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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-02-19 · 8 (19.2.1930) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
8 (19.2.1930)
Date
1930-02-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Die Berliner Lhewra kadischa Wir werden um Veröffentlichung nachstehender Zci len aus den Kreisen der Berliner Chewra Kadischa ge beten. Wenn wir, entgegen unserm sonstigen Grund satz, hier ausnahmsweise über eine rein lokale Organisation berichten, so geschieht das nicht zuletzt in Anerkennung der Tatsache, daß die zuerst gegen die Fried-- hofSverwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde gegründete Chewra Kadischa mit der Zeit unter der bewährten Leitung des Rabbiner Dr. Link sich zu einer neutralen jüdischen Wohlsahrtsorganisation entwickelt hat, die Orthodoxe und Liberale in gleicher Weise betreut. Erwagenswert erscheint uns, ob nicht auf Grund der innerhalb der Chewra erfolgten Entwicklung ein organisatorischer Zusammenschluß mit der Berliner Jüdischen Gemeinde erstrebenswert wäre. Die Red. Die Kraiftensürsorge der Eheivra Kadischa Groß-Berlin versendet in diesen Tagen einen kurzen Bericht über die im vergangenen Jahre geiwte Liebestätigkeit und bittet um weitere ideelle und materielle Förderung ihrer Bestrebungen. Die Vereinigung nimmt unter den Humanitären Organisationen des jüdischen Gemeindelebens seit vielen Jahrhnnderten eine führende und ganz exzeptionelle Stellung ein. Die wachsende Not der Zeit hat ihren ursprünglichen trickitionellen Aufgabenkreis bedeutend erweitert. Die ihr angegliederte 'Krankenhilse stellt mit jedem Tage neue ge wattige Anforderungen an sie, denen sie mit schmerzlicher Besorgnis gegenübersteht, weil sie nicht in der Lage ist, überall wirksam und durchgreifend zu helfen. ■ Die für diesen Zweck zur Verfügung stehenden Mittel werden durch die große Tragödie der sozialen Umschichtung innerhalb der Berliner Judenheil immer knapper. Mehr als 600 Familien, früher wohlhabender Stände, sind in den letzten Wochen mit Lebensmitteln und Heizmaterial betreut wotzden. Die fortschreitende Verarmung nimmt geradezu trostlose Formen an. Der alte, früher gebefreudige,' gute Mittel stand ist fast völlig vernichtet und weitere Existenzen sind aufs schärfste bedroht. Das bittere Elend einer endlosen Schar von Kranken und Siechen muß bei jedem Mitfühlenden wehmütige, herzbeengende Spannungen auslösen. Zudem liegt es in der ganzen Struktur der Chewra Kadischa, daß die Notleidenden aller Art, die Hilfsbedürftigen aller Phasen menschlichen Daseins, unterernährte Kinder, gebrechliche Greise Md Greisinnen, Witwen und Waisen, Familien mit zu sammeugebrochener Existenz, ja sogar selbständige, schwachgewordene WahlfahrtSorganisationen, sich hilfesuchend an sie wenden. Im Bollbewußtsein ihrer Verantwortung muß darum hie Chewra Kadischa durch zielbewußte Aufklärungsarbeit und organisatorische Maßnahmen bemüht sein, die Zahl ihrer ständigen Mitglieder — das eiserne Rückgrat jeder lebensnotwendigen Vereinigung dauernd aufzusüllen und zu erhöhen, um jeder drohenden Erschütterung ihrer Existenz, durch die gefestigte Sicherheit ihrer materiellen Basis, gewachsen zu sein, Sie bittet um eheste Zusendung des Jahresbeitrages und her ihr zugedachten Spenden, die durch Selbsteinschätzung zu bestimmen sind. Nicht aus die .Höhe der Spende kommt es an, sondern vielmehr aus die seelische Verbundenheit jedes Einzelnen mit der sozialen Arbeit der Chewra Kadischa. Mitgliederbeiträge und Spenden werden unter Postscheck kmuto 20815 dringerrd erbeten. Synagogenkonzert Tie „Bereinigung Berliner Synagogenchöre" unter Leitung von Alexander Weinbaum hat am 12. Februar ihr drittes