Synagoge in der Klopstockstraße der bekannten Berliner Arckiitekten Nachtlicht und Harry Rosenthal zeigen ganz neue Wege der baulichen Gestaltung, ebenso die nenen Friedhossan lagen von Erich Mendelsohn. Mannheim. (Persönliches. Am l. März begehr Verival lungsdirektor Schorsch sein 2e>jähriges Amtsjubiläum im Dienst der Israelitischen Gemeinde. Durch Arbcitsfrcudigleit und ausgezeichnete Sachkenntnis hat der Jubilar seine Obliegenheiten stets zur größten Zufriedenheit der gesamten jüdischen Bevölkerung erfüllt und dank seines zuvorkommenden Wesens überall viele Sympa lhicn erworben. Dem rührigen Sachwalter der Gemcindcangelegen - beiten ivird es an seinem Ehrentage an mancherlei Kundgebungen des Tankes und der Anerkennung nicht fehlen. München. (Ter Etat der G c m e i n d c.) In der Etats iitznng der gemeindlichen Körperschaften am 10. Februar wurde der Gesamtctat mit einer Endsumme von 6-16 320 RM. angenommen Neuß. (Jubiläum.) Prediger und Lehrer L. Nußbaum beg:n.g sein 25 jähriges Ortsjubiläum und war aus diesem Anlaß Gegenstand zahlreicher Ehrungen und Aufmerksamkeiten. Norden. (Todesfall., Im betagten Alter voll 70 Jahren ist oer frühere Vorsteher unserer Gemeinde, Herr. S. W. Wolfs, nach kurzem Leiden verschieden. Mehr als 40 Jahre bekleidete der Entschlafene das Amt des Gemeindeoberhauptes, und in selbstloser, aufopferungsvoller Weise vertrat er die ihm anvcrtrauten Inter essen mit seltenem. Geschick und sichtbaren Erfolgen. Tie dankbare Gemeinde wird das Andenken des geachteten und hilfsbereiten Füh rers allezeit in gutem Andenken behalten. Nürnberg. (Todesfall.) Einer der besten Männer.der jüdiichcn Gemeinde, Herr Fabrikdirektor Adolf Jacobowitz, wurde am 17. d. M., noch in den besten Jahren stehend, unter enormer Beteiligung zu Grabe getragen. Er war ein vorbildlicher Kaufmann und ein vorbildlicher Jude, stets bereit zu helfen mit liebevollem wrzen, mrt mannhafter Tatkraft und offener Hand. Niemand sprach bei ihm vor, der Hilfe suchte, ohne beglückt und erhört zu werden. Als Direktor der Fahrradfabrik Mars-Werke nahm er eine führende «tellung in dieser Industrie und in der Handelswelt ein. Im Hansabund gehörte er zu den eifrigsten und kenntnisreichsten Vor standsmitgliedern. Neben seiner mühevollen und verantwortungs - reichen Tätigkeit als Direktor eines großen Jndnstricwerkes war er stets für die Aufgaben des Judentums und der Nächstenliebe zu haben. Im Armennnterstützungsvcrein und im jüdisch-liberalen Gc-- meindevercin bekleidete er das Amt eines Schatzmeisters in tatkräftiger und erfolgreicher Weise. Herr Rabbiner Dr/ Freudenthal, der dem Verstorbenen freundschaftlich nahe stand, zeichnete in warmen Worten ein wunderbares Bild des edlen und vornehmen Menschen. Besonders hervorzuheben verdient der Umstand, daß Direktor Jacobowitz außerordentlich fürsorglich war, wenn es galt Menschen unter zubringen, welche Unglück im Leben hatten. Für die Jakob Herzloge sprach der Präsident Herr prakt. Arzt Dr. Mosbacher, daß der Verstorbene ganz besorGers der Ordensdevise folgend, „Wohltätigkeit, Bruderliebe und Eintracht" sein Leben eingestellt habe. Für den Aufsichtsrat der Mars Fahrradwerke sprach Herr Kommerzienrat Dr. Kohn, für die