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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-19 · 8 (19.2.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
8 (19.2.1930)
Date
1930-02-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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I gewillten jungen Juden gerade in der konsequenten Friedensarbeit hemmen. Jüdische Friedens-, d. h. Sozialkämpfer gehörten gerade als Juden in die große Kampfgemeinschaft derer, die durch Beseitigung der heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Anlässe zu Kriegen im Keime zu beseitigen strebten. Ueberdies stelle der „Jüdische Friedenshand" nur eine Nachahmung von andersgläubigen Gründungen dar, die die Arbeit nicht fördern, sondern zersplittern und schädigen. — In der angeregten Aussprache fand diese Anschauung mehrere Vertreter. Und auch die Jugendbünde, die, wie die Misrachij irgend, ihre Mitarbeit zusagten, machten starke Vorbehalte äußerer und .gesinnungsmäßiger Natur, während Frau Tr. Eschelbacher und Dr. Goldschmidt die Jugend aufforderten, sich des ihr bezeigten großen Vertrauens würdig und der Aufgabe der Stunde, der Sicherung des Friedens auf'der Basis der Religion, gewachsen zu zeigen und die gemeinsame Plattform zu betreten. Auch! die letzten Palästina- Ereigjnisse lvurden in die Erörterung einbezogen, wobei die auch im allgemeinen jüdischen Leben herrschenden Gegensätze mit besonderer Beziehung auf die Sicherung des Friedens zum Austrag kamen. -- Ta eine einheitliche Stellungnahme und Beschlußfassung nicht zu erzielen war, nahm der Vorsitzende von Festlegung der Entscheidung der einzelnen Bünde Abstand und stellte im Einverständnis mit Tr. Noft'ig eine weitere Klärung der angeschnittenen Fragen in dem ' engen Kreise des Studenten- und Jugendbeirats in Aussicht. Hilfsaktion für die notleidenden jüdischen Kinder in Litauen. Die erschütternde Nachricht von dem Brand, dem das Jüdische Kinderhaus in Kowno, die zentrale jüdische Kinderschutzorganisation Litauens, zum Opfer gefallen ist, hat den Hilssverein der Teutschen Juden veranlaßt, eine Hilfsaktion einzuleiten. Es wurde sofort telegraphisch ein Betrag überwiesen. Auf Initiative des Hilfsvereins hat sich eine Anzahl von Damen zusammengeschlossen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, das Hilsswert für das notleidende jüdische Kind in Litauen zu unterstützen. Zunächst sollen Mittel aufgebracht werden, die mit den an Ort und Stelle von den litauischen Juden zu beschaffenden Summen verwendet werden sotten, das Kinderhaus wieder aufzubauen. Im Hause des Präsidenten des Hilfsvereins, Herrn Tr. James Simon, fand unter seinem Vorsitz eine Besprechung statt, der Frau Professor Einstein, Frau Emil Baerwald, Frau Alice Weil, Frau Jacob Michael, Frau Dr. Bernhard Kahn, Frau Tr. Margot Rosner, Frau Professor Mittwoch, Frau Erna Feder, Frau B. Grüngard. Frau F. Bloch, Frau Tr. Nahe! Wischniher, Frau Professor Schur, Frau Tr. Lina Soloweitschik, Frau Tr Zweigentaft und Frau Boris Bernstein beiwshnten. Tr. Lubinski, der frühere Leiter des K'.ndcrhanfos in Kenne, berichtete, nachdem er über die Ent'iehung und Entwicklung des Kinderhauses gesprochen hatte, über die jetzige katastrophale Lage der Kinder, die in chrer mangelhaften provisorischen Unterkunft der Gefahr von Epidem.en ausgesetzt sind. Herr Dr. James Simon sprach über die Ausgaben der Fürsorge für das notleidende jüdische Kind in den Ländern des Ostens und gab dem Wunsche Ausdruck, daß es durch vereinte Hilfsarbeit gelingen möge, in dem projektierten Neubau die wichtigen einzelnen Abteilungen des