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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-26 · 9 (26.2.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
9 (26.2.1930)
Date
1930-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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nehmen gegen „diese" Welt für die Welt, ivic sie sein soll. Sie ist eine Schule für die Welt, eine iveltliche Schule, die gottlos zu nennen nur Bosheit oder Unverstand zu Wege bringt." Da ihm Migion nicht ein Kulturgut neben anderen ist, sondern Quelle der Kultur, wendet er sich auch entschieden gegen die Gemeinschaftsschule. „Sie ist nicht unreligiös. Und Loch ist ihr Religion nicht eine Flut, die das gesamte Leben, alles mit sich reißend, übcrschtvemmt. Wie kann sie sonst in vollem Ernste meinen, daß sich ein Mensch, der ganz erfüllt ist von dem Werte seiner Kon fession, genügen lassen könnte mit ein Paar von allen andern Fächern abtrennbaren Stunden zur Pflege des religiösen Sinns in der betenntnishaften Sonderart! Als menn die Konfession ein Etwas wäre, das wie ein Stück ans übrige Verhalten eines Menschen anzukitten lväre und nicht ein Etlvas, welches das ge samte religiöse Wesen eines Menschen oder einer Spanne Zeit zum Ausdruck bringt in Wort und Brauch. Als ivenn je ein Bekenntnis einen echten Wert im Busen trüge, das nicht mit seiner Glut, den Menschen rund nmlohte! Als wenn in einem Mcyschen, dessen Lebensgänzc von Religion durchweht ist, sür ein bckenntnishaftes Sonderdasein noch irgend»»» ein Winkel läge uuausgefüllt vom religiösen Geist! Als wenn die Konfession, die ivirklich atmet, ei» andres wäre als geprägte Eigenart religiöser Haltung!" Klar umschreibt er die verschiedenen Schulmöglichkeiten und unzweideutig entscheidet er sich sür die letzte: „Drei Möglichkeiten, das Verhältnis „Schule und Religion" zu lösen, sind gegeben. Wir können uns entscheiden für die Schule, die vom religiösen Geiste unberührt ist. Wir können zweitens eine Schule ivollen, in der zwar die Religion geachtet wird, in der sie aber keine andre Rolle spielt als Griechisch oder als Chemie, in der sie Fach ist neben Fach, kein Radius, der um des Kreises Mittelpunkt gedreht die Scheibe schüfe für die Fächerfülle, sie bleibt in dieser Schule abstoßbar und ivürdc, ivenn sie fehlte, nichts im Kern verändern; denn was hat Länderkunde, also fragt man, mit Religion zu tun? Worauf es ankommt, hat dagegen klipp erfaßt die dritte Schule, die Bekenntnisschule. Ihr ist Religion ein Etwas, in das alles, rvas die Achulc schasst, getaucht ist. Religio» ist ihr Zentralmacht. Ihr sind nicht die im Stundenplan Religion genannten Stunde» allein Wegweiser sür des Kindes Herz zu Gott. Ihr liegt an einem religionserfüllten Unterricht und nicht nur am Religionsunterricht." Das parlamentat'ischc Leben Deutschlands hat einen regen Ministerwechsel im Gefolge. Nur zu oft wandeln sich Auffassungen mit dem Maß der übernommenen Verantwortung. Deshalb ist gleich falsch, Minister mit Vorschuß-Lorbeeren zu begrüßen und mit Mißtrauen zu empfangen. Erst ihre Taten dürfen ihre Richter sein. Was der jetzige Kultusminister Grimme denkt und erstrebt, wurde vorstehend auf Grund seiner eigenen Aeußerungen zu skizzieren versucht. Ob und wie er das Erstrebte zu verwirklichen in der Lage sein wird, kann erst die Zukunft erweisen. Sein Wollen verdient gewiß Beachtung aller religiösen Menschen, mag mali ihm im Einzelnen zustimmen oder nicht. Für Freund und Gegner muß es von Interesse sein, ob und wie es ihm möglich sein wird, die stammverwandten Begriffe Kultus und Kultur in einem höheren Sinne wieder in Einklang zu bringen. Vorgehens. Die ehrenamtlich tätigen freiwilligen Helfer lnüssen mit den sachlich ausgebildeten BerufsarLeitern Hand in Hand gehen, alle Zweige der Wohlfahrtspflege müssen konzentrisch und in Uebereinstimmung miteinander Vorgehen, um das soziale Uckbel an der Wurzel zu packen. In seiner Schtußan-sprache hat in meiner Vertretung Dr. Lamm die Grundsätze, die die Wohlfahrtspflege heute zu befolgen hat, in drei Punkten zusammengefaßt: Gemeinsamkeit aller Kräfte, Vereinfachung des Verfahrens, B e r si t tl ich u ng des Gedankens. 