Konzert seit ihrem Bestehen gegeben. Der Saal der Hochschule für Musik war gut besucht, trotzdem durch die Fülle der in letzter Zeit veranstalteten Konzerte eine gewisse Konzertmüdigkeit zu konstatieren war. So sei die Frage aufgeworfen, ob reicht zweckmätzigerweise eine engere Fühlungnahme zwischlen den einzelnen Veranstaltern anzusireben wäre, im Interesse nicht nur dieser selbst, sondern auch des die Konzerte besuchenden Publikums. Das abwechslungsreiche Programm brachte zwei neue Werte in Ur- bzw. Erstaufführungen. Das erste, eine Nadelsche Komposition über den ersten und zweiten Vers des' Psalms „Aschre hoisch" bringt ein interessantes Motiv mrd führt cs gestallungsrichtig durch. Dein Dirigenten ist es gelungen, den Chor durch die mancherlei Fährnisse in der Stimmführung geschickt hindurchzuleiten. Als zweites Werk brachte der Chor in hebräischer Erstaufführung einen sünfftimmigen Hymnus „Jisroel lo jischbos" mit Orgel-, Harfe und Geigenchocbegleitung von dem Münchener Komponisten Heinrich Schnlit. Das Werk, schwungvoll in Anlage und Ausbau, das über die in der Synagogenmusik vorhandenen Kompositionen hinausragt, läßst seinen Schöpfer als eine Hoffnung auf dem Gebiete der gottesdienstlichcu Musik erscheinen. Tie sichere Hand des Dirigenten führte durch wirksame Herausarbeitung der Gedanken das Werk zu einer imposanten Steigerung und zu einem glücklichen Abschluß des ersten, des hebräischen Tetts des Konzerts. Von den bekannteren Kompositionen brachte der Chor „Al nabarvs bowel" und „B'rofch haschonoh" von Salomon Sulzer, beide Werke, die Hand des an der tlassischen Literatur geschulten Altmeisters verratend, in fein abgetönter, durchsichtiger' Wiedergabe. Leider hatte Herr Gollanin abgesagt, und der mit großer Bravour im letzten Augenblick für ihn eingesprungene Herr Benjamin Bestirnt konnte die der Komposition „B'rosch haschonoh" irrrrewohnende Größe, deren Uebermittlung man von früheren Ausführungen her, von Herrn Gollanin gewöhnt war, nur ahnen lassen. Für den gleichfalls verhinderten Opernsänger Wilhelm Guttmann war Oberkantor Manfred Lewandowski eingesprungen. Das Publikum quittierte dankbar für die mit schönen stimmlichen Mitteln gebrachten Ersahgesänge, einem „Sk'ze" von Sirota und dem (musikalisch nicht sehr hochstehenden) „Haschkiwenu" von Goldberg. Leider war die Kunst des Geigers Alfred Wittenberg vor eine wenig dankbare Aufgabe mit der Wiedergabe einiger musikalischer Kleinigkeiten gestellt. Herr Wittenberg brachte sie mit dem bei ihm gewohnten schönen Don zur Geltung. Der zweite Teil des Abends war den deutschen geistlichen Gesäugen gewidmet. Der Chor bewies, daß er auf diesem Gebiete den musikalische schwierigeren Ansprüchen in gleicher Weise gerecht werden kann. Tie überwältigende Klangfülle und die ausgezeichnete Präzision in dem achtstirnmigen a capella-Chor besonders zeigte die hervorragenden Qnalitäten des Dirgenten als Chormeister. Gerade, wo es sich darum handelt, größere Aufgaben zu erfüllen, wachsen dem Chor die Schwingen. — Fräulein Hilda Lind sang das Rezitativ und Arioso aus „Moses Tod" von Max Bruch mit schöner und warmer Tongebung. Ein Wort noch über Herrn Zepke. Wo immer man ihm begegnet, zeigt er sich als feinfühlender Musiker, der, em ausgezeichneter Kenner seiner Orgel, und die Kraft dieses Instruments nie mißbrauchend^ sich in das Große einordnet und jedem eine wertvolle Stütze ist. E. Ehrcnreich. » Au» den Gemeinden * Berlin. (D i e Professor Bernhar di Vorstellung zugunsten von „Ose".) Die in einer Sonntags-Matinee im Theater in der Königgratzer Straße zugunsten des Verbandes für Gesundheitsschutz der Juden „Ose" veranstaltete Sonderausführung von Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardt" zeigte