Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 8 (19.2.1930)
- Date
- 1930-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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dem gesagt wird: eine Moabiterin, die . von jenseits der Grenze zu Israel kommt, eine Moabiterin ans bem Volk, von dem es heißt, daß selbst das 10. Geschlecht nicht in die Gemeinde des Herrn ausgenommen werden dars, diese Moabiterin wird eine echte Israelitin. ja sie wird die Stamm-Mutter des Davidschen Königshauses. Und das zweite Buch, das ein Protest gegen Esra »var? Das war das Buch Jona, in dem gesagt wird: „Auch der Assyrer, der Feind Israels, ist ein Kind Gottes!" Mit Recht hat Setigmann hecvorgehoben, wie eine ganz große Literatur vorhanden war, das ist die Chokma-Literatur, die hinter der talmudischen leider ganz zurückgetreten ist. — In ihr ist weder vom Kuttuellen und Rituellen noch vom Partikularistischen «ub "Nationalen irgendwie die Rede. Diese Chokma-Literatur hat den rein menschlichen Standpunkt der Propheten betont, und diese Chotma-Literatur tvar für alle Menschen bestimmt, und nicht nur für den Juden. Sie fordert aber auch vom Juden nichts anderes, als was auch jedem gottesfürchtigen Nichtjuden zugänglich ist. Und die schönste Stelle in Seligmanns Rede, die mich am tiefsten ergriffen hat: Wie nun die Juden die Welt offen sahen, wie eS so aussah, als ob nun dem Geiste des Judentums die Welt offen stand und die Welt zufällt, und nun der Moment da war. Wer hat aber, so frage ich, im Gegensatz zu Seligmann, damals versagt"? Das Judentum hat versagt! Es hat nicht den Moment erfaßt, und tvarum nicht? Weil eben diese Ketten, die Esra dem Judentum aufgezwungen hat, nicht gesprengr wurden. Das tvar, und darüber müssen wir uns klar sein, die große Aufgabe, die Paulus für sich gesehen hat. Paulus hat auf der anderen Seite eine furchtbar schwere Belastung gebracht/ er hat den ganzen Mythos des Heidentums, die ganze Christologie wieder über die Menschen geworfen. Wenn er das nicht getan hätte, wäre wahr scheinlich alles anders geworden. Aber das Judentum hatte die Ausgabe nicht erkannt, dieses Paulinische ohne den Mythos des Christentums, ohne die Christologie, zu fordern. Hätte es dies getan, dem Judentum hätte eben dann die Kultunvelt gehört! Und nun hat das Judentum selbstverständlich auch in den orthodoxen, in den partikularistischen Kreisen dieses Propheten-Erbe niemals ganz vergessen können. Es hätte sonst die Propheten ausscheiden müssen. Es war ein goldener Faden, der sich durch die talmudische Literatur hindurchzieht. Aber dieser goldene Faden, diese goldene Ader war so tief in dem Stein eingebettet, daß der Stst'in sie nicht immer an das Licht treten ließ, sondern daß er diese Goldader der Welt verhüllt hat. Seligmann hat eine Kritik am Christentum geübt, weil — tu der Hinsicht stimmen wir alle überein — viel Schreckliches im Mittelalter begangen worden ist, aber nicht weit das Christentum war, sondern weil die Christen damals keine Christen gewesen .sind. Das wollen wir doch nicht vergessen, und wir wollen das Christentum als solches, das Christentum der Evangelien, nicht mit dem belasten, was das finster: Mittelalter in seiner Vercngtheit, in seiner Ein schränkung nach jeder Richtung hin, verbrochen hat. Wir wollen Kritik üben lieber am Judentum, das halte ich für unsere Aufgabe. Wir haben heute im Judentum wieder ein Ghetto, das innere Ghetto, das man uns aufzwingen will. Das von außen aufgedrängte Ghetto des Mittelalters hatte dazu geführt, daß die Juden freiwillig ein inneres Ghetto geschaffen haben, und dann kam der -große Kampf, im 19. Jahrhundert, da Abraham Geiger, Holdheim usw., als die Mauern des äußeren Ghettos sielen, auch