Fahrradindustrie die Herren Geheimrat Sachs und Fabrikdirektor Karl Marschütz. Auch der „Heimatverein der Schlesier", dem der Verblichene als Ehrenmitglied angehörte, kam an der Bahre zu Wort. Durch all die zahlreichen Ansprachen klang das hohe Lied der Liebe, »vclchc der Verstorbene in reichem Maße ausgestreut, sowie die hohe Verehrung, deren er sich mit Recht in allen Kreisen und bei allen Konfessionen zu erfreuen hatte. Ehre seinem Auge denken! Eondershausen. (Goldene .Hochzeit.) Das Ehepaar Hermann Redelmcier und Frau Rosalie, geb. Lehmann, beging am 24. Februar das Fest der goldenen .Hochzeit. Der Schwager des Jubelpaars, Dr. M. Spanier, Magdeburg, vollzog die Einsegnung. Herr Hermann Redclmeier >var viele Jahre Vorsitzender des Vor standes der jüdischen Gemeinde. UlM. (Konzert der vereinigten S y n a g o g e n ch ö r c Ulm Lauphei m.« Worte und Töne führen die Menschen zu sammcn. Dies hat sich auch gezeigt und bewährt bei dem Konzert der vereinigten Synagogenchöre Ulm Laupheim, das auf Anregung von Bezirksrabbincr Dr. Cohn vor kurzem im Ulmer Kasinosaal stattgefundeu hat. Ter erste Teil der Vortragsfolgc setzte sich aus fynagogalen Darbietungen zusammen: im zweiten Teil fanden ins besondere Gesänge weltlicher Art Berücksichtigung. Chöre und Solis wurden von den zahlreich anwesenden Zuhörern aus Ulm und Laup heim mit großem Beifall entgcgengcnommen. Die Vertreter beider Gemeinden, Rechtsanwalt Gump und Oberlehrer Kahn, gaben ihrer Freude und Befriedigung über diese gelungene Veranstaltung mit lebhaften Worten des Dankes nachhaltigen Ausdruck. Rabbiner Tr. Cohn hob ganz besonders hervor, daß es für sämtliche Mitwirkeiiden viel Mühe, Zeit und Arbeit gekostet hat, um dieses Gemeiudefest im wahrsten Sinne des Wortes zu Stande zu bringen. Wenn dadurch das schon längst bestehende innige Freundschaftsverhältnis zivischcn Ulm und Laupheim noch eine Stärkung erfahren hat und weiierhüi in allen Kreisen unserer Gemeinschaft werbend für eine Vermehrung der Mitglieder in den Synagogenchörcn ivirkt, so darf dies als schätzenswerter Erfolg für eine gute Sache bezeichnet werden. -- Tie gesamte musikalische Leitung lag in den .Händen des Organisten und Musiklehrers Adolf Kern Ulm. Ter Lauphcimer Chor wird in ganz vortrefflicher Weise von seinem unermüdlichen', wohlverdientem Dirigenten Simon L. Steiner geleitet. Fran A. Dreifuß, Mitglied des Ulmer Chores, überreichte als äußeres Zeichen der Verehrung und Anerkennung den beiden Dirigenten und Solistinnen wertvolle Angebinde. Für die große, nachahmenswerte Bereitlvilligkeit des Israelitischen Vorsteheramts Ulm, das bei freiem Eintritt zu dieser Veranstaltung den ganzen Kostenaufwand übernahm, fand Frau Dreifuß herzliche Worte des Dankes. Mit einem Tanzvergnügen wurde der geuußrciche und gemütliche Abend beendet. ★ Dortmund. (3. Tiskussi o II s a b e II d n b e r I » den! u rn n II d E h r i st e II t II IN. lieber den Jeitseitsglanbrn im Judentum und Christentum sprach im letzten Dislussioiisabeiid Rabbiner Tr. Wilhelm in unserer Ortsgruppe. — Gestützt auf genaueste Keiintnis der schwierigen Materie, verstand es der Redner, den Abend zu rincin äußerst interessanten und anregende» zu gestalte». — Während sich