durch den Besuch und die Zusammensetzung der Zuschaucrschast, welcher Sympathien sich der „Ose" Verband und sein Werk in den Kreisen der deutschjüdischen Gelehrtcnwelt erfreut. Schnitzlers Drama, das die geistigen und ethischen Leiden des jüdischen Arztes in der nichtjüdischen Umgebung veranschaulicht, übte in der meisterhaften Darstellung des Ensembles des Theaters in der Königgratzer Straße eine große Wirkung aus die Zuhörer, unter denen die jüdische Aerzteschast besonders zahlreich vertreten ivar. Unter der Zuhörerschaft bemerktet man Persönlichkeiten wie Professor Albert Einstein, Minister a. D. B- Dcrndurg, Professor .Hermann Strauß, Tr. Alfred Töblin, Prof. Zondck iin. m. Der Beifall Ivar außerordentlich stark, man hörte Ruft nach Direktor Barnowsly, der sein Theater in den Dienst der guten Sache von „Ose" gestellt hat. Das Ensemble, voran Fritz Kortner, mußte sich sehr osr vor der Rampe zeigen. Kviesheim. (T o d e s f a l l.) Herr Leopold Rosenberg, der 21 Jahre sich als Gemcindevorstand um unsere religiösen Angelegenheiten verdient gemacht hat, ist im 67. Lebensjahre verstorben. Sein Wirken fand durch die Trauerrede des Rabbiners Dr. Merzbach, Tarmstadt, ehrende und dankbare Anerkennung. Auch als Vorsitzender der Chewra hat der Entschlafene der Allgemeinheit in selbstloser Weise gedient. Hannover. (F r a u e n t a g u n g. Der Provinzialverband israe litischer Fraucnvereine Hannovers und angrenzender Gebiete hielt hier^ eine Sitzung ab, der außer dem fast vollzählig erschienenen Vorstande viele interessierte Gäste beiwohnten. Die Vorsitzende, Frau Martha Fischer, begrüßte die Erschienenen und erstattete in kurzen Worten Bericht über die Arbeit der letzten Monate seit der Tagung in Hamburg. Unter dem Vorsitz von Frau Jacobson wurde die umfangreiche Tagesordnung bearbeitet, deren erster Punkt sich mit der nächsten Telegicrtentagung in Oldenburg befaßte, die voraus sichtlich am 19. und 20. Mai stattsindcn wird. Alle Arbeitsgebiete des jüdischen Frauenbundes wurden drrrchgcsprochen. Tuber kutoscn und Erholungsfürsorge; Vorsorge und nachgehcnde Fürsorge Johann-Geora- Garagen (am Kurfürstendamm) Johann - Georg ■ Str. 9/10 Tel.: H2 Uhland 5300-9825 Modernster Komfort für die Heranwachsende Jugend; Schaffung von Ausbildungsmöglich keilen für den Haushalt, Berufsberatung usw. Sehr stark sind die Bemühungen der bestehenden Frauenvcreinc, jeweils an mehreren kleinen Platzen die wenigen dort wohnenden jüdischen Frauen in einer Gruppe zusammenzusassen, um sie aus diese Weise jüdisch zu aktivieren. Verschiedene Anregungen des Jüdischen Frauenbundes wurden besprochen: Eine Ehrung für Frau Paula Ollendorff zu deren 70. Geburtstag im Mai, Ortsgruppengründungen, Verficht rungen im bevölkerungspolitischen Sinne u. a. m. Die von den angeschlosscuen Vereinen gewünschten Vorträge wurden veranstaltet und werben auch fernerhin wertvolle Anregungen bringen. Vor einer erweiterten Zuhörerschaft sprach sodann Herr Rabbiner Dr. Schorsch über: „Tic jüdischen Fraucnvereine und der Friedcnsgedankc". Rach einer anregenden Aussprache und dem Dank den Referenten schloß Frau Jacobson die interessant verlaufene Titzung. Hersseld. (Einbruch in die S y n a g o g e.) In der Nacht zum Sonntag lvurde in der hiesigen Synagoge ein Einbruch verübt. Die Einbrecher sind durch ein schmales Fenster cingedrungen und haben die Opferstöckc mit einem Brecheisen erbrochen. An scheinend ist ihnen aber nur ein geringer Betrag in die -Hände gefallen. lim einen politischen Racheakt scheint cs sich glicht ^zu handeln, da nichts beschädigt lvurde. Von den Tätern fehlt noch jede Spur. Hoya. (Persönliches.) Im biblischen Alter von mehr als" 90 Jahren ist