das innere Ghetto beseitigten. Und was erleben wir heute? Heute führt man uns wieder ins Ghetto zurück. Ein inneres Ghetto wird geschaffen. Man sucht die Juden künstlich abzuschließen. Der „Jüdische Mensch"" wird in den Vordergrund geschoben, der „Jüdische Mensch", der .mir erscheint wie jener künstliche Mensch, jener Golem, dem man -ein Amulett in den Mund legt. Jude sein heißt ^für iTHnfcrc Propheten, den Weg zu suchen zum Menschen und zur Menschheit! Aber was sehen wir heute? Nachdem man aus Not jüdische Vereinigungen hier oder dort gegründet hat, weil die Juden in den anderen nicht ausgenommen wurden, da macht man ganz genau dasselbe, was man den Antisemiten zum Vorwurf machte, indem man gar glaubt, daß man nur jüdisch Turnen, jüdisch Springen, jüdisch Laufen könne. Weiches die Ausgaben des Christentums sind, darüber brauchen wir uns heute nicht den Kopf zu zerbrechen. Wir wissen ganz genau, daß es Christen gib:, die das Christentum so erscheinen lassen »vollen, daß wir uns von dem Standpunkt der Menschheit aus -freuen können. Ich glaube, daß wir Juden nicht recht tun, wenn wir in dem Juden selbst einen Selbstzweck, ein Endzweck sehen. Wir wollen nicht eilten Juden als Sonderirresen gestalten, wie es aus Seligmanns Schlußworten klang. Noch ist das noch nicht erfüllt, was den Juden zum Juden ge mach: hat. Wir haben noch die ganze Fülle der Ideen zu vertreten, die Gottesidee, die Weltidee, die Lebensidee, die Menschcnidee, die Menschhcilsidee, sie sind in dieser Reinheit, wie sie im Judentum treten werden, in der Welt noch nicht zum Ausdruck gekommen. Sie sind eine solch große Aufgabe für uns, daß ich glaube, daß wir un-endlich viel zu tun haben zum Segen aller Menschen, wenn wir die Mahnung befolgen, die Nathan uns gegeben, die Kraft des Steines in unserem Ringe an Tag zu bringen, und daß dann der Richter, wenn wir nach 1000 Jahren wiederkommen, erst entscheiden ivird, ob das Judentum noch eine besondere Ausgabe hat. Und darum schließe ich mit dem Satze des Psalmisten. Wie wir als trat!, Vertreter der Fricdensidce sagen: „Jene mit Rossen und jene mit Reitern, wie aber im Namen des Ewigen unseres Gottes"", »so. sagen »vir auch: „Mögen jene sich beugen und niederwerfen vor oern, was sie als Ideal betrachten, wir aber stehen fest" und wir treten ern für die Aufgaben des Judentums als Menschheitsreligion, .-als Weltreligion. Die Debatte über das Referat von Rabbiner Dr. Seligmann hatte sich bis gegen 2 Uhr nachmittags hingezogen und mußte dann zum allseiligcn Bedaueru abgebrochen werben. Es folgte eine kurze Mittagspause und, daran anschließend, die konstituierende Sitzung des neugelvühlten Gcsamtvorstandes. Nachmittags um 4 Uhr eröfsnete der stellvertretettde Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt a. Main), wieder die Plenarversammlung. Er teilte mit, daß im Gegensatz zu früheren Hauptversammlungni die geschäftliche Gencralaussprache am ersten Vcrhandlungstage nicht hatte beendet werden können; sie gehe aber naturgemäß allem andern **?**"- Nur wenn die Gencralaussprache und die Abstimmung über fliegenden Anträge frü^eitig genug beendet sei, könne die j0n ^ei Deligmannsche -Referat fortgesetzt werden. (Die geschäftlrche Aussprache und die Abstimmungen zogen sich aber bis unmlttelbar vor Beginn der großen öffentlichen Kundgebung des Bcesrauer Vereins hin, so daß die Vormittagsdiskussion nicht mehr fortgesetzt iverden konnte. Die Schriftltg.) Fortsetzung der Generalausfprache Moritz Rosenthal (Berlin) führt aus, daß die Einhettsgemeinde nur dann einen Sinn hat, wenn alle Richtungen -wirklich gleichberechtigt sind. Vom Standpunkt der Einhcitsgemeinde -würden wir auch die „Adaß Jisroel" in die Gemeind« auftrehmen, so gut tvie Reform