3. Gemeinsamkeit aller. Kräfte! Sie kann nur auf eine Weise erreicht werden: Alle in Berlin wirkenden jüdische^ Wohlsahrtsvereine und Anstalten treten zusammen, um in gemeinsamer Beratung das weite, allzu weite Feld der sozialen. Fürsorge unter sich zu verteilen. Hierbei muß mit eiserner Konsequenz der Grundsatz durchgeführt werden, daß nur die Institutionen eine moralische Existenzberechtigung habett, die eigene und gesicherte Mittel besitzen und auf einem besonderen Gebiete spezialisiert sind. Die Vereine, die sich ausschließlich der Blinden- oder Taubstummen oder Krüppel oder Kinder¬ oder Tuberkulosefürsorge oder einem anderen Spezialgebiet widmen, sollen und müssen bestehen bleiben und gefördert werden, memt sie im Besitze eigener Mittel sind. Aber cs braucht auf jedem Gebiet nur einen Verein zu geben. Alle anderen Vereine — sofern sie nicht an private Stiftungen gebunden sind — werden vor die Wahl gestellt, sich entweder mit einem der großen, bestehenbleibenden zu vereinigen oder sich einem fehlenden Zwecke zuzuwenden, oder aber ihre Tätigkeit zu rattonalisteren, indem sie lediglich Unterstützungen in Form von Geld oder Sachen ausbringen. Die ans diese Weise in engen Zusammenhang stehenden Institutionen müssen z» einer gemeinsamen Wirtschastsfiihrung kommen, sei es, daß die längst erstrebte, vollständige, gemeinsame „Planwirtschaft" durchgeführt wird, sei es, daß man nur eine Einkaufszentrale begründet. Jedenfalls ist Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit das Ziel, Vergeudung und Verschlvendung das zu Beseitigende. Tie Durchführung dieses Planes wird viel Selbstüberwindung kosten, liebgewordene Gewohnheiten und manche kleine Eitelkeiten stehen der Einordnung in ein großes Ganzes entgegen. Aber ist es nicht der Sinn der Wohlfahrtspflege, Opfer zu bringen? 4. Rabbiner Dr.- Baeck hat beim sünsulidzwanzigjährigeu Jubiläum der Toynbeehalle auf das Uebermaß von Organisationen hingewiesen. Die Berliner Chronik des „Israelitischen Familienblattes" bemerkt hierzu: „So wie die Verwaltung die beste ist, in der Klarheit und Einfachheit Grundsätze sind, so wird auch die Wohlfahrtspflege die beste sein, die mit einem Minimum von Organisatorischen, ein Höchstmaß von Leistungen erzielt." Um dieses Ideal zu erreichen, ist es aber unbedingt erforderlich, die vi-elzuviclcn Vereine anderen Zwecken dienstbar zu machen oder zu beseitigen. Es ist ferner erforderlich, die wilden Sammlungen und diejenigen, die in der Regel der Oeffentlichkeit ihre Rechenschaftsberichte und Abrechnungen vorzuenthalten pflegen, zu bekämpfen. Es werden Unsummen ausgegeben für Verwaltungen und für sogcucuintc Wyhtät igkeirsveranstattu ngen. Vom moralischen Wert der Tanzfeste und Tanztees garnicht zu sprechen, es genügt, daß solche Veranstaltungen Geld kosten. Es kommt immer wieder vor, daß Veranstaltungen mit hervorragendem Programm und mit geschenkten Tombolagewinnen gerade noch aus ihre Kosten kommen, für den eigentlichen Zweck aber, für die Unterstützung der Armen,, nichts bleibt. Tie alterwichtigste Forderung aber, die im Interesse der Vereinfachung des Verfahrens zu erheben ist, heißt ^Vorsicht bei Neugründungen! W i r m ü s s e n die dringende Bitte an alle unsere Prominenten, die des Geistes und die der Wirtschaft, richten, ihre Namen nicht jedem Verein iznd jedem Ausruf herzugeben, sondern zuerst zu prüfen und nochmals zu prüfen. Es gibt oielerlei Prüsungs Wische Wohlfahrtspflege von Eugen Laspary Ter Leiter der