der älteste Bürger des Ortes, Herr Aron Elias, zu Grabe getragen worden. Ein stattliches Trauergefolgc begleitete den Leichenzug, und viele Kranzspenden, darunter auch eine des Magi strats, zeugten von der allgemeinen Achtung, die der Entschlafene überall genoß. Auch der Bürgerverein und der Kausmännischc Verein waren durch Abordnungen vertreten und hatten Kränze niederlegen lassen. Lehrer Katz aus Nienburg widmete dem Heimgegangenen ehrende Worte der Würdigung seiner Verdienste um die Glaubensgemeinschaft und um das Wohl der Bürgerschaft. Kassel. (Todesfalls Einer der angesehensten und beliebte - freu Kasseler Anwälte, Justizrat Dr. Ernst Arnthal, ist nach längerem Leiden im 68. Lebensjahre verschieden. Als Kasseler Kind hat Dr. Arnthal hier seine humanistische Ausbildung erhalten und nach absolvierten Universitätsstudicn mehrere Jahrzehnte seine Anwalts. Praxis in der Vaterstadt ausgeübt. Tie Liebenswürdigkeit seines Wesens und die charaktervolle Art seines Umgangs haben ihm im Berus und im Privatleben Wertschätzung und Liebe verschafft. Dem Vorstand der Anwaltskammer im Bezirk des Oberlandesgcrichts Kassel gehörte der Verstorbene lange Zeit an, und besonders für die Hinterbliebenen verstorbener Kollegen war er stets eifrigst bemüht. Auch dem Vorstehcramt der Israeliten gehörte er viele Jahre an, und im Vorstand der Gesellschaft „Humanität", deren Vorsitz er vor Jahres-- seist übernahm, hat er etwa vier Jahrzehnte mit warmem Herzen gemeinnützigen Interessen gedient. Als Jurist von vornehmer Berufs auffassung und lauterem Charakter genoß er, wie der ehrende Nach ruf der Anwaltskammcr es hervorhebt, in seltenem Maße ^das Vertrauen und die Wertschätzung seiner Berufsgenossen. Aber auch außerhalb seines Berufs verschafften ihm vornehme Gesinnung mch Abgeklärtheit des Urteils viele Sympathien, so daß sein Andenken in weiten Kreisen allezeit in Ehren gehalten lvcrdcn wird. Kassel. (Eine Ehrung Franz R o s e n z w e i g s.) Das Aeltcstcn-Kollegium hiesiger Gemeinde beschloß, zur Ehrung Franz Rosenztveigs im Gemeindehaus eine Gedenktafel anbringen zu lassen und am Geburtstage des verstorbenen Gelehrten drei besonders empfohlenen Schülern Bücher Franz Roscnziveigs zu überreichen. Dieser Beschluß, durch den die Gemeindeverwaltung den großen jüdischen, in Kassel beheimateten Philosophen, aber auch sich selbst in sinniger Weise ehrt, nnrd allgemein sympathisch begrüßt werden. Kolberg. (Das jüdische K n r h o s p i t a i.; Das jüdische Kurhospital im Sol- und Sccbade Kolbcrg hat im letzten Jahre u92 erholungsbedürftige Kinder und Erwachsene ausgenommen und ihnen neue Lebenskraft und Lebensmut zugesührt. ^Die Erfolge tvaren 'ausgezeichnet. Je nach den Eingängen an Spenden werden auch Freistellen gewährt. Für Reubohrung der eigenen Solquelle und Anschaffung einer neuen Dampfkesselanlage bewilligt« der Berwal lungsrat in seiner Sitzung am 9. Februar den Betrag von 10 000 Mark, der durch Sammlungen aufzubringen sein wird. Das Kurhospital will seine segensreiche Tätigkeit auch im nächsten Sommer wiederum in ö Kurperioden von je 28 Tagen aufnehmen. Gesuche um Ausnahme sind möglichst frühzeitig direkt nach Kolbera rn richten. . . Krefeld. (7 0. Geburtstag. Das langjährige Mitglied unseres Repräsentanten-Kollcgiums, Herr Albert Jtaliander, vollendet m diesen Tagen sein 70. Lebensjahr. Seit Jahren ist er Vorsitzender des Synagogenchores, dem er wohl über ein Menschenalter als mitwirkendes Glied angehört. Albert Jtaliander ist ein wahr Haft liberaler Mann, der nicht bloß der Gesinnung huldigt, son dern auch stets mit der Tat um die Verwirklichung der liberalen Ideen bemüht war. Als ein schlichter, liebenswerter, aber wesensfester Mann hat er sich die