darin ist. Bor den diesjährigen Wahlen haben wir.keine Furcht. Die zionistische Verwaltung hat mit dem während der liberalen Aera ersparten Kapital von 6 Millionen jetzt eine neue Synagoge und eine Altersversorgungs-Anstalt gebaut. Natürlich können die Zionisten heute den Leuten, die nicht so genau informiert jind, sagen, dies sei unter zionistischer Majorität geschaffen. In Wirklichkeit sind alle Vorarbeiten einschließlich der Geldbeschaffung von uns geleistet Ivorden. Redner macht sodann einige Vorschläge zur besseren Informierung der Wählerschaft über gemeindepolitische Vorgänge. Rabbiner Dr. Grün (Danzig) stellt die Forderung, auch die Ostjuden systematisch mit jüdisch-liberalen Gedanken zu durchdringen. Ich bin der Ansicht, daß die Ostjuden unseren liberalen Ideen näherstehen, als viele unter uns denken. In der Danziger liberalen Synagoge sind regelmäßig viele Ostjuden, mein Konfirmandinnen-Kursus wird sage und schreibe zu 50 c>/o von Mädchen aus ostjüdischen Häufen: besucht. Wenn wir nach dieser Richtung hin unsere Arbeit aufnehmen, so ergeben sich für unsere Werbetätigkeit ganz neue Perspektiven. Wilhelm G r a e tz (Berlin): Die Ostjudenfrage ist von ganz besonderer Bedeutung, keineswegs nur für Wahlagitation, sondern die Sicdlungs- und Berufsumschichtungsarbeit im Osten muß unter religiösen Aspekten betrieben werden. Wenn wir unter den Oftjuden nicht liberale Ideen und Formen propagieren, so werden sie die Verbindung mit der Religion ganz verlieren, da ja die Orthodoxie, keinerlei Zukunft hat.. Redner begründet sodann die von seinen Freunden eingebrachten Anträge, die auf Lebensnähe der Religion und u. a. auf Schaffung eines liberalen Unterrichts hinzielen. Ueber das Thema Einhcitsgemeinde wäre wegen der Größe des Problems eine eigne Tagung nötig. Die Anträge brr Gruppe um Dr. Seligsohn sind nicht aus jugendlichem Geist geboren. Jung sein ist nicht ein Begriff, der mit einer Anzahl von Jahren zu tun hat, jung müssen »uir Liberalen alle sein, jung und liberal können aber nur solche sein, die wirklich liberal gesinnt sind und den Gedanken der Entwicklung in sich tragen, auch wenn sie achtzig Jahre alt sind und noch älter. Vergessen Sie aber niemals den Ton, in dem die Jugend heute hier zu uns gesprochen hat. Besonders Herr Dr. Seligsohn! Die Wirkung Ihrer Worte ist eine ganz andere als Sie beabsichtigt hatten, und die Stimmung der Jugend, die außer Ihnen in biefcm Saal noch versammelt iß, sieht erheblich anders aus als Ihre Anträge und die Art, wie Sie sie begründet haben. Frau Bianca Hamburger (Berti n): Wir haben schon seit langer Zeit Jugeno-Gotlesdiensle in der Reformgemeinde, bei denen Gebete, Ansprachen und Schriftverlesung von Jugendlichen ausgeführt werden; die Diskussionen der Jugendgruppen der Reform gemeinde sind derart besucht, daß der große Saal des Mosse-Hauscs manchmal nicht alte Teilnehmer fassen kann. Wir erörtern da historische und aktuelle, speziell jüdische und allgemein religiöse, sowie auch soziale Probleme. Wir sammeln die Jugend für weitere Ausgaben in der Soziatmission des Judentums. Wir erstreben ein jüdisch liberales Jugendheim, nicht wie das in Seesen, wo jede Regel der strengsten Orthodoxie bis ins kleinste wahrgenomiuen wird und man unsere liberalen Kinder dazu erzieht, zu sagen, es schade ihnen nichts, ivenn sie alles mitmachen, und wo ein Geist herrscht, .der die liberalen Juden nicht als Volljuden anerkennen will. Rabbiner D r. V o g e l st e i n (Breslau) rechtfertigt das Verhalten der liberalen Rabbiner in der Frage des Ehcrcchts. Wären wir zu schnell vorgegangen, wir hätten das Entgegengesetzte Das jüdische Eherecht mit seinen in die heutige Zeit nicht passenden Bestimmungen ist oft die Ursache unheilvoller Familientragödien. Das liberale Judentum will auf diesem Gebiete segensreichen Wandel schaffen; es will den alten jüdischen Geist in neuen Formen zur Geltung bringen, damit die Religion, ihrem wahren Sinn entsprechend, das Leben ihrer Anhänger fördere, veredle und weihe. Darum unterstützt den „Hilfsfonds des liberalen Judentums“! Die Namen der Spender werden fortlaufend in der „Jüdischliberalen Zeitung veröffentlicht. — Alle, die ihren Sonderbeitrag noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich Mk. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.“ Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muss durch einen Beitrag zeigen, dass er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle» der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! Vereinigung iflr das literale Judentum tv. von dem erreicht, was wir beabsichtigten. Mit dem, was Herr Dr Tie:; und .Herr Dr. Setigsohn vorgetrage» haben, kann ich mich nicht einverstanden erklären. Ich bedauere, daß das Referat über „Judentum und Wirtschaft"" nicht ftattgefundeu hat, denn wenn auch derartige Probleme auf einer Tagung nicht gelöst werden, so besteht doch darüber kein Zweifel, daß sie angeschnitten werden müssen. Dr. Setigsohn hat iveiter davon gesprochen, daß der Liberalismus in religiöser Beziehung seinen Prinzipien unfteu geworden sei. Darin steckt über nur insofern etwas Richtiges, als man ja immer zwischen einer Idee einerseits ,und der Organisation andererseits unterscheiden muß. Daß die Scheidung von Gut und Böse von ihrem Wert oder Sinn eingebüßt hat, kann ich nicht anerkennen. Es unterscheidet sich aber auch darin oie heutige Zeit von keiner früheren, denn jeder Mensch wird wissen, wenn er in einen religiösen Feiertag hinein», geht, daß er in so und so vielen Fällen versagt hat. 'Rabbiner D r. Samuel (Essen) rechtfertigt ebenfalls das Verhalten der liberalen Rabbiner und möchte auch die liberalen Zionisten für unsere Bewegung gewinnen. Abstimmungen. Wegen vorgerückter Zeit wirb Schluß der Debatte beantragt und auch von einem Schlußwort der General-Referenten abgesehen. Vorsitzender R.-A. Tr. Rudolf Geiger (Frankfurt a. Main): Wir kommen nunmehr zur Abstimmung. Von unseren jugendliche,: Freunden Ludwig Herrmann und Max Gundersheim liegen Anträge vor, die Spenden- und Inseratenwerbung fachmännisch aufzuziehen un.d zu diesem Zwecke eine Kommission zu bilden. Die Wahl der Kommission soll dem Arbeitsausschuß überlassen bleiben. (Der Antrag wird angenommen.) Sodann hat Herr Moritz Rosenthal den Antrag gestellt, daß eine Kommission Zusammentritt, welche Richtlinien 'aufstellt, wie in unserer Zeitung eine gründlichere Besprechung und Information der Gemeindepolitik in ganz Deutschland durchgeführt werden kann. Auch hier würde ich die Wahl der Kommission dem Arbeitsausschuß Überkassen. Ein Antrag von Herrn Wolfsohn (Breslau) in der gleichen Angelegenheit wäre zweckmäßig dem Arbeitsausschuß als Material zu überweisen. (Es wird demgemäß beschlossen.) Wir kommen nunmehr zur Abstimmung über den Antrag von Dr. Hugo Hoffman«. Der Antrag lautet folgendermaßen: Bei der heutigen religiös schwankenden oder gleichgültigen Einstellung großer Teile der jüdischen Jugend ist es eine der wichtigsten Ausgaben des Liberalismus, für einen Nachwuchs zu sorgen, der in positiv jüdisch-liberalem Sinne die überlieferten Werte des Judentums in einer der heutigen Auffassung entsprechenden Form zu erhalten weiß und Wege sucht, den religiösen Kern des Judentums mit dem alltäglichen Leben in Verbindung zu bringen. Nur auf diese Weise wird es möglich sein, den Jndisserentismus an der Wurzel zu erfassen und ein« Generation heranzuziehen, die der Erhaltung unseres Judentums dient. Die in Breslau versammelten Delegierten erwarten deshalb folgendes: 1. Die Liberale Vereinigung möge durch ihren Arbeitsausschuß alle Wege prüfen, die gegeben sind, die bestehenden jüdischliberalen Jugendvereine zu fördern und neue Vereine entstehen zu lassen, die auf jüdisch-liberalem Boden stehen. 