Zeiurniivohlsahrtsstelle der deutschen Zuden und des Wohlsahrisaintes der Berliner Jüdi scheu (vemeinde, Herr Eugen Laspary, befindet sich zur Wiederherstellung seiner Gesundheit seit längerer Zeit ans einem Erholungsurlaub. Er hat in diesem Monat ans Konstanz de» nachstehenden Brief versandt, der uns freundlicher Weise zur Veröffentlichung übergeben worden ist. Wir stellen die Ausführungen von Herrn Laspary gern zur Diskussion und glauben, daß eine Befolgung der darin gemachten Vorschläge nicht ohne Rußen sein wird. Tie Red. l. Bodenseelandschaft! Frei schweift der Blick über die glitzernden Wellen, südlich milder blauer Himmel sieht auf die rotgeziogelten grauen Häuslein, die sich an die Berghänge schmiegen dürfen wie die Kinder an die Mutter. .Hinter dem grünen Gewoge erheben sich majestätisch in ewiger Schön heit die Häupter der Hvchgebirgswelt. lieber Nacht vcr wandelt Schneefall die milde Herbstlandschaft. Wie von Dia manten funkelt das blendende Weiß unter dein strahlenden Blau des Himmels. Scheinwerfern gleich schicken sich die Anhänge des milchweißen Zuges der Berge ihre Lichter zu. Abends, wenn der glühende Sonnenball in die Schneehaldeu des Gebirges zu versinken scheint, funkeln, strahlen und erglänzen in allen Farben die Milliarden Kristalle, während der ruhige See wie ein riesiger tiefdunkeler Edelstein liegt. „Beatus alle, qui procul negotiis..." Dankbar und wünsch los genießt man in Wochen, >vas ein Leben rastloser Tätig teil bis heute nie gewährte: Ruhe und Einsamkeit, Traum und Erinnerung. Aber es scheint, man hat das Recht auf Beschaulichkeit verwirkt, wenn man ein Leben läng, geär beitet hat. Dann geht es einem man mag machen, was man will wie dem Wucherer Alfius des guten alten Horaz. Man glaubt, geruht und garuichts getan zu haben, man hat sich der Landschaft und der köstlichen Stille über lassen, Nervosität und Müdigkeit der Großstadt fallen ab, man blickt mit neuen Augen in die schöne Welt, und siehe da: in den Wochen der Erholung ist ein neuer Plan gereift! Die Arbeit ruft mit neuem Ziel. Man bemerkt, man hat in den Wochen der Erholung nicht bloß die Landschaft in sich ausgenommen, sondern hat auch einen politischen Anschauungsunterricht bekommen. „Verständigung" hieß das Thema! Schwaben, Bayern und Bade ner, Oesterreicher und Schweizer, Juden und Christen leben um den Bodensee herum. Und man braucht sich nur einige Zeit hier aufzuhalten, um zu bemerken, daß über die poti tischen und religiösen Grenzen hinweg eine ideale Freund schuft die Menschen der verschiedenen Länder und Kulturen verbindet. Einigung und Zusammenschluß, das oft variierte Thema, das lange propagierte Ziel unserer Wohlfahrtspflege sind in den Wochen der Idylle in die reife Form eines unmittelbar ausführbaren praktischen Organisativnsplaues er wachsen. Schon unser Vortragszyklus diesen Winter brachte den überall vorhandenen ernsten Willen zur Gemeinsamkeit in der jüdischen Wohlfahrtspflege zum Ausdruck. Drei Insu tutionen haben ihn veranstaltet, neben dem WohlfahrlS und Jugendfürsorgeamt der Gemeinde noch die Jüdische Alters und'die Jüdische Kinderhilfe, und nahezu alte Redner wäre,! in dein Wunsche nach Vereinheitlichung der Wvhifahrts pslege einig. Durch die sachlichen Ausführungen, durch Auf klärungsarbeit und Raterteitung klang dieser Wunsch als Unterton hindurch. Tie .Herreu Dr. Lamm und Tr. Olten dorff haben in ihren Referaten Sinn und Absicht der ganzen Veranstaltung formuliert und damit die sachliche Not Wendigkeit des Einigungsgedankeus begründet. Das Ziel aller modernen Fürsorge- und Wohlfahrtsarbeit ist. wie Siddy Wronsky zuerst ausgesprochen hat, die F a m i l i e n s ü r sorge. Soziale Fürsorge ist zwecklos, wenn sie Symptom behandlung ist. Das Augenmerk ist auf die Behandlung des Gesamtkomplexes zu richten, in dem Bedürftigkeit ent