Schätzung und Zuneigung aller derer erworben, denen Erhaltung und Ausbau unseres Gemeindewesens Herzenssache ist. Schvtitheim. (Jubiläum.) Das Fest, das die israelitische Gemeinde dem Herrn Kantor Bloch anläßlich seines 5,0 jährigen Dienst jubiläums veranstaltete, nahm einen erhebenden Verlauf. Herr Stadt rabbincr Dr. Schiff aus Karlsruhe hob in der tiefemp'undenen, er greifenden Festpredigt, an der auch die Gemeindebehörden teilnahmen, besonders die Verdienste des Jubilars hervor. Vom Kantoren und Lehrervcrband und von vielen anderen Seiten wurde der Jubilar gebührend geehrt. Ulm. (Tie F a st c n ' r a g e vom religiösen und b i o - logisch cji Standpunkt an s.) Ucber die Fastensrage, die aus biologischen, ethischen, religiösen und vielen anderen Gründen von jeher das Interesse eines großen Volkskreises bewegt, sprachen vor kurzem ans Bitte des Natnrheilvereins die Vertreter dreier großer Religionsgemeinschaften uird ein Arzi. Die Zuhörerschaft war der maßen stark vertreten, daß viele wieder abzichen mußten. Als erster Redner erhielt Rabbiner Dr. Cohn das Wort. Er griff auf die älteste Entstehung der Fasten zurück und stellte fest, daß schon vor dem Judentum i» vielen Völker und Religionsstämmen das Fasten bekannt war. Im Judentum ward es geboten nicht allein der Buße und Trauer wegen, sondern auch zur sittlichen Erhöhung und Reini gung. Daß die Gesetze, die früher strengere' Vorschriften gaben als heute, ganz bedeutende gesundheitliche Faktoren darstellten, gehe schon daraus hervor, daß mittelalterliche Seuchen, wie der schwarze Tod. die Judcnquarticre iveniger in Mitleidenschaft gezogen hätten als andere Stadtviertel. An den Fasttagen soll jede Genußsucht und Selbstsucht, die Quelle aller menschlichen Sündhaftigkeit, soll das Tier im Menschen zum Schweigen kommen. Alles Fasten habe keinen Wert, ivenn mit ihm nicht die sittliche Tat Hand in Hand gehe. Nicht allein das Fasten an bestimmten Tagen, sondern auch gewisse unreine Speisen, sowie jeder Blutgenuß seien von der israelitischen Religion verboten, und man dürfte es nicht zuletzt als eine Folge solcher Enthaltsamkeit ansehen, daß Prostitution und Alkoholismus unter den Juden unbekannt gewesen und Rohheitsvergehen in der Familie oder nach außen hin äußerst selten vorgekommen seien. In der dem Juden durch seine Religion vorgcschriebenen Enthalt samkeit liege auch die Losung des Rätsels, daß aus dem jüdischen Händler, der Pfennig um Pfennig zusammensparte, und sein Gel-d tricht ins Wirtshaus trug, allmählich der lvohlhabende Kaufmann lvurde, der seine Kinder zu Nutz und Segen der Gesamtheit erlernen und höheren Berufen Anfuhren konnte. Die uralte kirchliche und ge schichtliche Entwicklung bestätige die Tatsache, daß die Fastenfrage in körperlicher, ethischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht von größter Bedeutung sei für den Einzelnen lvic für die Volksgesamtheit, und wenn der Naturheilverein dieses Ziel vor Augen habe und dem Zeit geist, der nur aus Genußsucht Hinziele, cntgegcnarbeite, dann sei auch sein Wollen ein religiöses. — Tie Ausführungen des Redners wurden von dem zum allergrößten Teil nichtjüdischen Publikum mit lebhaftem Interesse eutgegengenommcn und fanden nicht gerin gcren Beifall lvic die nachfolgenden Vorträge der beiden christlichen Geistlichen, Dekan Gagcur und Prälat v. Plant. Man hat bei dem Vortrag den Eindruck gewonnen, daß es besonders verdienstlich und gewinnbringend ist, Licht und Aufklärung über den Lehrinhalt des Judentums gerade dci solcher, Gelegenheiten zu verbreiten, rvv es sich nicht mn politische Veranstaltungen handelt. Vereinsnachrichten Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens e. B zu Berlin hält am