Naturwissenschaft und Medizin kaum uni den Tod kümiiierleii, belassen sich Dichter. Philosophen, Künstler, besonders aber die Religion niil dem Problem des Todes. Nach Anschauung christlicher Bibelkritiker negiert das alte Testa ment den Jensei-tsglauben, ihnen zufolge trete der Gedanke des Fortlebens nach dem Tode erst im neuen Testament und im tu! »indischen Schrifttum auf. — Oftmals wird die Vision des Pro pheten Ezechiel, ähnlich wie bei Jesaja und Daniel, als Ausgangs Punkt für ein Forllcbeii nach dem Tode genommen und doch sind es nur Bilder für das nutergcgaiigeire jüdische Volk, für das ein Neiierwachen erträuml wird. — Ter jüdische Genius der Bibel prägte den Begriff „fcki'aul" — Tiefe: das aber mehr bedeutet als den Begriff der (Kruft. — Hiob und Kaheleth zweifeln tvohl ani Fortleben nach dem Tode, aber dann ringt sich bei beiden die Erkenntnis durch: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt". „Ich iverde Gott schauen" und „Ter Staub kehrt zur Erde zurück, von der er genommen, der Geist aber zu Gott, der ihn gegeben". — Tröstend auch die Worte des Psalms „michdam ldowid", den wir im Traucrhaus sprechen und Psalm 73, den Buber an Rosenzwcigs Grab gelesen. — Die Bibel setzt den Unsterblichkeitsgcdanken voraus, leugnet ihn nicht, benutzt ihn aber nicht, um die Hofsnuug zu erwecken, das künftige Leben entschädige für Leiden in dieser Welt. Ganz anders die Einstellung des Christenlums. — Es benutzt diesen Gedanken zur Lösung der sozialen Frage. — In das Diesseits flutet eine Fülle von Wonne und Glückseligkeit vom Jenseits. — Man kann nicht Gott und Mammon zugleich dienen. Ans der Arninl strömt die Wonne des .Himmelreichs. — Ter Glaube an Jesus bringt ewige Glückseligkeit. — Neben den Seligen aber die ewig Verdammten, auf denen im Augenblick des Todes nicht gesühnte, schwere Schind ruhte. — Darum legt die Kirche ganz besonderes Gelvicht auf letzte Oclung und letzte Beichte. — Nach dem Tode des Gerechten die Vereinigung mit Gott zur ewigen Glückseligkeit, aber diese gedacht mit irdischen Begriffen. — Teilhaftig ivird, loer an das Dogma der Auferstehung glaubt. — Während das alte Testament keinen Dualismus kennt, prägt das Christentum jenen von .Himmel und Hölle, von Teufel und Engel. Wohl findet sich im ersten Kapitel Hiobs der Begriff „Soton", aber er ist nicht der '-.Gegenspieler Gottes, sondern ihm uiiterworfen. — Im rabbinischen Schrifttum dagegen begegnen wir ebenfalls beiden Begriffen, dem „gehinom" und dem „gan eben", der .Hölle und dem Paradies. — Später aber tritt dieser Dualismus zurück und es bildet sich der neue Begriff des „aulom habo" und „l'osid lowau" „der zukünftigen Welt". — Jan jüdischen Messiasglauben strömten die Begriffe von ewigem Leben und ewiger Zeit zusammen. — Auch das Christentum hat diesen Begriff der ewigen Zeit, aber sie findet sich nur im Jenseits. — „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." — Der Jude aber spricht im Kaddifch von dieser Welt als dem Platz des messianischen Reiches, das durch die Kraft der Buße und Versöhnung bewirkt wird. — Es ^st nicht auf uns Juden beschränkt: Der Talmud spricht aus: Tie Frommen aller Völker haben Anteil am künftigen Leben, am Reich des Messias. Die