stecht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit gemeinsamen Mütter und Söhne Bon S. M eise l s. Die Bibel hat für das erste Weib keinen ehrenvollern Namen gefunden als Chawwah, „Mutter altes Lebens". Denn die Vollendung der Frau ist die Mutter. Im talmudischen Schrifttum wird die Mutter „das Haus" geirannt. Ein herrliches Wort von tieferer Bedeutung! Die Mutter allein ist es, die das Haus schafft, das Heim, darin sich jcher, der das Bewußtsein des Kindseins in seiner Seele trägt, behaglich und geborgen, fühlt. Die moderne Anschauung, die die Frau als Objektivativu des Willens zur Liebe betrachtet, hat nur das Weib vor Augen, das Weib im Verhältnis zum Manne. Die Muttergestatt im Kreise ihrer Kinder ist davon wesentlich verschieden. Die Mutter ist eigentlich in eine höhere Rangordnung eingestellt. Die Frau mag ein Rätsel sein, die Mutter ist immer eine Offenbarung. Das Wesen der Frau ist schwer zu ergründen, und' die unverstandene Frau, eigentlich eine Erscheinung der modernen Zeit, hat cs wohl auch in frühern Epochen, vielleicht gar allezeit und überall gegeben. Aber nie und nimmer gab es unverstandene Mutter. Die Mutter versteht ein jeder, der in ihre gütigen Augen blickt, denn Muttcrs gütige Augen lehren das Verstehen. Die Mutter wird Zimmer deshalb verstanden, weil sic der Inbegriff der Offenherzigkeit ist, weit ihr Denken und Trachten, ihr Tun und Handeln aus der einzigen kristallhellen Quelle fließt: aus dem Mutterherzen. Die Mutter schafft eine Atmosphäre der natürlichen Schönheit um uns. Mau kann es begreifen,- daß die Mutter von jeher bei allen Kulturvölkern der Gegenstand besonderer Verehrung gewesen ist. Die Religion preist sie, die Poesie verherrlicht sie, der bildenden Kunst ist sie der Inbegriff alles Schönen. Das Bild der Frau wechselte im Laufe der Jahrhunderte. Mer nahezu unwandelbar im Wandel der Zeiten, beständig im Wechsel der Epochen erhielt sich die Gestalt der Mutter. Als Mutter greift das Weib ins Leben ein und wirkt auf das Leben befruchtend. Es dürfte kein Zufall sein, daß die bedeutenden Männer aller Jahrhunderte Muttersöhne waren. Wer das Verhältnis solcher Söhne zu ihren Müttern kennenlernen will - und es ist reizvoll, diesen Spuren nachzugehen — der greife nach dem Buche „Liebste Mutter", das im Ernst Rowohlt-Verlag in Berlin herausgekommen ist. Es ist dies eine (von Paul Elbogen zusammengestelltc) Sammlurrtz von Briefen berühmter Männer an chre Mütter, von Martin Luther bis Walther Rathenau. Aus diesen Briefen tritt uns Der neben der Gestalt der Mutter auch das! Charakterbild des Sohnes entgegen. Ob nun Marlin Luther „der tugendhaften. Frauen Margarethin Lutherin" schreibt > oder Goethe an „Frau Aja" oder Mozart an seine „Aller > liebste mamma" immer leuchtet aus diesen intimen Lebensäußeruugeu die Wesensgestalt des Sohnes wie der Mutter auf. Ganz wundervoll ist ein Brief Lessings an seine Mutter. Tie fromme Frau Pastorin hatte ihrem Sohne die bittersten Vorwürfe darüber gemacht, daß er sich in Leipzig vielzuviel mit Schauspielern, mit „Komödianten", abgebe. In seinem Antwortschreiben sucht Lessing sein Vor gehen nicht zu entschuldigen, sondern zu begründen. Und da fiubeti wir gleich einen Satz, der im besten Sinne lessingrsch ist. „Ich lernte einsehen", schreibt er, „die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meines gleichen." Als ein Seitenstück dazu erscheint ein Brief Gottfried Kellers an feine Mutter (vom 19. Oktober 1840), worin der Dichter die Verdächtigung, er gebe viel Geld aus, mit aller Eittschiedenheit zurnckweist. Interessant in dieser Briefsammlung ist folgende Feststellung: In der ganzen Reihe berühmter Männer ist No valis der erste, der in seinen Briefen an die Mutter das ver trauliche „Du" anwcndet. Die innige Du-Anrede gebrauchen Bismarck, Richard Wagner, Lenau, Mörike, Birchow, Joses Kainz