2. Die Ortsgruppen mögen ihre Hauptaufgabe mit darin erblicken, bestehende liberale Jugend vereine zu fördern, neue liberale Jugendvercine zu gründen oder, falls dies aus irgendwelchen Gründen nicht zweckmäßig erscheint, jüdisch-liberale Arbeitsgemeinschaften für die Jugend innerhalb ihrer Ortsgruppen zu bilden, hie als solche oder deren Führer als Vertrauensleute mit der „Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands"" in Verbindung treten. 3. Die durch Amt oder Stellung dazu berufenen Rabbiner, Lehrer und Führer müssen sich dieser wichtigen Aufgabe in ganz besonderem Maße widmen und dafür Sorge tragen, daß man durch Aufklärung über das Wesen des Liberalismus den durch Gleichgültigkeit, mangelnde religiöse Einstellung und Mischehen dem Judentum drohenden Gefahren begegnet. 4. Die Schaffung von Landesverbänden unter Berücksichtigung der Vertrauensleute und Einzelpersonen ist erforderlich, da sich die Jugend davon lveitere Anregung und Nutzen verspricht. 5. Zur Verstärkung der Arbeit ist die Herausgabe geeigneter, insbesondere für die Jugend bestimmter Schriften und Propaganda-Broschüren erforderlich. 6. Um die Frage einer geeigneten religiösen Erziehung der Jugend durch den Religionsunterricht zu prüfen, sollte baldigst eine Zusammenkunft aller liberalen Religionslehrer einberufen werden. (Der Antrag wird einstimmig angenommen.) Von den Herren Wilhelm Graetz, George Goetz, Dr. Lehmann, Dr. Lilienthal, Ostberg und Rosenthal liegen folgende zwei Anträge vor: Wesentliche Aufgabe der Religion ist die Durchdringung des Lebens mit religiösem Geiste. Dies erfordert, daß die Religion alle Gegenwartsfragen des geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens in ihren Blickkreis zieht. Durch größere Lebensnähe der Religion wird ihre Bedeutung im Leben ihrer Bekenner gesteigert und die Wiedergewinnung indifferenter Kreise für das aktive jüdische Leben ermöglicht werden. Die Hauptversammlung der V. f. d. l. I. ersucht deshalb den Vorstand, besonders darauf hinzuwirken, daß in Vorträgen, Vevöffentlichungen und Predigten liberaler Persönlichkeiten die Wechselbeziehungen zlvischen den religiösen Grundlehrcn des Judentums und den aktuellen Lebensfragen wirkungsvoll erörtert werden. Sie ersucht ferner, die Herausgabe von Schriften, die diesem Zweck zu dienen geeignet sind, zu veranlassen und zu fördern. Auch diese Anträge werden einstimmig angenommen. Es liegen nunmehr eine Reihe von Anträgen von Dr. Baerwald (Frankfurt a. Main) und seinen Freunden vor. 1. Die Hauptversammlung der V. f. d. l. I. beantragt im Hinblick auf die kommenden Wahlen zum Landesverband und zu den Repräsentantenvcrsammlungcn der großen Gemeinden eine Kommission mit der Ausarbeitung eines umfangreichen Programms, insbesondere aus dem Gebiet des Kultus, der Schulpolitik, der sozialen Arbeit und der Bildungsarbeit an der Jugend, Der Antrag wird mit der Maßgabe angcüoinmen, daß statt einer Kommission, der Arbeitsausschuß mit der Ausarbeitung eines Wahlprogramms beauftragt werden soll. 2. Die V. f. d. I. I. betrachtet es als ihre besondere Aufgabe, die Einheitlichkeit und Besonderheit des deutschen Judentums zu fördern. Demgemäß sind alle Bestrebungen zu unterstützen, die auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet der Zukunft des gesamten deutschen Judentums dienen. (Statistik, Bevölkerungspolitik usw.). Insbesondere müssen die liberalen Gemeindevertreter in ständigem Erfahrungsaustausch über alle grundsätzlichen Angelegenheiten in allen Gemeinden stehen. Der Vorstand muß sich überall, wo sich die Notwendigkeit hierzu ergibt, für eine größere Ausführ-- lichkeit und Kritik der Gemeindeberichte iu der Jüdisch-liberale:: Zeitung und für die laufende Unterrichtung der in der Gemeindepolitik tätigen Mitglieder cinfttzen. Der Antrag, der ursprünglich einen etwas änderen Wortlaut hatte, wird in der obigen Fassung angenommen. 