Versammlung dankt dem Redner für seine gehaltvollen Ausführungen mit starkem Beifall. Hierauf gab uns Konrektor a. D. Em. Goldschmidt einen äußerst fesselnden und anschaulichen Bericht der Breslauer Tagung: sein starker persönlicher Eindruck ließ auch uns dieselbe zum per sönlichen Erlebnis werden. — Auch ihm dankten die zahlreich Er schienen mit reichem Beifall. Frankfurt a. M. (Generalversammlung des Frei sinnigen Vereins.) In der am 12. Februar ds. Js. stattgefundenen Generalversammlung des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindelebcn E. V., Frankfurt a. Main, wurden folgende Herren in den engeren Vorstand gewählt: Sanitätsrat Dr. A. Etlv linger, Vorsitzender, Dr. Richard Merzbach, stellvertretender Vorsitzender, Richard Schottcnfels, Schriftführer, Emil Carl Oppenheimer, stellvertretender Schriftführer, Albert Cohen, Kassenführer, Simon Mayer, stellvertretender Kassenführer. Alle Zuschriften werden an Herrn Richard Schottensels, Parkstraße 55, Zeppelin 53274, erbeten. Anschließend an die Generalversammlung fand im Rahmen des von diesem Verein veranstalteten Bezirksabend ein Vortrag von Frau Stephanie Forchheimer statt, mit dem Thema: „Gemeinde und Wohlfahrtspflege". Der Bortrag, der sich eines außerordentlich starken Besuchs er-- freute, berührte ein Thema, welches leider ganz besonders aktuell ist und womit zu befassen uns allen am Herzen liegt. Die Reserentin gab in knapper und anschaulicher Weise ein Bild über die Geschichte und Entwicklung des Wohlfahrtswescns, unter besonderer Berücksichtigung der Frankfurter Gemeinde und schilderte dann in ausgezeichneter Weise die gegenwärtigen Wohlfahrtseinrichtungen, deren Einteilung und Arbeitsplan ausführlich erläutert wurde. Die Referentin schloß ihren sehr anschaulichen und außerordentlich beifällig ausgenommenen Vortrag mit einem Appell an die Anwesenden und an die Allgemeinheit, dem außerordentlich großen Elend, das durch die gegenwärtige schwierige Wirtschaftslage her-- Aus der Bewegung vorgcrufen ist, nach Möglichkeit, jeder nach seiner Kraft, zu steuern. An den Vortrag schloß sich eine anregende Diskussion, 'in welcher eine Reihe von Rednern Vorschläge machten, um der großen Not nach Möglichkeit entgegenzutreten. Auch die Ausführungen der Diskussionsredner fanden bei der zahlreichen Zuhörerschaft ein ungeteiltes Interesse. Der Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. Ettlinger, schloß den Abend, indem er den Wunsch zum Ausdruck brachte, daß die gemachten Anregungen recht gute Erfolge zeitigen möchten. Als nächste Bezirksveranstaltung ist ein Vortrag im Stadtteil Bockenhcim vorgesehen. Referent: Rechtsanwalt Dr. Merzbach mit dem Thema: „Liberalismus in der Gemeinde". Hamburg. (Auftakt zur G c m e i n d e w a h l.) Im Versammlungssaal des „Klinker" hatte sich eine größere Anzahl religiös - liberaler Männer und Frauen zu einer Beratung über die Vorbereitung der Neuwahl zum Repräsentanten Kollegium, die am 23. März stattfindet, zusammcngefunden. Dr. Paul Tentler leitete die Versammlung. — Er sagte u. a.: Tie auszuwählenden Bewerber für die Vertretung in der Gemeinde müssen fünf Eigenschaften haben: Sie müssen liberal, arbcitsfrcndig, sozial eingestellt, aufrechte