Kinderhauses - Säuglingsheim, Säuglingssürsorge, Kindere.mbulotorium, Schulkinder-Badeanstalt, Kleinkinder- und Schullinderheim, L hrliugsheim, Mnderwerkstätten, Gättnererschnle — auszugesialten. Ter Generalsekretär des Hilssvereins, Tr. W i sch n i p e r, der daraus hinwies. daß der Hilssverein im Jahre 1928/1929 dem Kiuderhaus eine Subvention von 7 000 RM. gewährt hatte, erörterte die praktische Turchsührung der Aktion. Tie anwesenden Damen konstituierten sich zu einem Komitee, das unter Hinzuziehung weiterer Persönlichkeiten ans Berlin itub im Reiche sich in den Trenn dieser nokwendlaen Aktion stellt. Abwehr der MtiolralsvftalMsHe.i Hrtze r.i -l.n^rsftätm. ] Ter Rektor der I ech irischen Hochschule in Bern in, Professor Tr.-Ing. Drawe, hat dem Nationalsozialistischen Tent scken Studentenbund das Anschlags recht am Schwarzen Brett entzogen, weil wiederholt Anschläge hetzerischen Inhalts angebracht worden waren. In Köln hüben Rekror und Senat der Universität die j Kölner Hochschulgrupve des Nationalsozialistischen Studenteni bundes bis ans weiteres verboten. Schrchterci ist keine Tierquälerei. Ter^ Strafrechlsausfchuß des Teutschen Reichstages beschäftigte sich am Freitag, den 14. Februar, mit den Paragraphen 36(5 und 412, die Tierquälerei mit Gesäuguis bis zu sechs Monateu oder Geldstrafen bedrohen. Mehrere Parteien haltert hierzu Abönderungsanträge gestellt. Um nun zu verhindern, daß etwa von gewisser Seite das Schächten als Tierquälerei hingestellt und damit bestraft werden könnte, batte das Zentrunr den folgenden Antrag eingebracht: Dem Paragraph 412 des Strafgesetzbuches, der den Tierschutz behandelt, sott folgender Absatz 2 angeftigt werden: „Handlungen an Tieren dürfen tticht mit Strafe bedroht werden, soweit sie zur Verfolgung ernster wissenschaftlicher Zwecke iä>er zur Erfüllung der Gebräuche einer Reli- Hionsgesellschaft des öffentlichen Rechts geboten sind." Ter Zentrumsabaeordnete Bell, ehemals Reichsjustizmianster, begründete diesen Antrag und erklärte, daß seine Freunde in dem Schächten keine Tierquälerei sehen, daß sie es für erfocherlich halten, den Religimtsbedürfnifsen ihrer jüdischen Mitbürger gerecht zu werden. Tos Schächten fei eine Religionseinrichtung des Judentums, deshalb müsse man es auch weiter ausdrücklich gestatten. Ter Redner verwies weiter auf die Reichstagsberatungen im Jahre 1911 und auf die damalige ausführliche Rede des Zentrumsabgeordneten Gröber. Auch Ministerialdirektor Schäfer vom Michsjustizministerium nahm ausführlich auf die religiösen Schächtvorschrifteu Bezug und trat für die Beibehaltung des Schachteils ein. Ein Vertreter des Reichsgesundheitsamtes gab die Erklärung ab, daß das Reicksgesundheitsamt, wie in früheren Zerren, auch jetzt noch aus dem Standpunkt stehe, daß man in dem Schächtäkt der Juden keine Tierquälerei sehen dürfe. Damit wurde die Debatte geschlossen. Die Abstimmung erfolgt später. Tie zweite Lesung des Entwurfs zum Strafgesetzbuch wird im Ausschuß erst nach geraumer Zeit erfolgen. Schluß der Breslauer Tagung (Offizieller Bericht) Das Judentum als Welkreligion Die Diskussion über das Seligmannfche Referat. In Nr. 6 dieses Blattes haben tvir das Referat von Herrn Rabbiner Dr. Seligmann „Das Judentum als Weltreligion" abgedruckt und lassen heute die Veröffentlichung der Diskussion folgen, welche sich an dieses Referat anschloß. Rabbiner D r. Georg Wilde (Magdeburg): Ich hätte nicht im Anschluß au das Referat und über das Referat des Kollegen Seliginann das Wort ergriffen, wenn ich nicht heute früh gebeten worden wäre, die Diskussion zu eröffnen. Seine Rede war im ersten