und alle berühmten Söhne jüdischer Mütter. Hier aber, bei den Söhnen jüdischer Mütter, sind es ohne Ausnahme alle, die mit dem kameradschaftlichen herzlichen TZ ihre Mütter anreben. Das ist weniger für die berühmten Söhne, als für die jüdischen Mütter bezeichnend. Die Jüdin als Mutter, und mag sie sich dem Judentum entfremdet haben, bleibt immer dem altjüdischen Familiensinn verhaftet: aus Liebe und Zärtlichkeit webt sie um sich und ihre Kinder das Band inniger Vertrautheit, die weder im mündlichen noch im schriftlichen Gespräch das distanzschaffende „Sie" aufkomm eit läßt. Dadurch erfährt jedes Wort, an die Mutter gerichtet, eine gewisse Verinnerlichung und wird unversehens in das Gefühlsmäßige und Zärtlich-Empsundene hinübergeleitet. Auf den Ton trauter Kameradschaft find die Sriefe Felix Mendelssohn-Bartholdys an seine Mutter gestimmt. Die Mutter Mendelssohns, Lea, geborene Satomon, die einer Berliner jüdischen Familie entstammte, war eine geistig hoch- > stehende Frau. Sie erteilte ihrem Sohne von seinem achten Lebensjahre an Kllavierunterricht und blieb auch in der I Zeit seines Aufstiegs immer verständnisvoll geistig an seiner Seite. Sie scheint gar prächtige, mit allerhand sensationellere Berliner Neuigkeiten gewürzte Briese an ihren Sohn geschrieben zu haben, was ans nachstehender Briefstellc deutlich hervorgeht. Am 21. Juni 1842 schreibt Felix Mendelssohn aus London: „Liebe Mutter! Tein gestriger Brief war wieder so schön und freute uns so sehr, daß ich Dir gleich heute ausführlich danken muß, habe ich's doch kaum für den letzten tun können, der ein wahres Kaleidoskop von Berliner Zuständen enthält, die sich durch die Gläser Deiner Beschreibung immer neu und allerliebst ausnehmen." Der Briefwechsel Lea Mendelssohns mit dem berühmten Sohne hat bis zu ihrem Tode etwas ungemein Frisches und Freundschaftliches. Bei .Heinrich Heine fällt es aus, daß er in seiner Korrespondenz mit der Mutter von einem Brief zuin andern die zärtliche Anrede steigert: er schreibt: „Liebe Mutter", Liebe, gute Mutter", „Liebe, gute, liebe Mutter", einmal sogar „Liebe, gute Prachtmutter". Voll zärtlicher Innigkeit und dabei heinisch witzig ist folgende Briefstelte: „Und Du alte, süße Katze, wie geht es Dir? Wenn Du stirbst, ehe ich Dick) wiedersehe, schieße ich mich tot. Merke Dir das für den Fall, daß Dir Anwandlungen kämen, Deine Dammtorwohnung gegen ein schlechteres Logis zu, verrauschen! Merk Dir das,' und Du wirst keine solche Torheit begehen." Auch Gustav Mahlers Briefe an seine Mutter eine geborene .Hermann - atmen den Geist innigen Verbundeüseins. -Einen eigenartigen Duft von Sohnesliebe strömen die Briefe Ferdinand Lassalles aus. Diese intimsten Lebensäußerungen des großen Volkstribuns hat der Herausgeber in ein paar ein leitenden Sätzen treffend charakterisiert: Die Briese Lassalles an seine Mutter hauchen in seder Zeile den ganzen Menschen aus, überschwänglich, fanatisch, explosiv und zeigen Zeine tiefe Verehrung und Liebe zu der einfachen kleinbürgerlichen Frau. Interessant ist insbesondere ein Brief ans Ostende vom 11. September 1863, worin Lassalle seiner „vielgeliebten, teuern Mutter" die „heißesten und zärtlichsten Glückwünsche zu Rescheschone" (Rausch ha schono) darbringt. Von einer ganz besonderen Unmittelbarkeit des Ausdrucks sind die Briefe Walther Rathenaus an seine „liebe Mama". Die Sammlung enthält neben mehreren ^Briefen auch ein (schon orthographisch entzückendes) Geburtstagsgedichtchen des siebenjährigen und ein Neujahrsgedicht des dreizehnjährigen Walther Rathenau. - Schade nur, daß nicht auch die Bliese der Mütter an ihre berühmten Söhne, soweit diese Briefe erhalten, sind, in die vorliegende Sammlung ausgenommen wurden. Das hätte das Bild dieser Mütter noch sichtbarer aufgezeigt.

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