Juden sein und ein jüdisches Herz besitzen. D. Münden, Mitglied des Repräsciitanten-Kollegiums, hielt das Referat. — Ter Redner beschränkte sich auf die Fragen, die unmittelbar mit der bevorstehenden Wahl in Beziehung stehen. Er zeigte die Krästeverteilring innerhalb der Gemeindeverwaltung und erläuterte ihre Auswirkungen. Er erklärte die Wahltechnik und tvies darauf hin, daß die Zahl der Wahlberechtigten seit 1925 sich von 7000 auf 14000 erhöht hat. — Er schlägt die Bildung eines Wahlkomitees vor. In den geschäftSführendcn Ausschuß tvurden ge ivählt: Dr. Trentlrr, Sidonie Werner, Henry Chassel, D. Münden, Tr. Scherbel, Dr. Helmuth Nathan, Frau Jacques Wütow und in die Unterausschüsse eine große Anzahl von Männern und Frauen. Eine anregende Aussprache, an der sich Männer und Frauen beteiligten, zeigte das ernste Interesse, das die liberalen Kreise an der Gemeindeverwaltung nehmen. Mannheim. Am IN. 2. sprach in der hiesigen Ortsgruppe der Liberalen Vereinigung Herr Generalsekretär Goctz über Verlauf und Ergebnisse der Breslauer Tagung. Cr beschränkte sich hierbei nicht aufs Referieren, sondern nahm auch kritisch Stellung zu den ein zelnen Referaten, Diskussionsreden und Anträgen, stets unter dem Gesichtspunkte der Ansprüche der Gegenivart an die liberale Organi sation. Außerordentlich stark war das Interesse, das der Redner unter den Anwesenden zu erwecken verstand. So brachten die Herren Liebermensch, Tr. Jesclsvhn, Prof. Dr. Billigheimer, Dr. Bachert, Stiesel ihre Einwendungen oder ihr Einverständnis zum Ausdruck. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage nach dem Verhältnis von Liberalismus und Zionismus. Als der Vorsitzende, Justizrat Tr. Apvel, gegen Mitterneichi die Versammlung schloß, konnte er mit Genugtuung feststcllen, daß der jüngste Gestaltuiigswille in den Kreisen der Liberalen noch lebendig ist und daß eine religiöse liberale Grund anschauiiilg ein einigendes Band um alle Mitglieder schließt. BÜCHERSCHAU ★ Jüdische Märchen und Sagen dem Midrasch nacherzählt von Lina Wagner-Tauber. Verlag von W. Kaufmann, Leipzig 1930. Man soll das Buch den jüdischen Kindern zu Belehrung und Unterhaitun«- in die Hand geben, trotzdem die Erzählungen nicht alle gleichwertig sind. Was soll ein Kind denken, wenn in dem Märchen „Rabbi Elieser“ der Vater, der bis dahin Grund hatte mit seinen Söhnen zufrieden zu sein und von ihnen sprach, daß sie alle tüchtige Bauern seien, keine Arbeit zu gering für sie, auf dem Felde Knechte und im Hause Herren, wenn er diese auf einmal enterbt, da er einen yon ihnen als großen Gelehrten wiederfindet und zu ihm spricht: „Du allein sollst nur der Erbe meines ganzen, großen Reichtums werden!“ Ein ungerechter Vater, ein Grauen für die kindliche Seele. Auch würde ich Worte, Ausdrücke, Begriffe wie „Gaume 1 benschen“, „aufrufen“, „Mizwaus“, ja sogar das Wort „Chaser“, wenn cs schon dastehen muß, gerne übersetzt oder erklärt sehen. Vielleicht bedürfen es die Kinder der Verfasserin, denen das Buch gewidmet ist, nicht; einer Unzahl von jüdischen Kindern aber ist die Bedeutung dieser Worte gewiß fremd. Im ganzen ist jedoch den Erzählungen Kiudertümlichkeit nachzurühmen. Hie Bilder sind aus dem kindlichen Gedankenkreis