Teil ein hochstehender wissenschaftlicher Vortrag, im zweiten Teil eine Ansprache voll religiöser Glut, am Schluß so stark wirkend, daß man fürchten muß, die Stimmung zu drücken, wenn man sich in einer Diskussionsrede wieder an das kritische Denken unserer Glaubensgenossen wendet. Wir wollen aber nicht nur erbaut, und nicht nur belehrt »verden; letzten Endes ist der Sinn solcher Tagungen »vie der unsrigen, Wirkung ans das Leben auszuüben, zu scheu, ob die Goldmünzen der Feierstundc in das Kleingeld des Alltagslebens umzuwcchseln sind. ' Von der Mission des Judentums ist gesprochen worden. Wir müssen uns aber fragen: Weiß die Well von dieser Mission? Wissen w i r es selbst? Leben w i r als Missionare einer jüdischen Weltrcligion? Im Weltkrieg hat einmal eine brasilianische Zeitung eine Rundfrage veranstaltet, welches die 10 größten Feldherren dieses Krieges seien. Hindenburg stand an siebenter .oder achter Stelle. An erster Stelle stand ein portugiesischer General. Jeder wird erstaunt fragen: Wie war das möglich? Die Antwort lautet: Brasilien >var einst portugiesische Kolonie und spricht noch heute portugiesisch; nichts hat dort mehr interessiert, als Portugals Eintritt in den Weltkrieg. Tag für Tag lasen sie in ihren Zeitungen dickgedruckl die neusten Berichte vom Schicksal und von den Heldentaten des einzigen portugiesischen Korps und seines Generals, bis sie schließlich diesen General, von dem wir nicht einmal den Namen wissen, für den größten Feldherrn im ganzen Weltkrieg hielten. Ob wir Juden nicht in ähnlicher Weise immer von uns selbst reden, schreiben und lesen, und uns schließlich einbilden, etwas zu sein, wovon die übrige Menschheit nichts weiß? Uns tvird in jedem Roman eine jüdische Nebenfigur zur Hauptfigur, während der christliche Leser sie kaum beachtet. Es gibt etwa 2 Milliarden Menschen, aber noch keine 20 Millionen Juden. Ob dieses eine Prozent, dieses eine Korps in der Weltarmee, mit dem großen Anspruch auf Welt- und Zukunftsrcligion viel anders dasteht als jene Leser brasilianischer Zeitungen? Es ist richtig, tvir haben der 'Welt viel gegeben. Zwei Weltreligionen, Christentum und Islam, sind bei ihrem Entstehen entscheidend von uns beeinflußt worden. Aber hat nicht Portugal auch die ersten Weltumscgler gestellt, große Reiche in Brasilien und in Indien gegründet? Wer denkt daran, deswegen Portugal noch jetzt als Weltmacht anzusehen? Wer glaubt, ihm noch jetzt dankbar sein zu müssen? Ob nicht ähnlich die nicht jüdische Welt über uns denkt, wenn wir den Anspruch erheben, Weltreligion zu sein, wenn wir jetzt lebenden Juden auf die religiöse Wirkung des Judentums in längst vergangenen Zeiten Hinweisen? Und dann die zweite und brüte Frage: Sind wir jetzt lebenden Juden uns bewußt und geeignet, Boten einer Weltrcligion zu sein? Fühlt jeder Jude als Leberts- Überschrift den im Vortrag erwähnten Abrahamsscgen: Durch Dich sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden? Fühlt er sich als Träger religiösen Segens, als Bote einer Weltreligion, als Künder einer Zukunftsrcligion, als „Licht für die Nationen"? Oder ist er ein unbrauchbarer Leuchter für dieses Licht? Wir Juden sind zu gering an Zahl, um durch die Masse zu wirken. 