Donnerstag, den 20. Februar 1930, seine 35» ordentliche Generalversammlung im Gemeindehaus, Roscnftraße 2 1, ab. Beginn pünktlich 8 Uhr abends. Berufsberatung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Am Montag, den 3. März 1930, abends 8 Uhr, findet in den Räumen des Ge mcindehauses, C. 2, Rosenstraße 2-4, eine große Schülerversammlung statt. Thema: „Jugend und Beruf". Redner: S- Adler-Rudel. Dr. Ernst Bloch, Lucie Zobel. Eingeladen sind vor allem die Schüler der oberen Klassen der höheren Schulen. Für die Schüler der unteren Klassen der höheren Schulen und für Volksschüler findet eine Schülerversammlung am Mittwoch, den 5. März 1930, ebenfalls im Gemeindehaus, Rosenstraße 2-4, um 6 Uhr nachmittags statt. Thema: „Wir und unser Beruf". Anschließend eine große Aussprache. — Berufsberatung der Jüdischen Gemeinde Berlin, N. 24, Augnststraße 17. Norden 7085/87, 9130. Der „Verein der Beamten und Angestellten der Jüdischen meinde" veraiistailet am Sonntag, dem 23. Februar, abends 7 Uhr, in den Festsälen „Hackeschcr Hof", Rosenthaler Straße 40-41, einen Gesellschaftsabend, dessen Reinertrag seiner Darlehns- und Unterstützungskasse überwiesen wird. — Kabarett unter Mitwirkung nam Hafter Künstler, Riesentombola, erstklassige Tanzkapelle. Karlen sind zu erhalten in der Oranienburger Straße 29, bei den Herren Salberg und Epstein (Buchhalterei), Gottschalk (Steucrbüro), Rockmacher (Schub büro): in der Rosenstraße 2 4 bei Herrn Mesjerschmidt 'Banamt). Preis l,5*0 Mark einschließlich Steuer. Am Sonntag, den 23. Februar, nachmittags 3 llhr, findet iu der Stadlhalle Klosterstraße eine öffentliche Kundgebung des Landesausschusses Berlin der jüdischen Jugendverbande statt. Die Veranstaltung bezweckt die Propagierung des Gedankens der Schaffung eines Jugend- und Gemeindehauses. Das Fehlen eines solchen zentralen Heimes ivird von der jüdischen Jugend Berlins sehr stark empfunden, so daß in kürzester Frist Abhilfe geschaffen werden muß. Das Referat hält Herr Dr. Georg Lubinski, für den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbande spricht Herr Dr. Ludwig Tietz, ferner ein Vertreter des Magistrats Berlin. Die Veranstaltung' wird von Chören der Jngendbünde und Musik umrahmt. Eintritt frei! Ter Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Berlin, Bezirk Stadtpark, veranstaltet am Donnerstag, den 20. ds. Mts-, abends 8(4 Uhr, im Logcnhaus, Klciststraße 10, einen Vortragsabend. Es spricht .Herr Rudolf Olden über das Thema: /Politische Prozesse". Synagogen-Verein Friedenstempel. Unsere Generalversammlung findet am 19. Februar 1930, um 8.30 Uhr abends, in der Wochen tags Synagoge statt. Tagesordnung: 1. Tätigkeitsbericht. 2. Kassenbericht. 3. Entlastung des Vorstandes. 4. Neuwahl zum Vorstand. Im Anschluß daran spricht um 9 Uhr Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern über: Einheit und Parteien im Judentum. Gäste nnllkommen! Der Vorstand. Verein der Krätzer in Berlin. Geschäftsstelle: Luthcrstraße 10. Generalversammlung am Donnerstag, den 27. Februar 1930, abends 8 Uhr, im Restaurant Pschorr-Bräu, Taucntzicnstraße 13 (gegenüber der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche). Nach der General-Versammlung: Vortrag von Frau Herrnstadt-Oettingen. Frau Herrnstadt-Octtingcn hatte vor einiger Zeit einen Vortrag in unserem Verein gehalten, der bei allen Teilnehmern der Versammlung großen Beifall gesunden hac. Wir hoffen, daß unsere Mitglieder mit ihrem Bekanntenkreis sich auch dieses Mal recht zahlreich cinsinden werden. In der Loge in Magdeburg spricht am Donnerstag, ^de„ 20. Februar 1930, abends 8.15 Uhr, Herr Oberkantor Mar Teller über: „Morris Roscnfeld",

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