genominen, so wenn etwa von einer armen Frau gesagt ist, sie hielt ihre Kleinen so schmuck und sauber, „daß alle Leute, die vorübergingen, sie mit blankgeriebenen Aepfeln verglichen“. Sie schöpfen auf eine einfache Art und mit schöner Selbstverständlichkeit aus den Begriffsmöglichkeiten der Kinder, so daß man sogar zuweilen leise an die kindlich-orientalisch-traumhaft-dichterbunte Märchenhaftigkeit eines Lasker-Schülers erinnert wird. Es muß z. B. ein Kind tröstlich anmuten, daß sogar der liebe Gott manchmal nicht ganz allein weiß, was er tun soll und sich von der „Barmherzigkeit“ beraten läßt in dem Märchen: „Die Erschaffung des ersten Menschen“. Und so wie Gott sich beraten läßt, so läßt sich auch der Ehemann von seiner Frau die Wege weisen, und zwar daun, wenn es sich um die Kunst der Menschenbchandlung handelt in „Nikanor, der Kupferschmied“. Am bedeutsamsten vielleicht ist die kleine Erzählung: „Simchas Thora“. Darin wird erzählt, es habe kein Volk der Erde das schwere Gesetz an nehmen wollen, bis zuletzt die Israeliten es bedingungslos taten; bedingungslos, ohne zu wissen, was darin stand, „denn es ist von Gott dem allmächtigen Vater“. Da fragt jedoch der Engel: ,,Wer bürgt mir, daß Jhr das Gesetz halten werdet?“ Israel antwortet: „Unsere Väter“. Der Engel spricht: „Das genügt nicht.“ „Nun, dann die Propheten.“ „Auch diese genügen mir nicht“, erwidert der Engel. Da spricht Israel: „Unsere Kinder werden dafür bürgen.“ — Und darum tragen die Kinder an Simchas Thora im Triumph die Thora in der Synagoge herum — als Bürgen des Gesetzes. Giern. Krämer. München. Ludwig Lewisohrt: Das Erbe im Blut. Roman. Paul List Verlag. Leipzig 1929. 311 8. Uebersetzt von Gustav Meyrink. Das ganze Buch kennt nur einen Gedanken: ,Assimilation des Juden ist nicht möglich, werdet „fromm“/ Es gibt die Geschichte einer Familie, die von Wilna über Insterburg und Berlin nach Amerika kommt und überall auf Antisemitismus stößt. Meiner Meinung nach nur deshalb, weil sie ihn in jeder Handlung und jeder Aeußerung eines Andersgläubigen wittert. Spielhagen weist in seinen „Problematischen Naturen“ zur Begriffsbestimmung dieser Menschen aiif das Wort Goethes hin: „Es sind solche, denen keine Lage genug ist und, die keiner Lage gewachsen sind.“ Dies gilt durchweg von den Personen des Romans. Sie sind Typen, aber nicht typisch. Ueberraschend ist für den Nichtkenner die Stärke des Antisemitismus in den Vereinigten Staaten, wie ihn der — amerikanische -- Verfasser schildert. Aber auch hier müssen Zweifel auftauchen, da insoweit schon die Erlebnisse in Insterburg und Berlin, welche wir besser beurteilen können, stark gefärbt erscheinen. In dem zweiten Teil des Buches ist viel von Freud und Adler die Rede. Es hält schwer, den Eindruck loszuwerden, daß dem. Verfasser nur darum zu tun. war, seine nationaljüdischen Gedanken kundzutun und sich gleichzeitig für Freud und Adler einzusetzen. Diese Kopplung ist dem Roman als Kunstwerk schädlich geworden. Es fehlt die letzte Feilung. Da aber Lewisohti immerhin Dichter ist, und die aufgeworfenen Fragen belangreich genug sind, lohnt sich die Lektüre. Amtsgerichtsrat Walther Michaelis.

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