'Wir sind immer Einzelne: die Vielen im kleinen Kveis^ die wenigen Großen im großen Kreis. Fühlen die Großen unter den Juden, die das Ohr der Welt haben, sich als Boten jüdischer Religiosität? Nur ein Beispiel: Walther Rathenau sprach einst in Genua am1 Schluß der Wcltkonserenz vor den politischen und wirtschaftlichen Vertretern der ganzen Welt. Seine Worte drangen buchstäblich über die ganze Erde: aber er dachte in dieser Stunde nicht daran, daß er vom Stamme der Propheten und Psa'.misten sei, er suhlte nichts von einer jüdisch-religiösen Aufgabe, er beschwor nicht die Geister Israels, sondern die des italienischen Boden-, ans dem er stand; er schloß seine Rede nicht mit den Worten des Jesaia: „Friede, Friede den Fernen und den Nahen! Scholaum, Scholaum", sondern mit den italienischen Worten des Petrarca: „Ich schreite durch die Welt und verkünde Frieden, Frieden! Paec, Pace!" Das soll kein besonderer Vorwurf gegen Rathenau sein. Ich habe ihn nur als ein Beispiel herausgcgriffen. Niehl anders sind die andern Großen in unserer Mitte, nicht anders die Kleinen. Ich will nur gezeigt buben: Wenn wir von Missionsallsgaben der Juden reden, dann müßte jeder Einzelne, der Größte wie der Kleinste, sich in seinem Kreis als Träger einer religiösen Sendung fühlen, müßte auch zu allen Frageii des Lebens vom Judentum aus Stellung nehmen. Jetzt könnte man uns Vorwerken: „Ihr seid wie ein Wunderkind, das später im Leben die Erwartungen nicht erfüllt hat. Ihr habt in der Jugendzeit Eures Stammes Propheten und Psakmensängcr her vorgebracht. Was leistet Ihr jetzt für den religiösen Fortschritt der Menschheit?" Es hat einmal der Philosoph Nietzsche aus Christentum und Christen gesagt: „Erlöster mußten seine Jünger ausseheu, soll ich an den Erlöser glauben." So sage ich mit ähnlichen Worten: Anders müßten die Juden unserer Zeit ausseheu, sollen wir selbst, sotten die andern an die religiöse Weltmission des ^Judentums glauben! I. Wolsfsohn (Brest an): Die Frage nach dem Judentum als Weltreligion ist aktueller als jemals, stehen wir doch am Anfänge eines großen Ringens zwischen göttlich-ethischer und rein materialistisch-ökonomischer Weltanschauung. Bei den Vertretern der Letzteren denke ich nicht an die große politische Partei, die, wie in allen Ländern, so auch in Deutschland, eine andere Art der Güter- Verteilung anstrebt, dabei aber dem Religiösen sein Recht läßt, sondern ich meine das System, das jetzt in Sowjet-Rußland alles nicderkinltet, was religiös ist. Gewiß, ich unterstreiche vollkommen die Ausführungen des ersten Diskussionsredners, aber wir »vollen trotzdem daran sesthalten, daß der Welt das Heil von den Juden gekommen ist. Mit Rocht ist häufig gesagt »vorden: Israel hat der Menschheit nicht nur den Monorheismus, sondern den ethischen Monotheismus gegeben. Da nröchte ich allen, die von Kanzeln und Vortragspulten das Judentum künden, um eines bitten: wir hören so oft das Wort von farbloser Ethik. Meine Damen und .Herren, wir wissen doch, daß der Edelstein am kostbarsten Ist, der farblos ist, dessen Reinheit das klarste Licht verbreitet, und ivcnn die Fassung bei einem Schmuckstück auch noch so schön und kunstvoll ist, der Hauptwerk liegt doch in dem Edelstein. Wir hören auch oft, Religion sei mehr als Ethik. Mehr? Religion ist vielleicht etwas Anderes, ist ein Weg zur Ausübung ethischer Grundsätze, zur Umsetzung der Ethik in die Wirklichkeit, aber mehr als Ethik ist sie nickt. Und nun noch ein Wort über die Eignung des Judentums zur Aeltreligion. Auf der vorjährigen Weltkonferenz des liberalen Judentums war die Frage nach Rationalismus oder Irrationalismus stark umstritten. In der griechischen Antike »varen selbst die Götter dem Schicksal untertan; im Judentum hatte der Mensch die freie Wahl, über sein Schicksal zu entscheiden. Die Verntmft war ihm dazu gegeben, und drei Mal täglich soll er beten: „Gelobt seift Du Ewiger, der Du den Menschen die Vernunft verleihst." Daß unser Judentum bei allein Gottvertrauen nicht allein