3. Ein Antrag, der auf die Herstellung einer Verbindung mit den liberalen Gruppen der Ostländer hinziclt, wird, weil in die Kompetenz des Weltverbandes fallend, abgelehnt. Von den gleichen Antragstellern liegt zur Frage der Einheitsgemeinde folgender Antrag vor. 4. Die V. f. d. l. I. steht auf dem Standpunkt der Einheits-- gemeinde. Sie erwartet von ihren Mitgliedern, daß sie diese Grundsätze im Interesse der Förderung dieser Ideen in der gesamten Gemeinde aufrecht erhalten, auch wo etwa die gegenwärtige Genreindckonstcllation die Durchsetzung dieser Grundsätze erschwert. Sie hält es insbesondere für unzulässig, wenn einzelne ihrer Mitglieder aus der Gemeinde austreten, insbesondere dann, lvenn keine Gewähr dafür besteht, daß die Vertretung des liberalen Gedankens durch eine außerhalb oder neben der Hauptgemeinde destehende Sondergemeinde gelvährleistet ist. Hierzu ein Gegenantrag Goetz: Die Bereinigung für das liberale Judentum ist für die Erhaltung der in Deutschland bestehenden Einheitsgemeinden; sie ist aber der Ansicht, daß der Verbleib in der Einheitsgemeinde nur bei völliger Gleichberechtigung aller jüdischen Richtungen und bei Wahrung ihres Charakters als Religionsgemeinde seinen Sinn erfüllt. Beide Anträge werden dem Gesamivorstand als Material überwiesen. c Ein weiterer Antrag über das Stimm- und Delegationsrecht der Ortsgruppen in der Hauptversammlung wird nach lebhafter Debatte dem Arbeitsausschuß als Material für die allseitig gewünschte Satzungsänderung überwiesen. Vorsitzender R. -A. Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt a. Main) erklärt die Tagung für beendet. Er dankt allen Breslauer Freunden für die der Vereinigung gewährte Gastfreundschaft, sowie allen, die durch Referate und Diskussionen hier mitgearbeitet haben. Ein kleiner Mißton, der sich gestern Abend hier einzuschleichen drohte, ist in erfreulicher Weise wieder behoben, und wnm es auch bei uns, wie überall, eine Opposition gibt, so sind wir letzten Endes auch dieser dankbar, weil sie befruchtend Md anregend wirkt. Ein weiterer Dank gebührt allen Damen und Herren unseres Büros in Berlin, die an der Zeitung und an der Bereinigung Mitwirken und in wochenlanger, aufopfernder Arbeit diese Tagung vorbereiteten. Ich weiß, daß ich im Sinne 'der Versammlung handle, wenn ich diesen Dank hier abstatte. Rabbiner Gustav Cohn (Leipzig) spricht den Dank der Versammlung an die Bersammlungsleitung aus, die in ausgezeichneter geschickter Weise über alle Klippen hinwegzukommen wußte, so daß wir auseinandergehen in dem Bewußtsein: die Bereinigung für das liberale Judentum wird nach dieser Tagung gestärkt an die weitere Arbeit gehen. Wir danken insbesondere für die hingebende Arbeit, die vollbracht worden ist, den Mitarbeitern der Bereinigung, und betonen dabei unseren Dank für den Herrn Redakteur unseres Zeitung und für den Generalsekretär der Bereinigung. Wir gehen auseinander in der Hoffnung, daß das, was uns in diesem Augenblick bewegt, erfüllt werden soll durch die künftige Arbeit, durch den Erfolg, den Aufstieg unserer Bereinigung für das liberale Judentum zum Segen für die Bereinigung und für das Judentum. Vorsitzender R.-A. Dr. Rudolf Geiger (Frank« furt a. Main): Ich schließe die Versammlung.