auf' die Melodie gestimmt ist: ..Wer nur den lieben Gott läßt walten....", das beweist mir ihre Eignung, Welt- und Menschheitsreligion zu sein. Wenn wir die Bernunstgemäßheit und die Ethik des Judentums in den Vordergrund stellen, werden wir auch diejenigen gewinnen, von denen Dr. Seligmann gesagt hat, daß sie den Ewigen in der Stille anbeten, die Dogmenlosen unter den Christen, welche auch Wahrer der ethischen und Moralgrundsätze des Judentums sind. Es kommt nicht daraus an, und ich gebe mich auch nicht der'Illusion hin, daß Tausende zum Judentum übertreten werden; aber wenn sie sich nur bewußt werden, daß sie in Wirklichkeit zu uns gehören, dapn dürfen >vir von uns sagen, daß wir in der Menschheit »virken als ein Volk von Priestern und das Judentum zur Weltreligion machen »verden. Rabbiner D r. Julius Gallincr (Berlin): Einer meiner Vorredner, Herr Kollege Wilde, hat vor etwa 20 Jahren ernen Aussatz geschrieben; „Wer hat Recht?" Dort setzte er dem neutestamcntlichen Wort: „Was alt und übcrjährct ist, das ist seinem Ende nahe!" die Behauptung entgegen: „Wir sind nicht alt geworden, wir sind nicht überjährt, wir sind nicht unserem Ende nahe." Das genügt aber nicht, sondern tvir müssen auch praktisch etwas tun, um das Judentum als Weltreligion erscheinen zu lassen. Tie Umwelt glaubt nicht daran! Ein Kollege von uns »var vor einigen Jahren von einem christlichen Theologieprosessor gebeten »vorden, für ein religiöses Sammeltverk eilten Aufsatz über das Judentum zu schreiben. Bei dem Entwurf fand er seinen Aussatz in der Rubrik „Volksreligioncn" vor, und erst als er sich weigerte, seinen Aufsatz in dieser Rubrik zu veröffentlichen, wurde ihm die Einreihung in die Rubrik „Weltreligionen" konzediert. Wir müsse»» ferner an den Universitäten die Einrichtung jüdisch-theologischer Fakultäten fordern. Etlvas sind »vir ja hier schon »veitergekommen, aber es genügt nicht, daß an einzelnen Universitäten gelegentlich Vorlesungen von Juden über jüdische Dinge gehalten »verden; die jüdische Wissenschaft muß dort gelehrt »verden, erst dann »vird das Judentum als Weltreligion auch der großen Oeffentlichkeit bekannt »verden. Ich denke daran, »vie auf dem „Weltkongreß für religiösen Fortschritt" 1910 Hermann Cohen einen Vortrag gehalten hat: „Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit". Man sah, »vie alles tief bewegt war von Cohens Darstellung, aber darüber sind 20 Jahre vergangen. An jüdisch-theologischen Lehranstalten »verden wohl Borlesungeitüber den Ritus, über die Bestimmungen des Religionsgesetzcs, über die Quellen religionsgesetzlicher Entscheidungen gehalten, aber haben Sie dort schon einmal eine Vorlesung über liberales Judentum .oder Judentum als Weltreligion angekündigt gesehen? Aehnlich ist es in den Gemeindestuben und in den ofsiziellcn Gemeindeblättern. Man redet und schreibt z. B. darüber, ob eine Friedhofshalle so hergestellt »verden soll, daß auch. Kohaniin sie betreten dürfen, obtvohl uns die Bestiininungen über die Pricstcrgcsetze vollkommen fremd gc»vorden sind. Aber »vir lesen und hören nie von Einrichtungen, die getroffen »verden, um das Judentum zu vertiefen, um es auch nach außen hin als Weltreligion erscheinen zu lassen. Wir liberalen Rabbiner haben in den Richtlinien von 1912 zum Ausdruck gebracht, daß das Judentum demjenigen, der zu u»»s kommen »vill, als Mcnschheitsreligion cnigegentritt; aber nun prüfen Sie die Form, in der solche Ausnahmen erfolgen! .Hier werden die liberalen Rabbiner noch ernste Entscheidungen treffen müssen. Noch ein Letztes. Wenn früher Glaubensgenossen aus benachbarten Ländern, besonders aus dem Osten, zu uns nach Deutschland kamen, so verlangte man ihr allmähliches .Hineinwachsen in die deutsche Kultur. .Heute »vill man bei Einivandernden nicht Eingliederuug, sondern »veitere Absonderung, spricht nicht mehr von der religiös betonten jüdischen Seele, sondern von einem jüdischen Menschen. Die Lehre von 'besonderen jüdischen Menschen isoliert die Juden und das Judentum in der Menschheit, läßt aber nicht das Judentum als Weltreligion erscheinen. Sorgen »vir, daß cs mit ailevein von Grundans anders »verde! Rabbiner D r. Joseph Lehmann (B er ( in): Man ha', wie Se.'ig»ne,vn mit Recht gesagt hal, in dem Begriff der Mission das alte Wort der Auscrtvählung des Judentums gesehen. Wir wissen, daß die Auscr»vähl»lng Israels nicht so genrernt ist von den Propheten, »vie Lessing sie bemängelt hat, indem er sagt: Die Juden »varen die ersten, die diese Mcnschemnäkelei getrieben haben. Wir »vissen,. daß sie nicht so gemeint »var, »vie jenes Wort, das uns Deutschen so verhängnisvoll »vurde in der Welt: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!" Wie »vissen, daß soie Mission, »vie unsere Propheten sie verstanden hatten, nicht ein Recht, nicht einen Vorzug bedeutet, sondern eine Pflicht, eine Ausgabe. Und lein Geringerer als Ernst Cvrtius, der große Historiker, hat in einem tvunderbaren Aufsatz darauf hiugeiviesen, daß jede tzlemeinschaft in diesem Siime eine Mission haben müsse, sonst hätte sie gar nicht Daseinsberechtigung. Er spricht von der Mission des Griechentums in demselben Atemzuge, wie er von der Mission Judas spricht. Und selbstverständlich hat das Judentum diese Mission gehabt und hat sie auch in die Tat umzusetzen versucht; aber — und da weiche ich von Seligmann ettvas ab — das Judentum hat von Aniang an nicht zivei Kategorien von Juden geschaffen, n-.chl den Volljaden und den Ben Nbach, sondern das grundlegende Wort für die Mission des Judentums steckt schon in dem wunderbaren Satz unserer Propheten: „Er hat Dir gekündigt, o Mensch, was gut ist. u»rd was Gott von Dir fordert. Nicht, o Jude, nicht, o Israelit, sondern: o Mensch!" Und zu diese,» Menschen gehört aber auch jeder Jude. In diesem Sinne hat der zweite Jesaja den Gcttesknecht aufgefaßt. Wenn Israel hinaasgeschickt wird m die Welt mit den Worten: „Ich mache Dich zum Lichte der Völker, dainit mein Heil dringe bis ans Ende der Welt!" Auch hier »vurden nicht zwei Kategorie»» von Meirichen geschussen: sondern das „He»l" war für den Juden ganz dasselbe wie für diejenigen, die für' das Judentum gewonnen werden sollten. Wieso ist das nun nachcher anders gc»vordcn? Esra! Mit dem Augenblick, »vo ESra austrat und lscinen Partikularismus, wie es Seligmaun ganz richtig sagt, dem Judcntuin ausgezwungen hat, Scligmann hat dieses Wort gesagt, ausgezrvungeu bat, mit dem Augenblick trat nicht nur ein retartierendes Moment ein. sondern, ein völlig emengendes Mommt brach ins Judentum ein. Esra hat die Mischelu'n nicht nur verboten, sondern hat etlvas völlig Unjüdisches gemacht. Er hat Ehen, die bestanden und aus denen Kiirder hervorgegangen »varei», mit Gewalt wieder zerreißen wollen, und das hat man sich bainals auch nicht gefallen lassen. Es hat mir leid getan, daß Seligmaun nicht die beiden Proteste erwähnt hat, die gegen Esra gerichtet waren: Das Buch Ruth, in STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNQ BERLIN W66 MAUERSTR. 79 FBRNRUFi ZSNTRUM 5023 u. 5024 BLUMENSPENOEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK INHENOEHORBTIONENII, KOüSTLERISCHER AUSFOHRflBB Werbt neue Mitglieder!

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